Digitale Ausgabe

Download
TEI-XML (Ansicht)
Text (Ansicht)
Text normalisiert (Ansicht)
Ansicht
Textgröße
Zeichen original/normiert
Zitierempfehlung

Alexander von Humboldt: „Über die Vulkane von Quito“, in: ders., Sämtliche Schriften digital, herausgegeben von Oliver Lubrich und Thomas Nehrlich, Universität Bern 2021. URL: <https://humboldt.unibe.ch/text/1837-xxx_Ueber_die_Vulkane-2> [abgerufen am 17.04.2024].

URL und Versionierung
Permalink:
https://humboldt.unibe.ch/text/1837-xxx_Ueber_die_Vulkane-2
Die Versionsgeschichte zu diesem Text finden Sie auf github.
Titel Über die Vulkane von Quito
Jahr 1837
Ort Berlin
Nachweis
in: Annalen der Erd-, Völker- und Staatenkunde 3:5 (28. Februar 1837), S. 484–487.
Sprache Deutsch
Typografischer Befund Fraktur; Spaltensatz; Antiqua für Fremdsprachiges; Auszeichnung: Sperrung.
Identifikation
Textnummer Druckausgabe: V.72
Dateiname: 1837-xxx_Ueber_die_Vulkane-2
Statistiken
Seitenanzahl: 4
Spaltenanzahl: 8
Zeichenanzahl: 10200

Weitere Fassungen
[Über die Vulkane von Quito] (Berlin, 1837, Deutsch)
Über die Vulkane von Quito (Berlin, 1837, Deutsch)
Geognostische und physikalische Beobachtungen über die Vulkane des Hochlandes von Quito (Leipzig, 1837, Deutsch)
Geognostische und physikalische Beobachtungen über die Vulkane des Hochlandes von Quito (Stuttgart, 1837, Deutsch)
Description géognostique et physique des volcans du plateau de Quito (Paris, 1838, Französisch)
Extrait d’un mémoire de M. de Humboldt sur les Volcans du plateau de Quito (Paris, 1838, Französisch)
Une Description géognostique et physique des volcans du plateau de Quito (Paris, 1838, Französisch)
Sur les volcans du plateau de Quito (Paris, 1839, Französisch)
Observations géognostiques et physiques sur les volcans du plateau de Quito (Paris, 1839, Französisch)
|484|

Über die Vulkane von Quito.Von A. von Humboldt.

|Spaltenumbruch| Wenn Vulkanismus, im weiteſtenSinne des Worts, alle Erſcheinungenbezeichnet, die von der Reaction desinneren flüſſiggebliebenen Theils einesPlaneten gegen ſeine oxydirte, durchWärmeſtrahlung erhärtete Oberfläche ab-hängen, ſo können nur wenige Erdſtrichedas Schauſpiel von dem mannigfaltig-ſten Zuſammenwirken vulkaniſcher Kräftein einem gleichgroßen Maaßſtabe dar-bieten, als das Hochland von Quito.Die geognoſtiſchen Beobachtungen, welcheHr. v. Humboldt mittheilt, ſind ſei-nen noch ungedruckten Tagebüchern ent-nommen. Zur Beſtimmung des relati-ven Werthes dieſer Beobachtungen iſtzu beachten, daß orographiſche Beſchrei-bungen auf zwei ganz verſchiedenartigenFundamenten beruhen, von denen dieeinen abhängig von der Zeit, von demjedesmaligen Zuſtande unſeres mineralo-giſchen und allgemein phyſikaliſchen Wiſ-ſens, von dem ſich höher entwickelndenGeiſte der Geognoſie, die anderen durchBeziehung auf bloß räumliche Verhält-niſſe (auf Größe und Stellung) unver-änderlich und, wenn etwa Natur-Re-volutionen die Configuration der Erd-|Spaltenumbruch| oberfläche umgeſtalten, um ſo wichtigerſind, als ſie die Möglichkeit einer numeri-ſchen Vergleichung in dem Reſultate derUmgeſtaltung gewähren. Wo ſtrengeUnterſcheidung der Formationen nachzoologiſchen Charakteren, das iſt, nachdem epochenweiſen Zuſammenleben vor-weltlicher Organismen, oder nach orykto-gnoſtiſchen Charakteren, das iſt, nachder Natur der kryſtalliniſchen Gewebeeiner Gebirgsart, erheiſcht werden, ver-liert die aufgezeichnete Beobachtung,wenn ſie der Zeit und den Anſichtenentrückt wird, unter deren Einfluß ſieangeſtellt wurde, von ihrer Beſtimmt-heit und ihrem wiſſenſchaftlichen Werthe.Sie kann jedoch durch ſpätere Unterſu-chung mitgebrachter Sammlungen eini-germaßen ergänzt und berichtigt werden.Ein anderer Theil der aufgezeichnetenBeobachtungen, der topographiſche, raüm-lich beſchreibende, iſt dagegen unabhän-gig von der Epoche des Einſammelns.Er bezieht ſich auf Beſtimmung der mitt-leren Axe und der ganzen Geſtaltungſeines Gebirges, auf aſtronomiſche Po-ſitionen, auf barometriſche und trigono-metriſche Hypſometrie; er beruht auf|485| |Spaltenumbruch| den alten Grundfeſten mathematiſchenWiſſens.Die Abhandlung des Hrn. v. Hum-boldt zerfällt in zwei Abſchnitte. Dererſte enthält allgemeine Betrachtungenüber die Struktur der Andeskette, ihreAbſonderung in zwei oder drei nebeneinander hin laufende, durch Hochthälergetrennte, durch Querjoche im Berg-knoten verbundene, gleichſam gegliederteReihen: er zeigt den Parallelismus dereinzelnen Cordilleren unter ſich, wobeidas abſcharende nordöſtlich ſtreichendeTrumm der Crodillere von Neu-Gra-nada und Merida, welche die ältereGebirgsſpalte am Littoral von Caracasmit der neueren von Quito und Popayanverbindet, eine denkwürdige Ausnahmemacht; er unterſucht den Einfluß, dendie Sinuoſitäten der Südſee-Küſte,beſonders im Golf von Arica (einerWiederholung der Einbiegung, welcheder ebenfalls pyramidale Kontinent vonAfrika in dem Buſen von Biafra beiFernando Po darbietet) auf das plötz-lich veränderte Streichen ſelbſt der fer-neren öſtlichen Cordillere ausüben. Be-trachtet man die lange mauerartig hin-gedehnte Andeskette, nördlich vom Ama-zonen-Strome, als ein Ganzes, ſo ſiehtman ſie regelmäßig und faſt periodiſchdie Nähe thätiger Vulkane durch dasplötzliche Auftreten gewiſſer Gebirgsartenverkündigen, welche die vormals ſoge-nannten uranfänglichen, wie die ſchief-rigen und ſandſteinartigen Übergangs-und Flöz-Formationen trennen. Einſo leicht zu beobachtendes Phänomenmußte früh die Überzeügung anregen,daß jene ſporadiſchen Gebirgsarten dereigentliche Sitz vulkaniſcher Erſcheinun-gen wären und die vulkaniſchen Aus-brüche auf irgend eine Weiſe bedingten.Was damals (um unter einem einge-ſchränkteren Geſichtspunkte hier bloß andie mineralogiſche Zufammenſetzung zu|Spaltenumbruch| erinnern) in Süd-Amerika als eineeigene Art quarzloſer Grünſtein- undSyenit-Porphyre beſchrieben ward, nahmſpäter die Benennung Trachyt an, durchwelche die ältere, vielleicht charakteri-ſchere des Domits verdrängt ward. Dieneüeſte Zeit, die ſich einer völligen Um-wandlung der Geognoſie erfreüt, hatgelehrt, daß jene durchbrechenden Maſſen(bald als kraterloſe Glocken emporgeho-ben, bald durch die vulkaniſchen Mächtedergeſtalt geöffnet, daß eine permanenteVerbindung zwiſchen dem Inneren derErde und dem Luftkreiſe gebildet wird)unter verſchiedenen Zonen nicht immerdieſelbe Zuſammenſetzung darbieten. Esſind bald eigentliche Trachyte, welcheder Feldſpath charakteriſirt, wie am Pikvon Teneriffa und am Sieben-Gebirge(wo ſich etwas Albit dem Feldſpath bei-geſellt), Feldſpath-Trachyte, die alsthätige Vulkane haüfig Oſidian undBimſtein erzeügen, bald Melaphyre,doleritartige Gemenge von Labrador undAugit, der Baſalt-Formation näher ſte-hend, wie am Ätna und Stromboli, amChimborazo und Pichincha; bald iſt Al-bit mit Hornblende vorherrſchend, wiein den neüerlichſt ſogenannten Ande-ſiten der Vulkane von Chili, in denſchönen Saülen von Piſojè am Fuß desVulkans von Puracé oder am mexika-niſchen Vulkan von Toluca; bald end-lich ſind es Leücitophyre, Gemengevon Leücit und Augit, wie in der Somma,der alten Wand des veſuvianiſchen Erhe-bungs-Kraters. Die gegenſeitigen Ver-hältniſſe dieſer Geſteinarten und die Wir-kungen ihrer Gruppirung ſind ein wich-tiges Problem der allgemeinen Geognoſie.Der zweite Abſchnitt der Abhandlungiſt der geognoſtiſchen Beſchreibung dernächſten Umgegend der Stadt Quitound des Vulkans von Pichincha, andeſſen Abhange die Stadt erbaut iſt,gewidmet. Viele offene, mannichfaltig|486| |Spaltenumbruch| verzweigte, meiſt waſſerleere Spalten,von den Indianern Guaycos genannt,durchſchneiden die Stadt. Sie ſind30—40 Fuß breit, gleichen unausge-füllten Gangklüften und haben 70—80Fuß Tiefe. Sie lauſen (was geogno-ſtiſch wichtig iſt und mit der Erbebungdes Vulkans, der nicht kegelförmig iſt,ſondern einen 8000 Toiſen langen Rückenbildet, zuſammenhängt), alle rechtwink-lich auf den Kamm des Gebirges. DerVolksglaube ſchreibt es ihnen beſonderszu, daß die hohen Wohngebäude undprachtvoll gewölbten Kirchen von Quitowenig von den ſo haüfigen und mit nahemunterirdiſchen Getöſe begleiteten Erd-ſtößen leiden. Manchfaltige Erfah-rungen in den von Klüften nicht durch-ſchnittenen Stadtvierteln zeügen abergegen die Richtigkeit eines Volksglau-bens, deſſen ſchon römiſche Schriftſtellererwähnen. Zur Erläuterung der dreigeognoſtiſchen Excurſionen, welche Hr.v. Humboldt auf den Pichinchamachte, wurden Plane, pittoreske An-ſichten und Profile vorgelegt, die ſichauf eine trigonometriſche Operation grün-den, welche in der Ebene von Cocha-bamba bei Chillo vorgenommen wurde.Da die einzelnen weit ſichtbaren Gipfel,welche thurmartig den Gebirgskamm krö-nen, mit Sorgfalt barometriſch gemeſſenwaren, ſo konnte die hypſometriſche Me-thode der Höhenwinkel und ſenkrechtenStandlinien angewandt werden, eineMethode, deren relative Genauigkeit beiwohlbeſtimmten Azimuthen, ſich demVerfaſſer dieſer Abhandlung ſpäter inBeſtimmung der Meridiandifferenz vonMexiko und Veracruz (Entfernung volledrei Längengrade) bewährt hat. Tem-peratur, Waſſergehalt, elektriſche Span-nung und Blaüe der Atmoſphäre wur-den bei ſehr heiterem Himmel auf demGebirgskamm geprüft. Der Siedepunktdes Schneewaſſers fand ſich zu 187°, 2|Spaltenumbruch| Fahr. (ohngefähr 68°, 9 Reaum.) aufeinem mit Bimſtein bedeckten ſchma-len Kamme von Dolerit-Geſtein, derden Kegel von Tablahuma, in 2356Toiſen Höhe, mit dem Pico de los La-drillos (dem Ziegelberge) verbindet. Vondem Bergrücken des Vulkans von Pi-chincha genießt man, in Südweſt, einerherrlichen Ausſicht auf die mit einemfaſt undurchdringlichen, menſchenleerenUrwald (los Yumbos in der Governa-cion de las Esmeraldas) bedeckteEbene, wie auf die Küſte der Südſee.Durch eine genauer ausgemittelte Län-gen-Differenz von Callao und Guaya-quil wurde die, von Malaspiua’s Ex-pedition anfgenommene Karte der Küſteberichtigt und ſo die Entfernung (88Bogenminuten) des Theils des Littoralsgefunden, welcher auf dem genanntenStandpunkte ſichtbar wird. Die Höhedes Pichincha, die im Vergleich mit an-deren Vulkanen von Quito ſehr unbe-trächtlich iſt, da ſie die Höhe des Mont-blanc wenig überſteigt und die Landſtraßevon Quito nach Cuenca und Lima imBergpaß von Aſſuay faſt dieſelbe Höheerreicht, gewährt einen Geſichtskreis,deſſen Halbmeſſer (ohne Refraktion)2° 13′ beträgt. Dickes Gewölk ſtandüber der heißen vegetationsreichen Ebeneder Yumbos, die eine ungeheüre Maſſevon Waſſerdampf in den Luftkreis er-gießt. Ein beſtimmter Meerhorizont, dieScheidung von Luft und Waſſer, warnicht zu erkennen; man ſah gleichſam indas Leere, weil die Quantität des, vomWaſſer reflektirten Lichts zu gering iſt,um auf einem ſo lange Wege durch die(Licht abſorbirende) Atmoſphäre zumAuge zu gelangen. Die tiefen Schluch-ten oder offenen waſſerleeren Spalten,welche im rechten Winkel dem Kammedes Pichincha zulaufen, machen dies Ge-birge ſehr unzugänglich. Die Reiſen-den (Hr. v. Humboldt, Aimé Bon-|487| |Spaltenumbruch| pland und Don Carlos Montufar)fanden hier mehr Hinderniſſe, als aufdem ſchneebedeckten Gipfel des An-tiſana, den ſie kurz vorher bis zu mehrals 1700 Fuß Höhe erſtiegen hatten.Die einbrechende Nacht, völlige Unkundedes Weges und tiefe Abgründe hindertenſie, auf dieſer erſten Excurſion bis zuder, von den franzöſiſchen Aſtronomennicht gemeſſenen ſüdweſtlichſten viertenKuppe zu gelangen, zu der Kuppe Rucu-Pichincha (2490 Toiſen), aus der inden Jahren 1539, 1566, 1577 und1660 Flammen ausgebrochen ſind. DerKrater, von drei Felſen kaſtellartig um-|Spaltenumbruch| ſchloſſen, wurde erſt bei der zweitenExkurſion erreicht. Auch Blöcke hat derBerg, vielleicht ſchon bei ſeiner erſtenErhebung auf einer langen Spalte (Rich-tung: N. 56° O.) ausgeſtoßen. Sieliegen reihenweiſe in der Ebene Rumi-pamba und kamen aus dem nordöſtlichſtenThale der Condorgeyer (Cundurgua-chana). Dieſem Thale entſpricht ineiner gegenüberliegenden Hügelreihe eineandere Kluft, die in das tiefe Beckenvon Guapulo führt. (Bericht über dieVerhandl. der Berl. Akademie im Mo-nat Februar 1837.)