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Alexander von Humboldt: „Berührungen der russischen Macht mit den spanischen Colonien in Amerika, nebst Nachrichten über die neueste Entdeckungs-Politik verschiedener europäischen Mächte im Nord-Westen dieses Welttheils, aus Hrn. v. Humbolds Werke über Mexiko“, in: ders., Sämtliche Schriften digital, herausgegeben von Oliver Lubrich und Thomas Nehrlich, Universität Bern 2021. URL: <https://humboldt.unibe.ch/text/1809-Voyage_de_MM-04-neu> [abgerufen am 17.04.2024].

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Titel Berührungen der russischen Macht mit den spanischen Colonien in Amerika, nebst Nachrichten über die neueste Entdeckungs-Politik verschiedener europäischen Mächte im Nord-Westen dieses Welttheils, aus Hrn. v. Humbolds Werke über Mexiko
Jahr 1809
Ort Tübingen
Nachweis
in: Europäische Annalen 4:12 (1809), S. 252–279.
Sprache Deutsch
Typografischer Befund Fraktur (Umlaute mit superscript-e); Antiqua für Fremdsprachiges; Auszeichnung: Sperrung.
Identifikation
Textnummer Druckausgabe: II.76
Dateiname: 1809-Voyage_de_MM-04-neu
Statistiken
Seitenanzahl: 28
Zeichenanzahl: 50288

Weitere Fassungen
Voyage de MM. Humboldt et Bonpland (Paris, 1809, Französisch)
Essai politique sur le royaume de la Nouvelle-Espagne (Paris, 1809, Französisch)
Fragmente aus dem neuesten Hefte des v. Humboldt’schen Werkes über den politischen Zustand des Königreichs Neu-Spanien (Stuttgart; Tübingen, 1809, Deutsch)
Berührungen der russischen Macht mit den spanischen Colonien in Amerika, nebst Nachrichten über die neueste Entdeckungs-Politik verschiedener europäischen Mächte im Nord-Westen dieses Welttheils, aus Hrn. v. Humbolds Werke über Mexiko (Tübingen, 1809, Deutsch)
Account of the Character and present Condition of the different Classes of Inhabitants in Mexico, or New Spain (Edinburgh, 1810, Englisch)
Humboldt’s History of New Spain (Boston, Massachusetts, 1811, Englisch)
Humboldt’s History of New Spain (Providence, Rhode Island, 1811, Englisch)
Humboldt’s History of New Spain (Philadelphia, Pennsylvania, 1811, Englisch)
Humboldt’s History of New-Spain (Washington, District of Columbia, 1811, Englisch)
Humboldt’s History of New Spain (Worcester, Massachusetts, 1811, Englisch)
Humboldt’s History of New Spain (Philadelphia, Pennsylvania, 1811, Englisch)
Humboldt’s History of New-Spain (Washington, District of Columbia, 1811, Englisch)
Humboldt’s History of New-Spain (Concord, Massachusetts, 1811, Englisch)
Humboldt’s History of New Spain (Charleston, South Carolina, 1811, Englisch)
[Voyage de MM. Humboldt et Bonpland] (Oxford, 1811, Englisch)
[Voyage de MM. Humboldt et Bonpland] (London, 1811, Englisch)
General Considerations on the Extent and Physical Aspect of the Kingdom of New Spain, from Baron de Humboldt’s Political Essay on the Kingdom of New Spain (Philadelphia, Pennsylvania, 1811, Englisch)
Present State of the Kingdom of Mexico (London, 1811, Englisch)
From the Baron Humboldt’s ‚Political essay on the kingdom of New-Spain‘ (St. Louis, Missouri, 1812, Englisch)
Political Essay in the Kingdom of New Spain, containing researches relative to the geography of Mexico, the extent of ist surface, and its political division into intendancies, &c. &c. With physical sections and maps, founded on astronomical observations, and trigonometrical and barometrical measurements. Translated from the original French, by John Black. Vols. I and II. New-York. Riley, 1811. 8vo. (New York City, New York, 1811, Englisch)
Mexico (Providence, Rhode Island, 1816, Englisch)
Brief Description of the City of Mexico (Washington, District of Columbia, 1817, Englisch)
Extract from Humboldt’s New Spain. Brief description of the City of Mexico (Alexandria, Virginia, 1817, Englisch)
Brief description of the city of Mexico (Trenton, New Jersey, 1817, Englisch)
Interesting Geographical Notice (Newburyport, Massachusetts, 1819, Englisch)
Idea of Mexican Wealth (New York City, New York, 1819, Englisch)
[Interesting Geographical Notice] (Boston, Massachusetts, 1819, Englisch)
Idea of Mexican Wealth (Pittsburgh, Pennsylvania, 1819, Englisch)
Interesting geographical notice (Gettysburg, Pennsylvania, 1819, Englisch)
Interesting geographical notice (Baltimore, Maryland, 1819, Englisch)
Translation from Humboldt’s Essai Politique, &c. Vol. 1, p. 8, &c. (Mount Pleasant, Ohio, 1819, Englisch)
Idea of Mexican Wealth (Philadelphia, Pennsylvania, 1819, Englisch)
Mexico (Providence, Rhode Island, 1820, Englisch)
Mexico (Danville, Kentucky, 1820, Englisch)
Mexico (Mobile, Alabama, 1820, Englisch)
[Voyage de MM. Humboldt et Bonpland] (Salem, Massachusetts, 1821, Englisch)
The City of Mexico (Annapolis, Maryland, 1821, Englisch)
Essay on the possibility of effecting a navigable communication between The Atlantic and the Pacific Ocean (London, 1830, Englisch)
[Voyage de MM. Humboldt et Bonpland] (Albany, New York, 1832, Englisch)
How they do in Mexico (Boston, Massachusetts, 1832, Englisch)
Mexican Wealth (Wilmington, North Carolina, 1847, Englisch)
Mexican Wealth (Hillsborough, North Carolina, 1847, Englisch)
Historical, Topographical, and Geographical Sketch of the Californias (New Orleans, Louisiana, 1849, Englisch)
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Beruͤhrungen der ruſſiſchen Macht mit denſpaniſchen Colonien in Amerika, nebſt Nach-richten uͤber die neueſte Entdeckungs-Politikverſchiedener europaͤiſchen Maͤchte im Nord-Weſten dieſes Welttheils, aus Hrn. v. Hum-bolds Werke uͤber Mexiko.


Die Kuͤſten, welche ſich von dem Hafen S. Franciscound dem Kap Mendocino bis nach den Niederlagen der Ruſ-ſen in der Prinz Wilhelms-Bai (Prince William’sSound) erſtrecken, wurden ſchon ſeit dem Ende des ſechs-zehnten Jahrhunderts von ſpaniſchen Schiffern befahren.Erſt 1774 aber ließen ſie die Vice-Koͤnige von Neu-Spanien ſorgfaͤltig unterſuchen. Eine ganze Zahl vonExpeditionen, welche von den Haͤfen von Acapulco, SanBlas und Montorey auf Entdeckungen ausgiengen, folg-ten ſich bis aufs Jahr 1692. Die Colonie, welche dieSpanier auf Nutka gruͤnden wollten, hat einige Zeitlang die Aufmerkſamkeit aller europaͤiſchen Seemaͤchteauf ſich gezogen. Einige Schoppen, die man auf derKuͤſte aufſchlug, eine erbaͤrmliche Baſtion, welche mitSteinſtuͤcken vertheidigt ward, und einiger Kohl, derman in einem Gehaͤge pflanzte, entzuͤndeten beinah einenKrieg zwiſchen Spanien und England, und nur durchdie Zerſtoͤrung der Niederlaſſung auf der Quadra- und Vancouver-Inſel hat der Tays, oder Fuͤrſt vonNutka Macuina, ſeine Unabhaͤngkeit erhalten. Seit1786 haben verſchiedene europaͤiſche Nationen dieſe Ge-genden wegen des Handels mit See-Otter-Fellen be-ſucht. Allein da zu viele kamen, hatte es ſowohl fuͤrſie ſelbſt, als fuͤr die Eingebohrnen nachtheilige Folgen.Der Preis des Pelzwerks ſtieg auf den Kuͤſten von Ame-rika, waͤhrend er in China außerordentlich ſank. DieSittenverderbniß nahm bei den Indianern zu, und dieEuropaͤer ſuchten, im Geiſte derſelben Politik, welche |253|die afrikaniſchen Kuͤſten mit ſo vielem Blute befleckt hat,aus der Uneinigkeit der Tays Nutzen zu ziehen. Ver-ſchiedene Matroſen, und gerade die allerliederlichſten,rißen aus, und ließen ſich unter den Eingebohrnen nie-der. Daher bemerkt man in Nutka, wie auf den Sand-wich-Inſeln, bereits ein abſcheuliches Gemiſch von Bar-barei der Urzeit mit den Laſtern des verfeinerten Euro-pa’s. Unmoͤglich kann man glauben, daß die Bewoh-ner fuͤr dieſe wirklichen Uebel durch einige Gemuͤße-Gat-tungen des alten Kontinents, welche die Reiſenden indieſe fruchtbaren Gegenden verpflanzt haben, und die inder Liſte der Wohlthaten prangen, mit welchen die Euro-paͤer die Bewohner der Inſeln des großen Ozeans uͤber-haͤuft zu haben ſich ruͤhmen, entſchaͤdigt worden ſeyen. Im ſechszehenten Jahrhundert, in der ruhmvollenZeit, da die ſpaniſche Nation, durch ein Zuſammentref-fen außerordentlicher Umſtaͤnde beguͤnſtigt, alle Huͤlfsmit-tel ihres Genies und ihre ganze Charakterkraft in hoherFreiheit entwickelte, beſchaͤftigte das Problem einer Durchfahrt gegen Nord-Weſten, um den ge-raden Weg nach Oſtindien zu finden, die kaſtiliſchenKoͤpfe eben ſo warm, als es ſeit dreißig und vierzigJahren den Geiſt anderer Nationen bewegt hat. Wirwollen die apogryphiſchen Reiſe-Beſchreibungen eines Ferrer, Maldonado, Juan de Fuca und Bar-tolomé Fonte nicht anfuͤhren, auf welche man ſolange einen uͤbertriebenen Werth geſetzt hat. Die mei-ſten Unwahrheiten, die unter dem Nahmen von dieſendrei Schiffern im Umlauf waren, ſind durch die muͤh-ſeligen und gelehrten Unterſuchungen mehrerer ſpaniſchenMarine-Offiziere in ihrer Bloͤße gezeigt worden. Stattbeinah fabelhafte Nahmen anzufuͤhren, und uns in un-gewiße Hypotheſen zu verlieren, werden wir blos dasangeben, was durch hiſtoriſche Dokumente unbezweifel-bar erwieſen iſt. Folgende Nachrichten, welche zumTheil aus den handſchriftlichen Memoiren von Don An-tonio Bonilla und Herrn Caſaſola, die in den Archiven |254|der Vice-Koͤnige in Mexiko aufbewahrt werden, gezogenſind, enthalten Thatſachen, deren Zuſamenſtellung dieAufmerkſamkeit der Leſer gewinnen kann. Wenn wir,ſo zu ſagen, das mannigfaltige Gemaͤhlde der National-Thaͤtigkeit entwickeln, wie ſie bald aufwachte, bald ſchlum-merte, ſo werden dieſe Nachrichten ſelbſt diejenigen in-tereſſiren, welche nicht glauben, daß ein, von freienMenſchen bewohntes, Land derjenigen europaͤiſchen Na-tion, die es zuerſt geſehen, darum angehoͤre. Die Nahmen Cabrillo und Gali ſind nicht ſo be-ruͤhmt geworden, wie die von Fuca und Fonte. DieWahrheit hat in der Erzaͤhlung eines beſcheidenen Schif-fers den Reitz und das Hinreißende der Taͤuſchung nicht. Juan Rodriguez Cabrillo unterſuchte die Kuͤſten von Neu-Kalifornien bis zum 37° 10′, oder bis zur Puntadel año nuevo, noͤrdlich von Monterey. Er ſtarb(den 3. Jan. 1543) auf der Inſel San Bernardo, beimKanal von Santa Barbara; allein ſein Pilote, Barto-lomé Ferrela, ſetzte ſeine Entdeckungen nordwaͤrts biszum 43. Grad der Breite fort, wo er die Kuͤſten vomweißen Vorgebirge ſah, welches Vancouver das CapOrford genannt hat. Francisca Gali entdeckte, auf ſeiner Reiſe vonMacao nach Acapulco, im Jahr 1582, die Kuͤſte desnordweſtlichen Amerika’s unter dem 57° 30′. Auch erbewunderte, wie alle, die nach ihm Neu-Kornwallisbeſucht haben, die Schoͤnheit der koloſſalen Gebirge,deren Spitze mit ewigem Schnee bedeckt, und derenFuß mit ſchoͤner Vegetation geſchmuͤckt iſt. Wenn mandie alten Beobachtungen an den Orten, deren Identitaͤtanerkannt iſt, durch die neuen verbeſſert, ſo findet man,daß Gali einen Theil des Archipels von Prinz Wallis,oder des von Koͤnig Georg durchſegelt hat. Sir Fran-cis Drake (1578) war nicht weiter in Neu-Georgiengekommen, als bis zum 48° der Breite, nordwaͤrts vomCap Grenville. |255| Von den beiden Expeditionen, welche SebaſtianVizcayno, 1596 und 1602 unternommen hat, warnur die letztere nach den Kuͤſten von Neu-Kalifornien gerichtet. Die zwei und dreißig Karten, welche der Kos-mograph, Heinrich Martinez, zu Mexico verfertigt, be-weiſen, daß Vizcayno dieſe Kuͤſten mit weit mehr Sorg-falt und Einſicht aufgenommen, als kein andrer Piloteje vor ihm gethan hat. Indeß verhinderten ihn dieKrankheiten ſeiner Mannſchaft, der Mangel an Lebens-mitteln und die außerordentlich ſtrenge Jahrszeit jenſeitsdes Cap’s San Sebaſtian vorzudringen, das unter dem42° Grad der Breite, etwas noͤrdlich von der Dreieinig-keits-Bai, liegt. Nur ein einziges Schiff von Vizcay-no’s Expedition, die, von Antonio Florez kommandirte,Fregatte kam uͤber das Cap Mendocino hinaus, und ge-langte unter den 43° der Breite, an die Muͤndung ei-nes Fluſſes, den Cabrillo ſchon 1543 gekannt zu habenſcheint, und welchen der Faͤhndrich Martin de Aguilar fuͤr das weſtliche Ende der Meerenge von Anian gehal-ten hat. Indeß muß man dieſen Eingang oder Flußdes Aguilar, den man zu unſrer Zeit nicht mehr findenkonnte, nicht mit der Muͤndung des Rio Colombia(46° 15′ Br.) verwechſeln, der durch die Reiſen von Vancouver, Gray und des Kapitaͤn Lewis beruͤhmt ge-worden iſt. Mit Gali und Vizcayno endigt ſich die glaͤnzendeEpoche der Entdeckungen, welche die Spanier in altenZeiten auf der Nord-Weſt-Kuͤſte von America gemachthaben. Die Geſchichte der Schiffahrten des ſiebenzehen-ten und der erſten Haͤlfte des achtzehenden Jahrhundertsenthaͤlt keine Unternehmung, welche von den mexikani-ſchen Kuͤſten nach dieſem ungeheuren Litoral gemachtworden waͤre, das ſich von dem Cap Mendocino bis andie Graͤnzen von Oſt-Aſien erſtreckt. Statt der ſpani-ſchen Flagge ſah man in dieſen Gegenden (1741)nur die ruſſiſche von den Schiffen wehen, welche die |256|beiden muthigen Seemaͤnner, Bering und Tſchiricow,befehligten. Nach einer Friſt von beinah hundert und ſiebenzigJahren richtete der Hof von Madrid ſeine Blicke wie-derum auf die Kuͤſten des großen Ozeans. Indeß wares nicht blos das Verlangen, fuͤr die Wiſſenſchaften nuͤtz-liche Entdeckungen zu machen, das die Regierung ausihrer Lethargie erweckte, ſondern mehr die Beſorgniß,auf ihren noͤrdlichſten Beſitzungen in Neu-Spanien ange-griffen zu werden, da ſie europaͤiſche Niederlaſſungen inder Naͤhe von ihren kaliforniſchen entſtehen ſah. Vonallen ſpaniſchen Expeditionen, welche von 1774 bis1792 unternommen wurden, waren nur die beiden letz-tern eigentliche Entdeckungsausruͤſtungen. Sie wurdenvon Offizieren befehligt, deren Arbeiten ausgebreiteteKenntniſſe in der nautiſchen Aſtronomie verrathen. DieNahmen Alexander Malaspina, Galiano, Espinoſa,Valdes und Vernaci, werden in dem Verzeichniß derunterrichteten und muthigen Seefahrer, denen die Weltgenaue Nachrichten uͤber die Nord-Weſt-Kuͤſte des neuenKontinents verdankt, immer einen ehrenvollen Platz be-haupten. Konnten ihre Vorgaͤnger ihren Operationennicht ſo viel Vollkommenheit geben, ſo war es, weil ſievon den Haͤfen von San Blas oder Monterey ausliefen,wo es ihnen an Inſtrumenten und andern Huͤlfsmittelnfehlte, die das civiliſirte Europa anbietet. Die erſte wichtige Ausruͤſtung, welche nach Viz-cayno’s Reiſe gemacht wurde, iſt die von Juan Pe-rez, der die Korvette Santiago, ſonſt Nueva-Galiziagenannt, kommandirte. Da weder Cook, noch Bar-rington, noch Herr Fleurieu, von dieſer wichtigen ReiſeKenntniß gehabt zu haben ſcheinen, ſo will ich hier ver-ſchiedene Umſtaͤnde aus einem handſchriftlichen Tagebuchgezogen, mittheilen, welche ich der Guͤte des Herrn Don Guillermo, Aguirre, Mitglied der Audiencia von Mexico,verdanke. Perez und ſein Pilote, Eſtevan Joſé Marti- |257|nez liefen den 24. Januar 1774 aus dem Hafen vonSan Blas aus. Sie hatten Befehl, die ganze Kuͤſtevon dem Hafen von St. Karl von Monterey bis zum60° der Breite zu unterſuchen. Da ſie in Montereyeingelaufen waren, ſo giengen ſie den 7. Juni aufs Neueunter Segel. Den 20. Juli entdeckten ſie die Inſel Mar-garetha; (die Nord-Weſtſpitze der Koͤniginn Charlotten-Inſel) und die Meerenge, welche dieſe Inſel von derdes Prinz von Wallis ſcheidet. Den 9. Auguſt giengenſie, als die erſten unter allen europaͤiſchenSeefahrern, auf der Rhede von Nutka vor Anker,die ſie den Hafen von San Lorenzo nannten, und wel-cher der beruͤhmte Cook, vier Jahre ſpaͤter, denNahmen King George’s Soun gegeben hat. Sietrieben einigen Tauſchhandel mit den Indianern, bei wel-chen ſie Eiſen und Kupfer ſahen, und gaben ihnen Hackenund Meſſer fuͤr Leder und See-Otter-Pelze. Perez konn-te wegen ſchlechten Wetters und hoher, ſtuͤrmiſcher Seenicht ans Land gehen, und ſeine Schaluppe waͤre bei ei-nem Landungs-Verſuch, den ſie machten, beinahe zuGrunde gegangen. Die Korvette ſah ſich ſogar genoͤ-thigt, ihre Taue abzuſchneiden, und die Anker im Stichzu laſſen, um die Weite zu gewinnen. Die Eingebohr-nen ſtahlen verſchiedene Dinge, welche Perez und ſeinerMannſchaft gehoͤrten, und dieſer Umſtand, den dasTagebuch des Peters Crespi ausdruͤcklich anfuͤhrt, magdas beruͤhmte Problem von den ſilbernen Loͤffeln und an-dern Fabrikartikeln erklaͤren, welche der Kapitaͤn Cook 1778 bei den Indianern von Nutka gefunden hat. DieCorvette Santiago kehrte den 27. Auguſt 1774 wiedernach Monterey zuruͤck, nachdem ſie acht Monate inSee geweſen war. Im folgenden Jahr verließ eine zwote Expedition,unter dem Befehl von Don Bruno Heceta, DonJuan de Ayala, und Don Juan de la Bodegay Quadra den Hafen von San Blas. Dieſe Reiſe, |258|welche die Entdeckung der Nordweſt-Kuͤſte ganz beſon-ders erweitert hat, iſt durch das Tagebuch des Piloten Maurelle bekannt, welches von Barrington bekanntgemacht, und den Inſtruktionen des ungluͤcklichen Lapé-rouſe beigefuͤgt worden iſt. Quadra entdeckte die Muͤn-dung des Rio Colombia, welche die Einfahrt vonHeceta genannt wurde, den Pic von San Jacinto(Mount Edgecumbe), bei der Bai von Norfolk, undden ſchoͤnen Hafen von Bucareli, (55° 24′ derBr.) der, wie wir durch Vancouvers Unterſuchungenwiſſen, zur Weſt-Kuͤſte der großen Inſel in dem PrinzWallis Archipel gehoͤrt. Dieſer Hafen iſt von ſiebenVulkanen umgeben, deren mit ewigem Schnee bedeckteGipfel Feuer und Aſche auswerfen. Herr Quadra fanddaſelbſt eine Menge Hunde, deren ſich die Indianer zuihren Jagden bedienten. Ich beſitze gar kleine, aberſehr merkwuͤrdige Karten, welche 1788 in der StadtMexico geſtochen worden ſind, und die Lage der Kuͤſtenvom 17° bis 58° der Breite darſtellen, wie ſie waͤh-rend Quadras Expedition aufgenommen wurden. Im Jahr 1776 befahl der Hof von Madrid demVice-Koͤnig von Mexico eine neue Expedition zur Unterſu-chung der Kuͤſten von Amerika bis zum 70° der Nordbreiteauszuruͤſten. Zu dieſem Zweck wurden zu Guayaquilzwei Korvetten, la Princeſa und la Favorita, er-baut; allein dieſer Bau gieng ſo langſam, daß die,von Quadra und Don Ignatio Artnaga befehligte Expe-dition erſt den 11. Februar 1779 vom Hafen von SanBlas aus unter Segel gehen konnte. Inzwiſchen hatte Cook gerade dieſe Kuͤſten beſucht. Quadra und der Pi-lote, Don Francisco Maurelle, unterſuchten aufs ge-nauſte den Hafen von Bucareli, den Sankt Elias-Berg,die Magdalenen-Inſel, welche Vancouver die InſelHinchinbrok (60° 25′ der Br.) genannt hat, und dieam Eingang der Prinz Wilhelm’s-Bai liegt, und dieInſel Regla, eine der unfruchtbaren Inſeln im Cook’s- |259|Strom. Die Expedition kam den 21. Nov. 1779 wie-der nach San Blas zuruͤck. Ich finde in einer Hand-ſchrift, welche ich in Mexico erhalten habe, daß dieSchieferfelſen in der Naͤhe des Hafens von Bucareli, aufder Prinz Wallis-Inſel, Metall-Gaͤnge enthalten. Der denkwuͤrdige Krieg, durch welchen ein großerTheil des noͤrdlichen Amerika’s ſeine Freiheit erhaltenhat, verhinderte die Vice-Koͤnige von Mexico, die Ent-dekungs-Unternehmungen nordwaͤrts vom Cap Mendo-cino zu verfolgen. Der Hof von Madrid befahl die Ex-peditionen ſolang, als die Feindſeligkeiten zwiſchen Spa-nien und England dauren wuͤrden, zu verſchieben. Die-ſer Aufſchub verlaͤngerte ſich noch geraume Zeit nach demFrieden von Verſailles, und erſt im Jahr 1788 liefenzwei ſpaniſche Schiffe, die Fregatte la Princeſa unddas Paketboot San Carlos, unter dem Befehl von Don Eſtevan Martinez und Don GonzaloLopez de Haro mit dem Plan, die Lage und denZuſtand der ruſſiſchen Niederlaſſungen auf der Nordweſt-Kuͤſte von Amerika zu unterſuchen, aus dem Hafen vonSan Blas aus. Die Exiſtenz dieſer Niederlaſſungen,von der man in Madrid erſt ſeit der Bekanntmachungvon des beruͤhmten Cook’s dritter Reiſe Kunde erhaltenzu haben ſcheint, beunruhigte die ſpaniſche Regierungſehr. Sie ſah es ungern, daß der Pelzwerk-Handelengliſche, franzoͤſiſche und amerikaniſche Schiffe nach ei-ner Kuͤſte lokte, welche, vor der Ruͤkkehr des LieutenantsKing nach London, ſo wenig von den Europaͤern beſuchtworden war, als von Nuyts-Land, oder Endracht’s-Land in Neu-Holland. Die Expedition von Martinez und Haro dauertevom 8ten Maͤrz bis zum 5ten December 1788. DieſeSeefahrer ſteuerten vom Hafen von San Blas geradezunach der Prinz Wilhelms-Einfahrt, welche die Ruſſenden Golf Tſchugatskaja nennen. Sie beſuchtenden Cook’s-Strom, die Inſeln Kichtak, (Kodiak) Schumagin, Unimak und Unulaſchka (Ona- |260|laska). In den verſchiedenen ruſſiſchen Faktorien, wel-che ſie im Cook’s-Strom und auf Unalaſchka fanden,wurden ſie ſehr freundſchaftlich behandelt, und man theilteihnen ſogar mehrere Karten mit, welche die Ruſſen vondieſen Gegenden aufgenommen hatten. In den Archi-ven der Vice-Koͤnige in Mexico fand ich einen dikenFolio-Band mit dem Titel: Reconocimiento delos quatro establecimientos Russos alNorte de la California, hecho en 1788. Indeß liefert die hiſtoriſche Beſchreibung von Martinez Reiſen, welche in dieſer Handſchrift enthalten iſt, nurſehr wenige Angaben uͤber die ruſſiſchen Kolonien im neuen Kontinent. Niemand von der Mannſchaft ver-ſtand ein Wort Ruſſiſch, und man konnte ſich nicht an-ders, als durch Zeichen, verſtaͤndlich machen; indemman bei dieſer, ſo fernhin unternommenen, Expeditionvergeſſen hatte, einen Dolmetſcher aus Europa kommen zulaſſen. Der Nachtheil, der hieraus entſprang, war un-verbeſſerlich. Uebrigens wuͤrde Hr. Martinez in demganzen Umfang des ſpaniſchen Amerika’s nicht leichtereinen Ruſſen gefunden haben, als es Sir George Staun-ton geworden iſt, einen Chineſen in England oder inFrankreich aufzutreiben. Seit den Reiſen von Cook, Dixon, Portlock, Mearsund Duncan fiengen die Europaͤer an, den Hafen vonNutka als den hauptſaͤchlichſten Pelzmarkt auf der Nord-weſt-Kuͤſte von Amerika anzuſehn. In dieſer Ruͤkſichtthat der Madrider Hof im Jahr 1789, was er fuͤnf-zehn Jahre fruͤher, ſogleich nach Juan Perez Reiſe, vielleichter ausgefuͤhrt haͤtte. Herr Martinez, welcher dieruſſiſchen Faktorien beſucht hatte, erhielt Befehl, einedaurende Niederlaſſung auf Nutka zu gruͤnden, und denTheil der Kuͤſte, (zwiſchen dem 50° und 55° der Breite,)welchen der Kapitaͤn Cook auf ſeiner Fahrt nicht hatteaufnehmen koͤnnen, aufs genaueſte zu unterſuchen. Der Hafen von Nutka befindet ſich auf der oͤſtli- |261|chen Kuͤſte einer Inſel, welche, nach den, im Jahr1791 durch die Herren Eſpinoſa und Cevallos an-geſtellten Unterſuchungen, zwanzig Seemeilen Breite hat,und durch den Kanal von Taſis von der groſſen Inſel,die heutzutag Quadra’s und Vancouver’s-Inſel heißt, getrennt iſt. Es iſt daher eben ſo falſch, zu be-haupten, daß der Hafen von Nutka, welchen die Ein-gebohrnen Yucuatl nennen, zur groſſen Quadra’s-Inſel gehoͤre, als es ungenau iſt, zu ſagen, das CapHorn ſey die aͤuſſerſte Spize von Feuerland. Ich weißnicht, durch welchen Mißverſtand der beruͤhmte Cook denNahmen Yucuatl in den von Nutka verkehrt hat, wel-cher leztere den Eingebohrnen des Landes ſelbſt voͤllig un-bekannt iſt, und mit den Worten ihrer Sprache keineandre Aehnlichkeit hat, als etwa mit dem Wort Nut-chi, welches Gebirg bedeutet. Don Eſteban Martinez, welcher die Fregatte, laPrinceſſa und das Paketboot, San Carlos, befehligte,gieng den 5ten Mai 1789 im Hafen von Nutka vorAnker. Der Anfuͤhrer, Macuina, nahm ihn mit vielerFreundſchaft auf, erinnerte ſich ſehr wohl, ihn 1774mit Herrn Perez geſehen zu haben, und zeigte ſogar dieſchoͤnen Konchylien, welche man ihm damals zum Ge-ſchenk gemacht hatte. Macuina, der Tays der InſelYucuatl, genießt eine voͤllig unumſchraͤnkte Gewalt. Eriſt der Montezuma dieſer Gegenden, und ſein Nahmebei allen Voͤlkern, welche den Handel mit Seeotter Fel-len treiben, beruͤhmt. Ich weiß nicht, ob er noch beiLeben iſt; indeß erfuhren wir in Mexico, gegen das En-de von 1803, aus Briefen von Monterey, daß er eifer-ſuͤchtiger auf ſeine Unabhaͤngigkeit, als der Koͤnig derSandwich-Inſeln, welcher ſich zum Vaſallen von Eng-land erklaͤrte, Schießgewehre und Pulver zu erhalten ſuch-te, um ſich gegen die Beleidigungen zu vertheidigen,welchen er von den europaͤiſchen Schiffahrern haͤufig aus-geſezt war. |262| Der Hafen von Sta-Cruz de Nutka, (Puer-to de San Lorenzo von Perez, und Friendly-cove von Cook genannt,) hat ſieben bis acht FadenTiefe, und iſt gegen Suͤdoſt faſt ganz von kleinen In-ſeln eingeſchloſſen, auf deren einer Martinez die Batte-rie von San Miguel angelegt hat. Die Gebirge im In-nern des Landes ſcheinen aus Thonſchiefer und an-dern primitiven Felsarten zu beſtehn. Herr Moziñoentdekte an denſelben Gaͤnge von geſchwefeltem Kupferund Blei. Eine Viertelſtunde vom Hafen entferntglaubte er in einem poroͤſen Mandelſtein, der am Ufereines Sees lag, die Wirkungen vulkaniſchen Feuers zuerkennen. Das Klima iſt in Nutka ſo gelinde, daß un-ter einer, noch noͤrdlichern, Breite, als die von Quebekund Paris iſt, die kleinſten Fluͤſſe nicht vor dem Januarzufrieren. Dieſes merkwuͤrdige Phaͤnomen beſtaͤtigt Ma-ckenzie’s Beobachtungen, welcher verſichert, daß dieNordweſt-Kuͤſte des neuen Continents eine weit hoͤhereTemperatur habe, als die Oſt-Kuͤſten von Amerika und Aſien, welche unter denſelben Parallelkreiſen liegen. DieBewohner von Nutka kennen den Donner beinah eben ſowenig, als die der Nord-Kuͤſte von Norwegen, undelektriſche Exploſionen ſind bei ihnen aͤußerſt ſelten. DieHuͤgel ſind mit Pinien, Eichen, Cypreſſen und Gebuͤ-ſchen von Roſenſtraͤuchen, Vaccinien und Andromedenbedeckt. Der ſchoͤne Strauch, welcher Linné’s Nahmentraͤgt, wurde von den Gaͤrtnern von Vancouver’s Expe-dition, erſt in hoͤhern Breiten gefunden. John Mears,und beſonders ein ſpaniſcher Offizier, Don Pedro Al-berni, haben in Nutka alle europaͤiſche Gemuͤſſe gezogen;nur der Mais und der Weizen brachten ihre Koͤrner niezur Reife, was die Wirkung einer zu kraͤftigen Vegeta-tion zu ſeyn ſchien. Unter den Voͤgeln der Quadra- undVancouver-Inſel hat man aͤchte Kolibri’s bemerkt, unddieſer, fuͤr die Geographie der Thiere ſo wichtige, Um-ſtand muß alle diejenigen in Erſtaunen ſetzen, welchen |263|es unbekannt iſt, daß Herr Mackenzie an den Quellendes Friedensfluſſes, unter einer Breite von 54° 24′,und Herr Galiano beinah unter dem nemlichen Suͤd-Parallelkreiſe, in der Magellaniſchen Meerenge, Koli-bri’s geſehen hat! Martinez Unterſuchungen drangen nicht uͤber den50° der Breite hinaus. Zween Monate, nachdem erin den Hafen von Nutka eingelaufen war, ſah er einengliſches Kriegsſchiff, den Argonauten, unter dem Com-mando des James Colnet, welcher durch ſeine, auf denGalapagos-Inſeln gemachte, Beobachtungen bekannt iſt,ankommen. Colnet eroͤffnete dem ſpaniſchen Seefahrer,daß er von ſeiner Regierung Befehl habe, eine Faktorieauf Nutka anzulegen, daſelbſt eine Fregatte und eineGoëlette zu erbauen, und alle andern europaͤiſchen Na-tionen zu verhindern, an dem Pelzhandel auf NutkaTheil zu nehmen. Vergebens hielt ihm Martinez ent-gen, daß Juan Perez lange vor Cook in dieſen Gegen-den geankert habe, und der Streit, welcher ſich zwiſchenden Befehlshabern des Argonauten und der Prin-ceſſa erhob, haͤtte beinah einen Bruch zwiſchen denHoͤfen von London und Madrid verurſacht. Um dasUebergewicht ſeiner Rechte geltend zu machen, wandte Martinez ein gewaltſames und nicht ſehr geſetzmaͤßigesMittel an. Er arretierte Herrn Colnet, und ſchickteihn uͤber San Blas nach Mexico. Der eigentliche Be-ſitzer des Landes von Nutka, der Tays Macuina, warklug genug, ſich fuͤr den Sieger zu erklaͤren; allein derVice-Koͤnig, welcher Martinez Zuruͤckberufung beſchleu-nigen zu muͤſſen glaubte, ſandte Anfangs 1790 dreiandre bewaffnete Fahrzeuge nach der Nordweſt-Kuͤſtevon Amerika. Don Francisco Eliſa und Don SalvadorFidalgo, der Bruder des Aſtronomen, welcher dieKuͤſten von Suͤdamerika, von der Muͤndung des Dra-chen-Fluſſes bis Portobello, aufgenommen hat, befeh- |264|ligten dieſe neue Expedition. Herr Fidalgo beſuchte dieEinfahrt von Cook und die Prinz Wilhelms-Bai, undvervollſtaͤndigte die Kenntniß dieſer Gegenden, welcheder muthige Vancouver ſpaͤter unterſucht hat. Unterdem 60° 54′ der Breite, an der Nord-Spitze des Prince-Williams-Sound, war Herr Fidalgo Zeuge eines, wahrſcheinlch vulkaniſchen, aber hoͤchſtaußerordentlichen Phoͤnomens. Die Eingebohrnen fuͤhr-ten ihn in eine, ganz mit Schnee bedeckte Ebene, wo ergroße Eis- und Schnee-Maſſen mit ſchrecklichem Ge-krach in ungeheure Hoͤhen hinaufgeſchleudert ſah. DonFrancisco Eliſa blieb in Nutka, um die Niederlaſſung,welche Martinez im vorigen Jahr angelegt hatte, zuvergroͤßern und zu befeſtigen, indem man in dieſemWelttheil noch keine Kunde davon hatte, daß Spanienin einem, den 28. Oktob. 1790 in Escorial unterzeich-neten, Vertrag auf ſeine Anſpruͤche auf Nutka und dieCook’s-Straſſe, zu Gunſten des Londner Hofs, Ver-zicht geleiſtet hatte. Wirklich kam die Fregatte Daͤda-lus, welche Vancouver’n den Befehl brachte, uͤber dieAusuͤbung des Vertrags zu wachen, erſt im Auguſt 1792im Hafen von Nutka an, als Fidalgo eben damit be-ſchaͤftiget war, eine zwote ſpaniſche Niederlaſſung, ſuͤd-oͤſtlich von der Inſel Quadra, auf dem feſten Landeſelbſt, in dem Hafen vou Nuñez Gaona oder Qui-nicarnet, zu gruͤnden, welcher unter dem 48° 20′der Breite bei der Einfahrt des Juan de Fuca liegt. Auf des Kapitaͤns Eliſa Expedition folgten zwo andre,welche wegen der wichtigen aſtronomiſchen Arbeiten,zu welchen ſie Anlaß gegeben haben, und der vortrefli-chen Inſtrumente, womit ſie verſehen waren, mit Cook’s,Lapérouſe’s und Vancouver’s Expeditionen verglichen wer-den koͤnnen. Ich ſpreche von der Reiſe des beruͤhmten Malaspina, im Jahr 1791, und von derjenigen,welche Galiano und Valdes 1792 gemacht haben. Die Operationen, welche Malaspina und die, |265|unter ſeinen Befehlen arbeitenden, Offiziere ausgefuͤhrthaben, umfaſſen den ungeheuren Kuͤſten-Umfang, vonder Muͤndung des Rio de la Plata, bis zur Prinz Wil-helms-Einfahrt. Indeß wurde dieſer geſchickte See-mann beruͤhmter noch durch ſein Ungluͤck, als durch ſei-ne Entdeckungen. Nachdem er die beiden Hemiſphaͤrendurchſegelt hatte, und allen Gefahren eines ſtuͤrmiſchenMeeres entronnen war, fand er noch viel groͤßere aneinem Hof, deſſen Gunſt ſein Verderben wurde. Opfereiner politiſchen Intrigue, ſeufzte er ganze ſechs Jahrelang in einem Kerkerloch. Endlich erhielt die franzoͤſi-ſche Regierung ſeine Freiheit; und Alexander Malaspina kehrte in ſein Vaterland zuruͤck. An den Ufern des Arnogenießt er nun in der Einſamkeit die tiefen Eindruͤcke,welche die Beobachtung der Natur und das Studiumdes Menſchen unter verſchiedenen Klimaten, in einer ge-fuͤhlvollen, vom Ungluͤck gepruͤften, Bruſt zuruͤcklaſſen. Malaspina’s Arbeiten blieben in den Archiven begra-ben, nicht weil die Regierung die Bekanntmachung vonGeheimnißen ſcheute, deren Verborgenbleiben ihr etwanuͤtzlich ſcheinen konnte, ſondern weil der Nahme dieſesfurchtloſen Seemanns in ewiges Schweigen gehuͤllt wer-den ſollte. Gluͤcklicher Weiſe hat aber die Direktionder hydrographiſchen Arbeiten (Deposito hidro-grafico de Madrid) dem Publikum die haupt-ſaͤchlichſten Reſultate der aſtronomiſchen Beobachtungenmitgetheilt, welche von Malaspina’s Expedition gemachtworden ſind. Der groͤßte Theil der See-Charten, dieſeit 1799 in Madrid erſchienen ſind, gruͤndet ſich aufdieſe wichtigen Reſultate; allein man findet auf ihnen,ſtatt des Nahmens des Anfuͤhrers, blos den der Corvet-ten, la Descubierta und la Atrevida, welche Malaspina befehligt hatte. Seine Expedition, die am 30ſten Juli 1789 vonCadix ausgelaufen war, kam erſt den 2ten Februar 1791in Acapulco an. Um dieſe Zeit heftete der Hof von |266|Madrid ſeine Aufmerkſamkeit aufs Neue auf einen Ge-genſtand, um den man ſich ſchon zu Anfang des ſieben-zehenten Jahrhunderts geſtritten hatte, nemlich auf dieſogenannte Meerenge, durch welche Lorenzo Ferrer, imJahr 1588, von den Kuͤſten von Labrador nach demgroſſen Ozean geſegelt ſeyn wollte. Ein Memoire, dasHerr Buache in der Akademie der Wiſſenſchaften vorgele-ſen, hatte die Hofnung, daß dieſe Paſſage wirklich exi-ſtire, wieder erwekt. Die Korvetten, die Descubiertaund die Atrevida erhielten Befehl, nach den hohen Brei-ten auf der Nordweſt-Kuͤſte von Amerika zu ſteuern,und alle Fahrwaſſer und Einfahrten zu unterſuchen, wel-che die Meeresufer zwiſchen dem 58° und 60° der Br.unterbrechen. Malaspina gieng, in Begleitung derbeiden Botaniker, Haͤnke und Nee, von Acapulco ausden 1. Mai 1791, unter Segel. Nach drei WochenFahrt landete er am Kap St. Bartholomaͤus, welchesſchon 1775 von Quadra, 1778 von Cook, und von Dixon 1786 beſucht worden war. Er nahm die Kuͤſtevon dem San Jacinto-Gebirg, bei dem Kap Edgecumbe(Cabo Engaño, Br. 57° 1′ 30″) bis zur Mon-tagu-Inſel, der Prinz-Wilhelms-Einfahrt gegenuͤber,auf. Waͤhrend dieſer Expedition wurde die Laͤnge desPerpendickels, und die Neigung und Abweichung derMagnetnadel auf mehreren Punkten der Kuͤſte beſtimmt.Mit vieler Sorgſalt maß man die Hoͤhe der St. Elias-und der Schoͤn-Wetter-Gebirge (Cerro de buentiempo, oder Mount Fairweather,) welchedie vorzuͤglichſten Spitzen der Cordillera von Neu-Nor-folk ſind. Die Kenntniß ihrer Hoͤhe und ihrer Lagekoͤnnen den Schiffern, beſonders, wenn ſie das ſchlechteWetter oft ganze Wochen lang hindert, die Sonne zubeobachten, ſehr nuͤtzlich ſeyn; denn wenn ſie dieſe Piksauch nur auf 80—100 Meilen Entfernung ſehen, ſokoͤnnen ſie den Stand ihrer Schiffe durch bloße Horizon-tal-Meſſungen und Hoͤhenwinkel beſtimmen. |267| Nachdem Malaspina vergebens die, in der apokry-phiſchen Reiſe des Maldonado angezeigte, Meerengegeſucht, und ſich einige Zeit in dem Mulgrave’s-Hafen,in der Berings-Bai, (Br. 59° 34′, 20″) aufgehal-ten hatte, ſteuerte er ſuͤdlich. Den 13. Auguſt gienger im Hafen von Nutka vor Anker, unterſuchte die Tiefeder Kanaͤle, welche die Inſel Yucuatl umgeben, undbeſtimmte, durch blos aſtronomiſche Beobachtungen, dieLage von Nutka, Monterey, von der Inſel Guadeloupe,an welcher die Gallione der philippiniſchen Inſeln (laNao de China) zu landen pflegt, und die vom KapSan Lukas. Die Corvette Atrevida lief in Acapulco,die Descubierta in San Blas, im Oktob. 1791, ein. Eine Schiffahrt von fuͤnf Monaten war freilich fuͤrdie Unterſuchung und Aufnehmung einer ausgebreitetenKuͤſte mit der kleinlichen Genauigkeit nicht hinlaͤnglich,welche wir in Vancouver’s Reiſe, die drei Jahre dauerte,bewundern. Indeß hat Malaspina’s Expedition dochein beſondres Verdienſt, und dieß beſteht nicht blos inder Menge von aſtronomiſchen Beobachtungen, ſondernbeſonders in der ſcharfſinnigen Methode, welche er, umzu gewißen Reſultaten zu gelangen, angewendet hat.Man hat z. B. die Laͤnge und Breite der vier Kuͤſten-Punkte, des Kap San Lucas, die von Monterey, vonNutka und vom Mulgrave’s-Hafen, mit voͤlliger Zuver-laͤßigkeit beſtimmt, und die Zwiſchenpunkte durch Huͤlfevon vier Arnold’ſchen See-Uhren mit dieſen fixen Haupt-Punkten in Verhaͤltniß geſetzt. Dieſe Methode, welchevon den, auf Malaspina’s Korvetten befindlichen, Offi-zieren, den Herren Espinoſa, Cevallos und Ver-naci angewandt wurde, iſt den Partialkorrektio-nen weit vorzuziehen, die man ſich mit den chronome-triſchen Laͤngen nach dem Reſultate der lunariſchen Di-stanzen erlaubt. Der beruͤhmte Malaspina war kaum auf der mexi-kaniſchen Kuͤſte wieder angekommen, als er, unzufrie- |268|den, die Kuͤſte zwiſchen der Nutka-Inſel und dem KapMendocino nicht nahe genug unterſucht zu haben, denVice-Koͤnig, Grafen von Revillagigedo bewog, eineneue Entdeckungs-Expedition nach der Nordweſt-Kuͤſtevon Amerika auszuruͤſten. Des Vice-Koͤnigs thaͤtigerund unternehmender Geiſt entſprach dieſem Wunſche umſo leichter, da neue Nachrichten von den, auf Nutkabefindlichen, Offizieren die Exiſtenz eines Kanals wahr-ſcheinlich zu machen ſchienen, deſſen Entdeckung mandem griechiſchen Piloten, Juan de Fuca, am Ende des16. Jahrhunderts beimaß. Wirklich hatte Martinez 1774, unter dem 48° 20′ der Breite, eine ſehr weiteEinfahrt gefunden. Der Pilote von der Goëlette Ger-trudis, der Faͤhndrich Don Manuel Quimper, welcherden Binnenlander, die Kronprinzeſſin, kommandirte,und nach ihm der Kapitaͤn Eliſa, im Jahr 1791, hat-ten dieſe Einfahrt unterſucht, und ſogar ſichere und ge-raͤumige Haͤfen darin entdeckt. Um dieſe Unterſuchungenzu vollenden, liefen den 8. Maͤrz 1792 die Goëletten, Sutil und Mexicana, unter dem Befehl von DonDioniſio Galiano, und Don Cayetano Valdes, von Acapulco aus. Dieſe geſchickten und erfahrenen Aſtronomen umſe-gelten in Begleitung der Herren Salamanca und Vernacidie große Inſel, welche heutzutag Quadra’s und Van-couver’s Nahmen traͤgt, und verwandten auf dieſe be-ſchwerliche und gefahrvolle Reiſe vier Monate. Nachdemſie die Meerengen von Fuca und von Haro paſſiert hat-ten, begegneten ſie in dem Kanal des Roſario, welchendie Englaͤnder den Golf von Georgien nennen, den eng-liſchen Seefahrern, Vancouver und Broughton, die ſich in gleicher Abſicht, wie ſie, in dieſen Gewaͤſſernbefanden. Beide Expeditionen theilten ſich die Reſulta-te ihrer Arbeiten ohne Ruͤckhalt mit, unterſtuͤtzten ſichgegenſeitig in ihren Operationen, und das gute Einver-ſtaͤndniß und die vollkommene Harmonie, von der die |269|Aſtronomen auf dem Ruͤcken der Cordilleren zu einer an-dern Zeit ein ſchlechtes Beiſpiel gegeben hatten, dauertenbis zum Augenblick ihrer Trennung. Galiano und Valdes unterſuchten auf ihrer Ruͤckkehrvon Nutka nach Monterey die Einfahrt de la Ascenſionaufs Neue, welche Don Bruno Eceta den 17. Auguſt1775 entdeckt, und der geſchickte amerikaniſche Seefah-rer, Herr Gray, nach dem Nahmen des Sloop’s, dener befehligte, den Fluß Colombia genannt hatte. DieſeUnterſuchung war um ſo wichtiger, da Vancouver, wel-cher dieſer Kuͤſte ſchon ſehr nahe gefolgt, vom 45° derBr. bis zum Kanal von Fuca, keine Einfahrt bemerkt,und dieſer erfahrene Seemann deßwegen ſogar an demDaſeyn des Rio de Colombia, oder der Entrada de Ecetagezweifelt hatte. Im Jahr 1797 gab die ſpaniſche Regierung Befehl,daß die Karten, welche waͤhrend der Expedition der Her-ren Galiano und Valdes aufgenommen worden, bekanntgemacht werden ſollten, „damit ſie vor Vancouver’s ſei-nen in den Haͤnden des Publikums ſeyn koͤnnten.” In-deß kamen ſie doch erſt 1802 heraus, und die Geogra-phen haben nun den Vortheil, die Vancouver’ſchen Kar-ten mit denen der ſpaniſchen Seefahrer, wie ſie von dem Deposito hidrografico in Madrid bekanntgemacht worden ſind, und mit der ruſſiſchen Karte zuvergleichen, welche 1802 im Karten-Depot des Kaiſerszu Petersburg herausgekommen iſt. Dieſe Vergleichungiſt aber um ſo nothwendiger, da dieſelben Vorgebirge,dieſelben Fahrwaſſer und Inſeln, oft drei bis vier ver-ſchiedene Nahmen haben, und die geographiſche Syno-nimik dadurch eben ſo verwirrt geworden, als es dieSynonimik der kryptogamiſchen Pflanzen aus dem nem-lichen Grunde iſt. Waͤhrend die Goëletten, Sutil und Mexicana, damit beſchaͤftigt waren, die Kuͤſten zwiſchen den Paral-lelkreiſen vom 45° und 51° mit groͤßter Sorgfalt zu |270|unterſuchen, beſtimmte der Vice-Koͤnig Revillagigedo eine andre Expedition fuͤr noch hoͤhere Breiten. Ver-gebens hatte man in der Gegend des Kap Orford unddes Kap Gregory die Muͤndung des Fluſſes von Mar-tin de Aguilar geſucht, und Alexander Malaspina hatte, ſtatt des beruͤhmten Kanals von Maldonado, nichts als Straßen gefunden, die keinen Ausgang hat-ten. Auch hatten ſich Galiano und Valdes uͤberzeugt,daß Fuca’s-Einfahrt blos ein Seearm ſey, welcher eineInſel von mehr als 1700 Quadratmeilen, nemlich dievon Quadra und Vancouver, von der unebenen Kuͤ-ſte von Neu-Georgien trenne. So blieben denn im-mer noch Zweifel uͤber die Exiſtenz der Meeresenge,deren Entdeckung man dem Admiral Fuentes oder Fonte zugeſchrieben, und die ſich unter dem 53° der Br. be-finden ſollte. Cook hatte es ſehr bedauert, daß er die-ſen Theil des Continents von Neu-Hannover nichtunterſuchen konnte; aber die Behauptungen eines erfah-renen Seemanns, des Kapitaͤns Colnet, machten eswahrſcheinlich, daß der Zuſammenhang der Kuͤſte in die-ſen Gegenden unterbrochen ſeyn muͤſſe. Um dieſes, ſowichtige, Problem zu loͤſen, gab der Vice-Koͤnig vonNeu-Spanien dem Schiffs-Lieutenant, Don JacintoCaamaño, welcher die Fregatte Aranzazu kommandir-te, Befehl, die Kuͤſte vom 51° bis zum 56° der Nord-Breite mit groͤßter Genauigkeit zu unterſuchen. HerrCaamaño, den ich oft in Mexico zu ſehen das Vergnuͤ-gen hatte, lief den 20. Maͤrz 1792 von San Blasaus, und hielt ſechs Monate lang die See. Er unter-ſuchte aufs ſorgfaͤltigſte den noͤrdlichen Theil der Koͤni-ginn Charlotten-Inſel, die ſuͤdliche Kuͤſte der Prinz-Wallis-Inſel, die er Isla de Ulloa nannte, dieRevillagigedo-, Banks-, (oder de la Calamidad) unddie Ariſtizabal-Inſel, und die große Einfahrt (Inlet) des Moñino, der ſeine Muͤndung gegenuͤber vom Pit’s-Archipelagus hat. Die vielen ſpaniſchen Nahmen, wel- |271|che Vancouver in ſeinen Karten beibehalten hat, bewei-ſen, daß die Expeditionen, von denen wir eben eineUeberſicht gegeben, nicht wenig zur Kenntniß einer Kuͤſtebeigetragen haben, welche heutzutag vom 45° der Br.bis zum Kap Douglas oͤſtlich von der Cooks-Einfahrt,viel genauer aufgenommen iſt, als die meiſten Kuͤſtenvon Europa. Ich habe mich begnuͤgt, in das Ende dieſes Kapi-tels alle Nachrichten zuſammenzudraͤngen, welche ich miruͤber die Reiſen der Spanier, (von 1543 an bis aufunſre Zeiten,) nach den Weſt-Kuͤſten von Neu-Spanien,nordwaͤrts von Neu-Kalifornien, zu verſchaffen ver-mochte. Die Zuſammenſtellung dieſer Materialien ſchienmir in einem Werke nothwendig, das Alles umfaßt,was auf die politiſchen und kommerziellen VerhaͤltniſſeMexico’s Bezug hat. Die Geographen, welche ſich beeilen, die Welt zuvertheilen, um das Studium ihrer Wiſſenſchaft zu er-leichtern, unterſcheiden auf der Nordweſt-Kuͤſte einenengliſchen, einen ſpaniſchen und neutralen und einen ruſ-ſiſchen Antheil. Dieſe Eintheilungen wurden natuͤrlichohne Zurathziehung von den Haͤuptern der verſchiedenenStaͤmme gemacht, welche dieſe Gegenden bewohnen!Koͤnnten die kindiſchen Ceremonien, welche die EuropaͤerBeſitznehmungen heißen, und aſtronomiſche Beobachtun-gen, die man auf einer neuentdeckten Kuͤſte angeſtellt hat,Anſpruͤche auf das Eigenthum derſelben geben, ſo wuͤrdedieſer Theil des neuen Kontinents ganz beſonders zer-ſtuͤckelt, und unter die Spanier, Englaͤnder, Ruſſen,Franzoſen und Amerikaner der vereinigten Staaten ver-teilt werden. Ein Eiland wuͤrde oft zwei oder dreiNationen zugleich zufallen, weil jede beweiſen koͤnnte,daß ſie ein andres Kap davon entdeckt habe. Die vie-len Kruͤmmungen, welche die Kuͤſte zwiſchen den Paral-lelkreiſen, das 55° und 60° bildet, umfaßt Entdeckun-gen, die Gali, Bering, Tſchirikow, Quadra, Cook, |272|Lapérouſe, Malaspina und Vancouver nacheinander ge-macht haben. Keine europaͤiſche Nation hat noch eine ſtehende Nie-derlage auf dem ungeheuren Kuͤſtenraum gegruͤndet, wel-cher ſich vom Cap Mendocino bis nach dem 59° derBr. erſtreckt. Jenſeits dieſer Graͤnze fangen die ruſſi-ſchen Faktorien an, welche groͤßtentheils zerſtreut undfern von einander umherliegen, gleich den Faktorien, diedie europaͤiſchen Nationen ſchon ſeit drei Jahrhundertenauf den afrikaniſchen Kuͤſten haben. Die meiſten vondieſen ruſſiſchen Colonien ſind blos zu Waſſer mit einan-der in Verbindung, und die neuen Benennungen desruſſiſchen Amerika’s, oder der ruſſiſchen Be-ſitzungen in dem neuen Kontinent, duͤrfenuns ja nicht glauben machen, als ob die Kuͤſte von Berings-Baſſin, die Halbinſel Alaska, oder dasLand der Tſchugatſchi in dem Sinne ruſſiſche Pro-vinzen geworden ſeyen, wie es Sonora oder Neu-Biskaya von Spanien ſind. Die Weſt-Kuͤſte von Amerika zeigt das einzige Bei-ſpiel eines Litorals von 1900 Meilen Laͤnge, das blos voneinem einzigen europaͤiſchen Volke bewohnt iſt. Die Spa-nier haben von dem Fort Maullin in Chili an, bis SanktFranciskus, in Neu-Kalifornien, Niederlaſſungen ge-gruͤndet. Nordwaͤrts vom Parallelkreis des 38° folgendie Staͤmme der unabhaͤngigen Indianer. Wahrſchein-lich werden dieſe Staͤmme nach und nach von den ruſſi-ſchen Koloniſten, welche ſeit dem Ende des vorigen Jahr-hunderts von der Oſt-Spitze Aſiens nach Amerika her-uͤbergekommen ſind, unterjocht werden. Natuͤrlich muͤſ-ſen die Fortſchritte dieſer ſibiriſchen Ruſſen gegen Suͤdenviel ſchneller ſeyn, als die der mexikaniſchen Europaͤergegen Norden; in dem ein Jaͤgervolk, welches gewohntiſt, unter einem neblichten Himmel und in einem aͤußerſtkalten Klima zu leben, die Temperatur auf der Kuͤſte |273|von Neu-Kornwallis ſehr angenehm findet. Aber dieſenemliche Kuͤſte erſcheint den Koloniſten, welche aus ei-nem gemaͤßigten Klima, aus den fruchtbaren und liebli-chen Gegenden von Sonora und Neu-Kalifornien kom-men, als ein unbewohnbares Land, als eine wahre Po-lar-Gegend. Seit 1788 hat die ſpaniſche Regierung Unruhe uͤberdie Erſcheinung der Ruſſen auf den Nordweſt-Kuͤſten des neuen Kontinents gezeigt, und da ſie jede europaͤiſcheNation fuͤr einen gefaͤhrlichen Nachbar anſieht, den Zu-ſtand der ruſſiſchen Faktorien auskundſchaften laſſen.Dieſe Beſorgniß hoͤrte uͤbrigens auf, ſo bald man inMadrid erfuhr, daß dieſe Faktorien ſich nicht oſtwaͤrtsuͤber die Cooks-Einfahrt hinaus erſtreckten. Alsder Kaiſer Paul 1799 Spanien den Krieg erklaͤrte, be-ſchaͤftigte man ſich einige Zeit in Mexico mit dem kuͤh-nen Plan, in den Haͤfen von San Blas und Montereyeine See-Expedition gegen die ruſſiſchen Kolonien inAmerika auszuruͤſten. Waͤre dieſer Gedanke ausgefuͤhrtworden, ſo haͤtte man zwo Nationen im Streit geſehen,welche auf den, einander entgegengeſetzten, Enden vonEuropa ſtehend, in der andern Halbkugel mit den oͤſtli-chen und weſtlichen Graͤnzen ihrer ungeheuren Reiche zu-ſammenſtoſſen. Der Zwiſchenraum, welcher dieſe Graͤnzen ſcheidet,wird nach und nach immer kleiner, und es iſt Neu-Spaniens politiſches Intereſſe, den Parallelkreis genauzu kennen, bis zu welchem die ruſſiſche Nation oſt- undſuͤdwaͤrts vorgedrungen iſt. Eine Handſchrift in denvice-koͤniglichen Archiven von Mexico, die ich oben an-gefuͤhrt, hat mir blos unbeſtimmte und unvollkommeneNachrichten gegeben, und der Zuſtand der ruſſiſchen Ko-lonien iſt darin ſo beſchrieben, wie ſie vor zwanzig Jah-ren geweſen ſind. Herr Malte-Brun hat in ſeinerallgemeinen Geographie einen merkwuͤrdigen Artikel uͤberdie Nordweſt-Kuͤſte von Amerika mitgetheilt; auch hat |274|er zuerſt die Nachricht von Billings Reiſe, welche Herr Sarytſchew herausgegeben, und die der des Herrn Sauer vorzuziehn iſt, zur Kenntnis des Publikums ge-bracht. Ich ſchmeichle mir aber, im Stande zu ſeyn,die Lage der ruſſiſchen Faktorien, welche groͤſtentheilsbloſſe Gruppen von Huͤtten und Schoppen ſind, aber zuNiederlagen fuͤr den Pelzhandel dienen, nach ſehr neuen,und aus einer officiellen Schrift gezogenen Nachrichten,anzugeben. Auf der, Aſien am naͤchſten liegenden, Kuͤſte, laͤngsdem Berings-Kanal, findet man vom 67° bis zum64°10′ der Br. unter den Parallelen von Lappland undIsland, eine Menge von Huͤtten, welche von ſibiriſchenJaͤgern beſucht werden. Von Norden nach Suͤden ge-rechnet, ſind die erſten Poſten: Kigiltach, Legle-lachtok, Tuguten, Netſchich, Tchinegriun,Chibalech, Topar, Pintepata, Agulichan,Chavani und Nugran, beim Rodni-Cap (Capdu Parent). Dieſe Wohnungen der Eingebohrnen vom ruſſiſchen Amerika ſind blos dreißig bis vierzigMeilen von den Huͤtten der Tchoutski’s im ruſſiſchen Aſien entfernt. Die Berings-Meerenge, welche ſietrennt, iſt voll unbewohnter Eilande, deren noͤrdlichſtesImaglin heißt. Die Nordoſt-Spitze von Aſien bildeteine Halbinſel, die mit der groſſen Maſſe des Continentsblos durch einen engen Iſthmus, zwiſchen den beidenGolfen Mitſchigmen und Kaltſchin, zuſammenhaͤngt. Dieaſiatiſche Kuͤſte, welche die Berings-Meerenge begraͤnzt,iſt von einer Menge Wallfiſcharten bewohnt. Auch ſindhier die Tſchutki’s, welche in beſtaͤndigem Krieg mit denAmerikanern leben, in kleinen Doͤrfern vereinigt, die ſie Nukan, Tugulan und Tſchigin nennen. Folgt man der Kuͤſte des amerikaniſchen Continentsvom Cap Rodni und der Nortons-Einfahrt bis zumKap Malowodnoy (Wenig-Waſſer-Cap), ſo findet mankeine ruſſiſche Niederlaſſung mehr, allein die Eingebohr- |275|nen haben groſſe Huͤttenvereinigungen auf dem Litoral,das ſich zwiſchen dem 63°20′ und dem 60°5′ der Br.erſtrekt. Ihre noͤrdlichſten Wohnungen ſind Agiba-niach und Chalmiagmi; ihre ſuͤdlichſten Kuyne-gach und Kuymin. Die Briſtols-Bai, nordwaͤrts von der Halbinſel Alaska (oder Aliaska) heißt bei den Ruſſen der GolfKamiſchezlaia. Ueberhaupt behalten ſie auf ihrenKarten keinen von den engliſchen Nahmen bei, welcheder Kapitain Cook und Vancouver den Gegenden noͤrd-lich vom 55° der Br. ertheilt haben. Sie geben ſogarden zwo groſſen Inſeln, auf welchen ſich der Pik Tru-bizin (Mount Edgecumbe bei Vancouver; und derCerro de San Jacintho, bei Quadra,) und das Kap Tſchiricof (Kap St. Bartholomaͤus) befinden, liebergar keinen Nahmen, als daß ſie die Benennungen Koͤ-nigs Georg’s-Archipelagus und Prinz Wal-lis-Archipelagus annehmen. Die Kuͤſte, welche ſich vom Golf Kamiſchezkaja bisnach Neu-Kornwallis ausdehnt, wird von fuͤnf Voͤlker-ſchaften bewohnt, die eben ſo viele groſſe Territorial-Eintheilungen in den Kolonien des ruſſiſchen Amerika’s bilden. Ihre Nahmen ſind Koniagi, Kenayzi,Tſchugatſchi, Ugalachmiuti und Koliugi. Zur Abtheilung Kaniagi gehoͤrt der noͤrdlichſteTheil von Alaska und die Inſel Kodiak, welche die Ruſ-ſen gewoͤhnlich Kichtak nennen, unerachtet das WortKightak in der Sprache der Eingebohrnen nur eine Inſeluͤberhaupt bedeutet. Ein groſſer Landſee von mehr, als26 Stunden Laͤnge und 12 Breite, haͤngt durch denFluß Igtſchiagik mit der Briſtols-Bai zuſammen. Aufder Inſel Kodiak (Kadiak) und den kleinen benachbar-ten Inſeln ſind zwei Forts und mehrere Faktorien. Dievon Schelikoff angelegten Forts heiſſen Karluk, und die drei Heiligmacher. Herr Malte-Brun behauptet,daß, nach den neuſten Nachrichten, der Archipelagus |276|Kichtak beſtimmt ſey, den Hauptort aller ruſſiſchen Nie-derlaſſungen zu enthalten, und Sarytſchew verſichert,daß ſich auf der Inſel Umanak (Umnak) ein ruſſiſcherBiſchof und ein Kloſter befinden. Ich weiß aber nicht,ob ſie anderswohin verpflanzt worden ſind; denn die,im Jahr 1802 herausgekommene, Karte giebt weder aufUmnak, noch auf Unimak und auf Unalaſchka eine Fakto-rie an. Indeß habe ich in dem handſchriftlichen Tage-buch von Martinez Reiſe in Mexico geleſen, daß dieSpanier 1788 auf der Inſel Unalaſchka mehrere ruſſi-ſche Haͤuſer, und gegen hundert kleine geladene Schiffe ge-funden haben. Die Eingebohrnen der Halbinſel Alaska nennen ſich ſelbſt die Maͤnner vom Oſten (Kaga-taya-Koung’ns.) Die Kenayzi bewohnen die Weſt-Kuͤſte von Cooks-Einfahrt, oder vom Golf Kenayskaja. Die Faktorie Rada, welche Vancouver beſucht hat, liegt daſelbſt un-ter dem 61°8′. Der Gouverneur der Inſel Kodiak,der Grieche Ivanitſch Delareff verſicherte Herrn Sauer,daß, troz der Rauhheit des Clima’s, das Getraide anden Ufern des Cooks-Stroms fortkomme. Er hatte ſo-gar den Bau des Kohls und der Kartoffeln in den, aufKodiak angelegten, Gaͤrten eingefuͤhrt. Die Tſchugatſchi bewohnen das Land, welchesſich von der Nordſpize der Cooks-Einfahrt bis oſtwaͤrtsvon der Prinz Wilhelms-Bai (Golf Tſchugatskaja) er-ſtrekt. In dieſem Diſtrikte befinden ſich mehrere Fakto-rien und drei kleine Fortereſſen; das Fort Alexander, inder Naͤhe des Chatams-Hafens, und die Forts auf denInſeln Tuk, (I. Green bei Vancouver) und Tchalcha.(I. Hinchinbrook.) Die Ugalachmiuti dehnen ſich vom Prinz Wil-helms-Golf bis gegen die Bai Jakutat, welche Van-couver Berings-Bai genannt hat. Beim Kap Suckling(Kap Elias bei den Ruſſen) liegt die Faktorie von St.Simon. Die Central-Kette der Cordilleren von Neu- |277|Norfolk ſcheint von dem Pik von St. Elias an betraͤcht-lich von der Kuͤſte entfernt; denn die Eingebohrnen ſag-ten dem Herrn Barrow, welcher den Fluß Mednaja(den Kupferfluß) gegen fuͤnf Hundert Werſte (120 Mei-len) hinaufgefahren iſt, daß er die hohe Gebirgsketteerſt nach zwo Tagreiſen noͤrdlich finden wuͤrde. Die Koliugi bewohnen das Gebirgsland Neu-Nor-folk und den noͤrdlichen Theil von Neu-Cornwallis. DieRuſſen geben auf ihren Karten die Bourroug-Bai (55°50′der Br.) Vancouvers Revillagigedo-Inſel (Isla de Gra-vina auf den ſpaniſchen Karten) gegenuͤber als die ſuͤd-lichſte und oͤſtlichſte Graͤnze des Laͤnderumfangsan, deren Eigenthum ſie anſprachen. Auch ſcheint diegroſſe Inſel in dem Koͤnig Georgs-Archipelagus von denruſſiſchen Seefahrern viel ſorgfaͤltiger und genauer unter-ſucht worden zu ſeyn, als von Vancouver, wovon manſich ſehr leicht uͤberzeugen kann, wenn man die Weſt-Kuͤſte dieſer Inſel, und beſonders die Umgegenden vomKap Trubizin (Kap Edcumbe) und vom Hafen des Erz-engels S. Michael, in der Bai Sitka (Norfolk-Soundbei den Englaͤndern, und Bai Tchinkitané bei Marchand)auf der, zu Petersburg im kaiſerlichen Kartendepot 1802herausgekommenen, Karte mit Vancouvers ſeiner ver-gleicht. Die ſuͤdlichſte Niederlaſſung der Ruſſen in die-ſem Diſtrikt der Koliugi’s iſt ein kleines Fort, (Crapoſt)in der Bai Sakutal, am Fuß der Cordillera, welche denSchoͤn-Wetter-Berg, bei dem Malgrave’s-Hafen, un-ter dem 59°27′ der Br. mit dem St. Elias-Berg ver-bindet. Die Naͤhe der, mit ewigem Schnee bedekten,Gebirge, und die groſſe Breite des Continents vom 58°der Br. machen auf dieſer Kuͤſte von Neu-Norfolk undim Lande der Ugalachmiuti das Klima auſſerordentlichkalt, und der Entwikelung vegetabiliſcher Produkte voͤl-lig hinderlich. Die Schaluppen von Malaspina’s Expedition, wel-che in das Innere der Bai Sakutal bis zum Hafen vom |278|Deſengaño eindrangen, fanden unter dem 59°59′ derBr. im Monat Julius das noͤrdliche Ende des Hafensnoch mit einer feſten Eismaſſe bedekt. Man koͤnnteglauben, daß dieſe Maſſe zu einem Gletſcher gehoͤre,welcher an die hohen See-Alpen ſtoͤßt; allein auch Ma-ckenzie berichtet, daß er bei ſeiner Unterſuchung der Uferdes Sklaven-See’s 250 Meilen oͤſtlich, unter dem 61°der Br. den ganzen See im Monat Juli zugefroren ge-funden. Ueberhaupt ſcheint die Verſchiedenheit der Tem-peratur, welche man auf den Oſt- und Weſt-Kuͤſtendes neuen Continents bemerkt, und von der wir ſchonoben geſprochen haben, erſt ſuͤdwaͤrts vom Parallel-Kreisdes drei und fuͤnfzigſten Grads, wo er Neu-Hannoverund die groſſe Charlotten-Inſel durchſchneidet, fuͤhlbarzu ſeyn. Die abſolute Diſtanz von Petersburg nach der oͤſt-lichſten ruſſiſchen Faktorie auf dem amerikaniſchen Con-tinent iſt ungefaͤhr eben ſo groß, als die von Madridnach dem Hafen San Franciſco in Neu-Kalifornien. DieBreite des ruſſiſchen Reichs umfaßt unter dem 60° derBr. eine Landſtreke von beinah 2,400 Meilen; aber daskleine Fort in der Sakutal-Bai iſt noch uͤber ſechshun-dert Meilen von den noͤrdlichſten Graͤnzen der mexika-niſchen Beſizungen entfernt. Die Eingebohrnen dieſermitternaͤchtlichen Gegenden wurden lange Zeit von denſibiriſchen Jaͤgern grauſam geplagt, und Weiber und Kin-der als Geiſſel in den ruſſiſchen Faktorien zuruͤkbehalten.Indeß athmen die Inſtruktionen, welche die Kaiſerin Ca-tharina dem Kapitaͤn Billing mitgegeben hat, Menſchen-liebe und edles Gefuͤhl; auch hat ſich die gegenwaͤrtigeRegierung ernſtlich damit beſchaͤftigt, die Misbraͤuche zumindern, und den Bedruͤkungen zu ſteuren. Aber es iſtſo ſchwer, auf den aͤuſſerſten Graͤnzen eines ungeheurenReichs das Boͤſe zu verhindern, und die Amerikaner fuͤh-len ihre Entfernung von einer Hauptſtadt, aus welcherdie Beſchluͤſſe, die eine halbe Welt regieren, ausgehn, |279|nur zu tief. Indeß iſt es mehr als wahrſcheinlich,daß, bevor die Ruſſen den Zwiſchenraum, welcher ſievon den Spaniern trennt, uͤberſchreiten, irgend eine an-dre unternehmende Macht entweder auf den Kuͤſten vonNeu-Georgien, oder auf deſſen fruchtbaren Nachbar-In-ſeln, Colonien zu gruͤnden ſuchen wird.