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Alexander von Humboldt: „[Über Meeresströme]“, in: ders., Sämtliche Schriften digital, herausgegeben von Oliver Lubrich und Thomas Nehrlich, Universität Bern 2021. URL: <https://humboldt.unibe.ch/text/1837-xxx_Ueber_Meeresstroeme-1> [abgerufen am 05.02.2023].

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https://humboldt.unibe.ch/text/1837-xxx_Ueber_Meeresstroeme-1
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Titel [Über Meeresströme]
Jahr 1837
Ort Stuttgart
Nachweis
in: Almanach für das Jahr 1837, S. 283–285, 292–296, 347–362.
Entsprechungen in Buchwerken
Alexander von Humboldt, Ueber Meeresströmungen im allgemeinen; und über die kalte peruanische Strömung der Südsee, im Gegensatze zu dem warmen Golf- oder Florida-Strome, in: Kleinere Schriften. Geognostische und physikalische Erinnerungen, Stuttgart und Tübingen: Cotta 1853, Band 2, S. 31–145 [unpublizierte Druckvorstufe, von Humboldt handschriftlich überarbeitet, Deutsches Literaturarchiv in Marbach a. N.: Cotta-Archiv, 1833-ca. 1855].
Sprache Deutsch
Schriftart Fraktur
Identifikation
Textnummer Druckausgabe: V.73
Dateiname: 1837-xxx_Ueber_Meeresstroeme-1
Statistiken
Seitenanzahl: 24
Zeichenanzahl: 33259

Weitere Fassungen
[Über Meeresströme] (Stuttgart, 1837, Deutsch)
Die Meeresströme (Stuttgart; Tübingen, 1836, Deutsch)
Die Fucusbank von Flores und Corvo (Stuttgart; Tübingen, 1836, Deutsch)
[Über Meeresströme] (Stuttgart, 1837, Deutsch)
|283|

Gefahren im Atlantiſchen Ocean.

Hr. Alexander von Humboldt bemerkt in einem hand-ſchriftlichen Memoir *), deſſen Mittheilung ich ſeiner wohl-wollenden Geſinnung verdanke: „Die in der nördlichenRegion des Atlantiſchen Oceans zerſtreüten, über dieOberfläche des Meeres hervorragenden Klippen (Vigies,Rocks, Shoals), von denen einige nach Purdy unbe-zweifelt (z. B. Devils Rock im NW. von Kap Ortegal,Toſyna Rock, Gombaud’s Rock), andere eben ſo unſicherals der Telemaque Rock **) auf der Afrikaniſchen Nadel-
*) Über Meeresſtröme.**) Rennell glaubte an die Exiſtenz dieſer Klippe, und ſeine Ver-muthung wurde im Jahre 1816 durch einen Amerikaniſchen See-fahrer, Kapt. Blakeman, bekräftigt (der die Mitte der Gefahr inLat. 37° 57′ S. Long. 23° ſetzte). Dagegen konnte Kapt. Harmer,
|284| bank ſind, ſollten einmal der Gegenſtand einer eigenenUnterſuchung werden. Spaniſche Seefahrer haben imJahre 1802 in der großen Fucus-Bank von Corvo ſelbſtKlippen (rompientes) entdeckt, an denen das Meer brandet.Dieſer Klippe hat zuerſt Navarrete im Jahre 1825 Er-wähnung gethan *), und der Schiffslieutenant Don MiguelMoreno, der kurz vor meiner Amerikaniſchen Reiſe Theilan der Kronometer-Expedition von Don Cosme Churuccain den kleinen Antillen nahm, giebt die Rompientes inſeiner Karte der vier Reiſen des Colon in Lat. 28° N.,Long. 41° 2′ W. Greenwich an **). Nach ihm und Na-varrete iſt es die Nähe dieſer Klippen, die zwiſchen dem19. und 22. Sept. 1492 dem großen Entdecker ſo vieleAndeütungen des nahen Landes gab: in der Nacht vom
der das Engliſche Kriegsſchiff Heron kommandirte, fünf Jahreſpäter die Klippe nicht finden, wie wir aus des Commodore Owenvortrefflicher Karte von Südafrika wiſſen (Rennell, Investigationson the Currents, Lond. 1832, p. 3 und 344). Wie lange hat mannicht in unſern recht eigentlich Eüropäiſchen Meeren weſtlich vonden Hebriden nach der kleinen, aber hoch aus dem Waſſer auf-ſteigenden Felsinſel Rokol (Rockall) geſucht, die endlich Kapt.Raven auf einer Rückreiſe von Neüholland wieder fand. Sehrungewiß ſind im Atlantiſchen Ocean auch Jean Hamons oder Ha-monbs und die alte Inſel Maydu (Anmerk. des Hrn. von Ht.Von den Preüßiſchen Schiffen, welche auf ihren Weltreiſen dasVorgebirge der guten Hoffnung umſchifften, näherte ſich keines denTelemaque-Felſen; ſie hielten ſich alle innerhalb des Parallels von36° S., um die ganze Kraft des Kap-Stroms zu benutzen.*) Coleccion T. I. p. 9—12.**) Carta del Oceano Atlantico Setentrional, con las Derrotas quesiguió Dn. Cristobal Colon hasta sa Recalada á las primeras Islasque descubrió en el Nuevo Mundo. 1825.
|285| 21. war er nur 6 bis 7 Seemeilen nördlicher geweſen *),ſo daß dieſe unbedeütenden Felſen die Entdeckung einesneüen Welttheils für die damalige Zeitepoche hätten ver-hindern können.“

*) Ich finde, daß Kapt. Cook 1775 dieſen Klippen, wenn ſie wirklichvorhanden ſind, und außerdem richtig ſituirt wurden, ſehr nahewar, in Lat. 28° Long. 41° 30′. Kapt. Alſager 1822 war in dem-ſelben Parallel noch 2° 12′ weſtlicher (Anmerk. des Hrn. v. Ht.).Von den Preüßiſchen Seehandlungsſchiffen näherten ſich dieſer Ge-fahr beim Durchſchneiden des 28. Parallels:
  • Mentor, von Rio Janeiro nachStettin ....... 3° 42′ öſtlich am 7. Febr. 1826.
  • Chriſtian, Kapt. Riek, vonValparaiſo ..... 1° 55′ öſtlich am 28. Nov. 1827.
  • Friedrich Wilhelm III., Kapt.Reintrock, von Rio Janeironach Hamburg .... 2° 24′ öſtlich am 22. Juli 1828.
  • Prinzeß Louiſe, Kapt. Harmßen,von China ...... 2° 07′ öſtlich am 3. Juli 1829.
  • Friedr. Wilh. III., von Hambg.nach N. Orleans .... 3° 42′ öſtlich am 11. Mai 1830.
  • Prinzeß Louiſe, Kapt. Wendt,von China ...... 0° 34′ öſtlich am 13. März 1832.
  • Dieſelbe, derſelbe, von Chinakommend ...... 4° 12′ öſtlich am 1. Mai 1834.
|292| Meeresſtröme Obſchon die Strömungen des Oceans einen der wich-tigſten Theile der Hydrographie bilden, ſo iſt es doch,wie Rennell ſehr richtig bemerkt, erſt ſeit Einführungder Kronometer und der Vervollkommnung aſtronomiſcherBeobachtungen zur Beſtimmung der Meereslänge gelungen,ſich einen richtigen Begriff von ihrer Richtung und Kraftzu verſchaffen. Konnte auch vor Erfindung der Zeithalterdie Abweichung, welche der Kurs eines Schiffs durch denMeeresſtrom in nördlicher oder ſüdlicher Richtung erleidet,durch Vergleichung der aus der Schiffsrechnung und derunmittelbaren Beobachtung hervorgehenden Breite gefun-den werden, ſo war es doch erſt jenen unſchätzbarenMaſchinen vorbehalten, die Größe kennen zu lehren, um|293|welche der Seefahrer in ſeiner Bahn gegen Oſten oderWeſten abgelenkt wird, und dadurch um ſo mehr zurVervollkommnung der Schifffahrtkunſt beizutragen, alsin den beſuchteſten Meeren, denjenigen, welche Eüropavon Amerika und Indien, und die neüe Welt von denöſtlichen Geſtaden des alten Kontinents trennen, diemeiſten Ströme in der Richtung des Untergangs undAufgangs fließen. Die Kenntniß der Meeresſtröme, ſagtRennell, ſetzt den Seefahrer in den Stand, ſeinen Kursſo einzurichten, daß er in dem einen Fall von dem Stromeden größten Vortheil zieht oder in dem andern den ge-ringſten Nachtheil erfährt; die genaue Bekanntſchaft mitdieſem Phänomen befähigt ihn, ſeine Reiſen zu beſchleü-nigen und Gefahren zu vermeiden; ja von dieſer Er-ſcheinung und den ſie erzeügenden Luftſtrömen hangt derWeg ab, den ein Schiff nehmen muß, um in der kürzeſtenZeit von einem Hafen zum andern zu gelangen; ein Weg,der nicht durch die kürzeſte Entfernung oder die geodä-tiſche Linie bezeichnet wird, ſondern durch eine Kurve,welche von jener oft ſehr bedeütend abweicht. Raumund Zeit ſtehen bei der Navigation in der innigſtenWechſelwirkung. Ein Schiffer, der von der Mündungdes Engliſchen Kanals nach der Havana will, darf nicht,wie es der Blick auf die Karte vermuthen läßt, denkürzeſten Weg nehmen und ſeinen Kurs nördlich von denAzoren auf die Halbinſel Florida und die Bahamaſtraßeſetzen; ſondern er wendet ſich, ſobald er den EngliſchenKanal verlaſſen und den Atlantiſchen Ocean betreten hat,ſofort nach Südſüdweſten, ſchifft zwiſchen den Azorenund den Canariſchen Inſeln hindurch, ſucht den Wende-kreis des Krebſes gegen den 20ſten Grad der Länge weſtlich|294|von Ferro, das iſt mitten im Ocean zu ſchneiden, ſteüertvon dort nach den kleinen Antillen und durch das Carai-biſche Meer längs der ſüdlichen Geſtade der Großen An-tillen, und gelangt ſo, die weſtliche Spitze der InſelCuba dublirend, nach ſeinem Beſtimmungsort. Daßdieſer ſcheinbare Umweg genommen wird, beruhet aufden herrſchenden Luft- und Meeresſtrömen. Auf jenergeraden Linie vom Engliſchen Kanal nach der Bahama-ſtraße würde der Schiffer, mit weſtlichen und ſüdweſtlichenWinden und öſtlichen Strömungen kämpfend, die größtenMühſeligkeiten zu überwinden haben und dadurch, gelängeauch die Bergfahrt in der Bahamaſtraße, was in denmeiſten Fällen ſehr zweifelhaft iſt, einen ſo großen Zeit-aufwand gebrauchen, daß zu der Reiſe von Hamburgnach der Habana drei bis vier Monate gebraucht würden,während auf der großen Kurve die kleinen Antillen in 35bis 40 Tagen erreicht werden, und der Anker im Hafender Habana am 55ſten oder 60ſten Tage nach der Abreiſevon Hamburg ausgeworfen werden kann. Aber nicht bloß für die Zwecke der Navigation iſtdie Kenntniß der Meeresſtröme von der aüßerſten Wich-tigkeit, auch ein allgemeinerer Geſichtspunkt bietet ſichdar, von dem aus ſie betrachtet werden können, ein Ge-ſichtspunkt, der die Phyſik der Erde im Ganzen umfaßt.Hr. von Humboldt bemerkt in dieſer Beziehung in derbereits oben benützten Denkſchrift Folgendes: „Die genauere Kenntniß der zwiefachen Art vonStrömungen in dem Elaſtiſch-Flüſſigen (dem Luftmeere)und dem Unelaſtiſch-Tropfbar-Flüſſigen (dem Ocean, dermit jenem auf ihm ruhenden Luftmeere in Wechſelwirkungder Bewegung und Wärmevertheilung ſteht) hängt von |295| drei veränderlichen Elementen, der Richtung, Schnelligkeitund Temperatur ab. In beiden, ſonſt ſo weſentlich voneinander verſchiedenen, in ihrer Contaktfläche ſcharf be-gränzten Erd-umhüllenden Schichten (in der Atmoſphäreund in dem Ocean) wird das letzte der eben genanntenElemente, die Temperatur, durch die zwei anderen, dieRichtung und die Schnelligkeit, beſtimmt. Iſt dieMeeresſtrömung in der Bahamaſtraße durch heftige, dieBarometerhöhe vermehrende und den regelmäßigen Wechſelder atmoſphäriſchen Ebbe und Fluth ſtörende N. Stürme,in ihrem Laufe gehemmt, das heißt, in ihrer Schnelligkeitgemindert, ſo ſinkt die Temperatur des Golfſtroms 700geogr. Meilen weit, da wo ſich derſelbe in nordöſtlicherRichtung, gegen die weſtlichſten der Azoriſchen Inſeln,Corvo und Flores hin, in eine große Wieſe von Seetangverliert. Richtung der Luft- und Meeres-Ströme, jenachdem ſie die Meridiane in verſchiedenen Winkelndurchſchneiden, aus höheren Breiten ſich zu niederenoder umgekehrt bewegen, beſtimmt den Temperatur-Unterſchied zwiſchen der zuſtrömenden Luft- oder Waſſer-Maſſe und der ruhenden, zu der ſie ſich miſcht, oder dieſie flußartig durchſchneidet. Wie die Klimate und diewichtigſten meteorologiſchen Erſcheinungen eben ſo ſehrvon der Richtung der Winde, in Hinſicht auf Azimuthund Neigung (von Miſchung der Luftſchichten, die ver-ſchiedenen Breiten-Zonen oder höheren und niederen Re-gionen der Atmoſphäre zugehören) als von dem öſtlichenSonnenſtande, d. h. dem Einfallswinkel der Sonnen-ſtrahlen abhangen, eben ſo wirken mittelbar auch dieoceaniſchen Flüſſe kalten und warmen Waſſers (dieStrömungen der Meere) durch ihre Ausdehnung und |296| ihre Nähe auf die Klimate der Kontinente. Die oceani-ſchen Flüſſe, welche die wogende, aber in Hinſicht aufTranslations-Bewegung ruhende Meeresfläche ſo manch-faltig durchſchneiden, erwärmen oder erkälten zunächſtdie darüber liegende Meeresluft; ſie erregen nicht bloßVerdampfung und Niederſchläge ſalzhaltiger Dämpfe,ſondern Sturm und plötzlichen Wechſel elektro-magnetiſcherSpannungen; ſie theilen, dauernde und ſanftere Luft-ſtröme erzeügend, nach Verſchiedenheit ihrer eigenenTemperatur, bald Wärme, bald Kühlung den benach-barten Kontinenten mit.“ (A. v. Humboldt’s Manuſcript.) |347| Die Fucusbank von Flores und Corvo. Der Reiſende, welcher aus Indien oder einem Süd-amerikaniſchen Hafen in der ſüdlichen Hemiſphäre nachEüropa zurückkehrt, ſegelt nicht zwiſchen den KanariſchenInſeln und den Azoren hindurch, ſondern entfernt ſichſcheinbar von ſeinem Ziele, indem er die zuletzt genannteInſelgruppe auf der nordweſtlichen Seite paſſirt. DieUrſache iſt, weil er auf jenem geraden Wege in denniedern Breiten gerade gegen den Nordoſtpaſſat fahrenmüßte und auch in höhern Breiten mehren Theils nörd-liche Winde treffen würde, während er auf dem Kurſeum die Azoren den Paſſat benutzen, und in den meiſtenFällen gewiß ſein kann, jenſeits ſeiner Polargränze denzurückſtrömenden Paſſat oder Südweſtwinde zu treffen.Auf dieſer Fahrt ſieht ſich der Reiſende, wenn er den Äquatordurchſchnitten und den Wendekreis des Krebſes erreichthat, plötzlich von Seekraut umgeben; er befindet ſich|348| gleichſam auf einer Oceaniſchen Wieſe, die er über andert-halbtauſend Meilen nicht verläßt; es iſt das Mar deSargaſſo der Portugieſiſchen und Spaniſchen Seefahrer,die Region des Gulf-weed der Engländer. Horsburgh ſagt, man erblicke den Seetang gewöhn-lich in Lat. 24° Oder 25°, und er erſtrecke ſich bis 40° oder42° N.*). Gemäß ſeiner Karte vom NordatlantiſchenOcean erreichte das Engliſche Kriegsſchiff Endymion,welches die Oſtindiche Kauffahrteiflotte konvoiirte, dieſüdliche Gränze des Gulfweeds am 5. Oktober 1799 inLat. 23° 20′ N., Long. 34° 20′ W., und überſchritt dienördliche am 18. Okt. in Lat. 40° 55′ N., Long. 32° 35′ W.Rennell bemerkt in ſeinem Buche **): Man nehme an,der Seetang liege nahe auf dem Meridian von Corvound Flores zwiſchen den Parallelen von 25° und 36° undungefähr zwiſchen den Meridianen von 30° und 32° W.;aber die Thatſachen, welche er auf ſeinen Karten in ſogroßer Menge angiebt, rücken die Parallelgränzen desFucus natans weit über jene Breiten hinaus und ſetzendie Meridian-Are des langen Langſtreifens in etwa 37°W. Länge von Greenwich. Herr v. Humboldt hat bereits in der Beſchreibungſeiner Reiſe durch die Äquinoktial-Gegenden des NeüenKontinents die Sargaſſo-See zum Gegenſtande ſeiner ge-lehrten und ſcharfſinnigen Unterſuchungen gemacht; neüer-dings aber ihn ſehr ausführlich behandelt in der mehrerwähnten Denkſchrift über die Meeresſtröme, aus der
*) India Directory, Vol. II., p. 602.**) Investigation of the Currents, p. 184. Dieſe Bemerkung ſchriebRennell im Jahre 1816 nieder.
|349| ich den nachfolgenden Auszug mit Erlaubniß des Ver-faſſers hier einſchalte:
„Es iſt gegenwärtig eine allgemein verbreitete Mei-nung unter den Seefahrern, daß im Normalzuſtandedes Impulſes die mehr iſolirten weſtlichen Azoren, Corvound Flores in dem Golfſtrome, Pico und Fayal aber andem öſtlichen Saume deſſelben liegen, da der Strom vonNantucket bis zur Long. 32° W. faſt ununterbrochen vonW. nach O. fließt, dann plötzlich, aus noch unergründetenUrſachen, gegen S. umſetzt und ſich unter Lat. 35°, imMeridian von Pico, verliert. Dieſer Strom warmenWaſſers, der ſeinen früheſten Impuls einer Strömungin der ſüdlichen Hemiſphäre, den von Madagaskar ausüber die Nadelbank und um das Vorgebirge der gutenHoffnung wirbelnden Waſſern, und einem Stoß gegendie vorſpringende braſiliſche Küſte beim Kap St. Roqueverdankt, nimmt erſt von der Spitze von Florida biszur Bank von Neüfundland eine nordöſtliche, von da bisgegen die weſtlichſten Azoren eine öſtliche und zuletzt eineſüdliche Richtung an. „Betrachtet man dieſe Gegend zwiſchen Long. 40°½und 42°½ W. *) ſüdlich vom 45ſten Parallel, gleichſamals den Ausfluß, die Mündung des Golfſtroms, ſo wirddadurch ſcheinbar die Meinung begünſtigt, als ſei diedort befindliche Anhaüfung von Seetang eine lange undſchmale Fucus-Zone, welche ſich von N. gegen S., von
*) Alle Längenbeſtimmungen in dieſer Abhandlung des Hrn. vonHumboldt beziehen ſich auf den Pariſer Meridian (2° 20′ O. Grw.)und die Temperatur-Angaben auf die Celſius’ſche Thermometer-Skala.
|350| dem Parallel von Corvo bis zu dem Parallel der Cap-verdiſchen Inſeln hinzieht, ein Auswurf oder eine An-ſchwemmung des Oceaniſchen Fluſſes warmen Waſſers.Man glaubt nach dieſer Anſicht, der Golfſtrom ſammeleerſt (wirbelnd) in dem Mexikaniſchen Meerbuſen, dannin der Bahama-Straße, den Seetang während ſeinesLaufs, und deponire denſelben da, wo er als Stromverſchwinde. Es iſt nach meiner eigenen Erfahrungkeineswegs zu leügnen, daß beſonders an ſeinen Rändernfaſt in ſeiner ganzen Länge das Flußbette des Golfſtroms,ſo weit ich es auf vier Seefahrten (von der Küſte vonCaracas nach dem Kap S. Antonio der Inſel Cuba, vonVera-Cruz längs der Küſten der Louiſiana nach derHavana, von dieſem Hafen durch die Bahama-Straßenach Philadelphia, und von da über den ſüdlichen Theilder Bank von Neüfundland bis in den Meridian derOuter oder Falſe-Bank) in mehr als 5600 SeemeilenLänge beſchifft habe *), mit zahlloſen, der Richtung desStroms parallelen Streifen von Fucus natans gefülltiſt; aber wenn auch jener Anſicht über das allmäligeZuſammen-Schwemmen des Seetangs und über die
*) Nach der Temperatur des Meerwaſſers zu urtheilen, verließ ichden Golfſtrom in der Nacht vom 15. zum 16. Juli 1804 zwiſchen:Lat. 43° 24′; Long. 48° 4′: Meer 21°,0, Luft 22° 7′, um 7 h Abends: der nördlichſte Rand des Golfſtroms wardurch Eismaſſen, die ſich kurz vorher indieſen Gegenden gezeigt, und durch eineStrömung von N. her (von Falſe-Bank)erkältet. Lat. 43° 21′; Long. 46° 0′: Meer 18° 8′; Luft 22° 7′, um 4 h Abends. Noch ſchwamm viel Fucus natans umher.Humboldt.
|351| Entſtehung der weit ausgedehnten Fucus-Bank weſtlichvon den Azoren, der auch Rennell (bedingungsweiſe)beitritt, keine phyſiologiſch-botaniſchen Gründe direktentgegen ſtehen, ſo iſt doch nicht einzuſehen, warumnicht auch nahe Untiefen zu jener Anhaüfung mit bei-tragen ſollten. Der größte Theil Tangs ſüdweſtlich vonden Azoren iſt friſch und in voller Vegetation, als wäreer eben erſt den Felſen entriſſen, und das Senkblei iſtſo ſelten in jenen tangreichen Regionen ausgeworfenworden, daß man wol vermuthen kann, die zwei Inſel-gruppen der Azoren ſeien nicht die einzigen vulkaniſchenHebungen, welche dort der Meeresboden erfahren. EineGegend nördlich vom 40ſten Parallel und NW. vonCorvo ſcheint mir beſonders für den Zuwachs zu zeügen,den die Tangmenge auch aus nahen Untiefen erhält. Indieſer Gegend befindet ſich zwiſchen Lat. 40° und 46°,Long. 40° und 31° W. das nördliche Ende der großenAzoriſchen Fucus-Bank. Die Richtung des Tang-Streifeniſt dort von SW. nach NO., und er durchſetzt dammartigund bleibend die ſüdoſtwärts fließenden ſtark bewegtenWaſſer des Golfſtroms, wie man auf Rennell’s Kartedeütlich ſehen kann.“
„Ich habe ehemals ſelbſt, nicht auf eigene Erfahrung,ſondern auf die Zeügniſſe von Turner und Lamourouxgeſtützt, die Meinung für die wahrſcheinlichere gehalten,es können die Fucusarten keine neüen Zweige treiben,wenn ſie von der Wurzel getrennt umherſchwimmen.Aber die phyſiologiſche Betrachtung, daß alle Theile derAlgen faſt gleichmäßig leben, und daß der Fucus natans(Sargassum natans, Lamouroux) aus dem Geſtein desSeebodens mittelſt ſeiner wurzelartigen Wulſt, die ihm |352| nur als klauenartige Stielverlängerung zum Anheftenzu dienen ſcheint, wol ſchwerlich irdiſche Nahrung ziehe,hat mich ſchon längſt in meiner früheren Meinung wankendgemacht. Allerdings mögen die Sporen der Thalaſſo-phyten, in Mucus gehüllt, von der Oberfläche desMeeres durch ihre Schwere herab zu Boden fallen, undſich dort, wie Martius und de Candolle glauben, an Felſenanheften. Neben dieſer Art der Fortpflanzung und Ver-mehrung iſt aber eine andere wahrſcheinlich, und aufAnalogie der Süßwaſſer-Algen gegründet. Meyen ver-muthet, daß der Seetang frei ſchwimmend vegetirt, undſich in neüe blattartige Lappen ausdehnt; eine Vermu-thung, die ſchon Thunberg ausgeſprochen, ohne ſie phyſio-logiſch zu begründen. Bei den Vaucherien und bei Po-lysperma glomerata hat der ſcharfſichtige Meyen gezeigt,daß zwei Fortpflanzungen Statt finden, durch die Sporender eigentlichen Früchte, und durch die, welche im Innernder Schlaüche ſelbſt enthalten ſind. Viele dieſer Algentragen nie Früchte, ſondern die Entwickelung neüerIndividuen beruht auf der Aſtbildung.“ Bei keinemeinzigen Exemplare der Tauſende von Fucus natans(identiſch mit Sargassum vulgare und S. bacciferum, Agardhs), die ich im Sargaſſo-Meer ſammelte, heißt esin dem Berichte der Reiſe um die Erde auf dem Preüßi-ſchen Schiffe Prinzeß Louiſe, habe ich Früchte gefunden,während die Pflanzen, welche ich an der Küſte Braſilienserlangte, immer mit Früchten bedeckt waren. Ich glaube,daß jener ſchwimmende Tang nie feſtgeſeſſen hat. Freiim Waſſer haben ſich ſeine jungen Keime entwickelt, undWurzeln und Blätter, aber beide von gleicher Be-ſchaffenheit, nach allen Seiten ausgetrieben. Bei den |353| Süßwaſſer-Algen bedingt ſich gegenſeitig die Bildung derFrucht und der Wurzel. Die Wurzel der Tangarten iſt,wie die der Conferven nur eine in Entwickelung gehemmteFrons. „Es iſt nicht unintereſſant zu bemerken, daß dieMeinung, friſche blättertreibende Algen des Meeresmüßten ihrem Geburtsort ganz nahe ſein, dem großenEntdecker Chriſtoph Colon eigenthümlich war. Wir ſindjetzt glücklich genug, die Beobachtungen dieſes geiſtreichen,die kleinſten Erſcheinungen ſcharf auffaſſenden Seefahrersfaſt ſo zu leſen, wie er ſie bei dem erſten Eindruck desGeſehenen gleich niederſchrieb. Colon’s Journal der erſtenEntdeckungsreiſe iſt für die ſo merkwürdige Permanenzder großen Fucuslagen weſtlich von Corvo, ich meinefür die ſeit vierthalbhundert Jahren unveränderte Ört-lichkeit der großen Fucus-Wieſe (die keine contourloſeunbeſtimmte Fläche, wie man fälſchlich ſagt, ſonderneinen ziemlich ſcharf begränzten von NNO. gegen SSW.gedehnten Streifen bildet) ſehr wichtig. Am 16. Sept.1492 zeigten ſich dem kühnen Seefahrer (Lat. 28°, Long.35°½ W.) die erſten Fucus-Maſſen in abgeſondertenMaſſen. „„Das Kraut,““ ſagt Colon (er bedient ſich nieder portugieſiſchen Benennung: Sargaſſo), „„war ſo grün,daß man ſchließen konnte, es ſei erſt ganz vor kurzemvon dem Boden losgeriſſen; auch glaubten alle (meineSeeleüte), daß wir nahe einer Inſel wären, ich ſage einerInſel, nicht dem Kontinente (von Aſien), der tierra firme: „„denn,““ ſetzt der Admiral ſonderbar apodiktiſch hinzu:„„das feſte Land finde ich erſt weiter vorwärts.““ DieFucusart karakteriſirt Colon ſpecifiſch durch kleine Früchte,die denen der Piſtazie gleichen. So oft er des vielen |354| Seetangs im Schiffsjournale erwähnt, unterſcheidet er,wie neüere Seefahrer, ob der Tang alt oder friſch iſt,oder beides zugleich.“ „Wenn man betrachtet eines Theils den geringenAbſtand der durch Colon beſchriebenen Tang-Wieſe vonden Inſeln Corvo und Flores, andern Theils die Reiſen,die man lange vor Colon von den Azoren gegen NO.unternahm (Pedro de Velasco, ein unternehmender See-mann aus Palos, ſchiffte von Flores nach Irland, volle40 Jahre vor 1492), ſo wird es mehr als wahrſcheinlich,daß bei den haüfigen Stürmen des Azoriſchen Meeres,welche die Schiffe von ihrer beabſichtigten Fahrt abführ-ten, das Phänomen einer lokalen Anhaüfung von See-tang lange vor der erſten großen Entdeckungsreiſe derSpanier, dieſen und den Portugieſen bekannt ſein mußte.Wie ſollte von 1449 bis 1492, bei dem damals regenUnternehmungsgeiſte, das Mar de Sargasso nicht befahrenworden ſein? Auch ſpricht Colon in ſeinem Reiſe-Journal,als er auf der Rückkehr von der erſten Entdeckungsfahrtſich den Azoren nahet (7. Febr. 1493), von einem See-tang, der dieſer Region eigenthümlich und von demvorher geſehenen verſchieden iſt.“ „Die Benennung „„Mar de Sargaſſo““, womit diealten portugieſiſchen und ſpaniſchen Seefahrer ſeit dem15ten Jahrhundert die Seetangreiche Meer-Region zwiſchenden Azoren und den Bermuden belegen, iſt ſehr unbe-ſtimmt. Rennell iſt in ſeinem großen Werke über dieAtlantiſchen Meeresſtrömungen der in meiner Reiſe nachder Äquatorial-Region (1814) aufgeſtellten Meinung, daßes zwei Gruppen von zuſammengedrängtem friſchem See-tang zwiſchen den Meridianen der Azoren und der |355| Bahama-Inſeln gebe, beigetreten. Die erſte und größtedieſer Gruppen iſt der Längenſtreifen von Flores undCorvo, deſſen ich ſo eben erwähnt habe. Er ſchließtweder Corvo noch das um 5 ½ Bogenminuten weſtlicherliegende Eiland Flores ein *), wie es die bewegten war-men Waſſer des Golfſtroms thun. Der öſtliche Randder Fucus-Bank bleibt im Mittelzuſtande vom Meridianvon Corvo (Long. 33° 31′ W.) entfernt, bei Lat. 39 ½und 41° im Weſten faſt vier Längengrade, bei Lat. 30°und 20°, dagegen 7° ¼ und 3°¾. Rennell hat einegroße Menge von Beobachtungen geſammelt, denen zu-folge ich die öſtlichen und weſtlichen Gränzen der Fucus-Bank von Flores und Corvo folgender Maaßen finde:
Oſtgränze: Weſtgränze: im Parallel:
Long. 37° 25′ 42° 15′ W. Lat. 20°
40 10 44 20 25
40 50 44 50 30
42 20 44 50 35
37 15 42 20 40
31 40 32 15 45
„Die nordöſtlichſte Erſtreckung des Tang-Streifensſcheint im Meridian von Fayal ſelbſt, faſt 2°¼ öſtlichvom Meridian von Corvo, im Parallel von 46° zu liegen.Das ſüdlichſte Ende beobachtete Kapt. Birch im Februar1818 in Lat. 19°⅔ bei Long. 39° ¼ W. Nach der Art,
*) Trotz dieſes Umſtandes des Nicht-Einſchließens halte ich die Be-nennung „Fucus-Bank von Flores und Corvo“, in ſo fern ſie dieNähe dieſer Inſeln bezeichnet, für karakteriſtiſch und empfehlungs-werth. — Humboldt.
|356| wie dieſe numeriſchen Verhältniſſe, die von den Fehlernder Ortsbeſtimmung wol nicht ganz gereinigt werdenkonnten, erhalten ſind, muß man die öſtlichſten undweſtlichſten Längen unter verſchiedenen Breitengradennicht als gleichzeitige Ränder der Fucus-Bank, ſondernals die Gränzen betrachten, zwiſchen welchen die Beob-achtungen bei verſchiedenen Zuſtänden des Meeres ſchwan-ken. Im Mittelzuſtande ſcheint demnach die Achſe desStreifens bei
Lat. 20° in Long. 40° W.
30 43
40 39 ¾
46 31 ¼
zu liegen. Die Richtung der Achſe iſt von dem Parallelvon Corvo nördlich ohngefähr N. 42° O. Südlich vondieſem Parallel behält ſie bis zu Lat. 35° faſt dieſelbeRichtung, doch mehr SSW. bis NNO.; ſüdlicher als35° weicht bis Lat. 25° die Richtung wenig vom Meri-dian ab, und wendet ſich ſogar bis zum Parallel von 20°wieder allmälig gegen SO., ſo daß in Lat. 20° und 40°die Fucus-Zone faſt in denſelben Längengraden liegt.Dieſe Schilderung iſt ganz und allein nach den vonRennell geſammelten Thatſachen. Evans bemerkt, daßdie größte Anhaüfung von Tang zwiſchen den Parallel-kreiſen von 30° und 36° iſt. In ſüdlicheren Breitengegen 20°, ſagt Rennell (und wir werden gleich ſehen,wie richtig dieſe Bemerkung iſt), dehnt ſich der Tangweit gegen O. aus und ſcheint mehrere parallele Lagerzu bilden.“ „Ich werde jetzt einige noch unbenutzte Erfahrungenanführen, um zu beweiſen, wie Strömungen und Winde |357| jene Gränzen der Fucus-Bank von Corvo zu gewiſſenJahreszeiten verändern. Labillardière bemerkt, daß ervon Lat. 25° und Long. 31° an (alſo faſt im Meridiander Azoriſchen Inſel Fayal) gegen NNW. ſteüernd, ineiner Strecke von mehr als 140 Myriametern (750 geogr.Meilen) das Meer mit einer unbeſchreiblich dicken Maſſevon Fucus natans bedeckt fand. Die angegebene Diſtanzwürde das nördliche Ende dieſer Fucusmenge für Labil-lardière’s Schiff ohngefähr in Lat. 36°¾ und Long. 35°⅛ſetzen, in eine Gegend, wo Rennell eine abgeſonderteTang-Inſel angiebt. Dieſe Beobachtung einer ſonderbaröſtlichen Verbreitung des Fucus natans in niederenBreiten, zwiſchen den Parallelen von 25° bis 35° und31° bis 35° weſtl. Länge, findet einige Beſtätigung inden handſchriftlichen Schiffsjournalen meines Freündes,Hrn. Lichtenſtein. Auf ſeiner Rückreiſe vom Vorgebirgeder guten Hoffnung fand er die erſten Maſſen EndeApril 1806 unter Lat. 18° 55′ und Long. 35° 37′ W.;aber bei ſtiller See und gleichmäßig friſchem Winde ausNO. wurden die Maſſen immer dichter zwiſchen 19°½bis 22°¼ Breite und 35°¾ bis 36°¼ W. Länge, ſodaß drei Tage lang „„der Ocean ſtellenweiſe wie eineWieſe mit Fucus, in dem der Lophius und Scylläenhausten, bedeckt war.““ Nördlicher als der Parallel von22°¾ und noch bei Long. 36° verſchwand der Seetangplötzlich, und das Meer blieb davon frei bis zur InſelPico. Hr. Lichtenſtein ſegelte alſo von Lat. 22°¾ andieſſeits des öſtlichen Randes der Bank von Flores undCorvo, um von 36° nach 30° 48′ weſtl. Länge, unterwelcher die Inſel Pico liegt, zu gelangen. Auch Boryde St. Vincent ſah faſt ununterbrochene Streifen von |358| Fucus natans ſeit Lat. 23°½ und Long. 35° bis Lat. 35°.Leider fehlt die Längenbeſtimmung für den letzten Punkt.Ich ſelbſt habe am Ende des Monats Juni 1799, aufmeiner Schifffahrt von der Corunna nach Cumana, beifriſchem ONO. Winde zwiſchen Lat. 20° 24′ bis 20° 8′ N.und Long. 27° 45′ bis 28° 50′ W., alſo nordweſtlich vonden Capverdiſchen Inſeln, und 8° öſtlich von dem Punkte,den Rennell für das ſüdöſtlichſte Ende der großen Fucus-Bank hält, ſehr viel ſchwimmende Tang-Gruppen beob-achtet.“ „Dieſe anomalen Thatſachen, welche dem MajorRennell unbekannt geblieben, ſind mehrfacher Deütungfähig. Allerdings iſt das ſüdliche Ende des Fucus-Streifens von Corvo von den Capverdiſchen Inſeln (inOSO.) noch über 600 Seemeilen entfernt, und dieRichtung der Strömung um dieſe Inſeln (gegen SW.und WSW.) entgegnet der oft geaüßerten Vermuthung,als kämen die Tangmaſſen, die man oft, doch aber immernur in mäßiger Menge, auf der großen Handelsſtraßevon Spanien nach Trinidad und Caracas zwiſchen Lat.19° bis 22°, und ſchon Long. 28° bis 29°½ antrifft, vorden Inſeln S. Antonio und Bonaviſta. Labillardière’sBeobachtung leitet auf die Frage, ob die große Fucus-Zone von Corvo, die im Mittelzuſtande in Long. 40°und 41° liegt, durch NW. Stürme und Strömung ge-trieben, bisweilen 6° bis 7° öſtlicher vortritt, oder aberob es nicht vielmehr in den Lat. von 24° und 34° gleich-zeitig mehrere vorliegende Tangſtreifen giebt, deren einer,und zwar der öſtlichſte, in der Richtung, in der Labil-lardière ſteüerte, durchſchnitten ward. Lichtenſteins Er-fahrungen weichen weniger auffallend von dem Normal- |359| Zuſtande ab. Otto von Kotzebue erwähnt in ſeiner Reiſe-beſchreibung des Sargaſſo-Meeres nicht, und der vor-treffliche Naturforſcher dieſer Expedition, Adalbert vonChamiſſo, hat nur in ſeinem Tagebuche aufgefunden,daß der Rurick auf der Rückkehr nach Eüropa die erſtenTang-Maſſen am 22. Mai in Lat. 20° und Long. 37°½W. zu durchſchneiden anfing; in Lat. 23° und Long. 38°¼(am 24. Mai 1818) wurden ſie ſehr haüfig und dick.Man verlor ſie aus dem Geſicht, als man in Lat. 35°42′ und Long. 37°½ (SW. von Flores) gelangte. FolgendeZahlen beſtimmen genauer die Örtlichkeit der Beobach-tungen nach Horner’s Angaben.
22. Mai. Lat. 19° 59′ Long. 37° 30′ W.
23. 21 40 38 35
24. 23 06 39 11
25. 25 23 39 20
26. 27 39 39 30
27. 30 04 39 44
28. 32 37 38 55
29. 34 34 38 15
30. 35 42 37 32
„Der Rurick fand alſo die große Tang-Zone von Corvoeben da, wo Birch, Alſager, Hamilton und Livingſtonſie 1818—1820 geſehen hatten. Ebenſo Meyen auf derRückreiſe von Canton im Jahre 1832. Die erſten be-deütenden Maſſen des Seegraſes erſchienen in Lat. 20°und Long. 36° 20′. Die Menge nahm zu im Parallelvon 24° und Long. 39°½. Das Maximum war Lat. 35°und 36°, bei Long. 43°¼ W. Dieſe Angaben ſtimmenvollkommen mit dem, was wir oben als den Normal-Zuſtand geſchildert haben. Um ſo befremdender iſt es |360| mir, daß Admiral Kruſenſtern, faſt mitten durch dieſeZone hinſteüernd (Juni 1806)
Lat. 27° 25′, Long. 40° 29′ W.
30 34 43 30
37 32 41 06
und ſo nach überaus genauen Längenbeſtimmungen desSeetangs gar nicht erwähnt *). Allerdings bleibt dasPhänomen einer grünenden Oberfläche ungeſehen, wennman auch nur wenige Meilen vom Rande des Streifenshinſegelt. Eine genaue Unterſuchung des Gegenſtandeslehrt, daß man genau unterſcheiden muß zwiſchen demeigentlichen großen Längenſtreifen von Corvo, deſſen Haupt-achſe die Meridiane von 40° und 43° durchſchneidet, unddem mit Tangbündchen mehr oder weniger dicht erfülltenMeere, das öſtlich von jenem großen Längenſtreifen zwi-ſchen den Parallelen von 20° und 35° ſich bis zum 32ſtenLängengrade, ja bis zum Meridian von Fayal erſtreckt.Die Exiſtenz dieſer ſporadiſchen Maſſen und vorliegendenStreifen, auf welche die Schiffer treffen, die vom Vor-gebirge der guten Hoffnung nach Eüropa heimkehren,beweiſen die Beobachtungen von
Lat. Long. Lat. Long.
Lichtenſtein ..... 19° ½ 35° ¾ — 22° ¼ 36° ¼
Bory de St. Vincent . 23 ½ 35

*) Kruſenſtern’s Reiſe, II., 422—424. Aber aus Horner’s Tabelledes ſpecifiſchen Gewichts des Meerwaſſers ſieht man, daß dieNadeſchda zwiſchen Lat. 25° und 26°, und Long. 39° ¼ W. „vonSeegras, mit dem das Meer weit umher bedeckt iſt, umgebenwar.“ (Bd. III., 151, 153). Dieſe Angabe ſtimmt ziemlich mit demüberein, was wir für den Normal-Zuſtand halten. Humboldt.
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Lat. Long. Lat. Long.
Freycinet (Exp. der Urania) 28° 31′ 35° 55′ — 36° 01′ 35° 44′
(Exp. der Coquille) 29 54 32 45 — 31 35 31 07
D’Urville (Ex. de l’Aſtrolabe) 24 51 32 39 — 26 20 33 3929 05 30 53
Gaudichaud (Rückr. v. Chili) 27 ¾ 37 ¾ — 29 35 ½
Labillardière ..... 25 31 — 36 ½ 35 ½
„Die zweite und kleinere Gruppe von Seetang liegtin SSW. und SW. der Bermuden. Wie mir nachneüern Unterſuchungen ſcheint, kann man ihre Gränzeim Mittelzuſtande alſo angeben: Lat. 25°—31°, Long. 68°— 76°. Die Hauptachſe iſt ohngefähr N. 60° O. gerichtet.Man durchſchneidet ſie, wenn man von den Bermudennach dem Baxo de Plata (Caye d’Argent) im Nordender Halbinſel Somane von Haïti, ſegelt. Ein ſehr er-fahrener Spaniſcher Seemann, der mich von der Havanaim Mai 1804 bei ſehr ſtürmiſcher See durch die Bahama-ſtraße nach Philadelphia führte, hat mich verſichert, inder kleinen Fucusbank im Weſten von den LucayiſchenInſeln zuſammenhängende Tangmaſſen von ¾ bis 1 See-meile Länge geſehen zu haben. Bei ſchwachem Windehinderten ſie ſehr bemerkbar den Lauf des Schiffes. „Um ſich ein vollſtändiges Bild von der Vertheilungdieſer geſellſchaftlich lebenden Thalaſſiophyten zu machen,muß man noch eine Meerzone betrachten, welche zwiſchenLat. 25° und 31° ½ N. die große Bank von Flores undCorvo, den ſchmalen, von N. gegen S. gerichteten Streifen,mit der kleinen, mehr inſelförmig abgerundeten, ſüdweſt-lich von den Bermuden verbindet. Dieſe vermittelnde Zoneiſt zu jeder Jahreszeit in der ungeheüern Erſtreckung vonmehr als 1000 Seemeilen mit parallelen, ſchwimmenden, |362| aber freilich wenig angehaüften Lagen von Fucus natansin theils friſchem, theils ſehr veraltetem Zuſtande erfüllt,ſo, daß ein Schiff nicht vom 44° bis zum 68° der Länge,von der großen Bank zur kleinern, gegen W. ſegelnkann, ohne nicht faſt von Stunde zu Stunde Bündelnvon zerſtreütem Seetang zu begegnen. Bisweilen erreichtin ſehr weſtlichen Längen das Scattered-Weed den Parallelvon 34°½ und nähert ſich dem öſtlichen Rande des Golf-ſtroms. „Will man die Benennung „„Mar de Sargaſſo““ aufdieſe ganze Gegend von Corvo bis zu den Bermudenund dem Meridiane der Lucayiſchen Inſel Eleütheraausdehnen, ſo erhält man für einen Raum, der haüfigaber nicht gleichzeitig mit Seetang gefüllt iſt, über 65000deütſche Quadratmeilen, faſt ſechs Mal ſo groß alsDeütſchland.“ — So weit Herr von Humboldt.