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Alexander von Humboldt: „[Briefe aus Paraguay]“, in: ders., Sämtliche Schriften digital, herausgegeben von Oliver Lubrich und Thomas Nehrlich, Universität Bern 2021. URL: <https://humboldt.unibe.ch/text/1825-xxx_Briefe_aus_Paraguay-1-neu> [abgerufen am 05.02.2023].

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Titel [Briefe aus Paraguay]
Jahr 1825
Ort Wien
Nachweis
in: Oesterreichischer Beobachter 314 (10. November 1825), S. 1470–1472.
Sprache Deutsch
Schriftart Fraktur
Identifikation
Textnummer Druckausgabe: IV.59
Dateiname: 1825-xxx_Briefe_aus_Paraguay-1-neu
Statistiken
Seitenanzahl: 3
Spaltenanzahl: 5
Zeichenanzahl: 10366

Weitere Fassungen
[Briefe aus Paraguay] (Wien, 1825, Deutsch)
Paraguay (Augsburg, 1825, Deutsch)
Paraguay (Kopenhagen, 1825, Dänisch)
Briefe aus Paraguay (Stuttgart; Tübingen, 1825, Deutsch)
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Da wir bereits früher ſchon aus franzöſiſchen Jour-nalen Auszüge aus den, von Hrn. Al. v. Humboldt mitgetheilten, Briefen aus Paraguay gegeben haben,ſo dürfte es für unſere Leſer von Intereſſe ſeyn, nunauch die Einleitung des Hrn. v. Humboldt zu dieſenBriefen zu erhalten. „Das jetzige Paraguay, bemerkt Hr. v. Humboldt,oder wie man in Buenos-Ayres ſagt, Alto-Paraguay, iſtgegen Oſten von Parana, gegen Weſten von Paraguay,gegen Norden von den Flüſſen Yvineima und Mboteteybegränzt. Nach der ſchönen Manuſcript-Karte des Mi-guel de Laſtarria von 1804 (Carta orografica del Vireyna-to de las Provincias del Rio de la Plata), die ich benutze,finde ich für den Flächeninhalt des Landes an 7500Quadratmeilen, deren 20 auf einen Grad gehen. DasLand iſt demnach ſo groß als England und Schottlandzuſammen genommen, aber die ganze nördliche Hälftevon Paraguay jenſeits des Rio Ipanes und der Bergevon Maracayu iſt ohne Anbau, ſelbſt ohne Verſuch vonMiſſions-Anſtalten. Das ſpaniſche Gouvernement undDr. Francia, der in die Rechte desſelben getreten iſt,rechnet als Grenz-Flüſſe gegen Mato-Groſſo undCuyaba hin die Einmündungen des Yvineima in denParana (Br. 20° 25′) und des Mbotetey in Paraguay(Br. 19° 33); dort liegen Nova Coimbra, das ſüdlichſte,1775 gegründete Preſidio (Br. 19° 55′) der Braſilianerund die Ruinen der zerſtörten Stadt Xerez. Nach por-tugaliſchen Karten, die mir aus Rio de Janeiro zuge-ſchickt worden ſind, behaupten die Braſilianer, daß ihrBeſitz ſich bis zum Fluß Chichuy (Xexuy) bei der altenMiſſion Belem (Br. 23° 32′) erſtreckte. Das bekannteParaguay der Jeſuiten umfaßte mehr öſtliche Länder amlinken Ufer des Parana, und zwiſchen dem Parana,Uruguay und Ibicuy. Die Landeseinwohner bezeichnendieſe durch Artigas verwüſtete Gegend mit dem NamenUnter-Paraguay (Baſſo-Paraguay) und die Ausdeh-nung desſelben Namens gegen die Capitania San Paulound Monte-Video hin, hat in unſeren Karten und Erd-beſchreibungen zu vielen Verwirrungen Anlaß gegeben.Vor dem Kriege der Unabhängigkeit und der Trennungder ſpaniſchen Colonien von dem Mutterlande nannteman offiziell: 1) Gobierno de Monte-Video das Kü-ſtenland bis zum Piratiny und Rio Negro; 2) Gobiernodel Uruguay das Land zwiſchen dem Rio Negro und demUruguay-Fluſſe; 3) Gobierno de Corrientes y de Miſ-ſiones das Land zwiſchen dem Uruguay, Curitiba oderYguazu, Parana (von der Einmündung des Curitibabis zu der verkehrreichen Stadt Corrientes) und RioParaguay (abwärts von Corrientes bei Buenos-Ayres);4) Gobierno del Paraguay das Meſopotamien zwiſchendem öſtlichen Ufer des Paraguay und dem weſtlichendes Parana. Die neueren politiſchen Ereigniſſe habenGrenzen und Nomenklatur zugleich verändert. Es iſthier hinlänglich zu erinnern, daß Entre Rios das mit |1471| |Spaltenumbruch| Buenos-Ayres conföderirt gebliebene Gobierno de Cor-rientes genannt wird, in deſſen nördlichem Theile die,unter den Jeſuiten ſo berühmten, jetzt verheerten Miſ-ſionen, Candelaria, Lorete und Santes Apoſtoles lie-gen; daß Provincia de Miſſiones jetzt das Land öſtlichvom Uruguay, zwiſchen dem Ibicuy, der BerggruppeS. Xavier und der Miſſion San Angel heißt, wie Pro-vincia Cisplatina die Strecke zwiſchen der Mündung desPlataſtromes, dem Uruguay, dem Ibicuy und der Ca-pitania de Rio Grande. Dieſen portugaliſchen oder viel-mehr braſiliſchen Beſitz der Provincia de Miſſiones undProvincia Cisplatina erkennt die Republik Buenos-Ay-res keineswegs als rechtmäßig an. Offiziell bezeichnen dieſpaniſchen Amerikaner das ihnen entriſſene Land mit demNamen: La Banda oriental. Das ehemalige Vice-Kö-nigreich des la Plataſtromes, aus dem die RepublikBuenos-Ayres ſich allmählig als Bundes-Staat geſtal-tet hat, nach meinen neueſten Berechnungen, 126,770Quadrat-Seemeilen (zu 20 auf den Grad *). Es iſtdemnach nur um \( \frac{1}{6} \) kleiner als das europäiſche Rußland,zählt aber bis jetzt nur noch 2.300,000 Einwohner, wäh-rend daß in dem europäiſchen Rußland (mit Pohlen undFinnland) über 52 Millionen leben. Ich unterſcheide indem neu ſich bildenden Bundes-Staate drei Landesſtre-cken: Nördliche Region, das ehemalige Alto-Peru vondem Tequieri und Mamori bis zum Pilcomayo, zwiſchen13° und 21° ſüdlicher Breite, zum Theil noch von denköniglich ſpaniſchen Truppen, unter Olaneta’s Befehlbeſetzt, 37,020 Quadrat-Meilen. Weſtliche Region, zwi-ſchen dem Pilcomayo, la Plata, Rio Negro und demöſtlichen Abfall der Andeskette (mit den Städten Tari-ja, Salta, Cordova, Santa Fe, San Luis de la Pun-ta und Mendoza), 66,518 Quadrat-Meilen. OeſtlicheRegion, das heißt das Land öſtlich von Paraguay undParana (1. zwiſchen Uruguay und Parana oder EntreRios 6848; 2. zwiſchen dem Uruguay und der Meeres-küſte, der Provincia Cisplatina 8960; 3. zwiſchen demRio Paraguay und Parana, das eigentliche Paraguayvon Dr. Francia beherrſcht, 7424), 23,232 Quadrat-Meilen. Das alte Vice-Königreich des la Plataſtromesoder Buenos-Ayres 126,770 Quadrat-Meilen. Ueberdie Bevölkerung des Paraguay, welche in neuern Zeitenbeträchtlich zugenommen hat, fehlt es ganz an genauenNachrichten. Brackwridge in ſeinem trefflichen Werke(Voyage to South America 1820 T. II. p. 47) gab ſie zu140,000 an, aber nach den Documenten, welche Hr. Rod-ney, der Commiſſär der nordamerikaniſchen vereinigtenStaaten an den Präſidenten nach Washington geſandthat (Message from the President of the session of thefifteenth Congress p. 20. 41) war dieſe Schätzung ſelbſt |Spaltenumbruch| für das Jahr 1818 zu gering. Die Zahl der Weißen undMeſtizen iſt ſehr beträchtlich in Paraguay. Die Bevölke-rung der Stadt Aſuncion (Br. 25° 20′ und 40′ öſtlichvom Meridian von Buenos-Ayres *) wird zu 12,000Einwohnern angegeben; in der Candelaria (ProvinzEntre Rios) zählte man im Jahre 1817 an 5000 Seelen,in Buenos-Ayres 60,000.” „Die in Rede ſtehenden Briefe, welche über den je-tzigen Zuſtand von Paraguay einiges Licht verbreiten,ſind von einem unternehmenden Manne, Hrn. Granſire,geſchrieben. Dieſer wurde mir im Jahre 1823 von demgelehrten Botaniker Hrn. Mirbel (der unter der Staats-verwaltung des Duc de Cazes eine wichtige Stelle imStaatsminiſterium bekleidete) als ein Reiſender vorge-ſtellt, der den Entſchluß gefaßt hätte, nach Paraguayüber Corrientes vorzudringen, um meinem Freunde,Hrn. Bonpland, den er ehemals in Buenos-Ayresſehr genau gekannt, zu ſeiner endlichen Befreiung nütz-lich zu ſeyn. Eine ſolche Gelegenheit war nicht zu ver-nachläſſigen, und ſo wenig Hoffnung ich auch hatte, daßdieſer Verſuch gelingen würde, ſo bot ich doch alles auf,was Hrn. Grandſire’s rühmliches Unternehmen begün-ſtigen konnte. Ich verſchaffte ihm, gemeinſchaftlich mitHrn. Cuvier, Briefe des Inſtituts, welche den Wunſchfür Bonplands Rückkunft aufs lebhafteſte ausdrückten.Der damalige Miniſter der auswärtigen AngelegenheitenVicomte de Chateaubriand empfahl auf meine Bitte Hrn. Grandſire an den franzöſiſchen General-Conſul in Riode Janeiro. Ich ſchrieb ſelbſt einen langen ſpaniſchen Briefan den Dictator Doctor Francia. Hr. Grandſire meldetemir ſeine Ankunft in Braſilien im März 1824. Es hatgewiß nicht an ſeinem guten Willen und an ſeiner Thä-
*) Eine geographiſche Quadratmeile (zu 15 auf den Grad)hat 1\( \frac{77}{100} \) Quadrat-Seemeilen. Die letztern ſind indem ſpaniſchen Amerika die gebräuchlichſten.*) Buenos Ayres iſt nicht durch abſolute Himmels-Beobachtungen beſtimmt, ſondern nur kronometriſchdurch Uebertragung der Zeit von Monte-Video. DerMeridian-Unterſchied von Buenos-Ayres und Mon-te-Video wurde durch Malaspina’s Expedition zu 2°10′ (Espinosa, Memorias de los Navigentes Espanoles T. I. Costas de America p. 3. 6. 140.); durchſpätere ſpaniſche Seekarten zu 2° 16′ angegeben.Triesnecker fand für Monte-Video aus dem Merkur-Durchgange des 5. November 1789 Länge: 58° 32′30″ weſtlich von Paris, aus einer Sternbedeckung58° 37′ 11″. Die wahre Länge ſcheint in der Thatzwiſchen beiden Angaben zu liegen, denn ganz neuer-lichſt hat nach Manuſcript-Nachrichten, welchemir der Contre-Admiral Hr. de Roſſel mitgetheilt,der Commandant der franzöſiſchen Korvette l’Aigrette (Hr. Fouquet) durch vortreffliche Kronometer denMerdian-Unterſchied von Monte-Video und derInſel Anhatomirim zu 7° 34′ 18″ beſtimmt. DieſeInſel iſt aber nach Rouſſin’s Expedition, der ſicher-ſte Punct der braſilianiſchen Küſte, und wird zu 51°1′ 18″ angenommen, woraus für Monte-Video 58°35′ 36″, für Buenos-Ayres 60° 52′ 12″ folgen würde.(Das Deposito hidografico de Madrid nahm ehemalsals abſolute Länge 60° 43′ an!)
|1472| |Spaltenumbruch| tigkeit gelegen, wenn ſein Wunſch, Bonpland zu be-freien, unerfüllt geblieben.
Die Briefe des Hrn. Grandſire ſind aus Itapua vom18. Auguſt und 10. September 1824 und aus Curitibavom 20. November 1824. — Hr. v. Humboldt fügtam Schluß noch Folgendes hinzu: „Da die Verſuche,welche von Braſilien aus zu Hrn. Bonplands Befreiunggemacht worden ſind, bisher keinen glücklichen Erfolg ge-habt haben, ſo iſt jetzt alle meine Hoffnung auf die edlenBemühungen des engliſchen Gouverneurs gegründet.Der Staatsminiſter George Canning hat mir wiederho-lende Nachricht von den Schritten mitgetheilt, die derengliſche Geſchäftsträger bei der Republik Buenos-AyresHr. Pariſh, verſucht hat. Es iſt dieſem Geſchäftsträgerbereits geglückt, die engliſchen Unterthanen in Freiheitzu ſetzen. Er dringt jetzt, in Briefen an den Dictator,auf die Auslieferung meines Freundes, der ſich, wie erſchreibt, in Santa Roſa (ſüdlich von dem Rio Tibiquarietwa 40 Seemeilen von der Hauptſtadt Aſuncion) auf-hält. Hr. Pariſh iſt überzeugt, daß Bonplands Gefan-gennehmung keinen andern Grund gehabt habe, als dieglückliche Anlage von Pflanzungen des Paraguay-Thee’s(Arvore do Mate oder da congonha). Der Strauch iſtnach Auguſte de S. Hilaire’s Unterſuchung, Ilex Mate, von Cossine Peragua des Linne gänzlich verſchieden. Mandörrt die ſteifen Blätter und jungen Zweige am Feuerund zerſtampft ſie zu Pulver, daher der Aufguß (umdas Pulver von der Flüſſigkeit zu trennen) durch kleineſilberne Röhren, die in eine Kugel mit vielen kleinenOeffnungen endigen, eingeſchärft wird. So habe ich denGebrauch des Mate in Peru verbreitet gefunden, unddie Länder an der Südſeeküſte ſind, bei dem ſtrengenVerbot der Ausfuhr aus Paraguay, ſehr verlegen, ſichdieſes Bedürfniß des Luxus, welches ihnen überaus noth-wendig geworden iſt, zu verſchaffen.

Alexander v. Humboldt.

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