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Alexander von Humboldt: „Physiognomik der Gewächse“, in: ders., Sämtliche Schriften digital, herausgegeben von Oliver Lubrich und Thomas Nehrlich, Universität Bern 2021. URL: <https://humboldt.unibe.ch/text/1806-Fragment_aus_der-36-neu> [abgerufen am 22.06.2024].

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https://humboldt.unibe.ch/text/1806-Fragment_aus_der-36-neu
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Titel Physiognomik der Gewächse
Jahr 1854
Ort Stuttgart
Nachweis
in: Wilhelm Friedrich Eisenmann, Friedrich Gruner und Johann David Wildermuth (Hrsg.), Deutsche Musterstücke zur stufenmäßigen Uebung in der französischen Composition, 3 Bände, Stuttgart: Metzler 1849–1854, Band 3 (1854), S. 56–69.
Sprache Deutsch
Typografischer Befund Fraktur; Auszeichnung: Sperrung.
Identifikation
Textnummer Druckausgabe: II.42
Dateiname: 1806-Fragment_aus_der-36-neu
Statistiken
Seitenanzahl: 14
Zeichenanzahl: 36347

Weitere Fassungen
Fragment aus der am 30sten Jan. 1806 in der öffentlichen Sitzung der Königl. Akademie gehaltenen Vorlesung: Ideen zu einer Physiognomik der Gewächse (Berlin, 1806, Deutsch)
Ideen zu einer Physiognomik der Gewächse, von Alexander von Humboldt. Vorgelesen in der öffentlichen Sitzung der königl. preuss. Akademie der Wissenschaften am 30 Januar 1806. 29 S. 8. (Jena, 1806, Deutsch)
Ideen zu einer Physiognomik der Gewächse (Weimar, 1806, Deutsch)
Ansichten der Natur mit wissenschaftlichen Erläuterungen von Alexander von Humboldt. Zwey Bände. Zweyte verbesserte und vermehrte Ausgabe. Stuttgart und Tübingen in der J. G. Cotta’schen Buchhandlung. 1826. 12. (Stuttgart; Tübingen, 1827, Deutsch)
Die Fülle des Lebens in der Natur (Wien, 1828, Deutsch)
Ideen zu einer Physiognomik der Gewächse (London, 1830, Deutsch)
Ueber die Verbreitung und den verschiedenen Charakter des organischen Lebens, besonders der Pflanzen (Frankfurt am Main, 1831, Deutsch)
Ueber die Verbreitung und Mannigfaltigkeit des organischen Lebens, besonders der Pflanzen (Paris; Strasbourg, 1831, Deutsch)
О растенiяхъ [O rastenijach] (Sankt Petersburg, 1834, Russisch)
О повсемѣстномъ разлитiи жизни [O povseměstnom razlitii žizni] (Sankt Petersburg, 1834, Russisch)
Allgemeines Bild der Flora auf der Erde (Berlin, 1837, Deutsch)
Alexander von Humboldt (London, 1843, Deutsch)
Alexander von Humboldt (Stuttgart, 1843, Deutsch)
Das Leben in der Schöpfung (Darmstadt, 1843, Deutsch)
Das Leben in der Schöpfung (Breda, 1843, Deutsch)
Ideen zu einer Physiognomik der Gewächse (Berlin, 1843, Deutsch)
Alexander von Humboldt (Berlin, 1844, Deutsch)
Allgemeines Bild der Flora auf der Erde (Leipzig, 1843, Deutsch)
Ideen zu einer Physiognomik der Gewächse (München, 1845, Deutsch)
Beauties of Tropical Vegetation (Bradford, 1849, Englisch)
Beautiful Flowering Trees (Manchester, 1850, Englisch)
Beautiful Flowering Trees (Canterbury, 1850, Englisch)
Universal Diffusion of Life (Boston, Massachusetts, 1850, Englisch)
Vext-Fysiognomik (Helsinki, 1850, Schwedisch)
Beautiful Flowering Trees (Racine, Wisconsin, 1850, Englisch)
Der Pflanzenwuchs in den Tropen (London, 1850, Deutsch)
Ideen zu einer Physiognomik der Gewächse (Stuttgart; Tübingen, 1850, Deutsch)
Beautiful Flowering Trees (Boston, Massachusetts, 1851, Englisch)
Allgemeines Bild der Flora auf der Erde (Frankfurt am Main, 1851, Deutsch)
Histoire de la couche végétale du globe (Paris, 1852, Französisch)
La physionomie des plantes (Liège, 1852, Französisch)
Allgemeines Bild der Flora auf der Erde (Wien, 1853, Deutsch)
Das Leben in der Schöpfung (Leipzig, 1853, Deutsch)
Physiognomik der Pflanzenformen (Berlin, 1853, Deutsch)
Die Physiognomik der Gewächse (Hildburghausen; New York City, New York, 1853, Deutsch)
Physiognomik der Gewächse (Stuttgart, 1854, Deutsch)
Physiognomik der Pflanzenformen (Stuttgart, 1855, Deutsch)
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Phyſiognomik der Gewächſe.

Wenn der Menſch mit regſamem Sinne die Natur durchforſcht,oder in ſeiner Phantaſie die weiten Räume der organiſchen Schöpfungmißt, ſo wirkt unter den vielfachen Eindrücken, die er empfängt, keinerſo tief und mächtig, als der, welcher die allverbreitete Fülle desLebens erzeugt. Ueberall, ſelbſt am beeisten Pol, ertönt die Luftvon dem Geſang der Vögel, wie von dem Sumſen ſchwirrender In-ſekten. Nicht die unteren Schichten allein, in welchen die verdichtetenDünſte ſchweben, auch die obern ätheriſch reinen ſind belebt. Dennſo oft man den Rücken der peruaniſchen Cordilleren, oder, ſüdlichvom Leman-See, den Gipfel des weißen Berges beſtieg, hat manſelbſt in dieſen Einöden noch Thiere entdeckt. Am Chimborazo, faſtzweimal höher, als der Aetna, ſahen wir Schmetterlinge und anderegeflügelte Inſekten. Wenn auch, von ſenkrechten Luftſtrömen getrie-ben, ſie ſich dahin als Fremdlinge verirrten, wohin unruhige Forſch-begier des Menſchen ſorgſame Schritte leitet; ſo beweiſet ihr Daſeindoch, daß die biegſame animaliſche Schöpfung ausdauert, wo die |57| vegetabiliſche längſt ihre Grenze erreicht hat. Höher als der Kegel-berg von Teneriffa auf den ſchneebedeckten Rücken der Pyrenäengethürmt, höher als alle Gipfel der Andeskette ſchwebte oft überuns der Condor, der Rieſe unter den Geiern. Raubſucht undNachſtellung der zartwolligen Vikunnas, welche gemſenartig und heer-denweiſe in den beſchneiten Grasebenen ſchwärmen, locken den mäch-tigen Vogel in dieſe Region. Zeigt nun ſchon das unbewaffnete Auge den ganzen Luftkreisbelebt, ſo enthüllt noch größere Wunder das bewaffnete Auge. Räder-thiere, Brachionen und eine Schaar mikroskopiſcher Geſchöpfe hebendie Winde aus den trocknenden Gewäſſern empor. Unbeweglich undin Scheintod verſenkt, ſchweben ſie in den Lüften, bis der Thau ſiezur nährenden Erde zurückführt, die Hülle löst, die ihren durch-ſichtigen, wirbelnden Körper einſchließt, und (wahrſcheinlich durch denLebensſtoff, den alles Waſſer enthält) den Organen neue Erregbar-keit einhaucht. Neben den entwickelten Geſchöpfen trägt der Luftkreis auchzahlloſe Keime künftiger Bildungen, Inſekteneier und Eier der Pflan-zen, die durch Haar und Federkronen zur langen Herbſtreiſe geſchicktſind. Selbſt den belebenden Staub, den bei getrennten Geſchlechterndie männlichen Blüthen ausſtreuen, tragen Winde und geflügelteInſekten über Meer und Land den einſamen weiblichen Pflanzen zu.Wohin der Blick des Naturforſchers dringt, iſt Leben oder Keimzum Leben verbreitet. Dient aber auch das bewegliche Luftmeer, in das wir getauchtſind, und über deſſen Oberfläche wir uns nicht zu erheben vermögen,vielen organiſchen Geſchöpfen zur nothwendigſten Nahrung, ſo bedürfendieſelben doch noch einer gröberen Speiſe, welche nur der Boden dieſesgasförmigen Ozeans darbietet. Dieſer Boden iſt zweifacher Art. Denkleineren Theil bildet die trockene Erde, unmittelbar von Luft umfloſſen;den größeren Theil bildet das Waſſer, vielleicht einſt vor Jahrtauſendendurch elektriſches Feuer aus luftförmigen Stoffen zuſammengeronnen,und jetzt unaufhörlich in der Werkſtatt der Wolken, wie in den pul-ſirenden Gefäßen der Thiere und Pflanzen, zerſetzt. Unentſchieden iſt es, wo größere Lebensfülle verbreitet ſei, obauf dem Continent oder in dem unergründlichen Meere. In dieſemerſcheinen gallertartige Seegewürme, bald lebendig, bald abgeſtor-ben, als leuchtende Sterne. Ihr Phosphorlicht wandelt die grünlicheFläche des unermeßlichen Ozeans in ein Feuermeer um. Unauslöſch-lich wird mir der Eindruck jener ſtillen Tropennächte der Südſee bleiben,wo aus der duftigen Himmelsbläue das hohe Sternbild des Schiffesund das geſenkt untergehende Kreuz ihr mildes planetartiges Lichtausgoſſen, und wo zugleich in der ſchäumenden Meeresfluth die Del-phine ihre leuchtenden Furchen zogen. Aber nicht der Ozean allein,auch die Sumpfwaſſer verbergen zahlloſe Gewürme von wunderbarer |58| Geſtalt. Unſerem Auge faſt unerkennbar ſind die Cyclidien, diegefransten Trichoden und das Heer der Naiden, theilbar durch Aeſte,wie die Lemna, deren Schatten ſie ſuchen. Von mannichfaltigenLuftgemengen umgeben und mit dem Lichte unbekannt, athmen diegefleckte Askaris, welche die Haut des Regenwurms, die ſilberglän-zende Leukophra, welche das Innere der Ufernaide, und ein Pen-taſtoma, welches die weitzellige Lunge der tropiſchen Klapperſchlangebewohnt. So ſind auch die verborgenſten Räume der Schöpfungmit Leben erfüllt. Wir wollen hier beſcheiden bei den Geſchlechternder Pflanzen verweilen, denn auf ihrem Daſein beruht das Daſeinder thieriſchen Schöpfung. Unabläßig ſind ſie bemüht, den rohenStoff der Erde organiſch an einander zu reihen und vorbereitend— durch lebendige Kräfte — zu miſchen, was nach tauſend Um-wandlungen zur regſamen Nervenfaſer veredelt wird. Derſelbe Blick,den wir auf die Verbreitung der Pflanzendecke heften, enthüllt unsdie Fülle des thieriſchen Lebens, das von jener genährt und erhaltenwird. Ungleich iſt der Teppich gewebt, den die blüthenreiche Floraüber den nackten Erdkörper ausbreitet; dichter, wo die Sonne höheran dem nie bewölkten Himmel emporſteigt, lockerer gegen die trägenPole hin, wo der wiederkehrende Froſt bald die entwickelte Knospetödtet, bald die reifende Frucht erhaſcht. Doch überall darf derMenſch ſich der nährenden Pflanzen erfreuen. Trennt im Meeres-boden ein Vulkan die kochende Fluth, und ſchiebt plötzlich, wie einſtzwiſchen den griechiſchen Inſeln, einen ſchlackigen Fels hervor; odererheben, um an eine friedlichere Naturerſcheinung zu erinnern, dieeinträchtigen Lithophyten ihre zelligen Wohnungen, bis ſie nach Jahr-tauſenden über den Waſſerſpiegel hervorragend abſterben, und einflaches Coralleneiland bilden: ſo ſind die organiſchen Kräfte ſogleichbereit, den todten Fels zu beleben. Was den Samen ſo plötzlichherbeiführt, ob wandernde Vögel oder die Wogen des Meeres, iſtbei der großen Entfernung der Küſten ſchwer zu entſcheiden. Aberauf dem nackten Steine, ſobald ihn zuerſt die Luft berührt, bildetſich in den nordiſchen Ländern ein Gewebe ſammtartiger Faſern, diedem unbewaffneten Auge als farbige Flecken erſcheinen. Einige ſinddurch hervorragende Linien bald einfach, bald doppelt begrenzt; andereſind in Furchen durchſchnitten und in Fächer getheilt. Mit zuneh-mendem Alter verdunkelt ſich ihre lichte Farbe. Das fernleuchtendeGelb wird braun, und das bläuliche Grau der Leprarien verwandeltſich nach und nach in ein ſtaubartiges Schwarz. Die Grenzen deralternden Dicke fließen in einander, und auf dem dunkeln Grundebilden ſich neue zirkelrunde Flechten von blendender Weiße. Solagert ſich ſchichtenweiſe ein organiſches Gewebe auf das andere; undwie das ſich anſiedelnde Menſchengeſchlecht beſtimmte Stufen derſittlichen Cultur durchlaufen muß, ſo iſt die allmähliche Verbreitung |59| der Pflanzen an beſtimmte phyſiſche Geſetze gebunden. Wo jetzt hoheWaldbäume ihre Gipfel luftig erheben, da überzogen einſt zarteFlechten das erdenloſe Geſtein. Laubmooſe, Gräſer, krautartige Ge-wächſe und Sträucher füllen die Kluft der langen, aber ungemeſſenenZwiſchenzeit aus. Was im Norden Flechten und Mooſe, das bewirkenin den Tropen Portulaca, Gomphrenen und andere fette niedrige Ufer-pflanzen. Die Geſchichte der Pflanzendecke und ihre allmählicheAusbreitung über die öde Erdrinde hat ihre Epochen, wie die Ge-ſchichte des ſpätern Menſchengeſchlechtes. Iſt aber auch Fülle desLebens überall verbreitet; iſt der Organismus auch unabläſſig bemüht,die durch den Tod entfeſſelten Elemente zu neuen Geſtalten zu ver-binden: ſo iſt dieſe Lebensfülle und ihre Erneuerung doch nach Ver-ſchiedenheit der Himmelsſtriche verſchieden. Periodiſch erſtarrt dieNatur in der kalten Zone; denn Flüſſigkeit iſt Bedingniß zum Leben.Thiere und Pflanzen, Laubmooſe und andere Kryptogamen abge-rechnet, liegen hier viele Monate hindurch im Winterſchlafe vergraben.In einem großen Theile der Erde haben daher nur ſolche organiſcheWeſen ſich entwickeln können, welche einer beträchtlichen Entziehungvon Wärmeſtoff widerſtehen, oder einer langen Unterbrechung derLebensfunctionen fähig ſind. Je näher dagegen den Tropen, deſtomehr nimmt Mannichfaltigkeit der Bildungen, Anmuth der Form unddes Farbengemiſches, ewige Jugend und Kraft des organiſchen Le-bens zu. Dieſe Zunahme kann leicht von denen bezweifelt werden, welchenie unſern Welttheil verlaſſen oder das Studium der allgemeinenErdkunde vernachläſſigt haben. Wenn man aus unſern dicklaubigenEichenwäldern über die Alpen- oder Pyrenäenkette nach Wälſchlandoder Spanien hinabſteigt, wenn man gar ſeinen Blick auf die afri-kaniſchen Küſtenländer des Mittelmeeres richtet; ſo wird man leichtzu dem Fehlſchluſſe verleitet, als ſei Baumloſigkeit der Charakterheißer Klimate. Aber man vergißt, daß das ſüdliche Europa eineandere Geſtalt hatte, als pelasgiſche oder carthagiſche Pflanzvölkerſich zuerſt darin feſtſetzten; man vergißt, daß frühere Bildung desMenſchengeſchlechtes die Waldungen verdrängt, und daß der um-ſchaffende Geiſt der Nationen der Erde allmälig den Schmuck raubt,der uns in dem Norden erfreut, und der mehr, als alle Geſchichte,die Jugend unſerer ſittlichen Kultur anzeigt. Die große Kataſtrophe,durch welche das Mittelmeer ſich gebildet, indem es, ein anſchwel-lendes Binnenwaſſer, die Schleuſen der Dardanellen und die Säulendes Hercules durchbrochen, dieſe Kataſtrophe ſcheint die angränzendenLänder eines großen Theils ihrer Dammerde beraubt zu haben. Wasbei griechiſchen Schriftſtellern von den ſamothraciſchen Sagen erwähntwird, deutet die Neuheit dieſer zerſtörenden Naturveränderungen an.Auch iſt in allen Ländern, welche das Mittelmeer beſpült, undwelche die Kalkformation des Jura charakteriſirt, ein großer Theil |60| der Erdoberfläche nackter Fels. Das Maleriſche italieniſcher Gegen-den beruht vorzüglich auf dieſem lieblichen Contraſte zwiſchen demunbelebten öden Geſtein und der üppigen Vegetation, welche inſel-förmig darin aufſproßt. Wo dieſes Geſtein, minder zerklüftet, dieWaſſer auf der Oberfläche zuſammenhält, wo dieſe mit Erde bedecktiſt, wie an den reizenden Ufern des Albaner Sees, da hat ſelbſtItalien ſeine Eichenwälder, ſo ſchattig und grün, als der Bewohnerdes Nordens ſie wünſcht. Auch die Wüſten jenſeits des Atlas und die unermeßlichen Ebenenoder Steppen von Südamerika ſind als bloße Localerſcheinungen zubetrachten. Dieſe findet man in der Regenzeit wenigſtens mit Grasund niedrigen, faſt krautartigen Mimoſen bedeckt; jene ſind Sand-meere im Innern des alten Continents, große pflanzenleere Räumemit ewig grünen, waldigen Ufern umgeben. Nur einzeln ſtehendeFächerpalmen erinnern den Wanderer, daß dieſe Einöden Theile einerbelebten Schöpfung ſind. Im trügeriſchen Lichtſpiele, das dieſtrahlende Wärme erregt, ſieht man bald den Fuß dieſer Palmenfrei in der Luft ſchweben, bald ihr umgekehrtes Bild in den wogen-artig zitternden Luftſchichten wiederholt. Auch weſtlich von derperuaniſchen Andeskette, an den Küſten des ſtillen Meeres, haben wirWochen gebraucht, um ſolche waſſerleere Wüſten zu durchſtreichen. Der Urſprung derſelben, dieſe Pflanzenloſigkeit großer Erd-ſtrecken, in Gegenden, wo umher die kraftvollſte Vegetation herrſcht,iſt ein wenig beachtetes geognoſtiſches Phänomen, welches ſich un-ſtreitig auf alte Naturrevolutionen, auf Ueberſchwemmungen, odervulkaniſche Umwandlungen der Erde, gründet. Hat eine Gegendeinmal ihre Pflanzendecke verloren, iſt der Sand beweglich undquellenleer, hindert die heiße, ſenkrecht aufſteigende Luft den Nieder-ſchlag der Wolken, ſo vergehen Jahrtauſende, ehe von den grünenUfern aus organiſches Leben in das Innere der Einöde dringt. Wer demnach die Natur mit einem Blicke zu umfaſſen und vonLokalphänomenen zu abſtrahiren weiß, der ſieht, wie mit Zunahmeder belebenden Wärme von den Polen zum Aequator hin ſich auchallmälich organiſche Kraft und Lebensfülle vermehren. Aber bei dieſerVermehrung ſind doch jedem Erdſtriche beſondere Schönheiten vorbe-halten: den Tropen Mannichfaltigkeit und Größe der Pflanzenformen,dem Norden der Anblick der Wieſen und das periodiſche Wiederer-wachen der Natur beim erſten Wehen der Frühlingslüfte. Jede Zonehat außer den ihr eigenen Vorzügen auch ihren eigenthümlichen Cha-rakter. So wie man an einzelnen organiſchen Weſen eine beſtimmtePhyſiognomie erkennt; — ſo gibt es auch eine gewiſſe Naturphyſiog-nomie, welche jedem Himmelsſtriche ausſchließlich zukommt. Wasder Maler mit den Ausdrücken ſchweizer Natur, italieniſcher Himmelbezeichnet, gründet ſich auf das dunkle Gefühl dieſes lokalen Natur-charakters. Himmelsbläue, Beleuchtung, Duft, der auf der Ferne |61| ruht, Geſtalt der Thiere, Saftfülle der Kräuter, Glanz des Laubes,Umriß der Berge: alle dieſe Elemente beſtimmen den Totalein-druck einer Gegend. Zwar bilden unter allen Zonen dieſelben Ge-birgsarten, Trachyt, Baſalt, Porphyr, Schiefer und Dolomit, Fels-gruppen derſelben Phyſiognomie. Die Grünſteinklippen in Südamerika und Mexico gleichen denen des deutſchen Fichtelgebirges, wie unterden Thieren die Form des Allco oder der urſprünglichen Hunderacedes neuen Continents mit der der europäiſchen Race übereinſtimmt;denn die unorganiſche Rinde der Erde iſt gleichſam unabhängig vonklimatiſchen Einflüſſen; ſei es, daß der Unterſchied der Klimate neuerals das Geſtein iſt; ſei es, daß die erhärtende, Wärme entbindendeErdmaſſe ſich ſelbſt ihre Temperatur gab, ſtatt ſie von außen zuempfangen. Alle Formationen ſind daher allen Weltgegenden eigenund in allen gleichgeſtaltet. Ueberall bildet der Baſalt Zwillings-berge und abgeſtumpfte Kegel; überall erſcheint der Trapp-Porphyrin grottesken Felsmaſſen, der Granit in ſanftrundlichen Kuppen.Auch ähnliche Pflanzenformen, Tannen und Eichen, bekränzen dieBergesgehänge in Schweden, wie die des ſüdlichſten Theils vonMexico. Und bei aller dieſer Uebereinſtimmung in den Geſtalten, beidieſer Gleichheit der einzelnen Umriſſe nimmt die Gruppirung der-ſelben zu einem Ganzen doch den verſchiedenſten Charakter an. So wie die Kenntniſſe der Foſſilien ſich von der Gebirgslehreunterſcheidet, ſo iſt von der individuellen Naturbeſchreibung die all-gemeine oder die Phyſiognomik der Natur verſchieden. Georg Forſter in ſeinen Reiſen und in ſeinen kleinen Schriften, Göthe in den Na-turſchilderungen, welche ſo manche ſeiner unſterblichen Werke enthalten,Herder, Buffon, Bernardin de St. Pierre und Chateaubriand habenmit unnachahmlicher Wahrheit den Charakter einzelner Himmelsſtrichegeſchildert. Solche Schilderungen ſind aber nicht bloß dazu geeignet,dem Gemüthe einen Genuß der edelſten Art zu verſchaffen; nein,die Kenntniß von dem Naturcharakter verſchiedener Weltgegenden iſtmit der Geſchichte des Menſchengeſchlechtes und mit ſeiner Kulturaufs innigſte verknüpft. Denn wenn auch der Anfang dieſer Kulturnicht durch phyſiſche Einflüſſe allein beſtimmt wird, ſo hängt dochdie Richtung derſelben, ſo hängen Volkscharakter, düſtere oder heitereStimmung der Menſchheit großentheils von klimatiſchen Verhältniſſenab. Wie mächtig hat der griechiſche Himmel auf ſeine Bewohnergewirkt! Wie ſind nicht in dem ſchönen und glücklichen Erdſtrichezwiſchen dem Oxus, dem Tigris und dem ägeiſchen Meere die ſichanſiedelnden Völker zuerſt zu ſittlicher Anmuth und zarteren Ge-fühlen erwacht! Und haben nicht, als Europa in neue Barbareiverſank und religiöſe Begeiſterung plötzlich den heiligen Orient öff-nete, unſere Voreltern aus jenen milden Thälern von neuem mildereSitten heimgebracht! Die Dichterwerke der Griechen und die rau-heren Geſänge der nordiſchen Urvölker verdankten größtentheils ihren |62| eigenthümlichen Charakter der Geſtalt der Pflanzen und Thiere, denGebirgsthälern, die den Dichter umgaben, und der Luft, die ihnumwehte. Wer fühlt ſich nicht, um ſelbſt nur an nahe Gegenſtändezu erinnern, anders geſtimmt in dem dunkeln Schatten der Buchenoder auf Hügeln, die mit den einzeln ſtehenden Tannen bekränztſind, oder auf der Grasflur, wo der Wind in dem zitternden Laubeder Birken ſäuſelt! Melancholiſche ernſterhebende oder fröhlicheBilder rufen dieſe vaterländiſchen Pflanzengeſtalten in uns hervor.Der Einfluß der phyſiſchen Welt auf die moraliſche, dies geheimniß-volle Ineinanderwirken des Sinnlichen und Außerſinnlichen gibt demNaturſtudium, wenn man es zu höheren Geſichtspunkten erhebt, eineneigenen, noch zu wenig gekannten Reiz. Wenn aber auch der Charakter verſchiedener Weltgegenden vonallen äußeren Erſcheinungen zugleich abhängt; wenn Umriß der Ge-birge, Phyſiognomie der Pflanzen und Thiere, wenn Himmelsbläue,Wolkengeſtalt und Durchſichtigkeit des Luftkreiſes, den Totaleindruckbewirken; ſo iſt doch nicht zu läugnen, daß das Hauptbeſtimmendedieſes Eindrucks die Pflanzendecke iſt. Dem thieriſchen Organismusfehlt es an Maſſe, und die Beweglichkeit der Individuen entzieht ſieoft unſern Blicken. Die Pflanzenſchöpfung dagegen wirkt durch ſtetigeGröße auf unſere Einbildungskraft. Ihre Maſſe bezeichnet ihrAlter, und in den Gewächſen allein iſt Alter und Ausdruck ſtetsſich erneuernder Kraft mit einander gepaart. Der rieſenförmigeDrachenbaum, den ich auf den canariſchen Inſeln ſah, und der 16Schuh im Durchmeſſer hat, trägt noch immerdar, gleichſam in ewigerJugend, Blüthe und Frucht. Als franzöſiſche Abenteurer, die Bethen-courts, im Anfange des 15. Jahrhunderts die glücklichen Inſelneroberten, war der Drachenbaum am Orotava, den Eingebornen heiligwie der Oelbaum in der Burg zu Athen oder die Ulme zu Epheſus,von eben der koloſſalen Stärke als jetzt. In den Tropen iſt einWald von Hymenäen und Cäſalpinien vielleicht das Denkmal vonmehr als einem Jahrtauſend. Umfaßt man mit einem Blicke die verſchiedenen phanerogamiſchenPflanzenarten, welche bereits den Herbarien einverleibt ſind, und derenZahl jetzt auf weit mehr denn 80,000 geſchätzt wird, ſo erkennt man indieſer wundervollen Menge wenige Hauptformen, auf welche ſich alleanderen zurückführen laſſen. Zur Beſtimmung dieſer Formen, vonderen individueller Schönheit, Vertheilung und Gruppirung die Phy-ſiognomie der Vegetation eines Landes abhängt, muß man nicht, wiein den botaniſchen Syſtemen aus andern Beweggründen geſchieht,auf die kleinſten Theile der Blüthen und Früchte, ſondern nur aufdas Rückſicht nehmen, was durch Maſſe den Totaleindruck einer Ge-gend individualiſirt. Unter den Hauptformen der Vegetation gibt esallerdings ganze Familien der ſogenannten natürlichen Syſteme;Bananengewächſe und Palmen werden auch in dieſen einzeln aufgeführt. |63| Aber der botaniſche Syſtematiker trennt eine Menge von Pflanzen-gruppen, welche der Phyſiognomiker ſich gezwungen ſieht mit einanderzu verbinden. Wo die Gewächſe ſich als Maſſen darſtellen, fließenUmriſſe und Vertheilung der Blätter, Geſtalt der Stämme undZweige in einander. Der Maler — und gerade dem feinem Natur-gefühle des Künſtlers kommt hier der Ausſpruch zu! — unterſcheidetin dem Mittel- und Hintergrunde einer Landſchaft Tannen oderPalmengebüſche von Buchen, nicht aber dieſe von andern Laubholz-wäldern! Sechszehn Pflanzenformen beſtimmen hauptſächlich die Phyſiog-nomie der Natur. Ich zähle nur diejenigen auf, welche ich beimeinen Reiſen durch beide Welttheile und bei einer vieljährigen Auf-merkſamkeit auf die Vegetation der verſchiedenen Himmelsſtriche zwi-ſchen dem 55. Grade nördlicher Breite und dem 12. Grade ſüdlicherBreite beobachtet habe. Die Zahl dieſer Formen wird gewiß an-ſehnlich vermehrt werden, wenn man einſt in das Innere der Con-tinente tiefer eindringt und neue Pflanzengattungen entdeckt. Imſüdöſtlichen Aſien, im Innern von Afrika und Neuholland, in Süd-Amerika vom Amazonenſtrome bis zu der Provinz Chiquitos hin, iſtuns die Vegetation noch völlig unbekannt. Wie, wenn man einmalein Land entdeckte, in dem holzige Schwämme, z. B. Mooſe, hoheBäume bildeten? Neckera dendroïdes, ein deutſches Laubmoos, iſtin der That baumartig, und die tropiſchen Farrenkräuter, oft höherals unſere Linden und Erlen, ſind für den Europäer noch jetzt einebenſo überraſchender Anblick, als dem erſten Entdecker ein Waldhoher Laubmooſe ſein würde! Größe und Entwickelung der Organehängt von der Begünſtigung klimatiſcher Verhältniſſe ab. Die kleine,aber ſchlanke Form unſerer Eidechſe dehnt ſich im Süden zu demkoloſſalen und gepanzerten Körper furchtbarer Krokodile aus. In denungeheuern Katzen von Amerika und Afrika, im Tiger, im Löwenund Jaguar, iſt die Geſtalt eines unſerer kleinſten Hausthiere nacheinem größeren Maßſtabe wiederholt. Dringen wir gar in das Innereder Erde, durchwühlen wir die Grabſtätte der Pflanzen und Thiere,ſo verkünden uns die Verſteinerungen nicht blos eine Vertheilungder Formen, die mit den jetzigen Klimaten in Widerſpruch ſteht;nein, ſie zeigen uns auch koloſſale Geſtalten, welche mit denen,die uns gegenwärtig umgeben, nicht minder contraſtiren, alsdie einfache Heldennatur der Griechen gegen die Charaktergrößeneuerer Zeit. Hat die Temperatur des Erdkörpers beträchtliche,vielleicht periodiſch wiederkehrende Veränderungen erlitten; iſt dasVerhältniß zwiſchen Meer und Land, ja ſelbſt die Höhe des Luft-ozeans und ſein Druck nicht immer derſelbe geweſen: ſo muß diePhyſiognomie der Natur, ſo müſſen Größe und Geſtalt des Orga-nismus ebenfalls ſchon manchem Wechſel unterworfen geweſen ſein.Unfähig, dieſe Phyſiognomie des alternden Planeten nach ihren gegen- |64| wärtigen Zügen vollſtändig zu ſchildern, wage ich nur diejenigenCharaktere auszuheben, welche jeder Pflanzengruppe vorzüglich zu-kommen. Bei allem Reichthum und aller Biegſamkeit unſerer vater-ländiſchen Sprache iſt es ein ſchwieriges Unternehmen, mit Wortenzu bezeichnen, was eigentlich nur der nachahmenden Kunſt des Malersdarzuſtellen geziemt. Auch wünſchte ich das Ermüdende des Ein-drucks zu vermeiden, das jede Aufzählung einzelner Formen unaus-bleiblich erregen muß. Wir beginnen mit den Palmen, der höchſtenund edelſten aller Pflanzengeſtalten. Denn ihr haben ſtets die Völker(und die früheſte Menſchenbildung war in der aſiatiſchen Palmenwelt,oder in dem Erdſtriche, der zunächſt an die Palmenwelt grenzt) denPreis der Schönheit zuerkannt. Hohe, ſchlanke, geringelte, bisweilenſtachlichte Schäfte mit anſtrebendem, glänzendem, bald gefächertem,bald gefiedertem Laube. Die Blätter ſind oft grasartig gekräuſelt,der glatte Stamm erreicht bis 180 Fuß Höhe. Die Palmenformnimmt an Pracht und Größe ab vom Aequator gegen die gemäßigteZone hin. Europa hat unter ſeinen einheimiſchen Gewächſen nureinen Repräſentanten dieſer Form, die zwergartige Küſtenpalme, denChamärops, der in Spanien und Italien ſich nördlich bis zum 44.Breitegrade erſtreckt. Das eigentliche Palmenklima der Erde hatzwiſchen 20½° und 22° Reaum. mittlerer jährlicher Wärme. Aber dieaus Afrika zu uns gebrachte Dattelpalme, welche minder ſchön alsandere Arten dieſer Gruppen iſt, vegetirt noch im ſüdlichen Europain Gegenden, deren mittlere Temperatur 13° bis 14° iſt. Palmen-ſtämme und Elephantengerippe liegen im nördlichen Europa im In-nern der Erde vergraben, und ihre Lage macht es wahrſcheinlich,daß ſie nicht von den Tropen her gegen Norden geſchwemmt wurden,ſondern daß in den großen Revolutionen unſeres Planeten die Kli-mate, wie die durch ſie beſtimmte Phyſiognomie der Natur, vielfachverändert worden ſind. Zu den Palmen geſellt ſich in allen Welttheilen die Piſang-oder Bananenform, die Scitamineen und Muſaceen der Botaniker,Heliconia, Amomum, Strelitzia; ein niedriger, aber ſaftreicher, faſtkrautartiger Stamm, an deſſen Spitze ſich dünn und locker gewebte,zartgeſtreifte, ſeidenartig glänzende Blätter erheben. Piſanggebüſcheſind der Schmuck feuchter Gegenden; auf ihrer Frucht beruht dieNahrung aller Bewohner des heißen Erdgürtels. Wie die mehlrei-chen Cerealien oder Getreidearten des Nordens, ſo begleiten Piſang-ſtämme den Menſchen ſeit der früheſten Kindheit ſeiner Kultur. Aſia-tiſche Mythen ſetzen die urſprüngliche Heimath dieſer nährendenTropenpflanze an den Euphrat oder an den Fuß des Himalayage-birges in Indien. Griechiſche Sagen nennen die Gefilde von Ennaals das glückliche Vaterland der Cerealien. Wenn dieſe, durch dieCultur über die nördliche Erde verbreitet und einförmige weitgedehnteGrasfluren bildend, wenig den Anblick der Natur verſchönern, ſo |65| vervielfacht dagegen der ſich anſiedelnde Tropenbewohner durch Piſang-pflanzungen eine der herrlichſten und edelſten Geſtalten. Die Malvenform iſt dargeſtellt durch Ceiba, Cavenilleſia undden mexikaniſchen Händebaum: koloſſaliſch dicke Stämme mit zartwol-ligen, großen, herzförmigen oder eingeſchnittenen Blättern und pracht-vollen, oft purpurrothen Blüthen. Zu dieſer Pflanzengruppe gehörtder Affenbrotbaum, Adanſonia digitata, der bei 12 Fuß Höhe30 Fuß im Durchmeſſer hat, und der wahrſcheinlich das größte undälteſte organiſche Denkmal auf unſerem Planeten iſt. In Italienfängt bereits die Malvenform an, der Vegetation einen eigenthüm-lichen ſüdlichen Charakter zu geben. Dagegen entbehrt unſere gemäßigte Zone im alten Continent leider ganz der zartgefiederten Blätter, der Form der Mimoſen,Gleditſchia, Porleria, Tamarindus. Den vereinigten Staaten von Nordamerika, in denen unter gleicher Breite die Vegetation mannig-faltiger und üppiger als in Europa iſt, fehlt dieſe ſchöne Form nicht.Bei den Mimoſen iſt eine ſchirmartige Verbreitung der Zweige, faſtwie bei den alten italieniſchen Pinien, gewöhnlich. Die tiefe Him-melsbläue des Tropenklima’s durch die zartgefiederten Blätter ſchim-mernd iſt von überaus maleriſchem Effekte. Eine meiſt afrikaniſche Pflanzengruppe ſind die Heidekräuter;dahin gehören auch dem allgemeinen Anblick nach die Epacrideenund Diosmeen: eine Gruppe, die mit der der Nadelhölzer einigeAehnlichkeit hat, und eben deßhalb mit dieſer durch die Fülle glocken-förmiger Blüthen deſto reizender contraſtirt. Die baumartigen Heide-kräuter, wie einige andere afrikaniſchen Gewächſe, erreichen das nörd-liche Ufer des Mittelmeers. Sie ſchmücken Wälſchland und dieCiſtusgebüſche des ſüdlichen Spaniens. Am üppigſten wachſend habeich ſie auf Teneriffa am Abhange des Piks von Teyde geſehen.In den baltiſchen Ländern und weiter nach Norden hin iſt dieſePflanzenform gefürchtet, Dürre und Unfruchtbarkeit verkündigend.Unſere Heidekräuter, Erica vulgaris und Erica tetralix, ſind geſell-ſchaftlich lebende Gewächſe, gegen deren fortſchreitenden Zug dieackerbauenden Völker ſeit Jahrhunderten mit wenigem Glücke an-kämpfen. Sonderbar, daß der Hauptrepräſentant dieſer Form bloseiner Seite unſeres Planeten eigen iſt. Von den 300 jetzt be-kannten Arten von Erica findet ſich auch nicht eine einzige im neuenContinente von Pennſylvanien und Labrador bis gegen Nutka und Alaſchka hin. Dagegen iſt blos dem neuen Continente eigenthümlichdie Cactusform, bald kugelförmig, bald gegliedert, bald in hohen,vieleckigen Säulen, wie Orgelpfeifen aufrechtſtehend. Dieſe Gruppebildet den auffallendſten Contraſt mit der Geſtalt der Liliengewächſeund der Bananen. Sie gehört zu den Pflanzen, welche Bernardinde St. Pierre ſehr glücklich vegetabiliſche Quellen der Wüſte nennt.|66| In den waſſerleeren Ebenen von Südamerika ſuchen die vor Durſtgeängſtigten Thiere den Melonencactus, eine kugelförmige, halb imdürren Sande verborgene Pflanze, deren ſaftreiches Innere unterfurchtbaren Stacheln verſteckt iſt; die ſäulenförmigen Cactusſtämmeerreichen bis 30 Fuß Höhe; kandelaberartig getheilt erinnern ſiedurch Aehnlichkeit der Phyſiognomie an einige afrikaniſche Euphorbien. Wie dieſe grüne Oaſen in den pflanzenleeren Wüſten bilden,ſo beleben die Orchideen den von dem Lichte verkohlten Stamm derTropenbäume und die ödeſten Felſenritzen. Die Vanillenform zeichnetſich aus durch hellgrüne ſaftvolle Blätter, wie durch vielfarbige Blü-then von wunderbarem Baue. Dieſe Blüthen gleichen bald geflügel-ten Inſekten, bald den Vögeln, welche der Duft der Honiggefäßeanlockt. Das Leben eines Malers wäre nicht hinlänglich, um alledie prachtvollen Orchideen abzubilden, welche die tief ausgefurchtenGebirgsthäler der peruaniſchen Andeskette zieren. Blattlos, wie faſt alle Cactusarten, iſt die Form der Caſuarinen,eine Pflanzengeſtalt, blos der Südſee und Oſtindien eigen, Bäumemit ſchachtelhalmähnlichen Zweigen. Doch finden ſich auch in andernWeltgegenden Spuren dieſes mehr ſonderbaren als ſchönen Typus.So wie in den Piſanggewächſen die höchſte Ausdehnung, ſo iſt inCaſuarinen und in den Nadelhölzern die höchſte Zuſammenziehungder Blattgefäße. Tannen, Thuja und Cypreſſen bilden eine nordiſcheForm, die in den Tropen ſelten iſt. Ihr ewig friſches Grün erheitertdie öde Winterlandſchaft; es verkündet gleichſam den Polarvölkern,daß, wenn Schnee und Eis den Boden bedecken, das innere Lebender Pflanzen, wie das prometheiſche Feuer, nie auf unſerem Plane-ten erliſcht. Paraſitiſch, wie bei uns Mooſe und Flechten, überziehen in derTropenwelt außer den Orchideen auch die Pothosgewächſe den altern-den Stamm der Waldbäume; ſaftige krautartige Stängel mit großen,bald pfeilförmigen, bald gefingerten, bald länglichen, aber ſtets dick-adrigen Blättern; Blumen in Scheiden, Pothos, Dracontium, Arum,letzteres bis zu den Küſten des Mittelmeeres fortſchreitend, in Spa-nien und Italien mit ſaftvollem Huflattig, hohen Diſtelſtauden undAcanthus, die Ueppigkeit des ſüdlichen Pflanzenwuchſes bezeichnend. Zu dieſer Arumform geſellt ſich die Form der Lianen, beide inheißen Erdſtrichen von Südamerika in vorzüglicher Kraft der Vege-tation. Unſer rankender Hopfen und unſere Weinreben erinnern andieſe Pflanzengeſtalt der Tropenwelt. Am Orinoco haben die blatt-loſen Zweige der Bauhinien oft 40 Fuß Länge. Sie fallen theilsſenkrecht aus dem Gipfel hoher Swietenien herab, theils ſind ſieſchräg wie Maſttaue ausgeſpannt, und die Tigerkatze hat eine bewun-derungswürdige Geſchicklichkeit, daran auf- und abzuklettern. Mitden biegſamen, ſich rankenden Lianen, mit ihrem friſchen und leichtenGrün, contraſtirt die ſelbſtſtändige Form der bläulichen Aloëgewächſe; |67| Stämme, wenn ſie vorhanden ſind, faſt ungetheilt, eng geringelt undſchlangenartig gewunden. An dem Gipfel ſind ſaftreiche, fleiſchige,langzugeſpitzte Blätter ſtrahlenartig zuſammengehäuft. Die hochſtäm-migen Aloëgewächſe bilden nicht Gebüſche, wie andere geſellſchaftlichlebende Pflanzen. Sie ſtehen einzeln in dürren Ebenen und gebender Tropengegend dadurch oft einen eigenen melancholiſchen, manmöchte ſagen afrikaniſchen Charakter. Wie die Aloëform ſich durch ernſte Ruhe und Feſtigkeit, ſocharakteriſirt ſich die Grasform, beſonders die Phyſiognomie derbaumartigen Gräſer, durch den Ausdruck fröhlicher Leichtigkeit undbeweglicher Schlankheit. Bambusgebüſche bilden ſchattige Bogengängein beiden Indien. Der glatte, oft geneigt hinſchwebende Stamm derTropengräſer übertrifft die Höhe unſerer Erlen und Eichen. Schonin Italien fängt dieſe Form an, ſich vom Boden zu erheben unddurch Höhe und Maſſe den Naturcharakter dieſes Landes zu beſtim-men. Mit der Geſtalt der Gräſer iſt auch die der Farrenkräuterveredelt. Baumartige, oft 35 Fuß hohe Farrenkräuter haben einpalmartiges Anſehen; aber ihr Stamm iſt minder ſchlank, kürzer,ſchuppig rauher, als der der Palmen. Das Laub iſt zarter, lockergewebt, durchſcheinend und an den Rändern ſauber ausgezackt. Dieſekoloſſalen Farrenkräuter ſind faſt ausſchließlich den Tropen eigen;aber in dieſen ziehen ſie ein gemäßigtes Klima dem ganz heißen vor.Da nun die Milderung der Hitze bloß eine Folge der Höhe iſt, ſodarf man Gebirge, die 2—3000 Fuß über dem Meere erhaben ſind,als den Hauptſitz dieſer Form nennen. Hochſtämmige Farrenkräuterbegleiten in Südamerika den wohlthätigen Baum, der die heilendeFieberrinde darbietet. Beide bezeichnen die glückliche Region derErde, in der ewige Milde des Frühlings herrſcht. Noch nenne ich die Form der Liliengewächſe mit ſchilfartigenBlättern und prachtvollen Blüthen, eine Form, deren Hauptvaterland Afrika iſt; ferner die Weidenform, in allen Welttheilen einheimiſch;und wo Salix fehlt, in den neu-holländiſchen Mimoſen mit einfachenBlättern und einigen kapiſchen Proteen wiederholt; Myrthengewächſe,Melaſtonen- und Lorbeerform. Es wäre ein Unternehmen, einesgroßen Künſtlers werth, den Charakter aller dieſer Pflanzengruppennicht in Treibhäuſern oder in den Beſchreibungen der Botaniker,ſondern in der großen Tropennatur ſelbſt zu ſtudiren. Wie intereſ-ſant und lehrreich für den Landſchaftsmaler wäre ein Werk, welchesdem Auge die aufgezählten 16 Hauptformen erſt einzeln und dannin ihrem Contraſte gegeneinander darſtellte. Was iſt maleriſcher, alsbaumartige Farrenkräuter, die ihre zartgewebten Blätter über diemexikaniſchen Lorbeereichen ausbreiten, was reizender, als Piſangge-büſche von hohen Bambusgräſern umſchattet! Dem Künſtler iſt esgegeben, die Gruppen zu zergliedern, und unter ſeiner Hand löſtſich, wenn ich den Ausdruck wagen darf, das große Zauberbild der |68| Natur, gleich den geſchriebenen Werken der Menſchen, in wenig ein-fache Züge auf! Am glühenden Sonnenſtrahl des tropiſchen Himmels gedeihendie herrlichſten Geſtalten der Pflanzen. Wie im kalten Norden dieBaumrinde mit dürren Flechten und Laubmooſen bedeckt iſt, ſobeleben dort Cymbidium und duftende Vanille den Stamm derAnacardien und der rieſenmäßigen Feigenbäume. Das friſcheGrün der Pothosblätter und der Dracontien contraſtirt mit denvielfarbigen Blüthen der Orchideen. Rankende Bauhinien, Paſſiflorenund gelbblühende Baniſterien umſchlingen den Stamm der Waldbäume.Zarte Blumen entfalten ſich aus den Wurzeln der Theobroma, wieaus der dichten und rauhen Rinde der Creſcentien und der Guſtavia.Bei dieſer Fülle von Blüthen und Blättern, bei dieſem üppigenWuchſe und der Verwirrung rankender Gewächſe wird es oft demNaturforſcher ſchwer zu erkennen, welchem Stamme Blüthen undBlätter zugehören. Ein einziger Baum, mit Paullinien, Bignonienund Deudrobium geſchmückt, bildet eine Gruppe von Pflanzen, welchevon einander getrennt einen beträchtlichen Erdraum bedecken würden. In den Tropen ſind die Gewächſe ſaftſtrotzender, von friſcheremGrün, mit größeren und glänzenderen Blättern geziert, als in dennördlicheren Erdſtrichen. Geſellſchaftlich lebende Pflanzen, welche dieeuropäiſche Vegetation ſo einförmig machen, fehlen am Aequator faſtgänzlich. Bäume, faſt zweimal ſo hoch als unſere Eichen, prangendort mit Blüthen, welche groß und prachtvoll wie unſere Lilien ſind.An den ſchattigen Ufern des Magdalenenfluſſes in Südamerika wächſteine rankende Ariſtolochia, deren Blume von 4 Fuß Umfang ſich dieindiſchen Knaben in ihren Spielen über den Scheitel ziehen. Imſüdindiſchen Archipel hat die Blüthe der Raffleſia faſt 3 Fuß Durch-meſſer und wiegt 14 Pfund. Die außerordentliche Höhe, zu welcher ſich unter den Wende-kreiſen nicht blos einzelne Berge, ſondern ganze Länder erheben, unddie Kälte, welche Folge dieſer Höhe iſt, gewähren dem Tropenbe-wohner einen ſeltſamen Anblick. Außer den Palmen- und Piſang-gebüſchen umgeben ihn auch die Pflanzenformen, welche nur dennordiſchen Ländern anzugehören ſcheinen. Cypreſſen, Tannen undEichen, Berberisſträucher und Erlen, nahe mit den unſrigen verwandt,bedecken die Gebirgsebenen des ſüdlichen Mexico, wie die Andeskette unter dem Aequator. So hat die Natur dem Menſchen in der heißenZone verliehen, ohne ſeine Heimath zu verlaſſen, alle Pflanzenge-ſtalten der Erde zu ſehen, wie das Himmelsgewölbe von Pol zuPol ihm keine ſeiner leuchtenden Welten verbirgt. Dieſen und ſo manchen anderen Naturgenuß entbehren die nor-diſchen Völker. Viele Geſtirne und viele Pflanzenformen, von dieſengerade die ſchönſten: Palmen- und Piſanggewächſe, baumartige Gräſerund feingefiederte Mimoſen bleiben ihnen ewig unbekannt. Die |69| krankenden Gewächſe, welche unſere Treibhäuſer einſchließen, gewährennur ein ſchwaches Bild von der Majeſtät der Tropenvegetation. Aberin der Ausbildung unſerer Sprache, in der glühenden Phantaſie desDichters, in der darſtellenden Kunſt der Maler, iſt eine reiche Quelledes Erſatzes geöffnet. Aus ihr ſchöpft unſere Einbildungskraft dielebendigen Bilder einer exotiſchen Natur. Im kalten Norden, in deröden Heide, kann der einſame Menſch ſich aneignen, was in denfernſten Erdſtrichen erforſcht wird, und ſo in ſeinem Innern eineWelt ſich ſchaffen, welche das Werk ſeines Geiſtes, frei und unver-gänglich wie dieſer iſt.

Humboldt.