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Alexander von Humboldt: „Versuch, die mittlere Höhe der Kontinente zu bestimmen“, in: ders., Sämtliche Schriften digital, herausgegeben von Oliver Lubrich und Thomas Nehrlich, Universität Bern 2021. URL: <https://humboldt.unibe.ch/text/1842-Versuch_die_mittlere-03-neu> [abgerufen am 17.04.2024].

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Titel Versuch, die mittlere Höhe der Kontinente zu bestimmen
Jahr 1842
Ort Berlin
Nachweis
in: Allgemeine Preußische Staats-Zeitung 270 (29. September 1842), S. 2051–2052.
Sprache Deutsch
Typografischer Befund Fraktur (Umlaute mit superscript-e); Spaltensatz; Antiqua und Griechisch für Fremdsprachiges; Antiqua für Fremdsprachiges; Auszeichnung: Sperrung; Tabellensatz.
Identifikation
Textnummer Druckausgabe: VI.24
Dateiname: 1842-Versuch_die_mittlere-03-neu
Statistiken
Seitenanzahl: 2
Spaltenanzahl: 2
Zeichenanzahl: 24106

Weitere Fassungen
Versuch die mittlere Höhe der Continente zu bestimmen (Berlin, 1842, Deutsch)
Versuch einer Bestimmung der mittleren Höhe der Continente (Berlin, 1842, Deutsch)
Versuch, die mittlere Höhe der Kontinente zu bestimmen (Berlin, 1842, Deutsch)
A. v. Humboldts Versuch die mittlere Höhe der Continente zu bestimmen (Augsburg, 1842, Deutsch)
Versuch die mittlere Höhe der Continente zu bestimmen (Leipzig, 1842, Deutsch)
Extrait d’un mémoire de M. le baron de Humboldt ayant pour titre: Essai d’une détermination de la hauteur moyenne des Continents (Paris, 1842, Französisch)
Physique du globe (Paris, 1843, Französisch)
An Attempt to determine the mean height of Continents (Edinburgh, 1843, Englisch)
Saggio di una determinazione dell’ altezza media de’ continenti. Memoria letta all’ Accademia delle Scienze di Berlino (Neapel, 1843, Italienisch)
Ueber die mittlere Höhe der Kontinente (Hildburghausen; New York City, New York, 1855, Deutsch)
|2051|

Akademie der Wiſſenſchaften zu Berlin.Verſuch, die mittlere Hoͤhe der Kontinentezu beſtimmen.

Der „Bericht uͤber die zur Bekanntmachung geeigneten Ver-handlungen der Akademie der Wiſſenſchaften zu Berlin im MonatJuli 1842‟ enthaͤlt unter Anderem eine laͤngere Abhandlung uͤberden „Verſuch, die mittlere Hoͤhe der Kontinente zu be-ſtimmen‟, welche Herr Alexander von Humboldt in derSitzung der phyſikaliſch-mathematiſchen Klaſſe der Akademie zu Berlinam 18. Juli vorgetragen hat. Die Wichtigkeit des Gegenſtandesund der Name des Verfaſſers geben dieſer Abhandlung ein ſo hohesIntereſſe, daß wir uns veranlaßt ſehen, ſie unſeren Leſern nach jenemBerichte ausfuͤhrlich mitzutheilen; ſie lautet wie folgt: „Unter den numeriſchen Elementen, von deren genauer Eroͤrterungdie Fortſchritte der phyſiſchen Erdbeſchreibung abhaͤngen, giebt es ei-nes, deſſen Beſtimmung bisher faſt gar nicht verſucht worden iſt.Der Unglaube an die Moͤglichkeit einer ſolchen Beſtimmung iſt viel-leicht die Haupt-Urſache dieſer Vernachlaͤſſigung geweſen. Die Er-weiterung aber unſers orographiſchen Wiſſens, wie die Vervollkomm-nung der Karten großer Laͤnderſtrecken, hat mir den Muth gegeben,mich ſeit Jahren einer muͤhevollen, ſehr ſteril ſcheinenden Arbeit zuunterziehen, deren Zweck die genaͤherte Kenntniß der mittlerenHoͤhe der Kontinente, die Beſtimmung des Schwerpunkts ihresVolums ſey. Bei dieſem Gegenſtande, wie bei vielen anderen derDimenſionen des Weltbaues, der wahrſcheinlichen Entfernung derFixſterne, der mittleren Temperatur der Erdpole oder des ganzen Luft-kreiſes im Meeres-Niveau, der Schaͤtzung der allgemeinen Bevoͤlkerungder Erde, kommt es darauf an, die Graͤnz-Zahlen(nombreslimites) zu erlangen, zwiſchen welche die Reſultate fallen muͤſſen, vondem Bekannten aus einem einzigen Lande, z. B. von der genau geo-metriſch und auch hypſometriſch dargeſtellten Oberflaͤche von Frank-reich, allmaͤlig zu groͤßeren Theilen von Europa und Amerika, durchAnalogieen geleitet, uͤberzugehen, zugleich aber allen numeriſchen An-gaben nachzuſpuͤren, die in neueren Zeiten, beſonders fuͤr Inner- undWeſt-Aſten, uns in ſo erfreulicher Fuͤlle zugekommen ſind. Aſtrono-miſche Orts-Beſtimmungen, um die Graͤnzen zwiſchen den Gebirgs-Abfaͤllen und den Raͤndern der Ebenen bis zu 300 oder 400 Metresabſoluter Hoͤhe auszumitteln, ſind am ſorgfaͤltigſten zu ſammeln.Die Moͤglichkeit einer ſolchen Ergruͤndung der Graͤnzen und der da-von abhaͤngigen Vergleichung des Flaͤchen-Inhalts der Ebenen undder Gebirgs-Grundflaͤchen habe ich fruͤher in geognoſtiſchenUnterſuchungen uͤber Suͤd-Amerika gezeigt, wo die lange, auf einerungeheuren Gangſpalte mauerartig erhobene Kordillere der Andes unddie Maſſen-Erhebungen der Parime und Braſiliens in allen aͤlterenKarten ſo unrichtig umgraͤnzt waren. Es iſt eine allgemeine Tendenzder graphiſchen Darſtellungen, den Gebirgen mehr Breite zu geben,als ſie in der Wirklichkeit haben, ja, in den Ebenen die Plateausverſchiedener Ordnung mit einander zu vermengen. Ich habe zuerſt im Jahre 1825 in zwei Abhandlungen,die ich in der Akademie der Wiſſenſchaften zu Paris verleſen,die mittlere Hoͤhe der Kontinente beruͤhrt, „l’évaluation du volumedes arêtes ou soulèvemens des montagnes comparé à l’étendue de lasurface des basses régions.‟ Eine denkwuͤrdige Behauptung von La-place (Mécanique céleste. T. V. livre XI. chap. 1. pag. 3) hatte Ver-anlaſſung zu dieſer Unterſuchung gegeben. Der große Geometer hatteden Satz aufgeſtellt, daß der Einklang, welcher ſich zwiſchen den Re-ſultaten der Pendel-Verſuche und der Erd-Abplattung findet, aus tri-gonometriſchen Gradmeſſungen und den Monds-Ungleichheiten herge-leitet, den Beweis davon liefert: „que la surface du sphéroide ter-restre seroit à peu près celle de l’équilibre, si cette surface devenoitfluide. De là et de ce que la mer laisse à découvert de vastes conti-nens, on conclut, qu’elle doit être peu profonde et que sa profondeurmoyenne est du même ordre que la hauteur moyenne des continenset des îles au-dessus de son niveau, hauteur qui ne surpasse pasmille mètres (3078 Pariſer Fuß, nur 463 Fuß weniger als derBrocken-Gipfel nach Gauß, oder mehr als die hoͤchſten Bergſpitzen inThuͤringen). Cette hauteur, heißt es weiter, est donc une petite frac-tion de l’excès du rayon de l’équateur sur celui du pôle, excès quisurpasse 20,000 mètres. De même que les hautes montagnes recou-vrent quelques parties des continens, de même il peut y avoir degrandes cavités dans le bassin des mers, mais il est naturel de penserque leur profondeur est plus petite que l’élévation deshautes montagnes, les dépots de fleuves et les dépouilles desanimaux marins devant remplir à la longue ces grandes cavités.‟ Bei der Vielſeitigkeit des gruͤndlichſten Wiſſens, welches denGruͤnder der Mécanique céleste in ſo hohem Grade auszeichnete, wareine ſolche Behauptung um ſo auffallender, als es ihm nicht entging,daß das hoͤchſte Plateau von Frankreich, das, auf welchem die aus-gebrannten Vulkane von Auvergne ausgebrochen ſind, nach Ramondnur 1044 Fuß, die große Iberiſche Hochebene nach meinen Meſſun-gen nur 2100 Fuß uͤber dem Meeresſpiegel liegen. Laplace hat dieobere Graͤnze auf 1000 Metres nur deshalb geſetzt, weil er den |Spaltenumbruch| Umfang und die Maſſe der Gebirgs-Erhebungen fuͤr betraͤchtlicherhielt, als ſie iſt, die Hoͤhe einzelner Piks (kulminirender Punkte)mit der mittleren Hoͤhe der Gebirgs-Ruͤcken verwechſelte, die mitt-lere Meerestiefe zu gering anzunehmen beſorgte und zu ſeiner Zeitkeine Data aufgefuͤhrt fand, aus denen ſich das Verhaͤltniß des Flaͤ-chen-Inhalts (in Quadrat-Meilen) der ganzen Kontinente zu demFlaͤchen-Inhalte der Gebirgs-Grundflaͤchen ſchließen ließ. Eine ſorgfaͤltige Rechnung ergab, daß die Maſſe der Andeskettevon Suͤd-Amerika, auf den ganzen ebenen Theil der oͤſtlichen Gras-und Wald-Fluren pulverartig aber gleichfoͤrmig zerſtreut, dieſe Ebenen,deren Flaͤchen-Inhalt genau \( \frac{1}{3} \) groͤßer iſt als die Oberflaͤche von Eu-ropa, nur um 486 Fuß erhoͤhen wuͤrde. Schon damals zog ichhieraus den Schluß: „que la hauteur moyenne des terres continen-tales dépend bien moins de ces chainons ou arêtes longitudinales depeu de largeur, qui traversent les continens, de ces points culminansou dômes qui attirent la curiosité du vulgaire, que de la configurationgénérale des plateaux de différens ordres et de leur série as-cendante, de ces plaines doucement ondulées et à pentes alternantes,qui influent par leur étendue et leur masse sur la position d’une sur-face moyenne, c’est-à dire sur la hauteur d’un plan placé de manière,que la somme des ordonnées positives soit égale à la somme des or-données négatives.‟ Die Vergleichung, welche Laplace in der angefuͤhrten Stelleder Mécanique céleste zwiſchen der Tiefe des Meeres und der Hoͤheder Kontinente macht, erinnert an eine Stelle des Plutarch im15ten Kapitel ſeiner Lebens-Beſchreibung des Aemilius Paulus (Ed.Reiskii T. II. pag. 276). Sie iſt um ſo merkwuͤrdiger, als ſie unseine unter den Phyſikern von Alexandrien allgemein herrſchendeMeinung kennen lehrt. Nachdem Plutarch den Inhalt einer In-ſchrift mitgetheilt hat, welche am Olympus geſetzt worden war unddas Reſultat der ſorgfaͤltigen Hoͤhenmeſſung des Xenagoras angab,fuͤgt er hinzu: „aber die Geometer (wahrſcheinlich die Alexandri-niſchen) glauben, man finde keinen Berg, der hoͤher, keinMeer, das tiefer ſey, als 10 Stadien.‟ Man ſetzte keinenZweifel in die Richtigkeit der Meſſung des Xenagoras, aber mandruͤckte aus, es muͤſſe durch den Bau der Erde eine voͤllige Gleich-heit geben zwiſchen den poſitiven und negativen Hoͤhen. Hieriſt freilich nur von dem Maximum der Hoͤhe und Tiefe die Rede,nicht von einem mittleren Zuſtande, eine Betrachtung, welcheuͤberhaupt ſich den alten Phyſikern wenig darbot und welche erſt beiveraͤnderlichen Groͤßen auf eine der Aftronomie heilbringende Weiſevon den Arabern eingefuͤhrt ward. Auch in den Meteorologicis desKleomedes (1. 10) iſt eine Meinung geaͤußert, die mit der des Plu-tarchus gleich lautet, waͤhrend in den Meteorologicis des Stagiriten(Aristot. met. II. 2.) nur der Einfluß der Inclination des Meeres-bodens von Oſten nach Weſten auf die Stroͤmung betrachtet wird. Wenn man verſucht, die mittlere Hoͤhe der Kontinental-Erhe-bungen uͤber dem jetzigen Niveau der Meere zu beſtimmen, ſoheißt das, den Schwerpunkt des Volums der Kontinente uͤberdem jetzigen Meeresſpiegel aufzufinden, eine Unterſuchung, die ganzvon der verſchieden iſt, ſtatt des centre de gravité du volume denSchwerpunkt der Kontinental-Maſſe, centre de gravité des masses,aufzufinden, da der ſich uͤber dem Meere erhebende Theil der feſtenErdrinde keineswegs von homogener Dichtigkeit iſt, wie die Geogno-ſie und die Pendel-Verſuche lehren. Der Gang der einfachenRechnung iſt der: man betrachtet jede Gebirgskette als ein dreiſei-tiges, horizontal liegendes Prisma. Die mittlere Hoͤhe der Gebirgs-Paͤſſe, welche die mittlere Hoͤhe des Gebirgs-Ruͤckens beſtimmt, iſtdie Hoͤhe der Seitenkante des liegenden dreiſeitigen Prisma’s, ſenk-recht auf die Flaͤche gefaͤllt, welche die Baſis der Gebirgs-Ketteausmacht. Die Hoch-Ebenen (Plateaus) ſind als ſtehende Prismenihrem Inhalt nach berechnet worden. Um ein Europaͤiſches Bei-ſpiel zu geben, erinnere ich, daß die Oberflaͤche von Frankreich 10,087geographiſche Quadrat-Meilen enthaͤlt. Nach Charpentier betraͤgtdie Grundflaͤche der Pyrenaͤen 430 dieſer Quadrat-Meilen. Obgleichdie mittlere Hoͤhe des Kammes der Pyrenaͤen 7500 Fuß betraͤgt, ſohabe ich doch eine kleinere Hoͤhe angenommen, wegen der Eroſionendes liegenden Prisma’s, welche die haͤufigen tiefen Quer-Thaͤler alsvolum-vermindernd bilden. Der Effekt der Pyrenaͤen auf ganzFrankreich iſt nur 35 Metres oder 108 Fuß. Um dieſe Quantitaͤtnaͤmlich wuͤrde die Normal-Oberflaͤche der Ebenen von ganzFrankreich, die ſich durch Vergleichung vieler genau gemeſſener,wohlgelegener, d. h. dem Centrum angehoͤriger Orte (Bourges,Chartres, Nevers, Tours u. ſ. w.) ergiebt uud 480 Fuß betraͤgt,erhoͤht werden. Die Rechnung, die ich mit Herrn Elie de Beau-mont gemeinſchaftlich angeſtellt, ergiebt nun folgendes allgemeineReſultat:
1) Effekt der Pyrenaͤen 18 Toiſen.
2) Die Franzoͤſiſchen Alpen, der Jura und die Vogeſen,einige Toiſen mehr, als die Pyrenaͤen; ihr gemein-ſamer Effekt 20
3) Es bleiben uͤbrig die Plateaus des Limouſin, derAuvergne, der Cevennen, des Aveyron, des Forez,Morvant und der Côte d’or. Ihr gemeinſamer Effekt,ſehr nahe dem der Pyrenaͤen, gleich 18
Da nun die Normalhoͤhe der Ebenen von Frank-reich in der weiteſten Erſtreckung 80
ſo iſt die mittlere Hoͤhe von Frankreich hoͤchſtensoder 136816 ToiſenFuß.
Die Baltiſchen, Sarmatiſchen und Ruſſiſchen Ebenen ſind nurdurch die Meridian-Kette des Ural von den Ebenen von Nord-Aſiengetrennt; daher denn Herodot, dem der Zuſammenhang um die ſuͤd-liche Extremitaͤt des Urals im Lande der Iſſidonen bekannt war, ganzAſien noͤrdlich vom Altai Europa hieß. In dem cisuraliſchen Theileunſerer Baltiſchen Ebenen ſind, dem Littoral der Oſtſee nahe, partielleMaſſen-Erhebungen, die eine beſondere Ruͤckſicht verdienen. Weſtlichvon Danzig, zwiſchen dieſer Stadt und Buͤtow, wo das See-Uferweit gegen Weſten vortritt, liegen viele Doͤrfer 400 Fuß hoch; ja derThurmberg, deſſen Meſſungen zu vielen hypſometrſſchen StreitigkeitenAnlaß gegeben haben, erhebt ſich nach Major Baeyer’s trigonometri-ſcher Operation zu 1024 Fuß, — vielleicht die groͤßte Berghoͤhe zwi-ſchen dem Harz und Ural. Sonderbar, daß nach Struve’s Meſſungder kulminirende Punkt von Livland, der Munamaggi, bis auf 4 Toi-ſen die Hoͤhe des Preußiſchen Thurmberges erreicht, ja, daß eben ſouͤbereinſtimmend nach Schiffs-Capitain Albrecht’s neuer See-Kartedie groͤßte Tiefe der Oſtſee zwiſchen Gothland und Windau 167 Toi-ſen betraͤgt, wenn der Thurmberg 170 Toiſen hat. Das Lochhat 4 Quadrat-Meilen. Das ausſchließlich Europaͤiſche Flachland, deſſenNormal-Hoͤhe man nicht uͤber 60 Toiſen anſchlagen kann, hat, genaugemeſſen, neunmal den Flaͤchen-Inhalt von Frankreich. Die unge-heure Ausdehnung dieſer niederen Region iſt die Urſache, warum diemittlere Kontinental-Hoͤhe von ganz Europa mit ſeinen 170,000 geo-graphiſchen Quadrat-Meilen um volle 30 Toiſen kleiner ausfaͤllt, alsdas Reſultat fuͤr Frankreich. Ohne laͤnger durch Zahlen ermuͤden zuwollen, fuͤge ich nur die fuͤr eine allgemeine geognoſtiſche Anſicht nichtganz unwichtige Betrachtung hinzu, daß Maſſen-Erhebungen von gan-zen Laͤndern als Hochebenen einen ganz andern Effekt auf Erhoͤhungder Schwerpunkte des Volums bervorbringen, als Bergketten, wennſie auch noch ſo betraͤchtlich an Laͤnge und Hoͤhe ſind. Waͤhrend diePyrenaͤen auf ganz Europa kaum den Effekt von einer Toiſe, das Al-pen-Syſtem, deſſen Grundflaͤche die der Pyrenaͤen faſt viermaluͤbertrifft, den Effekt von 3\( \frac{1}{2} \) Toiſen hervorbringen, bewirkt die Ibe-riſche Halbinſel mit ihrer kompakten Plateau-Maſſe von 300 ToiſenHoͤhe einen Effekt von 12 Toiſen. Das Iberiſche Plateau wirkt dem-nach auf ganz Europa viermal ſo viel, als das Alpenſyſtem. DasReſultat der Rechnungen iſt meiſt ſo befremdend, daß es ſich allerVorausbeſtimmung zu entziehen ſcheint. Ueber die Gestaltung von Aſien iſt in den neueſten Zeiten vielLicht verbreitet worden. Der Effekt der ſuͤslichen koloſſalen Erhe-bungs-Maſſen wird dadurch vermindert, dass \( \frac{1}{2} \) des ganzen Kontinentsvon Aſien, ein Theil Sibiriens, der ſelbſt um \( \frac{1}{2} \) den Flaͤcheninhaltvon Europa uͤbertrifft, nicht 40 Toiſen Normal-Hoͤhe hat. Das iſtſelbst noch die Hoͤhe von Orenburg an dem noͤrdlichen Rande derKaspiſchen und Turaniſchen Senkung. Tobolsk hat nicht die Haͤlfte |2052| dieſer Hoͤhe, und Kaſan, das fuͤnfmal entfernter von dem Litteral desEis-Meeres liegt, als Berlin von der Oſtſee, hat kaum die Haͤlfte derHoͤhe unſerer Stadt. Am oberen Irtyſch zwiſchen Buchtarminskund dem Sayſan-See, an einem Punkte, wo man dem IndiſchenMeere naͤher als dem Eis-Meere iſt, fanden wir die Ebene noch nicht800 Fuß hoch, ein ſogenanntes Central-Plateau Inner-Aſiens, dasnoch nicht die Haͤlfte der Erhebung des Straßen-Pflaſters von Muͤn-chen uͤber dem Niveau des Meeres hat. Das einſt ſo beruͤhmte Pla-teau zwiſchen dem Baikal-See und der Chineſiſchen Mauer (dieſteinige Wuͤſte Gobi oder Cha-mo), das die Ruſſiſchen AkademikerBunge und Fuß barometriſch gemeſſen, hat nur die mittlere Hoͤhevon 660 Toiſchen (3960 Fuß), als ſetze man die Muͤggels Berge aufden Gipfel de Brocken; ja, das Plateau hat in ſeiner Mitte, woErgi liegt (Lat. 45° 31′), eine muldenartige Vertiefung, wo der Bo-den bis 400 Toiſen (2400 Fuß), faſt bis zur Hoͤhe von Madrid, her-abſinkt. „Dieſe Senkung‟, ſagt Bunge in einem noch ungedrucktenAufſatze, den ich beſitze, „iſt mit Halophyten und Arundo-Arten be-deckt, und nach den Traditionen der Mongolen, die uns begleiteten,war ſie einſt ein großes Binnen-Meer.‟ Beide Extremitaͤten dieſesalten Binnen-Meeres ſind durch flache Fels-Raͤnder, ganz einem See-Ufer gleich, bei Olonbeiſchan und Zukeldakan begraͤnzt. Das Arealdes Gobi, in ſeiner einfoͤrmigen Maſſen-Erhebung von S. W. gegenN. O., iſt zweimal ſo groß als ganz Deutſchland und wuͤrde denSchwerpunkt von Aſien um 20 Toiſen erhoͤhen, waͤhrend derHimalaya und das den Hindu-Kho fortſetzende Kuen-lun, ſammt derTuͤbetaniſchen Hochebene, die Himalaya und Kuen-lun verbindet,einen Effekt von 56 Toiſen hervorbringen wuͤrden. Bei der Berechnung des ungeheuren Reliefs zwiſchen den Indi-ſchen Ebenen und dem niedrigen, von dem milden Kaſchgar gegenden Lop-See oͤſtlich abfallenden Plateau des Tarim war der Punktzu beachten, nahe dem Meridian des Kaylaſa und der zwei heiligenSeen Manaſa und Ravana-hrada, von wo an der Himalaya nichtmehr von Oſten gegen Weſten dem Kuen-lun parallel laͤuft, ſondernſich, von SO, — NW. gerichtet, dem Berg-System des Tſun-ling anſchaart. Die Hoͤhen der zahlreichen Berg-Paͤſſe von Bamianbis zu dem Meridian des Tſchamalari (24,400 Fuß), bei welchemTurner auf das Tuͤbetaniſche Plateau von H’Laſſa gelangte, alſo ineiner Ausdehnung von 21 Laͤngengraden, ſind bekannt. Der groͤßereTheil derſelben hat ſehr einfoͤrmig 14,000 Engl. Fuß (2200 Toiſen),eine in den Paͤſſen der Andes-Kette gar nicht ungewoͤhnliche Hoͤhe.Die große Landſtraße, der ich von Quito nach Cuenca gefolgt bin,hat z. B. am Aſſuay ſchneefrei die Hoͤhe von 2428 Toiſen, dasiſt faſt 1400 Fuß mehr als jene Himalaya-Uebergaͤnge. DiePaͤſſe, wie ich bereits fruͤher bemerkt, beſtimmen die mittlere Hoͤhe derGebirgskaͤmme. In einer Abhandlung uͤber das Verhaͤltniß der hoͤch-ſten Gipfel (kulminirenden Punkte) zu der Hoͤhe der Gebirgsruͤckenhabe ich gezeigt, daß der Gebirgsruͤcken der Pyrenaͤen, aus 23 Paͤſſen(cols, hourques) berechnet, 50 Toiſen hoͤher als der mittlere Gebirgs-ruͤcken der Alpen iſt, obgleich die Culmiationspunkte der Pyrenaͤenund Alpen ſich wie 1 : 1,4 verhalten. Da einzelne Himalaya-Paͤſſe,z. B. Niti-Gate, durch das man in die Ebene der Shawl-Ziegenaufſteigt, 2629 Toiſen hoch ſind, ſo habe ich die mittlere Hoͤhe desHimalaya-Ruͤckens nicht zu 14,000 Engl. Fuß, ſondern, wenngleichuͤberſchaͤtzt, zu 15,500 Fuß (2432 Toiſen) angeſchlagen. Das Plateauder drei Thaͤler Tuͤbets von Iscardo, Ladak und H’Laſſa iſteine Intumescenz zwiſchen zwei anſchaarenden Ketten (Himalaya undKuen-lun). Vigne’s eben erſchienene Reiſe nach Baltiſtan oder Klein-Tuͤbet, die von Lloyd beſorgte Ausgabe der Journale der BruͤderGerard, ſo wie neue in Indien ſelbſt angeregte Streitigkeiten uͤberdie relative Hoͤhe der ewigen Schneegraͤnze an dem Indiſchen undTuͤbetaniſchen Abhange des Himalaya, haben immer mehr gezeigt, daßdie mittlere Hoͤhe der Tuͤbetaniſchen Hochebene bisher anſehnlich uͤber-ſchaͤtzt worden iſt. In meinem Werke Asie centrale, von deſſendrittem Bande nur noch wenige Bogen ungedruckt ſind, und welchesvon einer hypſometriſchen Karte von Aſien vom Phaſis bis zum GolfPetſcheli, vom Zuſammenfluſſe des Ob und Irtyſch bis zum Parallelvon Delhi begleitet iſt, glaube ich durch Zuſammenſtellung vieler That-ſachen zu beweiſen, daß die Intumescenz zwiſchen Himalaya undKuen-lun (der ſuͤdlichen und noͤrdlichen Graͤnzkette von Tuͤbet) nicht1800 Toiſen mittlerer Hoͤhe uͤberſteigt, alſo ſelbſt 200 Toiſen niedri-ger als die Hochebene des Sees Titica iſt. Die hypſometriſche Configuration des Aſiatiſchen Feſtlandes, inder die Ebenen und Senkungen, vielleicht noch auffallender als diekoloſſalen Hebungen ſind, zeichnet ſich durch zwei charakteriſti-ſche Grundzuͤge aus: 1) durch die lange Reihe von Meridianketten,die mit parallelen Axen, aber unter ſich alternirend (vielleichtgangartig verworfen), vom Kap Comorin (Ceylon gegenuͤber) bisan die Kaͤſte des Eismeeres, in gleichmaͤßiger Richtung, SSO. —NNW., unter dem Namen der Ghates, der Soliman-Kette, des Pa-ralaſa, des Bolor und des Ural hinſtreichen. Dieſe alternirende Lageder goldreichen Meridian-Ketten (Vigne hat neuerdings amoͤſtlichen Bolor-Abfall, im Baſha-Thale des Baltiſtan, die vom Tuͤ-betiſchen Murmelthier, Herodot’s großen Ameiſen, durchwuͤhltenGoldſandſchichten beſucht) offenbart das Geſetz, daß keine der ebengenannten funf Meridianketten, zwiſchen 64° und 75° Laͤnge, nebender naͤchſten gegen Oſten und Weſten vorbeiſtreicht, auch daß jedeneue longitudinale Erhebung erſt in der geographiſchen Breite be-ginnt, welche die vorhergehende noch nicht erreicht hat. 2) Ein an-derer, ebenfalls nicht genug beachteter, charakteriſtiſcher Zug der Con-figuration von Aſten iſt die Kontinuitaͤt einer ungeheuren |Spaltenumbruch| oſtweſtlichen Hebung, zwiſchen Lat. 35° und 36\( \frac{1}{2} \)°, vom Takhialu-dagh an im alten Lycien bis zur Chineſiſchen Provinz Houpih, eineHebung, die dreimal von Meridianketten (Zagros in Weſt-Perſien, Bolor in Afghaniſtan, Aſſam-Kette im Dzangbo-Thale)durchſchnitten wird. Von Weſten gegen Oſten heißt dieſeKette, auf dem Parallel des Dicaͤarchus, welcher zugleich derParallel von Rhodus iſt: Taurus, Elbruz, Hindu Kho und Kuen-lun oder A-neutha. In dem dritten Buch der Geographie des Era-toſthenes findet ſich der erſte Keim des Gedankens einer ununterbrochenfortlaufenden, ganz Aſien theilenden Bergkette (Strabo XV. pag. 689.Cas.). Dicaͤarchus ſah den Zuſammenhang ein zwiſchen dem Klein-Aſiatiſchen Taurus und den Indiſchen Schneebergen, denen die Er-zaͤhlungen und Luͤgen der Begleiter des Macedoniers bei den Griechenſo viel Ruf verſchafft hatten. Man legte Wichtigkeit auf den Pa-rallel von Rhodus und auf die Richtung dieſer unermeßlichenBergkette. Die „Chlamyde‟ von Aſien ſoll unter dieſem Parallelam breiteſten ſeyn (Strabo XI. pag. 519); ja, weiter gegen Oſtenkoͤnnte (wie Strabo ſagt) ein anderer Kontinent liegen. Son-derbare geognoſtiſche Traͤume uͤber eine Zone, einen Breitengrad, eineSpaltung der Erd-Oberflaͤche, in der vorzugsweiſe Kontinental- undBerg-Erhebungen ſtattgefunden, ja in der auch die Straße und dieSaͤulen des Herkules bei Gades (Lat. 36°) liegen. Der Taurus unddie Hoch-Ebenen von Klein-Aſien hatten den Einfluß der Hoͤhe aufdie Temperatur den Griechiſchen Phyſikern zuerſt recht merklich ge-macht. „Auch in ſuͤdlichen Erdſtrichen‟, ſagt der große Geographvon Amaſeia (Strabo II. pag. 73), indem er das Klima der noͤrdli-chen Kuͤſten von Kappadocien mit der 3000 Stadien ſuͤdlicheren Ebeneum den Argaios vergleicht, „ſind die Berge und jeder hohe Bodenkalt, wenn er auch eine Ebene iſt.‟ Strabo allein unter allenGriechiſchen Schriftſtellern gebraucht das ſchoͤn bezeichnende Wort᾽σροπεδια, Berg-Ebenen. Als Schluß-Reſultat dieſer ganzen Arbeit ergibt ſich das vonLaplace angegebene Maximum der mittleren Kontinental-Hoͤhe um \( \frac{2}{3} \)zu groß. Ich finde fuͤr die drei Welttheile, die ich berechnet (anAfrika wuͤrde zu fruͤh ſeyn, ſich zu wagen!) folgende numeriſcheElemente:
Europa 105 Toiſen (205 Metre.)
Nord-Amerika 117 “ (228 “ )
Suͤd-Amerika 117 “ (345 “ )
Aſien 180 “ (351 “ )
Fuͤr den ganzen neuen Kontinent ergeben ſich 146 Toiſen (285Metre), und fuͤr die Hoͤhe des Schwerpunkts des Volumsaller Kontinental-Maſſen (Afrika nicht eingerechnet) uͤberdem heutigen Meeresſpiegel 157,8 Toiſen oder 307 Metre.Herr von Hoff hat auf einer Landſtrecke von 224 geographiſchenQuadrat-Meilen die Hoͤhen von 1076 Punkten mit ſeltener Genauig-keit gemeſſen, und zwar in einem meiſt gebirgigen Theile Thuͤringens.Er beſtimmte demnach faſt 5 Hoͤhen auf jeder Quadrat-Meile; aberdieſe Hoͤhen waren ungleich vertheilt. Wegen der LaplaciſchenBehauptung uͤber die Kontinental-Maſſen forderte ich Herrnvon Hoff auf, die mittlere Hoͤhe ſeines hypſometriſch vermeſ-ſenen Landſtrichs zu berechnen. Dieſer findet ſie zu 166 Toiſen(Hoͤhen-Meſſungen in und um Thuͤringen. 1833, pag. 118),alſo nur 8 Toiſen mehr, als das von mir gefundene Reſultat.Man darf daraus ſchließen, daß, da eine ſehr gebirgige GegendThuͤringens gemeſſen wurde, das Reſultat von 157 Toiſen oder 942Fuß als Graͤnzwerth (nombre limite) noch eher zu groß als zu kleiniſt. Bei der Gewißheit, eines progreſſiven, aber partiellen Aufſtei-gens von Schweden (eine fuͤr die phyſiſche Erdbeſchreibung ſo wich-tige Gewißheit, die wir Leopold von Buch verdanken) kann manglauben, daß dieſe Lage des Schwerpunkts nicht immer dieſelbe blei-ben wird; aber bei einzelnen herabſteigenden Maſſen und bei derKleinheit der Raͤume, auf welche die unterirdiſchen Kraͤfte zu wirkenſcheinen, wird die ſich großentheils ſelbſt kompenſirende Variationim Ganzen wenig ſtoͤrend auf den Schwerpunkt des Ueber-Oceani-ſchen einwirken. In den numeriſchen Reſultaten jener hypſometri-ſchen Arbeit offenbart ſich aufs neue, daß die geringſten Hoͤhen inunſerer Hemiſphaͤre den Kontinental-Maſſen des Nordens zugehoͤren.Europa giebt 105 Toiſen, Nord-Amerika 117 Toiſen. Der Intumes-cenz Aſiens, zwiſchen 28° und 40° Breite, kompenſirt die minderndeWirkung des Sibiriſchen Tieflandes. Aſien und Suͤd-Amerika geben180 und 177 Toiſen. Man lieſt gewiſſermaßen in jenen Zahlen, inwelchen Theilen unſerer Erd-Oberflaͤche der Vulkanismus (dieReaction des Innern gegen das Aeußere) durch uralte Hebungenam kraͤftigſten gewirkt hat.‟