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Alexander von Humboldt: „Spezielle Ergebnisse der Beobachtung in dem Gebiete kosmischer Erscheinungen“, in: ders., Sämtliche Schriften digital, herausgegeben von Oliver Lubrich und Thomas Nehrlich, Universität Bern 2021. URL: <https://humboldt.unibe.ch/text/1851-Spezielle_Ergebnisse_der-1-neu> [abgerufen am 31.01.2023].

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Permalink:
https://humboldt.unibe.ch/text/1851-Spezielle_Ergebnisse_der-1-neu
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Titel Spezielle Ergebnisse der Beobachtung in dem Gebiete kosmischer Erscheinungen
Jahr 1851
Ort Wien
Nachweis
in: Morgenblatt der Wiener Zeitung 8 (29. Januar 1851), Beilage, [o. S.]; 9 (1. Februar 1851), Beilage, [o. S.].
Entsprechungen in Buchwerken
Alexander von Humboldt, Kosmos. Entwurf einer physischen Weltbeschreibung, Band 3, Stuttgart und Tübingen: J. G. Cotta 1850, S. 3–25.
Sprache Deutsch
Schriftart Fraktur
Identifikation
Textnummer Druckausgabe: VII.22
Dateiname: 1851-Spezielle_Ergebnisse_der-1-neu
Statistiken
Seitenanzahl: 5
Spaltenanzahl: 7
Zeichenanzahl: 38099

Weitere Fassungen
Spezielle Ergebnisse der Beobachtung in dem Gebiete kosmischer Erscheinungen (Wien, 1851, Deutsch)
Historische Uebersicht der Versuche die Welterscheinungen als ein Naturganzes zu betrachten (Augsburg, 1851, Deutsch)
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Fragmente aus Humboldt’s Kosmos.

Wir haben dieſem Werke in dem Feuilleton des Abend-blattes am 9. d. M. unſere Aufmerkſamkeit gewidmet, dasſeit ſeinem Erſcheinen von den Gebildeten aller Natio-nen als die bedeutendſte literariſche Erſcheinung der Ge-genwart betrachtet wird. Wir theilen unſeren Leſerngewiſſermaßen als Leſeprobe die Einleitung zum drittenBande mit, welche eine hiſtoriſche Ueberſicht der Ver-ſuche gibt, die zum Ziele hatten die Welterſcheinungenals ein Naturganzes zu betrachten. Sie führt den Titel:

Spezielle Ergebniſſe der Beobachtungin dem Gebiete kosmiſcher Erſcheinungen.

Zu dem Ziele hinſtrebend, welches ich mir nach demMaß meiner Kräfte und dem jetzigen Zuſtande derWiſſenſchaften als erreichbar gedacht, habe ich in zweiſchon erſchienenen Bänden des Kosmos die Natur untereinem zweifachen Geſichtspunkte betrachtet. Ich habeſie darzuſtellen verſucht zuerſt in der reinen Objekti-vität äußerer Erſcheinung, dann in dem Reflex eines,durch die Sinne empfangenen Bildes auf das In-nere des Menſchen, auf ſeinen Ideenkreis und ſeineGefühle. Die Außenwelt der Erſcheinungen iſt unter der wiſ-ſenſchaftlichen Form eines allgemeinen Naturgemäldesin ihren zwei großen Sphären, der uranologiſchen undder telluriſchen, geſchildert worden. Es beginnt dasſelbemit den Sternen, die in den fernſten Theilen des Welt-raumes zwiſchen Nebelflecken aufglimmen, und ſteigtdurch unſer Planetenſyſtem bis zur irdiſchen Pflanzen-decke und zu den kleinſten, oft von der Luft getragenen,dem unbewaffneten Auge verborgenen Organismen herab.Um das Daſein eines gemeinſamen Bandes, welches dieganze Körperwelt umſchlingt, um das Walten ewigerGeſetze und den urſachlichen Zuſammenhang ganzer Grup-pen von Erſcheinungen, ſo weit derſelbe bisher erkanntworden iſt, anſchaulicher hervortreten zu laſſen, mußtedie Anhäufung vereinzelnter Thatſachen vermieden wer-den. Eine ſolche Vorſicht ſchien beſonders da erforder-lich, wo ſich in der telluriſchen Sphäre des Kosmos,neben den dynamiſchen Wirkungen bewegender Kräfte,der mächtige Einfluß ſpezifiſcher Stoffverſchiedenheitoffenbart. In der ſideriſchen oder uranologiſchen Sphäredes Kosmos ſind für das, was der Beobachtung er-reichbar wird, die Probleme, ihrem Weſen nach, vonbewundernswürdiger Einfachheit; fähig, nach der Theo-rie der Bewegung, durch die anziehenden Kräfte derMaterie und die Quantität ihrer Maſſe einer ſtrengenRechnung zu unterliegen. Sind wir, wie ich glaube,berechtigt die kreiſenden Meteor-Aſteroiden für Theileunſeres Planetenſyſtems zu halten, ſo ſetzen dieſe alleinuns, durch ihren Fall auf den Erdkörper, in Contactmit erkennbar ungleichartigen Stoffen des Weltraumes.Ich bezeichne hier die Urſache, weßhalb die irdiſchenErſcheinungen bisher einer mathematiſchen Gedanken-entwickelung minder glücklich und minder allgemein un-terworfen worden ſind, als die ſich gegenſeitig ſtören-den und wieder ausgleichenden Bewegungen der Welt-körper, in denen für unſere Wahrnehmung nur dieGrundkraft gleichartiger Materie waltet. Mein Beſtreben war darauf gerichtet, in dem Na-turgemälde der Erde durch eine bedeutſame Anreihungder Erſcheinungen ihren urſachlichen Zuſammenhangahnen zu laſſen. Es wurde der Erdkörper geſchildertin ſeiner Geſtaltung, ſeiner mittleren Dichtigkeit, denAbſtufungen ſeines mit der Tiefe zunehmenden Wärme-gehalts, ſeiner elektro-magnetiſchen Strömungen undpolariſchen Lichtprozeſſe. Die Reaktion des Inneren desPlaneten auf ſeine äußere Rinde bedingt den Inbegriffvulkaniſcher Thätigkeit, die mehr oder minder geſchloſſenenKreiſe von Erſchütterungswellen und ihre nicht immerblos dynamiſchen Wirkungen, die Ausbrüche von Gas,von heißen Waſſerquellen und Schlamm. Als die höch-ſte Kraftäußerung der inneren Erdmächte iſt die Erhe-bung feuerſpeiender Berge zu betrachten. Wir habenſo die Central- und Reihen-Vulkane geſchildert, wie ſienicht blos zerſtören, ſondern Stoffartiges erzeugen, undunter unſeren Augen, meiſt periodiſch, fortfahren Ge-birgsarten (Eruptions-Geſtein) zu bilden; wir habengezeigt, wie, im Kontraſte mit dieſer Bildung, Sedi-ment-Geſteine ſich ebenfalls noch aus Flüſſigkeiten nie-derſchlagen, in denen ihre kleinſten Theile aufgelöſtoder ſchwebend enthalten waren. Eine ſolche Verglei-chung des Werdenden, ſich als Feſtes Geſtaltenden mitdem längſt als Schichten der Erdrinde Erſtarrten leitetauf die Unterſcheidung geognoſtiſcher Epochen, auf eineſichere Beſtimmung der Zeitfolge der Formationen,welche die untergegangenen Geſchlechter von Thierenund Pflanzen, die Fauna und Flora der Vorwelt, inchronologiſch erkennbaren Lebensreihen umhüllen. Ent-ſtehung, Umwandlung und Hebung der Erdſchichten be-dingen epochenweiſe wechſelnd alle Beſonderheiten derNaturgeſtaltung der Erdoberfläche; ſie bedingen dieräumliche Vertheilung des Feſten und Flüſſigen, dieAusdehnung und Gliederung der Kontinental-Maſſen inhorizontaler und ſenkrechter Richtung. Von dieſen Ver-hältniſſen hangen ab die thermiſchen Zuſtände der Mee-resſtröme, die meteorologiſchen Prozeſſe in der luftför-migen Umhüllung des Erdkörpers, die typiſche und geo-graphiſche Verbreitung der Organismen. Eine ſolcheErinnerung an die Aneinanderreihung der telluriſchenErſcheinungen, wie ſie das Naturgemälde dargebotenhat, genügt, wie ich glaube, um zu beweiſen, daß durchdie bloße Zuſammenſtellung großer und verwickelt ſchei-nender Reſultate der Beobachtung die Einſicht in ihrenKauſalzuſammenhang gefördert wird. Die Deutung derNatur iſt aber weſentlich geſchwächt, wenn man durchzu große Anhäufung einzelner Thatſachen der Natur-ſchilderung ihre belebende Wärme entzieht. So wenig nun in einer, mit Sorgfalt entworfenen,objektiven Darſtellung der Erſcheinungswelt Vollſtändig-keit bei Aufzählung der Einzelheiten beabſichtigt wordeniſt, eben ſo wenig hat dieſelbe erreicht werden ſollenin der Schilderung des Reflexes der äußeren Naturauf das Innere des Menſchen. Hier waren die Gren-zen noch enger zu ziehen. Das ungemeſſene Gebiet derGedankenwelt, befruchtet ſeit Jahrtauſenden durch dietreibenden Kräfte geiſtiger Thätigkeit, zeigt uns in denverſchiedenen Menſchenracen und auf verſchiedenen Stu-fen der Bildung bald eine heitere, bald eine trübeStimmung des Gemüths, bald zarte Erregbarkeit undbald dumpfe Unempfindlichkeit für das Schöne. Es wirdder Sinn des Menſchen zuerſt auf die Heiligung vonNaturkräften und gewiſſer Gegenſtände der Körperweltgeleitet; ſpäter folgt er religiöſen Anregungen höherer,rein geiſtiger Art. Der innere Reflex der äußeren Naturwirkt dabei mannigfaltig auf den geheimnißvollen Prozeßder Sprachenbildung, in welchem zugleich urſprünglichekörperliche Anlagen und Eindrücke der umgebenden Naturals mächtige mitbeſtimmende Elemente auftreten. DieMenſchheit verarbeitet in ſich den Stoff, welchen dieSinne ihr darbieten. Die Erzeugniſſe einer ſolchen Gei-ſtesarbeit gehören eben ſo weſentlich zum Bereich desKosmos als die Erſcheinungen, die ſich im Innerenabſpiegeln. Da ein reflektirtes Naturbild unter dem Einfluß auf-geregter ſchöpferiſcher Einbildungskraft ſich nicht reinund treu erhalten kann; ſo entſteht neben dem, waswir die wirkliche oder äußere Welt nennen, eine idealeund innere Welt, voll phantaſtiſcher, zum Theil ſym-boliſcher Mythen, belebt durch fabelhafte Thiergeſtal-ten, deren einzelne Glieder den Organismen der jetzi-gen Schöpfung oder gar den erhaltenen Reſten unter-gegangener Geſchlechter entlehnt ſind. Auch Wunder-blumen und Wunderbäume entſprießen dem mythiſchenBoden: wie nach den Edda-Liedern die rieſige Eſche,der Weltbaum Yggdraſil, deſſen Aeſte über den Himmelemporſtreben, während eine ſeiner dreifachen Wurzelnbis in die „rauſchenden Keſſelbrunnen“ der Unterweltreicht. So iſt das Nebelland phyſiſcher Mythen, nachVerſchiedenheit der Volksſtämme und der Klimate, mitanmuthigen oder mit grauenvollen Geſtalten gefüllt.Jahrhunderte lang werden ſie durch die Ideenkreiſe ſpä-ter Generationen vererbt. Wenn die Arbeit, die ich geliefert, nicht genugſamdem Titel entſpricht, den ich oft ſelbſt als gewagt undunvorſichtig gewählt bezeichnet habe; ſo muß der Tadelder Unvollſtändigkeit beſonders den Theil dieſer Arbeittreffen, welcher das geiſtige Leben im Kosmos, die indie Gedanken- und Gefühlswelt reflektirte äußere Natur |Seitenumbruch| |Spaltenumbruch| berührt. Ich habe mich in dieſem Theile vorzugsweiſebegnügt bei den Gegenſtänden zu verweilen, welche inmir der Richtung lang genährter Studien näher liegen:bei den Aeußerungen des mehr und minder lebhaftenNaturgefühls im klaſſiſchen Alterthum und in der neue-ren Zeit; bei den Fragmenten dichteriſcher Naturbe-ſchreibung, auf deren Färbung die Individualität desVolkscharakters und die religiöſe, monotheiſtiſche An-ſicht des Geſchaffenen einen ſo weſentlichen Einfluß aus-geübt haben; bei dem anmuthigen Zauber der Land-ſchaftmalerei; bei der Geſchichte der phyſiſchen Welt-anſchauung, d. i. bei der Geſchichte der in dem Laufevon zwei Jahrtauſenden ſtufenweiſe entwickelten Er-kenntniß des Weltganzen der Einheit in den Erſchei-nungen. Bei einem ſo viel umfaſſenden, ſeinem Zwecke nachzugleich wiſſenſchaftlichen und die Natur lebendig dar-ſtellenden Werke darf ein erſter, unvollkommener Ver-ſuch der Ausführung nur darauf Anſpruch machen, daßer mehr durch das wirke, was er anregt, als durchdas, was er zu geben vermag. Ein Buch von derNatur, ſeines erhabenen Titels würdig, wird dannerſt erſcheinen, wenn die Naturwiſſenſchaften, trotzihrer urſprünglichen Unvollendbarkeit, durch Fortbil-dung und Erweiterung einen höheren Standpunkt er-reicht haben, und wenn ſo beide Sphären des einigenKosmos (die äußere, durch die Sinne wahrnehmbare,wie die innere, reflektirte, geiſtige Welt) gleichmäßig anlichtvoller Klarheit gewinnen. Ich glaube hiermit hinlänglich die Urſachen berührtzu haben, welche mich beſtimmen mußten dem allgemeinenNaturgemälde keine größere Ausdehnung zu geben. Demdritten und letzten Bande des Kosmos iſt es vorbe-halten, vieles des Fehlenden zu ergänzen und dieErgebniſſe der Beobachtung darzulegen, auf welche derjetzige Zuſtand wiſſenſchaftlicher Meinungen vorzugs-weiſe gegründet iſt. Die Anordnung dieſer Ergebniſſewird hier wieder die ſein, welcher ich nach den früherausgeſprochenen Grundſätzen in dem Naturgemälde ge-folgt bin. Ehe ich jedoch zu den Einzelheiten übergehe,welche die ſpeziellen Disziplinen begründen, darf esmir erlaubt ſein, noch einige allgemeine erläuterndeBetrachtungen voranzuſchicken. Das unerwartete Wohl-wollen, welches meinem Unternehmen bei dem Publi-kum in weiten Kreiſen, in- und außerhalb des Vater-landes geſchenkt worden iſt, läßt mich doppelt das Be-dürfniß fühlen, mich noch einmal auf das beſtimmteſteüber den Grundgedanken des ganzen Werkes und überAnforderungen auszuſprechen, die ich ſchon darum nichtzu erfüllen verſucht habe, weil ihre Erfüllung nachmeiner individuellen Anſicht unſeres empiriſchen Wiſ-ſens nicht von mir beabſichtigt werden konnte. An dieſerechtfertigenden Betrachtungen reihen ſich wie vonſelbſt hiſtoriſche Erinnerungen an die früheren Verſu-che den Weltgedanken aufzufinden, der alle Erſcheinun-gen in ihrem Kauſalzuſammenhange auf ein einigesPrinzip reduziren ſolle. Das Grundprinzip meines Werkes über den Kos-mos, wie ich dasſelbe vor mehr als zwanzig Jahrenin den Franzöſiſchen und Deutſchen zu Paris und Berlingehaltenen Vorleſungen entwickelt habe, iſt in dem Stre-ben enthalten: die Welterſcheinungen als ein Naturganzesaufzufaſſen; zu zeigen, wie in einzelnen Gruppen die-ſer Erſcheinungen die ihnen gemeinſamen Bedingniſſe,d. i. das Walten großer Geſetze, erkannt worden ſind;wie man von den Geſetzen zu der Erforſchung ihres ur-ſachlichen Zuſammenhanges aufſteigt. Ein ſolcher Drangnach dem Verſtehen des Weltplans, d. h. der Natur-ordnung, beginnt mit Verallgemeinerung des Beſon-deren, mit Erkenntniß der Bedingungen, unter denendie phyſiſchen Veränderungen ſich gleichmäßig wieder-kehrend offenbaren; er leitet zu der denkenden Betrach-tung deſſen, was die Empirie uns darbietet, nicht aber„zu einer Weltanſicht durch Spekulation und alleinigeGedankenentwicklung, nicht zu einer abſoluten Einheits-lehre in Abſonderung von der Erfahrung.“ Wir ſind,ich wiederhole es hier, weit von dem Zeitpunkt entfernt,wo man es für möglich halten konnte, alle unſere ſinn-lichen Anſchauungen zur Einheit des Naturbegriffes zukonzentriren. Der ſichere Weg iſt ein volles Jahrhun-dert vor Francis Bacon ſchon von Leonardo da Vincivorgeſchlagen und mit wenigen Worten bezeichnet wor-den: cominciare dall’ esperienza e per mezzo di questascoprirne la ragione. In vielen Gruppen der Erſchei-nungen müſſen wir uns freilich noch mit dem Auffindenvon empiriſchen Geſetzen begnügen; aber das höchſte,ſeltener erreichte Ziel aller Naturforſchung iſt das Er-ſpähen des Kauſalzuſammenhanges ſelbſt. Die befriedi-gendſte Deutlichkeit und Evidenz herrſchen da, wo es |Spaltenumbruch| möglich wird das Geſetzliche auf mathematiſch beſtimm-bare Erklärungsgründe zurückzuführen. Die phyſiſcheWeltbeſchreibung iſt nur in einzelnen Theilen eine Welt-erklärung. Beide Ausdrücke ſind noch nicht als identiſchzu betrachten. Was der Geiſtesarbeit, deren Schrankenhier bezeichnet werden, Großes und Feierliches inwohnt,iſt das frohe Bewußtſein des Strebens nach dem Unend-lichen, nach dem Erfaſſen deſſen, was in ungemeſſener,unerſchöpflicher Fülle das Seiende, das Werdende,das Geſchaffene uns offenbart. Ein ſolches durch alle Jahrhunderte wirkſames Stre-ben mußte oft und unter mannigfaltigen Formen zuder Täuſchung verführen, das Ziel erreicht, das Prin-zip gefunden zu haben, aus dem alles Veränderlicheder Körperwelt, der Inbegriff aller ſinnlich wahrnehm-baren Erſcheinungen erklärt werden könne. Nachdemlange Zeit hindurch, gemäß der erſten Grundan-ſchauung des Helleniſchen Volksgeiſtes, in den geſtal-tenden, umwandelnden oder zerſtörenden Naturkräftendas Walten geiſtiger Mächte in menſchlicher Formverehrt worden war, entwickelte ſich in den phyſiolo-giſchen Phantaſien der Joniſchen Schule der Keim ei-ner wiſſenſchaftlichen Naturbetrachtung. Der Urgrunddes Entſtehens der Dinge, der Urgrund aller Erſchei-nungen ward, nach zwei Richtungen, aus der Annah-me konkreter, ſtoffartiger Prinzipien, ſogenannter Na-turelemente, oder aus Prozeſſen der Verdünnung undVerdichtung, bald nach mechaniſchen, bald nach dyna-miſchen Anſichten, abgeleitet. Die vielleicht urſprüng-lich Indiſche Hypotheſe von vier oder fünf ſtoffartigverſchiedenen Elementen iſt von dem Lehrgedichte desEmpedokles an bis in die ſpäteſten Zeiten allen Na-turphiloſophemen beigemengt geblieben: ein uraltesZeugniß und Denkmal für das Bedürfniß des Men-ſchen, nicht blos in den Kräften, ſondern auch inqualitativer Weſenheit der Stoffe nach einer Verall-gemeinerung und Vereinfachung der Begriffe zu ſtreben. In der ſpäteren Entwickelung der Joniſchen Phyſio-logie erhob ſich Anaxagoras von Klazomenä von derAnnahme blos bewegender Kräfte der Materie zu derIdee eines von aller Materie geſonderten, ihre gleich-artigen kleinſten Theile entmiſchenden Geiſtes. Dieweltordnende Vernunft beherrſcht die kontinuirlichfortſchreitende Weltbildung, den Urquell aller Be-wegung und ſo auch aller phyſiſchen Erſcheinungen.Durch die Annahme eines zentrifugalen Umſchwunges,deſſen Nachlaſſen, wie wir ſchon oben erwähnt, denFall der Meteorſteine bewirkt, erklärt Anaxagoras denſcheinbaren (oſt-weſtlichen) himmliſchen Kreislauf. DieſeHypotheſe bezeichnet den Ausgangspunkt von Wirbel-Theorien, welche mehr denn zweitauſend Jahre ſpäterdurch Descartes, Huygens und Hooke eine große kos-miſche Wichtigkeit erhielten. Ob des Klazomeniersweltordnender Geiſt die Gottheit ſelbſt oder panthei-ſtiſch nur ein geiſtiges Prinzip alles Naturlebens be-zeichnet, bleibt dieſem Werke fremd. (Schluß folgt.)
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Fragmente aus Humboldt’s Kosmos. (Schluß.)

In einem grellen Kontraſte mit den beiden Abthei-lungen der Joniſchen Schule ſteht die, das Univerſumebenfalls umfaſſende, mathematiſche Symbolik der Py-thagoreer. Der Blick bleibt einſeitig geheftet in derWelt ſinnlich wahrnehmbarer Naturerſcheinungen aufdas Geſetzliche in der Geſtaltung (den fünf Grund-formen), auf die Begriffe von Zahlen, Maß, Harmo-nie und Gegenſätzen. Die Dinge ſpiegeln ſich in denZahlen, welche gleichſam eine „nachahmende Darſtel-lung“ von ihnen ſind. Die grenzenloſe Wiederholbar-keit und Erhöhung der Zahlen iſt der Charakter desEwigen, der Unendlichkeit der Natur. Das Weſender Dinge kann als Zahlenverhältniſſe, ihre Verände- |Seitenumbruch| |Spaltenumbruch| rungen und Umbildungen können als Zahlenkombina-tionen erkannt werden. Auch Plato’s Phyſik enthältVerſuche alle Weſenheit der Stoffe im Weltall undihrer Verwandlungsſtufen auf körperliche Formen unddieſe auf die einfachſten (triangularen) Flächen-Figu-ren zurückzuführen. Was aber die letzten Prinzipien(gleichſam die Elemente der Elemente) ſind, ſagt Platoin beſcheidenem Mißmuth, „weiß Gott allein, und wervon ihm geliebt wird unter den Menſchen.“ Eine ſol-che mathematiſche Behandlung phyſiſcher Erſcheinungen,die Ausbildung der Atomiſtik, die Philoſophie desMaßes und der Harmonie, hat noch ſpät auf die Ent-wicklung der Naturwiſſenſchaften eingewirkt, auch phan-taſiereiche Entdecker auf Abwege geführt, welche dieGeſchichte der phyſiſchen Weltanſchauung bezeichnet.„Es wohnt ein feſſelnder, von dem ganzen Alterthumegefeierter Zauber den einfachen Verhältniſſen der Zeitund des Raumes inne, wie ſie ſich in Tönen, in Zah-len und Linien offenbaren.“ Die Idee der Weltordnung und Weltregierung trittgeläutert und erhaben in den Schriften des Ariſtote-les hervor. Alle Erſcheinungen der Natur werden inden phyſiſchen Vorträgen (Auscultationes physicae) als bewegende Lebensthätigkeiten einer allgemeinenWeltkraft geſchildert. Von dem „unbewegten Bewegender Welt“ hängt der Himmel und die Natur (die tel-luriſche Sphäre der Erſcheinungen) ab. Der „Anord-ner,“ und der letzte Grund aller ſinnlichen Verände-rungen muß als ein Nichtſinnliches, von aller Ma-terie Getrenntes betrachtet werden. Die Einheit in denverſchiedenen Kraftäußerungen der Stoffe wird zumHauptprinzipe erhoben, und dieſe Kraftäußerungenſelbſt werden ſtets auf Bewegungen reduzirt. So fin-den wir in dem Buche von der Seele ſchon den Keimder Undulations-Theorie des Lichtes. Die Empfindungdes Sehens erfolgt durch eine Erſchütterung, eine Be-wegung des Mittels zwiſchen dem Geſicht und demgeſehenen Gegenſtande, nicht durch Ausflüſſe aus demGegenſtande oder dem Auge. Mit dem Sehen wirddas Hören verglichen, da der Schall ebenfalls eineFolge der Lufterſchütterung iſt. Ariſtoteles, indem er lehrt, durch die Thätigkeit derdenkenden Vernunft in dem Beſondern der wahrnehm-baren Einzelheiten das Allgemeine zu erforſchen, um-faßt immer das Ganze der Natur, und den innerenZuſammenhang nicht blos der Kräfte, ſondern auchder organiſchen Geſtalten. In dem Buche über dieTheile (Organe) der Thiere ſpricht er deutlich ſeinenGlauben an die Stufenleiter der Weſen aus, in derſie von niederen zu höheren Formen aufſteigen. DieNatur geht in ununterbrochenem, fortſchreitendem Ent-wickelungsgange von dem Unbelebten (Elementariſchen)durch die Pflanzen zu den Thieren über: zunächſt „zudem, was zwar noch kein eigentliches Thier, aber ſonahe mit dieſem verwandt iſt, daß es ſich im Ganzenwenig von ihm unterſcheidet.“ In dem Uebergangeder Bildungen „ſind die Mittelſtufen faſt unmerklich.“Das große Problem des Kosmos iſt dem Stagiritendie Einheit der Natur. „In ihr,“ ſagt er mit ſon-derbarer Lebendigkeit des Ausdrucks, „iſt nichts zuſam-menhangslos Eingeſchobenes wie in einer ſchlechtenTragödie.“ Das naturphiloſophiſche Streben, alle Erſcheinungendes einigen Kosmos Einem Erklärungsprinzipeunterzuordnen, iſt in allen phyſikaliſchen Schriftendes tiefſinnigen Weltweiſen und genauen Natur-beobachters nicht zu verkennen; aber der man-gelhafte Zuſtand des Wiſſens, die Unbekannt-ſchaft mit der Methode des Experimentirens, d. h.des Hervorrufens der Erſcheinungen unter beſtimmtenBedingniſſen, hinderte ſelbſt kleine Gruppen phyſiſcherProzeſſe in ihrem Kauſalzuſammenhange zu erfaſſen.Alles wurde reduzirt auf die immer wiederkehrendenGegenſätze von Kälte und Wärme, Feuchtigkeit undDürre, primitiver Dichtigkeit und Dünne; ja auf einBewirken von Veränderungen in der Körperwelt durcheine Art innerer Entzweiung (Antiperiſtaſe), welche anunſere jetzigen Hypotheſen der entgegengeſetzten Pola-rität, an die hervorgerufenen Kontraſte von + und —erinnert. Die vermeinten Löſungen der Probleme gebendann die Thatſachen ſelbſt verhüllt wieder, und derſonſt überall ſo mächtig konziſe Styl des Stagiritengeht in der Erklärung meteorologiſcher oder optiſcherProzeſſe oft in ſelbſtgefällige Breite und etwas Helle-niſche Vielredenheit über. Da der Ariſtoteliſche Sinnwenig auf Stoffverſchiedenheit, vielmehr ganz aufBewegung gerichtet iſt; ſo tritt die Grundidee, alletelluriſchen Naturerſcheinungen dem Impuls der Him-melsbewegung, dem Umſchwung der Himmelsſphäre zu-zuſchreiben, wiederholt hervor: geahnet, mit Vorliebegepflegt, aber nicht in abſoluter Schärfe und Beſtimmt-heit dargeſtellt. Der Impuls, welchen ich hier bezeichne, deutet nur |Spaltenumbruch| die Mittheilung der Bewegung als den Grund allerirdiſchen Erſcheinungen an. Pantheiſtiſche Anſichten ſindausgeſchloſſen. Die Gottheit iſt die höchſte „ordnendeEinheit, welche ſich in allen Kreiſen der geſammtenWelt offenbart, jedem einzelnen Naturweſen die Be-ſtimmung verleiht, als abſolute Macht Alles zuſammen-hält.“ Der Zweckbegriff und die theologiſchen Anſichtenwerden nicht auf die untergeordneten Naturprozeſſe, dieder anorganiſchen, elementariſchen Natur, angewandt,ſondern vorzugsweiſe auf die höheren Organiſationender Thier- und Pflanzenwelt. Auffallend iſt es, daß indieſen Lehren die Gottheit ſich gleichſam einer Anzahlvon Aſtralgeiſtern bedient, welche (wie der Maſſenver-theilung und der Perturbationen kundig) die Planetenin den ewigen Bahnen zu erhalten wiſſen. Die Geſtirneoffenbaren dabei das Bild der Göttlichkeit in der ſinn-lichen Welt. Des kleinen, Pſeudo-Ariſtoteliſchen, gewißſtoiſchen Buches vom Kosmos iſt hier, trotz ſeines Na-mens, nicht Erwähnung geſchehen. Es ſtellt zwar, na-turbeſchreibend und oft mit rhetoriſcher Lebendigkeitund Färbung, zugleich Himmel und Erde, die Strö-mungen des Meeres und des Luftkreiſes dar; aber esoffenbart keine Tendenz die Erſcheinungen des Kosmosauf allgemeine phyſikaliſche, d. h. in den Eigenſchaftender Materie gegründete, Prinzipien zurückzuführen. Ich habe länger bei der glänzendſten Epoche derNaturanſichten des Alterthums verweilt, um den frü-heſten Verſuchen der Verallgemeinung die Verſuche derneueren Zeit gegenüber zu ſtellen. In der Gedankenbewe-gung der Jahrhunderte, welche in Hinſicht auf dieErweiterung kosmiſcher Anſchauungen in einem anderenTheile dieſes Buches geſchildert worden iſt, zeichnenſich das Ende des dreizehnten und der Anfang desvierzehnten Jahrhunderts aus; aber das Opus majus von Roger Bacon, der Naturſpiegel des Vincenzvon Beauvais, die phyſiſche Geographie (Liber cos-mographicus) von Albert dem Großen, das Weltge-mälde (Imago Mundi) des Kardinals Petrus de Al-liaco (Pierre d’Ailly) ſind Werke, welche ſo mäch-tig ſie auch auf Zeitgenoſſen gewirkt haben, durchihren Inhalt nicht dem Titel entſprechen, den ſie füh-ren. Unter den Italieniſchen Gegnern der AriſtoteliſchenPhyſik wird Bernardino Teleſio aus Coſenza als derGründer einer rationellen Naturwiſſenſchaft bezeichnet.Alle Erſcheinungen der ſich paſſiv verhaltenden Materiewerden von ihm als Wirkungen zweier unkörperlichenPrinzipien (Thätigkeiten, Kräfte), von Wärme undKälte, betrachtet. Auch das ganze organiſche Leben,die „beſeelten“ Pflanzen und Thiere, ſind das Produktjener ewig entzweiten Kräfte: von denen vorzugsweiſedie eine, die Wärme, der himmliſchen; die andere, dieKälte, der irdiſchen Sphäre zugehört. Mit noch ungezügelterer Phantaſie, aber auch mittiefem Forſchungsgeiſte begabt, verſucht Giordano Brunoaus Nola in drei Werken: De la Causa, Principio eUni; Contemplationi circa lo Infinito, Universo eMondi inumerabili; und De Minimo et Maximo, dasWeltganze zu umfaſſen. In der Naturphiloſophie desTeleſio, eines Zeitgenoſſen des Copernicus, erkennt manwenigſtens das Beſtreben die Veränderungen der Mate-rie auf zwei ihrer Grundkräfte zu reduziren, „welchezwar als von außen wirkend gedacht werden,“ doch ähn-lich ſind den Grundkräften der Anziehung und Abſto-ßung in der dynamiſchen Naturlehre von Boscowich undKant. Die kosmiſchen Anſichten des Nolaners ſind reinmetaphyſiſch; ſie ſuchen nicht die Urſachen der ſinnlichenErſcheinungen in der Materie ſelbſt, ſondern berühren„die Unendlichkeit des mit ſelbſtleuchtenden Welten ge-füllten Raumes, die Beſeeltheit dieſer Welten, die Be-ziehungen der höchſten Intelligenz, Gottes zu dem Uni-verſum.“ Mit geringem mathematiſchen Wiſſen ausge-rüſtet, war Giordano Bruno doch bis zu ſeinem furcht-baren Martertode ein enthuſiaſtiſcher Bewunderer vonCopernicus, Tycho und Kepler. Zeitgenoſſe des Galilei,erlebte er nicht die Erfindung des Fernrohrs von HansLippershey und Zacharias Janſen, und alſo auch nichtdie Entdeckung der „kleinen Jupiterswelt“, der Venus-phaſen und der Nebelflecke. Mit kühner Zuverſichtauf das, was er nennt lume interno, ragione natu-rale, altezza dell’ intelleto, überließ er ſich glücklichenAhnungen über die Bewegung der Fixſterne, die pla-netenartige Natur der Kometen und die von der Kugel-form abweichende Geſtalt der Erde. Auch das Grie-chiſche Alterthum iſt voll von ſolchen uranologiſchen Ver-heißungen, die ſpäter erfüllt wurden. In der Gedankenentwickelung über kosmiſche Ver-hältniſſe, deren Hauptformen und Hauptepochen hieraufgezählt werden, war Kepler, volle 78 Jahre vordem Erſcheinen von Newton’s unſterblichem Werke der Principia philosophiae naturalis, einer mathematiſchenAnwendung der Gravitationslehre am nächſten. Wennder Eklektiker Simplicius blos im Allgemeinen denGrundſatz ausſprach, „das Nichtherabfallen der himm- |Spaltenumbruch| liſchen Körper werde dadurch bewirkt, daß der Umſchwung(die Centrifugalkraft) die Oberhand habe über die ei-gene Fallkraft, den Zug nach unten“; wenn JoannesPhiloponus, ein Schüler des Ammonius Hermeä, dieBewegung der Weltkörper „einem primitiven Stoße unddem fortgeſetzten Streben zum Falle“ zuſchrieb; wenn,wie wir ſchon früher bemerkt, Copernicus nur den all-gemeinen Begriff der Gravitation, wie ſie in der Sonneals dem Centrum der Planetenwelt, in der Erde und demMonde wirke, mit den denkwürdigen Worten bezeich-net: gravitatem non aliud esse quam appetentiamquandam naturalem partibus inditam a divina provi-dentia opificis universorum, ut in unitatem integri-tatemque suam sese conferant, in formam globi coë-untes: ſo finden wir bei Kepler in der Einleitung zudem Buche de Stella Martis zuerſt numeriſche Anga-ben von den Anziehungskräften, welche nach Verhält-niß ihrer Maſſen Erde und Mond gegen einander aus-üben. Er führt beſtimmt Ebbe und Fluth als einenBeweis an, daß die anziehende Kraft des Mondes (virtus tractoria) ſich bis zur Erde erſtrecke; ja daßdieſe Kraft, „ähnlich der, welche der Magnet aufdas Eiſen ausübt,“ die Erde des Waſſers beraubenwürde, wenn dieſe aufhörte dasſelbe anzuziehen. Lei-der gab der große Mann zehn Jahre ſpäter, 1619,vielleicht aus Nachgiebigkeit gegen Galilei, welcherEbbe und Fluth der Rotation der Erde zuſchrieb, dierichtige Erklärung auf, um in der Harmonice Mundi den Erdkörper als ein lebendiges Unthier zu ſchildern,deſſen wallfiſchartige Reſpiration, in periodiſchem, vonder Sonnenzeit abhängigen Schlaf und Erwachen, dasAnſchwellen und Sinken des Oceans verurſacht. Beidem mathematiſchen, ſchon von Laplace anerkanntenTiefſinne, welcher aus einer von Kepler’s Schriftenhervorleuchtet, iſt zu bedauern, daß der Entdecker vonden drei großen Geſetzen aller planetariſchen Bewegungnicht auf dem Wege fortgeſchritten iſt, zu welchemihn ſeine Anſichten über die Maſſenanziehung derWeltkörper geleitet hatten. Mit einer größeren Mannigfaltigkeit von Naturkennt-niſſen als Kepler begabt und Gründer vieler Theileeiner mathematiſchen Phyſik, unternahm Descartes ineinem Werke, das er Traité du Monde, auch SummaPhilosophia nannte, die ganze Welt der Erſcheinun-gen, die himmliſche Sphäre, und alles, was er vonder belebten und unbelebten irdiſchen Natur wußte, zuumfaſſen. Der Organismus der Thiere, beſonders derdes Menſchen, für welchen er eilf Jahre lang ſehrernſte anatomiſche Studien gemacht, ſollte das Werkbeſchließen. In der Korreſpondenz mit dem Pater Mer-ſenne findet man häufige Klagen über das langſameFortſchreiten der Arbeit und über die Schwierigkeit ſoviele Materien an einander zu reihen. Der Kosmus,den Descartes immer ſeine Welt (son Monde) nannte,ſollte endlich am Schluſſe des Jahres 1633 dem Druckübergeben werden, als das Gerücht von der Verur-theilung Galilei’s in der Inquiſition zu Rom, welcheserſt vier Monate ſpäter, im Oktober 1633, durch Gaſ-ſendi und Bouillaud verbreitet wurde, alles rückgän-gig machte und die Nachwelt eines großen, mit ſo vielMühe und Sorgfalt vollendeten Werkes beraubte. DieMotive der Nichtherausgabe des Kosmos waren Liebezu friedlicher Ruhe im einſamen Aufenthalte zu De-venter, wie die fromme Beſorgniß unehrerbietig gegendie Dekrete des heiligen Stuhles wider die planetari-ſche Bewegung der Erde zu ſein. Erſt 1664, alſovierzehn Jahre nach dem Tode des Philoſophen, wur-den einige Fragmente unter dem ſonderbaren Titel: Le Monde ou Traité de la Lumière gedruckt. Diedrei Kapitel, welche vom Lichte handeln, bilden dochkaum ein Viertel des Ganzen. Dagegen wurden dieAbſchnitte, welche urſprünglich zu dem Kosmos desDescartes gehörten und Betrachtungen über die Bewe-gung und Sonnenferne der Planeten, über den Erd-magnetismus, die Ebbe und Fluth, das Erdbebenund die Vulkane enthalten, in den dritten und vier-ten Theil des berühmten Werkes Principes de la Phi-losophie verſetzt. Der Kosmotheoros von Huygens, der erſt nach ſei-nem Tode erſchienen iſt, verdient, trotz ſeines bedeu-tungsvollen Namens, in dieſer Aufzählung kosmologi-ſcher Verſuche kaum genannt zu werden. Es ſind Träu-me und Ahnungen eines großen Mannes über diePflanzen- und Thierwelt auf den fernſten Weltkörpern,beſonders über die dort abgeänderte Geſtalt des Men-ſchengeſchlechts. Man glaubt Kepler’s Somnium astro-nomicum oder Kircher’s ekſtatiſche Reiſe zu leſen. DaHuygens ſchon, ganz wie die Aſtronomen unſerer Zeit,dem Monde alles Waſſer und alle Luft verſagte, ſo iſter über die Exiſtenz des Mondmenſchen noch verlege-ner als über die Bewohner der „dunſt- und wolken-reichen“ ferneren Planeten. Dem unſterblichen Verfaſſer des Werkes Philoso- |Seitenumbruch| |Spaltenumbruch| phiae Naturalis Principia mathematica gelang es denganzen uranologiſchen Theil des Kosmos durch die An-nahme einer einigen alles beherrſchenden Grundkraftder Bewegung in dem Kauſalzuſammenhange ſeinerErſcheinungen zu erfaſſen. Newton zuerſt hat die phy-ſiſche Aſtronomie zu der Löſung eines großen Problemsder Mechanik, zu einer mathematiſchen Wiſſenſchaft er-hoben. Die Quantität der Materie in jeglichem Welt-körper gibt das Maß ſeiner anziehenden Kraft: einerKraft, die in umgekehrtem Verhältniß des Quadratsder Entfernung wirkt und die Größe der Störungenbeſtimmt, welche nicht blos die Planeten, ſondern alleGeſtirne der Himmelsräume auf einander ausüben.Aber das Newtoniſche, durch Einfachheit und Allge-meinheit ſo bewunderungswürdige Theorem der Gravi-tation iſt in ſeiner kosmiſchen Anwendung nicht aufdie uranologiſche Sphäre beſchränkt, es beherrſcht auchdie telluriſchen Erſcheinungen in zum Theil noch uner-forſchten Richtungen; es gibt den Schlüſſel zu perio-diſchen Bewegungen im Ozean und in der Atmoſphäre,zu der Löſung von Problemen der Kapillarität, derEndosmoſe, vieler chemiſcher, elektromagnetiſcher undorganiſcher Prozeſſe. Newton ſelbſt unterſchied ſchondie Maſſenanziehung, wie ſie ſich in den Bewegungenaller Weltkörper und in den Phänomenen der Ebbeund Fluth äußert, von der Molekularanziehung, die inunendlich kleiner Entfernung und bei der innigſten Be-rührung wirkſam wird. Auf dieſe Weiſe zeigt ſich unter allen Verſuchen,das Veränderliche in der Sinnenwelt auf ein einzigesGrundprinzip zurückzuführen, die Lehre von der Gra-vitation als der umfaſſendſte und kosmiſch vielverhei-ßendſte. Allerdings laſſen ſich, trotz der glänzendſtenFortſchritte, welche in neueren Zeiten in der Stöchio-metrie (in der Rechenkunſt mit chemiſchen Elementenund in den Volumverhältniſſen der gemengten Gas-arten) gemacht ſind, noch nicht alle phyſikaliſchen Theo-rien der Stofflehre auf mathematiſch beſtimmbare Er-klärungsgründe zurückführen. Empiriſche Geſetze ſindaufgefunden und nach den weitverbreiteten Anſichtender Atomiſtik oder Korpuskular-Philoſophie iſt man-ches der Mathematik zugänglicher geworden; aber beider grenzenloſen Heterogeneität der Stoffe und denmannigfaltigen Aggregations-Zuſtänden der ſogenann-ten Maſſentheilchen ſind die Beweiſe jener empiriſchenGeſetze noch keineswegs aus der Theorie der Kontakt-anziehung mit der Gewißheit zu entwickeln, welche dieBegründung von Kepler’s drei großen empiriſchen Ge-ſetzen aus der Theorie der Maſſenanziehung oder Gra-vitation darbietet. Zu derſelben Zeit aber, in der Newton ſchon erkannthatte, daß alle Bewegungen der Weltkörper Folgen ei-ner und derſelben Kraft ſeien, hielt er die Gravitationſelbſt nicht, wie Kant, für eine Grundkraft der Mate-rie; ſondern entweder für abgeleitet von einer, ihmnoch unbekannten, höheren Kraft, oder für Folge eines„Umſchwunges des Aethers, welcher den Weltraum er-füllt, und in den Zwiſchenräumen der Maſſentheilchendünner iſt, nach außen aber an Dichtigkeit zunimmt.“Die letztere Anſicht iſt umſtändlich in einem Briefe anRobert Boyle (vom 28. Februar 1678) entwickelt, wel-cher mit den Worten endigt: „ich ſuche in dem Aetherdie Urſache der Gravitation.“ Acht Jahre ſpäter, wieman aus einem Schreiben an Halley erſieht, gab New-ton dieſe Hypotheſe des dünneren und dichteren Aethersgänzlich auf. Beſonders auffallend iſt es, daß er neunJahre vor ſeinem Tode, 1717, in der ſo überaus kur-zen Vorrede zu der zweiten Auflage ſeiner Optik esfür nöthig hielt beſtimmt zu erklären, daß er die Gra-vitation keineswegs für eine Grundkraft der Materie (essential property of bodies) halte: während Gilbertſchon 1600 den Magnetismus für eine aller Materieinwohnende Kraft anſah. So ſchwankend war der tief-ſinnigſte, immer der Erfahrung zugewandte Denker,Newton ſelbſt, über die „letzte mechaniſche Urſache“aller Bewegung. Es iſt allerdings eine glänzende, des menſchlichenGeiſtes würdige Aufgabe, die ganze Naturlehre vonden Geſetzen der Schwere an bis zu dem Bildungstriebein den belebten Körpern als ein organiſches Ganzesaufzuſtellen; aber der unvollkommene Zuſtand ſo vielerTheile unſeres Naturwiſſens ſetzt der Löſung jener Auf-gabe unüberwindliche Schwierigkeiten entgegen. DieUnvollendbarkeit aller Empirie, die Unbegrenztheit derBeobachtungsſphäre macht die Aufgabe, das Veränder-liche der Materie aus den Kräften der Materie ſelbſtzu erklären, zu einer unbeſtimmten. Das Wahrgenom- |Spaltenumbruch| mene erſchöpft bei weitem nicht das Wahrnehmbare.Wenn wir, um nur an die Fortſchritte der uns näheren Zeitzu erinnern, das unvollkommene Naturwiſſen von Gilbert,Robert Boyle und Hales mit dem jetzigen vergleichen, wirdazu der mit jedem Jahrzehend zunehmenden Schnellig-keit des Fortſchrittes gedenken; ſo erfaſſen wir die pe-riodiſchen, endloſen Umwandlungen, welche allen phy-ſikaliſchen Wiſſenſchaften noch bevorſtehen. Neue Stoffeund neue Kräfte werden entdeckt werden. Wenn auchviele Naturprozeſſe, wie die des Lichts, der Wärme unddes Elektro-Magnetismus, auf Bewegung (Schwingun-gen) reduzirt, einer mathematiſchen Gedankenentwicke-lung zugänglich geworden ſind; ſo bleiben übrig dieoft erwähnten, vielleicht unbezwingbaren Aufgaben vonder Urſache chemiſcher Stoffverſchiedenheit, wie von derſcheinbar allen Geſetzen entzogenen Reihung in derGröße, der Dichtigkeit, Achſenſtellung und Bahn-Ex-zentricität der Planeten, in der Zahl und dem Abſtandeihrer Satelliten, in der Geſtalt der Kontinente und derStellung ihrer höchſten Bergketten. Die hier beiſpiels-weiſe genannten räumlichen Verhältniſſe können bishernur als etwas thatſächlich in der Natur Daſeiendes be-trachtet werden. Sind die Urſachen und die Verkettungdieſer Verhältniſſe noch nicht ergründet, ſo nenne ich ſiedarum aber nicht zufällig. Sie ſind das Reſultat vonBegebenheiten in den Himmelsräumen bei Bildungunſeres Planetenſyſtems, von geognoſtiſchen Vorgängenbei der Erhebung der äußerſten Erdſchichten als Kon-tinente und Gebirgsketten. Unſere Kenntniß von derUrzeit der phyſikaliſchen Weltgeſchichte reicht nicht hochgenug hinauf, um das jetzt Daſeiende als etwas Wer-dendes zu ſchildern. Wo demnach der Kauſalzuſammenhang der Erſchei-nungen noch nicht hat vollſtändig erkannt werden kön-nen, iſt die Lehre vom Kosmos oder die phyſiſche Welt-beſchreibung nicht eine abgeſonderte Disziplin aus demGebiet der Naturwiſſenſchaften. Sie umfaßt vielmehrdieſes ganze Gebiet, die Phänomene beider Sphären,der himmliſchen und der telluriſchen; aber ſie umfaßtſie unter dem einigen Geſichtspunkte des Strebens nachder Erkenntniß eines Weltganzen. Wie „bei der Dar-ſtellung des Geſchehenen in der moraliſchen und politi-ſchen Sphäre der Geſchichtsforſcher nach menſchlicherAnſicht den Plan der Weltregierung nicht unmittelbarerſpähen, ſondern nur an den Ideen erahnen kann,durch die ſie ſich offenbaren“; ſo durchdringt auch denNaturforſcher bei der Darſtellung der kosmiſchen Ver-hältniſſe ein inniges Bewußtſein, daß die Zahl derwelttreibenden, der geſtaltenden und ſchaffenden Kräftekeinesweges durch das erſchöpft iſt, was ſich bisher ausder unmittelbaren Beobachtung und Zergliederung derErſcheinungen ergeben hat.