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Alexander von Humboldt: „[Anzeige]“, in: ders., Sämtliche Schriften digital, herausgegeben von Oliver Lubrich und Thomas Nehrlich, Universität Bern 2021. URL: <https://humboldt.unibe.ch/text/1798-xxx_Anzeige-1> [abgerufen am 05.02.2023].

URL und Versionierung
Permalink:
https://humboldt.unibe.ch/text/1798-xxx_Anzeige-1
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Titel [Anzeige]
Jahr 1798
Ort Jena; Leipzig
Nachweis
in: Intelligenzblatt der Allgemeinen Literatur-Zeitung 79 (30. Mai 1798), Sp. 670–672.
Postumer Nachdruck
Grenzboten 18:2 (1859), S. 313–315.
Sprache Deutsch
Schriftart Antiqua
Identifikation
Textnummer Druckausgabe: I.80
Dateiname: 1798-xxx_Anzeige-1
Statistiken
Seitenanzahl: 2
Spaltenanzahl: 3
Zeichenanzahl: 4289

|Seitenumbruch| |670| Mehrere Phyſiker haben mich mit Anfragen über dieAnſtellung meiner chemiſch-phyſiologiſchen Verſuche be-ehrt. Da meine gegenwärtigen Arbeiten es mir unmög-lich machen, auf jede derſelben einzeln zu antworten, ſoglaube ich auf den zweyten Theil meines Werks, überdie gereizte Muskel- und Nervenfaſer, (wovon das vol-lendete MSS. im Anfang des Februars zum Druck abge-gangen iſt) verweiſen zu dürfen. In den Nachträgenzu dieſem Werke bin ich bemüht geweſen, die auffallend-ſten Experimente, welche mir eigenthümlich ſind, theilsdurch die Erzählung eigener wiederholter Erfahrungen,theils durch fremde, ſehr gültige Zeugniſſe zu beſtätigen. Ich kenne jetzt keinen einzigen Verſuch mehr, welcher mirallein und nicht auch anderen Phyſiologen geglückt wäre. Dieſelbe Beobachtung über Umänderung der lymphatiſch-ſeröſen Feuchtigkeit bei Canthariden-Wunden, welchein Herrn Brera’s phyſiologiſchen Journale geleugnet wird,iſt im Krankenhauſe zu Leipzig durch Herrn D. Reinhold ( De Galvanismo. Spec. I. p. 54.) vollkommen beſtätigt |Seitenumbruch| |671| worden. In der letztgenannten, überaus lehrreichen Schrift (l. c. p. 71.) findet man auch meine ſo ſehr ange-fochtenen Erfahrungen über ſenſible Wirkungen aus derFerne, nebſt vielen anderen durch neue Experimente be-kräftigt. Ein ſelbſt-arbeitender Phyſiker, der mit derNatur der organiſchen Kräfte bekannt iſt, darf ſich in derThat nicht wundern, wenn ſich Klagen über das Mißlin-gen phyſiologiſcher Verſuche erheben. Es iſt eine wun-derſame Anforderung, in wenigen Tagen (oft Stunden)alle die Erſcheinungen hervorrufen zu wollen, welcheein anderer bey fünfjähriger fortgeſetzter Anſtrengungan mehreren hundert Individuen zu beobachten das Glückhatte. Wir ſollten nie vergeſſen, daß man mit belebtenStoffen ſtets unter unbeſtimmten Bedingungen experimen-tirt. Wir haben die Quantität und Qualität des Reizes,nicht aber die Reizempfänglichkeit der Organe in unſererGewalt. Der Erfolg eines Verſuchs aus der Experimen-tal-Phyſiologie kann nicht ſo beſtimmt, als eine Zer-ſetzung von Mittelſalzen vorher verkündigt werden.Ernſthafte und ruhige Beobachter laſſen ſich daher durchjene Klagen nicht irre machen. Sie fahren unermüdet fort,die Natur zu belauſchen, und ſtoßen dabey oft auf Er-ſcheinungen, die noch wichtiger, als die erwartetenſind. — Im Begriff, eine Unternehmung auszuführen,die mich wahrſcheinlich auf lange Zeit von allem litte-rariſchen Verkehr abſchneidet, habe ich es für nöthig ge-halten, dieſe Ideen noch einmal, und vielleicht zum letz-ten Male, bey denen rege zu machen, welche mit mirvon der Wichtigkeit einer Experimental-Unterſuchungüber die belebte Thier- und Pflanzenwelt durchdrungenſind. Beſonders wünſche ich meine Verſuche über Stim-mung der Erregbarkeit, d. h. über die pünktliche Erhö-hung und Verminderung derſelben in einzelnen Organenfleißig bearbeitet zu ſehen. So gering der Werth iſt, denich auf das ſchon geleiſtete ſetze, ſo geſpannt ſind meineErwartungen auf das, was auf dieſem Wege künftigentdeckt werden kann. Die Erfüllung dieſer Hoffnungenwürde mich reichlich für alle Anſtrengung belohnen, mitder ich mir, dieſe wichtigen Gegenſtände verfolgt zu ha-ben, bewußt bin. Da im Ganzen leider! unter uns mehrüber Experimente raiſonnirt und geſchrieben, als ſelbſt experimentirt wird, ſo erlaubt es mir meine Muße nicht,mich auf alle die kleinlichen Zwiſtigkeiten einzulaſſen, indie der Gang unſerer Literatur jeden, nicht blos compili-renden Schriſtſteller verwikkelt. Meine hypothetiſchen Vermuthungen werde ich gern durch andre verdrängt ſe-hen. Über die Thatſachen aber, die ich aufgeſtellt, mö-gen allein die Natur und die entſcheiden, welche ſie zubefragen und zu deuten verſtehen, — Wenig hervorzu-bringen und zu vollenden wäre warlich in einem kurzenMenſchenleben, wenn man es unternehmen wollte, aufjede Einwendung zu antworten. Dazu würde man oftmit einer Claſſe von Schriftſtellern zuſammentreffen, die |672| nie zu überzeugen ſind, die die Nerven-reizende Kraft derAlkalien, auch nach Herrn Michaelis Erfahrungen, ab-leugnen, und die oxygenirte Kochſalzſäure für unwirk-ſam beim Keimen halten, wenn man gleich in dem be-rühmteſten aller botaniſchen Gärten dieſe Erfindung ſeitJahren benutzt!

F. A. v. Humboldt.