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      <title type="main">Gutachten über die Herantreibung des Meissner Stollns in die Freiberger Erzrefier</title>
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          <surname>Humboldt</surname>
          <forename>Alexander</forename>
          <nameLink>von</nameLink>
        </persName>
      </author>
      <editor>
        <persName>Oliver Lubrich</persName>
        <persName>Thomas Nehrlich</persName>
        <note>Gesamtherausgeber</note>
      </editor>
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      <edition>Vollständige digitalisierte Ausgabe.</edition>
      <funder>Schweizerischer Nationalfonds</funder>
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        <persName>Yvonne Wübben</persName>
        <persName>Sarah Bärtschi</persName>
        <resp>Herausgeber Band 1, Texte 1789–1799</resp>
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        <persName>Rex Clark</persName>
        <persName>Sarah Bärtschi</persName>
        <resp>Herausgeber Band 2, Texte 1800–1809</resp>
      </respStmt>
      <respStmt>
        <persName>Jobst Welge</persName>
        <persName>Michael Strobl</persName>
        <resp>Herausgeber Band 3, Texte 1810–1819</resp>
      </respStmt>
      <respStmt>
        <persName>Norbert D. Wernicke</persName>
        <persName>Michael Strobl</persName>
        <resp>Herausgeber Band 4, Texte 1820–1829</resp>
      </respStmt>
      <respStmt>
        <persName>Bernhard Metz</persName>
        <persName>Thomas Nehrlich</persName>
        <resp>Herausgeber Band 5, Texte 1830–1839</resp>
      </respStmt>
      <respStmt>
        <persName>Jutta Müller-Tamm</persName>
        <persName>Michael Strobl</persName>
        <resp>Herausgeber Band 6, Texte 1840–1849</resp>
      </respStmt>
      <respStmt>
        <persName>Joachim Eibach</persName>
        <persName>Thomas Nehrlich</persName>
        <resp>Herausgeber Band 7, Texte 1850–1859</resp>
      </respStmt>
      <respStmt>
        <persName>Norbert D. Wernicke</persName>
        <resp>Redakteur Apparatband</resp>
      </respStmt>
      <respStmt>
        <persName>Johannes Görbert</persName>
        <resp>Redakteur Forschungsband</resp>
      </respStmt>
      <respStmt>
        <persName>Corinna Fiedler</persName>
        <resp>Redakteurin Übersetzungsband</resp>
      </respStmt>
      <respStmt>
        <persName>Michael Hagner</persName>
        <persName>Eberhard Knobloch</persName>
        <persName>Alexander Košenina</persName>
        <persName>Hinrich C. Seeba</persName>
        <resp>Beirat</resp>
      </respStmt>
      <respStmt>
        <persName>Thomas Nehrlich</persName>
        <persName>Luca Querciagrossa</persName>
        <persName>Norbert D. Wernicke</persName>
        <persName>Frank Wiegand</persName>
        <resp>XML-Kodierung</resp>
      </respStmt>
      <respStmt>
        <persName>Frank Wiegand</persName>
        <resp>Programmierung</resp>
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        <orgName role="project">Alexander von Humboldt in Bern</orgName>
        <orgName role="edition">Alexander von Humboldt: Sämtliche Schriften (Aufsätze, Artikel, Essays). Berner Ausgabe digital</orgName>
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          <addrLine>Institut für Germanistik, Universität Bern, Länggassstrasse 49, 3012 Bern</addrLine>
          <country>Switzerland</country>
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      <pubPlace>Bern</pubPlace>
      <date type="publication">2021-08-25T18:09:06</date>
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          <p>Distributed under the Creative Commons Attribution-ShareAlike 4.0 International license (CC BY-SA 4.0).</p>
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        <idno type="print">V.74</idno>
        <idno type="basename">1838-Gutachten_ueber_die-1</idno>
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          <title type="main">Gutachten über die Herantreibung des Meissner Stollns in die Freiberger Erzrefier</title>
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          <date type="publication">1838</date>
          <pubPlace>Leipzig</pubPlace>
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          <title type="full">in: Siegmund August Wolfgang von Herder, &lt;i&gt;Der tiefe Meissner Erbstolln. Der einzige, den Bergbau der Freyberger Refier für die fernste Zukunft sichernde Betriebsplan&lt;/i&gt;, Leipzig: Brockhaus 1838, Beilage (XII), S. CXVIII–CXXIV.</title>
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            <p n="simple">Antiqua</p>
            <p n="full">Antiqua; Auszeichnung: Kursivierung; Fußnoten mit Asterisken; Schmuck: Initialen.</p>
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        </physDesc>
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                    <hi rendition="#i">Alexanders von Humboldt</hi> Gutachten über die Herantreibung des Meiss-<lb break="no"/>ner Stollns in die Freiberger Erzrefier.</head>
                <lb break="yes"/>
                <p>
                    <hi rendition="#in">D</hi>er ehrenvollen Aufforderung, ein bergmännisches Gutachten über die Mittel zu geben, den<lb break="yes"/>Wohlstand des Freiberger Bergbaues, als einer bisher so ergiebigen Quelle des sächsischen<lb break="yes" />Nationalreichthums, auf ferne Jahrhunderte zu sichern, glaube ich am besten genügen zu kön-<lb break="no"/>nen, wenn ich in wenigen Blättern die Thatsachen zusammenfasse, welche mich nach der reif-<lb break="no"/>lichsten und unpartheiischsten Ueberlegung bestimmt haben, dem oberbergamtlichen Berichte<lb break="yes"/>vom 6. Februar 1830 vollkommen beizupflichten.</p>
                <lb break="yes"/>
                <p>Ein Schüler Werners, und als praktischer Bergmann in der Freiberger Akademie gebildet,<lb break="yes"/>habe ich mich tief von der Pflicht durchdrungen gefühlt, die in einem bewegten Leben gesam-<lb break="no"/>melten Erfahrungen (bald den Grubenbau, freilich nur in einem engen Kreise leitend, bald die<lb break="yes"/>Metallförderung in den amerikanischen Kordilleren und dem russischen Theile von Nordasien<lb break="yes"/>berufsmässig studierend) ernsthaft zu Rathe zu ziehen, um nicht leichtsinnig zu einem Unter-<lb break="no"/>nehmen zu rathen, welches andern Theilen des Staatshaushaltes wichtige Summen entziehen,<lb break="yes"/>aber neue und langdauernde Quellen des Wohlstandes begründen wird.</p>
                <lb break="yes"/>
                <p>Der Hauptpunkte, welche hier zu erwägen sind, bieten sich drei dar. &#x2014; Gibt es kein<lb break="yes"/>anderes Mittel, ein kürzeres oder wohlfeileres, als den Meissner Stolln, den Freiberger Bergbau<lb break="yes"/>zu retten? Ist es wahrscheinlich, dass die Erzmittel in so grosser Teufe aushalten werden?<lb break="yes"/>Steht dem Unternehmen nicht die Betrachtung entgegen, dass es in einem so langen Zeitraume<lb break="yes"/>durch unvorhergesehene Unfälle gestört werde? &#x2014; Diese drei Fragen sollen, wie ich hoffe,<lb break="yes" />durch nachfolgende Betrachtungen, die sich auf die so umsichtlich von der königl. Behörde ge-<lb break="no"/>sammelten Materialien gründen, eine genügende Erläuterung finden.</p>
                <lb break="yes"/>
                <p>Nichts kann der Direction, des königl. Oberberghauptmanns, Frhrn. von Herder, und des<lb break="yes"/>königl. Freiberger Oberbergamts ehrenvoller sein, als die einfache Erinnerung, die sich mir,<lb break="yes"/>einem Schüler der Bergakademie im Jahre 1790 jetzt nach 43 Jahren, unwiderstehlich aufdrängt,<lb break="yes"/>dass es durch Anwendung erhöhter intellektueller Kräfte, d. h. durch Vervollkommnung des<lb break="yes"/>Maschinenbaues, der Wasservertheilung, der Aufbereitung und des gesammten Hüttenprocesses,<lb break="yes"/>ausführbar geworden ist, in der Freiberger Refier nicht blos dieselbe Zahl der Berg- und Hüt-<lb break="no"/>tenleute zu beschäftigen, sondern auch, bei so sehr abnehmendem Erzgehalte und so sehr zuneh-<lb break="no"/>mender Teufe der Grubenbaue, das Quantum des Ausbringens zu vermehren. Eine solche<lb break="yes" />Erhöhung intellektueller Kräfte, eine solche Vervollkommnung der praktischen Mittel haben aber<lb break="yes"/>ihre Grenzen; wenigstens können sie nicht in dem Maasse der Schnelligkeit vermehrt werden,<lb break="yes"/>als die Hindernisse sich vervielfachen. Neue Wege müssen daher eingeschlagen werden, um<lb break="yes"/>dem drohenden Uebel, das die Verarmung einer arbeitsamen und überaus achtbaren Menschen-<lb break="no"/>klasse zur unmittelbaren Folge haben wird, baldigst zu widerstehen. Meinen eigenen Ansichten<lb break="yes" />misstrauend, habe ich mich in dieser wichtigen Untersuchung, und bei der Redaction dieses<lb break="yes"/>
                    <pb n="CXIX" facs="#f0002"/> Gutachtens, mit einem Freunde berathen, (dem königl. preuss. Oberbergrath von Dechen) der<lb break="yes"/>nicht blos zu den vorzüglichsten Geognosten Deutschlands gehört, sondern auch durch Reisen<lb break="yes"/>in den wichtigsten Theilen von Europa und durch eigene Berufsgeschäfte innigst mit dem prak-<lb break="no"/>tischen Bergbau und Hüttenwesen vertraut worden ist.</p>
                <lb break="yes"/>
                <p>Ich beginne mit der allgemeinen Bemerkung, es sei nicht zu fürchten, dass irgend eine<lb break="yes"/>Erfindung eine wohlfeilere Erzeugung mechanischer Kräfte in der Zwischenzeit den, zum Stolln-<lb break="no"/>betrieb nöthigen Geldaufwand vergeblich machen werde. Seit Jahrtausenden, seit den Arbeiten<lb break="yes"/>der Römer und Griechen sind Stolln, wo es möglich war, sie anzusetzen, das beste und<lb break="yes"/>sicherste und wohlfeilste Mittel geblieben, Gruben von Wasser zu befreien. Sie sind es in<lb break="yes"/>Europa, wie auf den Hochgebirgen von Mexiko, Peru und Neu-Granada, wie an dem östlichen<lb break="yes"/>und südlichen Abhange des Ural und Altai. Wie wenig Dampfmaschinen, das allgemeinste<lb break="yes"/>Hülfsmittel der Mechanik, in der Freiberger Erzrefier anwendbar sein würden (wenn man sie<lb break="yes" />nämlich als das Stollnunternehmen ganz ersetzend betrachtet), ergeben einfache numerische Ver-<lb break="no"/>gleichungen. Eines Pferdes Kraft hebt in der Minute 33000 Pfund 1 Fuss hoch. Die 1829 in<lb break="yes"/>der Freiberger Refier vorhandenen 41 Kunstgezeuge und 2 Wassersäulmaschinen können in<lb break="yes"/>ihrer Wirkung, nach Berechnung des kenntnissvollen Maschinendirectors Brendel, nur durch<lb break="yes"/>Dampfmaschinen ersetzt werden, von zusammen 1216 Pferdekraft. Die Anlage dieser Dampf-<lb break="no" />maschine würde über eine halbe Million Thaler kosten, ihre jährliche Unterhaltung 422000 Tha-<lb break="no"/>ler. Man glaubt, dass die Dampfmaschinen, welche aus einem gemeinsamen Behälter die Grund-<lb break="no" />wasser der Halsbrückner Baue aus einer Tiefe zu heben bestimmt wären, die der Meissner<lb break="yes"/>Stolln einbringen wird, in einem Jahre eine Unterhaltung von 2957382 Thaler kosten möchte.<lb break="yes"/>Nimmt man auch, nach Massgabe englischer und belgischer Erfahrungen an, dass diese Berech-<lb break="no"/>nungen zu hoch seien, so bleibt es doch immer nur allzugewiss, dass bei der vorhandenen<lb break="yes"/>Menge der Grundwasser, bei der Entfernung und Kostbarkeit der Brennmaterialien, von einer<lb break="yes" />allgemeinen Anwendung von Dampfmaschinen, um die Wasser des ganzen Freiberger Bergbaues<lb break="yes"/>zu Sumpfe zu halten, keine Rede sein könne. In Ländern, wo die Beschaffenheit der Oberfläche<lb break="yes"/>(die Thalbildung) keine Gelegenheit zum Ansetzen tiefer Stolln darbietet, hat man freilich zu<lb break="yes"/>dem alleinigen Mittel der Dampfmaschinen seine Zuflucht nehmen müssen. Wer mit ihrer Con-<lb break="no"/>struction und dem Wenigen bekannt ist, was von den zahllosen, jährlich angerühmten und ver-<lb break="no"/>heissenen Verbesserungen an Kraft und Ersparniss des Brennmaterials in wirkliche, dauernde<lb break="yes"/>und praktische Anwendung gekommen, wird erkennen, dass seit zwanzig bis dreissig Jahren<lb break="yes"/>die im Grossen angewandten Dampfmaschinen wenig wesentliche Veränderungen erlitten haben.<lb break="yes" />Die Vervollkommnung der sinnreichsten und grossartigsten Erfindungen erreicht bald gewisse<lb break="yes"/>Grenzen, und wie sehr dies auch bei den Dampfmaschinen der Fall gewesen, zeigen die auf<lb break="yes"/>englischen Gruben noch heut gebrauchten Vorrichtungen nach Newcommen&#x2019;schem Prinzip, wie<lb break="yes"/>die seinsollenden Vervollkommnungen der Dampfmaschinen, von Boulton und Watts berühmten<lb break="yes"/>Patente an bis auf Perkins schnell verschollene Versuche herab. Auf diesem Wege, dem der<lb break="yes" />Anwendung der elastischen Kräfte des Dampfes, ist, nach dem Bisherigen zu urtheilen, keine<lb break="yes"/>Aussicht, etwas viel Besseres (d. h. allgemein Eingreifendes) an die Stelle des Vorhandenen<lb break="yes"/>treten zu sehen, bevor der Meissner Stolln im Laufe ferner Zeiten seinen Zweck völlig erreicht<lb break="yes"/>und Segen über die Nachkommen seiner Urheber und über das Land verbreitet haben wird,<lb break="yes"/>welches ihn ins Dasein rief, und seit Jahrhunderten durch wissenschaftliches Fortschreiten und<lb break="yes"/>freie Belebung intellectueller Kräfte einen so ausgezeichneten Platz in der Geschichte deutscher<lb break="yes"/>Bildung eingenommen hat.</p>
                <lb break="yes"/>
                <p>Der Plan, von Meissen herauf einen Stolln (den möglich tiefsten) nach den Freiberger<lb break="yes"/>Silbergruben zu treiben, ist so gross, so weit aussehend, so kostbar, dass eine genaue Be-<lb break="no"/>kanntschaft mit den Reichthümern der dortigen Erzniederlagen, ein inniges Vertrautsein mit den<lb break="yes"/>
                    <pb n="CXX" facs="#f0003"/> bisherigen Betriebsverhältnissen jener Refiere, eine eigene Anschauung grossartiger, bisher im<lb break="yes"/>Bergbaue ausgeführter Anlagen erfordert wird, um denselben nicht als chimärisch, ohne Prüfung<lb break="yes"/>zu verwerfen.</p>
                <lb break="yes"/>
                <p>Der Freiberger Bergbau, seit länger als sechs und einem halben Jahrhundert grosse Silber-<lb break="no"/>massen liefernd, ist die Quelle des Erwerbes für einen beträchtlichen Theil der Bewohner des<lb break="yes"/>Erzgebirges. Die gewöhnlichen Hülfsmittel des Bergmannes, um die Gruben von den Wassern<lb break="yes"/>zu befreien, und so eine der grössten Schwierigkeiten des Betriebes hinwegzuräumen, sind be-<lb break="no"/>sonders seit der Mitte des vorigen Jahrhunderts vervollkommnet, und nach grossen Plänen und<lb break="yes" />mit seltener Ausdauer in der Freiberger Refier angewendet worden; sie sind nunmehr erschöpft.<lb break="yes"/>Voraussichtlich reichen sie nicht mehr hin, diesen Bergbau bis an das Ende unseres Jahrhun-<lb break="no"/>derts zu erhalten. Neue Anlagen sind erforderlich, nicht allein um mehr als 5000 Berg- und<lb break="yes"/>Hüttenleute der Freiberger Refier zu erhalten, sondern auch die vielen Tausende von Einwoh-<lb break="no"/>nern zu retten, deren Nahrungsstand von jenen abhängt, denen kein anderer Ersatz geboten<lb break="yes"/>werden kann. Die Frage, ob der Bergbau hier noch länger bestehen soll, muss bald entschie-<lb break="no"/>den werden. Bei der Langsamkeit, mit der, der Natur der Sache nach, alle Veranstaltungen<lb break="yes"/>des Bergbaues ausgeführt werden können, ist es jetzt hohe Zeit, die Mittel zu seinem ferneren<lb break="yes"/>Bestehen in Erwägung zu ziehen, und glücklicherweise ist dieser Moment jetzt noch zu benutzen.</p>
                <lb break="yes"/>
                <p>Ueber die Nothwendigkeit und über den Nutzen, Bergbau so lange zu erhalten, als er in<lb break="yes"/>seiner Gesammtheit ohne baare Zuschüsse bestehen kann, ist kein Zweifel. Aber auch Vor-<lb break="no"/>schüsse, um ihn in einer fernen Zukunft sicher zu stellen, zur rechten Zeit gegeben, selbst<lb break="yes"/>ohne Zinsen, die indirekt vielfältig eingebracht werden, sind das wohlfeilste Mittel, der Bevöl-<lb break="no"/>kerung eines grossen Theils des Erzgebirges die Existenz zu sichern. In allen Staaten werden<lb break="yes"/>jetzt mit grossem Kapitalaufwande Chausséen gebaut, ohne die Zinsen, ohne Amortisation des<lb break="yes"/>Anlagekapitals zu berücksichtigen, und welche Chaussée wirkt so kräftig, als die Erhaltung<lb break="yes"/>des Freiberger Bergbaues auf eine bestimmte Gegend zurück. Wie elend sind Gegenden, wo<lb break="yes"/>ein einst blühender Bergbau aufgehört hat!</p>
                <lb break="yes"/>
                <p>Die Mittel, welche den Bestand der Freiberger Refier auf die längste Dauer erhalten kön-<lb break="no"/>nen, sind sorgfältig gegen einander abgewogen; das Resultat aller Untersuchungen ist: ein von<lb break="yes"/>Meissen nach Freiberg zu treibender Stolln sei das beste, ja sogar das einzigste, welches voll-<lb break="no"/>kommen zum Zwecke führt. Dasjenige Mittel, welches zunächst bei der innern grössern Ver-<lb break="no"/>vollkommnung praktischer Mechanik und allein sich zur Vergleichung darbietet, ist die Anwen-<lb break="no"/>dung der Dampfmaschinen. Es ist zu ermitteln nicht erforderlich, wie gross die Kraft derselben<lb break="yes"/>sein müsste, um das für die Freiberger Refier zu leisten, was ein Stolln ohne Unterbrechung,<lb break="yes"/>beinahe ohne Kosten nach seiner Vollendung thut, der den Anner Stolln bei der Halsbrücke um<lb break="yes"/>96 Lachter, die Moritzsohle des tiefen Fürstenstolln bei Beschertglück um 126 Lachter, den<lb break="yes"/>Thelersberger Stolln auf Himmelsfürst um 164 Lachter seiger unterteuft<choice>
                        <sic>,</sic>
                        <corr type="editorial">.</corr>
                    </choice> Wir haben bereits<lb break="yes"/>oben zu zeigen gesucht, dass Dampfmaschinen nicht nur die Vergleichung nicht aushalten, son-<lb break="no" />dern gänzlich unanwendbar sind.</p>
                <lb break="yes"/>
                <p>Die Gänge der Freiberger Refier, welche in 307 Jahren, von 1524 bis 1830, für 95423149<lb break="yes"/>Thaler Erze geliefert haben, sind grossentheils durch den neuesten Betrieb so bekannt, dass mit<lb break="yes"/>Sicherheit berechnet werden kann: die Lagerstätte der jetzt in Erzlieferung stehenden Gruben<lb break="yes"/>enthalten bis zu den (mit Hülfe des Meissner Stollns und der schon vorhandenen Wasserkräfte)<lb break="yes"/>abzubauenden Tiefen nicht unter 41800000 Thaler Erze <note place="foot" n="*)">Der Grund der Abweichung dieser und der folgenden numerischen Angabe des künftig zu erwartenden Silber-<lb break="no"/>ausbringens von den im Haupttexte enthaltenen ist bereits in der Anmerkung zu Beilage No. X. 3. erläutert.<lb break="yes"/>
                        <hi rendition="#et">Anmerkung des Herausgebers.</hi>
                    </note>; dass mit grosser Wahrscheinlichkeit<lb break="yes"/>
                    <pb n="CXXI" facs="#f0004"/> zu schätzen ist: die Gänge der, wegen nicht zu gewältigender Grundwasser ruhenden Gruben,<lb break="yes"/>von denen bestimmte Nachrichten vorhanden sind, liefern bis zu denselben Tiefen noch für<lb break="yes"/>49300000 Thaler Erze; zusammen für 91100000 Thaler Erze sind hier noch in dem Schoosse der<lb break="yes"/>Erde enthalten, ebensoviel, als demselben in den letzten drei Jahrhunderten entzogen wor-<lb break="no"/>den ist.</p>
                <lb break="yes"/>
                <p>Der Meissner Stolln wird daher auf einen sehr genau gekannten Gegenstand gerichtet, keine<lb break="yes"/>Unsicherheit waltet über das, was er finden wird. Die drei, zur allgemeinen Beförderung des<lb break="yes"/>Freiberger Bergbaues aus landesherrlichen Kassen getriebenen Stolln, der Thalersberger, Thurm-<lb break="no"/>höfer und alte tiefe Fürstenstolln liefern die besten Beweise, sie zeigen den Weg, der zu ver-<lb break="no"/>folgen ist. &#x2014; Der tiefe Hülfe Gottes Stolln (Treuer Sachsen Stolln, auf den die Landstände seit<lb break="yes"/>1826 bis 1830 28899 Thaler mit grossem Vorbedacht gewendet haben), nur 15 Lachter tiefer<lb break="yes"/>als der Anner Stolln wird manche Vorbereitung für den grössern Plan erleichtern und einst-<lb break="no"/>weilen theilweise helfen. Aber schon auf seinem Wege nach Freiberg wird der Meissner Stolln<lb break="yes"/>Nutzen schaffen, und manche Hoffnung liegt hier vor, die zu seiner Ausführung anregt. Der<lb break="yes"/>alte Blei- und Silberbergbau bei Munzig wird durch ein kurzes Flügelort gelöst, der Dürrwiese-<lb break="no"/>ner Stolln daselbst um 39 Lachter unterteuft. Die Reinsberger Silbererzniederlage (wo die hoff-<lb break="no"/>nungsreiche Emanuelgrube von 1817&#x2014;1827 für 21927 Thaler Erze geliefert hat) erhält die Mit-<lb break="no"/>tel sich zu entwickeln. Ein anderer Stollnflügel schafft der Alten Hoffnung Gottes, dem alten<lb break="yes"/>Bergbau bei Siebenlehn, und selbst weiterhin dem Segen Gottes Erbstolln bei Gersdorf neue<lb break="yes" />Hülfe.</p>
                <lb break="yes"/>
                <p>Welche Aussichten gewährt das nächste Ziel des Stollns bei Freiberg? Der Halsbrückner<lb break="yes"/>Spat (einschliesslich Churprinz in seiner abendlichen Fortsetzung) hat von 1577&#x2014;1800, in 224<lb break="yes" />Jahren, 783826 Mark Silber (über 10 Millionen Thaler) nur bis zur vierten Gezeugstrecke ge-<lb break="no"/>liefert. Auf Churprinz (Ludwiger Spat) halten die Erze in Menge und Gehalt unverändert bis<lb break="yes"/>achte Gezeugstrecke <note place="foot" n="*)">Seitdem sind die Erze bei voller Gangmächtigkeit bereits bis unter die zehnte Gezeugstrecke niedergebracht<lb break="yes" />worden, und es ist hiernach alle bergmännische Wahrscheinlichkeit vorhanden, dass sie bis zu 400 Lachter Saigertiefe<lb break="yes" />niedersetzen werde. <hi rendition="#et">Anm. d. Herausg.</hi>
                    </note> aus; auf ein Niedersetzen bis zwölfte Gezeugstrecke ist mit Gewissheit<lb break="yes"/>zu rechnen. Ferner liefert der Halsbrückner Spat mit seiner morgentlichen Fortsetzung in Lo-<lb break="no"/>renz Gegentrum und mit Einschluss von Churprinz wahrscheinlich noch für 27669400 Thaler<lb break="yes"/>Erze. Dieser Schatz allein würde demnach den Stollnbetrieb von Meissen herauf rechtfertigen<choice>
                        <sic/>
                        <corr type="editorial">.</corr>
                    </choice>
                </p>
                <lb break="yes"/>
                <p>Von Meissen bis Munzig wird das noch ganz unbekannte Sienit- und Thonschiefergebirge<lb break="yes"/>untersucht, bei Scharfenberg und an andern Punkten setzen reiche Silbergänge darin auf; das<lb break="yes" />Freiberger Gneusgebirge wird in möglichst tiefster Sohle aufgeschlossen, und das Erzmittel so<lb break="yes"/>tief abzubauen sein, als es voraussichtlich niedersetzt; über unbekannte Gebirgstheile wird in<lb break="yes"/>unbekannten Tiefen Belehrung erhalten, und der bergmännischen Thätigkeit noch auf Jahrhun-<lb break="no"/>derte Nahrung auf diesem Zuge gegeben; das Alles leistet das neue Unternehmen. Die jetzigen<lb break="yes"/>Freiberger Refierstolln hatten Ende 1828 eine offene fahrbare Länge von 74412&#x00BE; Lachter (19&#x00BD;<lb break="yes"/>geographische Meilen) mehr als vier Mal reichte sie hin, von Calais trockenen Fusses unter<lb break="yes"/>dem Meere nach Dover zu gehen. Sie zeigt, was im Laufe der Zeit langsam durch den<lb break="yes"/>Bergbau ausgeführt worden ist. Wer zweifelt, dass die Geldverwendungen auf diese Stolln<lb break="yes"/>zweckmässig waren; ohne sie wäre der Freiberger Bergbau schon seit Jahrhunderten nur nach<lb break="yes" />dem Rufe ehemaligen Reichthums bekannt. Sollten wir weniger Muth als unsere Vorfahren<lb break="yes"/>haben? Liessen sich die kleinen Schweizer Kantone von dem Anblicke der Hindernisse ab-<lb break="no"/>schrecken, welche die Alpenstrassen darboten? Die Länge des Meissner Stollns bis zum Lorenz-<lb break="no"/>
                    <pb n="CXXII" facs="#f0005"/> schachte auf dem Halsbrückner Spate ist zu 11360 Lachter ermittelt, beinahe drei geographische<lb break="yes"/>Meilen, aber noch nicht der sechste Theil jener vorhandenen Stolln. In dem Triennio 1828&#x2014;<lb break="yes"/>1830 sind auf den 140&#x2014;150 gangbaren Gruben der Freiberger Refier, an Ortslänge 13624&#x215E;<lb break="yes" />Lachter, jährlich mehr als eine geographische Meile aufgefahren worden; wer könnte demnach,<lb break="yes"/>der Länge wegen, den Meissner Stolln als unausführbar, als ein leeres Projekt betrachten?</p>
                <lb break="yes"/>
                <p>Die Dimensionen desselben sind nach der Menge des darauf abzuführenden Wassers auf<lb break="yes"/>2 Lachter (14 Leipziger Fuss) Höhe und 1&#x00BD; Lachter (10&#x00BD; Leipz. F.) Weite angenommen. Die<lb break="yes"/>Fläche desselben verhält sich dabei zu der des Priessnitzer Elbstollns, der bald sein Ziel, den<lb break="yes"/>Zaukeroder Kunstschacht dortiger Kohlengrube, erreichen wird <note place="foot" n="*)">Ist bereits im Jahre 1836 erfolgt. <hi rendition="#et">Anm. d. Herausg.</hi>
                    </note>, wie 8:3; aber sie beträgt<lb break="yes"/>noch nicht &#x2150; der Ortsfläche des Tunnels unter der Themse bei London, und dabei steht sie im<lb break="yes"/>festen Gestein, ohne Schwierigkeiten, offen erhalten zu werden. &#x2014; Die Arbeit vor Ort erleich-<lb break="no"/>tert der grosse Einbruch.</p>
                <lb break="yes"/>
                <p>Die 11 Lichtlöcher zu 9 Ellen Länge, 3 Ellen Weite, 10 mit Dampfmaschinen, 1 mit Kunst-<lb break="no"/>gezeug zu versehen, sind zweckmässig auf die ganze Erstreckung vertheilt, in die Thäler ge-<lb break="no"/>lagert, um geringere Kosten bei der Abteufung und Wasserhaltung zu haben. Die Entfernungen<lb break="yes"/>zwischen denselben, 800&#x2014;1278 Lachter, sind zwar weit, aber mit genauer Abwägung der Vor-<lb break="hyph-space"/>und Nachtheile grösserer und kleinerer Längen bestimmt. Die Versorgung mit Wetter hat auf<lb break="yes"/>
                    <choice>
                        <sic>solcheu</sic>
                        <corr type="editorial">solchen</corr>
                    </choice> Entfernungen keine Schwierigkeit; auf englischen und niederländischen Kohlengruben<lb break="yes"/>zwingt man sie acht und zehn Mal grössere zurückzulegen.</p>
                <lb break="yes"/>
                <p>Das Mundloch im Triebischthale zwischen der fünften und sechsten Mühle, oberhalb Meis-<lb break="no"/>sen, ist über dem höchsten Wasserstand der Elbe (am 24. Februar 1799) angenommen; es ist<lb break="yes"/>gleich im festen Gestein, im Porphyr anzusetzen; an Tiefe wird nichts verloren; die 350 Lach-<lb break="no" />ter lange Rösche soll wenig über der dritten Mühle münden.</p>
                <lb break="yes"/>
                <p>Zwischen dem zweiten und dritten Lichtloche und in ihrer Nähe ist Sienit und Granit-<lb break="no"/>gebirge das festeste Gestein zu durchörtern. Der Priessnitzer Stolln, mit dem ebenfalls Sienit<lb break="yes"/>durchfahren worden ist, hat ein genaues Anhalten zur Bestimmung des Gedinges gegeben.<lb break="yes"/>Weiter herauf ist Glimmerschiefer bei Munzig, dann Thonschiefer; auf &#x2156; der ganzen Stolln-<lb break="no"/>länge der bekannte Freiberger Gneus. Das zu verarbeitende Gestein ist bekannt, deshalb der<lb break="yes"/>Kostenanschlag, was die Arbeitsgedinge betrifft, nicht unsicher. Das Gedinge für eine Lachter<lb break="yes"/>Auffahren, einschliesslich Förderung, ist zu 133 Thaler angenommen, wofür 1000 C&#x2032; Gestein<lb break="yes"/>wegzuschiessen, und im Mittel 250 Lachter weit zu transportiren ist. Dieselbe Sicherheit ge-<lb break="no"/>währt die Zeitbestimmung. Die Lichtlöcher von 16 bis 125 Lachter Tiefe können in 1&#x00BD; bis<lb break="yes"/>8&#x2157; Jahren niedergebracht werden. Die grösste Ortslänge, welche in einem Jahre herausge-<lb break="no"/>schlagen werden soll, übersteigt nicht 26 Lachter (wöchentlich &#x00BD; Lachter); sie bleibt im Durch-<lb break="no"/>schnitt beträchtlich darunter. Dies ist Alles nach bergmännischer Erfahrung vieler Länder sehr<lb break="yes"/>wohl auszuführen. Fehlen die nöthigen Geldmittel nicht zur rechten Zeit, so ist die Vollendung<lb break="yes"/>des Stollns bis zum elften Lichtloche, nach dem trefflich vom königl. Ober- und Bergamte ent-<lb break="no"/>wickelten Plane, in 33&#x00BC; Jahren mit Bestimmtheit zu erwarten. Der Durchschlag mit dem Hals-<lb break="no" />brückner Spat ist erst 14 Jahre später angegeben. Diese Zeit wird sich wesentlich abkürzen<lb break="yes"/>lassen; die Beendigung des Stollns, um zu dem Genusse der Verwendungen zu gelangen, inner-<lb break="no"/>halb 40 Jahren, liegt in den Grenzen der Möglichkeit. Die jetzt aufwachsende Generation<lb break="yes"/>erntet die Früchte des Unternehmens im reifen Mannesalter; es wird für die nächsten Nach-<lb break="no"/>kommen gesorgt.</p>
                <lb break="yes"/>
                <p>Die gesammten Kosten der Anlage sind zwar nicht mit Bestimmtheit vorauszusehen, wie die<lb break="yes"/>Ortsgedinge, besonders der die Wasserhaltung betreffende Theil derselben. Diese gesammten<lb break="yes"/>
                    <pb n="CXXIII" facs="#f0006"/> übrigen Kosten sind nicht geringe, auf 189 Thaler pro Lachter, veranschlagt. Sie sind von der<lb break="yes"/>Betriebszeit abhängig, vergrössern sich mit ihrer längern Dauer. Es wird um so mehr mit der<lb break="yes"/>angesetzten Summe auszureichen, selbst weniger erforderlich sein, je rascher das Ziel erreicht<lb break="yes"/>wird. Dies fordert dringend zur Beschleunigung der Arbeit auf, wenn sie einmal angefangen<lb break="yes"/>ist. Die ganze Summe der Stollnkosten bis zum Halsbrückner Spat beläuft sich nach Abzug des<lb break="yes"/>Werthes der übrigbleibenden Maschinen auf 3608385 Thaler. Bei 40jährigem Betriebe werden<lb break="yes"/>durchschnittlich auf ein Jahr 90000 Thaler erfordert; wahrscheinlich weniger; bei 47jähriger<lb break="yes"/>Betriebszeit im Durchschnitt 76775 Thaler. Die Summen vertheilen sich nicht gleichförmig über<lb break="yes"/>die ganze Zeit. Die ersten Jahre erfordern mehr, wegen der Erbauung der Wasserhaltungsma-<lb break="no"/>schinen. Dieser Umstand, weniger geeignet, Schwierigkeiten zu erregen, sichert das Unterneh-<lb break="no"/>men. Für die nächste Zukunft ist wahrscheinlich die Herbeischaffung der Geldmittel leichter,<lb break="yes"/>sicherer, als für eine entferntere. Unerwartete allgemeine Störungen lassen sich alsdann leichter<lb break="yes"/>überwinden, das Ganze ist nicht mehr auf das Spiel gesetzt. Nach Verlauf der ersten 10 Jahre<lb break="yes"/>werden 60000 Thaler jährlich genügen, die Anlage in der vorgesetzten Zeit zu vollenden.</p>
                <lb break="yes"/>
                <p>Von dem Halsbrückener Spat tritt der Meissner Stolln in die Reihe derjenigen Arbeiten,<lb break="yes"/>welche bis dahin und ferner, aus den eigenen Kräften des Bergbaues, zu seinem weitern Fort-<lb break="no"/>bestehen auszuführen sind. Vom Lorenz- bis Reiche Zeche sind 1773 Lachter. Aber welche<lb break="yes"/>edlen Mittel liegen hier auch nicht vor!</p>
                <lb break="yes"/>
                <p>Der Stollngang oder Rothgrübner Stehende, auf dem der tiefe Fürstenstolln getrieben ist,<lb break="yes"/>dessen Verumbruchung als erste Vorarbeit zu seiner Wiederaufnahme seit 1832 angefangen, nur<lb break="yes"/>bis dritte Gezeugstrecke gebaut, hat von 1524 bis 1800 für 173144 Thaler Erze geliefert. Bei<lb break="yes"/>der Mächtigkeit (von &#x00BC;&#x2014;1 Lachter), der bekannten Längenausdehnung von 2000 Lachter, und<lb break="yes"/>dem Aufschliessen benachbarter Gänge ist ein vortheilhafter Bau mindestens bis neunte Gezeug-<lb break="no"/>strecke wahrscheinlich; der Erzfall ist nicht in bestimmten Zahlen nachzuweisen, sicherlich<lb break="yes"/>mehrere Millionen Thaler. Der Kühschacht sammt Methusalem hat von 1524 bis 1800 für<lb break="yes" />2138447 Thaler Erze bis zur siebenten Gezeugstrecke hergegeben; ist der Gang nur noch zwei<lb break="yes"/>Gezeugstrecken tiefer <choice>
                        <sic>fortzubringeu</sic>
                        <corr type="editorial">fortzubringen</corr>
                    </choice>, so lässt sich mit Recht ein grosser Vortheil davon er-<lb break="no" />warten.</p>
                <lb break="yes"/>
                <p>Der Thurmhöfer Zug hat bereits für 4402427 Thaler Erze geliefert, und kann noch mehr<lb break="yes"/>Gezeugstrecken tiefer abgebaut werden; auf dem Hohebirkner Zug kommt der Meissner Stolln<lb break="yes"/>zwischen sechste und siebente Gezeugstrecke ein, bis zur neunten hat derselbe für 8469622 Tha-<lb break="no"/>ler Erze hergegeben; er ist dann bis zur äussersten Grenze seiner Erzführung zu verfolgen.<lb break="yes"/>Diese Aufschlüsse in der Meissner Stollnsohle geschehen, während der Halsbrückener Spat mit<lb break="yes"/>Hülfe desselben bereits die Erzlieferung der Refier (auf 40 Jahre) allein sicher stellt.</p>
                <lb break="yes"/>
                <p>Hiernach ist kein Zweifel, dass die Freiberger Refier eine so tiefe Stollnlösung verdient,<lb break="yes"/>und die darauf gewendeten Kosten nicht vergeblich verwendet werden.</p>
                <lb break="yes"/>
                <p>In dem Triennio 1828&#x2014;1830 hat dieselbe 174704 Mark Silber in den mit 1520315 Thaler<lb break="yes"/>bezahlten 575334 Centner 4&#x215E;löthigen Erzen, also im Durchschnitt eine halbe Million Thaler Erze<lb break="yes"/>jährlich geliefert. Während der Betriebszeit des Stollns (zu 40 Jahren gerechnet) werden diesen<lb break="yes"/>Gängen noch für 20 Millionen Thaler Erze entnommen; dann bleiben noch für 71 Millionen<lb break="yes"/>Thaler (nur auf den durch jetzige Aufschlüsse und sichere Nachrichten bekannten Gängen) übrig,<lb break="yes"/>wodurch das Bestehen des Freiberger Bergbaues auf fernere 142 Jahre nach dem Einkommen<lb break="yes"/>des Meissner Stolln auf den Halsbrückner Spat, bei gleicher Silberproduction gesichert ist. Dies<lb break="yes"/>Resultat zu erreichen, ist die Verwendung einer Summe von etwas über 3&#x00BD; Million Thaler nicht<lb break="yes"/>zu gross.</p>
                <lb break="yes"/>
                <p>Dem Unglauben an der Reichhaltigkeit der Freiberger Gänge in grosser noch nicht erreich-<lb break="no"/>ter Teufe stehen die bestimmtesten Erfahrungen entgegen. Der Ludwiger Spat (Churprinz), das<lb break="yes"/>
                    <pb n="CXXIV" facs="#f0007"/> Berggebäude Kühschacht sammt Methusalem Fundgrube, der Thurmhöfer Zug, auf dem bis zehnte<lb break="yes"/>Gezeugstrecke Tiefbaue verführt sind, der Hohebirknerzug bezeugen, dass im sächsischen Erz-<lb break="no"/>gebirge die Mittel in der Tiefe ausdauern, welche der Meissner Stolln erreichen soll. Die Baue<lb break="yes"/>von Valenciana (Mexiko), von Joachimsthal in Böhmen und auf dem Rohrer-Bühel im Landge-<lb break="no"/>richte Kitzbühel (wie Herr Zenger in seiner lehrreichen Zeitschrift für Tirol und Vorarlberg aus<lb break="yes"/>Grubenrissen vom Jahre 1539 beweist) haben bis 486 Lachter Teufe in Erzmitteln gebaut. Prak-<lb break="no"/>tische Bergleute wissen allerdings (man mag die Metalle und Gangmassen als eine Ausfüllung<lb break="yes"/>von oben, oder, wie mir wahrscheinlicher, als eine Sublimation auf Spalten von unten, aus dem<lb break="yes"/>Innern der Erde, betrachten), dass im Allgemeinen sich über eine bauwürdige Erzteufe nichts<lb break="yes" />bestimmen lässt, und dass dieselbe in identischen Gebirgsarten (sei es Grünstein- und Sienit-<lb break="hyph-yes"/>Porphyr, Gneus, Glimmerschiefer, Grauwacke oder Uebergangskalk) variirt, und dass man von<lb break="yes"/>einem Welttheile auf den andern nicht mit Sicherheit schliessen kann; sie erkennen aber auch,<lb break="yes"/>dass es in jedem Bergrefier, in jedem Systeme gleichstreichender Gänge, einen gewissen Hori-<lb break="no"/>zont, eine gewisse obere und untere Grenze gibt, zwischen welchen die metallführenden Lager-<lb break="no"/>stätten ergiebig bleiben. Bei dem grossartigen Unternehmen, von welchem hier die Rede ist,<lb break="yes"/>haben wir daher vorsichtig nur sächsische Lokalerfahrung zu Hülfe gerufen.</p>
                <lb break="yes"/>
                <p>Diese Betrachtungen können nicht würdiger geschlossen werden, als mit den Worten, deren<lb break="yes"/>sich das Oberbergamt selbst in seinem Berichte vom 6. Februar 1830 bedient hat: &#x201E;Wenn auch<lb break="yes"/>&#x201E;mit der Einbringung des Meissner Stollns in die hiesige Bergrefier nur ein Theil der gehegten<lb break="yes"/>&#x201E;Erwartungen in Erfüllung gehen sollte, so bleibt es doch die Pflicht des Bergmannes, hierauf<lb break="yes"/>&#x201E;bis zu den erschöpfendsten Massregeln hinzuwirken. Denn es ist wohl nicht zu verkennen,<lb break="yes"/>&#x201E;dass diese Unternehmung ausser der Belehrung, welche sie uns über die Natur unbekannter<lb break="yes" />&#x201E;Gebirgstheile und unbekannter Tiefen zuführt, auf viele Menschenalter hinaus, Tausenden von<lb break="yes"/>&#x201E;Einwohnern mittel- und unmittelbar Beschäftigung gewähren wird, dass sie die intellectuelle<lb break="yes" />&#x201E;Kraft des Menschen erhebt, und den Grund zu einer Regsamkeit legt, welche die herrlichsten<lb break="yes"/>&#x201E;Früchte tragen muss.&#x201C;</p>
                <lb break="yes"/>
                <p>Es sei mir selbst erlaubt, hinzuzufügen, dass eine unterirdische Arbeit so kühner und rie-<lb break="no"/>senhafter Art einem Volke, das seinen Werth nicht in der Menschenzahl, sondern in seinem<lb break="yes"/>Patriotismus, d. h. in ruhmvollen historischen Erinnerungen, in der Anhänglichkeit an das an-<lb break="no"/>gestammte Fürstenhaus, und in den in seiner freien Verfassung begründeten Gesetzen sucht, ein<lb break="yes"/>erhebendes Gefühl moralischer Stärke verleiht; dass dieses Gefühl besonders zu einer Zeit wich-<lb break="no" />tig wird, in der Alles nach kleinlicher Befriedigung augenblicklicher Bedürfnisse strebt, und<lb break="yes"/>dass ein Unternehmen, welches im Gegensatze zu diesem Bestreben für eine ferne Zukunft<lb break="yes"/>schafft, sich dem Geiste gleichsam veredelt in einer höhern Beziehung darstellt.</p>
                <lb break="yes"/>
                <closer>
                    <dateline>Teplitz, am 20. August 1833.</dateline>
                    <lb break="yes"/>
                    <salute>
                        <hi rendition="#et">
                            <hi rendition="#i">Alexander von Humboldt.</hi>
                        </hi>
                    </salute>
                </closer>
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