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https://humboldt.unibe.ch/text/1841-Vorwort2_Potsdam-1
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Titel Vorwort
Jahr 1841
Ort Berlin
Nachweis
in: Wilhelm von Humboldt’s gesammelte Werke, 7 Bände, Berlin: G. Reimer 1841–1852, Band 1 (1841), S. III–VI.
Sprache Deutsch
Schriftart Antiqua
Identifikation
Textnummer Druckausgabe: VI.19
Dateiname: 1841-Vorwort2_Potsdam-1
Statistiken
Seitenanzahl: 4
Zeichenanzahl: 4065
Bilddigitalisate

|III|

Vorwort.


Die gesammelten Schriften meines Bru-ders, Wilhelm von Humboldt, deren erste Theilemir noch die Freude geworden ist dem vater-ländischen Publikum zu übergeben, enthalten,neben grösseren, einzeln erschienenen Wer-ken, diejenigen Aufsätze und Abhandlungen,welche in mehreren Zeitschriften zerstreut ge-blieben waren. Ich hatte den sehnlichstenWunsch, diese Aufsätze bei dem Leben desVerfassers und unter seiner leitenden Mitwir-kung zu sammeln; aber ein nicht zu unter-drückendes Streben nach Gediegenheit undVollendung, wie die Strenge, mit der hochbe-gabte Geister ihre eigenen Schöpfungen beur-theilen, vereitelten diese Hoffnung. Nur dasGedicht Roma, das ich auf eigenen Antriebim Jahre 1806, als Manuscript für Freunde,herausgab, wurde zum zweiten Male im Jahre1824 gedruckt. Die hier gesammelten Frag-mente umfassen einen weiten Ideenkreis, phi-losophische Erörterungen, wie sie in den ver- |IV| schiedensten Zeitepochen und unter den wech-selnden Eindrücken grosser Ereignisse desVölkerlebens erzeugt wurden. Sie offenbarenuns den Menschen in dem ganzen Reichthumseines herrlichen Gemüthes und seiner See-lenkraft, den Politiker, gleichzeitig gestärkt, inseiner freien Sinnesart, durch eine tiefe Kennt-niss des Alterthums von Hellas, Latium undIndien, wie durch ein ernstes Eindringen inden Zusammenhang der neuesten Weltbege-benheiten. Die litterarische Anordnung des Ganzenist nicht in chronologischer Folge, sondernnach einer gewissen Gleichartigkeit des Stof-fes geschehen. An die Gleichartigkeit derBehandlungsweise des Stoffes brauche ich nichtzu erinnern. Es zeigt sich darin, wie ich schonan einem andern Orte auszusprechen gewagthabe, eine eigenthümliche Grösse, die nichtaus intellectuellen Anlagen allein, sondern vor-zugsweise aus der Grösse des Charakters, auseinem von der Gegenwart nie beschränktenSinne und aus den unergründeten Tiefen derGefühle entspringt. Meine Lage hat mir nicht erlaubt, die Her-ausgabe der Schriften selbst zu übernehmen.Ich würde haben fürchten müssen, durch Rei- |V| sen, und eigene, sehr heterogene Arbeitenzerstreut, eine mir theure Pflicht nicht sorg-sam genug erfüllen zu können. Jede er-wünschte Sorge in Vertheilung der Materialienund in der Correctur der Bogen ist aber aufdie freundlichste und zuvorkommendste Weisevon Herrn Doctor Carl Brandes, dem Her-ausgeber der literarischen Zeitung, einemManne, dessen vielseitige wissenschaftliche Bil-dung dem Publikum längst bekannt ist, über-nommen worden. Jedem Bande soll eine poetische Zugabegeschenkt werden. Es sind theils schon ge-druckte, theils dem Nachlass entnommene un-gedruckte Gedichte meines Bruders. Das Be-dürfniss, die Ideen, die ihn an jedem Tagelebhaft beschäftigten, in ein dichterisches Ge-wand zu hüllen, nahm auf eine denkwürdigeWeise mit dem Alter und mehr noch mit derStimmung zu, in welcher ein jeden Augenblickdes Daseins erfüllendes Gefühl des unersetz-lichsten Verlustes dem Anblick der Natur, derländlichen Abgeschiedenheit, dem Geiste selbsteine eigene Weihe giebt. Die Frucht einersolchen, minder trüben als gerührten und feier-lichen Stimmung war eine grosse Zahl von Ge-dichten, alle in einer und derselben Form, de- |VI| ren Existenz weder mir, noch irgend einemanderen Gliede seiner ihn liebevoll umgebendenFamilie bekannt wurde. Er hatte mit demgerechtesten Vertrauen jeden Abend, mehrereJahre lang, die Sonette, selbst auf kleinen Rei-sen, Herrn Ferdinand Schulz in die Federdictirt, dem jetzigen Geheimen Secretär beider Hauptverwaltung der Staatsschulden. DasGeheimniss, mit dem der Hingeschiedene dieseDichtungen so vorsichtig umgeben hatte, jadie bei mir erregte Besorgniss, dass flüchtigenErzeugnissen der Phantasie nicht immer einesorgsame technische Vollendung gegeben wer-den konnte, haben uns doch nicht abgehalten,einen Theil der Sonette Wilhelms von Hum-boldt zu veröffentlichen. Sie sind als ein Ta-gebuch zu betrachten, in dem ein edles, stillbewegtes Seelenleben sich abspiegelt.

Alexander von Humboldt.