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Alexander von Humboldt: „Auszug eines Briefes des Hrn Alexander von Humboldt an seinen Bruder Hrn Wilhelm von Humboldt in Berlin“, in: ders., Sämtliche Schriften digital, herausgegeben von Oliver Lubrich und Thomas Nehrlich, Universität Bern 2021. URL: <https://humboldt.unibe.ch/text/1802-Auszug_eines_Briefes-1> [abgerufen am 05.02.2023].

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https://humboldt.unibe.ch/text/1802-Auszug_eines_Briefes-1
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Titel Auszug eines Briefes des Hrn Alexander von Humboldt an seinen Bruder Hrn Wilhelm von Humboldt in Berlin
Jahr 1802
Ort Berlin; Stettin
Nachweis
in: Neue Berlinische Monatschrift 7 (Juni 1802), S. 437–461.
Postumer Nachdruck
Briefe Alexander’s von Humboldt an seinen Bruder Wilhelm, hrsg. von der Familie von Humboldt in Ottmachau, Stuttgart 1880, S. 27–37. Lettres américaines d’Alexandre de Humboldt (1798–1807), précédées d’une Notice de J.–C. Delamétherie et suivies d’un choix de documents en partie inédits, publiés avec une introduction et des notes par le E.T. Hamy, Paris [1905], S. 120–127 [frz. Übersetzung].

Alejandro de Humboldt. Cartas americanas. Compilación, prólogo, notas y cronología Charles Minguet. Traducción Marta Traba, Caracas 1980, S. 81–85 [span. Übersetzung].

Alexander von Humboldt, Briefe aus Amerika 1799–1804, herausgegeben von Ulrike Moheit, Berlin: Akademie 1993, S. 141 [Brief vom 6.9.1801 an Wilhelm Humboldt], S. 145–150 [Brief vom 21.9.1801 an W. Humboldt], S. 162 [Brief vom 26.11.1801 an W. Humboldt].
Sprache Deutsch
Schriftart Fraktur
Identifikation
Textnummer Druckausgabe: II.14
Dateiname: 1802-Auszug_eines_Briefes-1
Statistiken
Seitenanzahl: 25
Zeichenanzahl: 32033

Weitere Fassungen
Auszug eines Briefes des Hrn Alexander von Humboldt an seinen Bruder Hrn Wilhelm von Humboldt in Berlin (Berlin; Stettin, 1802, Deutsch)
Neuere Berichte vom Hrn. Oberbergrath Humboldt (Leipzig; Zeitz, 1802, Deutsch)
Notizen Alex. von Humboldt’s von seinen Reisen in der Kordillere der Anden und von seinen physikalischen Beobachtungen in Quito und Mexico / Nachtrag zu Alex. von Humboldt’s Notizen von seinen physikalischen Beobachtungen in Peru und Mexiko (Halle, 1804, Deutsch)
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Auszug eines Briefes des Hrn Alexandervon Humboldt an ſeinen Bruder Hrn Wilhelm von Humboldt in Berlin.Neuere Berichte vom Hrn Ober-bergrath von Humboldt.

Der bisher neueſte Brief unſers unermuͤdet wan-dernden und entdeckenden Landsmannes war vom1 April 1801; er ſteht in der Monatſchr. 1801November Nr 6. Vor und nach demſelben,ſind mehrere von ihm, und faſt alle an ihn,verloren gegangen. In dieſen Tagen am Endedes Aprils und Anfang Mai’s, kamen von deminnig geſchaͤtzten itzt ſo fernen Manne, ſchnellhinter einander drei Briefe in Berlin an: ausSanta Fé de Bogota, vom 6 Septemb. 1801,aus Contreras vom 21 September, aus Popayanvom 26 Novemb. 1801. — So laͤßt ſich unge-achtet der Luͤcken, doch einigermaßen ſeine Reiſeverfolgen. Die letzten Briefe aus Europa, unddie erſten vom außereuropaͤiſchen Boden, ſchrieber im J. 1799 hieher: ſie ſind in der Monat-ſchrift 1801 Auguſt Nr 4 abgedruckt. Vonſeinen weiten Entdeckungsreiſen in Suͤdamerikawaͤhrend des J. 1800, ſtehn Berichte in Fran-zoͤſiſchen und Deutſchen Blaͤttern; man ſ. vor-zuͤglich die N. Allgem. D. Bibliothek: Bd 58St. 1 im Intelligenzblatt, Bd 61 St. 2 S.352, Bd 64 St. 1 S. 118. Gegen Ende desnehmlichen Jahres, ſandte er eine Spaniſch ge-ſchriebene Abhandlung uͤber die von ihm genauunterſuchte große Bildung des Suͤdamerikani- |438| ſchen Gebirgbodens, nebſt einer von ihm dortan Ort und Stelle gemachten geologiſchen Samm-lung, an das Naturhiſtoriſche Kabinet zu Ma-drid; und einen Auszug jener Abhandlung, in Fran-zoͤſiſcher Sprache an Hrn Delametherie zu Paris.Der Anfang einer Ueberſetzung dieſes wichtigenAuszugs ſteht in den Allg. Geographiſchen Ephe-meriden 1802 April. — Was haben wir nichtvon ihm zu erwarten, wenn er mit den Schaͤ-tzen ſeiner Sammlungen und ſeiner Beobachtun-gen zuruͤckkehrt; er, der in den ungeheuren Erd-ſtrichen jener neuen Welt, in den mannichfach-ſten Raͤumen jener wunderbaren Natur tiefereindrang und mehr ſah, als irgend ein Europaͤervor ihm! Unter den gegenwaͤrtig hier angekommenenBriefen vom September und November desvorigen Jahrs, iſt der mittlere der wichtigſte.Der Leſer erhaͤlt aus demſelben das was all-gemein intereſſiren kann; nebſt eingeſchaltetenNachrichten aus den beiden anderen, und Zu-ſaͤtzen zur Erlaͤuterung. — Ibagua findet ſichauf den Karten von Suͤdamerika, weſtwaͤrtsvon Santa Fé de Bogota, zwiſchen dem RioCauka und dem Magdalenenfluſſe. Das Vize-koͤnigreich Neugranada umfaßt die Landengevon Panama, Tierra Firme, und den Spani-ſchen Antheil von Guiana; alle uͤbrige Be-ſitzungen der Spanier in Suͤdamerika gehoͤrenzu dem Vizekoͤnigreich Perù.

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Auszug eines Briefes des Hrn Alexandervon Humboldt an ſeinen Bruder Hrn Wilhelm von Humboldt in Berlin

Ich werde nicht muͤde, Briefe nach Europa zuſchreiben, ob ich gleich uͤberzeugt bin, daß nurwenige den Ort ihrer Beſtimmung erreichen.Zwar gehen von den groͤßern Staͤdten hier woͤ-chentlich Poſten nach den Haͤfen. Allein, nach-dem die Briefe daſelbſt oft 4 bis 6 Monateauf eine Schifsgelegenheit gewartet haben, undendlich zur See ſind, uͤbergiebt ſie die uͤbertrie-bene Vorſichtigkeit der Schifskapitaͤne, bei demgeringſten Anſchein von Gefahr *), den Wel-len. (Mein letzter Brief war aus Sta Anna,der oͤſtlichen Cordillera de los Andes.) Nicht beſſer geht es mit den Briefen dievon Europa hieher geſchrieben werden. Außereinigen aus Spanien, einem einzigen von Dir,
*) Man wird ſich erinnern, daß dies zur Zeit desSeekriegs geſchrieben iſt.
|440| und zwei von H..s, habe ich, ſeitdem ich Corunna verlaſſen [am 5 Junius 1799], ſchlech-terdings keinen einzigen aus Europa bekommen.Da ſich ſo Viele hier in demſelben Falle befin-den, ſo faͤngt man, wie ſchwer es auch haͤlt,nach und nach an, dieſe Entbehrung gelaſſenerzu ertragen.
Ich bin aͤußerſt gluͤcklich; meine Geſundheitiſt ſo gut als ſie vorher nie war; mein Muth iſtunerſchuͤtterlich; meine Plane gelingen mir; undwo ich hinkomme, werde ich mit zuvorkommen-der Gefaͤlligkeit aufgenommen. Ich habe michbereits dergeſtalt an die neue Welt die michumgiebt, gewoͤhnt, an die Tropen-Vegetazion,die Farbe des Himmels, die Stellungen der Ge-ſtirne, den Anblick der Indianer: daß Europameiner Einbildungskraft manchmal nur wie einLand vorſchwebt, das ich in meiner Kindheitſah. Ich ſehne mich indeß darum nicht weni-ger dahin zuruͤck, und denke im Herbſt 1804wieder bei Euch zu ſein. Die unangenehmſte Folge der Ungewißheitdes Briefwechſels von hier aus, iſt die Noth-wendigkeit in der man ſich ſieht, immer wiedervon neuem zu wiederholen, was man ſchon oft |441| geſchrieben hat. Doch ſehe ich aus DeinemBriefe *), daß Du bis zum November 1799,alſo bis nach meiner Reiſe zu den Chaymas-Indianern, ziemlich haͤufig Briefe von mir er-halten haſt. Vom November bis Jaͤnner 1800, warenwir in Karakkas. Von da unternahmen wirdie Reiſe auf dem Orinoko. Wir kamen durchden Apure in dieſen Fluß, ſchiften ihn uͤberdie Katarakten hinweg aufwaͤrts, gelangten unter2 Grad Noͤrdl. Br. in die kleinen Fluͤſſe Ata-bapo, Tuamini und Temi; und trugen von daunſer Kanot drei Tage lang bis Canno Pi-michia am Schwarzen Fluß (rio negro). Die-ſen ſchiften wir erſt abwaͤrts, bis zu den Graͤn-zen von Groß-Para (du Grand Para) undBraſilien; dann aufwaͤrts bis zum Caſiquiari zwoͤlf Tage lang: zwiſchen ſo dick verwachſenenWaͤldern daß wir darin die Tiger, und zwargroße Tiger, auf den Baͤumen erblickten, weilder zu uͤppige Pflanzenwuchs ſie auf der Erdezu gehen verhinderte. Vom Caſiquiari kamenwir [wieder] in den Orinoko, den wir nun wei-ter aufwaͤrts gegen Oſten, nach ſeinem Urſprung
*) Dieſer einzige Brief den Hr Al. von Humboldt von ſeinem Bruder erhalten hat, war vom Jaͤn-ner 1800; man ſ. 1801 November S. 400.
|442| zu ſchiffend, bis uͤber den feuerſpeienden BergDuida hinaus verfolgten. Noch weiter vorzu-dringen, verhinderte uns die Wildheit der men-ſchenfreſſenden Guaikas. Auch iſt nie ein Weißerweiter oͤſtlich in das unbekannte Land dieſerunabhaͤngigen Indianer gekommen; wir ſind inden Waͤldern zwiſchen dem Rio Negro, Orinoko,und Amazonenfluß, 500 Meilen tiefer landein-waͤrts geweſen, als Loͤffler gelangte. Von Duida,ſchiften wir nun den ganzen Orinoko bis anſeine Muͤndung, 500 Franzoͤſiſche Meilen weit,hinab *).
Von dieſer uͤber 1200 Meilen weiten Reiſekehrten wir im Julius (1800) nach St Tho-mé de la Angoſtura **) zuruͤck. Wir verweiltenhier einen Monat, wo ich die Gegend, unddie Pflanzen, namentlich den Cortex Angoſtu-rae, unterſuchte ***); waͤhrend der gute Bon-
*) Man ſ. die Anmerkung 1 hinten.**) Am Orinoko, da wo er die vielen Muͤndungenbildet, womit er ſich ins Meer ergießt.***) Bei dieſer Gelegenheit ſtehe die Nachricht hier,daß gerade itzt auch die zwei Kiſten mit Pflan-zen, welche Hr v. H. auf der hier kurz geſchil-derten großen Reiſe, im Fruͤhling 1800 nahe am Aequator, geſammelt hat, und deren ſchon mehr-mal Erwaͤhnung geſchehen iſt, in Berlin beiHrn Prof. Willdenow eingetroffen ſind.
|443| pland
am Fieber litt: einer Folge der ſchreck-lichen Miasmen in den naſſen Waͤldern des Aequators. — Von da gingen wir, durch dasLand (oder die ſogenannte Miſſion) der Karai-ben, und uͤber Neubarcelona, nach Cumana, wo wir im September ankamen. Die Karaiben ſind die groͤßeſte und muskelſtaͤrkſte Nazion,welche ich je geſehen habe; ſie allein widerlegtſchon Raynals und Pauws Traͤumereien uͤberdie Schwaͤche und Ausartung des Menſchenge-ſchlechts in der neuen Welt. Ein ausgewachſe-ner Karaibe gleicht einem aus Erz gegoſſenen Herkules.
Im Dezember kamen wir, nach einer andert-halb Monat langen und ſehr ſtuͤrmiſchen Schif-fahrt, wo wir bei den Klippen des baxo dela vibora (der Vipernbank), im Suͤden von Ja-maika, beinahe Schifbruch litten, in der Havana an: wo wir drei Monate lang (bis Februar1801), zum Theil im Hauſe des Grafen Orelly,zum Theil auf dem Lande bei dem GrafenJaruco und dem Marques de Real Socorro,zubrachten. — Ich hatte ſchon den Entſchlußgefaßt, von hier nach Nordamerika zu ſegeln,bis zu den Fuͤnf Seen zu gehen, durch den Ohiound Miſſiſipi nach Luiſiana herunter zu ſchiffen,und von da den wenig bekannten Landweg nach |444| Neubiscaja und Mexiko einzuſchlagen. Allein,mehrere Umſtaͤnde bewogen mich dieſen Plan auf-zugeben, und wieder nach Suͤdamerika zuruͤckzu-kehren. Ich ſchifte mich daher in Batabano (auf Kuba) ein; wir kamen aber, weil wir,durch den Unglauben des Steuermanns anmeine Inſtrumente, in den Meerbuſen von Da-rien geriethen, erſt nach 35 Tagen, da ſonſt dieſeUeberfahrt hoͤchſtens 14 Tage waͤhrt, am 1April 1801 nicht ohne große Gefahr in Carta-gena an. Doch hatte ich unterwegs Gelegen-heit, die geographiſche Lage der beiden Cay-mans *) und andrer Sandbaͤnke und Klippen,welche noch nicht genau genug bekannt war,durch meinen Chronometer zu beſtimmen. [Bis hieher war die Reiſe ſchon aus fruͤhernNachrichten bekannt. Nur glaubte man, dieſenTheil des Briefes nicht unterdruͤcken zu duͤrfen,da er kurz und deutlich die ganze Folge der-ſelben vor Augen legt].
*) Die zwei Kaymans ſind noch von dem GroßenKayman verſchieden. Sie liegen ſaͤmmtlich unterKuba, und weſtwaͤrts uͤber Jamaika. Wahrſchein-lich haben ſie, wie die vorher erwaͤhnte Sand-bank von den Vipern, ihren Namen von denAntilliſchen Krokodilen, welche Kaiman heißen.
|445| Von Karthagena aus beſuchten wir haͤufigden wegen der ungeheuren Dicke ſeiner Baͤumeberuͤhmten Wald Turbako; in welchem dochStaͤmme von 8 Fuß im Durchmeſſer, z. B. die Cavanilleſia Mokando, der Aufmerkſamkeit destreflichen Jacquin *) entgangen ſind. — Hierin Karthagena traf ich Hrn Fidalgo und dieKommiſſion, welche den Plan dieſer Kuͤſte auf-zunehmen hieher geſandt iſt, mit ſehr ſchoͤnenChronometern und andern Inſtrumenten an.Da ſich meine geographiſchen Beobachtungen indem Lande der Indianer zwiſchen dem Orinoko,Kaſiquiari, Schwarzen Fluß, und Marannon(Amazonenfluß), auf die Lage mehrerer Kuͤſten-punkte gruͤndete; ſo war ich begierig, meineBeſtimmung derſelben mit der welche Hr Fidalgo gemacht hatte, zu vergleichen. Wir fanden einewunderbare und durchgaͤngige Uebereinſtimmungin den Laͤngenbeobachtungen. Auch fanden wirdurch Vergleichung unſrer Tagebuͤcher, daß dieMagnetnadel ſeit 1798 auf dieſer Kuͤſte ebenſo weſtlich als in Europa oͤſtlich abweicht, d. h.
*) Dieſer große Botaniker in Wien ward von Kai-ſer Franz I, zur Befoͤrderung der Wiſſenſchaftund Bereicherung der koſtbaren Pflanzenſamm-lung, nach Amerika geſandt.
|446| daß in Suͤdamerika die oͤſtliche Abweichung ſchonangefangen hat ſich zu vermindern *).
Der lebhafte Wunſch, den großen BotanikerDon Joſe Celeſtino Mutis, der noch ein Freund Linné’s war, und ſich itzt in Santa Fé de Bogotaaufhaͤlt, zu ſehen, und unſre Pflanzenſamm-lungen mit den ſeinigen zu vergleichen; und dieBegierde, die ungeheure Cordillere der Anden **) zu uͤberſteigen, die ſich von Lima (noͤrdlich her-auf) bis an die Muͤndung des Fluſſes Atrato (in den Golf von Darien) erſtreckt, um ſo alleineine auf meine eigenen Beobachtungen gegruͤn-dete Karte des ganzen Suͤdamerikas nordwaͤrtsvom Amazonenfluß geben zu koͤnnen: bewogenmich, den Landweg nach Quito uͤber Sta Feund Popayan dem Seewege uͤber Portobelo,Panama und Guayaquil vorzuziehen ***). Ich
*) Man ſ. hinten die Anmerkung 2.**) Außer dieſen Anden, welche in der Richtungdes Meridians fortſtreichen, hat Hr v. H. nochgroße Cordilleras (das Spaniſche Wort fuͤrBergketten) parallel mit dem Aequator, gefun-den und beſtiegen, da wo die gewoͤhnlichen Land-karten lauter Ebenen zeichnen, obgleich dieſe Bergezum Theil von erſtaunenswuͤrdiger Hoͤhe ſind.***) Portobelo liegt am Nordmeere, an der oͤbernKuͤſte der ſchmalen Landenge von Tierra Firme,
|447| ſchickte daher nur meine groͤßten Inſtrumente,die Buͤcher die ich nicht noͤthig hatte, und andreSachen, auf dem letztern (dem Seewege) ab;wir aber ſchiften uns, nach einem faſt dreiwoͤ-chentlichen Aufenthalt in Karthagena, auf demMagdalenenfluß ein.
Die Gewalt des angeſchwollenen maͤchtigſtroͤmenden Waſſers hielt uns 45 Tage lang aufdem Magdalenenfluſſe, waͤhrend welcher Zeitwir uns immer zwiſchen wenig bewohnten Waͤl-dern befanden. Auf einer Strecke von 40 Franzoͤſ.Meilen iſt nicht ein Haus oder andre menſch-liche Wohnung anzutreffen. Ich ſage Dir nichtsmehr von der Gefahr der Katarakten, von denMosquitos, von den Stuͤrmen und Gewittern,die hier faſt ununterbrochen fortdauren und alleNaͤchte das ganze Himmelsgewoͤlbe in Flammenſetzen; ich habe dies alles umſtaͤndlich in einerMenge andrer Briefe beſchrieben. — Wir ſchif-ten auf dieſe Weiſe bis Honda, im 5ten GradN. Breite. Ich habe den topographiſchen Plan
welche man natuͤrlich zu Lande uͤberſteigen muß,um ſich an der entgegengeſetzten ſuͤdlichen Kuͤſtein Panama wieder einzuſchiffen, und in demMeerbuſen von Guayaquil, unterhalb des Aequa-tors, zu landen.
|448| des Fluſſes in vier Blaͤttern gezeichnet, wovonder Vizekoͤnig eine Kopie behalten hat; ich habeein barometriſches Nivellement von Karthagenabis Sta Fe gezeichnet; ich habe an vielen Ortenden Zuſtand der Luft unterſucht: denn meineEudiometer ſind noch alle im Stande, ſo wieuͤberhaupt kein einziges meiner koſtbarern Inſtru-mente zerbrochen iſt. Bouguer hat auf ſeinerRuͤckreiſe nach Frankreich gleichfalls den Mag-dalenenfluß, nur abwaͤrts, beſchift; er hatte aberdamal keine Inſtrumente bei ſich.
Von Honda aus beſuchte ich die Bergwerkevon Mariquita und Sta Anna, wo der un-gluͤckliche d’Elhuyar ſeinen Tod fand *). Hiergiebt es Pflanzungen von Zimmet (Lauruscinnamomoides Mutis ), welcher dem vonZeilan aͤhnlich, und derſelbe iſt den ich ſchonfruͤher am Fluß Guaviare und am Orinokofand. Hier findet ſich auch der beruͤhmte Man-delbaum (Caryocar amygdaliferum); Waͤl-der von Kinabaͤumen **); und die Otoba, dieeine wahre Myriſtica (Muskatnuß) iſt, undauf welche die Regierung itzt ihre Aufmerkſam-keit richtet. Hr Deſieux, ein Franzoſe, welcher
*) Man ſ. hinten Anmerkung 3.**) Es giebt ſehr viele Arten der Cinchona oderdes Fieberrindenbaums.
|449| mit 2000 Piaſtern (500 Frd’or unſers Geldes)zum Aufſeher dieſer Pflanzungen ernannt iſt,begleitete uns auf unſrer Schiffahrt.
Von Honda ſteigt man 1370 Toiſen auf-waͤrts nach Sta Fé de Bogota. Der Weg zwi-ſchen den Felſen — kleine eingehauene Treppen,nur 18 bis 20 Zoll breit, ſo daß die Maulthierenur mit Muͤhe ihren Leib durchbringen — iſtuͤber alle Beſchreibung ſchlecht. Man tritt ausder Muͤndung des Berges (la boca del monte)bei 4° 35′ N. Breite; und nun befanden wiruns auf einmal in einer großen Ebene von mehrals 32 Franzoͤſ. Quadratmeilen, auf der manzwar keine Baͤume ſieht, die aber mit Europaͤ-iſchen Getreidearten beſaͤet und mit Indiani-ſchen Doͤrfern angefuͤllt iſt. Dieſe Ebene (losIlanos de Bogota) iſt der ausgetrockneteGrund des Sees Funzhe, welcher in der My-thologie der Muyſcas Indianer eine wichtigeRolle ſpielt. Das boͤſe Prinzip oder der Mond,ein Weib, brachte eine Suͤndfluth hervor,durch welche ſich der See bildete. Aber Bochi-ka, das gute Prinzip oder die Sonne *), zer-
*) Dieſer Sonnengott ſcheint, des Gegenſatzes we-gen, der Mann zu ſein; alſo ſtellt auch dieſeNazion ſich die Sonne maͤnnlich, und den Mondweiblich vor.
|450| truͤmmerte den Fels Tequendama, wo heutigesTags der beruͤhmte Waſſerfall iſt; der SeeFunzhe lief ab; die Bewohner der Gegend, dieſich waͤhrend der Fluth auf die naͤchſten Bergegefluͤchtet hatten, kehrten in die Ebne zuruͤck;und Bochika, nachdem er den Indianern einepolitiſche Verfaſſung und Geſetze, welche denender Inkas aͤhnlich waren, gegeben hatte, gingden Tempel von Sagamuri zu bewohnen. Dalebte er 25000 Jahre, und zog ſich hernach inſein Haus, die Sonne, zuruͤck.
Unſre Ankunft in Sta Fé glich einemTriumphzug. Der Erzbiſchof hatte uns ſeinenWagen entgegen geſchickt; mit demſelben kamendie Vornehmſten der Stadt. Man gab unsein Mittagseſſen 2 Meilen von der Stadt, undwir zogen mit einem Gefolge von mehr als60 Perſonen zu Pferde ein. Da man wußte,daß wir Mutis zu beſuchen kamen, und dieſerdurch ſein hohes Alter, ſein Anſehn bei Hofe,und ſeinen perſoͤnlichen Charakter, in der gan-zen Stadt in außerordentlicher Achtung ſteht;ſo ſuchte man ſeinetwegen unſrer Ankunft einengewiſſen Glanz zu geben, und ihn in uns zuehren. Der Vizekoͤnig darf in der Stadt, derEtikette nach, mit Niemand eſſen; er war abergerade zufaͤllig auf ſeinem Landſitz Fucha, und |451| lud uns dahin zu ſich ein. — Mutis hatte unsein Haus in ſeiner Naͤhe einrichten laſſen, undbehandelte uns mit ausnehmender Freundſchaft.Er iſt ein ehrwuͤrdiger alter Geiſtlicher, von bei-nahe 72 Jahren; und dabei ein reicher Mann:der Koͤnig zahlt fuͤr die botaniſche Expedizionhieſelbſt jaͤhrlich 10 000 Piaſter. Seit funfzehnJahren arbeiten 30 Maler bei Mutis; er hat2 bis 3 tauſend Zeichnungen in Großfolio,welche Miniaturgemaͤlde ſcheinen. Naͤchſt der Banksſiſchen in London, habe ich nie eine groͤ-ßere botaniſche Bibliothek als die Mutiſiſche ge-ſehen. — Ungeachtet der Naͤhe beim Aequator,iſt das Klima hier empfindlich kalt, wegen dervorher angezeigten hohen Lage: das Thermome-ter ſteht meiſt auf 6 bis 7 Grad Reaumur, oftauf 0, nie uͤber 18°. Ich bin, bei den Flußmiasmen und denEntzuͤndungerregenden Moskitoſtichen, voͤllig ge-ſund geblieben; aber der arme Bonpland be-kam, auf dem Wege von Honda nach Sta Fé,wieder das dreitaͤgige Fieber. Dies noͤthigteuns, zwei volle Monate, bis zum 8 Septemb.1801, in der letzten Stadt zu bleiben. Ich maßindeß die umliegenden Berge, von denen mehrere2000 bis 2500 Toiſen hoch *) ſind; beſuchte
*) Die Spitze beim Kloſter auf dem St Bernhard
|452| den See Guatavita, den Waſſerfall Tequenda-ma, der wegen der Menge ſeines Waſſers außer-ordentlich ſchoͤn, aber nur 91 Toiſen hoch iſt,die Steinſalzgruben von Zipaguira, u. ſ. w.
Sobald Bonpland wieder hergeſtellt war, ver-ließen wir Sta Fe, und ſind itzt auf dem We-ge nach Quito. Wir wollen durch Ibagua unddie Schneegegenden von Quiridiu uͤber die An-den gehn. Bouguer ging uͤber Guanacas. — Ichſchreibe dieſe Zeilen am Fuß der Cordillere, dieich in drei Tagen beſteige. Wir ſind mehr zuFuße als auf unſern Maulthieren. Aber dieſeArt zu reiſen bekoͤmmt uns wohl, und wir ſindſehr gut mit allem Noͤthigen verſehn. Im Jaͤnner 1802 gehe ich nach Lima; vondort im Mai nach Akapulko; und von da, nach-dem ich vorher Mexiko bereiſ’t haben werde,vollende ich meine eigene Reiſe um die Welt, in-dem ich uͤber die Philippinen, und hierauf umdas Vorgebirge der guten Hofnung herum, nachEuropa zuruͤckkehre. [In dem Briefe aus Sta Fe, vom 6 Sep-tember, findet ſich noch die naturhiſtoriſcheMerkwuͤrdigkeit]:
iſt nur 1274 Toiſen uͤber der Meeresflaͤche hoch.Selbſt der Montblanc haͤlt, nach der hoͤchſtenAngabe, noch keine 2400 Toiſen.
|453| Wir haben entdeckt, und ich halte es keinemZweifel mehr unterworfen: daß der Krokodil,von dem alle große Fluͤſſe hier leider voll ſind,ein Krokodil von 25 Fuß Laͤnge, ein Cor biau-ritum, biloculare (ein Herz mit zwei Ohrenund mit zwei Kammern), wie ein warmbluͤtigesThier, hat. [Das Wichtigſte in dem Briefe aus Popayan,vom 26 November, iſt Folgendes]: Wir reiſten am 8 September von Sta Fede Bogota ab, und ſtiegen uͤber die Cordillereder Anden bei Quiridiu, wo wir 14 Tage languͤber Schnee gehen mußten. Wir haben aufdieſer Reiſe intereſſante Wanderungen in dieGebirge gemacht; und unter andern den Vul-kan von Purace beſucht, deſſen Muͤndung, die2300 Toiſen hoch liegt, ſchon auf eine großeEntfernung ein furchtbares Getoͤſe macht. En-de Dezembers rechnen wir in Quito einzutreffen.

Anmerkungen.

1. Zu Seite 442. Durch dieſe Fahrt wirdein bisher in der Erdbeſchreibung beſtrittenerPunkt, ob es nehmlich eine Vereinigung zwiſchendem Orinoko und Amazonenfluß gebe? außer |454| Zweifel geſetzt. Noch ganz neuerlich hat Hr Buache, Mitglied des Nazionalinſtituts in Pa-ris, dieſe Vereinigung, die er une monſtruoſitéen Géographie nennt, gelaͤugnet. Dieſerſchaͤtzbare und gelehrte Geograph gab nehmlich1798, vermuthlich mit Ruͤckſicht auf die imJahr vorher geſchehene Deportazion nach Guiana,eine neue Karte dieſes Landes (Carte généralede la Guiane, dreſſée d’après les obser-vations les plus récentes, par N. Buache.an 6 de la Rép. à Paris, chez Desenne)heraus, bei der er vorzuͤglich eine 1775 erſchie-nene Spaniſche von D. Juan de la Cruz be-nutzt hatte. Er aͤnderte aber die letztere dahinab, daß er die Vereinigung zwiſchen dem Ori-noko und Amazonenfluß aufhob, und den Pa-rima, Maquiritari, Caſiquiari und andere — nicht,wie Cruz, zu Armen des Orinoko, ſondern —zu Armen des Schwarzen Fluſſes machte. Erberuft ſich, bei Rechtfertigung dieſer Abaͤnde-rung, auf eine große waſſerſcheidende Gebirgs-kette zwiſchen den beiden großen Stroͤmen; oh-ne aber hinzuzuſetzen, auf welche Weiſe er ſichvon dem Daſein dieſer Gebirgskette uͤberzeugthat. — Nach der obigen Beſchreibung meinesBruders, ſcheint dieſelbe gar nicht zu exiſtiren.Vielmehr windet ſich, wie es ſcheint, der Orino-ko unter 2° N. Br. auf einmal oͤſtlich, undnimmt auf dieſem oͤſtlichen Laufe den Caſiquiariauf, der unmittelbar vom Schwarzen Fluſſeherkoͤmmt, ſo daß man von ihm in dieſenletztern, und durch dieſen weiter in den Amazo-nenfluß gelangen kann.

W. von Humboldt.

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Condamine, welcher ſich 7 bis 8 Jahre langin Suͤdamerika aufhielt, und 1743 den Amazo-nenfluß befuhr, auch ſelbſt, obgleich nicht weit,den Schwarzen Fluß aufwaͤrts ſchifte, erfuhrſchon damal: daß vermittelſt des letztern, wel-cher bekanntlich in den erſtern faͤllt, eine Ver-bindung zwiſchen dieſem und dem OrinokofluſſeStatt finde. Noch umſtaͤndlicher ward ihm diesvon dem P. Ferreyra 1744 gemeldet. Man ſ. Relation d’un voyage fait dans l’intérieurde l’Amérique méridionale par M. de laCondamine, à Maeſtricht 1778, p. 116. Er zeigt zugleich an, daß dieſe Verbindung aufallen alten Karten angegeben, und nur erſt vonden neuern Geographen bezweifelt oder gelaͤug-net iſt. Nur weiß er freilich nicht recht, wie der Schwarze Fluß mit dem Orinoko zuſammenhaͤngt. Dies ſcheint gleichfalls Danville’n unbe-kannt geweſen zu ſein, der den Rio Negro alseinen ſchraͤgen Kanal zwiſchen dem Orinoko unddem Amazonenfluß zeichnet. Erſt durch unſernReiſenden werden wir das Umſtaͤndliche undZuverlaͤſſige hievon erfahren. 2. Zu Seite 446. Die Magnetnadel desKompaſſes zeigt mit der einen Spitze nur bei-nahe nach Norden, und mit der andern beinahenach Suͤden. Dieſe Abweichung iſt weder zuEiner Zeit auf der ganzen Erd- und Meeresober-flaͤche gleich: ſondern an einigen Orten, mehroder weniger oͤſtlich, an andern weſtlich vomMeridian, und wieder an andern Orten gleichNull; noch bleibt ſie an dem nehmlichen Orteimmer dieſelbe. Man hat Karten entworfen,worauf die Abweichungen zur nehmlichen Zeit inallen Welttheilen abgebildet ſind, und woraus |456| ſich ergiebt, daß die Entfernung vom Meridianin Suͤdamerika nach der entgegengeſetzten Rich-tung zu ſein pflegt, als in Europa und Afrika.Auch hat man einige Verzeichniſſe von den Aen-derungen dieſer Abweichung am nehmlichen Ortezu verſchiedenen Zeiten. So zeigte ſie ſich inParis am Ende des 16 Jahrhunderts oͤſtlich;am Anfang des folgenden nahm ſie ab, und nachder Mitte deſſelben war gar keine Abweichung;worauf ſie im 18ten Jahrh. nach Weſten, undzwar immer weiter ging: vom J. 1700 bis1790, von 8 bis an 22 Grade. (Man ſ. unſers Bode Erlaͤut. der Sternkunde, Th. 2, Berlin1793, S. 737 folgg.). Seit einigen Jahren wirdſie in Europa wiederum oͤſtlicher. Die Theoriedieſer Abweichung, und ihrer Aenderungen, iſtnoch ſehr im Dunkeln. — Eben ſo verhaͤlt esſich mit der Neigung der Magnetnadel, vermit-telſt deren ſie eine ihrer Spitzen aus der gera-den horizontalen Richtung zur Erde niederſenkt:welche Richtung gleichfalls weder uͤberall, nochan dem nehmlichen Orte zu verſchiedenen Zeiten,dieſelbe iſt. 3. Zu Seite 448. (Da der hier genannteMann auch in Deutſchland mit Ruhm bekannt,und alſo manchen Leſern intereſſant iſt, ſo er-ſuchte ich meinen und des Briefſtellers gemein-ſchaftlichen Freund, Hrn Oberbergrath Karſten,um eine Nachricht uͤber den braven Spanier.) Unſer gelehrter Landsmann Alex. von Hum-boldt ſetzt zuweilen mehr Kenntniſſe bei den Le-ſern ſeiner Briefe voraus, als ſie beſitzen. Erſcheint itzt im Spaniſchen Amerika gewiſſermaßennazionaliſirt, und nimmt, was dort die unter-richteten Leute wiſſen, uͤberall fuͤr bekannt an. |457| In Deutſchland wenigſtens wußte man, vor Ein-gang dieſes Schreibens, nichts von d’Elhuyar’s Tode; vermuthlich alſo in dem groͤßten Theilevon Europa nicht: denn wir Deutſche pflegenAlles zu erfahren, weil wir uns um Alles be-kuͤmmern. Noch weniger iſt hier bekannt, welcherder beiden Bruͤder d’Elhuyar in den Bergwer-ken ſeinen Tod, und auf was fuͤr eine Weiſeer ihn gefunden hat. Die Spanier Don Joſeph und Don Fauſtod’Elhuyar *) wurden beide durch eine im J.1783 gemeinſchaftlich unternommene wichtige che-miſche Arbeit, und damit verknuͤpfte Entdeckung,beruͤhmt. Die beiden verewigten Chemiſten Berg-man und Scheele in Schweden hatten nehm-lich in dem Schwerſtein (Tungſteen), einemFoſſil welches faͤlſchlich fuͤr ein weißes Zinnerzgehalten wurde, und damal nur aus den Boͤh-miſchen und Schwediſchen Bergwerken in dieSammlungen der Liebhaber kam, eine Miſchungvon Kalkerde mit einer kleinen Saͤure entdeckt,deren metalliſche Natur ſie, nach Analogie derArſenikſaͤure, ahneten. In einem andern ver-rufenen Foſſil, welches den Namen Wolfram fuͤhrt, fanden die Gebruͤder d’Elhuyar nicht al-lein denſelben geſaͤuerten Stof, ſondern es ge-lang ihnen auch wirklich die Darſtellung eines zeither unbekannt geweſenen Metalles aus demletztern, wodurch daher die auf guten Gruͤndenohnehin beruhende Vermuthung der Schwedi-ſchen Chemiker volle Beſtaͤtigung erhielt. Siegaben dieſer neuen Subſtanz den Namen:Wolfram-Metall, von dem Foſſil durch deſſen
*) Man findet den Namen auch, aber unrichtig, de Luyart, geſchrieben.
|458| Zergliederung ſie es erhalten hatten; und be-ſchrieben das hiebei beobachtete Verfahren ge-nau *) in den Abhandl. der Koͤnigl. Biscaji-ſchen Sozietaͤt vaterlaͤndiſcher Freunde, welcheim J. 1766 geſtiftet ſein ſoll, und damal ab-wechſelnd in Bilbao, in Vergara und Vitoriaihre Verſammlungen hielt.
Im Auslande iſt uͤbrigens Don Fauſto d’El-huyar perſoͤnlich bekannter geworden, als ſeinBruder. So viel ich weiß, haben zwar Beidein Freiberg um das J. 1780 ſtudirt; aber nurJener hat in Upſala den Unterricht des beruͤhm-ten Bergman in der Chemie genoſſen. Letzte-rer erwaͤhnt ſeiner in einem Briefe an Hrnvon Crell unterm 23 Maͤrz 1784 (man ſ. dieChem. Annalen 1784, Bd 2, S. 207); undbei dieſer Gelegenheit bekamen die DeutſchenChemiſten die erſte Nachricht von jener Ent-deckung des Wolfram-Metalls. Im J. 1786reiſ’te D. Fauſto d’Elh. zu dem bekannten Me-tallurgiſchen Kongreß nach Schemnitz in Ungarn,welcher durch v. Born’s Verpflanzung der in Suͤd-amerika eingefuͤhrten Amalgamazion auf Euro-paͤiſchen Boden veranlaßt wurde. Im Sep-tember deſſelben Jahrs ward daſelbſt die „So-„zietaͤt der Bergbaukunde“ errichtet, und dergenannte Spanier gehoͤrte, nebſt den beruͤhmtenMineralogen verſchiedener Laͤnder, zu ihrenStiftern **). Von dort aus verbreitete er die
*) Unter dem Titel: Analyſis quimica delVolfram ... Dieſe Abhandlung ward von Cul-len ins Engliſche, und daraus von Gren insDeutſche uͤberſetzt (Halle 1786).**) Die naͤchſte Folge dieſer Verbindung war dieHerausgabe einer Sammlung unter dem einfa-
|459| Kenntniß der Wernerſchen Methode in der mi-neralogiſchen Charakteriſtik nach Frankreich. Dies ging ſo zu. Die lange Zeit verborgen ge-bliebene Ueberſetzerinn von Scheele’s ChemiſchenAbhandlungen (Demoiselle Piccardet zu Di-jon, welche ſich aus Beſcheidenheit nicht genannthatte) faßte zu der Zeit, als Werner’s klaſſiſchesWerk: „Von den aͤußerlichen Kennzeichen der„Foſſilien, Leipzig 1774“ einigen wenigen Ge-lehrten und ihr ſelbſt in Frankreich bekannt ge-worden war, den Entſchluß auch davon eineFranzoͤſ. Ueberſetzung zu liefern. Jedoch untermehrern Bedenklichkeiten welche bei ihr aufſtie-gen, trat auch die ein: Werner werde wahrſchein-lich bald das Werk neu herausgeben und ihreArbeit dann mangelhaft bleiben. Indeß erfolgtegerade das Gegentheil. Hr D’Elhuyar verſicherteſie ſchon bei ſeiner Durchreiſe 1786, daß manvergebens auf eine neue Ausgabe dieſes Buchsrechne; und ſchickte ihr von Glashuͤtte (oderSzkleno, bei Schemnitz) ein durchſchoſſenesExemplar der Wernerſchen Abhandlung, mit al-len denen Zuſaͤtzen und Verbeſſerungen verſehen,welche der Verfaſſer dieſer mineralogiſchen Cha-rakteriſtik damal ſchon bei ſeinen Vorleſungenhinzufuͤgte. Dies erzaͤhlt ſie ſelbſt pag. V und VI der Vorrede zu dem Traité des caractè-res extérieurs des Foſſiles; traduit de l’alle-mand de M. Werner: par le traducteur desMémoires de Chymie de Scheele, à Dijon 1790. Da dieſe Ueberſetzung eines Theils ver-
chen Titel: „Bergbaukunde;“ wovon aber nurzwei Baͤnde, Leipzig 1789, und 1790, erſchienenſind. In beiden Theilen ſtehn Aufſaͤtze undBriefe von D. Fauſto.
|460| moͤge der neuen Zuſaͤtze Vorzuͤge vor dem Ori-ginal erhalten, andern Theils aber die kenntniß-volle Ueberſetzerinn alle bei dieſer Arbeit, beſon-ders in Hinſicht der Terminologie, eingetreteneSchwierigkeiten vortreflich zu beſiegen gewußt,und eine treue Kopie des Originals geliefert hat;ſo bin ich dadurch veranlaßt worden, dies Fran-zoͤſiſche Werk, vor Herausgabe meiner neuerenTabellen, eine ganze Zeit hindurch bei den mi-neralogiſchen Vorleſungen zum Grunde zu legen.
Bei Gelegenheit der Zuruͤckreiſe aus Ungarn,warb Don Fauſto d’Elhuyar auf Befehl derSpaniſchen Regierung Saͤchſiſche Bergleute mitGenehmigung ihres Landesherrn, fuͤr Amerika an. Er engagirte auch einige ſubalterne Beamteund Unterdirektoren, von denen die Herrn vonNordenflycht (vormal in Polen) und Sonnen-ſchmidt dem gelehrten Publikum durch die Nach-richten bekannt geworden ſind, welche in dasIntelligenzblatt der Allg. Literaturzeitung ein-geruͤckt waren, als dieſes Korps von Bergleutenim Jaͤnner 1789 den Boden Spaniens betretenhatte, und Hr Huͤttendirektor Helms durch dasTagebuch ſeiner Reiſe nach Peru (Dresden1789). Auch an mich erging damal eine Auf-forderung, Theil an dieſer Expedizion zu neh-men. Ich lehnte ſie ab, weil mein Vater kuͤrz-lich geſtorben war, und mir eine einzige zu derZeit unverheiratete Schweſter hinterlaſſen hatte,welche meines Beiſtandes bedurfte. — Gegen Ende des Sommers 1787 kam Don Fauſto d’Elhuyar, Generaldirektor der Spani-ſchen Bergwerke in Mexiko, nach Berlin. Erward am 4 September in unſre Geſellſchaft Na-turforſchender Freunde eingefuͤhrt, und erhielt |461| das Diplom eines auswaͤrtigen Mitgliedes. Erbeſuchte die vorzuͤglichſten der hieſigen Gelehrten,und die Herren Gerhard und Klaproth erinnernſich ſeiner wiſſenſchaftlichen Unterhaltungen mitvielem Vergnuͤgen. Der Letztere uͤberzeugte ihndurch mehrmalige Verſuche von der irrigen Mei-nung der Aufloͤslichkeit des Goldes in reinerSalpeterſaͤure, worauf Hr D’ Elhuyar bereitseine falſche Theorie gegruͤndet hatte. Er iſt der juͤngere der beiden Bruͤder. Diesergiebt ſich theils daraus, daß auf dem Titelder gedachten Analyſis Don Joſeph’s Namenvorangedruckt ſteht; theils beſtimmter aus dem Er-ſten Bande der angefuͤhrten „Bergbaukunde,“wo es S. 7 heißt: „In Santa Fé der aͤltere Herr „d’Elhuyar; in Mexiko der juͤngere Herr d’El-„huyar.“ Hier ſind die Vornamen zwar nichtangegeben, aber der Name Mexiko verweiſt aufunſern Don Fauſto. Deutlicher noch iſt daſelbſt,hinten, die letzte Seite des (nicht paginirten)Verzeichniſſes: „In Santa Fe di Bogoda (de„Bogota), Hr d’Elhuyar der aͤltere, Direktor„der Bergwerke zu S. Fe d. B. In Mexiko:„Don Fauſto d’Elhuyar, Generaldirektor des„Koͤnigl. Spaniſchen Tribunals des Bergwerks-„korps in Neuſpanien.“ — Hoͤchſt wahrſchein-lich iſt alſo auch der aͤltere dieſer wackerenMaͤnner der Verungluͤckte: da das BergwerkSta Fe, wo der traurige Unfall geſchehen iſt,in der Nachbarſchaft und in dem Bezirke des inSanta Fe wohnenden Bergwerksdirektors liegt. Berlin. Karſten.