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Alexander von Humboldt: „Das nächtliche Leben im Urwald“, in: ders., Sämtliche Schriften digital, herausgegeben von Oliver Lubrich und Thomas Nehrlich, Universität Bern 2021. URL: <https://humboldt.unibe.ch/text/1849-Das_naechtliche_Leben-01-neu> [abgerufen am 31.01.2023].

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https://humboldt.unibe.ch/text/1849-Das_naechtliche_Leben-01-neu
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Titel Das nächtliche Leben im Urwald
Jahr 1849
Ort Stuttgart; Tübingen
Nachweis
in: Morgenblatt für gebildete Leser 225 (19. September 1849), S. 897–898; 226 (20. September 1849), S. 902–903; 227 (21. September 1849), S. 905–906; 228 (22. September 1849), S. 910–911.
Entsprechungen in Buchwerken
Alexander von Humboldt, Ansichten der Natur, Dritte verbesserte und vermehrte Ausgabe, 2 Bände, Stuttgart und Tübingen: Cotta 1849, Band 1, S. 319–337.
Sprache Deutsch
Schriftart Fraktur
Identifikation
Textnummer Druckausgabe: VI.118
Dateiname: 1849-Das_naechtliche_Leben-01-neu
Statistiken
Seitenanzahl: 8
Spaltenanzahl: 16
Zeichenanzahl: 24799

Weitere Fassungen
Das nächtliche Leben im Urwald (Stuttgart; Tübingen, 1849, Deutsch)
The Nocturnal Life of Animals in the Primeval Forest (London, 1849, Englisch)
The nocturnal life of animals in the primeval forest (London, 1849, Englisch)
Nocturnal Life of Animals in the Primeval Forest (London, 1849, Englisch)
The forest at midnight (Banbury, 1849, Englisch)
Life of animals in the primeval forest (Belfast, 1849, Englisch)
Das nächtliche Thierleben im Urwalde (Leipzig, 1849, Deutsch)
A Burning Day on the Orinoco (London, 1850, Englisch)
A Burning Day on the Orinoco (Nottingham, 1850, Englisch)
Nocturnal Life of Animals. – A Night on the Apure (London, 1850, Englisch)
Nocturnal life of animals. – A night on the Apure (London, 1850, Englisch)
Nocturnal Life of Animals. – A Night on the Apure (Newcastle-upon-Tyne, 1850, Englisch)
Nocturnal Life of Animals. – A night on the Apure (Devizes, 1850, Englisch)
Nocturnal Life of Animals – A Night on the Apure (Manchester, 1850, Englisch)
Nocturnal life of animals in the primeval forest (Pietermaritzburg, 1850, Englisch)
The Forest at Midnight (Worcester, 1850, Englisch)
Nocturnal life of animals in the primeval forest (London, 1851, Englisch)
Der Waldsaum am Orinoco (Leipzig, 1851, Deutsch)
Das nächtliche Thierleben im Urwalde (Baltimore, Maryland, 1853, Deutsch)
Syd-Amerikas skogar (Borgå, 1854, Schwedisch)
A night on the banks of a south american river (Glasgow, 1856, Englisch)
[Das nächtliche Leben im Urwald] (Philadelphia, Pennsylvania, 1858, Englisch)
Vida nocturna dos animaes nas florestas do Novo Mundo (São Luís, 1859, Portugiesisch)
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Das nächtliche Leben im Urwald. Aus der dritten Auflage von Alexander v. Humboldts Anſichtender Natur. *

Es iſt vielleicht noch nicht vorgekommen, daß es einemSchriftſteller vergönnt war, eines ſeiner Werke faſt nach einemhalben Jahrhundert wieder vorzunehmen und zu verjüngen. Zueinem ſolchen literariſchen Phänomen gehörte das ſeltene Maßgeiſtiger und körperlicher Kräfte, wie ſie ſich in Alexander von Humboldt auf’s glücklichſte vereinigen. — Von ſeiner großenEntdeckungsreiſe in die tropiſchen Striche der neuen Welt zurück-gekehrt, gab Humboldt, neben den umfangreichen Werken, welchedie Früchte jener Reiſe mittheilten, zwei kleine Bände heraus,welche er Anſichten der Natur betitelte. Sein Zweck wardabei, durch lebendige Darſtellungen den Naturgenuß zu erhöhen,zugleich aber die Einſicht in das harmoniſche Zuſammenwirkender Naturkräfte zu verbreiten, der Kräfte, für deren Erkenntnißer ſo eben durch ſeine großartigen Beobachtungen in der neuenWelt ganz neue Bahnen gebrochen hatte. Sehr ſchwer war dieAufgabe, einen literariſchen und einen rein wiſſenſchaftlichen Zweckzu verbinden, „gleichzeitig,“ wie er ſelbſt ſagt, „die Phantaſiezu beſchäftigen und durch Vermehrung des Wiſſens das Lebenmit Ideen zu bereichern.“ Humboldt löste ſie auf’s glücklichſte.Das Buch iſt ſeiner Zeit ſehr viel geleſen worden und hat durchVerbreitung großer Gedanken und reiner Begriffe im großenPublikum wie in den gelehrten Kreiſen Bedeutendes gewirkt. ImJahr 1826 erſchien eine zweite, nicht bedeutend vermehrte Aus-gabe der Schrift. Seitdem hat nun die geſammte Naturwiſſen-ſchaft die außerordentlichſten Fortſchritte gemacht, Humboldt ſelbſtſieht jezt gegen damals ſeinen Geſichtskreis ausnehmend erwei-tert, und ſo bot ſich dem raſtlos Thätigen von ſelbſt der Ge-danke an, jene Schrift, welche vor mehr als einem Menſchen-alter deutſche Bildung fördern helfen, für ein neues Geſchlechtnach den jetzigen Standpunkten der Wiſſenſchaft und den Be-dürfniſſen der Zeit umzuarbeiten. Er entſchloß ſich dazu, nach-dem er eben mit der größern Hälfte ſeines Kosmos eine rieſen-hafte Arbeit zu Stande gebracht, und dieſe dritte Ausgabe der |Spaltenumbruch| Anſichten der Natur erſchien an dem Tage des Septembers, andem der große Naturforſcher ſein achtzigſtes Lebensjahr zurück-gelegt. Er ſagt im Vorwort zu der vorliegenden Ausgabe: „Faſtalle wiſſenſchaftlichen Erläuterungen ſind ergänzt oder durch neue,inhaltreichere erſezt worden. Ich habe gehofft, den Trieb zumStudium der Natur dadurch zu beleben, daß in dem kleinſtenRaume die mannigfaltigſten Reſultate gründlicher Beobachtungzuſammengedrängt, die Wichtigkeit genauer numeriſcher Angabenund ihrer ſinnigen Vergleichung unter einander erkannt, unddem dogmatiſchen Halbwiſſen wie der vornehmen Zweifelſuchtgeſteuert werde, welche in den ſogenannten höhern Kreiſen desLebens einen langen Beſitz haben.“ Der Einfluß der Schrift wird heute noch viel bedeutenderſeyn als vor zwanzig und vor vierzig Jahren: ſie findet ein weitgrößeres Feld der Wirkſamkeit; naturwiſſenſchaftliche Vorſtellun-gen und Kenntniſſe ſind im Publikum ungleich verbreiteter alsdamals, aber eben damit haben auch jene zwei von Humboldtangedeuteten Kopfübel der gebildeten Welt die anſehnlichſte Aus-breitung gewonnen. Die Arznei, welche der große Arzt bietet,iſt vortrefflich; möchte ſie gut anſchlagen! — Wo dieß aber derFall iſt, kann leicht eine ſehr erſprießliche Nebenwirkung ein-treten. Wie geſagt, iſt ein Hauptzweck von Humboldts meiſter-haften Schilderungen und Erläuterungen, uns das Spiel derNaturkräfte in ihrer ewigen Harmonie zu vergegenwärtigen, unszu zeigen, wie bei allen Verwicklungen und Entwicklungen imNaturleben, wie ſelbſt in der Störung die ſtrenge Geſetzlichkeitherrſcht, die das allgemeine Gleichgewicht erhält. Dieß Allesmahnt aber den Unterrichteten von ſelbſt an die Geſetze, nachdenen ſich die Weltgeſchichte fortleitet, und das Buch bietet ihmdie mannigfachſte Gelegenheit zu fruchtbaren Vergleichungenzwiſchen den Naturerſcheinungen und den Bewegungen des Völ-kerlebens. So können Humboldts „Anſichten,“ indem ſie Natur-kenntniſſe verbreiten, zugleich dazu beitragen, in wohl organiſir-ten Köpfen politiſche Begriffe und Leidenſchaften zu reinigen. Es iſt uns geſtattet, einige neue Abſchnitte des bedeutendenWerks unſern Leſern vorzulegen. Wir wählen ſolche, welchefür ſich daſtehen, oder ſich ohne Zwang lostrennen laſſen.

* Stuttgart und Tübingen. J. G. Cotta’ſcher Verlag. 1849.
|898| |Spaltenumbruch| Wenn die ſtammweiſe ſo verſchiedene Lebendig-keit des Naturgefühls, wenn die Beſchaffenheit derLänder, welche die Völker gegenwärtig bewohnen oderauf früheren Wanderungen durchzogen haben, dieSprachen mehr oder minder mit ſcharf bezeichnendenWörtern für Berggeſtaltung, Zuſtand der Vegetation,Anblick des Luftkreiſes, Umriß und Gruppirung derWolken bereichern, ſo werden durch langen Gebrauchund durch literariſche Willkür viele dieſer Bezeichnun-gen von ihrem urſprünglichen Sinne abgewendet. Fürgleichbedeutend wird allmählig gehalten, was getrenntbleiben ſollte; und die Sprachen verlieren von derAnmuth und Kraft, mit der ſie, naturbeſchreibend,den phyſiognomiſchen Charakter der Landſchaft darzu-ſtellen vermögen. Um den linguiſtiſchen Reichthumzu beweiſen, welchen ein inniger Contact mit derNatur und die Bedürfniſſe des mühevollen Nomaden-lebens haben hervorrufen können, erinnere ich an dieUnzahl von charakteriſtiſchen Benennungen, durch dieim Arabiſchen und Perſiſchen Ebenen, Steppen undWüſten unterſchieden werden: je nachdem ſie ganznackt, oder mit Sand bedeckt, oder durch Felsplattenunterbrochen ſind, einzelne Weideplätze umſchließenoder lange Züge geſelliger Pflanzen darbieten. Faſteben ſo auffallend ſind in alt-caſtilianiſchen Idiomendie vielen Ausdrücke für die Phyſiognomik der Ge-birgsmaſſen, für diejenigen ihrer Geſtaltungen, welcheunter allen Himmelsſtrichen wiederkehren und ſchonin weiter Ferne die Natur des Geſteins offenbaren.Da Stämme ſpaniſcher Abkunft den Abhang der An-deskette, den gebirgigen Theil der canariſchen Inſeln,der Antillen und Philippinen bewohnen, und dieBodengeſtaltung dort in einem größern Maßſtabe alsirgendwo auf der Erde (den Himalaya und das tübe-taniſche Hochland etwa abgerechnet) die Lebensart derBewohner bedingt, ſo hat die Formbezeichnung derBerge in der Trachyt-, Baſalt- und Porphyrregion,wie im Schiefer-, Kalk- und Sandſteingebirge intäglichem Gebrauche ſich glücklich erhalten. In dengemeinſamen Schatz der Sprache geht dann auch dasNeugeformte über. Der Menſchen Rede wird durchalles belebt, was auf Naturwahrheit hindeutet,ſey es in der Schilderung der von der Außenweltempfangenen ſinnlichen Eindrücke, oder des tief be-wegten Gedanken und innerer Gefühle. Das unabläſſige Streben nach dieſer Wahrheitiſt im Auffaſſen der Erſcheinungen wie in der Wahldes bezeichnenden Ausdrucks der Zweck aller Natur-beſchreibung. Es wird derſelbe am leichteſten erreichtdurch Einfachheit der Erzählung von dem Selbſt-beobachteten, dem Selbſterlebten, durch die beſchrän-kende Individualiſirung der Lage, an welche ſich dieErzählung knüpft. Verallgemeinerung phyſiſcher An- |Spaltenumbruch| ſichten, Aufzählung der Reſultate gehört in die Lehrevom Kosmos, die freilich noch immer für uns eineinductive Wiſſenſchaft iſt; aber die lebendige Schilde-rung der Organismen (der Thiere und der Pflanzen)in ihrem landſchaftlichen, örtlichen Verhältniß zurvielgeſtalteten Erdoberfläche (als ein kleines Stück desgeſammten Erdenlebens) bietet das Material zu jenerLehre dar. Sie wirkt anregend auf das Gemüth da,wo ſie einer äſthetiſchen Behandlung großer Naturer-ſcheinungen fähig iſt. Zu dieſen lezteren gehört vorzugsweiſe die uner-meßliche Waldgegend, welche in der heißen Zone vonSüdamerika die mit einander verbundenen Stromge-biete des Orinoco und des Amazonenfluſſes füllt. Esverdient dieſe Gegend im ſtrengſten Sinne des Wortsden Namen Urwald, mit dem in neuern Zeiten ſo vielMißbrauch getrieben wird. Urwald, Urzeit und Urvolk ſind ziemlich unbeſtimmte Begriffe, meiſt nurrelativen Gehalts. Soll jede wilde Forſt voll dichtenBaumwuchſes, an den der Menſch nicht die zerſtörendeHand gelegt, ein Urwald heißen, ſo iſt die Erſchei-nung vielen Theilen der gemäßigten und kalten Zoneeigen. Liegt aber der Charakter in der Undurchdring-lichkeit, in der Unmöglichkeit, ſich in langen Streckenzwiſchen Bäumen von acht bis zwölf Fuß Durchmeſſerdurch die Axt einen Weg zu bahnen, ſo gehört derUrwald ausſchließlich der Tropengegend an. Auchſind es keineswegs immer die ſtrickförmigen, ranken-den, kletternden Schlingpflanzen (Lianen), welche, wieman in Europa fabelt, die Undurchdringlichkeit ver-urſachen. Die Lianen bilden oft nur eine ſehr kleineMaſſe des Unterholzes. Das Haupthinderniß ſinddie, allen Zwiſchenraum füllenden, ſtrauchartigen Ge-wächſe, in einer Zone, wo alles, was den Bodenbedeckt, holzartig wird. Wenn Reiſende, kaum ineiner Tropengegend gelandet, und dazu noch auf In-ſeln, ſchon in der Nähe der Küſte glauben in Ur-wälder eingedrungen zu ſeyn, ſo liegt die Täuſchungwohl nur in der Sehnſucht nach Erfüllung eineslange gehegten Wunſches. Nicht jeder Tropenwaldiſt ein Urwald. Ich habe mich des leztern Wortesin meinem Reiſewerke faſt nie bedient, und dochglaube ich unter allen jezt lebenden Naturforſchernmit Bonpland, Martius, Pöppig, Robert und RichardSchomburgk im Innerſten eines großen Continentsam längſten in Urwäldern gelebt zu haben. (Fortſetzung folgt.) |902| |Spaltenumbruch| |Spaltenumbruch|

Das nächtliche Leben im Urwald.

(Fortſetzung.)

Trotz des auffallenden Reichthums der ſpaniſchenSprache an naturbeſchreibenden Bezeichnungen, deſſenich oben erwähnte, wird ein und daſſelbe Wort, monte, zugleich für Berg und Wald, für cerro (mon-taña) und selva gebraucht. In einer Arbeit über diewahre Breite und die größte Ausdehnung der Andes-kette gegen Oſten habe ich gezeigt, wie jene zweifacheBedeutung des Wortes monte die Veranlaſſung geweſeniſt, daß eine ſchöne und weit verbreitete engliſcheKarte von Südamerika Ebenen mit hohen Bergreihenbedeckt hat. Wo die ſpaniſche Karte von La Cruz Olme-dilla, die ſo vielen andern zum Grunde gelegt wor-den iſt, Cacao-Wald, montes de Cacao, angegebenhatte, ſind Cordilleren entſtanden, obgleich der Cacao-baum nur die heißeſte Niederung ſucht. Wenn man die Waldgegend, welche ganz Süd-amerika zwiſchen den Grasſteppen von Venezuela (losLlanos de Caracas) und den Pampas von BuenosAires, zwiſchen 8° nördlicher und 19° ſüdlicher Breiteeinnimmt, mit einem Blicke umfaßt, ſo erkennt man,daß dieſer zuſammenhangenden Hylaea der Tropenzonekeine andere an Ausdehnung auf dem Erdboden gleich-kommt. Sie hat ohngefähr zwölfmal den Flächenin-halt von Deutſchland. Nach allen Richtungen vonStrömen durchſchnitten, deren Bei- und Zuflüſſe erſterund zweiter Ordnung unſere Donau und unſern Rheinan Waſſerreichthum bisweilen übertreffen, verdankt ſiedie wunderſame Ueppigkeit ihres Baumwuchſes der |903| |Spaltenumbruch| zweifach wohlthätigen Einwirkung großer Feuchtigkeitund Wärme. In der gemäßigten Zone, beſonders inEuropa und dem nördlichen Aſien, kann man dieWälder nach Baumgattungen benennen, die als ge-ſellige Pflanzen (plantae sociales) zuſammenwachſen und die einzelnen Wälder bilden. In dennördlichen Eichen-, Tannen- und Birken-, in den öſt-lichen Lindenwaldungen herrſcht gewöhnlich nur EineSpecies der Amentaceen, der Coniferen oder der Ti-liaceen; bisweilen iſt eine Art der Nadelhölzer mitLaubholz gemengt. Eine ſolche Einförmigkeit in derZuſammengeſellung iſt den Tropenwaldungen fremd.Die übergroße Mannigfaltigkeit der blüthenreichenWaldflora verbietet die Frage, woraus die Urwälderbeſtehen? Eine Unzahl von Familien drängt ſich hierzuſammen; ſelbſt in kleinen Räumen geſellt ſich kaumgleiches zu gleichem. Mit jedem Tage, bei jedemWechſel des Aufenthalts bieten ſich dem Reiſendenneue Geſtaltungen dar; oft Blüthen, die er nichterreichen kann, wenn ſchon Blattform und Verzwei-gung ſeine Aufmerkſamkeit anziehen. Die Flüſſe mit ihren zahlloſen Seitenarmen ſinddie einzigen Wege des Landes. Aſtronomiſche Beob-achtungen oder, wo dieſe fehlen, Compaßbeſtimmungender Flußkrümmung haben zwiſchen dem Orinoco, demCaſſiquiare und dem Rio Negro mehrfach gezeigt, wiein der Nähe einiger weniger Meilen zwei einſameMiſſionsdörfer liegen, deren Mönche anderthalb Tagebrauchen, um in den aus einem Baumſtamm gezim-merten Canoen, den Windungen kleiner Bäche fol-gend, ſich gegenſeitig zu beſuchen. Den auffallendſtenBeweis von der Undurchdringlichkeit einzelner Theiledes Waldes gibt aber ein Zug der Lebensweiſe desgroßen amerikaniſchen Tigers oder pantherartigenJaguars. Während durch Einführung des europäiſchenRindviehes, der Pferde und Mauleſel die reißenden |Spaltenumbruch| Thiere in den Llanos und Pampas, in den weitenbaumloſen Grasfluren von Varinas, dem Meta undBuenos Aires, reichliche Nahrung finden und ſich ſeitder Entdeckung von Amerika dort, im ungleichenKampfe mit den Viehheerden, anſehnlich vermehrt haben,führen andere Individuen derſelben Gattung in demDickicht der Wälder, den Quellen des Orinoco nahe,ein mühevolles Leben. Der ſchmerzhafte Verluſt einesgroßen Hundes vom Doggengeſchlecht (unſeres treue-ſten und freundlichſten Reiſegefährten), in einemBivouak nahe bei der Einmündung des Caſſiquiarein den Orinoco, hatte uns bewogen, ungewiß, ober vom Tiger zerriſſen ſey, aus dem Inſektenſchwarmder Miſſion Esmeralda zurückkehrend, abermals eineNacht an demſelben Orte zuzubringen, wo wir denHund ſo lange vergebens geſucht. Wir hörten wie-der in großer Nähe das Geſchrei der Jaguars, wahr-ſcheinlich derſelben, denen wir die Unthat zuſchreibenkonnten. Da der bewölkte Himmel alle Sternbeobach-tungen hinderte, ſo ließen wir uns durch den Dol-metſcher (linguäraz) wiederholen, was die Eingebor-nen, unſere Ruderer, von den Tigern der Gegenderzählten. Es findet ſich unter dieſen nicht ſelten der ſoge-nannte ſchwarze Jaguar, die größte und blutgierigſteAbart, mit ſchwarzen, kaum ſichtbaren Flecken auftief dunkelbraunem Felle. Sie lebt am Fuß der Ge-birge Maraguaca und Unturan. „Die Jaguars,“ er-zählte ein Indianer aus dem Stamm der Durimunder,„verirren ſich aus Wanderungsluſt und Raubgier inſo undurchdringliche Theile der Waldung, daß ſieauf dem Boden nicht jagen können und, ein Schrecknißder Affenfamilien und der Viverre mit dem Roll-ſchwanze (Cercoleptes), lange auf den Bäumen leben.“ (Fortſetzung folgt.) |905| |Spaltenumbruch|

Das nächtliche Leben im Urwald.

(Fortſetzung.)

Die deutſchen Tagebücher, welchen ich dieß ent-nehme, ſind in der franzöſiſch von mir publicirtenReiſebeſchreibung nicht ganz erſchöpft worden. Sieenthalten eine umſtändliche Schilderung des nächt-lichen Thierlebens, ich könnte ſagen der nächtlichenThierſtimmen, im Walde der Tropenländer. Ich haltedieſe Schilderung für vorzugsweiſe geeignet, einemBuche anzugehören, das den Titel: Anſichten derNatur führt. Was in Gegenwart der Erſcheinung,oder bald nach den empfangenen Eindrücken nieder-geſchrieben iſt, kann wenigſtens auf mehr LebensfriſcheAnſpruch machen als der Nachklang ſpäter Erinnerung. Durch den Rio Apure, deſſen Ueberſchwemmun-gen ich in dem Aufſatz über die Wüſten und Steppengedacht, gelangten wir, von Weſten gegen Oſtenſchiffend, in das Bette des Orinoco. Es war dieZeit des niedrigen Waſſerſtandes. Der Apure hattekaum 1200 Fuß mittlerer Breite, während ich diedes Orinoco bei ſeinem Zuſammenfluß mit dem Apure(unfern dem Granitfelſen Curiquima, wo ich eineStandlinie meſſen konnte) noch über 11,430 Fußfand. Doch iſt dieſer Punkt, der Fels Curiquima,in gerader Linie noch hundert geographiſche Meilenvom Meere und von dem Delta des Orinoco ent-fernt. Ein Theil der Ebene, die der Apure und derPayara durchſtrömen, iſt von Stämmen der Yarurosund Achaguas bewohnt. In den Miſſionsdörfern derMönche werden ſie Wilde genannt, weil ſie unab-hängig leben wollen. In dem Grad ihrer ſittlichen |Spaltenumbruch| Rohheit ſtehen ſie aber ſehr gleich mit denen, die getauft,„unter der Glocke (baxo la campana)“ leben und dochjedem Unterrichte, jeder Belehrung fremd bleiben. Von der Inſel del Diamante an, auf welcherdie ſpaniſch ſprechenden Zambos Zuckerrohr bauen,tritt man in eine große und wilde Natur. Die Luft warvon zahlloſen Flamingos (Phoenicopterus) und andernWaſſervögeln erfüllt, die wie ein dunkles, in ſeinenUmriſſen ſtets wechſelndes Gewölk ſich von demblauen Himmelsgewölbe abhoben. Das Flußbetteverengte ſich bis zu 900 Fuß Breite und bildete invollkommen gerader Richtung einen Kanal, der aufbeiden Seiten von dichter Waldung umgeben iſt.Der Rand des Waldes bietet einen ungewohntenAnblick dar. Vor der faſt undurchdringlichen Wandrieſenartiger Stämme von Caesalpinia, Cedrela und Desmanthus erhebt ſich auf dem ſandigen Flußuferſelbſt mit großer Regelmäßigkeit eine niedrige Heckevon Sauso. Sie iſt nur vier Fuß hoch und beſtehtaus einem kleinen Strauche, Hermesia castaneifolia, welcher ein neues Geſchlecht aus der Familie derEuphorbiaceen bildet. Einige ſchlanke dornige Pal-men, Piritu und Corozo von den Spaniern genannt(vielleicht Martinezia- oder Bactrisarten), ſtehen derHecke am nächſten. Das Ganze gleicht einer be-ſchnittenen Gartenhecke, die nur in großen Entfer-nungen von einander thorartige Oeffnungen zeigt.Die großen vierfüßigen Thiere des Waldes habenunſtreitig dieſe Oeffnungen ſelbſt gemacht, um bequeman den Strom zu gelangen. Aus ihnen ſieht man,vorzüglich am frühen Morgen und bei Sonnenunter-gang, heraustreten, um ihre Jungen zu tränken, denamerikaniſchen Tiger, den Tapir und das Nabelſchwein |906| |Spaltenumbruch| (Pecari, Dicotyles). Wenn ſie, durch ein vorüber-fahrendes Canot der Indianer beunruhigt, ſich inden Wald zurückziehen wollen, ſo ſuchen ſie nicht dieHecke des Sauso mit Ungeſtüm zu durchbrechen, ſon-dern man hat die Freude, die wilden Thiere vier-bis fünfhundert Schritte langſam zwiſchen der Heckeund dem Fluß fortſchreiten und in der nächſten Oeff-nung verſchwinden zu ſehen. Während wir 74 Tagelang auf einer wenig unterbrochenen Flußſchifffahrtvon 380 geographiſchen Meilen auf dem Orinoco, bisſeinen Quellen nahe, auf dem Caſſiquiare und demRio Negro in ein enges Canot eingeſperrt waren,hat ſich uns an vielen Punkten daſſelbe Schauſpielwiederholt; ich darf hinzuſetzen, immer mit neuemReize. Es erſcheinen, um zu trinken, ſich zu badenoder zu fiſchen, gruppenweiſe Geſchöpfe der verſchie-denſten Thierklaſſen: mit den großen Mammalien viel-farbige Reiher, Palamedeen und die ſtolz einherſchrei-tenden Hokkohühner (Crax Alector, C. Pauxi). „Hiergeht es zu wie im Paradieſe, es como en el Paraiso,«ſagte mit frommer Miene unſer Steuermann, einalter Indianer, der in dem Hauſe eines Geiſtlichenerzogen war. Aber der ſüße Friede goldener Urzeitherrſcht nicht in dem Paradieſe der amerikaniſchenThierwelt. Die Geſchöpfe ſondern, beobachten undmeiden ſich. Die Capybara, das drei bis vier Fußlange Waſſerſchwein, eine koloſſale Wiederholungdes gewöhnlichen braſilianiſchen Meerſchweinchens (Cavia Aguti), wird im Fluſſe vom Crocodil, auf derTrockne vom Tiger gefreſſen. Es läuft dazu ſo ſchlecht,daß wir mehrmals einzelne aus der zahlreichen Heerdehaben einholen und erhaſchen können. Unterhalb der Miſſion von Santa Barbara deArichuna brachten wir die Nacht wie gewöhnlichunter freiem Himmel, auf einer Sandfläche am Uferdes Apure zu. Sie war von dem nahen, undurch-dringlichen Walde begrenzt. Wir hatten Mühedürres Holz zu finden, um die Feuer anzuzünden, mitdenen nach der Landesſitte jedes Bivouak wegen derAngriffe des Jaguars umgeben wird. Die Nachtwar von milder Feuchte und mondhell. MehrereCrocodile näherten ſich dem Ufer. Ich glaube bemerktzu haben, daß der Anblick des Feuers ſie eben ſoanlockt wie unſere Krebſe und manche andere Waſſer-thiere. Die Ruder unſerer Nachen wurden ſorgfältigin den Boden geſenkt, um unſere Hangematten daranzu befeſtigen. Es herrſchte tiefe Ruhe; man hörtenur bisweilen das Schnarchen der Süßwaſſer-Delphine, welche dem Flußnetze des Orinoco wie(nach Colebrooke) dem Ganges bis Benares hin eigen-thümlich ſind und in langen Zügen auf einander folgen. (Schluß folgt.)
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Das nächtliche Leben im Urwald.

(Schluß.)

Nach eilf Uhr entſtand ein ſolcher Lärmen imnahen Walde, daß man die übrige Nacht hindurchauf jeden Schlaf verzichten mußte. Wildes Thierge-ſchrei durchtobte die Forſt. Unter den vielen Stim-men, die gleichzeitig ertönten, konnten die Indianernur die erkennen, welche nach kurzer Pauſe einzelngehört wurden. Es waren das einförmig jammerndeGeheul der Aluaten (Brüllaffen), der winſelnde, feinflötende Ton der kleinen Sapajous, das ſchnarrendeMurren des geſtreiften Nachtaffen (Nyctipithecus tri-virgatus, den ich zuerſt beſchrieben habe), das abge-ſezte Geſchrei des großen Tigers, des Cuguars oderungemähnten amerikaniſchen Löwen, des Pecari, desFaulthiers und einer Schaar von Papageien, Parraquas |911| |Spaltenumbruch| (Ortaliden) und anderer faſanenartigen Vögel. Wenndie Tiger dem Rande des Waldes nahe kamen, ſuchteunſer Hund, der vorher ununterbrochen bellte, heu-lend Schutz unter den Hangematten. Bisweilen kamdas Geſchrei des Tigers von der Höhe eines Baumesherab. Es war dann ſtets von den klagenden Pfei-fentönen der Affen begleitet, die der ungewohntenNachſtellung zu entgehen ſuchten. Fragt man die Indianer, warum in gewiſſenNächten ein ſo anhaltender Lärmen entſteht, ſo ant-worten ſie lächelnd: „die Thiere freuen ſich der ſchönenMondhelle, ſie feiern den Vollmond.“ Mir ſchien dieScene ein zufällig entſtandener, lang fortgeſezter, ſichſteigernd entwickelnder Thierkampf. Der Jaguar ver-folgt die Nabelſchweine und Tapirs, die dicht an ein-ander gedrängt das baumartige Strauchwerk durch-brechen, welches ihre Flucht behindert. Davon er-ſchreckt, miſchen von dem Gipfel der Bäume herabdie Affen ihr Geſchrei in das der größern Thiere.Sie erwecken die geſellig horſtenden Vogelgeſchlechter,und ſo kommt allmählig die ganze Thierwelt in Auf-regung. Eine längere Erfahrung hat uns gelehrt,daß es keineswegs immer „die gefeierte Mondhelle“iſt, welche die Ruhe der Wälder ſtört. Die Stimmenwaren am lauteſten bei heftigem Regenguſſe, oderwenn bei krachendem Donner der Blitz das Inneredes Waldes erleuchtet. Der gutmüthige, viele Mo-nate ſchon fieberkranke Franciskanermönch, der unsdurch die Cataracten von Atures und Maypures nachSan Carlos des Rio Negro, bis an die braſilianiſcheGrenze, begleitete, pflegte zu ſagen, wenn bei ein-brechender Nacht er ein Gewitter fürchtete: „möge derHimmel, wie uns ſelbſt, ſo auch den wilden Beſtiendes Waldes eine ruhige Nacht gewähren!“ Mit den Naturſcenen, die ich hier ſchildere unddie ſich oft für uns wiederholten, contraſtirt wunder-ſam die Stille, welche unter den Tropen an einemungewöhnlich heißen Tage in der Mittagsſtunde herrſcht.Ich entlehne demſelben Tagebuche eine Erinnerung an |Spaltenumbruch| die Flußenge des Baraguan. Hier bahnt ſich derOrinoco einen Weg durch den weſtlichen Theil desGebirges Parime. Was man an dieſem merkwür-digen Paß eine Flußenge (Angostura del Baraguan) nennt, iſt ein Waſſerbecken von noch 890 Toiſen(5340 Fuß) Breite. Außer einem alten dürren Stammeder Aubletia (Apeiba Tiburbu) und einer neuen Apo-cinee, Allamanda salicifolia, waren an dem nacktenFelſen kaum einige ſilberglänzende Crotonſträucher zufinden. Ein Thermometer, im Schatten beobachtet,aber bis auf einige Zolle der Granitmaſſe thurmar-tiger Felſen genähert, ſtieg auf mehr als 40° Réau-mur. Alle ferne Gegenſtände hatten wellenförmigwogende Umriſſe, eine Folge der Spiegelung oderoptiſchen Kimmung (mirage). Kein Lüftchen bewegteden ſtaubartigen Sand des Bodens. Die Sonne ſtandim Zenith, und die Lichtmaſſe, die ſie auf den Stromergoß und die von dieſem wegen einer ſchwachenWellenbewegung funkelnd zurückſtrahlt, machte be-merkbarer noch die nebelartige Röthe, welche die Ferneumhüllte. Alle Felsblöcke und nackten Steingeröllewaren mit einer Unzahl von großen, dickſchuppigenIguanen, Geckoeidechſen und buntgefleckten Salaman-dern bedeckt. Unbeweglich, den Kopf erhebend, denMund weit geöffnet, ſcheinen ſie mit Wonne die heißeLuft einzuathmen. Die größern Thiere verbergen ſichdann in das Dickicht der Wälder, die Vögel unterdas Laub der Bäume oder in die Klüfte der Felſen;aber lauſcht man bei dieſer ſcheinbaren Stille derNatur auf die ſchwächſten Töne, die uns zukommen,ſo vernimmt man ein dumpfes Geräuſch, ein Schwir-ren und Sumſen der Inſekten, dem Boden nahe undin den untern Schichten des Luftkreiſes. Alles ver-kündigt eine Welt thätiger, organiſcher Kräfte. Injedem Strauche, in der geſpaltenen Rinde des Baumes,in der von Hymenopteren bewohnten, aufgelockertenErde regt ſich hörbar das Leben. Es iſt wie eine dervielen Stimmen der Natur, vernehmbar dem frommen,empfänglichen Gemüthe des Menſchen.