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Alexander von Humboldt: „Alex. v. Humboldt über das Menschengeschlecht“, in: ders., Sämtliche Schriften digital, herausgegeben von Oliver Lubrich und Thomas Nehrlich, Universität Bern 2021. URL: <https://humboldt.unibe.ch/text/1845-Alex_v_Humboldt-01-neu> [abgerufen am 05.02.2023].

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Titel Alex. v. Humboldt über das Menschengeschlecht
Jahr 1845
Ort Augsburg
Nachweis
in: Allgemeine Zeitung 115 (25. April 1845), Beilage, S. 913–915.
Entsprechungen in Buchwerken
Alexander von Humboldt, Kosmos. Entwurf einer physischen Weltbeschreibung Stuttgart/Tübingen: Cotta 1845, Bd. 1, S. 378–386.
Sprache Deutsch
Schriftart Fraktur
Identifikation
Textnummer Druckausgabe: VI.50
Dateiname: 1845-Alex_v_Humboldt-01-neu
Statistiken
Seitenanzahl: 3
Spaltenanzahl: 5
Zeichenanzahl: 20284

Weitere Fassungen
Alex. v. Humboldt über das Menschengeschlecht (Augsburg, 1845, Deutsch)
Volksstämme (Wien, 1845, Deutsch)
Sur les races humaines et sur les langues, aperçus ethnographiques, extraits du Cosmos ou Essai d’une description physique du monde, par M. A. de Humboldt, tome Ier, dont la traduction française par M. Faye, revue par l’auteur et par MM. Arago, Élie de Beaumont et Guigniaut, paraîtra prochainement chez Gide (Paris, 1845, Französisch)
De l’unité native de l’espèce humaine (Paris, 1846, Französisch)
The Universal Brotherhood of Man (Newcastle-upon-Tyne, 1849, Englisch)
On the Races of Man (Hartford, Connecticut, 1850, Englisch)
On the races of man (London, 1850, Englisch)
The univseral brotherhood of man (Edinburgh, 1850, Englisch)
The universal brotherhood of man (London, 1850, Englisch)
[Kurzer Textauszug] (Sheffield, 1851, Englisch)
Die Einheit des Menschengeschlechts (Breslau, 1852, Deutsch)
Man – races – language (Edinburgh, 1853, Englisch)
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Alex. v. Humboldt über das Menſchen-geſchlecht. *)

Es würde das allgemeine Naturbild das ich zu entwerfenſtrebe unvollſtändig bleiben, wenn ich hier nicht auch den Muthhätte das Menſchengeſchlecht in ſeinen phyſiſchen Abſtufungen,in der geographiſchen Verbreitung ſeiner gleichzeitig vorhandenenTypen, in dem Einfluß welchen es von den Kräften der Erdeempfangen, und wechſelſeitig, wenn gleich ſchwächer, auf ſie aus-geübt hat, mit wenigen Zügen zu ſchildern. Abhängig, wenn gleichin minderem Grad als Pflanzen und Thiere, von dem Boden undden meteorologiſchen Proceſſen des Luftkreiſes, den Naturgewaltendurch Geiſtesthätigkeit und ſtufenweiſe erhöhte Intelligenz, wiedurch eine wunderbare, ſich allen Klimaten aneignende Biegſamkeitdes Organismus leichter entgehend, nimmt das Geſchlecht weſent-lich Theil an dem ganzen Erdenleben. Durch dieſe Beziehungengehört demnach das dunkle und vielbeſtrittene Problem von derMöglichkeit gemeinſamer Abſtammung in den Ideenkreis welchendie phyſiſche Weltbeſchreibung umfaßt. Es ſoll die Unterſuchungdieſes Problems, wenn ich mich ſo ausdrücken darf, durch einedleres und rein menſchliches Intereſſe das letzte Ziel meinerArbeit bezeichnen. Das unermeſſene Reich der Sprachen, in derenverſchiedenartigem Organismus ſich die Geſchicke der Völker ahnungs-voll abſpiegeln, ſteht am nächſten dem Gebiet der Stammverwandt-ſchaft; und was ſelbſt kleine Stammverſchiedenheiten hervorzurufenvermögen, lehrt uns in der Blüthe geiſtiger Cultur die helleniſcheWelt. Die wichtigſten Fragen der Bildungsgeſchichte der Menſch-heit knüpfen ſich an die Ideen von Abſtammung, Gemeinſchaft derSprache, Unwandelbarkeit in der urſprünglichen Richtung des Geiſtesund des Gemüthes. So lange man nur bei den Extremen in der Variation derFarbe und der Geſtaltung verweilte, und ſich der Lebhaftigkeit dererſten ſinnlichen Eindrücke hingab, konnte man allerdings geneigtwerden die Racen nicht als bloße Abarten, ſondern als urſprüng-lich verſchiedene Menſchenſtämme zu betrachten. Die Feſtigkeitgewiſſer Typen 1) mitten unter der feindlichſten Einwirkung äuße-rer, beſonders klimatiſcher Potenzen ſchien eine ſolche Annahme zubegünſtigen, ſo kurz auch die Zeiträume ſind aus denen hiſtoriſcheKunde zu uns gelangt iſt. Kräftiger aber ſprechen, auch meinerAnſicht nach, für die Einheit des Menſchengeſchlechts die vielenMittelſtufen 2) der Hautfarbe und des Schädelbaues, welche dieraſchen Fortſchritte der Länderkenntniß uns in neueren Zeiten dar-geboten haben, die Analogie der Abartung in andern wilden undzahmen Thierclaſſen, die ſichern Erfahrungen welche über die |Spaltenumbruch| Gränzen fruchtbarer Baſtarderzeugung 3) haben geſammelt werdenkönnen. Der größere Theil der Contraſte die man ehemals hattezu finden geglaubt, iſt durch die fleißige Arbeit Tiedemanns überdas Hirn der Neger und der Europäer, durch die anatomiſchenUnterſuchungen Vroliks und Webers über die Geſtalt des Beckenshinweggeräumt. Wenn man die dunkelfarbigen afrikaniſchenNationen, über die Prichards gründliches Werk ſo viel Licht ver-breitet hat, in ihrer Allgemeinheit umfaßt und ſie dazu noch mitden Stämmen des ſüdindiſchen und weſtauſtraliſchen Archipels,mit den Papuas und Alfourous (Haraforen, Endamenen) vergleicht,ſo ſieht man deutlich daß ſchwarze Hautfarbe, wolliges Haar undnegerartige Geſichtszüge keineswegs immer mit einander verbundenſind. 4) So lange den weſtlichen Völkern nur ein kleiner Theilder Erde aufgeſchloſſen war, mußten einſeitige Anſichten ſich bilden.Sonnenhitze der Tropenwelt und ſchwarze Hautfarbe ſchienen un-zertrennlich. „Die Aethiopen“, ſang der alte Tragiker Theodektesvon Phaſelis 5), „färbt der nahe Sonnengott in ſeinem Lauf mitdes Rußes finſterem Glanz; die Sonnengluth kräuſelt ihnen dör-rend das Haar.“ Erſt die Heerzüge Alexanders, welche ſo vieleIdeen der phyſiſchen Erdbeſchreibung anregten, fachten den Streitüber den unſichern Einfluß der Klimate auf die Volksſtämme an.„Die Geſchlechter der Thiere und Pflanzen“, ſagt einer der größtenAnatomen unſers Zeitalters, Johannes Müller, in ſeiner allesumfaſſenden Phyſiologie des Menſchen, „verändern ſichwährend ihrer Ausbreitung über die Oberfläche der Erde inner-halb der den Arten und Gattungen vorgeſchriebenen Gränzen.Sie pflanzen ſich als Typen der Variation der Arten organiſchfort. Aus dem Zuſammenwirken verſchiedener ſowohl innerer alsäußerer, im Einzelnen nicht nachweisbarer Bedingungen ſind diegegenwärtigen Racen der Thiere hervorgegangen, von welchen ſichdie auffallendſten Abarten bei denen finden die der ausgedehnteſtenVerbreitung auf der Erde fähig ſind. Die Menſchenracen ſindFormen einer einzigen Art, welche ſich fruchtbar paaren unddurch Zeugung fortpflanzen; ſie ſind nicht Arten eines Genus:wären ſie das letztere, ſo würden ihre Baſtarde unter ſich unfrucht-bar ſeyn. Ob die gegebenen Menſchenracen von mehreren oderEinem Urmenſchen abſtammen, kann nicht aus der Erfahrung er-mittelt werden.“ 6) Die geographiſchen Forſchungen über den alten Sitz, die ſoge-nannte Wiege des Menſchengeſchlechts, haben in der That einenrein mythiſchen Charakter. „Wir kennen“, ſagt Wilhelm v. Hum-boldt in einer noch ungedruckten Arbeit über die Verſchiedenheitder Sprachen und Völker, „geſchichtlich oder auch nur durch irgendſichere Ueberlieferung keinen Zeitpunkt in welchem das Menſchen-geſchlecht nicht in Völkerhaufen getrennt geweſen wäre. Ob dieſerZuſtand der urſprüngliche war, oder erſt ſpäter entſtand, läßt ſichdaher geſchichtlich nicht entſcheiden. Einzelne, an ſehr verſchiedenenPunkten der Erde, ohne irgend ſichtbaren Zuſammenhang, wieder-kehrende Sagen verneinen die erſtere Annahme, und laſſen dasganze Menſchengeſchlecht von Einem Menſchenpaar abſtammen.Die weite Verbreitung dieſer Sage hat ſie bisweilen für eine Ur-erinnerung der Menſchheit halten laſſen. Gerade dieſer Umſtandaber beweist vielmehr daß ihr keine Ueberlieferung und nichtsGeſchichtliches zum Grunde lag, ſondern nur die Gleichheit dermenſchlichen Vorſtellungsweiſe zu derſelben Erklärung der gleichenErſcheinung führte: wie gewiß viele Mythen, ohne geſchichtlichenZuſammenhang, bloß aus der Gleichheit des menſchlichen Dichtens
*) Aus dem eben erſchienenen erſten Theile des Kosmos. Wir wer-den in den nächſten Tagen einen ausführlichern Bericht über dieſesin ſo vieler Hinſicht bedeutende Werk bringen. R. d. Allg. Z. 1) Tacitus unterſcheidet in ſeinen Speculationen über die Bevölkerungvon Britannien (Agricola cap. 11) ſehr ſchön, was den klimatiſchenEinwirkungen der Gegend, was, bei eingewanderten Stämmen, deralten unwandelbaren Kraft eines fortgepflanzten Typus angehörenkann: „Britanniam qui mortales initio coluerunt, indigenae anadvecti, ut inter barbaros, parum compertum. Habitus corporisvarii, atque ex eo argumenta; namque rutilae Caledoniam habi-tantium comae, magni artus Germanicam originem adseverant.Silurum colorati vultus et torti plerumque crines, et posita contraHispania, Iberos veteres trajecisse, easque sedes occupasse fidemfaciunt: proximi Gallis, et similes sunt: seu durante originis vi;seu, procurrentibus in diversa terris, positio caeli corporibushabitum dedit.“ Vergl. über die Ausdauer der Geſtaltungstypen inheißen und kalten Erd- und Bergſtrichen des Neuen Continents meine Rélation historique T. I. p. 498—503. T. II. p. 572—574.2) Vergl. über die amerikaniſche Race im allgemeinen das Prachtwerk:Samuel George Morton, Crania americana 1859 p. 62—86, wieüber die von Pentland mitgebrachten Schädel des Hochlandes vonTiticaca im Dublin Journal of medical and chemical ScienceVol. V. 1834 p. 475; Alcide d’Orbigny, l’homme américain con-sidéré sous ses rapports physiol. et mor. 1839 p. 221. S. auchdie an ſeinen ethnographiſchen Beobachtungen ſo reiche Reiſe in dasInnere von Nordamerika von Maximilian Prinz zu Wied 1839.3) Rudolph Wagner über Blendlinge und Baſtarderzeugung in ſeinenAnmerkungen zu Prichard, Naturgeſch. des Menſchengeſchlechts Th. I. S. 174—188.4) Prichard Th. I. S. 431, Th. II. S. 363—369.5) Onestkritus im Strabo XV. p. 690 und 695 Caſaub. — Welcker(Griechiſche Tragödien Abth. III. S. 1078) glaubt, die von Strabocitirten Verſe des Theodektes ſeyen einer verlornen Tragödie entlehnt,die vielleicht den Titel Memnon führte.6) Joh. Müller, Phyſiologie des Menſchen Bd. II. S. 768, 772—774.
|914| |Spaltenumbruch| und Grübelns entſtanden. Jene Sage trägt auch darin ganz dasGepräge menſchlicher Erfindung, daß ſie die außer aller Erfahrungliegende Erſcheinung des erſten Entſtehens des Menſchengeſchlechtsauf eine innerhalb heutiger Erfahrung liegende Weiſe, und ſo er-klären will, wie in Zeiten wo das ganze Menſchengeſchlecht ſchonJahrtauſende hindurch beſtanden hatte, eine wüſte Inſel oder ein abge-ſondertes Gebirgsthal mag bevölkert worden ſeyn. Vergeblich würdeſich das Nachdenken in das Problem jener erſten Entſtehung ver-tieft haben, da der Menſch ſo an ſein Geſchlecht und an die Zeitgebunden iſt, daß ſich ein Einzelner ohne vorhandenes Geſchlechtund ohne Vergangenheit gar nicht in menſchlichem Daſeyn faſſenläßt. Ob alſo in dieſer weder auf dem Wege der Gedanken nochder Erfahrung zu entſcheidenden Frage wirklich jener angeblichtraditionelle Zuſtand der geſchichtliche war, oder ob das Menſchen-geſchlecht von ſeinem Beginnen an völkerweiſe den Erdboden be-wohnte? darf die Sprachkunde weder aus ſich beſtimmen, noch, dieEntſcheidung anderswoher nehmend, zum Erklärungsgrunde fürſich brauchen wollen.“
Die Gliederung der Menſchheit iſt nur eine Gliederung inAbarten, die man mit dem freilich etwas unbeſtimmten WortRacen bezeichnet. Wie in dem Gewächsreich, in der Naturgeſchichteder Vögel und Fiſche die Gruppirung in viele kleine Familienſicherer als die in wenige große Maſſen umfaſſende Abtheilungeniſt, ſo ſcheint mir auch, bei der Beſtimmung der Racen, die Auf-ſtellung kleinerer Völkerfamilien vorzuziehen. Man mag die alteClaſſification meines Lehrers Blumenbach nach fünf Racen (derkaukaſiſchen, mongoliſchen, amerikaniſchen, äthiopiſchen und malayi-ſchen) befolgen, oder mit Prichard ſieben 7) Racen (die iraniſche,turaniſche, amerikaniſche, der Hottentotten und Buſchmänner, derNeger, der Papuas und der Alfourous) annehmen: immer iſtkeine typiſche Schärfe, kein durchgeführtes natürliches Princip derEintheilung in ſolchen Gruppirungen zu erkennen. Man ſondertab was gleichſam die Extreme der Geſtaltung und Farbe bildet,unbekümmert um die Völkerſtämme welche nicht in jene Claſſeneinzuſchalten ſind, und welche man bald ſcythiſche, bald allophyli-ſche Racen hat nennen wollen. Iraniſch iſt allerdings für dieeuropäiſchen Völker ein minder ſchlechter Name als kaukaſiſch;aber im Allgemeinen darf man behaupten daß geographiſche Be-nennungen als Ausgangspunkt der Race ſehr unbeſtimmt ſind,wenn das Land welches der Race den Namen geben ſoll, wie z. B.Turan (Mawerannahr), zu verſchiedenen Zeiten 8) von den ver-ſchiedenſten Volksſtämmen — indogermaniſchen und finniſchen, nichtaber mongoliſchen Urſprungs — bewohnt worden iſt. Die Sprachen als geiſtige Schöpfungen der Menſchheit, als |Spaltenumbruch| tief in ihre geiſtige Entwicklung verſchlungen, haben, indem ſieeine nationale Form offenbaren, eine hohe Wichtigkeit für die zuerkennende Aehnlichkeit oder Verſchiedenheit der Racen. Sie habendieſe Wichtigkeit, weil Gemeinſchaft der Abſtammung in das ge-heimnißvolle Labyrinth führt in welchem die Verknüpfung derphyſiſchen (körperlichen) Anlagen mit der geiſtigen Kraft in tauſend-fältig verſchiedener Geſtaltung ſich darſtellt. Die glänzenden Fort-ſchritte welche das philoſophiſche Sprachſtudium im deutſchen Vater-lande ſeit noch nicht einem halben Jahrhundert gemacht, erleichterndie Unterſuchungen über den nationalen Charakter 9) der Sprachenund über das was die Abſtammung ſcheint herbeigeführt zu haben.Wie in allen Gebieten idealer Speculation, ſteht aber auch hierdie Gefahr der Täuſchung neben der Hoffnung einer reichen undſichern Ausbeute. Poſitive ethnographiſche Studien, durch gründliche Kenntnißder Geſchichte unterſtützt, lehren daß eine große Vorſicht in dieſerVergleichung der Völker und der Sprachen, welcher die Völker ſichzu einer beſtimmten Zeitepoche bedienten, anzuwenden ſey. Unter-jochung, langes Zuſammenleben, Einfluß einer fremden Religion,Vermiſchung der Stämme, wenn auch oft nur bei geringer Zahlder mächtigeren und gebildeteren Einwanderer, haben ein in bei-den Continenten ſich gleichmäßig erneuerndes Phänomen hervor-gerufen: daß ganz verſchiedene Sprachfamilien ſich bei einer undderſelben Race, daß bei Völkern ſehr verſchiedener Abſtammungſich Idiome desſelben Sprachſtammes finden. Aſiatiſche Welt-eroberer haben am mächtigſten auf ſolche Erſcheinungen ein-gewirkt. Sprache iſt aber ein Theil der Naturkunde des Geiſtes; undwenn auch die Freiheit mit welcher der Geiſt in glücklicher Unge-bundenheit die ſelbſtgewählten Richtungen, unter ganz verſchieden-artigen phyſiſchen Einflüſſen, ſtetig verfolgt, ihn der Erdgewaltmächtig zu entziehen ſtrebt, ſo wird die Entfeſſelung doch nieganz vollbracht. Es bleibt etwas von dem was den Natur-anlagen aus Abſtammung, dem Klima, der heitern Himmels-bläue oder einer trüben Dampfatmoſphäre der Inſelwelt zugehört.Da nun der Reichthum und die Anmuth des Sprachbaues ſich ausdem Gedanken wie aus des Geiſtes zarteſter Blüthe entfalten,ſo wollen wir nicht daß bei der Innigkeit des Bandes welchesbeide Sphären, die phyſiſche und die Sphäre der Intelligenz undder Gefühle, mit einander verknüpft, unſer Naturbild des freund-lichen Lichtes und der Färbung entbehre, welche ihm die hier frei-lich nur angedeuteten Betrachtungen über das Verhältniß der Ab-ſtammung zur Sprache verleihen können. Indem wir die Einheit des Menſchengeſchlechtes behaupten,widerſtreben wir auch jeder unerfreulichen Annahme 10) von höhe-ren und niederen Menſchenracen. Es gibt bildſamere, höher ge-bildete, durch geiſtige Cultur veredelte, aber keine edleren Volks-ſtämme. Alle ſind gleichmäßig zur Freiheit beſtimmt — zur Frei-heit welche in roheren Zuſtänden dem Einzelnen, in dem Staaten-leben bei dem Genuß politiſcher Inſtitutionen der Geſammtheitals Berechtigung zukommt. „Wenn wir eine Idee bezeichnen wol-len die durch die ganze Geſchichte hindurch in immer mehr erwei-terter Geltung ſichtbar iſt, wenn irgend eine die vielfach beſtrittene,aber noch vielfacher mißverſtandene Vervollkommnung des ganzenGeſchlechtes beweist, ſo iſt es die Idee der Menſchlichkeit: dasBeſtreben, die Gränzen welche Vorurtheile und einſeitige Anſichtenaller Art feindſelig zwiſchen die Menſchen geſtellt aufzuheben, unddie geſammte Menſchheit, ohne Rückſicht auf Religion, Nation undFarbe, als Einen großen nahe verbrüderten Stamm, als ein zurErreichung Eines Zweckes, der freien Entwicklung innerlicher Kraft,beſtehendes Ganzes zu behandeln. Es iſt dieß das letzte äußerſteZiel der Geſelligkeit, und zugleich die durch ſeine Natur ſelbſt in
7) Prichard Th. I. S. 295, Th III. S. 11.8) Die ſpäte Ankunft türkiſcher und mongoliſcher Stämme ſowohl amOxus als in der Kirghiſen-Steppe ſteht der Annahme Niebuhr’s daßdie Scythen des Herodot und Hippokrates Mongolen waren, entgegen.Es iſt weit wahrſcheinlicher daß die Scythen (Scoloten) zu den indo-germaniſchen Maſſa-Geten (Alanen) zu rechnen ſind. Die Mongolen,eigentliche Tataren (der letztere Name iſt ſpäter fälſchlich rein türkiſchenStämmen in Rußland und Sibirien gegeben worden), ſaßen damalsweit im Oſten von Aſien. Vergl. meine Asie centr. T. I. p. 239und 400, Examen critique de l’hist. de la Géogr. T. II. p. 320.Ein ausgezeichneter Sprachforſcher, Profeſſor Buſchmann, erinnert daßFirduſi im Schahnameh, in ſeinen halb mythiſchen hiſtoriſchen An-fängen, „einer Veſte der Alanen“ am Meere erwähnt, in welche Selm,der älteſte Sohn des Königs Feridun (gewiß ein paar Jahrhundertevor Cyrus) ſich flüchten wollte. Die Kirghiſen der ſogenannten ſcy-thiſchen Steppe ſind urſprünglich ein finniſcher Stamm; ſie ſind jetztwahrſcheinlich in ihren drei Horden das zahlreichſte aller wanderndenVölker, und lebten ſchon im ſechsten Jahrhundert in der Steppe, inwelcher ich ſie geſehen. Der Byzantiner Menander (p. 380—382 ed.Nieb.) erzählt ausdrücklich, wie der Chakan der Türken (Thu-khiu)im Jahr 569 dem vom Kaiſer Juſtinus II abgeſandten Zemarchuseine Kirghiſen-Sklavin ſchenkte: er nennt ſie eine χεϱχίς, und auchbei Abulgaſi (Historia Mongolorum et Tatarorum) heißen die KirghiſenKirkiz. Die Aehnlichkeit der Sitten iſt, wo die Natur des Landes denHauptcharakter der Sitten hervorruft, ein ſehr unſicherer Beweis derStammähnlichkeit. Das Leben in der Steppe erzeugt bei Türken (Ti,Tukiu), bei Baſchkiren (Finnen), bei Kirghiſen, bei Torgod und Dſun-garen (Mongolen) dieſelben Gewohnheiten des nomadiſchen Lebens, den-ſelben Gebrauch von Filzzelten, die auf Wagen fortgeführt und bei denViehheerden aufgeſchlagen werden.9) Wilhelm v. Humboldt über die Verſchiedenheit des menſchlichen Sprach-baues, in dem großen Werke über die Kawi-Sprache auf der InſelJava Bd. I. S. XXI, XLVIII und CCXIV. 10) Das Unerfreulichſte und in ſpäteren Zeiten ſo oft Wiederholte überdie ungleiche Berechtigung der Menſchen zur Freiheit und über Sklavereials eine naturgemäße Einrichtung findet ſich leider ſehr ſyſtematiſchentwickelt in Ariſtoteles Politica I. 3, 5, 6.
|915| |Spaltenumbruch| ihn gelegte Richtung des Menſchen auf unbeſtimmte Erweiterungſeines Daſeyns. Er ſieht den Boden ſo weit er ſich ausdehnt,den Himmel ſo weit ihm entdeckbar als er von Geſtirnen umflammtwird, als innerlich ſein, als ihm zur Betrachtung und Wirkſam-keit gegeben an. Schon das Kind ſehnt ſich über die Hügel, überdie Seen hinaus welche ſeine enge Heimath umſchließen; es ſehntſich dann wieder pflanzenartig zurück: denn es iſt das Rührendeund Schöne im Menſchen daß Sehnſucht nach Erwünſchtem undnach Verlornem ihn immer bewahrt ausſchließlich an dem Augen-blick zu haften. So feſtgewurzelt in der innerſten Natur desMenſchen, und zugleich geboten durch ſeine höchſten Beſtrebungenwird jene wohlwollend menſchliche Verbindung des ganzen Ge-ſchlechts zu einer der großen leitenden Ideen in der Geſchichteder Menſchheit.“ 11)
Mit dieſen Worten welche ihre Anmuth aus der Tiefe derGefühle ſchöpfen, ſey es dem Bruder erlaubt die allgemeine Dar-ſtellung der Naturerſcheinungen im Weltall zu beſchließen. Vonden fernſten Nebelflecken und von kreiſenden Doppelſternen ſindwir zu den kleinſten Organismen der thieriſchen Schöpfung inMeer und Land, und zu den zarten Pflanzenkeimen herabgeſtiegenwelche die nackte Felsklippe am Abhang eiſiger Berggipfel beklei-den. Nach theilweiſe erkannten Geſetzen konnten hier die Erſchei-nungen geordnet werden. Geſetze anderer, geheimnißvollerer Artwalten in den höchſten Lebenskreiſen der organiſchen Welt: indenen des vielfach geſtalteten, mit ſchaffender Geiſteskraft begabtenſpracherzeugenden Menſchengeſchlechts. Ein phyſiſches Naturge-mälde bezeichnet die Gränze wo die Sphäre der Intelligenz be-ginnt und der ferne Blick ſich ſenkt in eine andere Welt. Es be-zeichnet die Gränze und überſchreitet ſie nicht.
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11) Wilhelm v. Humboldt über die Kawi-Sprache Bd. III. S. 426.Ich füge aus demſelben Werke noch folgendes hinzu: „Die ſtürmen-den Eroberungen Alexanders, die ſtaatsklug bedächtigen der Römer,die wild grauſamen der Mexicaner, die deſpotiſchen Ländervereinigungender Incas haben in beiden Welten dazu beigetragen das vereinzelteDaſeyn der Völker aufzuheben und weitere Verbindungen zu ſtiften.Große und ſtarke Gemüther, ganze Nationen handelten unter derMacht einer Idee, die ihnen in ihrer Reinheit gänzlich fremd war.In der Wahrheit ihrer tiefen Milde ſprach ſie zuerſt, ob es ihr gleichnur langſam Eingang verſchaffen konnte, das Chriſtenthum aus. Früherkommen nur einzelne Anklänge vor. Die neuere Zeit hat den Begriffder Civiliſation lebendiger aufgefaßt, und das Bedürfniß erregt Ver-bindungen der Völker und Cultur weiter zu verbreiten; auch dieSelbſtſucht gewinnt die Ueberzeugung daß ſie auf dieſem Wege weitergelangt als auf dem gewaltſamer Abſonderung. Die Sprache umſchlingt,mehr als ſonſt etwas im Menſchen, das ganze Geſchlecht. Geradein ihrer völkertrennenden Eigenſchaft vereinigt ſie durch das Wechſel-verſtändniß fremdartiger Rede die Verſchiedenheit der Individualitäten,ohne ihrer Eigenthümlichkeit Eintrag zu thun.“ (A. a. O. S. 427.)