Akademie der Wiſſenſchaften zu Berlin. Verſuch, die mittlere Hoͤhe der Kontinente zu beſtimmen. Der „Bericht uͤber die zur Bekanntmachung geeigneten Verhandlungen der Akademie der Wiſſenſchaften zu Berlin im Monat Juli 1842‟ enthaͤlt unter Anderem eine laͤngere Abhandlung uͤber den „Verſuch, die mittlere Hoͤhe der Kontinente zu beſtimmen‟, welche Herr Alexander von Humboldt in der Sitzung der phyſikaliſch-mathematiſchen Klaſſe der Akademie zu Berlin am 18. Juli vorgetragen hat. Die Wichtigkeit des Gegenſtandes und der Name des Verfaſſers geben dieſer Abhandlung ein ſo hohes Intereſſe, daß wir uns veranlaßt ſehen, ſie unſeren Leſern nach jenem Berichte ausfuͤhrlich mitzutheilen; ſie lautet wie folgt: „Unter den numeriſchen Elementen, von deren genauer Eroͤrterung die Fortſchritte der phyſiſchen Erdbeſchreibung abhaͤngen, giebt es eines, deſſen Beſtimmung bisher faſt gar nicht verſucht worden iſt. Der Unglaube an die Moͤglichkeit einer ſolchen Beſtimmung iſt vielleicht die Haupt-Urſache dieſer Vernachlaͤſſigung geweſen. Die Erweiterung aber unſers orographiſchen Wiſſens, wie die Vervollkommnung der Karten großer Laͤnderſtrecken, hat mir den Muth gegeben, mich ſeit Jahren einer muͤhevollen, ſehr ſteril ſcheinenden Arbeit zu unterziehen, deren Zweck die genaͤherte Kenntniß der mittleren Hoͤhe der Kontinente, die Beſtimmung des Schwerpunkts ihres Volums ſey. Bei dieſem Gegenſtande, wie bei vielen anderen der Dimenſionen des Weltbaues, der wahrſcheinlichen Entfernung der Fixſterne, der mittleren Temperatur der Erdpole oder des ganzen Luftkreiſes im Meeres-Niveau, der Schaͤtzung der allgemeinen Bevoͤlkerung der Erde, kommt es darauf an, die Graͤnz-Zahlen(nombres limites) zu erlangen, zwiſchen welche die Reſultate fallen muͤſſen, von dem Bekannten aus einem einzigen Lande, z. B. von der genau geometriſch und auch hypſometriſch dargeſtellten Oberflaͤche von Frankreich, allmaͤlig zu groͤßeren Theilen von Europa und Amerika, durch Analogieen geleitet, uͤberzugehen, zugleich aber allen numeriſchen Angaben nachzuſpuͤren, die in neueren Zeiten, beſonders fuͤr Inner- und Weſt-Aſten, uns in ſo erfreulicher Fuͤlle zugekommen ſind. Aſtronomiſche Orts-Beſtimmungen, um die Graͤnzen zwiſchen den Gebirgs- Abfaͤllen und den Raͤndern der Ebenen bis zu 300 oder 400 Metres abſoluter Hoͤhe auszumitteln, ſind am ſorgfaͤltigſten zu ſammeln. Die Moͤglichkeit einer ſolchen Ergruͤndung der Graͤnzen und der davon abhaͤngigen Vergleichung des Flaͤchen-Inhalts der Ebenen und der Gebirgs-Grundflaͤchen habe ich fruͤher in geognoſtiſchen Unterſuchungen uͤber Suͤd-Amerika gezeigt, wo die lange, auf einer ungeheuren Gangſpalte mauerartig erhobene Kordillere der Andes und die Maſſen-Erhebungen der Parime und Braſiliens in allen aͤlteren Karten ſo unrichtig umgraͤnzt waren. Es iſt eine allgemeine Tendenz der graphiſchen Darſtellungen, den Gebirgen mehr Breite zu geben, als ſie in der Wirklichkeit haben, ja, in den Ebenen die Plateaus verſchiedener Ordnung mit einander zu vermengen. Ich habe zuerſt im Jahre 1825 in zwei Abhandlungen, die ich in der Akademie der Wiſſenſchaften zu Paris verleſen, die mittlere Hoͤhe der Kontinente beruͤhrt, „l’évaluation du volume des arêtes ou soulèvemens des montagnes comparé à l’étendue de la surface des basses régions.‟ Eine denkwuͤrdige Behauptung von Laplace (Mécanique céleste. T. V. livre XI. chap. 1. pag. 3) hatte Veranlaſſung zu dieſer Unterſuchung gegeben. Der große Geometer hatte den Satz aufgeſtellt, daß der Einklang, welcher ſich zwiſchen den Reſultaten der Pendel-Verſuche und der Erd-Abplattung findet, aus trigonometriſchen Gradmeſſungen und den Monds-Ungleichheiten hergeleitet, den Beweis davon liefert: „que la surface du sphéroide terrestre seroit à peu près celle de l’équilibre, si cette surface devenoit fluide. De là et de ce que la mer laisse à découvert de vastes continens, on conclut, qu’elle doit être peu profonde et que sa profondeur moyenne est du même ordre que la hauteur moyenne des continens et des îles au-dessus de son niveau, hauteur qui ne surpasse pas mille mètres (3078 Pariſer Fuß, nur 463 Fuß weniger als der Brocken-Gipfel nach Gauß, oder mehr als die hoͤchſten Bergſpitzen in Thuͤringen). Cette hauteur, heißt es weiter, est donc une petite fraction de l’excès du rayon de l’équateur sur celui du pôle, excès qui surpasse 20,000 mètres. De même que les hautes montagnes recouvrent quelques parties des continens, de même il peut y avoir de grandes cavités dans le bassin des mers, mais il est naturel de penser que leur profondeur est plus petite que l’élévation des hautes montagnes, les dépots de fleuves et les dépouilles des animaux marins devant remplir à la longue ces grandes cavités.‟ Bei der Vielſeitigkeit des gruͤndlichſten Wiſſens, welches den Gruͤnder der Mécanique céleste in ſo hohem Grade auszeichnete, war eine ſolche Behauptung um ſo auffallender, als es ihm nicht entging, daß das hoͤchſte Plateau von Frankreich, das, auf welchem die ausgebrannten Vulkane von Auvergne ausgebrochen ſind, nach Ramond nur 1044 Fuß, die große Iberiſche Hochebene nach meinen Meſſungen nur 2100 Fuß uͤber dem Meeresſpiegel liegen. Laplace hat die obere Graͤnze auf 1000 Metres nur deshalb geſetzt, weil er den Umfang und die Maſſe der Gebirgs-Erhebungen fuͤr betraͤchtlicher hielt, als ſie iſt, die Hoͤhe einzelner Piks (kulminirender Punkte) mit der mittleren Hoͤhe der Gebirgs-Ruͤcken verwechſelte, die mittlere Meerestiefe zu gering anzunehmen beſorgte und zu ſeiner Zeit keine Data aufgefuͤhrt fand, aus denen ſich das Verhaͤltniß des Flaͤchen-Inhalts (in Quadrat-Meilen) der ganzen Kontinente zu dem Flaͤchen-Inhalte der Gebirgs-Grundflaͤchen ſchließen ließ. Eine ſorgfaͤltige Rechnung ergab, daß die Maſſe der Andeskette von Suͤd-Amerika, auf den ganzen ebenen Theil der oͤſtlichen Gras- und Wald-Fluren pulverartig aber gleichfoͤrmig zerſtreut, dieſe Ebenen, deren Flaͤchen-Inhalt genau [Formel] groͤßer iſt als die Oberflaͤche von Europa, nur um 486 Fuß erhoͤhen wuͤrde. Schon damals zog ich hieraus den Schluß: „que la hauteur moyenne des terres continentales dépend bien moins de ces chainons ou arêtes longitudinales de peu de largeur, qui traversent les continens, de ces points culminans ou dômes qui attirent la curiosité du vulgaire, que de la configuration générale des plateaux de différens ordres et de leur série ascendante, de ces plaines doucement ondulées et à pentes alternantes, qui influent par leur étendue et leur masse sur la position d’une surface moyenne, c’est-à dire sur la hauteur d’un plan placé de manière, que la somme des ordonnées positives soit égale à la somme des ordonnées négatives.‟ Die Vergleichung, welche Laplace in der angefuͤhrten Stelle der Mécanique céleste zwiſchen der Tiefe des Meeres und der Hoͤhe der Kontinente macht, erinnert an eine Stelle des Plutarch im 15ten Kapitel ſeiner Lebens-Beſchreibung des Aemilius Paulus (Ed. Reiskii T. II. pag. 276). Sie iſt um ſo merkwuͤrdiger, als ſie uns eine unter den Phyſikern von Alexandrien allgemein herrſchende Meinung kennen lehrt. Nachdem Plutarch den Inhalt einer Inſchrift mitgetheilt hat, welche am Olympus geſetzt worden war und das Reſultat der ſorgfaͤltigen Hoͤhenmeſſung des Xenagoras angab, fuͤgt er hinzu: „aber die Geometer (wahrſcheinlich die Alexandriniſchen) glauben, man finde keinen Berg, der hoͤher, kein Meer, das tiefer ſey, als 10 Stadien.‟ Man ſetzte keinen Zweifel in die Richtigkeit der Meſſung des Xenagoras, aber man druͤckte aus, es muͤſſe durch den Bau der Erde eine voͤllige Gleichheit geben zwiſchen den poſitiven und negativen Hoͤhen. Hier iſt freilich nur von dem Maximum der Hoͤhe und Tiefe die Rede, nicht von einem mittleren Zuſtande, eine Betrachtung, welche uͤberhaupt ſich den alten Phyſikern wenig darbot und welche erſt bei veraͤnderlichen Groͤßen auf eine der Aftronomie heilbringende Weiſe von den Arabern eingefuͤhrt ward. Auch in den Meteorologicis des Kleomedes (1. 10) iſt eine Meinung geaͤußert, die mit der des Plutarchus gleich lautet, waͤhrend in den Meteorologicis des Stagiriten (Aristot. met. II. 2.) nur der Einfluß der Inclination des Meeresbodens von Oſten nach Weſten auf die Stroͤmung betrachtet wird. Wenn man verſucht, die mittlere Hoͤhe der Kontinental-Erhebungen uͤber dem jetzigen Niveau der Meere zu beſtimmen, ſo heißt das, den Schwerpunkt des Volums der Kontinente uͤber dem jetzigen Meeresſpiegel aufzufinden, eine Unterſuchung, die ganz von der verſchieden iſt, ſtatt des centre de gravité du volume den Schwerpunkt der Kontinental-Maſſe, centre de gravité des masses, aufzufinden, da der ſich uͤber dem Meere erhebende Theil der feſten Erdrinde keineswegs von homogener Dichtigkeit iſt, wie die Geognoſie und die Pendel-Verſuche lehren. Der Gang der einfachen Rechnung iſt der: man betrachtet jede Gebirgskette als ein dreiſeitiges, horizontal liegendes Prisma. Die mittlere Hoͤhe der Gebirgs- Paͤſſe, welche die mittlere Hoͤhe des Gebirgs-Ruͤckens beſtimmt, iſt die Hoͤhe der Seitenkante des liegenden dreiſeitigen Prisma’s, ſenkrecht auf die Flaͤche gefaͤllt, welche die Baſis der Gebirgs-Kette ausmacht. Die Hoch-Ebenen (Plateaus) ſind als ſtehende Prismen ihrem Inhalt nach berechnet worden. Um ein Europaͤiſches Beiſpiel zu geben, erinnere ich, daß die Oberflaͤche von Frankreich 10,087 geographiſche Quadrat-Meilen enthaͤlt. Nach Charpentier betraͤgt die Grundflaͤche der Pyrenaͤen 430 dieſer Quadrat-Meilen. Obgleich die mittlere Hoͤhe des Kammes der Pyrenaͤen 7500 Fuß betraͤgt, ſo habe ich doch eine kleinere Hoͤhe angenommen, wegen der Eroſionen des liegenden Prisma’s, welche die haͤufigen tiefen Quer-Thaͤler als volum-vermindernd bilden. Der Effekt der Pyrenaͤen auf ganz Frankreich iſt nur 35 Metres oder 108 Fuß. Um dieſe Quantitaͤt naͤmlich wuͤrde die Normal-Oberflaͤche der Ebenen von ganz Frankreich, die ſich durch Vergleichung vieler genau gemeſſener, wohlgelegener, d. h. dem Centrum angehoͤriger Orte (Bourges, Chartres, Nevers, Tours u. ſ. w.) ergiebt uud 480 Fuß betraͤgt, erhoͤht werden. Die Rechnung, die ich mit Herrn Elie de Beaumont gemeinſchaftlich angeſtellt, ergiebt nun folgendes allgemeine Reſultat: 1) Effekt der Pyrenaͤen 18 Toiſen. 2) Die Franzoͤſiſchen Alpen, der Jura und die Vogeſen, einige Toiſen mehr, als die Pyrenaͤen; ihr gemeinſamer Effekt 20 “ 3) Es bleiben uͤbrig die Plateaus des Limouſin, der Auvergne, der Cevennen, des Aveyron, des Forez, Morvant und der Côte d’or. Ihr gemeinſamer Effekt, ſehr nahe dem der Pyrenaͤen, gleich 18 “ Da nun die Normalhoͤhe der Ebenen von Frankreich in der weiteſten Erſtreckung 80 “ ſo iſt die mittlere Hoͤhe von Frankreich hoͤchſtens oder 136816 Toiſen Fuß. Die Baltiſchen, Sarmatiſchen und Ruſſiſchen Ebenen ſind nur durch die Meridian-Kette des Ural von den Ebenen von Nord-Aſien getrennt; daher denn Herodot, dem der Zuſammenhang um die ſuͤdliche Extremitaͤt des Urals im Lande der Iſſidonen bekannt war, ganz Aſien noͤrdlich vom Altai Europa hieß. In dem cisuraliſchen Theile unſerer Baltiſchen Ebenen ſind, dem Littoral der Oſtſee nahe, partielle Maſſen-Erhebungen, die eine beſondere Ruͤckſicht verdienen. Weſtlich von Danzig, zwiſchen dieſer Stadt und Buͤtow, wo das See-Ufer weit gegen Weſten vortritt, liegen viele Doͤrfer 400 Fuß hoch; ja der Thurmberg, deſſen Meſſungen zu vielen hypſometrſſchen Streitigkeiten Anlaß gegeben haben, erhebt ſich nach Major Baeyer’s trigonometriſcher Operation zu 1024 Fuß, — vielleicht die groͤßte Berghoͤhe zwiſchen dem Harz und Ural. Sonderbar, daß nach Struve’s Meſſung der kulminirende Punkt von Livland, der Munamaggi, bis auf 4 Toiſen die Hoͤhe des Preußiſchen Thurmberges erreicht, ja, daß eben ſo uͤbereinſtimmend nach Schiffs-Capitain Albrecht’s neuer See-Karte die groͤßte Tiefe der Oſtſee zwiſchen Gothland und Windau 167 Toiſen betraͤgt, wenn der Thurmberg 170 Toiſen hat. Das Loch hat 4 Quadrat-Meilen. Das ausſchließlich Europaͤiſche Flachland, deſſen Normal-Hoͤhe man nicht uͤber 60 Toiſen anſchlagen kann, hat, genau gemeſſen, neunmal den Flaͤchen-Inhalt von Frankreich. Die ungeheure Ausdehnung dieſer niederen Region iſt die Urſache, warum die mittlere Kontinental-Hoͤhe von ganz Europa mit ſeinen 170,000 geographiſchen Quadrat-Meilen um volle 30 Toiſen kleiner ausfaͤllt, als das Reſultat fuͤr Frankreich. Ohne laͤnger durch Zahlen ermuͤden zu wollen, fuͤge ich nur die fuͤr eine allgemeine geognoſtiſche Anſicht nicht ganz unwichtige Betrachtung hinzu, daß Maſſen-Erhebungen von ganzen Laͤndern als Hochebenen einen ganz andern Effekt auf Erhoͤhung der Schwerpunkte des Volums bervorbringen, als Bergketten, wenn ſie auch noch ſo betraͤchtlich an Laͤnge und Hoͤhe ſind. Waͤhrend die Pyrenaͤen auf ganz Europa kaum den Effekt von einer Toiſe, das Alpen-Syſtem, deſſen Grundflaͤche die der Pyrenaͤen faſt viermal uͤbertrifft, den Effekt von 3 [Formel] Toiſen hervorbringen, bewirkt die Iberiſche Halbinſel mit ihrer kompakten Plateau-Maſſe von 300 Toiſen Hoͤhe einen Effekt von 12 Toiſen. Das Iberiſche Plateau wirkt demnach auf ganz Europa viermal ſo viel, als das Alpenſyſtem. Das Reſultat der Rechnungen iſt meiſt ſo befremdend, daß es ſich aller Vorausbeſtimmung zu entziehen ſcheint. Ueber die Gestaltung von Aſien iſt in den neueſten Zeiten viel Licht verbreitet worden. Der Effekt der ſuͤslichen koloſſalen Erhebungs-Maſſen wird dadurch vermindert, dass [Formel] des ganzen Kontinents von Aſien, ein Theil Sibiriens, der ſelbſt um [Formel] den Flaͤcheninhalt von Europa uͤbertrifft, nicht 40 Toiſen Normal-Hoͤhe hat. Das iſt ſelbst noch die Hoͤhe von Orenburg an dem noͤrdlichen Rande der Kaspiſchen und Turaniſchen Senkung. Tobolsk hat nicht die Haͤlfte dieſer Hoͤhe, und Kaſan, das fuͤnfmal entfernter von dem Litteral des Eis-Meeres liegt, als Berlin von der Oſtſee, hat kaum die Haͤlfte der Hoͤhe unſerer Stadt. Am oberen Irtyſch zwiſchen Buchtarminsk und dem Sayſan-See, an einem Punkte, wo man dem Indiſchen Meere naͤher als dem Eis-Meere iſt, fanden wir die Ebene noch nicht 800 Fuß hoch, ein ſogenanntes Central-Plateau Inner-Aſiens, das noch nicht die Haͤlfte der Erhebung des Straßen-Pflaſters von Muͤnchen uͤber dem Niveau des Meeres hat. Das einſt ſo beruͤhmte Plateau zwiſchen dem Baikal-See und der Chineſiſchen Mauer (die ſteinige Wuͤſte Gobi oder Cha-mo), das die Ruſſiſchen Akademiker Bunge und Fuß barometriſch gemeſſen, hat nur die mittlere Hoͤhe von 660 Toiſchen (3960 Fuß), als ſetze man die Muͤggels Berge auf den Gipfel de Brocken; ja, das Plateau hat in ſeiner Mitte, wo Ergi liegt (Lat. 45° 31′), eine muldenartige Vertiefung, wo der Boden bis 400 Toiſen (2400 Fuß), faſt bis zur Hoͤhe von Madrid, herabſinkt. „Dieſe Senkung‟, ſagt Bunge in einem noch ungedruckten Aufſatze, den ich beſitze, „iſt mit Halophyten und Arundo-Arten bedeckt, und nach den Traditionen der Mongolen, die uns begleiteten, war ſie einſt ein großes Binnen-Meer.‟ Beide Extremitaͤten dieſes alten Binnen-Meeres ſind durch flache Fels-Raͤnder, ganz einem See- Ufer gleich, bei Olonbeiſchan und Zukeldakan begraͤnzt. Das Areal des Gobi, in ſeiner einfoͤrmigen Maſſen-Erhebung von S. W. gegen N. O., iſt zweimal ſo groß als ganz Deutſchland und wuͤrde den Schwerpunkt von Aſien um 20 Toiſen erhoͤhen, waͤhrend der Himalaya und das den Hindu-Kho fortſetzende Kuen-lun, ſammt der Tuͤbetaniſchen Hochebene, die Himalaya und Kuen-lun verbindet, einen Effekt von 56 Toiſen hervorbringen wuͤrden. Bei der Berechnung des ungeheuren Reliefs zwiſchen den Indiſchen Ebenen und dem niedrigen, von dem milden Kaſchgar gegen den Lop-See oͤſtlich abfallenden Plateau des Tarim war der Punkt zu beachten, nahe dem Meridian des Kaylaſa und der zwei heiligen Seen Manaſa und Ravana-hrada, von wo an der Himalaya nicht mehr von Oſten gegen Weſten dem Kuen-lun parallel laͤuft, ſondern ſich, vonSO, — NW. gerichtet, dem Berg-System des Tſunling anſchaart. Die Hoͤhen der zahlreichen Berg-Paͤſſe von Bamian bis zu dem Meridian des Tſchamalari (24,400 Fuß), bei welchem Turner auf das Tuͤbetaniſche Plateau von H’Laſſa gelangte, alſo in einer Ausdehnung von 21 Laͤngengraden, ſind bekannt. Der groͤßere Theil derſelben hat ſehr einfoͤrmig 14,000 Engl. Fuß (2200 Toiſen), eine in den Paͤſſen der Andes-Kette gar nicht ungewoͤhnliche Hoͤhe. Die große Landſtraße, der ich von Quito nach Cuenca gefolgt bin, hat z. B. am Aſſuay ſchneefrei die Hoͤhe von 2428 Toiſen, das iſt faſt 1400 Fuß mehr als jene Himalaya-Uebergaͤnge. Die Paͤſſe, wie ich bereits fruͤher bemerkt, beſtimmen die mittlere Hoͤhe der Gebirgskaͤmme. In einer Abhandlung uͤber das Verhaͤltniß der hoͤchſten Gipfel (kulminirenden Punkte) zu der Hoͤhe der Gebirgsruͤcken habe ich gezeigt, daß der Gebirgsruͤcken der Pyrenaͤen, aus 23 Paͤſſen (cols, hourques) berechnet, 50 Toiſen hoͤher als der mittlere Gebirgsruͤcken der Alpen iſt, obgleich die Culmiationspunkte der Pyrenaͤen und Alpen ſich wie 1 : 1,4 verhalten. Da einzelne Himalaya-Paͤſſe, z. B. Niti-Gate, durch das man in die Ebene der Shawl-Ziegen aufſteigt, 2629 Toiſen hoch ſind, ſo habe ich die mittlere Hoͤhe des Himalaya-Ruͤckens nicht zu 14,000 Engl. Fuß, ſondern, wenngleich uͤberſchaͤtzt, zu 15,500 Fuß (2432 Toiſen) angeſchlagen. Das Plateau der drei Thaͤler Tuͤbets von Iscardo, Ladak und H’Laſſa iſt eine Intumescenz zwiſchen zwei anſchaarenden Ketten (Himalaya und Kuen-lun). Vigne’s eben erſchienene Reiſe nach Baltiſtan oder Klein- Tuͤbet, die von Lloyd beſorgte Ausgabe der Journale der Bruͤder Gerard, ſo wie neue in Indien ſelbſt angeregte Streitigkeiten uͤber die relative Hoͤhe der ewigen Schneegraͤnze an dem Indiſchen und Tuͤbetaniſchen Abhange des Himalaya, haben immer mehr gezeigt, daß die mittlere Hoͤhe der Tuͤbetaniſchen Hochebene bisher anſehnlich uͤberſchaͤtzt worden iſt. In meinem Werke Asie centrale, von deſſen drittem Bande nur noch wenige Bogen ungedruckt ſind, und welches von einer hypſometriſchen Karte von Aſien vom Phaſis bis zum Golf Petſcheli, vom Zuſammenfluſſe des Ob und Irtyſch bis zum Parallel von Delhi begleitet iſt, glaube ich durch Zuſammenſtellung vieler Thatſachen zu beweiſen, daß die Intumescenz zwiſchen Himalaya und Kuen-lun (der ſuͤdlichen und noͤrdlichen Graͤnzkette von Tuͤbet) nicht 1800 Toiſen mittlerer Hoͤhe uͤberſteigt, alſo ſelbſt 200 Toiſen niedriger als die Hochebene des Sees Titica iſt. Die hypſometriſche Configuration des Aſiatiſchen Feſtlandes, in der die Ebenen und Senkungen, vielleicht noch auffallender als die koloſſalen Hebungen ſind, zeichnet ſich durch zwei charakteriſtiſche Grundzuͤge aus: 1) durch die lange Reihe von Meridianketten, die mit parallelen Axen, aber unter ſich alternirend (vielleicht gangartig verworfen), vom Kap Comorin (Ceylon gegenuͤber) bis an die Kaͤſte des Eismeeres, in gleichmaͤßiger Richtung, SSO. — NNW., unter dem Namen der Ghates, der Soliman-Kette, des Paralaſa, des Bolor und des Ural hinſtreichen. Dieſe alternirende Lage der goldreichen Meridian-Ketten (Vigne hat neuerdings am oͤſtlichen Bolor-Abfall, im Baſha-Thale des Baltiſtan, die vom Tuͤbetiſchen Murmelthier, Herodot’s großen Ameiſen, durchwuͤhlten Goldſandſchichten beſucht) offenbart das Geſetz, daß keine der eben genannten funf Meridianketten, zwiſchen 64° und 75° Laͤnge, neben der naͤchſten gegen Oſten und Weſten vorbeiſtreicht, auch daß jede neue longitudinale Erhebung erſt in der geographiſchen Breite beginnt, welche die vorhergehende noch nicht erreicht hat. 2) Ein anderer, ebenfalls nicht genug beachteter, charakteriſtiſcher Zug der Configuration von Aſten iſt die Kontinuitaͤt einer ungeheuren oſtweſtlichen Hebung, zwiſchen Lat. 35° und 36 [Formel] °, vom Takhialudagh an im alten Lycien bis zur Chineſiſchen Provinz Houpih, eine Hebung, die dreimal von Meridianketten (Zagros in Weſt- Perſien, Bolor in Afghaniſtan, Aſſam-Kette im Dzangbo-Thale) durchſchnitten wird. Von Weſten gegen Oſten heißt dieſe Kette, auf dem Parallel des Dicaͤarchus, welcher zugleich der Parallel von Rhodus iſt: Taurus, Elbruz, Hindu Kho und Kuenlun oder A-neutha. In dem dritten Buch der Geographie des Eratoſthenes findet ſich der erſte Keim des Gedankens einer ununterbrochen fortlaufenden, ganz Aſien theilenden Bergkette (Strabo XV. pag. 689. Cas.). Dicaͤarchus ſah den Zuſammenhang ein zwiſchen dem Klein- Aſiatiſchen Taurus und den Indiſchen Schneebergen, denen die Erzaͤhlungen und Luͤgen der Begleiter des Macedoniers bei den Griechen ſo viel Ruf verſchafft hatten. Man legte Wichtigkeit auf den Parallel von Rhodus und auf die Richtung dieſer unermeßlichen Bergkette. Die „Chlamyde‟ von Aſien ſoll unter dieſem Parallel am breiteſten ſeyn (Strabo XI. pag. 519); ja, weiter gegen Oſten koͤnnte (wie Strabo ſagt) ein anderer Kontinent liegen. Sonderbare geognoſtiſche Traͤume uͤber eine Zone, einen Breitengrad, eine Spaltung der Erd-Oberflaͤche, in der vorzugsweiſe Kontinental- und Berg-Erhebungen ſtattgefunden, ja in der auch die Straße und die Saͤulen des Herkules bei Gades (Lat. 36°) liegen. Der Taurus und die Hoch-Ebenen von Klein-Aſien hatten den Einfluß der Hoͤhe auf die Temperatur den Griechiſchen Phyſikern zuerſt recht merklich gemacht. „Auch in ſuͤdlichen Erdſtrichen‟, ſagt der große Geograph von Amaſeia (Strabo II. pag. 73), indem er das Klima der noͤrdlichen Kuͤſten von Kappadocien mit der 3000 Stadien ſuͤdlicheren Ebene um den Argaios vergleicht, „ſind die Berge und jeder hohe Boden kalt, wenn er auch eine Ebene iſt.‟ Strabo allein unter allen Griechiſchen Schriftſtellern gebraucht das ſchoͤn bezeichnende Wort ᾽σροπεδια, Berg-Ebenen. Als Schluß-Reſultat dieſer ganzen Arbeit ergibt ſich das von Laplace angegebene Maximum der mittleren Kontinental-Hoͤhe um [Formel] zu groß. Ich finde fuͤr die drei Welttheile, die ich berechnet (an Afrika wuͤrde zu fruͤh ſeyn, ſich zu wagen!) folgende numeriſche Elemente: Europa 105 Toiſen (205 Metre.) Nord-Amerika 117 “ (228 “ ) Suͤd-Amerika 117 “ (345 “ ) Aſien 180 “ (351 “ ) Fuͤr den ganzen neuen Kontinent ergeben ſich 146 Toiſen (285 Metre), und fuͤr die Hoͤhe des Schwerpunkts des Volums aller Kontinental-Maſſen (Afrika nicht eingerechnet) uͤber dem heutigen Meeresſpiegel 157,8 Toiſen oder 307 Metre. Herr von Hoff hat auf einer Landſtrecke von 224 geographiſchen Quadrat-Meilen die Hoͤhen von 1076 Punkten mit ſeltener Genauigkeit gemeſſen, und zwar in einem meiſt gebirgigen Theile Thuͤringens. Er beſtimmte demnach faſt 5 Hoͤhen auf jeder Quadrat-Meile; aber dieſe Hoͤhen waren ungleich vertheilt. Wegen der Laplaciſchen Behauptung uͤber die Kontinental-Maſſen forderte ich Herrn von Hoff auf, die mittlere Hoͤhe ſeines hypſometriſch vermeſſenen Landſtrichs zu berechnen. Dieſer findet ſie zu 166 Toiſen (Hoͤhen-Meſſungen in und um Thuͤringen. 1833, pag. 118), alſo nur 8 Toiſen mehr, als das von mir gefundene Reſultat. Man darf daraus ſchließen, daß, da eine ſehr gebirgige Gegend Thuͤringens gemeſſen wurde, das Reſultat von 157 Toiſen oder 942 Fuß als Graͤnzwerth (nombre limite) noch eher zu groß als zu klein iſt. Bei der Gewißheit, eines progreſſiven, aber partiellen Aufſteigens von Schweden (eine fuͤr die phyſiſche Erdbeſchreibung ſo wichtige Gewißheit, die wir Leopold von Buch verdanken) kann man glauben, daß dieſe Lage des Schwerpunkts nicht immer dieſelbe bleiben wird; aber bei einzelnen herabſteigenden Maſſen und bei der Kleinheit der Raͤume, auf welche die unterirdiſchen Kraͤfte zu wirken ſcheinen, wird die ſich großentheils ſelbſt kompenſirende Variation im Ganzen wenig ſtoͤrend auf den Schwerpunkt des Ueber-Oceaniſchen einwirken. In den numeriſchen Reſultaten jener hypſometriſchen Arbeit offenbart ſich aufs neue, daß die geringſten Hoͤhen in unſerer Hemiſphaͤre den Kontinental-Maſſen des Nordens zugehoͤren. Europa giebt 105 Toiſen, Nord-Amerika 117 Toiſen. Der Intumescenz Aſiens, zwiſchen 28° und 40° Breite, kompenſirt die mindernde Wirkung des Sibiriſchen Tieflandes. Aſien und Suͤd-Amerika geben 180 und 177 Toiſen. Man lieſt gewiſſermaßen in jenen Zahlen, in welchen Theilen unſerer Erd-Oberflaͤche der Vulkanismus (die Reaction des Innern gegen das Aeußere) durch uralte Hebungen am kraͤftigſten gewirkt hat.‟