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Alexander von Humboldt: „Die Einheit des Menschengeschlechts“, in: ders., Sämtliche Schriften digital, herausgegeben von Oliver Lubrich und Thomas Nehrlich, Universität Bern 2021. URL: <https://humboldt.unibe.ch/text/1845-Alex_v_Humboldt-11-neu> [abgerufen am 17.04.2024].

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Titel Die Einheit des Menschengeschlechts
Jahr 1852
Ort Breslau
Nachweis
in: Hermann Kletke (Hrsg.), Das Alterthum in seinen Hauptmomenten dargestellt. Eine Reihe historischer Aufsätze, Breslau: Trewendt & Granier 1852, S. 16–21.
Sprache Deutsch
Typografischer Befund Fraktur; Auszeichnung: Sperrung; Fußnoten mit Asterisken; Schmuck: Initialen.
Identifikation
Textnummer Druckausgabe: VI.50
Dateiname: 1845-Alex_v_Humboldt-11-neu
Statistiken
Seitenanzahl: 6
Zeichenanzahl: 14787

Weitere Fassungen
Alex. v. Humboldt über das Menschengeschlecht (Augsburg, 1845, Deutsch)
Volksstämme (Wien, 1845, Deutsch)
Sur les races humaines et sur les langues, aperçus ethnographiques, extraits du Cosmos ou Essai d’une description physique du monde, par M. A. de Humboldt, tome Ier, dont la traduction française par M. Faye, revue par l’auteur et par MM. Arago, Élie de Beaumont et Guigniaut, paraîtra prochainement chez Gide (Paris, 1845, Französisch)
De l’unité native de l’espèce humaine (Paris, 1846, Französisch)
The Universal Brotherhood of Man (Newcastle-upon-Tyne, 1849, Englisch)
On the Races of Man (Hartford, Connecticut, 1850, Englisch)
On the races of man (London, 1850, Englisch)
The univseral brotherhood of man (Edinburgh, 1850, Englisch)
The universal brotherhood of man (London, 1850, Englisch)
[Kurzer Textauszug] (Sheffield, 1851, Englisch)
Die Einheit des Menschengeschlechts (Breslau, 1852, Deutsch)
Man – races – language (Edinburgh, 1853, Englisch)
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Die Einheit des Menſchengeſchlechts *).


Kosmos, Entwurf einer phyſiſchen Weltbeſchreibung von Alexander von Hum-boldt. Bd. I. Stuttg. und Tüb. 1847.

Es würde das allgemeine Naturbild, das ich zu entwerfen ſtrebe, unvollſtändigbleiben, wenn ich hier nicht auch den Muth hätte, das Menſchengeſchlecht in ſeinen phyſiſchen Abſtufungen, in der geographiſchen Verbreitung ſeinergleichzeitig vorhandenen Typen, in dem Einfluß, welchen es von den Kräftender Erde empfangen und wechſelſeitig, wenn gleich ſchwächer, auf ſie ausgeübthat, mit wenigen Zügen zu ſchildern. Abhängig, wenn gleich in minderemGrade als Pflanzen und Thiere, von dem Boden, und den meteorologiſchen Pro-ceſſen des Luftkreiſes, den Naturgewalten durch Geiſtesthätigkeit und ſtufenweiſeerhöhte Intelligenz, wie durch eine wunderbare ſich allen Klimaten aneignendeBiegſamkeit des Organismus leichter entgehend, nimmt das Geſchlecht weſentlichTheil an dem ganzen Erdenleben. Durch dieſe Beziehungen gehört demnachdas dunkle und vielbeſtrittene Problem von der Möglichkeit gemeinſamerAbſtammung in den Ideenkreis, welchen die phyſiſche Weltbeſchreibung umfaßt.
*) Das Hauptwerk über die Naturgeſchichte des Menſchen iſt:J. G. Prichard, Naturgeſchichte des Menſchengeſchlechtes. Aus dem Engliſchenüberſetzt und herausgegeben von R. Wagner. Leipzig. 1845. 3 Bände.Gegen die Einheit des Menſchengeſchlechts:H. Burmeiſter, Geſchichte der Schöpfung (S. 562 ff. der Menſch.) 4. Auflage.Leipzig. 1851.Vergl. außerdem:J. W. Löbell, Weltgeſchichte in Umriſſen und Ausführungen. Bd. 1. Leipzig.1846.C. G. Carus, über ungleiche Befähigung der verſchiedenen Menſchheitſtämme fürhöhere geiſtige Entwickelung. Leipzig. 1849.
|17| Es ſoll die Unterſuchung dieſes Problems, wenn ich mich ſo ausdrücken darf,durch ein edleres und rein menſchliches Intereſſe das letzte Ziel meiner Arbeitbezeichnen. Das unermeſſene Reich der Sprachen, in deren verſchiedenartigem Orga-nismus ſich die Geſchicke der Völker ahnungsvoll abſpiegeln, ſteht am nächſtendem Gebiet der Stammverwandſchaft; und was ſelbſt kleine Stammverſchieden-heiten hervorzurufen vermögen, lehrt uns in der Blüthe geiſtiger Kultur die hel-leniſche Welt. Die wichtigſten Fragen der Bildungsgeſchichte der Menſchheitknüpfen ſich an die Ideen von Abſtammung, Gemeinſchaft der Sprache, Unwan-delbarkeit in einer urſprünglichen Richtung des Geiſtes und des Gemüthes.
So lange man nur bei den Extremen in der Variation der Farbe undder Geſtaltung verweilte und ſich der Lebhaftigkeit der erſten ſinnlichen Eindrückehingab, konnte man allerdings geneigt werden, die Racen nicht als bloße Abar-ten, ſondern als urſprünglich verſchiedene Menſchenſtämme zu betrachten. DieFeſtigkeit gewiſſer Typen mitten unter der feindlichſten Einwirkung äußerer,beſonders klimatiſcher Potenzen ſchien eine ſolche Annahme zu begünſtigen, ſokurz auch die Zeiträume ſind, aus denen hiſtoriſche Kunde zu uns gelangt iſt.Kräftiger aber ſprechen, auch meiner Anſicht nach, für die Einheit des Men-ſchengeſchlechts die vielen Mittelſtufen der Hautfarbe und des Schädelbaues,welche die raſchen Fortſchritte der Länderkenntniß uns in neueren Zeiten dargebotenhaben, die Analogie der Abartung in anderen wilden und zahmen Thierklaſſendie ſicheren Erfahrungen, welche über die Grenzen fruchtbarer Baſtarderzeugunghaben geſammelt werden können. Der größere Theil der Contraſte, die manehemals hatte zu finden geglaubt, iſt durch die fleißige Arbeit Tiedemann’s überdas Hirn der Neger und der Europäer, durch die anatomiſchen UnterſuchungenVrolik’s und Weber’s über die Geſtalt des Beckens hinweggeräumt. Wennman die dunkelfarbigen afrikaniſchen Nationen, über die Prichard’s gründlichesWerk ſo viel Licht verbreitet hat, in ihrer Allgemeinheit umfaßt und ſie dazunoch mit den Stämmen des ſüdindiſchen und weſtauſtraliſchen Archipels, mit denPapuas und Alfourous (Haraforen, Endamenen) vergleicht, ſo ſieht man deut-lich, daß ſchwarze Hautfarbe, wolliges Haar und negerartige Geſichtszüge keines-wegs immer mit einander verbunden ſind. So lange den weſtlichen Völkernnur ein kleiner Theil der Erde aufgeſchloſſen war, mußten einſeitige Anſichtenſich bilden. Sonnenhitze der Tropenwelt und ſchwarze Hautfarbe, ſchienen unzer-trennlich. „Die Aethiopen,“ ſang der alte Tragiker Theodektes von Phaſelis,„färbt der nahe Sonnengott in ſeinem Laufe mit des Ruſſes finſterem Glanz;die Sonnengluth kräuſelt ihnen dörrend das Haar.“ Erſt die Heerzüge Alexan-der’s, welche ſo viele Ideen der phyſiſchen Erdbeſchreibung anregten, fachtenden Streit über den unſicheren Einfluß der Klimate auf die Volksſtämme an.„Die Geſchlechter der Thiere und Pflanzen,“ ſagt einer der größten Anatomenunſeres Zeitalters, Johannes Müller, in ſeiner alles umfaſſenden Phyſiologie |18| des Menſchen, verändern ſich während ihrer Ausbreitung über die Oberfläche derErde innerhalb der den Arten und Gattungen vorgeſchriebenen Grenzen. Siepflanzen ſich als Typen der Variation der Arten organiſch fort. Aus demZuſammenwirken verſchiedener ſowohl innerer als äußerer, im einzelnen nichtnachweisbarer Bedingungen ſind die gegenwärtigen Racen der Thiere hervor-gegangen, von welchen ſich die auffallendſten Abarten bei denen finden, die derausgedehnteſten Verbreitung auf der Erde fähig ſind. Die Menſchenracen ſindFormen einer einzigen Art, welche ſich fruchtbar paaren und durch Zeugungfortpflanzen; ſie ſind nicht Arten eines Genus: wären ſie das letztere, ſo würdenihre Baſtarde unter ſich unfruchtbar ſein. Ob die gegebenen Menſchenracenvon mehreren oder Einem Urmenſchen abſtammen, kann nicht aus der Erfah-rung ermittelt werden.“ Die geographiſchen Forſchungen über den alten Sitz, die ſogenannte Wiege des Menſchengeſchlechts haben in der That einen rein mythiſchen Charakter.„Wir kennen,“ ſagt Wilhelm von Humboldt in einer noch ungedruckten Arbeitüber die Verſchiedenheit der Sprachen und Völker „geſchichtlich, oder auch nurdurch irgend ſichere Ueberlieferung keinen Zeitpunkt, in welchem das Menſchen-geſchlecht nicht in Völkerhaufen getrennt geweſen wäre. Ob dieſer Zuſtandder urſprüngliche war oder erſt ſpäter entſtand, läßt ſich daher geſchichtlich nichtentſcheiden. Einzelne, an ſehr verſchiedenen Punkten der Erde, ohne irgendſichtbaren Zuſammenhang, wiederkehrende Sagen verneinen die erſtere Annahmeund laſſen das ganze Menſchengeſchlecht von Einem Menſchenpaare abſtammen.Die weite Verbreitung dieſer Sage hat ſie bisweilen für eine Urerinnerung derMenſchheit halten laſſen. Gerade dieſer Umſtand aber beweiſt vielmehr, daß ihrkeine Ueberlieferung und nichts Geſchichtliches zum Grunde lag, ſondern nurdie Gleichheit der menſchlichen Vorſtellungsweiſe zu derſelben Erklärung dergleichen Erſcheinung führte: wie gewiß viele Mythen, ohne geſchichtlichenZuſammenhang, bloß aus der Gleichheit des menſchlichen Dichtens und Grü-belns entſtanden. Jene Sage trägt auch darin ganz das Gepräge menſchlicherErfindung, daß ſie die außer aller Erfahrung liegende Erſcheinung des erſtenEntſtehens des Menſchengeſchlechts auf eine innerhalb heutiger Erfahrung lie-gende Weiſe, und ſo erklären will, wie in Zeiten, wo das ganze Menſchen-geſchlecht ſchon Jahrtauſende hindurch beſtanden hatte, eine wüſte Inſel oder einabgeſondertes Gebirgsthal mag bevölkert worden ſein. Vergeblich würde ſichdas Nachdenken in das Problem jener erſten Entſtehung vertieft haben, da derMenſch ſo an ſein Geſchlecht und an die Zeit gebunden iſt, daß ſich ein einzelnerohne vorhandenes Geſchlecht und ohne Vergangenheit gar nicht in menſchlichemDaſein faſſen läßt. Ob alſo in dieſer weder auf dem Wege der Gedanken nochder Erfahrung zu entſcheidenden Frage wirklich jener angeblich traditionelleZuſtand der geſchichtliche war, oder ob das Menſchengeſchlecht von ſeinem Begin- |19| nen an völkerweiſe den Erdboden bewohnte, darf die Sprachkunde weder ausſich beſtimmen, noch, die Entſcheidung anderswoher nehmend, zum Erklärungs-grund für ſich brauchen wollen.“ Die Gliederung der Menſchheit iſt nur eine Gliederung in Abarten, dieman mit dem, freilich etwas unbeſtimmten Worte Racen bezeichnet. Wie in demGewächsreiche, in der Naturgeſchichte der Vögel und Fiſche die Gruppirung inviele kleine Familien ſicherer als die in wenige, große Maſſen umfaſſende Abthei-lungen iſt, ſo ſcheint mir auch, bei der Beſtimmung der Racen, die Aufſtellungkleinerer Völkerfamilien vorzuziehen. Man mag die alte Klaſſifikation meinesLehrers Blumenbach nach fünf Racen (der kaukaſiſchen, mongoliſchen, ame-rikaniſchen, äthiopiſchen und malayiſchen) befolgen oder mit Prichard ſiebenRacen (die iraniſche, turaniſche, amerikaniſche, der Hottentotten und Buſchmän-ner, der Neger, der Papuas und der Alfourous) annehmen; immer iſt keinetypiſche Schärfe, kein durchgeführtes natürliches Princip der Eintheilung in ſol-chen Gruppirungen zu erkennen. Man ſondert ab, was gleichſam die Extreme derGeſtaltung und Farbe bildet: unbekümmert um die Völkerſtämme, welche nichtin jene Klaſſen einzuſchalten ſind, und welche man bald ſcythiſche, bald allophy-liſche Racen hat nennen wollen. Iraniſch iſt allerdings für die europäiſchenVölker ein minder ſchlechter Name als kaukaſiſch; aber im Allgemeinen darf manbehaupten, daß geographiſche Benennungen als Ausgangspunkt der Race ſehrunbeſtimmt ſind, wenn das Land, welches der Race den Namen geben ſoll, wiez. B. Turan (Mawerannahr), zu verſchiedenen Zeiten von den verſchiedenſtenVolksſtämmen, — indo-germaniſchen und finniſchen, nicht aber mongoliſchenUrſprungs, — bewohnt worden iſt. Die Sprachen als geiſtige Schöpfungen der Menſchheit, als tief in ihregeiſtige Entwickelung verſchlungen, haben, indem ſie eine nationelle Form offen-baren, eine hohe Wichtigkeit für die zu erkennende Aehnlichkeit oder Verſchieden-heit der Racen. Sie haben dieſe Wichtigkeit, weil Gemeinſchaft der Abſtam-mung in das geheimnißvolle Labyrinth führt, in welchem die Verknüpfung derphyſiſchen (körperlichen) Anlagen mit der geiſtigen Kraft in tauſendfältig ver-ſchiedener Geſtaltung ſich darſtellt. Die glänzenden Fortſchritte, welche das phi-loſophiſche Sprachſtudium im deutſchen Vaterlande ſeit noch nicht einem halbenJahrhundert gemacht, erleichtern die Unterſuchungen über den nationellenCharakter *) der Sprachen, über das, was die Abſtammung ſcheint herbeigeführtzu haben. Wie in allen Gebieten idealer Speculation, ſteht aber auch hier dieGefahr der Täuſchung neben der Hoffnung einer reichen und ſicheren Ausbeute.
*) Wilhelm von Humboldt über die Verſchiedenheit menſchlichen Sprachbaues,in dem großen Werke über die Kawi-Sprache auf der Inſel Java. Bd. 1 S. XXI,XLVIII. und CCXIV.
|20| Poſitive ethnographiſche Studien, durch gründliche Kenntniß der Geſchichteunterſtützt, lehren, daß eine große Vorſicht in dieſer Vergleichung der Völker,und der Sprache, welcher die Völker ſich zu einer beſtimmten Zeitepoche bedien-ten, anzuwenden ſei. Unterjochung, langes Zuſammenleben, Einfluß einer frem-den Religion, Vermiſchung der Stämme, wenn auch oft nur bei geringer Zahlder mächtigeren und gebildeteren Einwanderer, haben ein in beiden Continentenſich gleichmäßig erneuerndes Phänomen hervorgerufen: daß ganz verſchiedeneSprachfamilien ſich bei einer und derſelben Race, daß bei Völkern ſehr verſchie-dener Abſtammung ſich Idiome deſſelben Sprachſtammes finden. AſiatiſcheWelteroberer haben am mächtigſten auf ſolche Erſcheinungen eingewirkt. Sprache iſt aber ein Theil der Naturkunde des Geiſtes; und wennauch die Freiheit, mit welcher der Geiſt in glücklicher Ungebundenheit die ſelbſt-gewählten Richtungen, unter ganz verſchiedenartigen phyſiſchen Einflüſſen, ſtetigverfolgt, ihn der Erdgewalt mächtig zu entziehen ſtrebt, ſo wird die Entfeſſelungdoch nie ganz vollbracht. Es bleibt etwas von dem, was den Naturanlagenaus Abſtammung, dem Klima, der heiteren Himmelsbläue oder einer trübenDampfatmoſphäre der Inſelwelt zugehört. Da nun der Reichthum und dieAnmuth des Sprachbaues ſich aus den Gedanken wie aus des Geiſtes zarteſterBlüthe entfalten, ſo wollen wir nicht, daß bei der Innigkeit des Bandes, wel-ches beide Sphären, die phyſiſche und die Sphäre der Intelligenz und derGefühle, mit einander verknüpft, unſer Naturbild des freundlichen Lichtes undder Färbung entbehre, welche ihm die, hier freilich nur angedeuteten Betrachtun-gen über das Verhältniß der Abſtammung zur Sprache verleihen können. Indem wir die Einheit des Menſchengeſchlechts behaupten, widerſtrebenwir auch jeder unerfreulichen Annahme von höheren und niederen Menſchen-racen *). Es giebt bildſamere, höher gebildete, durch geiſtige Kultur veredelte,aber keine edlere Volksſtämme. Alle ſind gleichmäßig zur Freiheit beſtimmt; zurFreiheit, welche in roheren Zuſtänden dem Einzelnen, in dem Staatenleben beidem Genuß politiſcher Inſtitutionen der Geſammtheit als Berechtigung zukommt.„Wenn wir eine Idee bezeichnen wollen, die durch die ganze Geſchichte hindurch inimmer mehr erweiterter Geltung ſichtbar iſt, wenn irgend eine die vielfach beſtrit-tene, aber noch vielfacher mißverſtandene Vervollkommung des ganzen Geſchlechtesbeweiſt, ſo iſt es die Idee der Menſchlichkeit: das Beſtreben, die Grenzen, welcheVorurtheile und einſeitige Anſichten aller Art feindſelig zwiſchen die Menſchengeſtellt, aufzuheben, und die geſammte Menſchheit, ohne Rückſicht auf Religion,Nation und Farbe, als einen großen, nahe verbrüderten Stamm, als ein zur
*) Das Unerfreulichſte und in ſpäteren Zeiten ſo oft Wiederholte über die Berech-tigung der Menſchen zur Freiheit und über Sklaverei als eine naturgemäße Einrich-tung findet ſich leider! ſehr ſyſtematiſch entwickelt in Ariſtoteles Politica I. 3, 5, 6.
|21| Erreichung eines Zweckes, der freien Entwickelung innerlicher Kraft, beſtehendes Ganzes zu behandeln. Es iſt dies das letzte äußerſte Ziel der Geſel-ligkeit, und zugleich die durch ſeine Natur ſelbſt in ihn gelegte Richtung desMenſchen auf unbeſtimmte Erweiterung feines Daſeins. Er ſieht den Boden,ſo weit er ſich ausdehnt, den Himmel, ſo weit, ihm entdeckbar, er von Geſtir-nen umflammt wird, als innerlich ſein, als ihm zur Betrachtung und Wirkſam-keit gegeben an. Schon das Kind ſehnt ſich über die Hügel, über die Sonnehinaus, welche ſeine enge Heimath umſchließen; es ſehnt ſich dann wieder pflan-zenartig zurück: denn es iſt das Rührende und Schöne im Menſchen, daß Sehn-ſucht nach Erwünſchtem und nach Verlorenem ihn immer bewahrt, ausſchließlichan dem Augenblicke zu haften. So feſtgewurzelt in der innerſten Natur desMenſchen, und zugleich geboten durch ſeine höchſten Beſtrebungen, wird jenewohlwollend menſchliche Verbindung des ganzen Geſchlechts zu einer der großenleitenden Ideen in der Geſchichte der Menſchheit*).“

A. v. Humboldt.



*) Wilhelm v. Humboldt über die Kawiſprache Band III. S. 426.