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Titel Alexander von Humboldt an den Herausgeber aus Corunna am 5. Jun. 1799
Jahr 1799
Ort Salzburg
Nachweis
in: Jahrbücher der Berg- und Hüttenkunde 4:1 (1799), S. 399–401.
Postumer Nachdruck
Bruhns, Karl [Hrsg.]: Alexander von Humboldt. Eine wissenschaftliche Biographie. Bd. 1. Leipzig 1872, S. 274.

Lettres américaines d’Alexandre de Humboldt (1798–1807), précédées d’une Notice de J.–C. Delamétherie et suivies d’un choix de documents en partie inédits, publiés avec une introduction et des notes par le E.T. Hamy, Paris [1905]. [frz. Übersetzung]

Ewald Banse: Alexander von Humboldt. Erschließer einer neuen Welt. Stuttgart 1953, S. 32.

Die Jugendbriefe Alexander von Humboldts 1787–1799, herausgegeben von Ilse Jahn und Fritz G. Lange, Berlin: Akademie 1973, S. 681–682.

Alejandro de Humboldt. Cartas americanas. Compilación, prólogo, notas y cronología charles Minguet. Traducción Marta Traba, Caracas 1980, S. 10. [span. Übersetzung]

Alexander von Humboldt, Briefe aus Amerika 1799–1804, herausgegeben von Ulrike Moheit, Berlin: Akademie 1993, S. 33–34.
Sprache Deutsch
Schriftart Antiqua
Identifikation
Textnummer Druckausgabe: I.84
Dateiname: 1799-Alexander_von_Humboldt-1
Statistiken
Seitenanzahl: 3
Zeichenanzahl: 4152
Bilddigitalisate

|399|

Alexander von Humboldt an den Herausgeber aus Corunna am 5. Jun. 1799. *)


Von Marſeille aus nahm ich Abſchied von Ihnen, weil ich nach Alger abzugehen, das Atlasgebirg zu ſtudiren, und mitder Caravane von Mecha den Landweg nach Cairo ein-zuſchlagen gedachte. Daſſelbe ungünſtige Schikſal, wel-ches meine Reiſe um die Welt mit Cap. Baudin verei-telte, verfolgte mich auch dort. Der zwiſchen Alger und der Republik ausbrechende Krieg machte Africa unzugänglich für mich, und meinem Plane, eine groſſenaturhiſtoriſche Reiſe zu unternehmen, getreu, lief ichbis an’s Ende von Europa. Ich rechnete damals, alsich nach Spanien kam, nur auf eine ſichere Ueberkunftnach Marocco. Aber die liberale Art, mit der mich derneue, und junge Staatsminiſter D. Mariano de Urquijo aufnahm, die ausgezeichnete Gnade, mit der mir derKönig und die Königin perſönlich begegneten, ließmich bald mehr hoffen. Der Sächſiſche Geſandte, Baronv. Forell, ein vortreflicher Mineraloge, und Beſizer ei-nes ſehr intereſſanten geognoſtiſchen Cabinets, ver-ſchaffte mir die Erlaubniß, mit allen meinen Inſtrumen-ten die ſpaniſchen Colonien zu beſuchen. Der König äuſ-ſerte mir noch, als ich mich ihm zum Abſchiede amHofe zu Aranjuez zeigte, wie gern er zu nüzlichen wiſſenſchaftlichen Zweken behilflich ſey. Ich trete dem-
*) Die Stellen S. 373 n. 78 und S. 392 waren ſchonabgedrukt, als dieſer Brief eingieng. d. H.
|400| nach mit den herrlichſten Empfehlungen, und untertauſend günſtigen Vorbedeutungen meine groſſe Reiſean. In wenigen Stunden (das iſt pünctlichſt wahr –ich wollte Ihnen noch einen recht langen Brief ſchrei-ben; aber der Wind hat ſich plözlich günſtig geändert)ſegeln wir um das Cap Finisterre. Wir landen in Lan-celotte, Teneriffa, an der Küſte Carraccas, und zulezt in Trincolad, einem ſüdlichen Hafen von Cuba, von wowir (der franzöſiſche Botaniſt Bonpland, vom Muſéeebenfalls zu Baudin’s Reiſe um die Welt beſtimmt, be-gleitet mich) zu Lande nach der Havana reiſen. Wie,in welcher Folge ich meine Plane ausführe, iſt vonhier aus ſchwer zu beſtimmen; wahrſcheinlich VeraCruz, das Gebirge von Tlascala, dann Mexico, Califor-nien, Guatimala, den für die Geognoſie ſo wichtigenIſthmus von Panama, Neugranada ſamt dem Vulcan von Tonguragua (der 1797 an 16000 Menſchen das Lebenkoſtete, mehr durch heiſſes Waſſer, als durch Laven)dann Peru ... Ich werde Pflanzen und Foſsilien ſam-meln, mit einem vortreflichen Sextanten von Ramsden, einem Quadrant von Bird, und einem Chronometer von Louis Berthoud werde ich nüzliche aſtronomiſche Beob-achtungen machen können; ich werde die Luft che-miſch zerlegen. – dieß alles iſt aber nicht Hauptzwekmeiner Reiſe. Auf das Zuſammenwirken der Kräfte,den Einfluß der unbelebten Schöpfung auf die belebteThier- und Pflanzenwelt; auf dieſe Harmonie ſollenſtäts meine Augen gerichtet ſeyn. Der arbeitſame Menſchmuß das Gute und Groſſe wollen. Ob er es erreiche,hängt von dem unbezwungenen Schikſale ab.
|401| Ich arbeite noch immer unausgeſezt an meinem Werke über dieConſtruction des Erdkörpers, das aber ſchlechterdingserſt nach meiner Rükkunft erſcheinen ſoll. Ich habenun den gröſſern Theil von Europa geſehen, und er-ſtaune immer mehr über die bewundernswürdige Ein-fachheit der Conſtruction. Drey bis vier Schichten kannman von Moscau bis Cadiz, von Schweden bis Akruim im Mittelägypten verfolgen. Im Königreich Leon habe ichſogar, ganz wie am Harz, und bey Servoz in Savoyen unſere Grauwake unter dem alten Flözkalkſtein (Zech-ſtein-Alpenkalkſtein) hervorkommen ſehen. In Madrid geſchieht izt viel für die Mineralogie. Prof. Herrgen, der den Wiedemann überſezt hat, legt neben dem groſ-ſen königl. Cabinete eine kleine oryctognoſtiſche Samm-lung zum Unterricht an. Er wird Ihnen nächſtensſchreiben, und wünſcht ſehr in Verkehr mit Ihnen zutreten. Prouſt kömmt von Segovia nach Madrid in einethätige Lage. Wenige Chemiſten haben ſo viel zerlegt,und gearbeitet, als er. Leider! macht er wenig bekannt– aus Beſcheidenheit, nicht um es zu verheimlichen.Der König läßt izt ein prächtiges Laboratorium für ihnbauen.