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Alexander von Humboldt: „Briefe Bonpland’s an A. v. Humboldt“, in: ders., Sämtliche Schriften digital, herausgegeben von Oliver Lubrich und Thomas Nehrlich, Universität Bern 2021. URL: <https://humboldt.unibe.ch/text/1854-Briefe_Bonplands_an-1-neu> [abgerufen am 31.01.2023].

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https://humboldt.unibe.ch/text/1854-Briefe_Bonplands_an-1-neu
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Titel Briefe Bonpland’s an A. v. Humboldt
Jahr 1854
Ort Hannover
Nachweis
in: Bonplandia. Zeitschrift für die gesammte Botanik 2:18/19 (15. September 1854), S. 220–224, hier 220–221.
Sprache Deutsch
Schriftart Antiqua
Identifikation
Textnummer Druckausgabe: VII.74
Dateiname: 1854-Briefe_Bonplands_an-1-neu
Statistiken
Seitenanzahl: 5
Spaltenanzahl: 10
Zeichenanzahl: 19604

Weitere Fassungen
Briefe Bonpland’s an A. v. Humboldt (Hannover, 1854, Deutsch)
Briefe Bonpland’s an A. v. Humboldt (München, 1854, Deutsch)
To the editor of the ,Bonplandia‘ (London, 1854, Englisch)
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Briefe Bonpland’s an A. v. Humboldt. Dem Redacteur der Bonplandia.

Ich habe längst schon den Wunsch gehabt, ver-ehrter Mann, Ihnen, wenn auch nur einen sehr kleinenBeweis der Dankbarkeit zu geben für die Ehre, dieSie meinem Reisebegleiter und Freunde, Bonpland, durch den Titel Ihrer interessanten Zeitschrift erwiesenhaben. Die Bereicherung, welche unserer Wissenschaftdurch meine Expedition nach der Tropenzone des neuenContinents geworden, ist das alleinige Verdienst desunermüdeten, immer heitern, nie entmuthigten, scharf |221| |Spaltenumbruch| beobachtenden Naturforschers (edeln und darum freienGemüthes). Ich habe viele Pflanzen gesammelt, wenigebeschrieben, einige abgebildet, wie die Kupfertafeln derPlantes équinoxiales angeben. Die Leser der „Bon-plandia“ erfreuen sich vielleicht der Übersetzungen voneinigen Briefen, die ich bei meiner geringen Musse insehr bewegter Zeit flüchtig und leider nur zu unleserlichniedergeschrieben. Die Briefe haben wenig wissen-schaftliches Interesse, aber sie bieten ein lebendigesBild von der individuellen Lage eines verdienstvollenMannes dar; von den verspäteten Hoffnungen, die seineEinbildungskraft noch in so hohem Alter nährt. Viel-leicht werden Sie gern auch Einiges aus einer Notizvon Herrn Demersay benutzen, der Bonpland in jener anmuthigen Einsamkeit gesehen und auchnicht übermässig lobt. Schreiben Sie mir, wo sich Ihrvortrefflicher Bruder Berthold gegenwärtig aufhält,und senden Sie ihm meine wärmsten Grüsse. Mit derausgezeichnetsten Hochachtung Ihr gehorsamster

A. v. Humboldt.


Auszüge aus Briefen von Aimé Bonpland, correspondirendemMitgliede der Akademie der Wissenschaften zu Paris, anAlexander von Humboldt. I.
Mein theurer Humboldt! Durch zufällige Hinder-nisse war mir keiner Deiner Briefe zugekommen seitdem vom 12. März 1850. Ich suchte Deinen Namenimmer vergeblich in der Zeitung von Rio Janeiro, diewir regelmässig alle Monate in San Borja erhalten; in-dass las ich immer, wieder und wieder, Deine so freund-schaftlichen, an mich gelangten Zeilen. Hier in Monte-video, nach einer langen Fahrt auf dem grossen Strome,angekommen, fand ich Deinen Brief aus Berlin vom1. September 1853. Ich habe leider den, der ihnbrachte *), nicht gesehen, da er in Buenos Ayres blieb.Wie soll ich Dir die Freude schildern, die mir nachso langer Entbehrung Dein so lieber, herzlicher Briefgewährt hat! Unser hohes Alter mahnt uns gewissbeide oft an das, was uns nahe bevorstehet. Es istrecht schmerzlich, wenn man so viele Jahre zusammengelebt und zusammen gearbeitet hat, sich nicht nocheinmal sehen zu können. Wie lebhaft würden wir unsder ersten Eindrücke bei der Ankunft in der Tropen-welt, der Umgegend von Cumana, der Guayqueri-Indianer,der Nacht auf dem Cocollar, der Märsche in der Wald-mission von Caripe, unserer mit vielen Freuden ge-mischten Leiden an den Ufern des Orinoco und RioNegro und Cassiquiare erinnern! Mir ist das Alles nochso frisch im Gedächtniss, dass ich aus diesem die ganzeReise einfach, aber genau niederschreiben würde. Ichhabe am 29. August 1852 meinen 81. Geburtstag ge-feiert. Ich war 27 Jahr alt, als wir in Marseille aufdie schwedische Fregatte (der Taramas) so viele Wochenharrten, ein Schiff, das uns nach Algier führen sollte,um über Tunis der egyptischen Expedition nachzureisen.Ich beschäftige mich, seitdem ich Paraguay habe ver-lassen müssen, noch immer mit praktischer Medizin, |Spaltenumbruch| mit Pflanzen-Cultur und vor allem mit Botanik. Duerwähnst in Deinem Briefe der Freude, welche Direin Bürger der Vereinigten Staaten von Nordamerikagemacht hat durch Übersendung eines Lichtbildes vonmeiner kräftigen, aber uralten Gestalt. *) Vielleichthat zu diesem recht zarten Benehmen von einem DirUnbekannten eine Sendung von Samen des Mays delagua der Corentinos die Veranlassung gegeben, dieich vor drei Jahren als Geschenk nach Nordamerikamachte. Mit vielem Danke vernehme ich von Dir, dasseinige Personen von Berlin sich noch freundlich mei-nes heitern dortigen Aufenthalts (1806?) erinnern. DerTod von Adrien Jussieu, von Kunth, Richard, St.Hilaire hat in meiner Einsamkeit mich tief geschmerzt.Die Zeitungen von Montevideo zeigen so eben den TodDeines edeln und berühmten Freundes Arago an. Diezwei Bände der Ansichten der Natur, in der neuenfranzösischen Übersetzung, habe ich so eben erhalten.Ich werde Deine Schilderungen während der baldigenSchifffahrt aufwärts den mächtigen Uruguay lesen, des-sen Ufer reicher geschmückt sind, als ich je an anderenFlüssen gesehen. Von dem Kosmos habe ich nur denersten Band gesehen: ich verdanke die Mittheilung derGüte des Brasilianischen hiesigen Geschäftsträgers, desDr. Portes. Was Du mir geschickt, hat mich (in mei-ner Wildniss) nicht erreicht. Wissenschaftliche Büchersind hier in Buenos Ayres und in ganz Südamerika vonder grössten Seltenheit. Ich hatte schon vor der An-kunft Deines letzten Briefes erfahren, dass Du unseregemeinschaftlich abgefassten botanischen Reisemanu-scripte **) in dem Museum des Jardin des Plantes zuParis deponirt hast. Ich glaube, es werden 5—6 Bändein Folio und in Quart sein. Sie haben das grosse Inter-esse, dass die freilich meist fragmentarischen Beschrei-bungen jedesmal an Ort und Stelle, im Angesicht derfrischgesammelten Exemplare entworfen sind und mitZufügung aller Notizen, welche sich auf die Geogra-phie der Pflanzen beziehen. Alles, was Du mirjetzt über diese deponirten Manuscripte, die Du alsmein Eigenthum willst betrachtet sehen, geschriebenhast, soll pünktlich befolgt werden. Die Manuscripteeiner langen botanischen Expedition tief durch dasInnere eines grossen Continents und ganz innerhalbder Wendekreise müssen neben den Herbarien, dieman in Paris von uns besitzt und deren Doubletten DuDeinem Lehrer Willdenow geschenkt, in einemgrossen öffentlichen Institute verbleiben.*) Was mein
*) Dr. Fonk, nach Chili gehend? H—t. *) Das angenehme Geschenk war von Herrn JohnTorrey, Professor of Botany at the College of Physi-cians at New York. Es kam in Berlin an im Sommer 1853. H—t. **) Ich habe diese botanischen Reise-Manuscripte von Bonpland und meiner Hand gleich nach dem Tode un-seres Freundes und Mitarbeiters, des Prof. Kunth, zusorgfältiger Aufbewahrung an das Museum des Jardindes Plantes zu Paris geschickt. Sie bestanden aus sechsgebundenen Bänden, 4528 Species und einige Zeich-nungen von mir enthaltend. Von diesen sechs Bändensind drei in 4., enthaltend: a. Beschreibungen 1—690,b. 691—1215, c. 1216—1591; und drei in Folio: a. 1592—2257, b. 2258—3698, c. 3699—4528. Diese sechs Bändesind als Bonpland’s Eigenthum zu betrachten, der siegewiss dem Museum schenken wird, damit sie bei demvon mir geschenkten Herbarium verbleiben. H—t. *) Durch den Ankauf der ganzen Herbarien von Willdenow und Kunth sind jetzt die von Bonpland und Humboldt von Juni 1799 bis Sommer 1804 gesam-melten Pflanzen in das grosse königliche Herbarium desbotanischen Gartens zu Schöneberg unter die Oberauf-sicht des Dr. Klotzsch gekommen. H—t.
|222| |Spaltenumbruch| Project, nach Frankreich zurückzukehren, betrifft, meintheurer Humboldt, so muss ich Dir vertrauen, dassich lange schon vergebens gesucht habe, meine beidenBesitzungen an den Ufern des Uruguay zu verkaufen,wenigstens eine von beiden. Jetzt werde ich michbesonders mit der Cultur und mit neuen Anlagen inmeiner Estancia de St. Anna beschäftigen. Wenndie Ruhe sich erhält, so kann diese Estancia bei wiederaufblühendem Handel auf dem Flusse mir einen an-sehnlichen Gewinn verschaffen. Es ist mein festerVorsatz, dass alle meine hiesigen Sammlungen nachFrankreich übergehen und dort im Jardin des Plantes deponirt werden sollen. Da ich die Genera Plan-tarum von Endlicher und den Prodromus von DeCandolle besitze, so glaube ich zunächst eine neueClassification meines Herbariums vorher unternehmenzu können. Wenn ich mich nach Vollendung des 82. Jahrsnoch stark genug fühle, eine Reise nach Frankreich zuunternehmen, so bringe ich meine trockenen Pflanzen,meine Gebirgsarten und Versteinerungen selbst in den Jardin des Plantes, bleibe einige Monate in Parisund kehre in meine Einöde nach Südamerika zurück,um dort in häuslicher Ruhe die Arbeiten fortzusetzen,die mich so viele Jahre beschäftigen. St. Borja er-innert mich durch Schönheit des Klimas und Anmuthder Vegetation an das Städtchen Llague am östlichenAbhange der Cordillen von Quindiù. San Borja kanneinmal sehr wichtig werden, und hätte Rosas, den ichwie alle unternehmenden Parteiführer dieses Landessehr genau gekannt, nicht seine mörderischen und ver-heerenden Waffen in die Provincia de Corrientes über-geführt, so würde ich durch meine Agricultur-Thätigkeitsehr wohlhabend geworden sein. Ich hätte mich dannlängst nach Paris übergesiedelt und das Glück genossen,Dich in Berlin wiederzusehen; Dich, von dem ich michnie getrennt hätte, wenn grosse äussere Ereignissemich nicht bewogen hätten, Europa zu verlassen. Sollteich mich nicht kräftig genug fühlen, meine wissen-schaftlichen Sammlungen selbst nach Frankreich zu be-gleiten, so werde ich sie auf eine Weise schicken, inder Sicherheit verbürgt ist. So sehr auch schon dieserBrief angeschwollen ist, so muss ich doch noch klagendder Sendung erwähnen, die ich habe 1836 nach Parisunter der Adresse „de Messieurs les Professeursdu Museum d’Histoire naturelle au Jardin desPlantes“ abgehen lassen. Diese Sammlung enthieltzwei Copien eines Catalogue des mineraux rela-tifs à la Géologie des rives de l’Uruguay, duParana, du Rio de la Plata et des anciennesMissions des Jesuites. Sie bestand aus 154 StückenGebirgsarten mit frischem Bruch, sorgfältig abgeschlagen,so wie ich, mit Dir reisend, daran gewöhnt war; dazueine Fülle von Versteinerungen, wie auch lebendeterrastrische, fluviatile und oceanische Muscheln. Vonallem waren Doubletten beigelegt und meine Bitte andie Professoren des Jardin des Plantes ging dahin, |Spaltenumbruch| Dir eine der Copien des Catalogus mit einer vollstän-digen geologischen Doubletten-Sammlung nach Berlinfür das Universitäts-Cabinet in meinem Namen zu sen-den. Ich schrieb auch an Dich, theurer Freund, um Dirdas beabsichtigte Geschenk zu melden, da aber wederdie Professoren des Jardin des Plantes, noch Du selbstmir nie über diese nicht unwichtige Sendung je einWort geschrieben haben, so halte ich es für nütz-lich, hier der Sendung zu erwähnen *). Ich bin über-zeugt, dass viel Brasilianisches schon früher und besservon dem längst verstorbenen Sellow, dessen Samm-lungen in Berlin sind, gesehen worden ist, doch durfteich hoffen, manches Neue nach Europa senden zu kön-nen, besonders von Petrefacten. Mein botanisches Reise-journal enthält nur 2574 Species, aber in meinem hie-sigen Herbarium sind über 4000 Species enthalten, dienach dem Systeme von Jussieu in Familien geordnetsind **). Die Gegenden von Südamerika, in denen ichhabe sammeln können (Br. 26°—34°), sind allerdingsminder reich an Phanerogamen, als die eigentlicheTropenzone, in der wir herbarisirt haben, und ist derRaum, den ich hier zwischen den grossen Strömen(Uruguay, Parana und Paraguay) durchforscht, um sovieles kleiner, als der, welchen Deine amerikanischeExpedition umfasst hat! Ich habe aber hier einen Er-satz gefunden anderer Art. Wie man ein Land be-wohnt, so kann man jede Pflanzenart in den ver-schiedenen Graden ihrer Entwickelung untersuchen.Man kann die vollkommenen Exemplare unter vielenHunderten auswählen und eine grosse Zahl von Dou-bletten einlegen, die ich Dir für das gewiss schon sehrreiche Berliner Herbarium einst zu schicken hoffen darf.Mein kleiner Länderbesitz bei S. Borja am Uruguay hat anOberfläche drei Cuadras, d. h. 30000 Quadrat-Varas ***);es würde mir leicht sein, den Besitz zu vergrössern,aber auch in seinem jetzigen Culturzustande gewährter mir, neben der medicinischen Praxis, ein sehr an-ständiges Einkommen. Ich habe in S. Borja meineEstancia mit der grössten Mannichfaltigkeit von nütz-lichen Culturpflanzen, neuerdings auch mit Kartoffeln(Solanum tuberosum), bedeckt, 1600 Orangenbäume ge-

*) Sollte die Sammlung verloren gegangen sein?Ich habe nie den Brief erhalten, in dem mir Herr Bon-pland die Absendung gemeldet hat, und wie sollten beimeinem öfteren Aufenthalte in Paris von 1827 bis 1847,nachdem ich einen bleibenden Wohnsitz in Deutschlandgenommen, die mir befreundeten Gelehrten im Jardin desPlantes mir nie von den für Berlin bestimmten Doublettender geognostischen Sammlung Bonpland’s gesprochenhaben! H—t. **) Von Bonpland seit seiner Übersiedelung nachBuenos Ayres gesammelte Pflanzen, von denen unserergemeinschaftlichen Expedition zu unterscheiden. Dieletzteren habe ich folgendermaassen vertheilt, da dieZahl der Doubletten die Bildung von drei Herbarienmöglich machte: eines, das vollständigste, für Herrn Bonpland, das er mit nach Buenos Ayres nahm; einzweites, das ich dem Jardin des Plantes schenkte, wor-auf Bonpland’s Jahrgehalt von 3000 Francs gegrün-det ist; ein drittes für meinen botanischen Lehrer undJugendfreund Willdenow. Ich selbst habe nichts vonmeinen botanischen, geologischen und zoologischenSammlungen für mich behalten. H—t. ***) Sechs Pariser Fuss sind gleich 2\( \frac{33}{100} \) Varas Ca-stillanas. H—t.
|223| |Spaltenumbruch| pflanzt, von denen bereits 300 mir herrliche Früchtein diesem Jahre geben werden. In S. Anna habe ich2000 Schafe, von denen viele reine Merinos der edel-sten Race sind. Alle Fortschritte hängen in diesem,von der Natur so gesegneten Lande von der politischenRuhe ab, die sich nach und nach einzustellen scheint.Dreizehn Jahre Bürgerkrieg haben in S. Borja viel Ar-muth in den Familien verbreitet. Gutmüthig, wie Dumich kennst, habe ich viele zu unterstützen gesucht.Es wird schwer sein, je wieder in den Besitz der vor-gestreckten Capitalien zu gelangen. Mit demselbenSchiffe, das Dir dieses Zeichen des Lebens und derherzlichsten, unverbrüchlichsten Anhänglichkeit bringt,schreibe ich nach Paris an den preussischen Gesandten,Grafen Hatzfeldt, der mir, von einem sehr ehren-vollen Schreiben begleitet, das Kreuz des Rothen Adler-ordens dritter Classe im Namen Deines Königs ge-schickt hat. Du wirst von selbst errathen, aus welchenGründen (bei aller Lebensphilosophie, die sich in derEinsamkeit ausbildet) eine solche unverdiente Aus-zeichnung, aus Deiner Vaterstadt kommend, mirbesonders theuer sein muss.

Aimé Bonpland.

II.
Mein theurer Freund! Nach einem zweimonat-lichen Aufenthalte in der Hauptstadt der Cisplatina binich endlich zu meiner grossen Freude meiner Abreisesehr nahe; aber ehe ich an die stillen Ufer des Uruguayzurückkehre, will ich mir den Genuss verschaffen, michnoch einmal mit Dir zu unterhalten. Die sehr gelungenefranzösische Übersetzung Deiner „Ansichten derNatur“ hat mich täglich beschäftigt und so viele Ein-drücke erneuert, die uns Beiden freudig und schmerz-lich wurden und die mir Deine Schilderungen so leben-dig vor die Seele rufen. Auch der Ausdruck Deinestiefen Schmerzes bei der Nachricht von Arago’s Todehat mich sehr gerührt. Unsere Zeitungen haben DeineWorte, wenn auch sehr unvollkommen, wiederholt. Chateaubriand, der (im Hause der geistreichenDuchesse de Duras) Dir und dem Hingeschiedenengleich zugethan war, würde meine Rührung getheilthaben. Sobald ich in meiner Estancia de S. Anna angekommen bin, will ich mich recht ernsthaft mit derzu vollendenden Anordnung meiner Herbarien und an-derer naturhistorischen Sammlungen beschäftigen. Meinganzes Bestreben geht jetzt dahin, dass diese Arbeit bisJuli oder August vollendet sei. Sie wird leider etwasgestört werden durch die Nothwendigkeit, in der ichmich befinde, den Aufträgen des Kriegsministers zugenügen, der mir eine grosse Liste von Culturpflanzendes Paraguay und Uruguay schickt, von denen ich Sä-mereien oder Stecklinge nach Algier senden soll. DieseBereicherung einer französischen Colonie auf afrikani-schem Boden mit südamerikanischen Gewächsen flösstmir ein lebhaftes Interesse ein. Es ist, als hätte ichdie Forderung, die man erst jetzt an mich richtet, längstvorhergesehen. Als ich vor vielen Jahren an Mr. deMirbel die erste botanische Beschreibung des Mayzdel agua und alle Fructificationstheile in Alcohol schickte,übermachte ich ihm zugleich eine ganze Sammlung vonSämereien, von denen ich hoffen durfte, dass sie im |Spaltenumbruch| Gebiet von Algier gedeihen würden. Ich richtete dieSendung von Corientes aus an Mr. Aimé Roger, derdamals das französische Consulat in Montevideo ver-waltete. Entweder ist die Sammlung nie nach Parisgelangt, oder der traurige Krankheitszustand von Mr. de Mirbel ist die Ursache gewesen, dass ich nie eineSylbe Antwort über diesen Gegenstand erhalten habe!Jetzt fordert man ohngefähr dieselben Sämereien, dieich damals unaufgefordert schickte. Es wird mir eineangenehme Pflicht sein, den Befehl des Herrn Kriegs-ministers zu vollziehen und meinem Vaterlande einiger-maassen nützlich zu werden. — Ich komme noch ein-mal auf den „Mayz del agua“ zurück, weil ich weiss,dass diese schöne Pflanze in Europa so viel Interesseerregt hat. Ich will Dir sagen, was ich von derselbenund von den Gattungen Euryale und Victoria halte. Das,was Du in Deiner letzten Schrift, bei Gelegenheit derPhysiognomik der Gewächse nach Verschiedenheit derFamilien, entwickelst, hat mich auf Endlicher’s GeneraPlantarum zurückgeführt. Die Charaktere, die End-licher in seinem schönen Werke angibt, scheinen aller-dings auf Verschiedenheit der Genera hinzudeuten,aber ich finde, dass die Frucht von Euryale und Victorianicht richtig beschrieben ist. Ich glaube, dass diesebeiden und mein Mayz del agua zu einem und demselben Genus gehören. Die Frucht des Mayz del agua ist eine„bacca exsucca, orbicularis, valde depressa, multilocu-laris, pulvedive dehiscens“. Chaque loge contient 6—8graines, chaque graine est enveloppée par une mem-brane, lâche et plissée, suspendue par un fil (funiculus)d’une longueur remarquable. Tout me porte à croireque ces trois plantes appartiennent au même genre.Mein Mayz del agua hat aber nicht so grosse Blüthenund Blätter, als Victoria und Euryale. In wenigenWochen werde ich schöne Exemplare des Mayz delagua nach Europa senden. Mit Verwunderung seheich auch, dass so viele Botaniker noch immer un-sicher sind über die Blätter des Genus Colletia. Nachmeinen Beobachtungen haben alle Colletien Blätter, siezeigen sich aber erst gegen die Zeit der Blüthe. Baldnach der Befruchtung fallen die Blätter ab *). MeinHerbarium beweist dies durch Vergleichung der Exem-plare. Was mich lebhaft seit Jahren beschäftigt, ist dieVergleichung mehrerer gleichartiger Species, die ausder Aequinoctial-Flora in die gemässigte südliche Zoneübergehen. Diese Vergleichung hat ein grosses Inter-esse für die Geographie der Pflanzen. Meine süssesteHoffnung ist (ich wiederhole es Dir, theurer Hum-boldt), meine Sammlungen und Beschreibungen selbstnach Paris zu bringen, mich mit der neuen Literatur,dem jetzigen Zustand der Wissenschaft, bekannt zumachen, Bücher zu kaufen und dann hierher zurück-zukehren, um an den anmuthigen Ufern des Uruguay,von einer grossartigen Natur und ihrem Zauber um-geben, mein stilles Ende zu erwarten. Mit unverbrüch-licher Freundschaft und frohem Andenken an das, was
*) Auf der Reise mit Bonpland wurde Colletiahorrida fast ganz ohne Blättchen auf der kalten undwilden Hochebene (Paramo) von Guamani in Peru ge-sammelt. Ich fand barometrisch die Station 10320 Fusshoch über dem Spiegel der Südsee. H—t.
|224| |Spaltenumbruch| wir zusammen erlebt an Genuss und unter harten Ent-behrungen.

Dein Aimé Bonpland.

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