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Alexander von Humboldt: „Physiognomik der Pflanzenformen“, in: ders., Sämtliche Schriften digital, herausgegeben von Oliver Lubrich und Thomas Nehrlich, Universität Bern 2021. URL: <https://humboldt.unibe.ch/text/1806-Fragment_aus_der-34-neu> [abgerufen am 23.07.2024].

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https://humboldt.unibe.ch/text/1806-Fragment_aus_der-34-neu
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Titel Physiognomik der Pflanzenformen
Jahr 1853
Ort Berlin
Nachweis
in: Hermann Kletke, Bilder aus dem Weltall in Aufsätzen. Für Lehrer und Freunde der Naturkunde, Berlin: Schroeder 1853, S. 283–293.
Sprache Deutsch
Typografischer Befund Fraktur; Antiqua für Fremdsprachiges; Auszeichnung: Sperrung.
Identifikation
Textnummer Druckausgabe: II.42
Dateiname: 1806-Fragment_aus_der-34-neu
Statistiken
Seitenanzahl: 11
Zeichenanzahl: 25572

Weitere Fassungen
Fragment aus der am 30sten Jan. 1806 in der öffentlichen Sitzung der Königl. Akademie gehaltenen Vorlesung: Ideen zu einer Physiognomik der Gewächse (Berlin, 1806, Deutsch)
Ideen zu einer Physiognomik der Gewächse, von Alexander von Humboldt. Vorgelesen in der öffentlichen Sitzung der königl. preuss. Akademie der Wissenschaften am 30 Januar 1806. 29 S. 8. (Jena, 1806, Deutsch)
Ideen zu einer Physiognomik der Gewächse (Weimar, 1806, Deutsch)
Ansichten der Natur mit wissenschaftlichen Erläuterungen von Alexander von Humboldt. Zwey Bände. Zweyte verbesserte und vermehrte Ausgabe. Stuttgart und Tübingen in der J. G. Cotta’schen Buchhandlung. 1826. 12. (Stuttgart; Tübingen, 1827, Deutsch)
Die Fülle des Lebens in der Natur (Wien, 1828, Deutsch)
Ideen zu einer Physiognomik der Gewächse (London, 1830, Deutsch)
Ueber die Verbreitung und den verschiedenen Charakter des organischen Lebens, besonders der Pflanzen (Frankfurt am Main, 1831, Deutsch)
Ueber die Verbreitung und Mannigfaltigkeit des organischen Lebens, besonders der Pflanzen (Paris; Strasbourg, 1831, Deutsch)
О растенiяхъ [O rastenijach] (Sankt Petersburg, 1834, Russisch)
О повсемѣстномъ разлитiи жизни [O povseměstnom razlitii žizni] (Sankt Petersburg, 1834, Russisch)
Allgemeines Bild der Flora auf der Erde (Berlin, 1837, Deutsch)
Alexander von Humboldt (London, 1843, Deutsch)
Alexander von Humboldt (Stuttgart, 1843, Deutsch)
Das Leben in der Schöpfung (Darmstadt, 1843, Deutsch)
Das Leben in der Schöpfung (Breda, 1843, Deutsch)
Ideen zu einer Physiognomik der Gewächse (Berlin, 1843, Deutsch)
Alexander von Humboldt (Berlin, 1844, Deutsch)
Allgemeines Bild der Flora auf der Erde (Leipzig, 1843, Deutsch)
Ideen zu einer Physiognomik der Gewächse (München, 1845, Deutsch)
Beauties of Tropical Vegetation (Bradford, 1849, Englisch)
Beautiful Flowering Trees (Manchester, 1850, Englisch)
Beautiful Flowering Trees (Canterbury, 1850, Englisch)
Universal Diffusion of Life (Boston, Massachusetts, 1850, Englisch)
Vext-Fysiognomik (Helsinki, 1850, Schwedisch)
Beautiful Flowering Trees (Racine, Wisconsin, 1850, Englisch)
Der Pflanzenwuchs in den Tropen (London, 1850, Deutsch)
Ideen zu einer Physiognomik der Gewächse (Stuttgart; Tübingen, 1850, Deutsch)
Beautiful Flowering Trees (Boston, Massachusetts, 1851, Englisch)
Allgemeines Bild der Flora auf der Erde (Frankfurt am Main, 1851, Deutsch)
Histoire de la couche végétale du globe (Paris, 1852, Französisch)
La physionomie des plantes (Liège, 1852, Französisch)
Allgemeines Bild der Flora auf der Erde (Wien, 1853, Deutsch)
Das Leben in der Schöpfung (Leipzig, 1853, Deutsch)
Physiognomik der Pflanzenformen (Berlin, 1853, Deutsch)
Die Physiognomik der Gewächse (Hildburghausen; New York City, New York, 1853, Deutsch)
Physiognomik der Gewächse (Stuttgart, 1854, Deutsch)
Physiognomik der Pflanzenformen (Stuttgart, 1855, Deutsch)
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Phyſiognomik der Pflanzenformen.

Dies grüne Leben, ſo in Flur und Wald Sich tauſendfältig aufthut, einſtmals ſchlief es Noch ungeweckt im Stoffe. Als die Waſſer Zurückgetreten in ihr tiefes Bett, Lag öd’ und grauenhaft der feuchte Grund Von Leichen andrer Schöpfungstage voll; Bis Feuer ſich und Waſſer ausgeſtritten. Und wie der Zweig des Friedens Tag um Tag Im Wechſel der Zerſtörung und des Werdens Nun ſich das Farrnkraut hob, die ſchlanke Palme, Das zarte Moos — bis endlich friſch und voll Die Ahnherrn dieſer königlichen Wälder Das blätterreiche Haupt aus feſtem Stamme In freud’gem Flüſtern zu den Wolken trugen.
J. Minding. Ungleich iſt der Teppich gewebt, welchen die blüthenreiche Floraüber den nackten Erdkörper ausbreitet: dichter, wo die Sonne höheran dem nie bewölkten Himmel emporſteigt; lockerer gegen die trägenPole hin, wo der wiederkehrende Froſt bald die entwickelte Knospetödtet, bald die reifende Frucht erhaſcht. Doch überall darf der Menſchſich der nährenden Pflanzen erfreuen. Trennt im Meeresboden einVulkan die kochende Fluth, und ſchiebt plötzlich (wie einſt zwiſchen den griechiſchen Inſeln) einen ſchlackigen Fels empor; oder erheben (um aneine friedlichere Naturerſcheinung zu erinnern) auf einem unterſeeiſchenGebirgsrücken die einträchtigen Lithophyten ihre zelligen Wohnungenbis ſie nach Jahrtauſenden, über den Waſſerſpiegel hervorragend, ab-ſterben und ein flaches Corallen-Eiland bilden: ſo ſind die organiſchenKräfte ſogleich bereit den todten Fels zu beleben. Was den Samen ſoplötzlich herbeiführt: ob wandernde Vögel, oder Winde, oder die Wogendes Meeres; iſt bei der großen Entfernurg der Küſten ſchwer zu ent-ſcheiden. Aber auf dem nackten Steine, ſobald ihn zuerſt die Luft be-rührt, bildet ſich in den nordiſchen Ländern ein Gewebe ſammetartiger |284| Faſern, welche dem unbewaffneten Auge als farbige Flecken erſcheinen.Einige ſind durch hervorragende Linien bald einfach, bald doppelt begrenzt;andere ſind in Furchen durchſchnitten und in Fächer getheilt. Mit zu-nehmendem Alter verdunkelt ſich ihre lichte Farbe. Das fernleuchtendeGelb wird braun, und das bläuliche Grau der Leprarien verwandeltſich nach und nach in ein ſtaubartiges Schwarz. Die Grenzen deralternden Decke fließen in einander, und auf dem dunklen Grunde bildenſich neue, zirkelrunde Flechten von blendender Weiße. So lagert ſichſchichtenweiſe ein organiſches Gewebe auf das andere; und wie das ſichanſiedelnde Menſchengeſchlecht beſtimmte Stufen der ſittlichen Culturdurchlaufen muß, ſo iſt die allmähliche Verbreitung der Pflanzen anbeſtimmte phyſiſche Geſetze gebunden. Wo jetzt hohe Waldbäume ihreGipfel luftig erheben, da überzogen einſt zarte Flechten das erdenloſeGeſtein. Laubmooſe, Gräſer, krautartige Gewächſe und Sträucher füllendie Kluft der langen, aber ungemeſſenen Zwiſchenzeit aus. Was imNorden Flechten und Mooſe, das bewirken in den Tropen Portulaca, Gomphrenen und andere fette und niedrige Uferpflanzen. Die Geſchichteder Pflanzendecke und ihre allmählige Ausbreitung über die öde Erd-rinde hat ihre Epochen, wie die Geſchichte der wandernden Thierwelt. Iſt aber auch die Fülle des Lebens überall verbreitet, iſt der Or-ganismus auch unabläſſig bemüht, die durch den Tod entfeſſelten Ele-mente zu neuen Geſtalten zu verbinden; ſo iſt dieſe Lebensfülle undihre Erneuerung doch nach Verſchiedenheit der Himmelsſtriche verſchieden.Periodiſch erſtarrt die Natur in der kalten Zone; denn Flüſſigkeit iſtBedingniß zum Leben. Thiere und Pflanzen (Laubmooſe und andereCryptogamen abgerechnet) liegen hier viele Monate hindurch im Winter-ſchlaf vergraben. In einem großen Theile der Erde haben daher nurſolche organiſche Weſen ſich entwickeln können, welche einer beträchtlichenEntziehung von Wärmeſtoff widerſtehen, und ohne Blatt-Organe einerlangen Unterbrechung der Lebensfunctionen fähig ſind. Je näher da-gegen den Tropen deſto mehr nimmt Mannigfaltigkeit der Geſtaltung,Anmuth der Form und des Farbengemiſches, ewige Jugend und Kraftdes organiſchen Lebens zu. Wer die Natur mit einem Blicke zu umfaſſen, und von Local-Phänomenen zu abſtrahiren weiß, der ſieht, wie mit Zunahme der be-lebenden Wärme, von den Polen zum Aequator hin, ſich auch allmählichorganiſche Kraft und Lebensfülle vermehren. Aber bei dieſer Vermehrungſind doch jedem Erdſtriche beſondere Schönheiten vorbehalten: den Tro-pen Mannigfaltigkeit und Größe der Pflanzenformen; dem Norden der |285| Anblick der Wieſen und das periodiſche Wiedererwachen der Natur beimerſten Wehen der Frühlingslüfte. Jede Zone hat außer den ihr eigenenVorzügen auch ihren eigenthümlichen Charakter. Die urtiefe Kraft derOrganiſation feſſelt, trotz einer gewiſſen Freiwilligkeit im abnormenEntfalten einzelner Theile, alle thieriſche und vegetabiliſche Geſtaltungan feſte, ewig wiederkehrende Typen. So wie man an einzelnen or-ganiſchen Weſen eine beſtimmte Phyſiognomie erkennt; wie beſchreibendeBotanik und Zoologie im engeren Sinne des Worts, Zergliederung derThier- und Pflanzenformen ſind: ſo giebt es auch eine Naturphyſiog-nomie, welche jedem Himmelsſtriche ausſchließlich zukommt. Die Kenntniß von dem Naturcharakter verſchiedener Weltgegendeniſt mit der Geſchichte des Menſchengeſchlechtes und mit ſeiner Culturauf’s innigſte verknüpft. Denn wenn auch der Anfang dieſer Culturnicht durch phyſiſche Einflüſſe beſtimmt wird, ſo hängt doch die Richtungderſelben, ſo hangen Volkscharakter, düſtere oder heitere Stimmung derMenſchheit großentheils von klimatiſchen Verhältniſſen ab. Wie mächtighat der griechiſche Himmel auf ſeine Bewohner gewirkt! Wie ſind nichtin dem ſchönen und glücklichen Erdſtriche zwiſchen dem Euphrat, demHalys und dem ägäiſchen Meere, die ſich anſiedelnden Völker früh zuſittlicher Anmuth und zarteren Gefühlen erwacht! Und haben nicht, alsEuropa in neue Barbarei verſank und religiöſe Begeiſterung plötzlichden heiligen Orient öffnete, unſere Voreltern aus jenen milden Thälernvon neuem mildere Sitten heimgebracht? Die Dichterwerke der Griechenund die rauheren Geſänge der nordiſchen Urvölker verdankten größten-theils ihren eigenthümlichen Charakter der Geſtalt der Pflanzen undThiere, den Gebirgsthälern, die den Dichter umgaben, und der Luft,die ihn umwehte. Wer fühlt ſich nicht, um ſelbſt nur an nahe Gegen-ſtände zu erinnern, anders geſtimmt in dem dunkeln Schatten der Bu-chen, auf Hügeln, die mit einzeln ſtehenden Tannen bekränzt ſind, oderauf der Grasflur, wo der Wind in dem zitternden Laube der Birkeſäuſelt? Melancholiſche, ernſt erhebende, oder fröhliche Bilder rufendieſe vaterländiſchen Pflanzengeſtalten in uns hervor. Der Einflußder phyſiſchen Welt auf die moraliſche, das geheimnißvolle Ineinander-wirken des Sinnlichen und Außerſinnlichen giebt dem Naturſtudium,wenn man es zu höheren Geſichtspunkten erhebt, einen eigenen, nochzu wenig erkannten Reiz. Wenn aber auch der Charakter verſchiedener Weltgegenden von allenäußeren Erſcheinungen zugleich abhängt; wenn Umriß der Gebirge, Phy-ſiognomie der Pflanzen und Thiere, wenn Himmelsbläue, Wolkengeſtalt |286| und Durchſichtigkeit des Luftkreiſes den Totaleindruck bewirken: ſo iſtdoch nicht zu läugnen, daß das Hauptbeſtimmende dieſes Eindrucks diePflanzendecke iſt. Dem thieriſchen Organismus fehlt es an Maſſe;die Beweglichkeit der Individuen und oft ihre Kleinheit entziehen ſieunſern Blicken. Die Pflanzenſchöpfung dagegen wirkt durch ſtetige Größeauf unſere Einbildungskraft. Ihre Maſſe bezeichnet ihr Alter, und inden Gewächſen allein ſind Alter und Ausdruck ſtets ſich erneuernderKraft mit einander gepaart. Der rieſenförmge Drachenbaum, den ichauf den canariſchen Inſeln ſah und der 16 Schuh im Durchmeſſer hat,trägt noch immerdar (gleichſam in ewiger Jugend) Blüthe und Frucht.Als franzöſiſche Abenteurer, die Béthencourts, im Anfang des funfzehntenJahrhunderts, die glücklichen Inſeln eroberten, war der Drachenbaumvon Orotava (heilig den Eingeborenen, wie der Oelbaum in der Burgzu Athen oder die Ulme zu Epheſus) von eben der coloſſalen Stärkeals jetzt. In den Tropen iſt ein Wald von Hymenäen und Cäſalpinienvielleicht das Denkmal von mehr als einem Jahrtauſend. Umfaßt man mit einem Blick die verſchiedenen phanerogamiſchenPflanzenarten, welche bereits den Herbarien einverleibt ſind und derenZahl jetzt auf weit mehr denn 80,000 geſchätzt wird, ſo erkennt manin dieſer wundervollen Menge gewiſſe Hauptformen, auf welche ſich vieleandere zurückführen laſſen. Zur Beſtimmung dieſer Typen, von derenindividueller Schönheit, Vertheilung und Gruppirung die Phyſiognomieder Vegetation eines Landes abhängt, muß man nicht (wie in den bo-taniſchen Syſtemen aus andern Beweggründen geſchieht) auf die kleinſtenFortpflanzungsorgane, Blüthenhüllen und Früchte, ſondern nur auf dasRückſicht nehmen, was durch Maſſe den Totaleindruck einer Gegend in-dividualiſirt. Unter den Hauptformen der Vegetation giebt es allerdingsganze Familien der ſogenannten natürlichen Syſteme: Bananengewächſeund Palmen, Caſuarineen und Coniferen werden auch in dieſen einzelnaufgeführt. Aber der botaniſche Syſtematiker trennt eine Menge vonPflanzengruppen, welche der Phyſiognomiker ſich gezwungen ſieht miteinander zu verbinden. Wo die Gewächſe ſich als Maſſen darſtellen,fließen Umriſſe und Vertheilung der Blätter, Geſtalt der Stämme undZweige in einander. Der Maler (und gerade dem feinen Naturgefühledes Künſtlers kommt hier der Ausſpruch zu!) unterſcheidet in demHintergrunde einer Landſchaft Pinien oder Palmengebüſche von Buchen-,nicht aber dieſe von andern Laubholzwäldern! Sechszehn Pflanzenformen beſtimmen hauptſächlich die Phyſiognomieder Natur. Ich zähle nur diejenigen auf, welche ich auf meinen Reiſen |287| durch beide Continente und bei einer vieljährigen Aufmerkſamkeit aufdie Vegetation der verſchiedenen Himmelsſtriche zwiſchen dem 60. Gradenördlicher und dem 12. Grade ſüdlicher Breite beobachtet habe. Ge-wiß wird die Zahl dieſer Formen anſehnlich vermehrt werden, wennman einſt in das Innere der Continente tiefer eindringt und neue Pflan-zengattungen entdeckt. Im ſüdöſtlichen Aſien, im Innern von Afrika und Neu-Holland, in Südamerika vom Amazonenſtrome bis zu der Pro-vinz Chiquitos hin iſt die Vegetation uns noch völlig unbekannt. Wir beginnen mit den Palmen, der höchſten und edelſten allerPflanzengeſtalten; denn ihr haben ſtets die Völker (und die früheſteMenſchenbildung war in der aſiatiſchen Palmenwelt, wie in dem Erd-ſtriche, welcher zunächſt an die Palmenwelt grenzt) den Preis der Schön-heit zuerkannt. Hohe, ſchlanke, geringelte, bisweilen ſtachlige Schäfteendigen mit anſtrebendem, glänzendem, bald gefächertem, bald gefiedertemLaube. Die Blätter ſind oft grasartig gekräuſelt. Der glatte Stammerreicht, von mir mit Sorgfalt gemeſſen, 180 Fuß Höhe. Die Palmen-form nimmt an Pracht und Größe ab vom Aequator gegen die gemäßigteZone hin. Europa hat unter ſeinen einheimiſchen Gewächſen nur einen Repräſentanten dieſer Form: die zwergartige Küſtenpalme, den Chamä-rops, der in Spanien und Italien ſich nördlich bis zum 44. Breiten-grade erſtreckt. Das eigentliche Palmen-Klima der Erde hat zwiſchen20° ½ und 22° R. mittlerer jährlicher Wärme. Aber die aus Afrika zu uns gebrachte Dattelpalme, welche weit minder ſchön als andereArten dieſer Gruppe iſt, vegetirt noch im ſüdlichen Europa in Gegendenderen mittlere Temperatur 12° bis 13° ½ beträgt. Palmenſtämme undElephantengerippe liegen im nördlichen Europa im Innern der Erdevergraben; ihre Lage macht es wahrſcheinlich, daß ſie nicht von denTropen her gegen Norden geſchwemmt wurden, ſondern daß in dengroßen Revolutionen unſeres Planeten die Klimate, wie die durch ſiebeſtimmte Phyſiognomie der Natur, vielfach verändert worden ſind. Zu den Palmen geſellt ſich in allen Welttheilen die Piſang- oder Bananen-Form: die Scitamineen und Muſaceen der Botaniker, He-liconia, Amomum, Strelitzia; ein niedriger, aber ſaftreicher, faſt kraut-artiger Stamm, an deſſen Spitze ſich dünn und locker gewebte, zart-geſtreifte, ſeidenartig glänzende Blätter erheben. Piſang-Gebüſche ſindder Schmuck feuchter Gegenden. Auf ihrer Frucht beruht die Nahrungfaſt aller Bewohner des heißen Erdgürtels. Wie die mehlreichen Ce-realien oder Getreidearten des Nordens, ſo begleiten Piſang-Stämmeden Menſchen ſeit der frühſten Kindheit ſeiner Cultur. Semitiſche |288| Sagen ſetzen die urſprüngliche Heimath dieſer nährenden Pflanze anden Euphrat, andere mit mehr Wahrſcheinlichkeit an den Fuß des Hi-malaya-Gebirges in Indien. Nach griechiſchen Sagen waren die Ge-filde von Enna das glückliche Vaterland der Cerealien. Wenn die ſicu-liſchen Früchte der Ceres, durch die Cultur über die nördliche Erdeverbreitet, einförmige, weitgedehnte Grasfluren bildend, wenig den An-blick der Natur verſchönern; ſo vervielfacht dagegen der ſich anſiedelndeTropenbewohner durch Piſang-Pflanzungen eine der herrlichſten undedelſten Geſtalten. Die Form der Malvaceen und Bombaceen iſt dargeſtellt durchCeiba, Cavanilleſia und den mexicaniſchen Händebaum, Cheirostemon: coloſſaliſch dicke Stämme, mit zartwolligen, großen, herzförmigen odereingeſchnittenen Blättern, und prachtvollen, oft purpurrothen Blüthen.Zu dieſer Pflanzengruppe gehört der Affenbrodbaum, Adansonia digitata, welcher bei mäßiger Höhe bisweilen 30 Fuß Durchmeſſer hat, undwahrſcheinlich das größte und älteſte organiſche Denkmal auf unſermPlaneten iſt. In Italien fängt die Malvenform bereits an, der Vege-tation einen eigenthümlichen ſüdlichen Charakter zu geben. Dagegen entbehrt unſre gemäßigte Zone im alten Continent leiderganz die zartgefiederten Blätter, die Form der Mimoſen; ſie herrſchtdurch Acacia, Desmanthus, Gleditschia, Porleria, Tamarindus. Denvereinigten Staaten von Nordamerika, in denen unter gleicher Breitedie Vegetation mannigfaltiger und üppiger als in Europa iſt, fehlt dieſeſchöne Form nicht. Bei den Mimoſen iſt eine ſchirmartige Verbreitungder Zweige, faſt wie bei den italieniſchen Pinien, gewöhnlich. Die tiefeHimmelsbläue des Tropen-Klima’s, durch die zartgefiederten Blätterſchimmernd, iſt von überaus maleriſchem Effecte. Eine meiſt afrikaniſchePflanzengruppe ſind die Heidekräuter; dahin gehören, dem phyſiogno-miſchen Charakter oder allgemeinen Anblick nach, auch die Epacrideenund Diosmeen, viele Proteaceen, und die auſtraliſchen Acacien mitbloßen Blattſtielblättern (Phyllodien): eine Gruppe, welche mit der derNadelhölzer einige Aehnlichkeit hat, und eben deshalb oft mit dieſer,durch die Fülle glockenförmiger Blüthen, deſto reizender contraſtirt. Diebaumartigen Heidekräuter, wie einige andere afrikaniſche Gewächſe, er-reichen das nördliche Ufer des Mittelmeers. Sie ſchmücken Welſchlandund die Ciſtus-Gebüſche des ſüdlichen Spaniens. Am üppigſten wachſendhabe ich ſie auf Teneriffa, am Abhange des Pics von Teyde, geſehen.In den baltiſchen Ländern und weiter nach Norden hin iſt dieſe Pflan-zenform gefürchtet, Dürre und Unfruchtbarkeit verkündend. Unſere |289| Heidekräuter, Erica (calluna) vulgaris, E. tetralix, E. carnea und E. cinerea, ſind geſellſchaftlich lebende Gewächſe, gegen deren fortſchrei-tenden Zug die ackerbauenden Völker ſeit Jahrhunderten mit wenigemGlücke ankämpfen. Sonderbar, daß der Hauptrepräſentant der Familieblos einer Seite unſeres Planeten eigen iſt! Von den 300 jetzt be-kannten Arten von Erica findet ſich nur eine einzige im neuen Continentvon Penſylvanien und Labrador bis gegen Nutka und Alaſchka hin. Dagegen iſt blos dem neuen Continent eigenthümlich die Cactus- Form: bald kugelförmig bald gegliedert; bald in hohen vieleckigenSäulen, wie Orgelpfeifen, aufrecht ſtehend. Dieſe Gruppe bildet denauffallendſten Contraſt mit der Geſtalt der Liliengewächſe und der Ba-nanen. Sie gehört zu den Pflanzen, welche Bernardin de St. Pierreſehr glücklich vegetabiliſche Quellen der Wüſte nennt. In den waſſer-leeren Ebenen von Südamerika ſuchen die von Durſt geängſtigten Thiereden Melonen-Cactus: eine kugelförmige, halb im dürren Sandeverborgene Pflanze, deren ſaftreiches Inneres unter furchtbaren Stachelnverſteckt iſt. Die ſäulenförmigen Cactus-Stämme erreichen bis 30 FußHöhe; und candelaberartig getheilt, oft mit Lichenen bedeckt, erinnernſie, durch Aehnlichkeit der Phyſiognomie, an einige afrikaniſche Euphorbien. Wie dieſe grüne Oaſen in den pflanzenleeren Wüſten bilden, ſobeleben die Orchideen den vom Licht verkohlten Stamm der Tropen-Bäume und die ödeſten Felſenritzen. Die Vanillenform zeichnet ſichaus durch hellgrüne, ſaftvolle Blätter, wie durch vielfarbige Blüthenvon wunderbarem Baue. Die Orchideen-Blüthen gleichen bald geflügeltenInſekten, bald den Vögeln, welche der Duft der Honiggefäße anlockt.Das Leben eines Malers wäre nicht hinlänglich, um, auch nur einenbeſchränkten Raum durchmuſternd, die prachtvollen Orchideen abzubilden,welche die tief ausgefurchten Gebirgsthäler der peruaniſchen Andeskette zieren. Blattlos, wie faſt alle Cactus-Arten, iſt die Form der Caſuari-nen: einer Pflanzengeſtalt, bloß der Südſee und Oſtindien eigen; Bäumemit ſchachtelhalmähnlichen Zweigen. Doch finden ſich auch in andernErdſtrichen Spuren dieſes mehr ſonderbaren als ſchönen Typus. Plumier’s Equisetum altissimum, Forskål’s Ephedra aphylla aus Nord-Afrika, dieperuaniſchen Colletien und das ſibiriſche Calligonum Pallasia ſind derCaſuarinenform nahe verwandt. So wie in den Piſang-Gewächſen die höchſte Ausdehnung, ſo iſtin den Caſuarinen und in den Nadelhölzern die höchſte Zuſammen-ziehung der Blattgefäße. Tannen, Thuja und Cypreſſen bilden eine |290| nordiſche Form, welche in den Tropen ſeltener iſt, und in einigen Co-niferen (Dammara, Salisburia) ein breitblättriges Nadellaub zeigt. Ihrewig friſches Grün erheitert die öde Winterlandſchaft. Es verkündetgleichſam den Polarvölkern, daß, wenn Schnee und Eis den Boden be-decken, das innere Leben der Pflanzen, wie das Prometheiſche Feuer,nie auf unſrem Planeten erliſcht. Paraſitiſch, wie bei uns Mooſe und Flechten, überziehen in derTropenwelt außer den Orchideen auch die Pothos-Gewächſe den al-ternden Stamm der Waldbäume; ſaftige, krautartige Stengel erhebengroße, bald pfeilförmige, bald gefingerte, bald längliche, aber ſtets dick-adrige Blätter. Die Blüthen der Aroideen, ihre Lebenswärme erhöhend,ſind in Scheiden eingehüllt; ſtammlos treiben ſie Luftwurzeln. Ver-wandte Formen ſind: Pothos, Dracontium, Caladium, Arum; das letztebis zu den Küſten des Mittelmeeres fortſchreitend, in Spanien undItalien mit ſaftvollem Huflattig, mit hohen Diſtelſtauden und Acanthus die Ueppigkeit des ſüdlichen Pflanzenwuchſes bezeichnend. Zu dieſer Arum-Form geſellt ſich die Form der tropiſchen Lianen, in den heißen Erdſtrichen von Südamerika in vorzüglichſter Kraft derVegetation; Paullinia, Banisteria, Bignonien und Paſſifloren. Unſerrankender Hopfen und unſere Weinreben erinnern an dieſe Pflanzen-geſtalt der Tropenwelt. Am Orinoco haben die blattloſen Zweige derBauhinien oft 40 Fuß Länge. Sie fallen theils ſenkrecht aus demGipfel hoher Swietenien herab, theils ſind ſie ſchräg wie Maſttaue aus-geſpannt; und die Tigerkatze hat eine bewundernswürdige Geſchicklichkeitdaran auf- und abzuklettern. Mit den biegſamen, ſich rankenden Lianen, mit ihrem friſchen undleichten Grün contraſtirt die ſelbſtſtändige Form der bläulichen Aloë- Gewächſe: Stämme, wenn ſie vorhanden ſind, faſt ungetheilt, eng ge-ringelt und ſchlangenartig gewunden. An dem Gipfel ſind ſaftreiche,fleiſchige, langzugeſpitzte Blätter ſtrahlenartig zuſammengehäuft. Diehochſtämmigen Aloë-Gewächſe bilden nicht Gebüſche, wie andere geſell-ſchaftlich lebende Pflanzen; ſie ſtehen einzeln in dürren Ebenen, undgeben dadurch der Tropengegend oft einen eigenen melancholiſchen (manmöchte ſagen afrikaniſchen) Charakter. Zu dieſer Aloë-Form gehörenwegen phyſiognomiſcher Aehnlichkeit im Eindruck der Landſchaft: aus denBromeliaceen die Pitcairnien, welche in der Andeskette aus Felsritzenaufſteigen, die große Pournetia pyramidata (Atſchupalla der Hochebenenvon Neu-Granada), die amerikaniſche Aloë (Agava), Bromelia Ananas und B. Karatas; aus den Euphorbiaceen die ſeltenen Arten mit dicken, |291| kurzen, candelaberartig getheilten Stämmen; aus der Familie der As-phodeleen die afrikaniſche Aloë und der Drachenbaum, Dracaena Draco; endlich unter den Liliaceen die hochblühende Yucca. Wie die Aloë-Form ſich durch ernſte Ruhe und Feſtigkeit, ſo cha-rakteriſirt ſich die Grasform, beſonders die Phyſiognomie der baum-artigen Gräſer, durch den Ausdruck fröhlicher Leichtigkeit und beweglicherSchlankheit. Bambus Gebüſche bilden ſchattige Bogengänge in beidenIndien. Der glatte, oft geneigt hinſchwebende Stamm der Tropen-gräſer übertrifft die Höhe unſerer Erlen und Eichen. Schon in Italienfängt im Arundo Donax dieſe Form an, ſich vom Boden zu erheben,und durch Höhe und Maſſe den Naturcharakter des Landes zu beſtimmen. Mit der Geſtalt der Gräſer iſt auch die der Farren in den heißenErdſtrichen veredelt. Baumartige, bis 40 Fuß hohe Farren haben einpalmenartiges Anſehen; aber ihr Stamm iſt minder ſchlank, kürzerſchuppigrauher, als der der Palmen. Das Laub iſt zarter, locker ge-webt, durchſcheinend und an den Rändern ſauber ausgezackt. Dieſe co-loſſalen Farrnkräuter ſind faſt ausſchließlich den Tropen eigen; aber indieſen ziehen ſie ein gemäßigtes Klima dem ganz heißen vor. Da nundie Milderung der Hitze bloß eine Folge der Höhe iſt, ſo darf manGebirge, welche zwei- bis dreitauſend Fuß über dem Meere erhabenſind, als den Hauptſitz dieſer Form nennen. Hochſtämmige Farrnkräuterbegleiten in Südamerika den wohlthätigen Baum, der die heilende Fieber-rinde darbietet. Beide bezeichnen die glückliche Region der Erde, inwelcher ewige Milde des Frühlings herrſcht. Noch nenne ich die Form der Lilien-Gewächſe (Amaryllis, Ixia,Gladiolus, Pancratium), mit ſchilfartigen Blättern und prachtvollenBlüthen: eine Form, deren Hauptvaterland das ſüdlicheAfrikaiſt;ferner die Weidenform, in allen Welttheilen einheimiſch, und in denHochebenen von Quito, nicht durch die Geſtalt der Blätter, ſondern durchdie der Verzweigung, in Schinus Molle wiederholt; Myrten-Gewächſe (Metrosideros, Eucalyptus, Escallonia myrtilloides) Melaſtomen- und Lorbeer-Form. Am glühenden Sonnenſtrahl des tropiſchen Himmels gedeihen dieherrlichſten Geſtalten der Pflanzen. Wie im kalten Norden die Baum-rinde mit dürren Flechten und Laubmoſen bedeckt iſt, ſo beleben dortCymbidium und duftende Vanille den Stamm der Anacardien und derrieſenmäßigen Feigenbäume. Das friſche Grün der Pothos-Blätter undder Dracontien contraſtirt mit den vielfarbigen Blüthen der Orchideen.Rankende Bauhinien, Paſſifloren und gelbblühende Baniſterien umſchlingen |292| den Stamm der Waldbäume. Zarte Blumen entfalten ſich aus denWurzeln der Theobroma, wie aus der dichten und rauhen Rinde derCreſcentien und der Gustavia. Bei dieſer Fülle von Blüthen undBlättern, bei dieſem üppigen Wuchſe und der Verwirrung rankenderGewächſe wird es oft dem Naturforſcher ſchwer, zu erkennen, welchemStamme Blüthen und Blätter zugehören. Ein einziger Baum, mitPaullinien, Bignonien und Dendrobium geſchmückt, bildet eine Gruppevon Pflanzen, welche, von einander getrennt, einen beträchtlichen Erd-raum bedecken würden. In den Tropen ſind die Gewächſe ſaftſtrotzender, von friſcheremGrün, mit größeren und glänzenderen Blättern geziert als in dennördlichern Erdſtrichen. Geſellſchaftlich lebende Pflanzen, welche dieeuropäiſche Vegetation ſo einförmig machen, fehlen am Aequator beinahegänzlich. Bäume, faſt zweimal ſo hoch als unſere Eichen, prangendort mit Blüthen, welche groß und prachtvoll wie unſere Lilien ſind.An den ſchattigen Ufern des Magdalenenfluſſes in Südamerika wächſteine rankende Ariſtolochia, deren Blume, von vier Fuß Umfang, ſichdie indiſchen Knaben in ihren Spielen über den Scheitel ziehen. Imſüdindiſchen Archipel hat die Blüthe der Rafflesia faſt drei Fuß Durch-meſſer und wiegt über vierzehn Pfund. Die außerordentliche Höhe, zu welcher ſich unter den Wendekreiſennicht blos einzelne Berge, ſondern ganze Länder erheben, und die Kälte,welche Folge dieſer Höhe iſt: gewähren dem Tropen-Bewohner einenſeltſamen Anblick. Außer den Palmen und Piſang-Gebüſchen umgebenihn auch die Pflanzenformen, welche nur den nordiſchen Ländern anzu-gehören ſcheinen. Cypreſſen, Tannen und Eichen, Berberis-Sträucherund Erlen (nahe mit den unſrigen verwandt) bedecken die Gebirgsebenenim ſüdlichen Mexico, wie die Andeskette unter dem Aequator. So hatdie Natur dem Menſchen in der heißen Zone verliehen, ohne ſeineHeimath zu verlaſſen, alle Pflanzengeſtalten der Erde zu ſehen: wie dasHimmelsgewölbe von Pol zu Pol ihm keine ſeiner leuchtenden Weltenverbirgt. Dieſen und ſo manchen andern Naturgenuß entbehren die nordiſchenVölker. Viele Geſtirne und viele Pflanzenformen, von dieſen geradedie ſchönſten (Palmen, hochſtämmige Farren- und Piſang-Gewächſe,baumartige Gräſer und feingefiederte Mimoſen) bleiben ihnen ewig un-bekannt. Die krankenden Gewächſe, welche unſere Treibhäuſer einſchließen,gewähren nur ein ſchwaches Bild von der Majeſtät der Tropen-Vege-tation. Aber in der Ausbildung unſerer Sprache, in der glühenden |293| Phantaſie des Dichters, in der darſtellenden Kunſt der Maler iſt einereiche Quelle des Erſatzes geöffnet: Aus ihr ſchöpft unſere Einbildungs-kraft die lebendigen Bilder einer exotiſchen Natur. Im kalten Norden,in der öden Heide kann der einſame Menſch ſich aneignen, was in denfernſten Erdſtrichen erforſcht wird; und ſo in ſeinem Innern eine Weltſich ſchaffen, welche das Werk ſeines Geiſtes, frei und unvergänglichwie dieſer, iſt.

A. v. Humboldt.