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Alexander von Humboldt: „Südamerikanische Hieroglyphen“, in: ders., Sämtliche Schriften digital, herausgegeben von Oliver Lubrich und Thomas Nehrlich, Universität Bern 2021. URL: <https://humboldt.unibe.ch/text/1849-Suedamerikanische_Hieroglyphen_Aus-1-neu> [abgerufen am 05.02.2023].

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https://humboldt.unibe.ch/text/1849-Suedamerikanische_Hieroglyphen_Aus-1-neu
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Titel Südamerikanische Hieroglyphen
Jahr 1849
Ort Stuttgart; Tübingen
Nachweis
in: Morgenblatt für gebildete Leser 247 (15. Oktober 1849), S. 985–986; 248 (16. Oktober 1849), S. 990–991.
Entsprechungen in Buchwerken
Alexander von Humboldt, Ansichten der Natur, Dritte verbesserte und vermehrte Ausgabe, 2 Bände, Stuttgart und Tübingen: Cotta 1849, Band 1, S. 238–247, Anmerkung 51.
Sprache Deutsch
Schriftart Fraktur
Identifikation
Textnummer Druckausgabe: VI.125
Dateiname: 1849-Suedamerikanische_Hieroglyphen_Aus-1-neu
Statistiken
Seitenanzahl: 4
Spaltenanzahl: 4
Zeichenanzahl: 11385

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Südamerikaniſche Hieroglyphen. Aus der dritten Auflage von A. v. Humboldts „Anſichten der Natur.“(ſ. Nr. 225—228.)

Im Innern von Südamerika, zwiſchen demzweiten und vierten Grade nördlicher Breite, liegteine waldige Ebene, die von vier Flüſſen, dem Ori-noco, dem Atabapo, dem Rio Negro und dem Caſſi-quiare, eingeſchloſſen iſt. Hier findet man Granit-und Syenitfelſen, welche, wie die von Caicara undUruana, mit ſymboliſchen Bildern (koloſſalen Figurenvon Crocodilen, Tigern, Hausgeräth, Mond- undSonnenzeichen) bedeckt ſind. Dabei iſt gegenwärtigdieſer entlegene Erdwinkel, auf mehr als 500 Quadrat-meilen Oberfläche, völlig menſchenleer. Die angrenzen-den Völkerſtämme ſind auf der unterſten Stufe menſch-licher Bildung, nackt umherziehendes Geſindel, weitentfernt Hieroglyphen in Stein zu graben. Mankann in Südamerika eine ganze Zone dieſer Felſen,mit ſymboliſchen Zeichen bedeckt, vom Rupunuri,Eſſequibo und Gebirge Pacaraima bis an die Uferdes Orinoco und die des Yupura in mehr als achtLängengraden verfolgen. Die eingegrabenen Zeichenmögen ſehr verſchiedenen Zeitepochen zugehören; dennSir Robert Schomburgk hat am Rio Negro ſelbſtAbbildungen einer ſpaniſchen Galeote gefunden, alſoſpätern Urſprungs als der Anfang des ſechzehntenJahrhunderts, und in einer Wildniß, wo damals dieEingebornen wahrſcheinlich eben ſo roh als jezt waren.Man vergeſſe nur nicht, daß Völker ſehr verſchieden-artiger Abſtammung in gleicher Rohheit, in gleichemHange zum Vereinfachen und Verallgemeinern der |Spaltenumbruch| Umriſſe, zur rhythmiſchen Wiederholung und Reihungder Bilder durch innere geiſtige Anlagen getrieben,ähnliche Zeichen und Symbole hervorbringen können. In der Sitzung der alterthumsforſchenden Geſell-ſchaft zu London wurde den 17. November 1836 eineDenkſchrift des Herrn Robert Schomburgk über diereligiöſen Sagen der Macuſi-Indianer verleſen, welcheden obern Mahu und einen Theil der Pacaraimage-birge bewohnen, einer Nation, die folglich ſeit einemJahrhundert (ſeit der Reiſe des kühnen Hortsmann)ihre Wohnſitze nicht verändert hat. „Die Macuſis,“ſagt Schomburgk, „glauben, daß der einzige Menſch,welcher eine allgemeine Ueberſchwemmung überlebt, dieErde wieder bevölkert, indem er die Steine in Men-ſchen verwandelt habe.“ Wenn dieſe Mythe, dieFrucht der lebendigen Phantaſie dieſer Völker, anDeucalion und Pyrrha erinnert, ſo zeigt ſie ſich untereiner etwas veränderten Form bei den Tamanaken desOrinoco. Wenn man dieſe fragt, wie das Menſchen-geſchlecht dieſe große Fluth, das Zeitalter der Waſſerder Mexikaner, überlebt habe, dann antworten ſieohne Zögern, „daß ſich ein Mann und eine Frau aufden Gipfel des hohen Berges Tamanacu an den Uferndes Aſiveru gerettet und dann die Früchte der Mau-ritiapalme über ihre Köpfe hinter ſich geworfen, ausderen Kernen Männer und Weiber entſprungen wären,welche die Erde wieder bevölkerten.“ Einige Meilen von Encaramada erhebt ſich mittenaus der Savane der Felſen Tepu-Mereme, d. h. dergemalte Felſen; er zeigt mehrere Figuren von Thierenund ſymboliſche Züge, die viel Aehnlichkeit mit denenhaben, welche wir in einiger Entfernung oberhalbEncaramada bei Caycara (7° 5′ bis 7° 40′ Br., 68° |986| 50′ bis 69° 45′ L.) geſehen. Dieſelben ausgehauenenFelſen findet man zwiſchen dem Caſſiquiare und demAtabapo (2° 5′ bis 3° 20′ Br.), und was am meiſtenauffallen muß, auch 140 Meilen weiter in Oſten, inder Einſamkeit der Parime. Ich habe die leztereThatſache in dem Tagebuche des Nicolas Hortsmannaus Hildesheim, von dem ich eine Copie von derHand des berühmten d’Anville geſehen, außer allemZweifel geſezt. Dieſer ſchlichte, beſcheidene Reiſendeſchrieb alle Tage an Ort und Stelle dasjenige nieder,was ihm bemerkenswerth erſchien; und er verdientum ſo größeren Glauben, als er, voll Mißvergnügen,das Ziel ſeiner Forſchungen, nämlich den See Dorado,die Goldklumpen und eine Diamantgrube, welche ſichbloß als ſehr reiner Bergkryſtall ergab, verfehlt zuhaben, mit einer gewiſſen Verachtung auf alles her-abblickt, was ihm auf ſeinem Wege begegnet. AmUfer des Rupunuri, dort wo der Fluß, mit kleinenCascaden angefüllt, ſich zwiſchen dem Macaranage-birge hinſchlängelt, findet er am 16. April 1749, bevorer in die Umgebungen des Sees Amucu kommt, „Felſenmit Figuren,“ oder, wie er portugieſiſch ſagt, devarias letras, „bedeckt.“ Man hat uns auch bei demFelſen Culimacari am Ufer des Caſſiquiare Zeichengewieſen, die man nach der Schnur abgemeſſene Cha-raktere nannte; es waren aber weiter nichts als un-förmliche Figuren von Himmelskörpern, Crocodilen,Boaſchlangen und Werkzeugen zur Bereitung desManiocmehls. Ich habe in dieſen bemalten Felſen (piedras pintadas) keine ſymmetriſche Ordnung oderregelmäßige, räumlich abgemeſſene Charaktere gefun-den. Das Wort letras im Tagebuch des deutſchenChirurgen darf daher, wie es mir ſcheint, nicht imſtrengſten Sinne genommen werden. (Schluß folgt.)
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Südamerikaniſche Hieroglyphen.(Schluß.)

Schomburgk iſt nicht ſo glücklich geweſen, die vonHortsmann geſehenen Felſen wiederzufinden, doch hater andere am Ufer des Eſſequibo bei der Cascade Wara-puta beſchrieben. „Dieſe Cascade,“ ſagt er, „iſt nichtallein durch ihre Höhe berühmt; ſie iſt es auch durchdie große Menge der in Stein eingehauenen Figuren,welche viel Aehnlichkeit mit denen haben, die ich aufSt. John, einer der Jungferninſeln, geſehen und un-bedenklich für das Werk der Caraiben halte, welchevor Zeiten dieſen Theil der Antillen bevölkert haben.Ich verſuchte das Unmögliche, einen dieſer Felſen zuzerhauen, der Inſchriften trägt und den ich mit mirnehmen wollte; doch der Stein war zu hart und dasFieber hatte mich entkräftet. Weder Drohungen nochVerſprechungen konnten die Indianer dahin bringen,einen einzigen Hammerſchlag gegen dieſe Felſenmaſſen,die ehrwürdigen Denkmäler der Bildung und der Ueber-legenheit ihrer Vorfahren, zu thun. Sie halten dieſelbenfür das Werk des großen Geiſtes, und die verſchiede-nen Stämme, welche wir angetroffen, ſind ungeachtetder großen Entfernung doch damit bekannt. Schreckenmalte ſich auf den Geſichtern meiner indianiſchen Be-gleiter, die jeden Augenblick zu erwarten ſchienen, daßdas Feuer des Himmels auf mein Haupt herabfallenwürde. Ich ſah nun wohl, daß mein Bemühen frucht-los war, und mußte mich daher begnügen, eine voll-ſtändige Zeichnung dieſer Denkmäler mitnehmen zukönnen.“ Der lezte Entſchluß war ohne Zweifel dasBeſte, und der Herausgeber des engliſchen Journalsfügt zu meiner großen Freude in einer Note hinzu: „esiſt zu wünſchen, daß es Andern nicht beſſer als HerrnSchomburgk gelingen und daß kein Reiſender einer |991| |Spaltenumbruch| civiliſirten Nation ferner an die Zerſtörung dieſer Denk-mäler der ſchutzloſen Indianer Hand anlegen werde.“ Die ſymboliſchen Zeichen, welche Robert Schom-burgk in dem Flußthal des Eſſequibo bei den Strom-ſchnellen (kleinen Cataracten) von Waraputa einge-graben fand, gleichen zwar nach ſeiner Bemerkung denächt caraibiſchen auf einer der kleinen Jungferninſeln(St. John); aber ungeachtet der weiten Ausdehnung,welche die Einfälle der Caraibenſtämme erlangten, undder alten Macht dieſes ſchönen Menſchenſchlages, kannich doch nicht glauben, daß dieſer ganze ungeheureGürtel von eingehauenen Felſen, der einen großen TheilSüdamerikas von Weſten nach Oſten durchſchneidet,das Werk der Caraiben ſeyn ſollte. Es ſind vielmehrSpuren einer alten Civiliſation, die vielleicht einerEpoche angehört, wo die Racen, die wir heutzutageunterſcheiden, nach Namen und Verwandtſchaft nochunbekannt waren. Selbſt die Ehrfurcht, welche manüberall gegen dieſe rohen Sculpturen der Altvordernhegt, beweist, daß die heutigen Indianer keinen Be-griff von der Ausführung ſolcher Werke haben. Nochmehr, zwiſchen Encaramada und Caycara an den Uferndes Orinoco befinden ſich häufig dieſe hieroglyphiſchenFiguren in bedeutender Höhe auf Felſenwällen, die jeztnur mittelſt außerordentlich hoher Gerüſte zugänglichſeyn würden. Fragt man die Eingebornen, wie dieſeFiguren haben eingehauen werden können, dann ant-worten ſie lächelnd, als erzählten ſie eine Sache, dienur ein Weißer nicht wiſſen könne: „daß in den Tagender großen Waſſer ihre Väter auf Canots in ſolcherHöhe gefahren ſeyen.“ Dieß iſt ein geologiſcher Traum,der zur Löſung des Problems von einer längſt ver-gangenen Civiliſation dient. Es ſey mir erlaubt hier noch eine Bemerkungeinzuſchalten, welche ich einem Briefe des ausgezeichne-ten Reiſenden Sir Robert Schomburgk an mich ent-lehne: „Die hieroglyphiſchen Figuren haben eine vielgrößere Ausbreitung, als Sie vielleicht vermuthet haben.Während meiner Expedition, welche die Unterſuchungdes Fluſſes Corentyn zum Zwecke hatte, bemerkte icheinige gigantiſche Figuren nicht nur am Felſen Timeri(4° ½ N. B., 57° ½ W. L. von Greenw.), ſondernich entdeckte auch ähnliche in der Nähe der großen Ca-taracte des Corentyn in 4° 21′ 30″ N. Br. und 57°55′ 30″ W. L. von Greenw. Dieſe Figuren ſind mitviel größerem Fleiß ausgeführt als irgend welche, die |Spaltenumbruch| ich in Guyana entdeckt habe. Ihre Größe iſt ungefähr10 Fuß und ſie ſcheinen menſchliche Figuren vorzuſtellen.Der Kopfputz iſt äußerſt merkwürdig; er umgibt denganzen Kopf, breitet ſich beträchtlich aus, und iſt einemHeiligenſcheine nicht unähnlich. Ich habe Zeichnungendieſer Bilder in der Colonie gelaſſen, und werde wahr-ſcheinlich im Stande ſeyn ſie einſt geſammelt dem Pu-blikum vorzulegen. Weniger ausgebildete Figuren habeich am Cuyuwini geſehen, welcher Fluß ſich in 2° 16′ N. Br.von NW her in den Eſſequibo ergießt, auch ſpäterähnliche Figuren am Eſſequibo ſelbſt, in 1° 40′ N. Br.,vorgefunden. Dieſe Figuren erſtrecken ſich daher, wirk-lichen Beobachtungen zufolge, von 7° 10′ bis 1° 40′ N. Br.und von 57° 30′ bis 66° 30′ W. L. von Greenwich.Die Zone der Bilderfelſen, ſo weit ſie bis jezt unter-ſucht worden iſt, breitet ſich daher über eine Fläche von12,000 Quadratmeilen (nach der Rechnung von 15Längenmeilen auf einen Grad) aus, und begreift dieBaſſins des Corentyn, Eſſequibo und Orinoco in ſich,ein Umſtand, von welchem man auf die vorige Be-völkerung dieſes Theils des Feſtlandes ſchließen kann.“ Merkwürdige Reſte untergegangener Kultur ſindauch die mit zierlichen Labyrinthen geſchmückten Granit-gefäße, wie die irdenen, den römiſchen ähnlichen Masken,welche man an der Mosquitoküſte unter wilden India-nern entdeckt hat. Ich habe ſie in dem pittoreskenAtlas, welcher den hiſtoriſchen Theil meiner Reiſe be-gleitet, ſtechen laſſen. Alterthumsforſcher erſtaunenüber die Aehnlichkeit dieſer à la grecs mit denen, welcheden Palaſt von Mitla (bei Oaxaca in Neu-Spanien)zieren. Die großnaſige Menſchenrace, die ſowohl inden Reliefs am Palenque von Guatimala als in azte-kiſchen Gemälden ſo häufig abgebildet iſt, habe ichnie auf peruaniſchen Schnitzwerken geſehen. Klaprotherinnert ſich, ſolche übergroße Naſen bei den Chalchas,einer nördlichen Mongolenhorde, gefunden zu haben.Daß viele Stämme der nordamerikaniſchen, canadiſchen,kupferfarbenen Eingebornen ſtattliche Habichtsnaſendarbieten, iſt allgemein bekannt, und ein weſentlichesphyſiognomiſches Unterſcheidungszeichen derſelben vonden jetzigen Bewohnern von Mexiko, Neugranada,Quito und Peru. Stammen die großäugigen, weiß-lichen Menſchen an der Nordweſtküſte Amerikas, derenMarchand unter 54° und 58° Breite erwähnt, vonden Uſün in Inneraſien, einer alano-gothiſchenRace, ab?