Digitale Ausgabe – Übersetzung

Brief an Miguel Maria Lisboa

Wir lenken die Aufmerksamkeit unserer Leser auf das interessante Dokument, das wir im Folgenden veröffentlichen. Es ist ein Brief des Barons von Humboldt an unseren Gesandten in Venezuela und Neu-Granada, als Antwort auf einen Brief, in dem ihm Kopien der Grenzverträge und der Verträge zum Schiffsverkehr mit diesen Republiken zugestellt worden waren; ein Brief, in dem der verehrungswürdige Gelehrte seine Wertschätzung für die Versöhnungspolitik Brasiliens mit seinen Nachbarn zeigt, in dem er die Notwendigkeit der Annahme des Prinzips des uti possidetis anerkennt, als einziges Mittel, den langen Unsicherheiten zu entkommen, die aus den vagen Formulierungen des Vertrags von 1777 entstanden waren; er würdigt die Anstrengungen der kaiserlichen Regierung, die amazonischen Regionen aus ihrer isolierten Lage und wirtschaftlichen Vernachlässigung zu befreien und darauf hinzuwirken, die seit langer Zeit zwischen benachbarten Völkern bestehenden Feindseligkeiten zu beseitigen. „Mein Herr. – Von Dank erfüllt für das in mich gesetzte Vertrauen, das ich zweifellos dem warmen Wohlwollen des Herrn Cavalheiro Araujo zu verdanken habe, habe ich die Dokumente zu der Konvention studiert, die Sie so gut vorbereitet haben und die zweifellos in ruhigeren Zeiten angenommen werden wird. Als der Frieden von Paris verhandelt wurde, war ich vom Duke of Wellington eingeladen worden, eine Denkschrift über den Grenzverlauf von Portugiesisch-Guyana aufzusetzen, die in der diplomatischen Sammlung von Schoell veröffentlicht wurde, nachdem sie die offizielle Billigung Ihres Hofes erhalten hatte. Die Unsicherheiten, die so lange Zeit den Grenzverlauf der brasilianischen Besitzungen im Becken des Río Negro bestimmten, hatten zum großen Teil ihren Ursprung in dem Vorzug, den man vagen Annahmen über die Stelle gewährte, an dem der Río Negro von der Äquinoktiallinie gekreuzt wurde,1 statt sich auf einfachere und sichere Kriterien zu beziehen (in Ermangelung jeglicher Messung des Breitengrades), welche die Zuflüsse der großen Ströme liefern. Als Herr de La Condamine nach Pará kam, dachte man, daß diese Stadt unter der Äquinoktialline zu verorten sei; er fand sie 1° 28″ südlich von ihr. Ein halbes Jahrhundert lang dachte man im Generalkapitanat von Caracas, daß der kundige Ingenieur Don Gabriel Clavero das Fort von San Carlos am Río Negro auf der Position der Äquinoktialline errichtet hätte. Vor meiner Ankunft sind dort keinerlei astronomische Beobachtungen durchgeführt worden. Die königliche Expediton zu den Grenzen von Solano kam nicht über den Zusammenfluß von Guaviare und Orinoco hinaus. Ich fand das Fort von San Carlos am nördlichen Breitengrad 1° 53′ 42″. Mein Herr, ich schätze die Weisheit sehr, mit der Sie bei Ihren Verhandlungen (mit den allerbesten Absichten zur Versöhnung) nicht auf einer Vergrößerung des Territoriums bestanden haben; und daß Sie, um die lange bestehenden Ungewißheiten zu beenden, die aus den vagen Formulierungen des alten Vertrags vom 1. Oktober 1777 herrühren, das Prinzip des uti possidetis von 1810 anerkannt haben. Sie haben klug wahrgenommen, was das Wichtigste ist, um diese ungebildeten Länder aus ihrer isolierten Lage und wirtschaftlichen Vernachlässigung zu befreien, die nationalen Animositäten zu befrieden und mittels eines freien Schiffsverkehrs sich des wunderbaren Netzes der Flüsse zu bedienen, gleichsam als einer bis heute ungenutzten, den Völkern Südamerikas gewährten Wohltat der Vorsehung. Unter diesem Gesichtspunkt habe ich nach meiner Rückkehr von der Orinoco-Expedition im Jahr 1800 darauf hingewirkt, die Aufmerksamkeit der spanischen Regierung zu gewinnen, durch ein Exposé, das ich an den damaligen Minister für Außenhandel gerichtet habe, den Cavalheiro de Urquijo. Ich sagte ihm Folgendes: ‚Das würdigste Ergebnis gegenseitiger Zugeständnisse wäre eine vollständige und gegenseitige Freiheit des Handels auf diesen majestätischen Flüssen, dem Orinoco, dem Casiquiare, dem Río Negro oder Guainía, und dem Maranhão. Nichts wäre wirkungsvoller und geeigneter für die Beförderung des Wohlergehens in solchen hinsichtlich der Bewirtschaftung des Bodens unterentwickelten Ländern, nichts wäre wirkungsvoller und geeigneter, um die unglückliche und irrationale Abneigung zu verringern, die leider zwischen zwei angrenzenden Nationen besteht.‘ Der örtliche Gesandte, Comendador Miguel Maria Lisboa, erwies mir die Ehre, am Ende des mich ehrenden Briefes vom 4. August 1834, zwei Fragen an mich zu richten, die ich ehrlich zu beantworten hoffe. ‚1. Erstreckten sich vor der Expedition von Solano, das heißt um das Jahr 1730, die tatsächlichen Besitzungen der Portugiesen über das Gebiet des Río Negro bis zum Norden des Casiquiare?‘ Es ereigneten sich mit Sicherheit (lange bevor die Spanier Missionen am Atabapo, am Casiquiare und am Río Negro errichteten), jenseits der in verschiedenen Epochen zwischen den Marabitaras etablierten portugiesischen Niederlassungen, Erkundungen in den Norden jenseits des Casiquiare, bis nach Cauabori und bis zum Pacimoni. Ihr findet in meiner großen Karte vom Orinoco (Tafel 16 des geographisch-physikalischen Atlas meiner Reise), folgende Worte, geschrieben am Ufer eines 3° nördlicher Breite gelegenen Sees: ‚Am Ufer dieses Sees, östlich des Flusses Mavacá, stießen die Portugiesen auf die Schleuse, die den Fluß Siabã, einen Zufluß des Casiquiare, mit dem Mavacá verbindet, um die aromatische Frucht des Lorbeers Pachery und die Stechwinden zu ernten, einen Exportartikel von Pará.‘ Sie gelangten bis zum östlichen Esmeralda, wo ich und Herr Schomburgk dreißig Jahre nach mir uns dem Ursprung des Orinoco näherten. Aber von dieser Seite waren die Erkundungen nur vorübergehend, nicht eine tatsächliche Inbesitznahme. Als die abenteuerlichen Indianer, begleitet von portugiesischen Kolonisatoren, vor 1755 ihre häufigen feindlichen Erkundungen bis zu den Wassern der Flüsse Temi und Tuamini unternahmen, war es, um Sklaven zu machen, Seelen zu bekehren und diese Menschen im Bereich des portugiesischen Río Negro zu verkaufen. Die Niederlassung von Javitá, an dem Tuamini, existierte zweifellos – es war ein Dorf der Indios unter der Herrschaft eines Häuptlings namens Javitá (2). Die ersten Weißen, die der Padre Romão antraf, im Februar des Jahres 1744, bei seiner allerersten Überfahrt vom Orinoco zum Río Negro, waren ein Trupp portugiesischer Sklavenhändler. Padre Romão wartete auf die Ankunft eines portugiesischen Jesuiten namens Avogadre, der vom Pará kam, jedoch nicht aus dem vom Häuptling Javitá beherrschten Dorf, sondern aus einer der portugiesischen Niederlassungen des Río Negro (Reise, Band 2, Seiten 416 und 534). Im Jahre 1750, so glaube ich, hatten die Portugiesen nicht eine einzige Pflanzung nördlich des Punktes, wo der Casiquiare in den Río Negro eintritt, das heißt nördlich des Felsens Cuhmacari, wo ich mit Herrn Bonpland mein Lager aufgeschlagen hatte. ‚2. Befinden sich die Grenzen des Vertrags vom 26. November 1852 in Übereinstimmung mit den von Ihnen während Ihrer Reise in die Äquinoktialgegenden gemachten Erkundungen?‘ Ich habe nicht die Wasser des Río Negro westlich des Punktes besucht, wo dieser Fluß die Wasser des Igarapé Pimichin aufnimmt, da ich zu Fuß in die Mitte des Waldes von Javea gelangt war (die Mission des Flusses Tuamini) am Ende der Schleuse beim Igarapé Pimichin. Allerdings konnte ich einige, wie ich glaube, sehr genaue Informationen über die von Ihnen in Ihrem Vertrag erwähnten Orte erhalten. Meine Karte vom Orinoco und vom Río Negro zeigt den Zusammenfluß des Apaporis (der den Paraira aufnimmt) mit dem Japurá, einen Zusammenfluß, der sich parallel zu demjenigen Grad südlich der Äquinoktiallinie befindet, wo Sie die Grenzverläufe in Art. 1 des Vertrags vom 25. Juli 1853 verorten. Meine Karte zeigt diejenigen im Aquio, Tomé, Vaupés und Xie. Ich würde die Insel San José nahe der Höhle oder dem Serail (ein Ort der débauche [der Ausschweifungen] des Häuptlings Cucuy), zwischen San Carlos am Río Negro und San José de Marabitanas 1° 40′ nördlicher Breite verorten, wo man mich aufnehmen wollte. Diese Insel wird heute als Grenze betrachtet. Ich glaube sehr aufschlußreiche Informationen (Reise, 4. Band 2, Seite 459) über den wahren Ursprung des Guainía und über den höheren Lauf des Vaupés bereitgestellt zu haben, die mir ein sehr kundiger Franziskaner zur Verfügung gestellt hatte, Bruder Francisco Pugnet, von der Mission der Andaquies. Er fließt von den Höhen des Japurá (Caqueta) zu denen des Guaviare, kommend von der Mission von Caguan. Ich habe nichts in Ihrem Vertrag gefunden, das den von mir gewonnenen geographischen Informationen entgegenstünde. Vor kurzem erschien in London der Reisebericht eines Naturforschers, der aus Pará kommend den Río Negro herauffuhr, und der die wenig bekannten Ufer des Flusses Vaupés besichtigte (Alfred Wallace, Travels on the Amazon and Rio Negro, 1853, Seite 273). Diese bemerkswerte Expediton fand im Jahre 1850 statt. Wie auch ich durchquerte Herr Wallace die Wälder von Pimichin bis Javitá. Ich wünsche sehnlichst, daß meine alten Erinnerungen Ihnen von irgendeinem Interesse sein könnten. Mögen Sie, Herr Cavalheiro, die Hochachtung annehmen, mit der ich die Ehre habe, Ihr ergebenster und gehorsamster Diener zu sein. Berlin, 22. Dezember 1854. An den Herrn Gesandten, Statthalter S. M. des Kaisers von Brasilien, Comendador Miguel Maria Lisboa, etc., etc. Baron von Humboldt.