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Titel Vorwort
Jahr 1836
Ort Berlin
Nachweis
in: Wilhelm von Humboldt, Über die Kawi-Sprache auf der Insel Java, nebst einer Einleitung über die Verschiedenheit des menschlichen Sprachbaues und ihren Einfluss auf die geistige Entwickelung des Menschengeschlechts, 3 Bände, Berlin: Königliche Akademie der Wissenschaften/Ferdinand Dümmler 1836–1839, Band 1 (1836), S. VII–XIV.
Postumer Nachdruck
Alexander von Humboldt, Ueber die Urvölker von Amerika und die Denkmähler welche von ihnen übrig geblieben sind. Anthropologische und ethnographische Schriften, herausgegeben von Oliver Lubrich, Hannover: Wehrhahn 2009, S. 94–99.
Sprache Deutsch
Schriftart Antiqua
Identifikation
Textnummer Druckausgabe: V.55
Dateiname: 1836-Vorwort-1
Statistiken
Seitenanzahl: 8
Zeichenanzahl: 10583
Bilddigitalisate

|VII|

Vorwort.


Ich erfülle eine ernste und traurige Pflicht. Indem aus demlitterarischen Nachlasse meines Bruders, kaum ein Jahr nach sei-nem Hinscheiden, dieses Werk der Öffentlichkeit übergeben wird,habe ich einige Worte über die Einrichtung und Abtheilung des-selben zu sagen. Es würde, bei der individuellen Richtung meinerStudien, eine leichtsinnige Zuversicht verrathen, wenn ich hiermehr, als die äußere Form, berührte, und es wagte, dem Ver-ewigten, auf der von ihm durchlaufenen Bahn, in das unermesseneReich der Sprache zu folgen. Die Arbeit erscheint zwar in einer in sich abgeschlossenenGestalt; doch würde sie gewiß in einzelnen Theilen von der eignenHand des Verfassers noch manche Umwandlung und größereVollendung erfahren haben. Der Einleitung, welche den Ein-fluß der Sprache auf die geistige Entwickelung der Menschheitdarstellt, waren manche Zusätze vorbehalten, die in belebendenGesprächen angedeutet, aber nicht niedergeschrieben wurden. Nurder Druck des ganzen ersten Buches ist von meinem Bruderselbst besorgt worden; die genaueste Durchsicht des Manuscripts |VIII| aber und die Herausgabe des ganzen Werkes, in seiner gegenwär-tigen Gestalt, verdanken wir dem Fleiße und der wissenschaftlichenBildung eines jungen Gelehrten, der, viele Jahre lang, einem ehren-vollen Vertrauen durch die treueste Anhänglichkeit entsprochenhat. Herr Dr. Buschmann, Custos bei der Königl. Bibliothek,dem Verewigten durch einen ihm theuren Freund, Prof. Bopp,empfohlen, war durch die Mannigfaltigkeit seiner Kenntnisse undseinen Eifer für die Sprachen des südöstlichen Asiens besondersgeeignet, eine solche Hülfe darzubieten. Das zweite Buch, mit welchem der folgende Theil begin-nen wird, stellt den grammatischen Bau der Kawi-Sprache, ausdem Heldengedichte Brata Yuddha entwickelt, in fortwährenderVergleichung mit allen übrigen bekannten Malayischen und Südsee-Sprachen dar. In dem dritten Buche ist der Charakter jedesdieser Idiome einzeln bestimmt, besonders der des Madecassischen,Tagalischen, Tongischen, Tahitischen und Neu-Seeländischen. DieVölkerverhältnisse jener großen Inselwelt und ihre gemeinsamen,durch so vielartige Analogien verkündigten Ausstrahlungen führenmerkwürdigerweise, aber nur in wenigen Einzelheiten, den For-scher auf den festgegründeten Boden des Sanskrit zurück. Damein Bruder kurz vor seinem Tode neue und wichtige Mitthei-lungen von Herrn Crawfurd in London empfing, so hat er Nach-träge zu einigen, die Sprache betreffenden Stellen des ersten Bu-ches den folgenden Büchern einverleibt. |IX| Unter den auswärtigen Gelehrten, deren Mittheilungen die-ses Werk besonders bereichert haben, verdient den ersten Rangder talentvolle Verfasser der History of the Indian Archipelago und der Embassy to the Court of Ava, Herr John Crawfurd, welcher aus dem großen Schatze seiner Sammlung von Schriftenin Malayischen Sprachen drei handschriftliche Javanische Wörter-bücher und eine handschriftliche Javanische Grammatik, wie aucheine Abschrift des oben erwähnten Kawi-Gedichtes, dem Verewig-ten zu freiestem Gebrauche überlassen hatte. Bei der Unzuläng-lichkeit aller öffentlichen Hülfsmittel, wäre es ohne jene Mitthei-lung unmöglich gewesen, sich der Javanischen und Kawi-Sprachein ihren Eigenthümlichkeiten ganz zu bemeistern. Herr Crawfurd,dessen persönlichen Umganges ich mich am frühesten in Paris zuerfreuen gehabt habe, wird den Ausdruck der Dankbarkeit beiderBrüder gewiß mit demselben Wohlwollen aufnehmen, mit demer so wichtige, ganz durch eigenen Fleiß gesammelte Materialienzu erfolgreicher Benutzung dargeboten hat. In allem, was die Philosophie der Sprachkunde oder denOrganismus der Sanskritsprache ins besondere betrifft, hat sichmein Bruder, immerfort, bis zu seinem Tode, vertrauungsvoll miteinem Manne berathen, welcher durch die Bande einer langbe-währten Freundschaft und gegenseitigen Achtung mit ihm verbundenwar und durch seinen Scharfsinn und seine unermüdete Thätigkeiteinen stets wachsenden Einfluß auf die Richtung des vergleichenden, |X| allgemeinen Sprachstudiums ausübt. Herr Prof. Bopp empfingvon dem Verewigten jeden vollendeten Bogen des ersten Buches,mit Aufforderung zu strenger Kritik. Dem geistig belebendenEinflusse eines solchen Freundes gebührt hier eine öffentliche,dankbare Anerkennung. Wenn es dem, dessen Verlust wir betrauern, vergönnt war,durch die Macht seiner Intelligenz und die nicht geringere Machtseines Willens, durch Begünstigung äußerer Verhältnisse, unddurch Studien, welche der häufige Wechsel des Aufenthalts undsein öffentliches Leben nicht zu unterbrechen vermochten, tieferin den Bau einer größeren Menge von Sprachen einzudringen, alswohl noch je von einem Geiste umfaßt worden sind, so dürfenwir uns doppelt freuen, die letzten, ich darf wohl hinzusetzen, diehöchsten Resultate dieser, das ganze Sprachgebiet berührendenForschungen in der Einleitung dieses Werkes entwickelt zu fin-den. Ich müßte fast den ganzen Kreis der wissenschaftlichen Ver-bindungen meines Bruders durchlaufen, die er auf seinen Reisenin Deutschland, England, Frankreich, Italien und Spanien angeknüpfthatte, wenn ich die einzelnen Personen nennen sollte, die ihm injenen allgemeinen Untersuchungen und bei Gründung der großenlinguistischen Sammlung nützlich gewesen sind, welche nach seinemletzten Willen der Königl. Bibliothek einverleibt wurde. Geistrei-chen und sprachgelehrten Männern, mit denen der Verewigte durchBriefe in litterarischem Verkehre stand, Aug. Wilh. von Schlegel, |XI| Gottfr. Hermann, dem ihn die Übersetzung des ÄschyleischenAgamemnon (mitten unter den Stürmen des Krieges) genäherthatte, Silvestre de Sacy, Gesenius, Burnouf, Thiersch,Lassen, Du Ponceau in Philadelphia, John Pickering in Sa-lem, Rosen in London, P. von Bohlen in Königsberg, Stenz-ler in Breslau, Pott in Halle, Lepsius in Rom, Neumann inMünchen, Kosegarten, dem Ägyptischen Reisenden G. Parthey,Champollion, Abel-Rémusat, Klaproth und FriedrichEd. Schulz, welcher in einem ruhmvollen Unternehmen den Todim Orient fand, sind viele seiner allgemeinen Ansichten, wie siesich ihm allmälig darboten, zur Prüfung vorgelegt worden. Wasmein Bruder dem tiefen Kenner des gesammten classischen Alter-thums, unserem Freunde August Böckh, und besonders dessenglücklichen Forschungen über allgemeine Metrik und den vielar-tigen Einfluß Hellenischer Stammverschiedenheit, schuldig war,davon zeugen die nachfolgenden Blätter. Auf den engeren Cyclus der Sprachen mich beschränkend,welche in dem Werke selbst einzeln zergliedert sind, erwähne ichdankbar, für das Javanische den Baron van der Capellen, ehemaligen General-Gouverneur der Holländischen Besitzungenin Indien, den Grafen von Minto, von welchem mein Bruderden Abguß der großen, durch Raffles berühmt gewordenenJavanischen Inschrift erhielt, den sprachkundigen Roorda vanEysinga und Herrn Gericke zu Batavia; für das Malayische den |XII| belehrenden Briefwechsel mit Sir Alexander Johnston, Dr. William Marsden und dem kenntnißvollen Herrn Jacquet zuParis; für das Madecassische und die Sprachen der Südsee-InselnHerrn Freeman, Missionar zu Tananarivo auf Madagascar, Prof. Meyen in Berlin, den Dr. Meinicke zu Prenzlow, Lesson inParis, und Adalbert von Chamisso, der mit verjüngtem Eiferdie Sprache der Sandwich-Inseln erforscht, welche er selbst früherzu besuchen das Glück gehabt hat. Wie in dem Werke, das wir jetzt mittheilen, die Sprachender Asiatischen Inselwelt behandelt worden sind, so hat der Ver-ewigte, nach gleichen Ansichten, und im Einzelnen noch ausführ-licher, die Amerikanischen Sprachen bearbeitet, deren Studiumihn viele Jahre lang auf das ernsteste beschäftigte. Ein großerTheil dieser Vorarbeiten ist zur Herausgabe geeignet; und ich hoffe,daß Herr Buschmann, der selbst in einem wenig bekanntenTheile Neuspaniens gelebt hat, und mit dem mein Bruder dieAbsicht hatte gemeinschaftlich eine Reihe von Schriften überdie Sprachen dieses Welttheils herauszugeben, bald Muße findenwerde, mit Hülfe der bereits angesammelten Materialien jenenvielumfassenden Plan auszuführen. Was in dem vorliegendenSüdasiatischen Werke auf die Amerikanische Sprachfülle hindeu-tet, erregt den lebhaftesten Wunsch, so wichtige Hülfsmittel zurKenntniß der Idiome des Neuen Continents von den Freundeneiner allgemeinen philosophischen Linguistik benutzt zu sehen. |XIII| Dem Plane des Hingeschiedenen gemäß, wird ein Mexicanisch-Lateinisches Wörterbuch, sammt einer Grammatik, das neue Un-ternehmen beginnen. Ich kann der, durch die Huld des Monarchen in neuererZeit so bereicherten Königl. Bibliothek, in welcher die eben er-wähnten Manuscripte zu öffentlichem Gebrauch niedergelegt sind,nicht gedenken, ohne nicht zugleich, wie aus einer Vermächtniß-Schuld, dem als Sprach- und Geschichtsforscher gleich hochge-achteten Oberbibliothekar, Herrn Geheimen Regierungsrath Wil-ken, den innigsten Dank für die zuvorkommende Güte zu zollen,mit der er alles dargeboten hat, was der Ausarbeitung und Her-ausgabe dieses Sprachwerkes förderlich sein konnte. Die leichteund stete Benutzung einer öffentlichen Sammlung wurde durchdie geringe Entfernung des freundlichen Landsitzes begünstigt, woder Verewigte, einsam, in der Nähe eines Grabes, von demHauche alter Kunst umweht, seinen ernsten Studien, großen Erin-nerungen an eine vielbewegte Zeit, und einer Familie lebte, an derer, bis zur Todesstunde, mit weichem, liebendem Herzen hing. „Es ist,” nach dem Ausspruch Eines der Edelsten unseresZeitalters (*), „ein gewöhnliches Vorurtheil, den Werth des Men-„schen nach dem Stoffe zu schätzen, mit dem er sich beschäf-„tigt, nicht nach der Art, wie er ihn bearbeitet.” Wo aber
(*) Schiller in den philos. Briefen. (Werke. XI. 336.)
|XIV| der Stoff gleichsam die Form beherrscht und hervorruft, wo An-muth der Sprache sich aus dem Gedanken, wie aus des Geisteszartester Blüthe, entfaltet, da wird die Trennung, welche jenesVorurtheil bezeichnet, leicht gehoben. Wenn nicht alle meineHoffnungen mich täuschen, so muß das vorliegende Werk, indemes den Ideenkreis so mächtig erweitert, und in dem Organismusder Sprache gleichsam das geistige Geschick der Völker deutenlehrt, den Leser mit einem aufrichtenden, die Menschheit ehren-den Glauben durchdringen. Es muß die Überzeugung darbieten,daß eine gewisse Größe in der Behandlung eines Gegenstandesnicht aus intellectuellen Anlagen allein, sondern vorzugsweise ausder Größe des Charakters, aus einem freien, von der Gegenwartnie beschränkten Sinne und den unergründeten Tiefen der Ge-fühle entspringt.

Alexander v. Humboldt.