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Titel Alexander v. Humboldt – über die Bedeutung des Studiums der Natur für die Cultur und das Leben der Völker
Jahr 1857
Ort Philadelphia, Pennsylvania
Nachweis
in: Blätter für freies religiöses Leben 2:6 (Dezember 1857), S. 86–88.
Sprache Deutsch
Schriftart Fraktur
Identifikation
Textnummer Druckausgabe: VI.91
Dateiname: 1847-xxx_Eintrag_ins_Dresdner-3-neu
Statistiken
Seitenanzahl: 3
Zeichenanzahl: 8079

Weitere Fassungen
[Eintrag ins Dresdner Album zur Unterstützung der Nothleidenden] (Dresden, 1847, Deutsch)
[Eintrag ins Dresdner Album zur Unterstützung der Nothleidenden] (Berlin, 1856, Deutsch)
Alexander v. Humboldt – über die Bedeutung des Studiums der Natur für die Cultur und das Leben der Völker (Philadelphia, Pennsylvania, 1857, Deutsch)
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Alexander v. Humboldt-über dieBedeutung des Studiums der Natur für die Cultur und das Lebender Völker.


Der Reichthum der Naturwiſſenſchaften in unſerer Zeit beruht nicht mehr,wie ſonſt, blos auf der Fülle der einzelnen Beobachtungen, ſondern auf derVerkettung deſſen, was man beobachtet hat. Die allgemeinen Reſultate,die jedem gebildeten Verſtande Intereſſe einflößen, haben ſich ſeit dem Ende des18ten Jahrhunderts wundervoll vermehrt. Die Thatſachen ſtehen minder ver-einzelt da; die Klüfte zwiſchen den Weſen werden ausgefüllt. Was in einemengeren Geſichtskreiſe, in unſerer Nähe, dem forſchenden Geiſte lange uner-klärlich blieb, wird oft durch Beobachtungen aufgehellt, die auf einer Wan-derung in die entlegenſten Regionen angeſtellt worden ſind. Pflanzen- undThier-Gebilde, die lange iſolirt erſchienen, reihen ſich durch neu entdeckteMittelglieder oder durch Uebergangsformen an einander. Eine allgemeineVerkettung, nicht in einfacher geradliniger Richtung, ſondern in netzartig ver-ſchlungenem Gewebe ſtellt ſich allmählich dem forſchenden Naturſinn dar. DieMaterialien, welche heute die allgemeine Erdkunde anwendet, ſind nicht mehrzufällig aufgehäuft. Unſer Zeitalter erkennt, nach der Tendenz, die ihm ſeinenindividuellen Charakter giebt, daß Thatſachen nur dann fruchtbringend werden,wenn Derjenige, der ſie beobachtet, den dermaligen Zuſtand und die Bedürfniſſeder Wiſſenſchaft kennt, die er erweitern will, und wenn Ideen, das heißt Einſichtin den Geiſt der Natur, das Beobachten und Sammeln vernunftmäßig leiten.Durch dieſe Richtung des Naturſtudiums, durch dieſen glücklichen, aber oftauch ſchon allzu leicht befriedigten Hang nach allgemeinen Reſultaten kann einbeträchtlicher Theil des Naturwiſſens das Gemeingut der gebildetenMenſchheit werden,—ein gründliches Wiſſen erzeugen, nach Inhalt undForm, nach Ernſt und Würde ganz verſchieden von dem, das man bis zumEnde des letzten Jahrhunderts dem populären Wiſſen genügſam zu beſtim-men pflegte. Wem es daher ſeine Lage erlaubt, ſich bisweilen aus den engenSchranken des bürgerlichen Lebens herauszuretten, erröthend, „daß er ſo langefremd geblieben der Natur und ſtumpf über ſie hingehe,“ der wird in derAbſpiegelung des großen und freien Naturlebens einen der edelſten Genüſſefinden, welche erhöhte Vernunftthätigkeit dem Menſchen gewähren kann. DasStudium der allgemeinen Naturkunde weckt gleichſam Organe in uns, die langegeſchlummert haben. Wir treten in einen innigeren Verkehr mit der Außen-welt,—bleiben nicht untheilnehmend an dem, was gleichzeitig das induſtrielleFortſchreiten und die intellectuelle Veredlung der Menſchheit bezeichnet.|87| Je klarer die Einſicht iſt, welche wir in den Zuſammenhang der Phäno-mene erlangen, deſto leichter machen wir uns auch von dem Irrthume frei, alswären für die Cultur und den Wohlſtand der Völker nicht alle Zweige desNaturwiſſens gleich wichtig, ſei es der meſſende und beſchreibende Theil, oderdie Unterſuchung chemiſcher Beſtandtheile, oder die Ergründung allgemein ver-breiteter phyſiſcher Kräfte der Materie. In der Beobachtung einer anfangsiſolirt ſtehenden Erſcheinung liegt oft der Keim einer großen Entdeckung. AlsGalvani die ſenſible Nervenfaſer durch Berührung ungleichartiger Metallereizte, konnten ſeine nächſten Zeitgenoſſen nicht hoffen, daß die Berührungs-electricität der Voltaiſchen Säule uns in den Alkalien ſilberglänzende, auf demWaſſer ſchwimmende, leicht entzündliche Metalle offenbaren, daß die Säuleſelbſt das wichtigſte Inſtrument für die zerlegende Chemie, ein Thermoſkop undein Magnet werden würde. Als Huyghens die Lichterſcheinungen des Dop-pelſpaths zu enträthſeln anfing, ahnte man nicht, daß durch den bewunderungs-würdigen Scharfſinn eines Phyſikers unſerer Zeit farbige Polariſations-Phä-nomene dahin leiten würden, mittelſt eines kleinen Bruchſtücks eines Mineralszu erkennen, ob das Licht der Sonne aus einer feſten Maſſe, oder aus einergasförmigen Umhüllung ausſtröme, und ob Kometen ſelbſtleuchtend ſind, odernur fremdes Licht wieder geben.Gleichmäßige Würdigung aller Theile des Naturſtudiums iſt aber vor-züglich ein Bedürfniß der gegenwärtigen Zeit, wo der materielle Reichthumund der wachſende Wohlſtand der Nationen in einer ſorgfältigeren Benutzungvon Naturproducten und Naturkräften gegründet ſind. Der oberflächlichſteBlick auf den Zuſtand der heutigen Welt lehrt, daß bei ungleichem Wettkampfeoder dauernder Zögerung nothwendig partielle Verminderung und endlich Ver-nichtung des National-Reichthums eintreten müſſe; denn in dem Lebensgeſchickeder Staaten iſt es, wie in der Natur, für die, nach dem ſinnvollen AusſprucheGöthe’s, „es im Bewegen und Werden kein Bleiben giebt und die ihren Fluchgehängt hat an das Stilleſtehen.“ Nur ernſte Belebung chemiſcher, mathema-tiſcher und naturhiſtoriſcher Studien wird einem von dieſer Seite einbrechendenUebel begegnen. Der Menſch kann auf die Natur nicht einwirken, ſich keineihrer Kräfte aneignen, wenn er nicht die Naturgeſetze nach Maaß- und Zahl-verhältniſſen kennt. Auch hier liegt die Macht in der volksthümlichen Intel-ligenz. Sie ſteigt und ſinkt mit dieſer. Wiſſen und Erkennen ſind die Freudeund die Berechtigung der Menſchheit; ſie ſind Theile des National-Reich-thums, oft ein Erſatz für die Güter, welche die Natur in allzu kärglichem Maaßeausgetheilt hat. Diejenigen Völker, welche an der allgemeinen induſtriellenThätigkeit, in Anwendung der Mechanik und techniſchen Chemie, in ſorgfältigerAuswahl und Bearbeitung natürlicher Stoffe zurückſtehen, bei denen die Achtungeiner ſolchen Thätigkeit nicht alle Claſſen durchdringt, werden unausbleiblichvon ihrem Wohlſtand herabſinken. Sie werden es um ſo mehr, wenn benach-barte Staaten, in denen Wiſſenſchaft und induſtrielle Künſte in regem Wechſel-verkehr mit einander ſtehen, wie in erneuerter Jugendkraft vorwärts ſchreiten.|88| Die Vorliebe für Belebung des Gewerbfleißes und für die Theile desNaturwiſſens, welche unmittelbar darauf einwirken—(ein charakteriſtiſchesMerkmal unſeres Zeitalters)—, kann weder den Forſchungen im Gebiete derPhiloſophie, der Alterthumskunde und der Geſchichte nachtheilig werden, nochden allbelebenden Hauch der Phantaſie den edlen Werken bildender Künſteentziehen. Wo, unter dem Schutze weiſer Geſetze und freier Inſtitutionen,alle Blüthen der Cultur ſich kräftig entfalten, da wird im friedlichen Wett-kampfe kein Beſtreben des Geiſtes dem andern verderblich. Jedes bietet demStaate eigene, verſchiedenartige Früchte dar: die nährenden, welche dem Men-ſchen Unterhalt und Wohlſtand gewähren, und die Früchte ſchaffender Einbil-dungskraft, die, dauerhafter als dieſer Wohlſtand ſelbſt, die rühmliche Kundeder Völker bis auf die ſpäteſte Nachwelt tragen. Schon die Spartiaten beteten,trotz der Strenge doriſcher Sinnesart: „die Götter möchten ihnen das Schönezu dem Guten verleihen.“Wie in jenen höheren Kreiſen der Ideen und Gefühle, in dem Studiumder Geſchichte, der Philoſophie und der Wohlredenheit, ſo iſt auch in allenTheilen des Naturwiſſens der erſte und erhabenſte Zweck geiſtiger Thätigkeitein innerer, nämlich das Auffinden von Naturgeſetzen, die Ergründungordnungsmäßiger Gliederung in den Gebilden, die Einſicht in den nothwen-digen Zuſammenhang aller Veränderungen im Weltall. Was von dieſemWiſſen in das induſtrielle Leben der Völker überſtrömt und den Gewerbfleißerhöht, entſpringt aus der glücklichen Verkettung menſchlicher Dinge, nach derdas Wahre, Erhabene und Schöne mit dem Nützlichen, wie abſichtslos, inewige Wechſelwirkung treten. Vervollkommnung des Landbaues durch freieHände und in Grundſtücken von minderem Umfang, Aufblühen der Manu-facturen, von einengendem Zunftzwange befreit, Vervielfältigung der Handels-verhältniſſe und ungehindertes Fortſchreiten in der geiſtigen Cultur der Menſch-heit, wie in den bürgerlichen Einrichtungen, ſtehen—(das ernſte Bild der neuenWeltgeſchichte dringt dieſen Glauben auch dem Widerſtrebendſten auf)—ingegenſeitigem dauernd wirkſamen Verkehr mit einander.(Aus „Einleitende Betrachtungen“ ꝛc. zum „Kosmos“.)