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Alexander von Humboldt: „Ansichten der Natur mit wissenschaftlichen Erläuterungen von Alexander von Humboldt. Zwey Bände. Zweyte verbesserte und vermehrte Ausgabe. Stuttgart und Tübingen in der J. G. Cotta’schen Buchhandlung. 1826. 12.“, in: ders., Sämtliche Schriften digital, herausgegeben von Oliver Lubrich und Thomas Nehrlich, Universität Bern 2021. URL: <https://humboldt.unibe.ch/text/1806-Fragment_aus_der-04-neu> [abgerufen am 16.04.2024].

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Titel Ansichten der Natur mit wissenschaftlichen Erläuterungen von Alexander von Humboldt. Zwey Bände. Zweyte verbesserte und vermehrte Ausgabe. Stuttgart und Tübingen in der J. G. Cotta’schen Buchhandlung. 1826. 12.
Jahr 1827
Ort Stuttgart; Tübingen
Nachweis
in: Literatur-Blatt [Beilage zum Morgenblatt für gebildete Stände] 7 (23. Januar 1827), S. [25]–26.
Sprache Deutsch
Typografischer Befund Fraktur (Umlaute mit superscript-e); Spaltensatz.
Identifikation
Textnummer Druckausgabe: II.42
Dateiname: 1806-Fragment_aus_der-04-neu
Statistiken
Seitenanzahl: 2
Spaltenanzahl: 4
Zeichenanzahl: 9210

Weitere Fassungen
Fragment aus der am 30sten Jan. 1806 in der öffentlichen Sitzung der Königl. Akademie gehaltenen Vorlesung: Ideen zu einer Physiognomik der Gewächse (Berlin, 1806, Deutsch)
Ideen zu einer Physiognomik der Gewächse, von Alexander von Humboldt. Vorgelesen in der öffentlichen Sitzung der königl. preuss. Akademie der Wissenschaften am 30 Januar 1806. 29 S. 8. (Jena, 1806, Deutsch)
Ideen zu einer Physiognomik der Gewächse (Weimar, 1806, Deutsch)
Ansichten der Natur mit wissenschaftlichen Erläuterungen von Alexander von Humboldt. Zwey Bände. Zweyte verbesserte und vermehrte Ausgabe. Stuttgart und Tübingen in der J. G. Cotta’schen Buchhandlung. 1826. 12. (Stuttgart; Tübingen, 1827, Deutsch)
Die Fülle des Lebens in der Natur (Wien, 1828, Deutsch)
Ideen zu einer Physiognomik der Gewächse (London, 1830, Deutsch)
Ueber die Verbreitung und den verschiedenen Charakter des organischen Lebens, besonders der Pflanzen (Frankfurt am Main, 1831, Deutsch)
Ueber die Verbreitung und Mannigfaltigkeit des organischen Lebens, besonders der Pflanzen (Paris; Strasbourg, 1831, Deutsch)
О растенiяхъ [O rastenijach] (Sankt Petersburg, 1834, Russisch)
О повсемѣстномъ разлитiи жизни [O povseměstnom razlitii žizni] (Sankt Petersburg, 1834, Russisch)
Allgemeines Bild der Flora auf der Erde (Berlin, 1837, Deutsch)
Alexander von Humboldt (London, 1843, Deutsch)
Alexander von Humboldt (Stuttgart, 1843, Deutsch)
Das Leben in der Schöpfung (Darmstadt, 1843, Deutsch)
Das Leben in der Schöpfung (Breda, 1843, Deutsch)
Ideen zu einer Physiognomik der Gewächse (Berlin, 1843, Deutsch)
Alexander von Humboldt (Berlin, 1844, Deutsch)
Allgemeines Bild der Flora auf der Erde (Leipzig, 1843, Deutsch)
Ideen zu einer Physiognomik der Gewächse (München, 1845, Deutsch)
Beauties of Tropical Vegetation (Bradford, 1849, Englisch)
Beautiful Flowering Trees (Manchester, 1850, Englisch)
Beautiful Flowering Trees (Canterbury, 1850, Englisch)
Universal Diffusion of Life (Boston, Massachusetts, 1850, Englisch)
Vext-Fysiognomik (Helsinki, 1850, Schwedisch)
Beautiful Flowering Trees (Racine, Wisconsin, 1850, Englisch)
Der Pflanzenwuchs in den Tropen (London, 1850, Deutsch)
Ideen zu einer Physiognomik der Gewächse (Stuttgart; Tübingen, 1850, Deutsch)
Beautiful Flowering Trees (Boston, Massachusetts, 1851, Englisch)
Allgemeines Bild der Flora auf der Erde (Frankfurt am Main, 1851, Deutsch)
Histoire de la couche végétale du globe (Paris, 1852, Französisch)
La physionomie des plantes (Liège, 1852, Französisch)
Allgemeines Bild der Flora auf der Erde (Wien, 1853, Deutsch)
Das Leben in der Schöpfung (Leipzig, 1853, Deutsch)
Physiognomik der Pflanzenformen (Berlin, 1853, Deutsch)
Die Physiognomik der Gewächse (Hildburghausen; New York City, New York, 1853, Deutsch)
Physiognomik der Gewächse (Stuttgart, 1854, Deutsch)
Physiognomik der Pflanzenformen (Stuttgart, 1855, Deutsch)
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Anſichten der Natur mit wiſſenſchaftlichen Erläu-terungen von Alexander von Humboldt. ZweyBände. Zweyte verbeſſerte und vermehrte Aus-gabe. Stuttgart und Tübingen in der J. G.Cotta’ſchen Buchhandlung. 1826. 12.

Alexander von Humboldt, den man den Fürſtenunter den Naturforſchern nennen könnte, wie man wohlGoethe’n den Fürſten unter den Dichtern genannt hat,gibt uns hier zum zweyten Male ſein unübertrefflichesBild der tropiſchen Natur, und wir dürfen es als dasLieblingsgemälde dieſes großen Meiſters betrachten, denner hat es nicht nur mit philoſophiſchem Geiſt und wiſ-ſenſchaftlicher Strenge, ſondern auch mit dichteriſcherWahl und Vorliebe und mit jener ſchönen Leidenſchaftentworfen, die das Herz deſſen erfüllen mußte, der ineiner innigern Nähe die große Mutter Natur erkanntund den Schleyer der Iſis gelüftet. Darum gehört die-ſes Werk auch zu den ſeltenen, die gleich einem blumen-reichen Iſthmus aus dem Lande der Wiſſenſchaft hin-überreichen in die Poeſie, und Herz und Auge laben,während ſie den ſinnigen Geiſt mit mannigfachen neuenKenntniſſen und Aufſchlüſſen bereichern und erhellen.Man betrachte Linne’s Systema Vegetabilium, das großetrockene Regiſter von Wörtern und Zahlen, in deren tod-ten Formeln die ganze blühende Vegetation der Erdeeingetrocknet liegt, und nun auf der andern Seite Hum-boldts Anſichten der Natur, worin im lebendigen Pano-rama die hohen Veſuve ſich erheben über den ewigenSchnee der Cordilleren, und das unendliche Meer la-chende ſonnenhelle Küſten umarmt, und dieſe die wim-melnde Menge der tropiſchen Pflanzen tragen, in einemunauflöslichen ewig blühenden Blumenkranz, und manwird dem genialen Maler die Genugthuung nicht ver-ſagen können, daß es etwas mehr heißt, die Natur gleichder meerentſtiegenen Göttin in ihrer plaſtiſchen Vollen-dung zu bilden, als ihre Reize nur anatomiſch zu zerlegenund die reizenden Glieder abgeriſſen im Spiritus der |Spaltenumbruch| Syſteme aufzuhängen. Humboldt ſpricht dieſe Anſichtſelber aus, vorzüglich in Bezug auf die Pflanzenwelt.Die nachfolgende Stelle ſeines Werkes wird auf dieganze Naturanſicht des großen Forſchers ein helles Lichtwerfen und jede weitere Erklärung überflüſſig machen. „Jede Zone hat außer den, ihr eigenen Vorzügenauch ihren eigenthümlichen Charakter. So wie man aneinzelnen organiſchen Weſen eine beſtimmte Phyſiognomieerkennt; wie beſchreibende Botanik und Zoologie, imengern Sinne des Worts, faſt nichts als Zergliederungder Thier- und Pflanzenformen iſt: ſo gibt es auch einegewiſſe Naturphyſiognomie, welche jedem Himmelstricheausſchließlich zukommt. „Was der Maler mit den Ausdrücken ſchweizer Na-tur, italieniſcher Himmel bezeichnet, gründet ſich auf dasdunkle Gefühl dieſes lokalen Naturcharakters. Himmel-bläue, Beleuchtung, Duft, der auf der Ferne ruht, Ge-ſtalt der Thiere, Saftfülle der Kräuter, Glanz des Lau-bes, Umriß der Berge — alle dieſe Elemente beſtimmenden Totaleindruck einer Gegend. Zwar bilden unterallen Zonen dieſelben Gebirgsarten Trachyt, Baſalt,Porphyr-Schiefer und Dolomit, Felsgruppen derſelbenPhyſiognomie. Die Grünſteinklippen in Süd-Amerika und Mexiko gleichen denen des deutſchen Fichtelgebirges,wie unter den Thieren die Form des Alco oder der ur-ſprünglichen Hunderace des neuen Continents mit dereuropäiſchen Race übereinſtimmt. Denn die unorganiſcheRinde der Erde iſt gleichſam unabhängig von klimatiſchenEinflüſſen; ſey es, daß der Unterſchied der Klimate neuerals das Geſtein iſt; ſey es, daß die erhärtende, wärme-entbindende Erdmaſſe ſich ſelbſt ihre Temperatur gab,ſtatt ſie von außen zu empfangen. Alle Formationenſind daher allen Weltgegenden eigen, und in allen gleichgeſtaltet. Ueberall bildet der Baſalt Zwillingsberge undabgeſtumpfte Kegel; überall erſcheint der Trapp-Porphyr ingrotesken Felsmaſſen, der Granit in ſanftrundlichenKuppen. Auch ähnliche Pflanzenformen, Tannen undEichen bekränzen die Berghänge in Schweden, wie diedes ſüdlichſten Theils von Mexiko. Und bey aller dieſer |26| |Spaltenumbruch| Uebereinſtimmung in den Geſtalten, bey dieſer Gleichheitder einzelnen Umriſſe, nimmt die Gruppirung derſelbenzu einem Ganzen doch den verſchiedenſten Charakter an. „So wie die Kenntniß der Foſſilien ſich von der Ge-birgslehre unterſcheidet, ſo iſt von der individuellen Na-turbeſchreibung die allgemeine oder die Phyſiognomik derNatur verſchieden. Georg Forſter in ſeinen Reiſen undin ſeinen kleinen Schriften; Goethe in den Naturſchilde-rungen, welche ſo manche ſeiner unſterblichen Werke ent-halten; Herder, Büffon, Bernardin de St. Pierre, undChateaubriand haben mit unnachahmlicher Wahrheit denCharakter einzelner Himmelsſtriche geſchildert. SolcheSchilderungen ſind aber nicht bloß dazu geeignet, demGemüthe einen Genuß der edelſten Art zu verſchaffen;nein, die Kenntniß von dem Naturcharakter verſchiedenerWeltgegenden iſt mit der Geſchichte des Menſchengeſchlech-tes und mit der ſeiner Kultur auf’s innigſte verknüpft.Denn wenn auch der Anfang dieſer Kultur nicht durchphyſiſche Einflüſſe allein beſtimmt wird, ſo hängt dochdie Richtung derſelben, ſo hängen Volkscharakter, düſtereoder heitere Stimmung der Menſchheit größtentheilsvon klimatiſchen Verhältniſſen ab. Wie mächtig hat dergriechiſche Himmel auf ſeine Bewohner gewirkt! Wieſind nicht in dem ſchönen und glücklichen Erdſtriche zwi-ſchen dem Orus, dem Tigris und dem ägeiſchen Meeredie ſich anſiedelnden Völker zuerſt zu ſittlicher Anmuthund zarteren Gefühlen erwacht! Und haben nicht, alsEuropa in neue Barbarey verſank, und religiöſe Begei-ſterung plötzlich den heiligen Orient öffnete, unſere Vor-eltern aus jenen milden Thälern von Neuem mildereSitten heimgebracht! Die Dichterwerke der Griechenund die rauheren Geſänge der nordiſchen Urvölker ver-dankten größtentheils ihren eigenthümlichen Charakter derGeſtalt der Pflanzen und Thiere, den Gebirgsthälern,die den Dichter umgaben, und der Luft, die ihn um-wehte. Wer fühlt ſich nicht, um ſelbſt nur an nahe Ge-genſtände zu erinnern, anders geſtimmt in dem dunkelnSchatten der Buchen, oder auf Hügeln, die mit einzelnſtehenden Tannen bekränzt ſind; oder auf der Grasflur,wo der Wind in dem zitternden Laube der Birken ſäu-ſelt! Melancholiſche, ernſterhebende, oder fröhliche Bil-der rufen dieſe vaterländiſchen Pflanzengeſtalten in unshervor. Der Einfluß der phyſiſchen Welt auf die mora-liſche, dieß geheimnißvolle Ineinanderwirken des Sinn-lichen und Außerſinnlichen, gibt dem Naturſtudium,wenn man es zu höheren Geſichtspunkten erhebt, eineneigenen, noch zu wenig gekannten Reiz. „Wenn aber auch der Charakter verſchiedener Welt-gegenden von allen äußeren Erſcheinungen zugleich ab-hängt, wenn Umriß der Gebirge, Phyſiognomie der Pflan-zen und Thiere, wenn Himmelbläue, Wolkengeſtalt und |Spaltenumbruch| Durchſichtigkeit des Luftkreiſes den Totaleindruck bewir-ken; ſo iſt doch nicht zu läugnen, daß das Hauptbeſtim-mende dieſes Eindrucks die Pflanzendecke iſt. Dem thie-riſchen Organismus fehlt es an Maſſe, und die Be-weglichkeit der Individuen entzieht ſie oft unſern Bli-cken. Die Pflanzenſchöpfung wirkt dagegen durch ſtetigeGröße auf unſere Einbildungskraft. Ihre Maſſe be-zeichnet ihr Alter, und in den Gewächſen allein iſt Al-ter und Ausdruck ſtets ſich erneuernder Kraft mit ein-ander gepaart. Der rieſenförmige Drachenbaum, den ichauf den kanariſchen Inſeln ſah, und der ſechszehn Schuhim Durchmeſſer hat, trägt noch immerdar (gleichſam inewiger Jugend) Blüthe und Frucht. Als franzöſiſcheAbenteurer, die Bethencourts, im Anfang des fünfzehn-ten Jahrhunderts die glücklichen Inſeln eroberten, warder Drachenbaum von Oratava (den Eingebornen heiligwie der Oelbaum in der Burg zu Athen, oder dieUlme zu Epheſus) von eben der koloſſalen Stärke alsjezt. In den Tropen iſt ein Wald von Hymeneen undCäſalpinien vielleicht das Denkmal von einem Jahr-tauſend. „Umfaßt man mit einem Blick die verſchiedenenPflanzenarten, welche bereits auf dem Erdboden entdecktſind, und deren Zahl nach Decandolle’s Schätzung über56,000 beträgt, ſo erkennt man in dieſer wundervollenMenge wenige Hauptformen, auf welche ſich alle andernzurückführen laſſen. Zur Beſtimmung dieſer Formen,von deren individueller Schönheit, Vertheilung undGruppirung die Phyſiognomie der Vegetation eines Lan-des abhängt, muß man nicht (wie in den botaniſchenSyſtemen aus andern Beweggründen geſchieht) auf diekleinſten Theile der Blüthen und Früchte, ſondern nurauf das Rückſicht nehmen, was durch Maſſe den Total-eindruck einer Gegend individualiſirt. Unter den Haupt-formen der Vegetation gibt es allerdings ganze Fami-lien der ſogenannten natürlichen Syſteme. Bananen-gewächſe und Palmen werden auch in dieſen einzeln auf-geführt. Aber der botaniſche Syſtematiker trennt eineMenge von Pflanzengruppen, welche der Phyſiognomikerſich gezwungen ſieht, mit einander zu verbinden. Wodie Gewächſe ſich als Maſſen darſtellen, fließen Umriſſeund Vertheilung der Blätter, Geſtalt der Stämme undZweige in einander. Der Maler (und gerade dem fei-nen Naturgefühle des Künſtlers kommt hier der Aus-ſpruch zu!) unterſcheidet in dem Mittel- und Hinter-grunde einer Landſchaft Tannen- oder Palmengebüſchevon Buchen, nicht aber dieſe von andern Laubholzwäl-dern!“