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Alexander von Humboldt: „Ueber die Hochebene von Bogota“, in: ders., Sämtliche Schriften digital, herausgegeben von Oliver Lubrich und Thomas Nehrlich, Universität Bern 2021. URL: <https://humboldt.unibe.ch/text/1838-xxx_Ueber_die_Hochebene-5-neu> [abgerufen am 10.12.2023].

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Titel Ueber die Hochebene von Bogota
Jahr 1839
Ort Stuttgart; Tübingen
Nachweis
in: Deutsche Vierteljahrs Schrift 1:5 (1839), S. [97]–119.
Sprache Deutsch
Typografischer Befund Fraktur; Antiqua für Fremdsprachiges; Auszeichnung: Sperrung. Fußnoten mit Ziffern.
Identifikation
Textnummer Druckausgabe: V.80
Dateiname: 1838-xxx_Ueber_die_Hochebene-5-neu
Statistiken
Seitenanzahl: 23
Zeichenanzahl: 50964

Weitere Fassungen
[Ueber die Hochebene von Bogota] (Berlin, 1838, Deutsch)
Bogota (Paris, 1838, Französisch)
Ueber die Hochebene von Bogota (Leipzig, 1838, Deutsch)
Humboldt, über das Plateau von Bogota (Stuttgart, 1839, Deutsch)
Ueber die Hochebene von Bogota (Stuttgart; Tübingen, 1839, Deutsch)
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Ueber die Hochebene von Bogota.VonAlexander v. Humboldt.


Die Andeskette, wie alle großen Gebirgsketten der alten Welt,bietet mehr oder minder ausgedehnte Hochebenen dar. Sie liegenſtufenweiſe über einander und ſind meiſt durch enge Schluchten(Thäler, welche ſenkrecht die Axe der Gebirge durchſchneiden) ver-bunden. Dieſe ſehr bekannte Erſcheinung wiederholt ſich im Kleinenſelbſt am Abhange iſolirt ſtehender Berge. Was aber der Andes-kette eigenthümlicher iſt, und ſich in gleichem Maaße nirgends indem Alten Continent wiederholt, iſt der Umſtand, daß dort große,reiche und wohlbevölkerte Städte in den Hochebenen ſelbſt gegründetſind, faſt reihenweiſe geordnet, in gleichen Abſtänden vom Aequator,zwiſchen 36° ſüdlicher und eben ſo viel nördlicher Breite, von Chilibis Neu-Mexiko hin. Die Urſache dieſer ſonderbaren Städtegrün-dung muß man ſuchen in der Richtung der früheſten Völkerwan-derungen, in der Furcht aller Bergvölker, in die heißen, nahe gelegenenEbenen hinabzuſteigen, in der Wahl der nährenden Pflanzen, welcheein Gegenſtand des Ackerbaues geworden ſind. Die europäiſchenAnſiedler folgten überall der alten Cultur, ſie haben die erobertenStädte erweitert, doch ſelten ihnen neue Namen gegeben. Wennman Caracas, Popayan, Mexico, Bogota, Quito, La Paz undPotoſi nennt, ſo reihet man in dieſer Folge Stationen an einander,die ſich ſenkrecht zu Luftſchichten von 2800 bis faſt 13,000 Fuß Höheüber der Meeresfläche erheben, meteorologiſche Warten, gewiß einſt|98| Sitze wiſſenſchaftlicher Cultur, in welchen durch permanente Be-wohnung die wichtigſten Aufſchlüſſe über den mittleren Zuſtandder Atmoſphäre, nach Verſchiedenheit der Höhe und geographiſchenBreite, erlangt werden können. Die aſiatiſchen Bergländer zeigenuns höher bewohnte Dorfſchaften und Meierhöfe am nördlichenAbhange des Himalaya, wie in Weſt-Tübet am Küenlun und indem Plateau von Pamer gegen den Bolor hin, aber keineswegesdie Reihe großer Städte, denen ähnlich an Wichtigkeit und Größe,deren wir eben erwähnten. Kaſchmir liegt nach Victor Jacque-mont 5000, nach Baron v. Hügel 5400 Fuß hoch; es erreichtalſo noch nicht die unbedeutende Höhe der Stadt Popayan. DerPaß, auf dem der talentvolle Burnes zwiſchen Kabul und Balkhden Hindu-Kho (a stupendous chain of mountains, ſagter) bei dem alten Bamyan überſchritt, iſt auf dem höchſten Punktefaſt tauſend Fuß niedriger, als das Straßenpflaſter der oberenStadt Potoſi. Ob Hlaſſa die Höhe von La Paz erreicht, ſcheintmir, nach Temperaturverhältniſſen, überaus zweifelhaft.Die Erkenntniß der wunderbaren Geſtaltung des Neuen Con-tinents hat, ſeit der zweiten Hälfte des ſechzehnten Jahrhunderts,zuerſt alle großen Probleme der phyſiſchen Erdbeſchreibung angeregt;ſie hat auf das unwiderſprechlichſte dieſe Wiſſenſchaft gegründet.Scharfſinnigen Beobachtern, wie dem Geographen von Amaſia,war es freilich nicht entgangen, daß die Abnahme der Temperatureben ſo ſehr von der Erhebung über der Meeresfläche, als vonder geographiſchen Breite eines Ortes abhängt. Er allein im Al-terthume ſpricht ſich im Allgemeinen darüber aus. „Gibt es (ſagtStrabo, indem er von den Producten von Aria und Baktrianahandelt) dort auch kalte Erdſtriche, ſo darf uns das nicht Wundernehmen; denn auch in ſüdlicheren Gegenden ſind die Berge kalt,und überhaupt iſt es jeder hohe Boden, wenn er aucheine Ebene iſt.“ An einem anderen Orte fügt derſelbe Geographhinzu: „Cappadocien, wenn gleich ſüdlicher als Pontos, iſt doch kälter,ja Bagadiana, der allerſüdlichſte Theil und dazu eine völlige Ebene,bringt kaum noch Fruchtbäume hervor.“ 1 Nicht nach Beobachtungen,ſondern aus theoretiſchen Gründen ſchreibt Strabo (und dieſe Stelleiſt ſehr merkwürdig), wie Polybius, die gemäßigte Wärme der unter
1 Strabo, lib. I. pag. 73. lib. XII. pag. 539. Casaub.
|99| dem Aequator ſelbſt liegenden Länder ihrer Höhe zu. 1 Der vonHerodot geleugneten Schneeberge jenſeits des Wendekreiſes desKrebſes gedenkt zuerſt und allein die Aduliſche Inſchrift. Im NeuenContinent wurde der ewige Schnee der Tropen-Region zuerſt indem Gebirge von Citarma (Nevados de Santa Marta) geſe-hen, neun Jahr nach Columbus erſter Entdeckung, und zwar vonRodrigo de Baſtidas. 2 Dieſe Erſcheinung machte großes Aufſehenund Petrus Martyr de Anghicra ahnete ſchon, daß die untereGrenze des ewigen Schnees umgekehrt mit der Breite an Höhezunehmen müſſe. Er ſpricht davon in einem Briefe an den Sohndes Grafen Tendilla, im December 1513, wie auch in dem, für denPapſt Leo X. geſchriebenen Buche 3 de rebus Oceanicis. „Deflue-bat, heißt es in letzterem, flumen Gaira ex alto nivalimonte, quo altiorem nemo ex ducis Roderici (Bas-tidae) comitibus ajebat se vidisse unquam. Nequealiter putandum est, si nivibus albescebat in earegione, quae intra decimum gradum distat abaequinoctiali linea.“ Für die ſo mangelhafte Geſchichte derphyſiſchen Erdbeſchreibung war es nicht ganz unwichtig, die vonmir aufgefundenen zwei älteſten Erwähnungen der Schneeregionzwiſchen den Wendekreiſen, im alten und neuen Welttheile, hierbeiläufig zu berühren.
Die Hochebenen, welche den ſteilen Abfall einer Gebirgsketteunterbrechen und den Menſchen die Bewohnbarkeit der Erdflächegleichſam erweitern, können in ihrer Stufenfolge allerdings dazubeitragen, das ſelbſt für die Refraction in kleinen Winkeln ſowichtige Geſetz der Wärmeabnahme zu berichtigen, aber man darfnicht vergeſſen, daß alle Hochebenen ihr eigenes Klima haben, daßſie auf die Abſorption und die Strahlung der empfangenen Wärmeanders wirken, als der Abhang einer Kette. Unmittelbare Beob-achtungen 4 haben mich gelehrt, daß in Hochebenen von einigen
1 Lib. II. pag. 27.2 Erwieſen in dem Prozeß gegen die Erben des Admirals S. Navarrete,Col. de los Viages T. III. pag. 34 und 592.3 Oceanica ed. Colon. (1574) Dec. II. lib. 2. p. 140. Dec. III. lib. 3.pag. 258. Anghiera, Opus Epist. (ed. Amstel. 1670.) pag. 291. pag. 532.4 Mem. d’Arceuil T. III. pag. 592 und meine Fragmens asia-tiques T. III. pag. 525 — 529.
|100| Quadratmeilen Oberfläche die mittlere Jahrestemperatur 1 zwiſchen1°,5. bis 2°,3. höher iſt, als an dem ununterbrochenen Berggehänge.Ja, in einem und demſelben Plateau ſind die Punkte, welche amRande liegen, wie Bouſſingault ſehr richtig bemerkt hat, ſchon bis-weilen um 1°2, kälter, als die Mitte. Herabſteigende Luftſtröme,welche die Geſtalt des Abhanges und ſeine Stellung zu der Rich-tung der herrſchenden Winde veranlaſſen, tragen zu dieſem Unter-ſchiede bei; ſie werden dem Ackerbau ſchädlich, beſonders der Cultureuropäiſcher Cerealien und des Mayſes; ja in Hochebenen, die, wiedie peruaniſchen Felder um Caxamarca, über 7800 Fuß hoch liegen,wird das Erfrieren durch nächtliche Strahlung des Bodens gegeneinen heiteren, dunſtfreien Himmel, durch den Einfluß unbewegterund überaus dünner Luftſchichten vermehrt. Aber außer dieſen all-gemeinen, von der abſoluten Höhe abhängenden Verhältniſſen iſtdas individuelle, locale Klima der Bergebenen durch ihren Vegeta-tionszuſtand, durch die Geſtalt der umgebenden nächſten Felsmaſſen,ihre Verkettung und Farbe, durch den periodiſchen Gang der Stö-rungen im electriſchen Gleichgewicht der Atmosphäre bedingt. Jenekleinen Tafelländer ſind nicht ſowohl Inſeln im freien Luftmeere,ſie ſind vielmehr Ebenen, die am Fuße mächtiger Felſenwände,gleichſam ſchroffer, mannigfach geformter Vorgebirge, hingeſtrecktliegen. Numeriſche Reſultate der mittleren Tag- und Nachttem-peraturen geben, bei dem verwickelten Gange der meteorologiſchenProzeſſe, allein kein treues Bild der localen Klimate. Auch vonder Seite bietet, in der glücklichen Tropenzone, die kleinſte Raum-fläche die höchſtmöglichſte Mannigfaltigkeit von Naturerſcheinungendar, ſey es in den meteoriſch vorübergehenden, oder in den durchinnere Entwickelung ſich ewig erneuernden des organiſchen Lebens.
Nach dieſen allgemeinen Betrachtungen will ich bei einer ein-zelnen Hochebene von mittlerer Höhe verweilen, und aus meinemnoch ungedruckten Tagebuche einiges über die Bewohnbarkeit, dieVegetation und die geognoſtiſchen Schichtungsverhältniſſe derſelbenzuſammenſtellen. Das Plateau, Llanura de Bogota, nach denalten Mythen der Ureinwohner der Boden eines ausgetrockneten
1 In dieſem Aufſatze ſind alle Temperaturangaben nach dem hundert-theiligen Thermometer, alle Fuße in altem Pariſer Maaße. Die Mei-len ſind geographiſche, deren 15 auf einen Aequatorialgrad gehen.
|101| Sees Funzha, liegt 8130 Fuß über dem Meeresſpiegel. Es bietetin ſeiner ganz ſöligen, etwa 15 — 18 geographiſche Quadratmeilengroßen Fläche, vier merkwürdige Phänomene dar: den prachtvollenWaſſerfall des Tequendama, der von der Region immer grünerEichen in eine Kluft ſtürzet, zu welcher baumartige Farren undPalmen bis an den Fuß der Cataracte hinaufgeſtiegen ſind; einmit Maſtodontenknochen überfülltes Rieſenfeld, Campo de Gi-gantes; Steinkohlenflötze und mächtige Steinſalzſchichten. DasVorkommen der beiden letztgenannten Formationen erregt um ſomehr Verwunderung, als ſie eine Höhe erreichen, ohngefähr dergleich, welche man erhält, wenn man unſeren Brocken auf denGipfel der Schneekoppe thürmet.
Aus dem mit der herrlichſten Tropenvegetation geſchmücktenThale des großen Magdalenaſtroms gelangt man, den zahlloſenCrocodilen (Caymanes) und, was mehr noch erfreut, dem dichtenSchwarm der Mosquitos entkommend, in zwei Tagen, aus derTierra caliente in die Tierra fria der Hochebene von Bogota.Man verläßt ein Klima von 27°,7 mittlerer Temperatur, undſteigt in eine Zone von 14°,5. Der Weg war bis 1816 faſt einbloßer Waſſerriß, eine Kluft, in der bisweilen nicht zwei Maul-thiere ſich begegnen konnten, und doch führte derſelbe nach derHauptſtadt des Landes, deren Bevölkerung achtundzwanzig bis dreißig-tauſend Einwohner iſt. Als die Spanier wieder auf einige Zeitin den Beſitz von Neu-Granada kamen, ließen ſie, um die militä-riſche Communication zu erleichtern, und in Folge einer grauſamenpolitiſchen Reaction, den Weg von Honda nach Bogota durchSträflinge aus der republicaniſchen Partei erweitern und ausbeſ-ſern. Er gewann ſeitdem eine andere Geſtalt. Auf dieſe Weiſeentſtand ſchnell, während eines blutigen Bürgerkrieges, was dieVicekönige in faſt dreihundertjährigem friedlichem Beſitze nichthätten unternehmen wollen.Das Städtchen Honda, bei dem die Flußfahrt endet, wennman von Carthagena de Indias oder von Santa Marta nach Bo-gota reiſet, liegt am Zuſammenfluſſe des Rio Guali, der zugleichGranit- und Trachytgeſchiebe führt, mit dem Rio Magdalena.Bouſſingault gibt dem Städtchen, deſſen Einwohner durch Kröpfeverunſtaltet ſind, nach mittleren Barometerſtänden eine Höhe von636 Fuß über dem Meere; danach hätte die Magdalena in der|102| Vorausſetzung eines Laufes von 125 geographiſchen Meilen (mitd’Anville ¼ auf die Krümmungen gerechnet) 5 Fuß Gefälle aufdie Meile. Durch die beiden anmuthigen und temperirten Thälervon Guaduas und Villcta, von denen, ſonderbar genug, das ent-ferntere, ſüdöſtlichere das tiefere iſt, ſteigt man von Mave unun-terbrochen durch einen dichten Wald zur Hochebene auf. Anfangserſcheinen, etwa von einer unteren Grenze von 4200 Fuß Höhean, einzelne Stämme von Cinchona (Bäume von Fieberrinde),ſpäter zwiſchen dem Acerradero und Roble findet man die ſchönendunkeln Gebüſche der Neu-Granadiſchen Eiche. Bei dem DorfeFacatativa tritt man in das Plateau, eine cultivirte, faſt baumloſe,unabſehbare Ebene, in welcher Chenopodium Quinoa, Kartoffelnund Waizen (dieſer fünfzehn bis zwanzigfältiges Korn gebend) ſorg-ſam angebaut werden. Einzelne niedrige Hügel, wie der Cerro deSuba und Cerro de Facatativa, ſtehen als Inſeln zerſtreut aufdem alten Seeboden. Bis zur Hauptſtadt hat man volle vierMeilen. Die Mitte der Hochebene iſt etwas geſenkt und ſumpfig.Hier liegt das Dorf Funzha, unter der ſpaniſchen Herrſchaft einſtBogota genannt, ein Dorf, das vor der Conquiſta der Hauptſitzder alten Muyscas war. Seit der Revolution und Unabhängigkeitvon Neu-Granada oder Cundinamarca hat man die geographiſchenBenennungen geändert. Der Name des Dorfes Bogota iſt aufdie Hauptſtadt übergegangen, die von ihrem erſten Gründer GonzaloXimenez de Quesada (weil er aus Santa Fe in der ſchönenVega de Granada gebürtig war) Santa Fe de Bogota ge-nannt wurde. In der neuen Ordnung der Dinge wollte man, wiebei allen Colonial-Revolutionen, die Erinnerung an das Mutter-land vertilgen. Das Gebiet durfte nicht mehr Neu-Granada, dieHauptſtadt nicht mehr Santa Fe heißen. Dem Lande wurde derindiſche Namen Cundinamarca gegeben, ich glaube nicht ſehr ſprach-richtig, denn der älteſte Name unter der Herrſchaft des Zaque warCundirumarca. Ich folge der neuen, jetzt allgemein angenom-menen geographiſchen Nomenclatur.Die Stadt Bogota, von Alleen rieſenmäßiger Daturen umge-ben, liegt dicht an einer faſt ſenkrecht abgeſtürzten Felswand. Ueberder Stadt hängen an derſelben Felswand, faſt in 2000 Fuß Höhe,neſterartig zwei Kapellen, Monſerrate und Guadalupe, die ich be-ſtiegen, um ſie barometriſch zu meſſen, und von denen man eine|103| herrliche Ausſicht auf die ganze Gebirgsebene und die Schneebergeder gegenüberliegenden mittleren Andeskette (der von Quindiu)genießt. In Südweſten ſieht man faſt ununterbrochen eine Dampf-ſäule aufſteigen. Sie bezeichnet den Punkt, wo der ungeheureWaſſerfall des Tequendama liegt. Der Charakter der ganzen Land-ſchaft iſt großartig, aber melancholiſch und öde.Der Anblick jener in den ewigen Schnee reichenden Kette erin-nert recht lebhaft daran, wie Berggipfel, auch wenn ſie unter denkleinſten Winkeln am Horizont erſcheinen, dennoch einen majeſtäti-ſchen Eindruck hervorbringen. Was über dem nahen Waldgebirgeemporragt, jenſeits des Magdalenathales, in 21 Meilen Entfernung,iſt im Weſten der abgeſtumpfte Kegel des Vulkans von Tolima,der nach meiner bei Ibague ausgeführten trigonometriſchen Meſſungfaſt 17200 Fuß hoch und daher wohl der höchſte Berg des NeuenContinents nördlich vom Aequator iſt. Weiterhin, auf den Tolimafolgend, erkennt man gegen W. N. W. zuerſt eine Reihe von dreikleineren Bergkuppen, dann eine Meſa, das heißt einen langge-dehnten dachförmig abfallenden Rücken.Die untere Schneegrenze erſcheint, wie immer in ſolcher Ferne,ohne alle Ungleichheit, in horizontaler Richtung, rein abgeſchnitten.Sie berührt kaum die Gipfel der drei kaſtellartigen Kuppen; nurdie Meſa iſt, wie der Kegelberg, von einem großen weit leuchten-den Schneemantel umgeben. In Bogota nennt man jene KuppenParamo de Ruiz, die lange Mauer Meſa oder Paramo deErve, auch Herveo. Ueber die Richtigkeit der letzteren Benennungiſt aber, bei Gelegenheit eines neuen vulkaniſchen Ausbruchs 1 imParamo de Ruiz, ein noch ungeſchlichteter Streit entſtanden. To-lima iſt nach dem Cotopaxi der ſchönſte, regelmäßigſt geformteKegelberg, den ich unter allen Vulkanen geſehen. Die Schneedeckeumhüllt alle Unebenheiten des Abhanges; Roulin hat das Verdienſt,in einem Manuſcripte des Padre Simon die Beſchreibung einer
1 Ausbruch von 1828, geſehen von den Höhen des Raizal bei Guadnas,wie auch zu Marmato, weſtlich von Rio Cauca. S. meine Fragmensasiatiques. T. 1. p. 157 und II. p. 602.Ein genauer Beobachter, Herr Carl Degenhardt, der erſt im vorigenJahre den Bergwerks-Diſtrikt von Marmato verlaſſen hat, verſichertemich, daß noch jetzt Rauchſäulen aufſteigen.
|104| Eruption des Tolima vom 12. März 1595 aufgefunden zu haben;ich ſage das Verdienſt, denn nördlich vom Vulkan Purace beiPopayan (Breite 2° 17′) war bisher, in der ganzen Andeskette bisnach Coſta Rica und Nicaragua hin, kein einziger, in hiſtoriſchenZeiten thätiger Vulkan bekannt. Die Entfernung vom Tolima bisPurace iſt 40 geographiſche Meilen. Beide Trachytberge gehörenzu derſelben Kette, nämlich zu der mittleren Cordillere. Solche Be-trachtungen geben einem Schneeberge, der am Horizonte aufſteigt,ein eigenes Intereſſe, und nach dem großartigen Eindruck, den manempfangen, traut man anfangs kaum ſeinen Inſtrumenten, wennman ſieht, daß der Gipfel der Pyramide von Tolima in dem oberenTheile der Stadt Bogota, ohne Correction für Strahlenbrechung, nurunter einem Höhenwinkel von 32 Minuten über dem Horizont erſcheint.
Die Schnelligkeit, mit der ſo oft auf der hohen Ebene, ohne alleVeränderung in der Richtung des Windes, wohl durch ſenkrechteLuftſtröme und durch Wechſel in der electriſchen Spannung derAtmoſphäre, dichte Nebel (Paramitos) auf die größte Heiterkeitplötzlich folgen, macht dort trigonometriſche Meſſungen und aſtro-nomiſche Beobachtungen ſehr unbequem. Oft iſt man in einer Stundemehrmals in dieſe Nebel gehüllt. Auch iſt der Anblick der Zahlen,welche die mittlere Temperaturverhältniſſe ausdrücken, dort erfreulicherals der Lebensgenuß, den man von dem ſogenannten ewigen Früh-lingsklima, das heißt von der Geſammtheit der Modificationen desLuftkreiſes in den hohen Ebenen der Tropen empfängt. Die mitt-lere Jahreswärme von Bogota iſt 14°,5; alſo 3° kälter als inPopayan und ſelbſt \( \frac{7}{10} \) Grad kälter als in Quito. 1 Das letztereVerhältniß iſt ſehr auffallend, denn Bogota liegt zwar 2556 Fußhöher als Popayan, aber noch 850 Fuß niedriger als Quito. Iſt esnur die geſchütztere Lage in einem engen Thale am Fuß des Vulkansvon Pichincha, welche der Stadt Quito (trotz ihrer Höhe) einminder kaltes Klima gibt? Auffallend ſcheint es freilich, daß Bouſ-ſingault, welcher die mittlere Luftwärme unter den Tropen ſehr
1 Ich folge der ſehr genauen Arbeit von Bouſſingault, die in den An-nales de Chimie, Juillet 1833 enthalten iſt. Ich ſelbſt fand ehemalsfür Bogota 14°,3, für Popayan 18°,7, für Quito 14°,4. S. meinMémoire sur la distribution de la chaleur et sur les lignes iso-thermes in Mem. de la société d’Arceuil, T. III. p. 529.
|105| ſcharfſinnig nach der Bodentemperatur in ſehr geringer Tiefe mißt,für Quito, Riobamba und Lactacunga ſtatt 14° oder 13°,5 zwiſchen15°,2 und 16°,4 findet. Ueberall ſteht man hier über dem großenvulkaniſchen Herde der Provinz Quito, aber bei der geringen undlangſamen Durchwärmung mächtiger Geſteinslagen und bei demGleichgewichte, welches in langen Perioden die Ausſtrahlung her-zuſtellen ſtrebt, wagt man kaum dieſe höhere Temperatur vonQuito den innern Erdkräften zuzuſchreiben.
Die Tageswärme iſt gewöhnlich in Bogota, in jedem Theile desJahres, zwiſchen 15° und 18°, die Nachtwärme zwiſchen 10° und 12°.Unter + 2°½ iſt das Thermometer wohl nie geſehen worden, auch inQuito, bei 8980 Fuß Höhe, ſinkt es (12 Fuß über dem Boden) nichtbis zum Nullpunkte herab. Da die klimatiſchen Einflüſſe auf alle Le-bensproceſſe des Organismus mehr von der Vertheilung der Wärmeunter die verſchiedenen Jahres- und Tageszeiten, als von der mitt-leren Temperatur des Ortes abhängen, ſo ſind Vergleichungen derHochebenen unter den Wendekreiſen mit Punkten der gemäßigtenund kalten Zone, die wenig über der Oberfläche des Meeres er-haben ſind, nur unter gewiſſen Einſchränkungen zu empfehlen. Diejährliche Mittelwärme von Bogota bei 8130 Fuß Höhe und 4°36′ Breite iſt die jährliche Mittelwärme von Rom, ſie iſt aber inallen Monaten des Jahres ſo gleichförmig, daß ſie z. B im Jahr1823 in 10 Monaten nur um 1°, in 12 Monaten nur um 2°,4ſchwankte. 1 Der wärmſte Monat war 16°,6; der kälteſte 14°,2.Ebenſo war es fünfzehn Jahre früher.2 In älteren Beobachtun-gen von Caldas finde ich in ſieben aufeinanderfolgenden Monatennur \( \frac{9}{10} \) Grad Unterſchied. Ebenſo iſt es mit dem Drucke der Luft:wenn man in einem ganzen Jahre den Stand des Barometers inden Wechſelſtunden ſeines regelmäßigen Uhrganges beobachtet, um9 Uhr Morgens, wo das Queckſilber am höchſten, und um 4 UhrNachmittags, wo es am niedrigſten ſteht, ſo findet man in keinemMonate mittlere Differenzen, die um mehr als eine Linie verſchiedenwären. In 10 Monaten ſind ſie bisweilen nur \( \frac{17}{100} \) einer Linie.
1 In Rom iſt die Schwankung 16°, der Januar hat 7°,8, der Juli23°,7 mittlere Wärme.2 Relation hist. T. III. pag. 302.
|106| Der häufige Nebel, welcher in der Hochebene von Bogotabeſonders an ihren Rändern herrſcht, tränkt die Pflanzen und gibtewige Friſche der Vegetation. Herboriſationen an den ſteilen Fels-maſſen, auf welchen die beiden zierlichen, den heiligen Jungfrauenvon Monſerrate und Guadalupe gewidmeten Kapellen in 9900und 10122 Fuß Höhe erbaut ſind, gehören zu den Genüſſen, derenAndenken ſchwer verliſcht. Hier beginnt die myrtenblättrige Vege-tation der Paramos. Unter dem Schatten von Vallea stipularisvon Weinmannien und ſchirmförmig ausgebreiteten Escallonienfanden wir die prachtvollen Blüthen von Alstroemerien, Paſſifloren,neuen Arten von Fuchsia und Rhexien. Jede dieſer Kapellen, diedurch eine tiefe Felskluft (el Boqueron) getrennt ſind, hat ihreeigene Art von Paſſifloren; die eine Kapelle hat die Curubita, mitder man an großen Feſten die Altäre ſchmückt, (Tacsonia spe-ciosa); die andere hat die ſchöne Tacsonia mollissima, welche ihrereßbaren Früchte wegen in Popayan cultivirt wird. Den Felſendicht bedeckend, wuchern hier gruppenweiſe Myrica pubescens, Gaul-therien, purpurblüthige Thibaudien, Hypericum brathys von Smith,und unſer ſchönes Genus Aragoa mit tannen- und cypreſſenartigen,ſchmalen Blättern. Von den fieberheilenden Cinchonen verirret ſichkeine mehr auf dieſe Höhen: denn Quina naranjada (Cinchonalancifolia, Mut.), die man vor meiner Reiſe nach Loxa mit C. con-daminea verwechſelte und für die ächte C. officinalis von Linnéehielt, verließ uns ſchon in dem Eichenwalde, lange ehe wir dieHochebene von Bogota erreichten. Dagegen ſteigt, und dieſe Er-ſcheinung iſt ſehr auffallend, eine hohe Alpenpflanze, der wolligeFrailejon (Espeletia grandiflora) bis zum oberen Theil der StadtBogota herab. Die größere Zahl dieſer neuen Gewächſe iſt in meinemund Bonpland’s Werke: Plantes équinoxiales abgebildet. Obgleichdie Kapellen von Monſerrate und Guadalupe (an abſoluter Höhe faſtder des Aetna gleich) zweitauſend Fuß ſenkrecht über der Haupt-ſtadt liegen, ſo wird doch häufig von den Gläubigen dahin gewall-fahret. Die ſonderbare Oertlichkeit dieſer Stationen macht ſie fürgleichzeitige Beobachtung der ſtündlichen magnetiſchen Abweichungund der ſtündlichen Barometer-Oscillationen überaus empfehlungs-werth. Ich habe mit großer Sorgfalt eine Vergleichung der mag-netiſchen Inclination und der Intenſität der magnetiſchen Kraftangeſtellt. Beide waren etwas kleiner in der oberen Station, die|107| Oscillationen in Verhältniß von 226 : 224. Die Inclination warin Bogota 27°,15, in der Kapelle Guadalupe aber 26°,80 (hun-derttheilige Div.) Auch das Geſetz der Wärmeabnahme zu verſchie-denen Stunden des Tages und der Nacht wäre hier trefflich zu prüfen.Aus der Felskluft, durch welche die beiden Wallfahrtsortegetrennt werden, ſtürzt das Flüßchen San Francisco herab,durchſtrömt die Stadt, wie zwei andere Bäche (die Caños de SanAgoſtin und del Arzobispo), und vereinigt ſich in der Mitte der Ebene(Llanura) mit dem Hauptfluſſe Rio de Funzha oder Rio de Bogota.Letzterer empfängt alle von der öſtlichen Gebirgswand kommendenWaſſer, theilt die Ebene, von Norden gegen Süden fließend, inzwei Hälften und findet endlich durch eine plötzliche Wendung gegenSüdweſten eine enge Oeffnung in der angrenzenden Bergkette. Erbildet hier den berühmten Salto oder Waſſerfall von Tequendamaund fließt dann am weſtlichen Abhange der öſtlichen Cordillere,neun Meilen lang (durch eine Kluft, die ſich allmälig in einThal erweitert), dem Magdalenaſtrom zu. Die Confluenz iſt 12Meilen oberhalb Honda.Die Hochebene von Bogota hat, wie ihr eigenes Klima,ſo auch ihre eigenen Mythen. Sie bildet gleich der Hochebenevon Mexiko (dem alten Tenochtitlan) ein geſchloſſenes Becken,aus dem die Waſſer nur an einem einzigen Punkte einen Aus-fluß finden. Beide enthalten in ihrem Schuttboden die foſſilenKnochen elephantenartiger Thiere der Vorwelt, doch die Llanurade Bogota in größerer Zahl. Dem Becken von Mexiko, das1100 Fuß minder hoch, und ringförmig von Trachyt- und Porphyr-ketten umgürtet iſt, entſtrömen die Waſſer nur durch den künſtlichen,1607 begonnen Durchbruch bei Huchuetoca, welcher die Waſſer in denRio de Tula und mit dieſem in die Südſee führt. Dagegen iſt der Paß,in dem ſich die Cataracte von Tequendama bildet, ein natürlicher:es iſt eine gangartige Felsſpalte, entweder mit der Hebung derganzen Bergkette in Verbindung ſtehend oder in urweltlicher Zeitdurch ſpätere, noch jetzt hier nicht ungewöhnliche Erderſchütterungenentſtanden. Würde der Paß von Tequendama geſchloſſen, ſo wan-delte ſich gewiß, trotz der Verdunſtung, der kleine Sumpf vonFunzha in einen Alpenſee um. So war es, laut der Tradition derEingebornen, im Anfange der Dinge. Ehe der Mond der Begleiterunſeres Planeten wurde, lebte das Volk der Muyscas oder Mozcas|108| in roher Sitte, ohne Pflanzenbau und ohne Götterverehrung. Daerſchien, von dem Gebirge hinter Bogota herabgeſtiegen, ein lang-bärtiger Mann anderen Geſchlechts als die Muyscas. Er hattedrei Namen, unter denen der Name Botſchika (Bochica) der ge-feiertſte war. Der heilige Mann kam alſo, wie Manco Capac, vonOſten her aus den Grasfluren des Rio Meta, vielleicht aus derWaldgegend des Orinoco, wo hohe Felswände bis zum Rupunuryund Eſſequibo hin mit ſymboliſchen Zeichen und Bildern bedecktſind. Wie Manco Capac (und ſo beginnen alle Mythen, die denVölkern das unbegriffene Phänomen eines Ueberganges zur Anſie-delung und Geſittung löſen ſollen) lehrte Botſchika die Gebirgsbe-wohner ſich kleiden, Mays und Quinoa ſäen, und geſellt durchreligiöſen Cultus, wie durch Glauben an die Heiligkeit gewiſſerOrte, ſich in ein Volk zu verſchmelzen. Botſchika war begleitetvon einem Weibe, das, wie er, drei Namen führte, aber alles bös-artig ſtörte, was der heilige Mann zum Glücke der Menſchen er-ſonnen hatte. Durch ihre Zauberkünſte ließ Huythaca den FlußFunzha anſchwellen. Die ganze Hochebene wurde ein See undnur wenige Menſchen retteten ſich auf das nahe Gebirge. Da er-zürnte der Alte und verjagte das unglückbringende Weib. Huythacaverließ die Erde und wurde der Mond, welcher den erſten proſele-niſchen Muyscas, wie den erſten Arcadiern, nicht geleuchtet hatte.Botſchika, des Menſchengeſchlechts ſich erbarmend, öffnete nun mitſtarker Hand bei Canoas eine Felswand, ließ den Funzha hinabſtürzenund trocknete ſo die ganze Hochebene. Die Cataracte, das Natur-wunder der Gegend, iſt alſo ſein großartiges Werk. Botſchikaſammelte die durch die Lokalfluth zerſtreuten Menſchen, lehrte ſieStädte bauen, führte den Sonnendienſt und eine eigene, vonmir an einem andern Orte 1 beſchriebene Einſchaltungsmethodeder Mondjahre ein: er gründete eine politiſche Verfaſſung, diean den uralten Prieſterſtaat von Meroe und an das ſpät erſtbuddhiſtiſche Tübet erinnert, indem er die Obergewalt unter einenweltlichen Herrſcher, 2 den Zaque, und einen geiſtlichen, den
1 Vues des Cordillères et Monumens des peuples indigèues de l’Amé-rique T. I. pag. 88. T. II. pag. 226.2 Der erſte weltliche Fürſt der Muyscas hieß Huncahua, der Weiſe: ergründete die jetzige Stadt Tunja, die nach ihm den Namen Hunca
|109| Oberprieſter von Iraca (öſtlich von der Stadt Tunja), theilte. SeineMiſſion war nun vollendet. Er zog ſich in das heilige Thal vonIraca zurück und lebte dort, wie Buddha und der aztekiſche Wun-dermann Quetzalcoatl, in beſchaulicher Andacht und in ſchweren,ſich ſelbſt aufgelegten Büßungen hundert Muyscas-Cyclen, dasheißt zweitauſend Mondjahre.
Dieſe Mythe, ein geognoſtiſcher Roman, wie ihn die älteſtenheiligen Bücher ſo vieler Völker (und oft neben einem hiſtoriſchen)darbieten, iſt theils durch die Localverhältniſſe des hohen Beckensvon Bogota und die Ueberſchwemmungen des Flüßchens Funzha,theils durch die ſymboliſirende Tendenz der früheſten Menſchheiterzeugt. Unter allen Zonen, in Vorder-Aſien, in den Hochebenenund Keſſelthälern von Hellas, ja in Inſeln der Südſee von gerin-gem Umfange, finden wir dieſelben geognoſtiſchen und moraliſch-politiſchen Mythen wieder. Botſchika und Huythaca ſind das guteund böſe Prinzip. Sie kämpfen gegen einander. Botſchika iſt einHeliade, wie Manco-Capac, vielleicht die menſchgewordene Sonneſelbſt. Huythaca, das feuchte Prinzip, erregt die Fluth und wirdder Mond. Botſchika, das erwärmende, trocknende Prinzip, verjagtdie Waſſer, gibt ihnen Abfluß, indem er eine Felſenſpalte öffnet.Botſchika, als Trimurti, hat drei Namen, auch zeigten die Prieſter
erhielt. Die erſten ſpaniſchen Ankömmlinge nannten ſie Tunca. DerName Bogota iſt nach Roulin verſtümmelt aus dem Muysca-Wortebakata das heißt Feldgrenze, Ende des Bebauten, weil unter der Herr-ſchaft der Eingebornen die Bergkette hinter der jetzigen Hauptſtadt bakatagenannt wurde. Huncahua unterwarf ſich das Land von den Gebir-gen von Opon bis zu den Grasſteppen von San Juan de los Llanos.Ich habe im Text die alte Verfaſſung des Muysca-Staates nichtmit der Verfaſſung von Japan verglichen, in der man lange fälſchlichden Dairi ein geiſtliches, den Seogun ein weltliches Oberhaupt ge-nannt hat. Dieſe Vertheilung der Gewalt hat in Japan nie exiſtirt.Der Seogun iſt der Feldherr, der ſich ſeit dem zwölften Jahrhundertdie Oberherrſchaft angemaßt hat, der Dairi iſt das Haupt des ent-thronten Stammes. Der Dairi, einſt weltlicher Alleinherrſcher, iſtaber göttlichen Urſprungs und ſeine Perſon iſt ſo heilig, daß manihm die Nägel nur im Schlafe abſchneidet, was im Japaniſchen Hof-dialekte „dem Kaiſer die Nägel ſtehlen“ heißt. (S. Nipon o daïitsi Ran, 1834 pag. 436.)
|110| (Lamas) von Iraca oder Sogamozo den erſten ſpaniſchen Eroberern,den Begleitern des Adalantado, Ximenez de Quesada, Idole, inwelchen der Sonnenſohn mit drei Köpfen abgebildet war. Botſchikaiſt dabei eine Perſonificirung, ein Repräſentant menſchlicher Geſit-tung, eine große hiſtoriſche Geſtalt, erdacht, um ihr einfach und bequem,als plötzliche Erfindung, alle geiſtlichen und bürgerlichen Einrichtun-gen, wie das zur Anordnung der Feſte (Opfer- und Wallfahrts-Epochen) ſo nothwendige Kalenderweſen, zuzuſchreiben. Was ſichallmälig gebildet und entwickelt hat, wird gedacht als ſimultan,durch einen fremden Wundermann oder Ankömmling hervorgerufen.So verſchieden auch immer die Grade der Civiliſation ſeyn mögen,zu denen die Menſchheit ſich erhebt, auf dem Rücken der Cordilleren,oder an den Ufern des Mittelmeeres, in Griechenland, Klein-Aſienoder Aegypten, überall finden ſich die Spuren deſſelben Gangesder Ideen, überall die wiederkehrenden Formen des Glaubens undphantaſiereicher Erdichtung.
Die alte geognoſtiſche Mythe der Muyscas, eines kaum derBarbarei entgangenen oder vielleicht halb in dieſelbe zurückgeſunkenenVolkes, hat, aus dem phyſikaliſchen Geſichtspunkte betrachtet, wenig-ſtens den Vorzug, daß ſie die Oeffnung des Thales und den Ab-fluß des Alpenſees einer auf einmal und gewaltſam wirkenden Kraftzuſchreibt. Dieſe Anſicht entſpricht den Bedingungen des Natur-phänomens, der Geſtaltung des Felſenthores. Die Schichten desKalkſteins liegen horizontal. Die Spalte ſcheint neuer als die Er-härtung und Hebung, es iſt nicht eine Lücke, welche unter ungleichenWinkeln einſchießende Flötzlagen, indem ſie herausgeſchoben wurden,zwiſchen ſich zurückließen. Es iſt eine Spaltung, ein Querthal,erzeugt durch dieſelben geheimnißvollen Kräfte, die ſich in jederReaction des innern Erdkörpers gegen ſeine Oberfläche (die Erd-rinde) offenbaren. Hat ſich die Oeffnung von einer anfangs engenSpalte allmälig zu ihrer jetzigen Dimenſion von 36 Fuß durchden Stoß der Waſſer erweitert, wie einige wiſſenſchaftlich gebildeteEinwohner und fleißige Beobachter der Lokalverhältniſſe mich über-reden wollten? Ich bezweifle dieſe allmäligen Bildungen und hydrau-liſchen Wirkungen des Stoßes. Die Aufgabe iſt hier keine iſolirte,ſie wiederholt ſich in jedem Alpenthale des Alten und Neuen Con-tinents. Die jetzt rinnenden Waſſer (ſo weit berufene Namen ſieauch als Flüſſe tragen) haben ſich enge Furchen in breiten Thälern|111| ausgegraben; ſie ſchlängeln ſich durch die weiten Räume dieſerThäler. Es ſind kleine Naturphänomene, welche den alten, dieUnterbrechung des allgemeinen Reliefs beſtimmenden Urſachen fremdblieben. Das Syſtem allmäliger Wirkungen und der ſchwachen Kräfte,die langer Dauer bedürfen (ein wiſſenſchaftliches Syſtem, das perio-diſch wiederkehrt und im klaſſiſchen Alterthume ſich auf Delta-Bil-dung, auf Anſchwemmungen und Höhlenſinter gründete), befriedigtwenig bei dem Anblick der Erdtrümmer, die uns heute zum Wohnplatzdienen. Der „Regentropfen“ durchbohret wohl durch langes Falleneinen Stein, er gibt aber der Rinde unſeres Planeten nicht ihrejetzige phyſiognomiſche Geſtaltung.Der weitberufene Waſſerfall des Tequendama verdankt ſeinenimpoſanten Anblick dem Verhältniß ſeiner Höhe zu der Waſſermaſſe, diein zwei Abſätzen herabſtürzt. Der Rio de Funzha, nachdem er ſichbei Facatativa und Fontibon in einen mit ſchönen Waſſerpflanzenbedeckten Moraſt ausgebreitet, zieht ſich wieder bei Canoas zu einemengern Bette zuſammen. Ich fand ſeine Breite dort 130 Fuß. Beigroßer Dürre ſchien mir das im Salto de Tequendama herabfallendeWaſſerprofil, wenn man ſich eine ſenkrechte Fläche durch den Flußgelegt denkt, von 700 bis 780 Quadratfuß. Die große Felswandwelche dem Salto gegenüber ſteht, und die durch Weiße und Regel-mäßigkeit der Flötzlagen an Jurakalkſtein erinnert, das wechſelndeSpiel des farbig gebrochenen Lichtes in der Dunſtwolke, welche ſtetsüber den Cataracte ſchwebt, die perlartige Zertheilung der herab-ſtürzenden Waſſermaſſe, das Zurückbleiben ihrer CometenartigenSchweife, das donnernde, von den Bergen wiederhallende Getöſe,das Dunkel der tiefen Felskluft, der Contraſt zwiſchen der oberennördlichen Eichenvegetation und den Tropenformen am Fuße desSalto, alles dieß giebt dieſer nicht zu beſchreibenden Scene einen indi-viduellen, großartigen Charakter. Nur bei ſehr hohem Stande ſtürzendie Waſſer auf einmal ſenkrecht und von der Felswand abgebogen, inden Abgrund. Wenn dagegen der Fluß ſeichter iſt (und ſo fandich ihn bei dem Beſuche dieſer Gegend) iſt das Schauſpiel größerund erfreulicher. Die Felswand hat nämlich zwei Vorſprünge, einenin 5, den andern etwa in 30 Toiſen Tiefe. Dieſe verurſacheneinen wahren caſcadenartigen Fall, wobei ſich unten alles in einSchaum- und Dampfmeer verliert. Wenn man ſich nahe an denäußerſten Rand der Felsbank wagt, von welcher der Fluß hinabfällt|112| ſo ſammelt man in Menge ein Pflänzchen aus der Richardſchenſeltenen Familie der Podostemeen, ein neues Geſchlecht Marathrummit vielfach gefiederten, feinen, faſt haarförmigen Wurzelblättern,die in die tobenden Waſſer tauchen. 1Die genaue Beſtimmung der Höhe des Salto iſt wegen derLokalität ein ſehr ſchwieriges Problem. Der Fall der Steine, daman dieſelben nicht ganz ſenkrecht fallen laſſen kann, ſondern ihneneine Wurfkraft mittheilt, hat mich wenig befriedigt. An das Meſſeneiner Baſis in der engen Felskluft (Quebrada) iſt vollends nichtzu denken. Dazu verhindert die ſchlangenförmige Richtung derKluft die Anſicht des ganzen Falles und die Beſtimmung desganzen Höhenwinkels. Das einzig anzuwendende Mittel ſchiendaher das mühevolle Herabſteigen von Canvas in das Thal vonPovaſa, wozu ich drei Stunden brauchte. Obgleich ſehr vielWaſſer während des Falles verloren geht, ſo war doch der Stromnoch unten ſo reißend, daß das Barometer nur in großer Entfernungvom Fuß des Falles von mir aufgeſtellt werden konnte. DieSchätzung des fehlenden Gefälles nach Diſtanz und nach Zählungder einzelnen ſtufenförmigen Caskaden, machte das Reſultat, welchesich damals erhielt, ſehr ungewiß. Wenn man den Salto von untenſieht, ſo erinnert er an einen Silberteppich, deſſen Saum nur hieund da die Erde berührt. Herr Roulin hat die Operation, die ichverſuchte, glücklicher wiederholt; er hat ſich dem Fuße des Saltomehr genähert als ich, ungefähr bis auf 20 Toiſen Entfernung,ſeitwärts am Felsrande, wo er ſich dann mit dem Fuße in gleichemNiveau glaubte. Ich ziehe daher gern ſein ſpäter erhaltenes größeresReſultat (870 Fuß) dem meinigen vor. Die Temperatur des Waſ-ſers fand ich oben und unten vollkommen gleich, was ich wegen derKälte erregenden Verdunſtung nicht vermuthete. Sie war 15°,6.Ich habe mehrmals die ſenkrecht abgeſtürzte Kalkſteinwand ge-nannt, die ſich jenſeits des Salto von Tequendama gegen Oſtenaus dem Abgrund erhebt und welche die von Gmelin in Rom ge-ſtochene ſchöne Kupferplatte recht maleriſch darſtellt. 2 Es iſt hier
1 Marathrum foeniculaceum, Humb. et Bonpl. (Pl. aequin. T. I. tab. 11.)2 Humboldt, Vues des Cordillères ou Atlas pittoresque du Voyageaux Regions équinoxiales. Planche VII. (fol.)
|113| der Ort, das Verhältniß dieſer Kalkſtein-Formation zu den älteren,vielleicht ſie unterteufenden, zu ſchildern. Ganz nahe bei denherrlichen Weizenfeldern von Canoas liegt ein Steinkohlenflötz,vielleicht das höchſte in der bekannten Welt. Einige Meilen gegenNordoſt, in der Mündung der Thäler von Uſme und Futſcha (letz-teres war einſt der Landſitz des Vicekönigs von Neu-Granada)bringt die Pflugſchaar oft aus ſehr geringer Tiefe rieſenmäßige foſſileKnochen elephantenartiger Thiere an das Licht. Es iſt das Campo deGigantes, wie es ſchon die erſten ſpaniſchen Ankömmlinge genannthaben. An dem entgegengeſetzten Ende der Hochebene, gegen Nordenbei Zipaquira, wird ein mächtiges Steinſalzlager abgebaut. Ausallgemeinen Betrachtungen über den Zuſammenhang dieſer merkwür-digen geognoſtiſchen Verhältniſſe folgt, daß Steinſalz- und Kohlen-flötze hier nicht Lokalbildungen, Erzeugniſſe aus einem ausgetrocknetenAlpenſee (dem Funzha der Muysca-Mythe) ſind, ſondern daß dieſeBildungen mit größeren Phänomenen verkettet ſind, mit ſolchen,die ſich auf ganze Länderſtrecken beziehen. Dieſe Phänomene er-neuern ſich, ſo zu ſagen, weit hin über Berg und Thal, undgehören dem tiefen Flußbette des Magdalena-Stromes, wie denEbenen des Meta und Orinoco (weſtlich und öſtlich von der großenCordillere) gleichmäßig zu. Nach geognoſtiſchen Anſichten, die einerlängſt verfloſſenen Zeit zugehören, einer Zeit, in der die noch wenigausgebildete Wiſſenſchaft die Formationen faſt nur nach ihrer Aufla-gerung und äußeren Geſtaltung, oder nach einer ſcheinbaren Analogiemit gewiſſen Typen benannte, ſchienen mir in der Hochebene vonBogota drei Flötzformationen auf einander zu folgen: von untennach oben gezählt, Sandſtein, Gips und Kalkſtein.
Die Sandſteinformation wird überall ſichtbar in der öſtlichenGebirgswand hinter der Stadt Bogota, wie gegen den nördlichenAusgang der Bergebene hin, wo hoch am Gebirge der kleineAlpenſee Guatavita liegt. Der Kalkſtein ſcheint ſich weniger hochzu erheben. Der Fels, auf dem die Kapelle von Monſerrate ſteht,iſt bis zur Spitze Sandſtein, dagegen iſt am Cerro de Guadalupeder Fuß und nur das erſte Drittel Kalkſtein. Bouſſingault undRoulin, als ſie ihre für aſtronomiſche Ortsbeſtimmungen wichtigeExpedition nach den Llanos des Meta machten, überſtiegen die ganzeöſtliche Cordillere zwiſchen Bogota und den Quellen des Meta, welcherin den Orinoco einmündet. Sie fanden überall auf der Höhe|114| Sandſtein. Sie ſagen dazu, daß dieſer oft muſchelreich 1 war. DerParamo, den man überſteigt, führte ſonſt irrig in Bogota den NamenChingaſa: er verdient aber mehr den Namen des Paramo de Chiguachi(corrumpirt Choachi) wegen des weiter öſtlich liegenden DorfesChiguachi am Fuß des Paramo, ein Dorf, das aber ſchon ſo nie-drig liegt, daß Zuckerrohr dabei gebaut werden kann. Dieſer Sand-ſtein iſt eine mächtige, weit ausgedehnte Formation. Ich bin der-ſelben ununterbrochen von Bogota bis in das Magdalenathal, überPandi und die natürliche Brücke von Fuſagaſuga hinabſteigend, ge-folgt. Etwas nördlicher, bei Villeta, ruht ſie auf Thonſchiefer mitKupfererzen. 2 Die Verbreitung einer und derſelben Sandſtein-Formation, aus beiden Thälern und Ebenen, den öſtlichen und weſt-lichen, ſich erhebend und quer über ein Gebirge von wenigſtens12000 Fuß Höhe fortſetzend, iſt eine wichtige Thatſache, eine dervielen, die für die Erhebung der Andeskette ſprechen. Pentlandhat ganz ähnliche Verhältniſſe auf der hohen Bergebene von Titicacabeobachtet. Aus dem Littoral von Chili ſteigt ein Gips-, Stein-kohlen-, Steinſalz- und Kupferhaltiges Sandſtein-Gebilde (er nenntes New Red Sandstone) über die Cordillere weg und erreichtdie öſtlichen Ebenen des Rio Beni, gleichſam das Becken desAmazonenflußes.Auf dem Plateau von Bogota und 6000 Fuß tiefer, unterhalbPandi, gegen Melgar hin im Magdalenenthale, iſt der Sandſteingelblich weiß, quarzreich, feinkörnig, mit thonigem Bindemittel, ſorein von Kalktheilen, daß er nicht mit Säuren brauſet. Bei Hondaſah ich feinkörnige Schichten mit Lettenlagen und groben Conglo-meratſchichten wechſeln, die eiſenhaltig und gelblich braun waren.Sie ſchloſſen 2 bis 3 Zoll große eckige Stücke von Lydiſchem Stein,Thonſchiefer, Gneis und Lagerquarz ein. Auch weit oberhalb Honda,bei Espinal, zeigten ſich dieſelben Conglomeratſchichten. Wenn, wieich glaube, ſowohl der Sandſtein bei Zambrano am Magdalenafluſſe,
1 Auch an tieferen Punkten, auf dem Cerro del Portachuelo (auf einerHöhe von 5730 Fuß) fand ich im Sandſtein viele mikroskopiſcheTrochiten (?)- Verſteinerungen.2 Am Wege von Bogota nach Honda, zwiſchen Hatillo und Guaduashat Roulin 8—10 zöllige Ammoniten (Goniatiten, Buch?) in ſchwar-zem (Uebergangs-?) Kalkſtein gefunden.
|115| kaum 16 Meilen vom Meere entfernt, als der kohlenſchieferhaltigeSandſtein vom Rio Sinu zu derſelben Formation gehören, ſo iſtauch eine globuleuſe Struktur hier anzuführen, wie man ſie anmehreren Punkten in Deutſchland findet. Etwas elliptiſche Kugelnſehr feinkörnigen Sandſteins (von 2 bis 3 Fuß Durchmeſſer) mitſchalig abgeſonderten Stücken (ich zählte oft 12 bis 15 dieſer Lagen)ſind nämlich in grobkörnigem Sandſtein bei Zambrano eingebacken.Nirgends fand ich dieſe Flötzformation von einer anderen unter-teuft. Der Sandſtein ruht unmittelbar auf turmalinhaltigem Granitam Peñon de Roſas, am Rio Magdalena und bei Mariquita; aufGneis am Rio Lumbi nahe der Silbergrube von S. Anna; aufUebergangs-Thonſchiefer zwiſchen dem Alto de Gascas und demEichenwalde des Alto del Noble, im Wege von Bogota nach Honda.Auf der Hochebene bei Facatativa, wie auch am weſtlichen Abhangeder Cordillere bei Pandi, ſoll der Sandſtein Höhlen enthalten.
In dem Sandſteingebilde, das ich beſchreibe, aber freilichnicht unmittelbar von dieſem, ſondern von mächtigen Lagen Schie-ferthon bedeckt, kommen wahre Steinkohlen (nicht Lignite) vor,von denen mehrere abgebaut werden. Wie das Steinſalz, von demich weiter unten reden werde, liegen dieſe Reſte einer urweltlichenVegetation in ſehr verſchiedenen Höhen. Ich kenne ſie zwiſchen 3000und 8300 Fuß Erhebung über dem Meere: zwiſchen la Palma undGuaduas; bei Velez und Leiva; in der Hochebene von Bogotaunfern dem Waſſerfall des Tequendama und bei Chipa, im inſel-förmigen Hügel von Suba, wie auch eine halbe Stunde weſtlich vomSteinſalzwerke Rute bei Zipaquira. Spuren von vegetabiliſchenAbdrücken ſind allerdings in dem Dachſteine dieſer hochliegendenSteinkohlen gefunden worden, aber noch keine Farren, keine Lycopo-diaceen oder deutliches Coniferen-Holz. Die Schieferkohlenflötze beiGuaduas ſollen 4 bis 5 Lachter Mächtigkeit erreichen.Der Sandſtein iſt an vielen Punkten bedeckt mit Gipsflötzen.Sie ſind mächtig in dem Steinſalzberge von Zipaquira, vereinzelt,zertrümmert und halb weggewaſchen an andern Punkten der Hoch-ebene, im Thal von Uſme, wie hoch am Cerro de los Tunjos.Das Steinſalz iſt hier, wie überall in beiden Continenten, mit demcharakteriſtiſchen graulich blauen, von Erdpech, Selenit, Schwefelkiesund natürlichem Schwefel in großen Maſſen durchzogenen Salzthonebedeckt. Die ganze Steinſalzniederlage von Zipaquira, die ich auf|116| Anregung des Vicekönigs Mendinueta in einer eigenen, ſpaniſch abge-faßten Abhandlung beſchrieben, iſt ſammt dem Gypſe und Salzthonan 700 Fuß mächtig. Dieſe Mächtigkeit iſt neuerlichſt durch einen,längſt von mir vorgeſchlagenen Abbau an tiefern Punkten beſtätigtworden. Sphäroidiſche, ſehr abgeplattete, innen hohle oder mit Kry-ſtallen von Spath-Eiſenſtein angefüllte Concretionen von 18 bis20 Zoll Durchmeſſer liegen in dem Salzthone. Auch erhält derſelbeoft, durch eingebackene eckige Stücke verhärteten Thones, (Schliefs)ein porphyr- oder breccienartiges Anſehen.Zipaquira iſt aber, wie ſchon oben erwähnt, nicht ein iſolirtesgeognoſtiſches Phänomen. Auf faſt gleicher Höhe gehen Steinſalz-flötze zu Tage aus bei Enemocon, weſtlich von Gachanſipa, undbei San Juan zwiſchen Sesquiler und Chaleche; ja tief am ent-gegengeſetzten öſtlichen Abfall der Cordillere von Bogota, gegen dieProvincia de los Llanos hin, finden ſich Salzthon und reines Stein-ſalz bei Chameſa. Zählt man zu den vier, ſchon entblößten Stein-ſalzflötzen die vielen ausbrechenden Salzquellen zwiſchen dem RioNegro (der, die ſmaragdreiche Provinz Muzo bewäſſernd, zumMagdalenathale gehört) und den Llanos von Caſanare, gegen denMeta und Orinoco hin, ſo zeigen ſich hier gangartige Spalten,die in einer eigenen, aber breiten Zone (von Weſten nach Oſtengerichtet) die mächtige öſtliche Andeskette durchziehen 1 und in ganzverſchiedenen Höhen Steinſalz, gypshaltigen Salzthon und Jod-führende Salzquellen an die Oberfläche gebracht haben. So un-vollkommen auch noch unſere Karten von dieſen Gegenden ſind, ſodienen ſie doch ſchon dazu, ſich über dieſe Salzzone von Cundi-namarca, die an die große vulkaniſche Spalte in Mexico erinnert,zu orientiren. 2 In der mittleren Cordillere, in der von Quindiuund Tolima, entſprudeln Salzquellen am weſtlichen Abhange (vielleicht
1 Hier die Reihenfolge, in welcher die Steinſalzflötze, um ſie von denSalzquellen zu unterſcheiden, mit größeren Lettern gedruckt ſind:Pinceima am Rio Negro, Zipaquira, Enemocon, Tausa,Mina de San Juan, Gacheta, Medina, Chita, Chamesaund El Receptor. Die drei letzteren Punkte liegen am Eingangeder Llanos de Caſanare, gegen den Rio Crabo hin. Das Ganze bildeteine breite Zone (nicht eine Spalte), die eine und dieſelbe Richtung hält.2 Siehe in meinem geographiſchen Atlas Nr. 19 und 24.
|117| durch in der Nähe wirkende vulkaniſche Kräfte gehoben) auf offenenSpalten dem Granite ſelbſt. Ich hatte auf meiner Reiſe von Car-thago nach Popayan bereits von einer ſolchen Erſcheinung gehört. Sieerregte damals noch mehr Erſtaunen, da man von den Salzquellen imPorphyr und von der natürlichen Steinſalz-Produktion am Rande desbrennenden Veſuv-Kraters noch keine Kunde hatte. Ein ſehr aufmerk-ſamer und ſcharf beobachtender Reiſender, Herr Carl Degenhardt,wird dieſen Gegenſtand bald durch Zeichnungen erläutern. DieSalzquelle kommt bei El Quarzo (weſtlich von dem Urſprung des,in den Rio de Nares fließenden Rio Negro) aus dem Granit un-mittelbar hervor.
Die Sandſtein-Formation und vielleicht an einigen Orten auchder wenig verbreitete unzuſammenhängende Gyps iſt mit dichtemFlötzkalkſteine bedeckt. Er ſteigt von der Bergebene bis Melgar undTocayma in das tiefe Magdalenathal hinab, wo er verſteinerungs-reicher als in den hohen Theilen der Cordillere zu ſeyn ſcheint.Bei Tocayma fand ich in dieſem Kalkſtein die erſten Ammoniten,die ſich mir unter den Tropen gezeigt hatten.Das Schuttland, welches das Plateau von Bogota bedeckt,iſt aus der Zertrümmerung des Sandſteins entſtanden. Glücklicher-weiſe iſt es an vielen Punkten mit Letten und Mergel gemengt,und daher dem Bau europäiſcher Cerealien ſehr günſtig. In ärmernquarzreichern Strichen wuchern unter dem Schatten einzelner Stämmevon Alnus ferruginea niedere Grasarten, Pharus scaber, Poainfirma und Olyra cordifolia, wie kleine Arten von Tagetes,Viola und Hemimeris. In dem Gigantenfelde, wo ich mehrere Tagelang habe nach foſſilen Knochen graben laſſen, ruhen im aufgeſchwemm-ten Lande Reſte von Maſtodonten, nach Cuviers Unterſuchung meiſtMastodon angustidens. 1 Die in Mexico auf der Hochebene ge-fundenen Reſte gehören dagegen wahren Elephanten (untergegangenerArten) an. Recht auffallend iſt es, daß in dem tropiſchen Theiledes Neuen Continents (nicht in der nördlichen und ſüdlichen ge-mäßigten Zone) die meiſten bisher aufgefundenen foſſilen Gebeine vonElephanten und Maſtodonten dem hohen Rücken der Cordillere, undalſo der Tierra Fria, und nicht den heißen angrenzenden Ebenen
1 Cuvier Rech. sur les Ossemens fossiles (1821) T. I. p. 157, 261 u. 264.
|118| eigenthümlich ſind. Bleiben ſie in dieſen unter der üppigen Vege-tationsdecke mehr verſteckt? Sind ſie durch die Erhebung der Gebirgeentblößt worden? Wenigſtens ſcheinen die, mit Goldſand gemengtenMaſtodonten- und Rhinoceros-Knochen auf dem Rücken der Uralkette,zwiſchen ähnlichen Knochen im Schuttlande öſtlich und weſtlich, imIrtyſch- und Kamathale, für eine ſolche Erhebung zu zeugen.
Ich habe die Auflagerung der Flötzformationen nach bloßenRaumverhältniſſen beſchrieben, ohne ſie einzeln nach dem Parallelis-mus oder vielmehr nach ihrer Identität mit wohlerkannten europäiſchenTypen zu benennen. Eine ſolche Vorſicht iſt nöthig zu einer Zeit,wo das genaue Studium zoologiſcher Kennzeichen und charakteriſirenderFoſſilien der faſt einzig ſichere Wegweiſer geworden iſt. Ich hieltſonſt die in den Cordilleren ſo mächtige, weit verbreitete Sandſtein-Formation mit ihren Steinkohlen und ihrem aufliegenden Steinſalzefür alten Sandſtein (todtes Liegende), den Kalkſtein an der Felswanddes Waſſerfalls von Tequendama theils für gypshaltenden Zechſtein,theils für Jurakalkſtein. Wir wiſſen jetzt, daß Steinkohle mitwahren Farren, mit Monocotyledonen und Coniferen-Holze (wiedas Steinſalz) durch viele verſchiedenartige Formationen geht. DasSteinſalz kennen wir, wie noch neuerlichſt Herr von Dechen 1ſchön entwickelt hat, vom Gypſe der Zechſteinbildung unter demStinkſtein (bei Köſtritz) an, durch den engliſchen bunten Sandſtein,den ſchwäbiſchen Muſchelkalk und den lothringiſchen Keuper, bisin die untere Kreide. Zu den wenigen Verſteinerungen, die ich ausder Tropengegend der neuen Welt mitgebracht, kommen jetzt all-mählig reichere und viel wichtigere Zugaben. Dem Kalkſtein vonMexico, Neu-Granada und Peru, die man als Zechſtein undJurakalk anſprach, ſteht daſſelbe Schickſal bevor, welches die Kalk-ſteine unſerer Schweizeralpen erfahren haben, die ſeit dreißig Jahrenvon Uebergangskalk, durch viele Mittelſtufen durchgehend, größten-theils als umgewandelter Lias oder gar als Kreideſchichten er-kannt worden ſind. Iſt die untere Kreide auch in der Andeskette,aus dem Amazonenthale anſteigend, über große Höhen verbreitet?Iſt die mächtige Quarzformation von Peru, die ich beſchrieben,Quaderſandſtein oder ſind vielleicht die neueſten Flötzformationen
1 Karſten, Archiv für Mineralogie. B. I. (1838) S. 234.
|119| ohne Zwiſchenglieder auf todtes Liegende gelagert? Bei immeranwachſendem Material zur Unterſuchung wird dieſe wichtigen Pro-bleme bald der Geognoſt 1 zur Löſung bringen, welcher auch indem Studium der Verſteinerungen die phyſiologiſchen und geogno-ſtiſchen Anſichten bisher mit gleicher Klarheit und gleichem Glückeverfolgt hat.


1 Leopold von Buch.