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Alexander von Humboldt: „Alexander von Humboldt über die deutsche Uebersetzung von Arago’s sämmtlichen Werken“, in: ders., Sämtliche Schriften digital, herausgegeben von Oliver Lubrich und Thomas Nehrlich, Universität Bern 2021. URL: <https://humboldt.unibe.ch/text/1856-Alexander_von_Humboldt-1> [abgerufen am 31.01.2023].

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https://humboldt.unibe.ch/text/1856-Alexander_von_Humboldt-1
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Titel Alexander von Humboldt über die deutsche Uebersetzung von Arago’s sämmtlichen Werken
Jahr 1856
Ort Leipzig
Nachweis
in: Jahrbücher für Wissenschaft und Kunst 5:1 (1856), S. [1]–6.
Sprache Deutsch
Schriftart Fraktur
Identifikation
Textnummer Druckausgabe: VII.100
Dateiname: 1856-Alexander_von_Humboldt-1
Statistiken
Seitenanzahl: 6
Zeichenanzahl: 13286

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Alexander von Humboldt überdie deutſche Ueberſetzungvon Arago’sſämmtlichen Werken.


Ich habe die Einleitung, welche ich zu Arago’s ſämmtlichenWerken auf das Anſuchen ſeiner Familie geſchrieben, mit dem Wunſchegeſchloſſen, daß mein Name oft neben ſeinem, mir theuren Namen ge-nannt werde. Mehrere Jahre ſind ſeitdem verfloſſen; aber da mir imhohen Alter, nach einem vielbewegten, arbeitſamen Leben, die nicht zuerwartende Freude geworden iſt, von der ausgezeichneten vaterlän-diſchen Ueberſetzung dieſer Werke noch 6 Bände erſcheinen zuſehen: ſo glaube ich, meinen Grundſätzen treu, eine letzte Pflicht derFreundſchaft zu erfüllen, indem ich durch dieſe Zeilen das Intereſſe mei-ner Zeitgenoſſen für ein ſo wichtiges und vielverſprechendes Unternehmenzu beleben ſuche. Gleich nach dem Tode Arago’s, des glücklichen undgeiſtreichen Entdeckers der chromatiſchen Polariſation, neuer Interferenz-Erſcheinungen bei Verrückung der farbigenStreifen, und des Rotations-Magnetismus, wurden inEngland und Deutſchland vollſtändige Ueberſetzungen ſeiner Werke unter-nommen. An die Spitze dieſer Arbeiten ſtellten ſich mir befreundeteGelehrte: in London Colonel Sabine und Admiral Smyth; in Leipzigzwei Profeſſoren der Phyſik und Aſtronomie, Hankel und d’Arreſt. Den letzteren ſind bei der Vielartigkeit der rein wiſſenſchaftlichen undliterariſch-biographiſchen Gegenſtände, welche die bändereiche Ausgabeumfaßt, Prof. Dr. Fechner, der Privatdocent Dr. Scheibner, und Dr. Dippe, Oberlehrer am Gymnaſium zu Schwerin, beigetreten. |2| Die Arbeit iſt, wie man es bei der aufopfernden Sorgfalt und derSachkenntniß ſolcher Männer erwarten konnte, und ſo weit die Kürzeder Zeit (da die deutſche Ausgabe mit der, in ſehr kleinen Zwiſchen-räumen erſcheinenden, franzöſiſchen Ausgabe möglichſt gleichen Schritthalten ſollte) es verſtattet hat, mit dem muſterhafteſten Fleiße ausge-führt und mit Anmerkungen *) bereichert worden, die oft zugleichals Berichtigungen zu betrachten ſind. Der Anmerkungen iſt mitRecht ſchon darum nur eine mäßige Zahl dargeboten, weil da, wo ſoviele Materien in mehrmals von dem Verfaſſer unvollendet gelaſſenenAufſätzen berührt werden, eigentliche Ergänzung und Vervollſtändi-gung des Ganzen nicht zu verſuchen war. Die Originalität des Vor-trags und der Geiſt der Behandlung mußten erhalten werden. Wasder Hingeſchiedene hinterlaſſen, trägt den Charakter der Zeit, in der eres niedergeſchrieben oder zum letzten Male, bei ſeiner ſo unglücklichſchnell zunehmenden Augenſchwäche zu revidiren unternommen hatte.Alles auf den gegenwärtigen Standpunkt unſeres erweiterten Wiſſenszurückzuführen, lag außerhalb der Grenzen der Anforderungen, welcheman mit Billigkeit machen konnte. Dagegen ſind zahlreiche kleine Un-genauigkeiten des franzöſiſchen Textes ſtillſchweigend, ohne derſelben ineigenen Anmerkungen zu erwähnen, verbeſſert; und um völlig ſicher zugehen, ſind, wo es irgend möglich war, die Quellen, aus denen derVerfaſſer geſchöpft hat, nachgeſchlagen worden. Die Abbildungen wur-den ungeändert nach den Originalen wiederholt. Wenn ein talentvoller und arbeitſamer Gelehrter in dem langenZeitraume ſeines Erfindens und Schaffens den Mitlebenden nur bekanntgeworden iſt durch vereinzelte, in akademiſchen Sammlungen und Jour-nalen zerſtreute Abhandlungen, durch Gedächtnißreden und öffentlicheVorleſungen, die immer unvollkommen ſtenographirt werden; ſo hat auchdas ſchon Erſchienene den Reiz der Neuheit, wenn es zum erſten Maleſinnig an einander gereiht und nach ſtrenger Gleichartigkeit geordnetdargeboten wird. Ein großer Theil der Arbeiten meines Freundes,entſtanden während unſers langen Zuſammenlebens, ſteht in dem hierbezeichneten Verhältniß zu dem Publikum. Dieſe Arbeiten treten jetzterſt in einen weiteren Lebenskreis, dem Lobe wie dem bitteren Tadel, dernicht immer ganz wiſſenſchaftliche Motive hat, frei ausgeſetzt. DieAusgabe von Arago’s geſammelten Werken bietet dazu des nie vorherGedruckten eine weit größere Maſſe dar, als ſelbſt die ihm nahe Stehen-den hoffen durften. In den bis jetzt erſchienenen ſechs Bänden ſteht
*) Vergl. z. B. die wichtigen Anmerkungen in der „populären Aſtronomie“Bd. XII. S. 162—169 zum 14. Buche und S. 419—430 zum 17. Buche, zur Conſti-tution der Sonne und der Cometen; in dem phyſikaliſchen Theile Bd. II. S. 577,Bd. III. S. 504—509, Bd. IV. S. 457.
|3| das ſchon einmal Gedruckte zu dem Neuen der Seitenzahl nach in demVerhältniß wie 1 zu 2½. Neu ſind unter den Gedächtnißreden undBiographien die von Fresnel, Ampère, Poiſſon, Gay-Luſſac, Malus, Laplace und Abel: denen mehrere kleine,freilich oft ſehr unvollſtändig gebliebene Notizen über ältere Aſtronomen,bis zu Tycho, Copernicus und Regiomontanus hinauf, zugefügt wurden.Neu ſind die Abhandlungen über den Electro-Magnetismus, Abwei-chung und Neigung der Magnetnadel, wechſelnde Intenſität der magne-tiſchen Erdkraft, Erſcheinungen des Rotations-Magnetismus, und die desPolarlichts, im 4ten Bande.
Die hier mitgetheilten Arbeiten haben außer dem, was ſie ſelbſtans Licht gefördert haben, den Vorzug, großentheils in der wichtigenEpoche niedergeſchrieben zu ſein, wo durch Thomas Young, Ma-lus, Arago und Fresnel die optiſchen Wiſſenſchaften; durch Oerſted, Ampère, Arago, Davy und Gay-Luſſac derElectro-Magnetismus; durch Fourier, Melloni und Poiſſon die Theorie der Wärme eine erneuerte Geſtalt erhielten. Für eine etwasältere Epoche ſind Arago’s Biographien von Watt, Volta, Wil-liam Herſchel und Carnot, dem Erfinder des berühmten Lehrſatzesvom Kraftverluſte, überaus beachtungswerth. Sie werden gewiß langewichtig für diejenigen bleiben, die ſich mit der Geſchichte der phyſikali-ſchen und aſtronomiſchen Wiſſenſchaften beſchäftigen. Was einigendieſer Schilderungen noch eine beſondere Art des Reizes giebt, iſt derUmſtand, daß da, wo ein Theil der eben genannten Gelehrten durch dieWärme ihrer Gefühle oder durch den Drang der Begebenheiten getrie-ben, als Staatsmänner aufgetreten ſind, Arago’s Gedächtnißredenlebensvolle geſchichtliche Bilder von dem aufſtellen, was die Menſchheitgehofft, theilweiſe errungen und wieder verſcherzt hat. Arago’s populäre Aſtronomie, deren freier, anmüthig belebterVortrag lange ein Gegenſtand der Bewunderung geweſen iſt, verdientmehr als irgend eine andere ſeiner Arbeiten aus einem zweifachen Ge-ſichtspunkte betrachtet zu werden. Es gebührt ihr ein vorzügliches Lobzuerſt durch das Meiſterhafte der Methode (den Scharfſinn der Gedanken-verbindung), welche von den einfachſten geometriſchen und optiſchenVorbegriffen anhebt und zu der Möglichkeit des Begreifens wiſſenſchaft-licher Methoden leitet; dann aber auch durch das, was ſie von reichlicheingeſtreuten neuen und feinen optiſchen Erklärungen, von Anſichtenaus der erweiterten phyſikaliſchen Aſtronomie oder von hiſto-riſchen Reſultaten enthält. Mein vieljähriger Aufenthalt auf derPariſer Sternwarte hat mich zu der Ueberzeugung geführt, wie populäreaſtronomiſche Vorträge anziehende Mittel werden können, Liebe zurKlarheit der Begriffe, d. i. den Anfang einer Erhöhung der Intelligenz, |4| bis in die ärmeren arbeitenden, und deshalb um ſo beachtungswertherenSchichten des Volkslebens dringen zu laſſen. Was der 4te Band von Arago’s Werken darbietet unter den Ueber-ſchriften: Gewitter, Electro-Magnetismus und Nord-licht, iſt in England vom Oberſt Sabine in einem eigenen Bande,der den Titel: Meteorological Essays führt, 1855, alſo einJahr nach der Herausgabe deſſelben Bandes der deutſchen Ueber-ſetzung, erſchienen. Mein Freund Sabine ſagt ſehr übereinſtimmendmit dem Urtheil des Herrn Prof. Hankel: „The Essay appears tohave been written for the most part anterior to the considerable ad-vances which have recently been made in that branch of terrestrialphysics. The failure of Mr. Arago’s health and sight has preven-ted him from revising the Essay on terrestrial Magnetism as fully ashe appears to have done with some of the others.“ Oberſt Sabinehat in ſeinen verbeſſernden Zuſätzen (p. 320) daran erinnert, daßArago’s Entdeckung des Rotations-Magnetismus ſogar von praktiſchem Nutzen für die Nautik geworden iſt, und daß auf Befehlder engliſchen Admiralität ſeit dem Jahre 1840 und in Folge der Ver-ſuche des Capt. Edward Johnſon, in „accordance with Mr. Arago’swise and sagacious remarks,“ auf Kriegsſchiffen Vorrichtungen zur Be-ruhigung *) der Magnetnadel getroffen werden. Sabine hat,aus dem großen Schatze der von ihm ſelbſt geſammelten und kritiſch be-arbeiteten Declinations-Beobachtungen von Singapore ( lat. 1° 17′ N.),St. Helena ( lat. 15° 56′ S.) und am Vorgebirge der guten Hoffnung( lat. 33° 56′ S.) ſchöpfend, vollſtändig die Vermuthung **) widerlegt(p. 336—340 und 346—348), als gebe es zwiſchen dem geographi-ſchen und magnetiſchen Aequator eine Region der Erde, in welcher (eheder Uebergang des Nord-Endes der Nadel in denſelben Stunden zu einerentgegengeſetzten Richtung der Abweichung eintritt) gar keine ſtünd-liche Abweichung ſtattfinde. Auf St. Helena iſt der Gang desEndes der Nadel, das gegen den Nordpol weiſt, in den Monaten Maibis September ganz entgegengeſetzt von dem Gange, welchen daſſelbeEnde in den analogen Stunden vom October bis Februar befolgt. Zu den denkwürdigſten, wahrhaft kosmiſchen, den Erdmagnetismusgenetiſch aufklärenden Reſultaten gehört unſtreitig die von Sabine imMonat März 1852 erkannte Abhängigkeit ***) der von Lamont
*) Deutſche Ueberſetzung Bd. IV. Cap. 4 S. 383.**) Bd. IV. Cap. 9. S. 406.***) Die Abhandlung von Sabine ( Philosophical Transactions for 1852Part. I. p. 116—121) wurde zu Anfang des März der königl. Societät übergebenund Anfangs Mai 1852 verleſen. Der ſehr verdienſtvolle Director der Sternwartezu Bern, Herr Rudolf Wolf, hat den Zuſammenhang der Frequenz der Sonnen-
|5| und Reſlhuber aufgefundenen zehnjährigen Periode magnetiſcher De-clinations-Veränderungen von der durch den Hofrath Schwabe ent-deckten zehnjährigen Periodicität der Frequenz der Son-nenflecken. Ich bin in den Stand geſetzt worden, in dem aſtronomi-ſchen Theile des Kosmos (Bd. III. S. 402) die vollſtändigſte Tabelleder Beobachtungen von Schwabe zu veröffentlichen. Es umfaßt die-ſelbe die Epoche von 1826 bis 1850. Die Maxima, d. i. die größteFrequenz der Sonnenflecken ſind in den Jahren 1828, 1837 und 1848geſehen worden. Prof. d’Arreſt hat in ſeinen literariſchen Zuſätzenzu Arago’s populärer Aſtronomie *), nach Schwabe’s Angaben in den „Aſtronomiſchen Nachrichten“, meine Tabelle bis Ende desJahres 1854 vervollſtändigt. „Es iſt dabei,“ ſagt der LeipzigerAſtronom, „von ſehr großem Intereſſe, zu ſehen, wie die Zahlen-Ergeb-niſſe dieſer Tafel ſeit ihrem erſten Erſcheinen fortfahren die zehn- odereilfjährige Periode einzuhalten, über deren wirkliches Vorhandenſeinnun kaum noch der geringſte Zweifel geſtattet iſt.“ Der vierteBand von Arago’s Werken enthält zum erſten Male die Zahlen,welche als Mittel ſeiner ſtündlichen Declinations-Beobachtungenvon 1820 bis 1835, aus einem Manuſcripte von 2076 Folio-Seitenentlehnt, dargeboten werden. Sabine entdeckt (p. 356) mit großemWohlgefallen, daß auch hier in der frühen Periode von1820 bis 1830, die Mittel ſinken von 9′ 5″ bis 8′ 9″ im Jahr1823, und dann wieder ſteigen bis 13′ 43″ im Jahr 1830. Lamont hatte allerdings auch in einer viel älteren Gruppe Caſſini’ſcher Beobach-tungen von 1784 bis 1788 Regelmäßigkeit der Periode und ein Maxi-mum für 1786,5 erkannt; aber eine ununterbrochene Reihe der Be-obachtungen, die von 1820 bis 1831 hinaufreicht, haben wir erſt durchdie jetzige Veröffentlichung von Arago’s Arbeiten erhal-ten. Es iſt hier zu erinnern, daß der Director der Sternwarte zuKremsmünſter, Herr Reſlhuber, auch in der täglichen Aenderungder Horizontal-Intenſität dieſelbe Lamont’ſche zehnjährigePeriode erkannt hat. Sabine, der ſich durch die Beobachtungenvon Toronto, Hobarton und St. Helena (wie Kreil) von demregelmäßigen Einfluß des Mondes auf den Erdmagnetismus überzeugthat ( Report of the British Association for the ad-vancement of science 1853, p. XLV), ſchließt ſeine Noten zu
flecken und der magnetiſchen Declinations-Periode, ohne von Sabine’s Arbeit Kennt-niß gehabt zu haben, 4—5 Monate ſpäter in einer Sitzung der naturforſchenden Ge-ſellſchaft am 31. Juli ebenfalls vorgetragen. Die Mittel der jährlichen Declinationſind aufgezählt nach Lamont in Poggendorff’s Annalen der Phyſik Bd. 84. 1851.S. 572—582, nach Reſlhuber Bd. 85. 1852. S. 179—184.*) Deutſche Ueberſetzung Bd. XII. S. 108 und 166.
|6| dem 10. Capitel der Meteorological Essay’s by FrancoisArago mit den Worten: „The full establishment of the existence ofa direct connexion between affections of the sun’s disk and the mag-netic influence which the sun exercises at the surface of the earth,is a step in cosmical knowledge of primary importance.“
Da ich in dem erſten Bande der hier analyſirten Werke aus demFranzöſiſchen mich ſelbſt in meine Mutterſprache übertragen finde, ſo iſtes mir eine angenehme Pflicht hier zu erklären, daß der literariſche Theilder Arbeit in Hinſicht auf Geſchmack, Ausbildung und Ungezwungen-heit der Sprache überaus befriedigend iſt. Die Gedächtnißreden, undvor allen das lebensfriſche und anmuthige Fragment: Geſchichtemeiner Jugend, ſind in dieſer Hinſicht eines beſonderen Lobeswürdig.