Digitale Ausgabe

Download
TEI-XML (Ansicht)
Text (Ansicht)
Text normalisiert (Ansicht)
Ansicht
Textgröße
Originalzeilenfall ein/aus
Zeichen original/normiert
Zitierempfehlung

Alexander von Humboldt: „Alexander von Humboldt“, in: ders., Sämtliche Schriften digital, herausgegeben von Oliver Lubrich und Thomas Nehrlich, Universität Bern 2021. URL: <https://humboldt.unibe.ch/text/1853-Alexander_von_Humboldt_a-1> [abgerufen am 31.01.2023].

URL und Versionierung
Permalink:
https://humboldt.unibe.ch/text/1853-Alexander_von_Humboldt_a-1
Die Versionsgeschichte zu diesem Text finden Sie auf github.
Titel Alexander von Humboldt
Jahr 1853
Ort Leipzig
Nachweis
in: Die Gegenwart. Eine encyklopädische Darstellung der neuesten Zeitgeschichte für alle Stände, 12 Bände, Leipzig: Brockhaus 1848–1856, Band 8 (1853) , S. 749–762.
Postumer Nachdruck
Alexander von Humboldt, Aus meinem Leben. Autobiographische Bekenntnisse, herausgegeben von Kurt-R. Biermann, Leipzig/Jena/Berlin 1987, S. 83–120.
Sprache Deutsch
Schriftart Fraktur
Identifikation
Textnummer Druckausgabe: VII.41
Dateiname: 1853-Alexander_von_Humboldt_a-1
Statistiken
Seitenanzahl: 14
Zeichenanzahl: 55598

Weitere Fassungen
Alexander von Humboldt (Leipzig, 1853, Deutsch)
Humboldt (Friedr. Heinr. Alexander, Freiherr von) (Leipzig, 1853, Deutsch)
[Autobiographischer Abriss; eingeleitet mit: На десятомъ году Гумбольдтъ лишился отца, который […]] [Na desjatom godu Gumbolʹdt lišilsja otca, kotoryj […]] (Sankt Petersburg, 1855, Russisch)
|749|

Alexander von Humboldt. *)

Friedrich Heinrich Alexander Freiherr von Humboldt wurde in Berlin am 14. Sept.1769 geboren, ſtudirte in Frankfurt a. O. und Göttingen, beſuchte eine Zeit langdie Handelsakademie von Büſch und Ebeling in Hamburg und verlebte hierauf, 1790—91, ein Jahr auf der Bergakademie in Freiberg. Die ihm von der preußiſchenRegierung 1792 gegebene Anſtellung als Aſſeſſor im Bergwerksdepartement, welcheſpäter mit dem Amte eines Oberbergmeiſters in Baireuth vertauſcht wurde, gab er1795 wieder auf, um einen Lebensweg einzuſchlagen, auf welchem es ihm gelungeniſt, das Außerordentlichſte für die Wiſſenſchaften zu leiſten und ſich einen unver-gänglichen Namen zu bereiten. Von Jugend auf zur Naturforſchung durch innernGenius getrieben, angeregt durch erfolgreiche kleinere Reiſen, zumal aber durch denUmgang mit J. G. Forſter, den er 1790 auf einem Ausfluge nach dem Nieder-rhein, England und Holland begleitet hatte, begann er nach einem Lande umzublicken,deſſen natürlicher und wenig gekannter Reichthum dem fleißigen Forſcher die Ausſichtauf zahlreiche und werthvolle Entdeckungen eröffnen könnte. War auch die Wahldeſſelben nicht ſogleich feſt entſchieden, ſo wurden doch ſeit 1795 die wiſſenſchaft-lichen Vorſtudien mit großem Eifer begonnen und mehre Reiſen zu dieſem Zweckeunternommen.
*) Alexander von Humboldt hatte die Güte, der dringenden Bitte des Herausgebers undVerlegers des „Converſations-Lexikon“ nachgebend, den ihn betreffenden Artikel der neuntenAuflage dieſes Werks einer Durchſicht zu unterwerfen. Der berühmte Gelehrte theilte infolgeDeſſen der Verlagshandlung freundlichſt eine vollſtändige Zuſammenſtellung ſeiner Reiſen nebſtAngabe der Zeitfolge, der Richtung und des Zweckes mit, welche für den Artikel „Alexandervon Humboldt“ in der zehnten Auflage des „Converſations-Lexikon“ benutzt wurde, und hier-mit den Leſern der „Gegenwart“ als ein höchſt intereſſantes Document dargeboten wird. Diemit Anführungszeichen („“) bezeichneten Stellen ſind wörtlich der Handſchrift Humboldt’sentlehnt; der verbindende Text gehört dem betreffenden Artikel der neunten Auflage des„Converſations-Lexikon“ an. D. Red.
|750| „Folgendes ſind chronologiſch geordnet die Ereigniſſe ſeiner frühern Jugend.Humboldt verlor ſeinen Vater, der im Siebenjährigen Kriege, als Major, Adjutantdes Herzogs Ferdinand von Braunſchweig und nachher königlicher Kammerherr war,als er noch nicht das zehnte Jahr erreicht hatte. Er genoß, gemeinſchaftlich mitſeinem ältern Bruder Wilhelm, im Hauſe der Mutter, unter der Leitung eines talent-vollen Mannes (des nachmaligen Geheimen Oberregierungsraths Kunth) einer überausſorgfältigen wiſſenſchaftlichen Erziehung. Privatcollegia wurden beiden Brüdern vonFiſcher in Mathematik, von Engel in Philoſophie, von Dohm in politiſchen Wiſſenſchaftengeleſen. Herbſt und Winter 1787—88 brachte Humboldt auf der Univerſität Frank-furt a. O., den folgenden Sommer und Winter wieder in Berlin zu, um Techno-logie, auf das Fabrikweſen angewandt, zu ſtudiren und, nun erſt ſeinem fleißigernBruder nachſtrebend, ſich ernſthafter mit der griechiſchen Sprache zu beſchäftigen.In dieſer Zeit ſchloß Humboldt ſich mit warmer Freundſchaft an den jungen aberſchon berühmten Botaniker Willdenow an, und zeigte beſondere Vorliebe für dasStudium der Kryptogamen und der zahlreichen Familie der Gräſer. Im Frühjahr1789 bezog er die Univerſität Göttingen, deren reiche Schätze er ein Jahr lang be-nutzte. Er frequentirte gemeinſchaftlich mit ſeinem Bruder (der bald mit Campe,wenige Wochen nach dem Sturm der Baſtille, die Reiſe nach Paris machte) diephilologiſchen Collegia des Heyne’ſchen Seminars. Sein erſter Verſuch einer litera-riſchen Arbeit war eine kleine Schrift über die Webereien der Griechen, die nie er-ſchienen iſt, aber (wie man aus der Correſpondenz von W. von Humboldt erfährt)1794 an F. A. Wolf zur Durchſicht geſchickt wurde. Die Liebe zu naturhiſtori-ſchen Studien wurde in Göttingen mannichfach genährt durch den Unterricht vonBlumenbach, Beckmann, Lichtenberg und Link, durch Reiſen an den Harz und andie Rheinufer. Eine Frucht der letzten Excurſion war Humboldt’s erſtes gedrucktesBuch: «Über die Baſalte am Rhein (vorzüglich den Unkeler Steinbruch), nebſt Un-terſuchungen über Syenit und Baſanit der Alten.» Im Frühjahr und Sommer1790 begleitete Humboldt von Mainz aus Georg Forſter, der mit ſeinem Vater demCapitän Cook bei ſeiner zweiten Weltumſegelung gefolgt war, auf einer ſchnellenaber überaus lehrreichen Reiſe durch Belgien, Holland, England und Frankreich.Dieſe Begleitung, das Wohlwollen von Sir J. Banks, eine große, plötzlich erwa-chende Leidenſchaft für das Seeweſen und den Beſuch ferner tropiſcher Länder äußer-ten den belebendſten Einfluß auf Entſchlüſſe, die nach dem Tode der Mutter einſt zurAusführung kommen ſollten. Im Monat Juli 1790 aus England nach Deutſchlandzurückgekehrt und damals noch zu einer praktiſchen Laufbahn im Finanz- und Ka-meralfache beſtimmt, begab ſich Humboldt nach Hamburg auf die Handelsakademievon Büſch und Ebeling, um ein Collegium über den Geldumlauf zu hören, dasBuchhalten zu erlernen und von den Comptoirgeſchäften genaue Kenntniß zu nehmen.Der Zuſammenfluß ſo vieler jungen Leute aus den verſchiedenſten Theilen von Eu-ropa gab auf dieſem Inſtitute die günſtigſte Gelegenheit zur Übung in lebendenSprachen; auch machte der Contact mit Klopſtock, Voß, Claudius und den beidenStolberg (im nahen Holſtein) den hamburger Aufenthalt ſehr angenehm und lehr-reich. Nach einem fünfmonatlichen Aufenthalte in Berlin und Tegel im mütterlichenHauſe, erlangte endlich Humboldt die Erlaubniß ſeine nächſte Lebensbeſtimmung zuverändern und nach ſeinem ſehnlichſten Wunſche außerhalb der Städte in der freienNatur zu leben, zum praktiſchen Bergbau überzugehen. Er hatte indeſſen ſeine bo-taniſchen Excurſionen mit Willdenow fortgeſetzt, fleißig gearbeitet an Uſteri’s «Jour-nal der Pflanzenkunde», und bei Keimverſuchen die reizende, alle Keimkraft ſo auf-fallend beſchleunigende Eigenſchaft des Chlors aufgefunden. Im Juni 1791 bezogHumboldt die Bergakademie zu Freiberg, genoß des Privatunterrichts von Werner,der Freundſchaft von Freiesleben, Leopold von Buch und Andreas Del Rio, den er 12Jahre ſpäter in Mexico angeſiedelt ſah. Die Frucht eines achtmonatlichen Aufent-halts im Erzgebirge waren die Beſchreibung der unterirdiſchen kryptogamiſchen Pflan-zen und die Verſuche über die grüne Farbe der aller Lichteinwirkung entzogenen |751| phanerogamiſchen Gewächſe, wenn ſie von irreſpirabeln Gasarten umgeben ſind. (Die«Flora subterranea Fribergensis et aphorismi ex physiologia chemica plantarum»erſchien indeſſen erſt 1793.) Mit Freiesleben gab Humboldt die erſte geognoſtiſcheBeſchreibung des böhmiſchen Mittelgebirges heraus. Durch das ausgezeichnete Wohl-wollen des Miniſters Fr. von Heinitz ſchon im Februar 1792 zum Aſſeſſor im Berg-departement ernannt, begleitete er dieſen Staatsmann im Juli 1792 in das Mark-grafthum Baireuth und wurde zur Unterſuchung des daſigen Berg- und Hüttenwe-ſens berufen. Nach ſeinem Wunſche, nur der Vorrichtung des unterirdiſchen Gru-benbaus fortan anzugehören, zum Oberbergmeiſter am Fichtelgebirge in den fränkiſchenFürſtenthümern ernannt, nahm er ſeinen Hauptwohnſitz in dem kleinen BergorteSteben bei Naila. Er behielt die Direction des praktiſchen Bergbaus faſt fünfJahre lang, von 1792—97, aber mit vielen und zwar ſehr heterogenen Unterbre-chungen. In Aufträgen des berliner Bergdepartements, von dem das fränkiſche gänz-lich getrennt war, wurde Humboldt, im Herbſte 1793, zur Unterſuchung der Stein-ſalzgruben und Siedvorrichtungen nach Oberbaiern, Salzburg, dem öſtreichiſchenSalzkammergute und (über Tarnowitz) nach Galizien; im Sommer 1794 aber, wie-der zu halurgiſchen Zwecken, nach Kolberg, dem Netzediſtrict, den Weichſelufern ſüd-lich von Thorn und nach Südpreußen geſchickt. Politiſche Begebenheiten, die eineFolge der großen Kriegsereigniſſe waren, zogen Humboldt nach der Rückkunft ausPoſen, ihm ſelbſt ſehr unerwartet, nach den Rheinufern. Ein im April 1794 mitEngland und Holland abgeſchloſſener Subſidientractat vermochte Preußen zur Fort-ſetzung des Kriegs gegen die Franzöſiſche Republik. Der dirigirende Miniſter inden fränkiſchen Fürſtenthümern Baron von Hardenberg wurde nach Frankfurt ge-ſandt, um dort (für die Zeit der Dauer des Subſidientractats) mit dem engliſchenund holländiſchen Geſandten, Lord Malmesbury und Admiral Kynkel zu unterhandeln.Humboldt erhielt von dem preußiſchen Staatsmanne, deſſen Vertrauen und freund-ſchaftlichen Umgang er lange genoſſen, die Auffoderung, ihn nach der Armee zu be-gleiten, um ſeine Thätigkeit zu Miſſionen nach dem Hauptquartier des Feldmarſchallsvon Möllendorf und zur Cabinetscorreſpondenz zu benutzen. Der Aufenthalt in Frank-furt und bei der Armee zwiſchen Munzernheim, Mainz und Weſel, ja bis zum hol-ländiſchen Lager dauerte vier Monate, und erſt im October 1794 war Humboldtzurück im baireuther Gebirge. Er ſetzte eifrigſt fort ſeine chemiſche Arbeit über dieNatur der Grubenwetter wie ſeine oft gefahrvollen Verſuche über eine von ihm con-ſtruirte, nicht verlöſchende Lampe und die Reſpirationsmaſchine nach dem Principevon Beddoes in Räumen, die er künſtlich mit irreſpirablen Gasarten gefüllt hatte.In den Sommer und Herbſt 1795 fällt eine geognoſtiſche Reiſe durch Tirol nachVenedig, durch die Euganeen, die ganze Lombardei und die Schweiz in angenehmerBegleitung von Freunden, erſt mit Reinhard von Haeften und ſpäter mit Karl Freies-leben. Humboldt ſammelte ſchon ſeit 1792, wo er bei ſeinem erſten Aufenthalte inWien Nachricht von Galvani’s bewundernswürdiger Entdeckung erhalten, Materialienzu ſeinem großen Werke «Über die gereizte Muskel- und Nervenfaſer, nebſt Vermu-thungen über den chemiſchen Proceß des Lebens in der Thier- und Pflanzenwelt»,das erſt 1797 in zwei Bänden erſcheinen konnte, von ihm ſelbſt herausgegeben, kei-neswegs von Blumenbach, der das Manuſcript nie geſehen. Die italieniſche Reiſebrachte Humboldt in belehrenden Verkehr mit Volta in Como und mit Scarpa inPavia. Vom November 1795 bis Februar des folgenden Jahres blieb Humboldtwieder auf dem Gebirge praktiſch beſchäftigt in Steben, Lauenſtein, Goldkronach undArzberg bei Wunſiedel. Die ſchweren Leiden ſeiner kranken Mutter zogen ihn nachBerlin, doch nur auf einige Monate. Der plötzliche Einfall des franzöſiſchen Heeresunter Moreau in das Herzogthum Würtemberg und die Flucht des Landesherrn lie-ßen den König von Preußen beſorgen, daß die fürſtlich Hohenlohe’ſchen Beſitzungen,in denen im Anfange der Franzöſiſchen Revolution (1791) der Vicomte de Mirabeaueine der Emigrantenlegionen des Condé’ſchen Corps errichtet hatte, aus Motiven derRache Plünderung und Unbill von den weiter gegen Franken vordringenden Heeren |752| von Moreau oder Jourdan erleiden würden. Man hoffte den commandirenden Generaldazu bewegen zu können, da ſeit dem Frieden, den der Miniſter von Hardenberg zuBaſel den 5. April 1795 abgeſchloſſen hatte, ein ſehr freundſchaftliches Verhältniß zwi-ſchen Frankreich und Preußen eingetreten war, die kleinen Hohenlohe’ſchen Länder wieeine preußiſche Enclave zu betrachten. Humboldt erhielt den Auftrag ſich mit demHauptmann von Pirch, von einem einzelnen Trompeter begleitet, Ende Juli 1796 vonIngelfingen aus nach dem franzöſiſchen Hauptquartier in Schwaben zu begeben. Eswar kurze Zeit nach dem Treffen bei Cannſtadt. Man ſah auf dem Wege noch denGeneral St.-Cyr in einem durch Seile gehaltenen, mehre Monate lang gefüllt blei-benden Conté’ſchen Luftballon (Ballon captif) den Feind recognosciren. Bei der Mildedes Charakters, die den General Moreau auszeichnete, wurde es nicht ſchwer, in we-nigen Tagen zu erlangen, was man erwünſchte. Es ſollten die Hohenlohe’ſchenBeſitzungen mit preußiſchen Adlern umgeben werden. In dem franzöſiſchen Haupt-quartier hatte Humboldt die Freude, den General Deſaix zu finden, der ſchon da-mals, 14 Monate vor dem Frieden von Campo-Formio, mit Bonaparte’s ägyptiſchenPlanen bekannt war, ja mehrmals Humboldt auffoderte nicht die Tropenländer desNeuen Continents zu beſuchen, ſondern ſich einer franzöſiſchen Expedition nach demOrient anzuſchließen. Die Rückkehr aus dem Moreau’ſchen Hauptquartier, begleitetvon dem franzöſiſchen Ingenieur, der die Adler aufpflanzen ſollte, war trotz der ſichern-den Töne des preußiſchen Trompeters, in einem Walde bei Nacht, wo öſtreichiſche undfranzöſiſche Vorpoſten ſtark gemengt ſtanden, ſehr unbequem. Die lang gefürchteteNachricht von dem Tode der Mutter (November 1796) brachte nun Humboldt’s Ent-ſchluß einer großen wiſſenſchaftlichen Expedition der Ausführung näher. Auf denRath des Freiherrn von Zach hatte er ſchon längſt angefangen ſich mit praktiſcherAſtronomie, d. h. mit Sextantenbeobachtungen zu geographiſchen Ortsbeſtimmungenernſthaft zu beſchäftigen. Es war dabei ſein reger Wunſch, ehe er Europa auf mehreJahre verließ, brennende Vulkane zu ſehen, den Veſuv, Stromboli und den Ätna.Sein Bruder Wilhelm wollte ihn mit ſeiner Familie auf dieſer zweiten italieni-ſchen Reiſe begleiten. Um ſich nun mit Dieſem zu vereinigen, löſte er ſeine dienſt-lichen Verhältniſſe gänzlich auf, und beſchloß in völliger Unabhängigkeit und mit In-ſtrumenten ausgerüſtet, in deren Gebrauch er ſich lange eingeübt, allein dem Studiumder Natur zu leben. Er verließ Baireuth im Jahre 1797 und verweilte in innigerVerbindung mit Goethe und Schiller drei Monate in Jena. Da er nur rhapſodiſchunter Sommerring, dem er ſein Werk über die gereizte Muskelfaſer zugeeignet, menſch-liche Anatomie ſtudirt hatte, ſo erlangte er von Loder, den er 23 Jahre ſpäter auf derſibiriſchen Expedition wieder in Moskau begrüßte, ihm ein Privatcollegium zu leſen, dasmit Anleitung zum Seciren verbunden war. Über Dresden, Freiberg, Prag und Wienging Humboldt nach Salzburg, auf dem Wege die Schätze des ſchönbrunner Gartens,die Freundſchaft des jungen braſiliſchen Reiſenden, Joſeph van der Schott, und dasWohlwollen des alten Jacquin und Peter Frank’s genießend. Der kriegeriſche und re-volutionäre Zuſtand von Italien entfernte jede Idee des Genuſſes einer wiſſenſchaftli-chen Reiſe; Humboldt’s Bruder ging von Wien unmittelbar nach Paris, während erſich entſchloß, mit ſeinem Freunde Leopold von Buch, den Winter einſam mit meteoro-logiſchen Beobachtungen beſchäftigt, in Salzburg und Berchtesgaden zuzubringen, umſpäter, wenn der Zuſtand von Unteritalien es erlaubte, im nächſten Frühjahre überdie Alpen zu gehen. Dieſen Ideen nachhängend, erhielt Humboldt eine Auffoderungvon dem in Dalmatien und Griechenland vielgereiſten Lord Briſtol, ihn auf einerExcurſion nach Oberägypten auf acht Monate zu begleiten: er habe eigene Bootezu dieſem Unternehmen ausrüſten laſſen, und mehrere Zeichner ſollten ihn, den ſehrunterrichteten Kunſtliebhaber, begleiten. Humboldt nahm das Anerbieten unter derBedingung an, daß, nach Alexandrien zurückgekehrt, er ſich von Lord Briſtol trennenkönne, um allein Syrien und Paläſtina zu beſuchen. Zum Ankauf der ihm nochfehlenden Inſtrumente entſchloß er ſich vorher auf wenige Wochen über Stras-burg nach Paris zu gehen, wo er Briefe von Lord Briſtol, nach der getroffenen |753| Übereinkunft, erwarten ſollte. Es war der Anfang des Monats Mai 1798; am20. deſſelben Monats ging Bonaparte mit ſeiner Expedition von Toulon nach Maltaund Alexandrien ab. Statt die erwarteten Briefe zu erhalten, las Humboldt zuſeinem großen Erſtaunen in der „Strasburger Zeitung“ die Nachricht, daß LordBriſtol auf Befehl des Directoriums in Mailand verhaftet worden ſei, weil manihn beſchuldige, daß der geheime Zweck ſeiner ägyptiſchen Reiſe ſei, auf irgend eineWeiſe zum Vortheile Englands an den Nilufern zu wirken. So ungerecht und un-wahrſcheinlich auch eine ſolche Beſchuldigung war, ſo hätte ſie doch, wenn man inMailand Briefe von Humboldt aufgefunden hätte, auch ſeine perſönliche Sicherheitgefährden können. Als er ungehindert in Paris ankam, wo er ſich mit der Familieſeines Bruders vereinigte, fand er die Mitglieder des Inſtituts, die Profeſſoren des Jardin des Plantes und das ganze gebildete Publicum mit den, viele Hoffnung erre-genden Ausrüſtungen zu einer großen Weltumſegelung beſchäftigt, die das Directoriumunter Anführung des Capitän Baudin ſeit einigen Monaten decretirt hatte. Die Expe-dition ſollte Buenos Ayres, das Feuerland und die ganze amerikaniſche Weſtküſte vonValparaiſo bis zum Iſthmus von Panama berühren, viele Inſeln der Südſee, Neu-holland und Madagascar beſuchen und um das Cap der guten Hoffnung zurückkeh-ren. Humboldt, der die erſte ſich darbietende Gelegenheit zu einem großen Unter-nehmen benutzen wollte, ſchloß ſich ſogleich dieſer Expedition an. Er erhielt von demDirectorium, in dem zwei Mitglieder, François de Neufchateau und La Reveillère-Lepaux, ſich beſonders für Bereicherung der Gärten und Sammlungen intereſſirten,die Erlaubniß ſich mit allen ſeinen Inſtrumenten einzuſchiffen, mit dem Verſprechen dieSchiffe verlaſſen zu dürfen und da zu bleiben, wo er tiefer in das Land einzudringenwünſchte. Vier volle Monate vergingen in peinigender Spannung und Ungewißheit.Die politiſche Lage von Italien und die wohlgegründete Beſorgniß eines nahen undneuen Ausbruchs des Kriegs mit Deutſchland bewogen die Regierung, die für dieExpedition ausgeſetzten Fonds zurückzuziehen und das ganze Unternehmen bis aufeine günſtigere Epoche zu vertagen. Die innige freundſchaftliche Verbindung, welcheſo leicht und ſchnell ſich zwiſchen Perſonen anknüpft, die mehre Jahre lang auf dem-ſelben Schiffe leben werden, hatte Humboldt mit einem ſehr ausgezeichneten jungenBotaniker, Aimé Bonpland, befreundet, der ſpäter ſo viele Schickſale mit ihm getheilthat und von dem alten Juſſieu, Richard und dem aus Algier und Conſtantine rück-kehrenden Desfontaines wegen ſeiner Kenntniſſe und Liebenswürdigkeit des Charaktersgeſätzt war. Indem Humboldt’s ſüßeſte Hoffnungen bitter getäuſcht wurden, gingein ſchwediſcher Conſul, Herr Skjöldebrand, durch Paris mit Geſchenken ſeines Hofesfür den Dei von Algier, um ſich in Marſeille auf einer für ihn beſtimmten Fregatteeinzuſchiffen. Da ſein Haus alle Jahre eine Barke nach Tunis ſchickte, um die nachMekka wandernden Pilgrimme nach Alexandrien zu führen, ſo beſchloß Humboldt desConſuls freundliche Anerbietungen dankbar anzunehmen und ſich ſo der franzöſiſchenExpedition in Ägypten anzuſchließen. Er harrte in Marſeille vergebens bis EndeDecember 1798 auf die verheißene Ankunft der ſchwediſchen Fregatte «Jaramas»,die von Stürmen an der portugieſiſchen Küſte beſchädigt im nahen Hafen von Ca-dix überwintern mußte. Da zugleich die Nachricht ſich verbreitete, daß in der Ber-berei bei dem zwiſchen Türken und Franzoſen ausgebrochenen Kriege alle von Mar-ſeille aus an die Küſten der Berberei kommenden Franzoſen in Ketten gelegt würden,ſo mußte es Humboldt vorziehen, mit Bonpland den Winter in Spanien zuzubrin-gen, und dann, wenn die Ereigniſſe es erlaubten, ſich von Cartagena oder Cadix nachTunis und Ägypten einzuſchiffen. Die Reiſenden gingen langſam und angenehm mitHerbariſationen, aſtronomiſchen Ortsbeſtimmungen und magnetiſchen Intenſitäts- undInclinationsbeobachtungen auf dem Wege beſchäftigt über Perpignan, Barcelona, denMontſerrat und Valencia nach Madrid, wo ſie erſt Anfangs Februar 1799 ankamen.Die außerordentliche Gunſt, deren Humboldt ſich an dem ſpaniſchen Hofe in Aran-juez drei Monate lang durch Vermittelung des ſächſiſchen Geſandten, Baron von |754| Forell, eines kenntnißvollen Mineralogen, und des erſten Staatsſecretärs (Miniſtersder auswärtigen Angelegenheiten), Don Mariano Luis de Urquijo, zu erfreuen hatte,änderte auf einmal wieder ſeine Lebensplane. Der erſte Staatsſecretär erklärte,daß ihm alle ſpaniſchen Beſitzungen in Amerika und dem Indiſchen Ocean (Maria-nen und Philippinen) geöffnet ſein würden aus rein perſönlichem Vertrauen, denn vonkeiner andern Regierung war Humboldt der ſpaniſchen empfohlen. Der Erlaubnißwurden officielle Befehle an alle Behörden beigefügt, wie ſeit der Expedition vonBouguer und La Condamine noch keinem Fremden geſchehen war. Von den zweiPäſſen war der eine von der Primera Secretaria de Estado, der andere von dem Consejo de Indias. Der erſte «geſtattete den freien Gebrauch aller Inſtrumentezu aſtronomiſchen und geodätiſchen Zwecken, die Meſſung der Berge, das Einſam-meln von Naturalien, ja Unterſuchungen jeglicher Art, die zur Erweiterung derWiſſenſchaften führen konnten.» Humboldt ſagt in der Einleitung ſeiner Reiſebeſchrei-bung ausdrücklich, daß alles ſo wohlwollend Verſprochene auf das pünktlichſte gehal-ten worden iſt, und daß in fünf Jahren er nie eine Äußerung des Mistrauens er-fahren habe. Mitte Mai verließ er Aranjuez und Madrid und ging (die Höhenmeſſend) durch Altcaſtilien, Leon und Galicien über Villalpando, Aſtorga und Lugonach dem Hafen Coruña, um ſich daſelbſt am 5. Juni 1799 auf der Fregatte «Pi-zarro» einzuſchiffen. Der Capitän des «Pizarro» hatte von der Regierung den Be-fehl erhalten, ſich auf der Schiffahrt nach den Küſten von Südamerika ſo viel Tagein Teneriffa aufzuhalten, als Humboldt zur Beſteigung des Pico de Teyde brauchenwürde. Da die Landung in Cumana den 16. Juli 1799 und die Rückkehr in derMündung der Garonne den 3. Aug. 1804 erfolgte, ſo hat Humboldt’s ganze Reiſein Südamerika, der Südſee, Mexico, den Antillen und Nordamerika fünf Jahre undzwei Monate gedauert.“ „Der Aufenthalt der Reiſenden in Teneriffa war nur von wenigen Tagen, vom19. bis 25. Juni. Sie hatten glücklich die engliſchen Kreuzer vermieden und warenam 19. Juni im Hafen von Santa-Cruz auf Teneriffa gelandet. Sie erſtiegen denPic und ſammelten eine große Menge neuer Beobachtungen über die damals weniggekannte natürliche Beſchaffenheit der Inſel. Obgleich in der Nähe der Küſte Pariaein heftiges nervöſes Fieber am Bord des «Pizarro» ausgebrochen war, ſo betratenſie doch in voller Geſundheit zum erſten mal den Boden Amerikas bei Cumana. Acht-zehn Monate verbrachten ſie auf einer Forſchungsreiſe durch die Provinzen des jetzigenFreiſtaats Venezuela, gelangten im Februar 1800 nach Caracas, und verließen beiPuerto-Cabello von neuem die Seeküſte, um nach Süden gewendet über die merk-würdigen Grasſteppen von Calabozo den Fluß Apure und durch dieſen den Orinocozu erreichen. Auf Indianerkähnen (ausgehöhlten Baumſtämmen) drangen ſie vonden Katarakten von Atures und Maypure bis zum ſüdlichſten Grenzpoſten der Spa-nier, dem kaum zwei Breitegrade vom Äquator entfernten Fort San-Carlos amRio-Negro, durch den Tuamini und die Wälder von Pimichin, wo die Kähne überLand geſchoben werden mußten, vor; gelangten durch den Caſſiquiare in den Orinocozurück; fuhren dieſen bis Angoſtura hinab und erreichten Cumana am Ende einer Reiſe,die 375 geographiſche Meilen lang, ſie nur durch unbewohnte Wildniſſe geführt, jadie erſte war, welche eine, auf aſtronomiſche Beſtimmungen gegründete Kenntniß vonder ſo lange beſtrittenen Bifurcation des Orinoco geliefert hatte. Humboldt und Bon-pland ſchifften ſich nun nach Havana ein, lebten dort einige Monate und eilten einenSüdſeehafen zu erreichen, als die falſche Nachricht ſich verbreitete, Baudin, dem ſieſich anzuſchließen verſprochen, werde an der Weſtküſte Südamerikas erſcheinen. VonBatabano an der Südküſte der Inſel Cuba ſegelten ſie im März 1801 nach Cartagenade Indias, um von da aus nach Panama zu gehen; allein weil die Jahreszeit dieAusführung dieſes Plans hinderte, fuhren ſie 54 Tage lang den Magdalenenſtromhinauf bis Honda, um über Guaduas das 8200 Fuß hohe Plateau von Bogota zu errei-chen. Sie machten von Bogota aus Streifzüge nach den merkwürdigſten Punkten der |755| Umgegend. Im September 1801 brachen ſie trotz der eingetretenen Regenzeit wiedergegen Süden auf, indem ſie über Ibague, die Cordillera de Quindiu (höchſter Punkt desNachtlagers 10800 Fuß), Cartago, Popayan am Fuße des Vulkans von Puracé, denParamo de Almaguer und die große Hochebene von Los Paſtos nach den größtenBeſchwerden am 6. Jan. 1802 Quito erreichten. Die Reiſe auf dem Rücken der Cor-dilleren von Bogota bis Quito immer auf Maulthieren und von vielem Gepäck begleitethatte volle vier Monate gedauert. Andere fünf Monate (vom 6. Jan. bis 9. Juni1802) vergingen ihnen unter viel umfaſſenden Unterſuchungen in dem ſchönen Hochthalevon Quito und in der Kette von mit ewigem Schnee bedeckten Vulkanen, welche daſ-ſelbe umſchließen. Durch zufällige Umſtände begünſtigt, ſtiegen ſie an mehren der-ſelben bis zu früher nicht erreichten Höhen. Auf dem Chimboraſſo gelangten ſie am23. Juni 1802 bis zur Höhe von 18096 Fuß, alſo um 3276 Fuß höher als LaCondamine 1738 am Nevado de Corazon. Sie ſtanden hier auf dem höchſten, jevorher von Menſchen erſtiegenen Punkte feſter Erde, und wurden durch eine tiefeSchlucht an der Erklimmung der äußerſten, noch um 2004 Fuß höhern Spitze ge-hindert. Carlos Montufar, der Sohn des Marquès von Selvalegre, ein trefflicher,lernbegieriger junger Mann, der, wie viele der Beſſern ſeines Volks, der ſpäter ein-getretenen Revolution als Opfer fiel, ſchloß ſich in Quito an die Reiſenden an undbegleitete ſie fortan bis zum Schluſſe der langen Wanderung durch Peru und Mexiconach Paris. Über den Andespaß im Paramo de Aſſuay (wo der Weg bei Cadlud faſtdie Höhe des Gipfels des Montblanc erreicht), über Cuença und die Chinawälder vonLoxa ſtiegen ſie in das Thal des obern Amazonenfluſſes bei Jaen de Bracamoroshinab, und erreichten über die fruchtbare Hochebene von Caxamarca über die Berg-ſtadt Micuipampa (in 11140 Fuß Höhe bei den berühmten Silbergruben von Chota)und über Montan den weſtlichen Abfall der Cordilleren von Peru. Hier genoſſenſie auf dem Alto de Guangamarca zum erſten male von einer Höhe von 9000 Fußherab des langerſehnten Anblicks der Südſee. Sie gelangten bei Truxillo an die Küſteund gingen durch die waſſerarme Sandwüſte von Niederperu bis zu dem mit Gär-ten umgebenen Lima. Nachdem einer der Hauptzwecke der peruaniſchen Reiſe, dieBeobachtung des Durchgangs des Mercur durch die Sonne erfüllt war, ſchifften ſieſich Ende December 1802 von Callao nach Guayaquil ein, und landeten am Schluſſeeiner zweiten ermüdenden Fahrt in Acapulco den 23. März 1803. Über Tasco undCuernaraca erreichten ſie im April die Hauptſtadt Mexicos, wo ſie einige Monate ver-weilten und dann nach Norden gewendet Guanaxuato und Valladolid beſuchten, dieProvinz Mechoacan durchſtreiften, der Küſte der Südſee nahe, den erſt 1759 ausge-brochenen Vulkan von Jorullo maßen und über Toluca nach Mexico zurückkehrten.Ein nochmaliger Aufenthalt in dieſer damals ſehr reichen und durch die Bildung derhöhern Einwohnerclaſſen ausgezeichneten Stadt wurde zur Ordnung der reichen Samm-lungen und zur Zuſammenſtellung der vielſeitigen Beobachtungen verwendet. Im Ja-nuar 1804 gingen die Reiſenden, nachdem ſie vorher den Vulkan von Toluca (14232Fuß) und den Cofre de Perote (12588 Fuß) beſtiegen und gemeſſen, durch die Eichen-wälder von Xalapa, die ſchon in einer Höhe von 2860 Fuß über der Meeresflächeanfangen, nach Veracruz hinab, wo ſie dem damals wieder unerwartet ausgebroche-nen Schwarzen Erbrechen (Vomito prieto) entkamen. Das barometriſche Nivellementdes öſtlichen Abfalls des Hochlandes von Mexico (7000—7200 Fuß) gegen Vera-cruz hin konnte nun mit dem früher vollendeten Nivellement des weſtlichen Ab-falls nach Acapulco an der Südſee verglichen werden. Aus beiden wurden vonMeer zu Meer die Profile (ſenkrechte Projectionen) conſtruirt, die erſten, die manje von einem ganzen Lande bis dahin gegeben hatte. Am 7. März 1804 verließHumboldt die mexicaniſche Küſte, ſegelte auf der königlichen Fregatte «La O» nachder Havana, wo er wieder zwei Monate verweilte und die Materialien vervollſtän-digte, die ihm zu ſeinem Werke: «Essai politique sur l’île de Cuba» gedient ha-ben. Am 29. April 1804 ſchiffte er ſich mit Bonpland und Carlos Montufar |756| nach Philadelphia ein. Die Überfahrt dauerte 20 Tage, ſie war in der Bahama-ſtraße bei Nordwinden gefahrvoll ſtürmiſch. Humboldt konnte nur wenige Wochenlang in Waſhington ſich der freundſchaftlichen Aufnahme bei dem edeln PräſidentenJefferſon erfreuen. Er verließ ungern den Neuen Continent den 9. Juli in der Mün-dung des Delaware und landete den 3. Aug. 1804 in Bordeaux, an Sammlungen,beſonders aber an Beobachtungen aus dem großen Gebiete der Naturwiſſenſchaften,der Geographie und Statiſtik vielleicht reicher als irgend ein früherer Reiſender.“ „Humboldt wählte Paris zum Aufenthalte, indem kein Ort des Continents da-mals einen gleich zugänglichen Schatz von wiſſenſchaftlichen Hülfsmitteln darbot, keinerebenſo viel große und thätige Forſcher einſchloß als jene Hauptſtadt. Er hatte beiſeiner Ankunft die Freude, dort die geiſtreiche Gattin ſeines Bruders mit ihrenKindern zu finden. Den Bruder ſelbſt feſſelten gelehrte Arbeiten und Geſchäfteals preußiſcher Geſandter in Rom. Die vorläufige Anordnung der Sammlungenund zahlreichen Manuſcripte, mehr aber noch chemiſche Arbeiten über das Verhält-niß der Beſtandtheile der Atmoſphäre, gemeinſchaftlich mit ſeinem Freunde Gay-Luſſac in dem Laboratorium der Ecole polytechnique unternommen, verlängertenHumboldt’s Aufenthalt in Paris bis zum März 1805. Er trat nun, begleitet vonGay-Luſſac, der einen langdauernden Einfluß auf ſeine chemiſche Thätigkeit ausgeübthat, eine Reiſe nach Italien (Rom und Neapel) an, wo ſie vom 1. Mai bis 17.Sept. 1805 verblieben. Leopold von Buch war ihr Gefährte in Neapel und auf derRückreiſe durch die Schweiz nach Berlin, welches Humboldt am 16. Nov. nach einerneunjährigen Abweſenheit wiederſah. Gay-Luſſac verließ ſeinen Freund und Mit-arbeiter im Winter 1806. Das Unglück des Vaterlandes im October 1806 unddie Hoffnung, die durch den ſchmachvollen Tilſiter Frieden aufgelegten Laſten mittelseiner Negociation zu vermindern, brachte die Regierung zu dem Entſchluß, den jüng-ſten Bruder des Königs, den durch perſönliche Tapferkeit und Anmuth der Sittengleich ausgezeichneten Prinzen Wilhelm von Preußen zum Kaiſer Napoleon imFrühjahr 1808 nach Paris zu ſenden. Humboldt, der ſich während der franzöſiſchenBeſetzung von Berlin in einem einſamen Garten eifrigſt mit ſtündlichen magnetiſchenDeclinationsbeobachtungen beſchäftigte, erhielt ſehr unvermuthet den Befehl des Kö-nigs, den Prinzen Wilhelm auf ſeiner ſchwierigen politiſchen Miſſion zu begleiten,und ihm durch ſeine genaue Bekanntſchaft mit damals einflußreichen Perſonen wiedurch größere Welterfahrung nützlich zu werden. Der Aufenthalt des Prinzen Wil-helm, dem als Adjutant ein nachmals lieber Verwandter F. von Hedemann beigege-ben war, dauerte bis zum Herbſt 1809, und da der Zuſtand von Deutſchland es un-möglich machte, die Herausgabe ſo vielumfaſſender, von keinem Gouvernement unter-ſtützter Reiſewerke (in der Folio- und Quartausgabe 29 Bände mit 1425 geſtoche-nen, zum Theil farbigen Kupfertafeln) auf deutſchem Boden zu wagen, ſo erhieltHumboldt von dem Könige Friedrich Wilhelm III., der ihm perſönliches Wohlwollenſchenkte, die Erlaubniß, als eines der acht auswärtigen Mitglieder der pariſer Aka-demie der Wiſſenſchaften, in Frankreich zu verbleiben. Er hat ſo ſeinen dauerndenWohnſitz, kleine Abweſenheiten abgerechnet, faſt 20 Jahre lang (von 1808—27) inParis gehabt. Als ſein älterer Bruder nach vollbrachter Stiftung der berliner Univer-ſität als Geſandter (1810) nach Wien ging und die oberſte Leitung des Unterrichts-weſens im preußiſchen Staate aufgab, wurde dem jüngern Bruder dieſelbe von demStaatskanzler Freiherrn von Hardenberg ſehr dringend (ohne oder auch mit dem Mini-ſtertitel) angeboten. Humboldt zog es vor, ſich eine freie, unabhängige Lage als Gelehr-ter zu erhalten, weil die Herausgabe ſeiner aſtronomiſchen, zoologiſchen und botaniſchenWerke, trotz der treuen Hülfe von Oltmanns, Bonpland und Kunth noch nicht weitgenug vorgerückt war. (Seine lateiniſche Schrift: «De distributione geographicaplantarum secundum coeli temperiem et altitudinem montium» erſchien erſt 1817.)Dazu hatte er den beſtimmten Entſchluß gefaßt, eine zweite wiſſenſchaftliche Expe-dition nach Oberindien, dem Himalaya und Tibet zu unternehmen. Um ſich zu der- |757| ſelben vorzubereiten, war er mehre Jahre lang eifrig unter Sylveſtre de Sacy undAndré de Nerciat mit Erlernung der perſiſchen Sprache (als der leichtern unter de-nen des Orients) beſchäftigt. Da zu dieſer Zeit (1812) der Kaiſer Alexander, vonSibirien aus über Kaſchgar und Yarkand eine wiſſenſchaftliche Expedition nach dertibetaniſchen Hochebene angeordnet hatte, ſo wurde Humboldt von dem Reichkanzler,Grafen Romanzow, der ihn perſönlich kannte und ſeinen Unternehmungsgeiſt ſchätzte,aufgefodert, ſich der ruſſiſchen Expedition anzuſchließen. Humboldt nahm ein ſolchesAnerbieten willig an; der Ausbruch des Kriegs zwiſchen Frankreich und Rußland ver-eitelte aber die ſchöne Ausſicht, die Geognoſie des Himalaya und Kuen-lün mit der derAndeskette vergleichen zu können. Die großen politiſchen Veränderungen vom März1814 bis November 1815, zwiſchen dem erſten und zweiten Pariſer Frieden, veran-laßten Humboldt zu mehrfachen Reiſen. Er ging nach England, das er ſeit 1790nicht wieder geſehen, zuerſt im Gefolge des Königs von Preußen, 1814, dannmit Arago, als ſein Bruder, den er ſchon (1811) in Wien beſucht hatte, Geſand-ter in London wurde; endlich (1818) von Paris aus mit Valenciennes, überLondon nach Aachen, wo der König und auch der Staatskanzler Fürſt Harden-berg während des Congreſſes ihn in ihrer Nähe zu haben wünſchten. Ebenſobegleitete Humboldt den König zu dem Congreß von Verona und folgte ihm nachRom und Neapel, von wo aus er die 13 Jahre früher mit Gay-Luſſac und Leo-pold von Buch gemachten Meſſungen am Veſuv wiederholte. Nach der Rückreiſevon Verona, in dem ſo ſtreng einbrechenden Winter von 1823, durch Tirol undBöhmen trennte er ſich von dem Könige erſt in Berlin, das er ſeit vollen 15 Jah-ren nicht beſucht hatte. Der Wunſch des Monarchen, Humboldt in ſeiner Umgebungzu behalten und ihn für das Vaterland bleibend wiederzugewinnen, konnte erſt imFrühjahr 1827 erfüllt werden. Humboldt ging damals, ſeinen dauernden Aufent-halt in Paris aufgebend, über London und Hamburg nach Berlin, wo er endlichdas ſo lange entbehrte Glück genoß, mit ſeinem Bruder an einem Orte zu lebenund vereint wiſſenſchaftlich zu arbeiten. Die öffentlichen Vorleſungen, welche erüber den Kosmos (die phyſiſche Weltbeſchreibung) faſt gleichzeitig in der großen Halleder Singakademie und in einem der Hörſäle der Univerſität hielt, fallen in dieſe frü-here Epoche des berliner Aufenthalts, von Anfang November 1827 bis Ende April1828. Das Buch vom Kosmos, welches nicht die Frucht dieſer Vorleſungen iſt, dadie Grundlage davon ſchon in dem, während der peruaniſchen Reiſe geſchriebenen undGoethe zugeeigneten «Naturgemälde der Tropenwelt» liegt, hat erſt 1845, alſo 15 Jahrenach den berliner, 18 Jahre nach den pariſer Vorleſungen zu erſcheinen angefan-gen. Das Jahr 1829 bezeichnet in Humboldt’s ſo viel bewegter Exiſtenz eine ganzneue ſehr wichtige Lebensepoche. Sie umfaßt die auf Befehl des Kaiſers Nikolausunternommene und großartig durch die edle Fürſorge des Staatsminiſters Grafenvon Cancrin ausgeſtattete Expedition nach dem nördlichen Aſien (Ural und Altai),nach der chineſiſchen Dzungarei und dem Kaspiſchen Meere. Die bergmänniſche Un-terſuchung der Gold- und Platinlagerſtätten, die Entdeckung von Diamanten außer-halb der Wendekreiſe (ſie glückte am 5. Juli 1829), aſtronomiſche Ortsbeſtimmun-gen und magnetiſche Beobachtungen, geognoſtiſche und botaniſche Sammlungen wa-ren die Hauptzwecke einer Unternehmung, in der Humboldt von zweien ſeiner be-rühmten Freunde, Ehrenberg und Guſtav Roſe, begleitet war. Die Reiſe ging überMoskau, Kaſan, die Ruinen des alten Bulghari nach Jekatherinenburg, den Gold-ſeifenwerken des Ural und den Platinwäſchen von Nishnei-Tagilsk, über Bogoslowsk,Werchoturje und Tobolsk nach dem Altai (Barnaul, dem maleriſchen KolywanſchenSee, Schlangenberg und Uſtkamenogorsk); von da nach den chineſiſchen Militärpoſtenvon Khonimailakhu, nahe am Dzayſanſee in der Dzungarei. Von den mit ewigemSchnee bedeckten Bergen des Altai wendeten ſich die Reiſenden wieder gegen We-ſten, um den ſüdlichen Ural zu erreichen. Von einem Pulk ſtarkbewaffneter Koſackenimmer begleitet, zogen ſie durch die große Steppe von Iſchim über Petropawlowsk, |758| die Feſtung Omsk, Miask, wo 1842, in neun Fuß Tiefe, eine Goldmaſſe von 36Kilogramm Gewicht gefunden worden iſt, über den Salzſee Ilmen nach Slatuſt, demhohen Taganay, Orenburg und dem weit berufenen, mächtigen Steinſalzſtock von Ilezkin der Kirgiſenſteppe der Kleinen Horde. Um Aſtrakhan und das Kaspiſche Meer zuerreichen, mußte man wegen der vielen Regengüſſe und Überſchwemmungen den Wegüber Uralsk, den Hauptſitz der uraliſchen Koſacken, Saratow, den Eltonſee, Du-bowka (berühmt wegen der eine Kanalverbindung verſprechenden Nähe der FlüſſeDon und Wolga), Tſaritſyn und die ſchöne Herrnhutercolonie Sarepta in derSteppe der Kalmücken einſchlagen. Nach einem intereſſanten Beſuche bei dem Kal-mückenfürſten Sered-Dſchab, der ſich und ſeinem Volke einen großen buddhaiſtiſchenTempel hat bauen laſſen, wurde die Rückkehr über Woroneſh, Tula und Moskaugenommen. Die ganze Expedition, welche in zwei Werken, in Guſtav Roſe’s «Mine-ralogiſch-geognoſtiſche Reiſe nach dem Ural, Altai und dem Kaspiſchen Meere»(2 Bde., 1837—42); und in Humboldt’s «Asie centrale, recherches sur leschaines de montagnes et la climatologie comparée» (3 Bde., 1843) beſchriebeniſt, hat etwas über neun Monate gedauert, in denen 2320 geographiſche Meilen(15 auf den Grad) zurückgelegt wurden. Das Jahr 1830 mit ſeinen großen Um-wälzungen jenſeit des Rheins gab den Beſchäftigungen Humboldt’s auf mehre Jahreeine politiſche Richtung, die deshalb doch nicht ſeiner wiſſenſchaftlichen Laufbahn hin-derlich geworden iſt. Nachdem er den Kronprinzen im Mai 1830 nach Warſchau zudem letzten vom Kaiſer Nikolaus perſönlich eröffneten conſtitutionellen Reichstage undbald darauf den König in das Bad von Teplitz begleitet hatte, verbreitete ſich dieKunde von dem Sturze der ältern Linie der bourboniſchen Familie und der Thronbeſtei-gung des Königs Ludwig Philipp. Humboldt, der lange ſchon in ſehr naher Verbin-dung mit dem Orleans’ſchen Hauſe geſtanden, ward vom König Friedrich Wilhelm III. beauftragt, die Anerkennung des neuen Monarchen nach Paris zu überbringen undvon dort aus, mit Kenntniß des franzöſiſchen Hofes, politiſche Berichte, zuerſt vomSeptember 1830 bis Mai 1832, dann in den Jahren 1834—35 nach Berlin ein-zuſenden. Dieſelben Aufträge wurden mit gleichem Vertrauen in den folgendenzwölf Jahren fünf mal wiederholt, ſodaß Humboldt bei jeder Sendung wieder vierbis fünf Monate ſeinen Aufenthalt in Paris nahm. In dieſe Epoche fällt die Her-ausgabe der fünf Bände «Kritiſche Unterſuchungen über die hiſtoriſche Entwickelungder geographiſchen Kenntniſſe von der Neuen Welt im 15. und 16. Jahrhundert»,nach dem franzöſiſchen Original von Ideler ins Deutſche überſetzt. Humboldt’s letz-ter Aufenthalt in Paris war vom October 1847 bis Januar 1848. Zwei kleinereReiſen außerhalb Deutſchlands mit dem Könige Friedrich Wilhelm IV., die eine nachEngland zur Taufe des Prinzen von Wales (1841), die andere nach Dänemark(1845) ſind ihrer Kürze wegen hier kaum zu erwähnen.“ Wenden wir uns zur Darſtellung der wiſſenſchaftlichen Leiſtungen Humboldt’sund des ebenſo großen als wohlthätigen Einfluſſes, welchen er während eines langenund höchſt arbeitſamen Lebens auf die Naturforſchung ausgeübt hat, ſo ſtoßen wirauf einen hier kaum zu bewältigenden Stoff. Die Thätigkeit der Naturforſcher,zumal der Reiſenden unter ihnen, pflegt nach zwei Richtungen zu gehen. Sie be-zweckt entweder die Anhäufung eines reichen Materials an Sachen, Beobachtungenund ſpeciellen Unterſuchungen, oder ſie unternimmt die Verarbeitung der Reſultateeigener und fremder Forſchung zu einem Ganzen, welches entweder unterſtützend underweiternd an ſchon Vorhandenes ſich anſchließt, oder an die Stelle des unbrauchbargewordenen Alten tritt. Seltener, als man meinen möchte, ſind die Männer, diemit gleichem Glück nach beiden Richtungen arbeiten, denn es ſetzt die Verfolgungder letztern nicht nur tiefe, ſondern auch ſehr vielſeitige poſitive Kenntniſſe, großesTalent der Beobachtung und die Gabe des Generaliſirens voraus, die Fähigkeit näm-lich, an Thatſachen ſchnell und ſcharf jene wichtigen und bezeichnenden Seiten auf-zufaſſen, wo ſie mit andern ſich verbinden laſſen, andere unterſtützen und ſie erklären. |759| Humboldt’s Leiſtungen ſind in beiden Beziehungen ſehr groß, aber beſonders ſinddiejenigen ſeiner Arbeiten merkwürdig und verdienſtlich, wo er den Schatz eigenerErfahrungen und Beobachtungen mit den fremden aller Zeiten bis auf die Gegen-wart herab in Verbindung bringt, und mit Klarheit die überraſchendſten Reſultatedarlegt. Schon aus einem ſeiner früheſten, noch vor der Reiſe nach Amerika ver-faßten Werke „Über die gereizten Muskel- und Nervenfaſern“ (2 Bde., Berl. 1797—99) ſpricht dieſer Geiſt, und nach Verlauf von faſt einem halben Jahrhunderterkennt die inzwiſchen weit vorgeſchrittene Phyſiologie die Genauigkeit und Schärfejener Verſuche über Galvanismus und die Wahrheit der meiſten der aus ihnen ge-zogenen Folgerungen. Auf ſeinen Reiſen Höhenmeſſungen mit Unterſuchung derthermometriſchen Verhältniſſe und der Beſchaffenheit des Bodens verbindend, undneben dieſen tiefern Arbeiten es nicht verſchmähend, Herbarien zu ſammeln, gelangteHumboldt zu einem reichen Material, durch deſſen geiſtreiche Combination unter ſei-nen Händen eine neue Wiſſenſchaft, die Pflanzengeographie, entſtand. Zwar hattenſchon Linné und einige ſeiner Nachfolger manche der hervorſtechendſten Erſcheinungenin der Verbreitung der Pflanzenwelt bemerkt, doch ohne Höhenangaben und Be-trachtung der mittlern Temperaturen. Es blieb Humboldt das große Verdienſt, eineunendliche Menge von Thatſachen, die zum Theil in den entlegenſten Erdwinkelnbeobachtet worden waren, mit den eigenen Erfahrungen in Zuſammenhang zu brin-gen, ihre Verbindung mit den Lehren der Phyſik nachzuweiſen und die Geſetze zuerläutern, nach welchen die unendlich formenreiche Pflanzenwelt über den weiten Erd-kreis vertheilt iſt. Können ſolche Unterſuchungen an ſich nicht iſolirt angeſtellt wer-den, ſo führen ſie zumal einen geiſtreichen Forſcher auf Prüfung mancher ſcheinbarfernliegenden Frage, und ſo iſt es denn geſchehen, daß unter Humboldt’s Händendie in ihrer altherkömmlichen Form ziemlich geiſtloſe Botanik zu einer der anziehend-ſten der Naturwiſſenſchaften wurde. Es gelang Humboldt nachzuweiſen, welche ge-waltige Einwirkung die ſtille und paſſive Pflanzenwelt auf Bildung des Bodens,auf den Zuſtand der Völker und auf die geſchichtliche Entwickelung des Menſchen-geſchlechts ſeit der Urzeit geübt hat. So viel Anziehendes hat für den Denkendendieſe Verbindung der phyſikaliſchen Wiſſenſchaften mit der menſchlichen Geſchichte,und ſo reich an unerwarteten Ergebniſſen iſt dieſe neue Betrachtungsweiſe, daß denvon Humboldt entdeckten Weg alsbald eine bedeutende Zahl von Forſchern zu ver-folgen begann. Mit allem Rechte darf man daher Humboldt als den Gründer einerbeſondern Schule anſehen, die jetzt keineswegs in Deutſchland allein wurzelt. Iſtes auch nur Wenigen gelungen, dem Vorbilde ſich faſt gleichzuſtellen, ſo durchwehtdoch gegenwärtig der Geiſt, den wir nicht anſtehen wollen als den Humboldt’ſchenzu bezeichnen, die höhern Leiſtungen aller europäiſchen naturwiſſenſchaftlichen Reiſen-den. Je überraſchender die Reſultate ſind, die durch Combination von Wiſſenſchaf-ten erreicht werden, welchen man ehedem keine engere Verwandtſchaft zutraute, jewahrer ſie ſich erweiſen, je freier die Humboldt’ſche Naturforſchung von myſtiſcherDeutung und von Geheimſprache ſich ſtets enthielt, je klarer und ſelbſt den Minder-geweihten verſtändlich ſie hintritt, um ſo ſicherer wird ſie für die Folgezeit ein Mu-ſter bleiben. Zu der innern Tüchtigkeit der Humboldt’ſchen Werke geſellen ſich alsnicht unbedeutende Nebeneigenſchaften die poetiſche Auffaſſung der Natur, da wo esdarauf ankommt, anſchauliche Geſammtbilder zu entwerfen, und das Geſchmackvolleder Form. Tauſende von Leſern, welchen im Übrigen keine ſpecielle Kenntniß derNaturwiſſenſchaften zu Gebote ſtand, haben ſich durch Humboldt’s Naturgemälde derTropenländer hingeriſſen gefühlt. Die Arbeiten Humboldt’s in einzelnen Fächern ſind ſtaunenswerth durch ihrenUmfang und die Mannichfaltigkeit ihrer Richtung. Ein großer Theil der weitſchich-tigen ſpaniſchen Colonien in der Neuen Welt war zu Anfang dieſes Jahrhundertskaum an den Küſten bekannt, und ſelbſt den beſten Karten durfte nur beſchränktesVertrauen geſchenkt werden. Mehr als 700 Ortsbeſtimmungen, welche Humboldt |760| auf aſtronomiſchem Wege gewann und faſt alle während der Expedition ſelbſt be-rechnete, ſind von Oltmanns neu unterſucht und mit ältern verglichen worden, eineArbeit, die in zwei Quartbänden unter dem Titel „Recueil d’observations astro-nomiques, d’opérations trigonométriques et de mesures barométriques, faites parA. de Humboldt, redigées et calculées d’après les tables les plus exactes par JabboOltmanns“ (1810) erſchienen iſt. Von Humboldt ſelbſt theils auf der Reiſe, theilsin Paris gezeichnet ſind die Karten des Orinoco, des Magdalenenſtroms, der größereTheil des Atlas von Mexico u. ſ. w. Mit dem Barometer in der Hand legte Hum-boldt Reiſen, wie jene von Bogota bis Lima zurück, mit ihm erſtieg er den Pic vonTeneriffa, den Chimboraſſo, Antiſana, Toluca, Perote und zahlreiche andere Bergſpitzen,und ſo erlangte er 459 Höhenbeſtimmungen, die oft durch trigonometriſche Meſſungunterſtützt, für die Hypſometrie Amerikas unſchätzbare Materialien lieferten, und fürmanche Provinzen bis jetzt die einzigen geblieben ſind. Die ſpäter von ihm inDeutſchland und Sibirien vorgenommenen Meſſungen und die Combination dieſerumfangreichen eigenen Arbeiten mit denjenigen, die andere Reiſende in den meiſtenzugänglichen Weltgegenden gemacht hatten, gaben Humboldt Veranlaſſung zu Zu-ſammenſtellungen, welche auf die Geographie den mächtigſten Einfluß ausübten, fürdie Lehre aber von der Verbreitung der Organismen die unentbehrlichſten Stützenbildeten. Die Klimatologie ſteht in enger Verbindung mit den Forſchungen überBodenbildung; auch ſie hat durch Humboldt Aufklärung und viele Erweiterung er-halten. Auf ſeine mit großer Genauigkeit geführten Tagebücher über meteorologiſche,thermometriſche und elektriſche Zuſtände begründete er jene Darſtellung des Klimader durchreiſten Länder, welche ſpäter durch Bouſſingault, Pentland und Andereglänzende Beſtätigung erhielten; indem er in gewohnter Weiſe Alles, was in dieſenBeziehungen aus der übrigen Welt zu ſeiner Kenntniß gelangte, verarbeitete, legteer den Grund zu einer vergleichenden Klimatologie. Urſprünglich zum Geognoſtengebildet, aber frühzeitig emancipirt von den zu Ende des vorigen Jahrhunderts gel-tenden Anſichten, wendete er vorzugsweiſe der geognoſtiſchen Erforſchung Amerikasſeine Aufmerkſamkeit zu und trug durch mehre ſpecielle Werke und ein vortrefflichesGeſammtbild der Gebirgsbildung Amerikas, die er ſpäter mit derjenigen Europasund Aſiens verglich, nicht zur Kenntniß Amerikas allein bei, ſondern zur feſtenBegründung der zwar noch jungen, aber mit äußerſter Schnelligkeit ſich entwickeln-den Wiſſenſchaft der Geognoſie. Die vulkaniſchen Erſcheinungen der gewaltigenFeuerberge von Quito und Mexico und des unbedeutendern Veſuv fanden nachein-ander an Humboldt einen ſcharfen Beobachter und glücklichen Erklärer. Unterſtütztvon Bonpland, welchem zumal die Anlegung von Sammlungen überlaſſen war, ſam-melte Humboldt in Amerika viele ſehr wichtige Beobachtungen über die Verbreitung,den Nutzen, ja ſogar über den Bau der Pflanzen, die er dann wieder in ihrerVerbindung mit den verſchiedenen Menſchenracen betrachtete, oder als cultivirte un-ter dem politiſch ökonomiſchen Geſichtspunkte erwog. Mehre botaniſche Prachtwerkeſtreng ſyſtematiſchen Inhalts, die er in Verbindung mit Bonpland herausgab, be-weiſen, daß er auch in dieſer minder lohnenden Richtung zu arbeiten völlig befähigtſei; ſein botaniſches Hauptwerk bleibt jenes über die Geographie der Pflanzen.Das von ihm und Bonpland geſammelte reiche Herbarium, welches über 5000Species phanerogamiſcher Pflanzen und unter dieſen wegen der damaligen Unzu-gänglichkeit von Südamerika und dem mexicaniſchen Hochlande 3600 neue darbot,hat ſpäter K. S. Kunth in einem großen Werke beſchrieben. Auch die Zoologieverdankt jener Reiſe nicht unanſehnliche Vermehrungen, die in einer Section desHumboldt’ſchen Reiſewerks niedergelegt ſind. Ein anderes koſtbares Werk, reich ankunſtvoll gearbeiteten Abbildungen, entſtand durch Humboldt’s Beſtreben, die großenNaturſcenen der Andenkette und die Denkmäler einer untergegangenen Civiliſationder Ureinwohner den Europäern bildlich vorzuführen. Zum erſten male ſah man inEuropa Landſchaften, die mit künſtleriſcher Auffaſſung naturhiſtoriſche Treue ver- |761| banden. Sie verdrängten die phantaſtiſchen Machwerke früherer Zeiten und begrün-deten jene naturhiſtoriſche Landſchaftsmalerei, die in der Gegenwart durch Rugendasund andere deutſche und ausländiſche Künſtler zu einer hohen Vollkommenheit ge-bracht iſt. Das Studium der großen Bauwerke der alten Mexicaner und Perua-ner führte Humboldt in ſeinem Werke „Monuments des peuples indigènes del’Amérique“ zu Unterſuchungen über die Sprachen, die noch erhaltenen Handſchrif-ten, die Zeiteintheilung, den Culturſtand und die Wanderungen der ältern Bewoh-ner jener Länder, und lohnend geſtaltete ſich der Vergleich mit den Altägyptern undſelbſt den Südaſiaten, da er die Verwandtſchaft der durch weite Meere getrenntenVölker erkennen ließ. Statiſtik und Ethnographie erhielten durch Humboldt’s Rei-ſen ungemein große Vermehrungen, denn keinem Fremden waren je die Archive derColonien geöffnet worden. Indeſſen war auch hier die Verarbeitung der Materia-lien eine eigenthümliche, denn in dem mehre Bände umfaſſenden Muſterwerke überdas Königreich Neuſpanien ſtehen nicht die trockenen ſtatiſtiſchen Zahlenreihen alleinda, ſondern ſie ſind in Verbindung gebracht mit naturgeſchichtlichen Thatſachen, ſo-daß beide ſich gegenſeitig erklären und verſchiedene Lehren der Staatsökonomie untereinem völlig neuen Geſichtspunkte behandelt erſcheinen. Vergleiche anzuſtellen überdie Bodencultur unter verſchiedenen Klimaten und in weit voneinander entferntenLändern, über ihre Einträglichkeit, ihren Einfluß auf die Civiliſation und ſonach aufdie geſchichtliche Entwickelung und ſelbſt die ſpäte Zukunft der Völker, die Ebbe unddie Flut metalliſcher Reichthümer zu erforſchen, wie ſie nach allen Seiten verän-dernd ſich über einzelne Welttheile ergießen, je nachdem der Boden irgendwo neuerſchloſſen oder neue Verbindungswege zwiſchen Völkern entdeckt wurden, iſt eine vonHumboldt zuerſt geübte philoſophiſche und daher höhere Betrachtungsweiſe der Sätzeder ältern Staatswirthſchaftslehre. Es läßt ſich denken, daß bei dieſer Gewöhnung, keine Frage und kein Factumiſolirt hinzuſtellen, ſondern ihre Löſung in Combinationen zu ſuchen, die WerkeHumboldt’s Fundgruben des mannichfachſten Wiſſens, aber auch bändereich ſein müſ-ſen; dennoch aber hat Humboldt es möglich gefunden, zahlreiche abgeſonderte Unter-ſuchungen (z. B. über die Entſtehung des Stellenwerths der indiſchen Zahlen),theils allein, theils in Verbindung mit Andern anzuſtellen, oder mindeſtens zu ihnenanzuregen. Sein letztes Werk, die Geſchichte der nautiſchen Geographie im Mittel-alter, welche nur ein Hiſtoriker, der zugleich Aſtronom und Naturforſcher war, ſchrei-ben konnte, ſeine gemeinſamen Arbeiten mit Gay-Luſſac, die theils chemiſche waren,theils der Feſtſtellung des magnetiſchen Äquators galten, ſeine große Entdeckung derIſothermen, die Verſuche über die Gymnoten, wie über die Reſpiration der Fiſcheund jungen Krokodile, eine Menge von Abhandlungen aus dem Gebiete der phyſi-ſchen Geographie und die Betheiligung an fremden Werken durch Lieferung vonBeiträgen oder Anmerkungen, ſind Beweiſe einer nimmer raſtenden und Vieles undGroßes in kurzer Zeit leiſtenden Thätigkeit. *)
*) Alexander von Humboldt’s Reiſewerk erſchien in ſechs Abtheilungen. Die erſte Abthei-lung unter dem Titel: „Voyage aux régions équinoxiales du nouveau continent“ zer-fällt in zwei Sectionen, von denen die eine den hiſtoriſchen Bericht (3 Bde., Paris 1809—25, Fol. und 4., und 13 Bde., 1816—31, 8.; deutſch, 6 Bde., Stuttg. 1825—32, 8.) ent-hält, die andere durch die „Vues des Cordillères et monuments des peuples indigènesde l’Amérique“ (Paris 1810, gr. Fol., mit 69, zum Theil color. Kpfrn.; 2 Bde., Paris1816, 8., mit 19 Kpfrn.) gebildet wird. Die zweite Abtheilung umfaßt „Observations dezoologie et d’anatomie comparée“ (2 Bde., Paris 1805—32), die dritte den „Essai po-litique sur le royaume de la Nouvelle Espagne“ (2 Bde., Paris 1811, 4., mit Atlas;Text beſonders 5 Bde., Paris 1811, 8.; 2. Aufl., 4 Bde., 1825, 8; deutſch, 2 Bde., Stuttg.und Tüb. 1811), die vierte die „Observations astronomiques, opérations trigonométriqueset mesures barométriques, redigées et calculées par Jabbo Oltmanns“ (2 Bde., Paris1808—10, 4.). In der fünften Abtheilung hat Humboldt ſeine Beobachtungen über diePhysique générale et géologie“ (Paris 1807, 4.) niedergelegt. Die ſechste, der Botanik
|762|


gewidmete Abtheilung endlich vereinigt in ſich: 1) „Plantes équinoxiales, recueillies auMexique, dans l’île de Cuba etc.“ (2 Bde., Paris 1805—18, gr. Fol., mit 144 Kpfrn.);2) „Monographie des Mélastômes et autres genres du même ordre“ (2 Bde., Paris1806—23, gr. Fol., mit 120 color. Kpfrn.); 3) „Nova genera et species plantarum quasin peregrinatione ad plagam aequinoctialem orbis novi collegerunt, descripserunt etadumbraverunt A. Bonpland et A. de Humboldt, in ordinem digessit C. S. Kunth“ (7Bde., Paris 1815—25, in 4. und Fol., mit 700 Kpfrn.); 4) „Mimoses et autres planteslégumineuses du nouveau continent, rédigées par C. S. Kunth“ (Paris 1819—24, gr.Fol., mit 60 color. Kpfrn.); 5) „Synopsis plantarum quas in itinere ad plagam aequi-noctialem orbis novi collegerunt A. de Humboldt et A. Bonpland, autore C. S. Kunth(4 Bde., Strasb. und Paris 1822—26, 8.); 6) „Révision des graminées publiées dans lesnova genera et species plantarum de MM. de Humboldt et Bonpland; précédée d’untravail sur cette famille, par C. S. Kunth“ (2 Bde., Paris 1829—34, gr. Fol., mit 220color. Kpfrn.). Sonſt hat Humboldt außer den bereits oben genannten ſeit ſeiner Rückkehrnach Europa noch folgende größere Arbeiten veröffentlicht: „Anſichten der Natur“ (Stuttg.1808; 3. Aufl., 2 Bde., 1849); „Essai sur la géographie des plantes et tableau physiquedes régions équinoxiales“ (Paris 1805; deutſch, Stuttg. 1807); „De distributione geo-graphica plantarum secundum coeli temperiem et altitudinem montium prolegomena(Paris 1817; deutſch von Beilſchmied, Bresl. 1831); „Essai géognostique sur le gisementdes roches dans les deux hémisphères“ (Strasb. 1823 und 1826); „Essai politique surl’île de Cuba“ (2 Bde., Paris 1827); „Examen critique de l’histoire de la géographiedu nouveau continent et des progrès de l’astronomie nautique aux quinzième et sei-zième siècles“ (5 Bde., Paris 1836—38; deutſch von Ideler, Bd. 1—3, Berl. 1836—39);„Kosmos. Entwurf einer phyſiſchen Weltbeſchreibung“ (Bd. 1—3, Stuttg. 1845—52).