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Alexander von Humboldt: „Die Fülle des Lebens in der Natur“, in: ders., Sämtliche Schriften digital, herausgegeben von Oliver Lubrich und Thomas Nehrlich, Universität Bern 2021. URL: <https://humboldt.unibe.ch/text/1806-Fragment_aus_der-05-neu> [abgerufen am 25.05.2024].

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https://humboldt.unibe.ch/text/1806-Fragment_aus_der-05-neu
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Titel Die Fülle des Lebens in der Natur
Jahr 1828
Ort Wien
Nachweis
in: Feyerstunden der edleren Jugend. Erzählungen, Novellen und Skizzen, zur Erheiterung und Belehrung 3:11 (1828), Beilage: Schulblatt (September 1828), S. [85]–91.
Sprache Deutsch
Typografischer Befund Fraktur (Umlaute mit superscript-e); Schmuck: Initial.
Identifikation
Textnummer Druckausgabe: II.42
Dateiname: 1806-Fragment_aus_der-05-neu
Statistiken
Seitenanzahl: 7
Zeichenanzahl: 8328

Weitere Fassungen
Fragment aus der am 30sten Jan. 1806 in der öffentlichen Sitzung der Königl. Akademie gehaltenen Vorlesung: Ideen zu einer Physiognomik der Gewächse (Berlin, 1806, Deutsch)
Ideen zu einer Physiognomik der Gewächse, von Alexander von Humboldt. Vorgelesen in der öffentlichen Sitzung der königl. preuss. Akademie der Wissenschaften am 30 Januar 1806. 29 S. 8. (Jena, 1806, Deutsch)
Ideen zu einer Physiognomik der Gewächse (Weimar, 1806, Deutsch)
Ansichten der Natur mit wissenschaftlichen Erläuterungen von Alexander von Humboldt. Zwey Bände. Zweyte verbesserte und vermehrte Ausgabe. Stuttgart und Tübingen in der J. G. Cotta’schen Buchhandlung. 1826. 12. (Stuttgart; Tübingen, 1827, Deutsch)
Die Fülle des Lebens in der Natur (Wien, 1828, Deutsch)
Ideen zu einer Physiognomik der Gewächse (London, 1830, Deutsch)
Ueber die Verbreitung und den verschiedenen Charakter des organischen Lebens, besonders der Pflanzen (Frankfurt am Main, 1831, Deutsch)
Ueber die Verbreitung und Mannigfaltigkeit des organischen Lebens, besonders der Pflanzen (Paris; Strasbourg, 1831, Deutsch)
О растенiяхъ [O rastenijach] (Sankt Petersburg, 1834, Russisch)
О повсемѣстномъ разлитiи жизни [O povseměstnom razlitii žizni] (Sankt Petersburg, 1834, Russisch)
Allgemeines Bild der Flora auf der Erde (Berlin, 1837, Deutsch)
Alexander von Humboldt (London, 1843, Deutsch)
Alexander von Humboldt (Stuttgart, 1843, Deutsch)
Das Leben in der Schöpfung (Darmstadt, 1843, Deutsch)
Das Leben in der Schöpfung (Breda, 1843, Deutsch)
Ideen zu einer Physiognomik der Gewächse (Berlin, 1843, Deutsch)
Alexander von Humboldt (Berlin, 1844, Deutsch)
Allgemeines Bild der Flora auf der Erde (Leipzig, 1843, Deutsch)
Ideen zu einer Physiognomik der Gewächse (München, 1845, Deutsch)
Beauties of Tropical Vegetation (Bradford, 1849, Englisch)
Beautiful Flowering Trees (Manchester, 1850, Englisch)
Beautiful Flowering Trees (Canterbury, 1850, Englisch)
Universal Diffusion of Life (Boston, Massachusetts, 1850, Englisch)
Vext-Fysiognomik (Helsinki, 1850, Schwedisch)
Beautiful Flowering Trees (Racine, Wisconsin, 1850, Englisch)
Der Pflanzenwuchs in den Tropen (London, 1850, Deutsch)
Ideen zu einer Physiognomik der Gewächse (Stuttgart; Tübingen, 1850, Deutsch)
Beautiful Flowering Trees (Boston, Massachusetts, 1851, Englisch)
Allgemeines Bild der Flora auf der Erde (Frankfurt am Main, 1851, Deutsch)
Histoire de la couche végétale du globe (Paris, 1852, Französisch)
La physionomie des plantes (Liège, 1852, Französisch)
Allgemeines Bild der Flora auf der Erde (Wien, 1853, Deutsch)
Das Leben in der Schöpfung (Leipzig, 1853, Deutsch)
Physiognomik der Pflanzenformen (Berlin, 1853, Deutsch)
Die Physiognomik der Gewächse (Hildburghausen; New York City, New York, 1853, Deutsch)
Physiognomik der Gewächse (Stuttgart, 1854, Deutsch)
Physiognomik der Pflanzenformen (Stuttgart, 1855, Deutsch)
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Die Fülle des Lebens in der Natur.

Wenn der Menſch mit regſamem Sinne dieNatur durchforſcht, oder im Geiſte die weitenRäume der belebten Schöpfung mißt, ſo wirktunter den vielfachen Eindrücken, die er em-pfängt, keiner ſo tief und mächtig, als der, wel-chen die allverbreitete Fülle des Lebens erzeugt.Ueberall, ſelbſt am beeiſten Pole, ertönt dieLuft von dem Geſange der Vögel, wie vondem Sumſen ſchwirrender Inſecten. Nicht dieunteren Schichten allein, in welchen die verdich-teten Dünſte ſchweben, auch die oberen, reine-ren, ſind belebt. Denn ſo oft man den Rückender Peruaniſchen Cordilleren, oder ſüdlich vomLeman-See, den Gipfel des weißen Berges |86| beſtieg, hat man ſelbſt in dieſen Einnöden nochThiere entdeckt. Am Chimborazo, ſechs Mahlhöher als der Brocken, ſahen wir Schmetter-linge und andere geflügelte Inſecten. Wenn ſieauch, von ſenkrechten Luftſtrömen getrieben, alsFremdlinge dahin ſich verirrten, wohin unruhi-ge Forſchbegier des Menſchen ſorgſame Schritteleitet, ſo beweiſet ihr Daſeyn doch, daß diebiegſamere thieriſche Schöpfung ausdauert, wokeine Pflanzen mehr fortkommen. Höher alsder Kegelberg von Teneriffa auf dem Aetna ge-thürmt; höher als alle Gipfel der Andeskette,ſchwebte oft über uns der Cundar, der Rieſe un-ter den Geyern. Raubſucht und Nachſtellung derzartwolligen Vikunnas, welche gemſenartig undheerdenweiſe in den beſchneyten Grasebenen ſchwär-men, locken den mächtigen Vogel in dieſe Höhe. Zeigt nun ſchon das unbewaffnete Auge denganzen Luftkreis belebt, ſo enthüllt noch größe-re Wunder das bewaffnete Auge. Räderthiere,Brachionen, und eine Schaar nur durch dasVergrößerungsglas ſichtbarer Geſchöpfe hebendie Winde aus den trocknenden Gewäſſern em-por. Unbeweglich und in Scheintod verſenkt,ſchweben ſie vielleicht Jahre lang in den Lüften,bis der Thau ſie zur Erde zurückführt, die Hüllelöſ’t, die ihren durchſichtigen wirbelnden Körpereinſchließt, und — wahrſcheinlich durch Lebens-ſtoff, den alles Waſſer enthält — den Gliedernneue Erregbarkeit einhaucht. |87| Neben den entwickelten Geſchöpfen trägtder Luftkreis auch zahlloſe Keime künftiger Bil-dungen, Inſecten-Eyer und Eyer der Pflan-zen, die durch Haare und Feder-Kronen zurlangen Herbſtreiſe geſchickt ſind. Selbſt denbelebenden Staub, welchen bey getrennten Ge-ſchlechtern die männlichen Blüthen ausſtreuen,tragen Winde und geflügelte Inſecten über Meerund Land dem einſamen weiblichen zu. Wohinder Blick des Naturforſchers dringt, iſt Leben,oder Keim zum Leben verbreitet. Dient aber auch das bewegliche Luftmeer,in welches wir getaucht ſind, und über deſſenOberfläche wir uns nicht zu erheben vermögen,vielen Geſchöpfen zur nothwendigſten Nahrung,ſo bedürfen dieſelben dabey doch noch einer grö-beren Speiſe, welche nur der Boden dieſes leich-ten Oceans darbietet. Dieſer Boden iſt zweyfa-cher Art. Den größten Theil bildet das Waſſer,vielleicht einſt vor Jahrtauſenden durch electri-ſches Feuer aus luftförmigen Stoffen zuſam-mengeronnen, und jetzt unaufhörlich in der Werk-ſtatt der Wolken, wie in den Gefäßen der Thiereund Pflanzen, zerſetzt. Unentſchieden iſt es, wo größere Lebensfülleverbreitet ſey; ob auf dem feſten Lande, oderin dem unergründeten Meere. In dieſem erſchei-nen gallertartige Seegewürme, bald lebendig,bald abgeſtorben, als leuchtende Sterne. IhrPhosphorlicht wandelt die grünliche Fläche des |88| unermeßlichen Oceans in ein Feuermeer um. Un-auslöſchlich wird mir der Eindruck jener ſtillenNächte in der Südſee bleiben, wo aus der duf-tigen Himmelsbläue das hohe Sternbild desSchiffes und das geſenkt untergehende Kreuz ihrmildes planetariſches Licht ausgoſſen, und wozugleich in der ſchäumenden Meeresfluth die Del-phine ihre leuchtenden Furchen zogen. Aber nicht der Ocean allein, auch die Sumpf-waſſer verbergen zahlloſe Gewürme von wun-derbarer Geſtalt. Unſerm Auge faſt unerkennbarſind die Cyclidien, die gefranzten Trichoden unddas Heer der Naiden, theilbar durch Aeſte, wiedie Lemna, deren Schatten ſie ſuchen. Vonmannichfaltigen Luftgemengen umgeben, undmit dem Lichte unbekannt, athmen: die gefleckteAskaris, welche die Haut des Regenwurms,die ſilberglänzende Leukophra, welche das In-nere der Ufer-Naide, und der Echynorynchus,welcher die weitzellige Lunge der tropiſchen Klap-perſchlange bewohnt. So ſind auch die verbor-genſten Räume der Schöpfung mit Leben erfüllt.Wir wollen hier beſcheiden bey den Geſchlechternder Pflanzen verweilen; denn auf ihrem Da-ſeyn beruht das Daſeyn der thieriſchen Schö-pfung. Unabläſſig ſind ſie bemüht, den rohenStoff der Erde organiſch an einander zu reihen,und vorbereitend, durch lebendige Kraft zumiſchen, was nach tauſend Umwandlungen zurregſamen Nervenfaſer veredelt wird. Derſelbe |89| Blick, den wir auf die Verbreitung der Pflan-zendecke heften, enthüllt uns die Fülle des thie-riſchen Lebens, das von jener genährt und er-halten wird. Ungleich iſt der Teppich gewebt, den die blü-thenreiche Flora über den nackten Erdkörper aus-breitet; dichter, wo die Sonne höher an demnie bewölkten Himmel emporſteigt; lockerer ge-gen die trägen Pole hin, wo der wiederkehrendeFroſt bald die entwickelte Knoſpe tödtet, bald diereifende Frucht erhaſcht. Doch überall darf derMenſch ſich der nährenden Pflanzen erfreuen.Trennt im Meeresboden ein feuerſpeyender Bergdie kochende Fluth, und ſchiebt ſich plötzlich — wieeinſt zwiſchen den griechiſchen Inſeln — einſchlackiger Fels empor; oder erheben — um aneine friedlichere Natur-Erſcheinung zu erinnern— die einträchtigen Nereiden ihre zelligen Woh-nungen, bis ſie, nach Jahrtauſenden über denWaſſerſpiegel hervorragend, abſterben, und einflaches Korallen-Eiland bilden: ſo ſind die Kräf-te der Pflanzenwelt ſogleich bereit, den todtenFels zu beleben. Was den Samen ſo plötzlichherbeyführt, ob wandernde Vögel, oder Winde,oder die Wogen des Meeres, — iſt, bey dergroßen Entfernung der Küſten, ſchwer zu entſchei-den. Aber auf dem nackten Steine, ſobald ihnzuerſt die Luft berührt, bildet ſich in den nor-diſchen Ländern ein Gewebe ſammtartiger Fa-ſern, die dem unbewaffneten Auge als farbige |90| Flecken erſcheinen. Einige ſind durch hervorra-gende Linien bald einfach, bald doppelt begränzt;andere ſind in Furchen durchſchnitten und in Fä-cher getheilt. Mit zunehmendem Alter verdun-kelt ſich ihre lichte Farbe. Das fernleuchtendeGelb wird braun, und das bläuliche Grau derLeprarien verwandelt ſich nach und nach in einſtaubartiges Schwarz. Die Gränzen der altern-den Decke fließen in einander, und auf demdunkeln Grunde bilden ſich neue, runde Flech-ten von blendender Weiße. So lagert ſich ſchich-tenweiſe ein Pflanzengewebe auf das andere;und wie das ſich anſiedelnde Menſchengeſchlechtbeſtimmte Stufen der ſittlichen Bildung durch-laufen muß: ſo iſt die allmählige Verbreitungder Pflanzen an beſtimmte Naturgeſetze gebun-den. Wo jetzt hohe Waldbäume ihre Gipfel luf-tig erheben, da überzogen einſt zarte Flechtendas erdeloſe Geſtein. Laubmooſe, Gräſer, kraut-artige Gewächſe und Sträucher füllen die Kluftder langen, aber ungemeſſenen Zwiſchenzeit aus.Was im Norden Flechten und Mooſe, das be-wirken in den Wendekreiſen Portulacca, Gom-phrenen und andere niedrige Uferpflanzen. DieGeſchichte der Pflanzendecke und ihre allmähli-che Ausbreitung über die öde Erdrinde hat ihreZeitpuncte, wie die Geſchichte des ſpätern Men-ſchengeſchlechts. Iſt aber auch Fülle des Lebens überall ver-breitet, iſt die Lebensthätigkeit unabläſſig be- |91| müht, die durch den Tod entfeſſelten Einzeltheilezu neuen Geſtalten zu verbinden, ſo iſt dieſeLebensfülle und ihre Erneuerung doch nach Ver-ſchiedenheit der Himmelsſtriche verſchieden. Inbeſtimmten Zwiſchenräumen erſtarrt die Naturim kalten Erdſtriche; denn Flüſſigkeit iſt Be-dingniß zum Leben. Thiere und Pflanzen — Laubmooſe, Flechten u. dgl. abgerechnet — liegenhier viele Monathe hindurch im Winterſchlafevergraben. In einem großen Theile der Erdehaben daher nur ſolche Weſen entſtehen können,welche einer beträchtlichen Entziehung von Wär-meſtoff widerſtehen, oder einer langen Unterbre-chung der Lebensthätigkeit fähig ſind. Je näherdaher den Wendekreiſen, deſto mehr nimmt Man-nigfaltigkeit der Bildungen, Anmuth der Ge-ſtalt und des Farbengemiſches, ewige Jugendund Kraft des Lebens zu.

Alexander von Humboldt.