Ueber die im gefrorenen Boden der Polarländer erhaltenen Thiere der Vorwelt. In einer der lezten Sitzungen der Pariser Akademie der Wissenschaften hat Alexander v. Humboldt eine Abhandlung über einen der interessantesten Punkte der Naturgeschichte vorgelesen. Es ist bekannt, daß seit dem lezten Drittheil des vorigen Jahrhunderts zu verschiedenen Malen im Eise der Polarländer Reste von großen, einer frühern Schöpfung angehörenden Thieren gefunden worden sind, an denen Muskeln und andere weiche Organe zum Theil noch vollkommen gut erhalten waren. Das merkwürdigste Beispiel der Art ist das Mammuth, das in dem Eise an der Mündung der Lena entdeckt wurde (1803), und dessen Stoßzähne allein 360 Pfund wogen. Schon früher, 1772, hatte Pallas Reste der Art von Nashörnern, gleichfalls in Sibirien, gefunden, und in der neuesten Zeit sind von Kapitän Beechey auf seiner Entdeckungsreise in der Eschholzbai, der Behringsstraße und an andern Küsten des Polarmeers ähnliche Funde gemacht worden. Zur Erklärung des Phänomens, daß Thiere, die jezt nur in den heißesten Ländern der Erde leben, im Polareis gefunden werden, sind verschiedene Hypothesen aufgestellt worden. Namentlich nimmt Cuvier zu diesem Zweck eine plötzliche Erkältung der Erde zu einer gewissen Zeit an. Humboldt zeigt nun in der folgenden Auseinandersetzung, daß es dieser Annahme nicht bedarf. Wenn die fossilen Knochen großer, jezt unter den Tropen wohnender Thiere, welche in der neuesten Zeit auf dem Rücken des Urals im aufgeschwemmten Land gefunden worden sind, beweisen, daß diese Gebirgskette in einer der spätesten Perioden der Erde erst aufgehoben worden ist, so ist es noch weit überraschender und merkwürdiger, wenn Knochen derselben Thiere mit noch völlig erhaltenem Fleisch und andern weichen Theilen gefunden werden. Die Entdeckungen von Adams (1803) und von Pallas (1772), an der Mündung der Lena und am Ufer des Wilhui, unter 72 und 64° Breite, haben noch an Interesse gewonnen, seit die Forschungen, welche während der Expedition des Kapitän Beechey in Kotzebues Meerbusen unter 66° 13' Breite, 163° östl. Länge angestellt wurden, und Buklands sorgfältige Untersuchung der geognostischen Sammlungen aus der Eschholzbai, es so ziemlich außer Zweifel gesezt haben, daß im Norden von Asien wie am nordöstlichen Ende der neuen Welt die fossilen Knochen, mit oder ohne Muskelfleisch, nicht in wirklichen Eisblöcken eingeschlossen sind, sondern in demselben aufgeschwemmten Land, das in den meisten tropischen und gemäßigten Ländern beider Welten über den tertiären Gebirgsbildungen oder dem Flötzgebirge liegt. Nur eine plötzliche Erkältung, sagt Cuvier, hat diese weichen Theilen vor der Fäulniß schützen und sie Jahrtausende lang erhalten können. Ich war während meines Aufenthalts in Sibirien damit beschäftigt, über die Wärme des Erdbodens unter der Oberfläche Beobachtungen anzustellen, und da schien mir die Kälte, welche mitten im Sommer, wie er gegenwärtig in jenen Gegenden ist, in der Tiefe von fünf, sechs Fußen herrscht, das Mittel zur Erklärung jener Erscheinung an die Hand zu geben. Während in den Monaten Juli und August um Mittag die Temperatur der Luft 30° war, fanden wir zwischen dem Kloster Abalak und der Stadt Tara, bei den Dörfern Tchistowskoy und Bakschewa, so wie zwischen Omsk und Petropablowski, bei Chankin und Poladennaye Kreporst in vier nicht sehr tiefen Brunnen, an deren Rändern kein Eis mehr war, 2°,6; 2°,5; 1°,5, und 1°,4 Kälte nach der hunderttheiligen Skale. Diese Beobachtungen wurden in der Polhöhe von England und Schottland angestellt, und diese Temperatur behält der Boden in Sibirien selbst mitten im Winter. Adolph Erman fand zwischen Tomsk und Krasnojarsk auf dem Weg von Tobolsk nach Irkutsk unter 56° Breite die Temperatur der Quellen + 0°7 und 3°,8, während die Atmosphäre auf 24° unter Null abgekühlt war. Aber ein Paar Grade nördlicher, sowohl auf sehr niedrigen Bergen (unter 59° Breite, wo die mittlere Temperatur des Jahrs kaum 1°,4 beträgt) als in den Steppen jenseits des 62sten Breitegrades bleibt der Boden zwölf bis fünfzehn Fuß tief gefroren. Ich hoffe, wir werden durch die Untersuchungen, die man, wie mir versprochen worden, in verschiedenen Sommermonaten bei Berezow und Obdorsk anstellen will, bald erfahren, nach welchem Verhältnisse im Norden die Schichte von Eis oder, besser gesagt, von feuchter gefrorener Erde, durch welche kleine Eisadern laufen und in der Gruppen von Wasserkrystallen sitzen, wie in einem Porphyrfels, dicker und dünner wird. Bei Bogoslowsk ließ der Minenintendant Beger auf meine Bitte in einem torfigen, mit Bäumen sparsam bewachsenen Boden einen Schacht graben, und wir fanden mitten im Sommer in sechs Fuß Tiefe eine Schichte gefrorener Erde über 91/2 Fuß dick. Zu Jakutsk, noch 41/2° südlich vom Polarcirkel, findet sich immer und überall Eis unter dem Boden, so hoch auch in den Monaten Juli und August die Temperatur steigt. Man kann sich vorstellen, daß vom 62° der Breite bis zum 72°, von Jakutsk bis an die Mündung der Lena diese Schichte gefrorener Erde an Dicke sehr rasch zunehmen muß. Tieger, den ostindischen ganz ähnlich, zeigen sich noch heutzutage von Zeit zu Zeit in Sibirien bis zur Breite von Berlin und Hamburg herauf. Sie leben ohne Zweifel nördlich vom Gebirge Mouz-tagh und machen Streifzüge bis zum westlichen Abhang des Altai zwischen Bukhtarminsk, Barnaul und der berühmten goldhaltigen Silbermine bei Schlangenberg, wo man schon mehrere ungeheuer große erlegt hat. Dieser Umstand, der von den Zoologen sehr beachtet zu werden verdient, hängt mit andern, für die Geologie sehr wichtigen Beobachtungen zusammen. Thiere, die wir gegenwärtig für ausschließliche Bewohner der heißen Zone halten, lebten einst, wie eine Menge Thatsachen beweisen, gleichwie die Bambus, die baumartigen Farrenkräuter, die Palmen und die Korallen im Norden des alten Kontinents, und zwar konnten sie wahrscheinlich deßhalb hier leben, weil die innere Wärme des Erdkörpers damals noch durch die Spalten der erstarrten Erdkruste selbst in den nördlichsten Gegenden sich der Atmosphäre mittheilte. Im Maaße, als sich die Atmosphäre erkältete, weil der Einfluß des Innern der Erde auf die äußere Kruste schwächer wurde und sich die Spalten mit festen Massen ausfüllten, im Maaße, als in der neuen Ordnung der Dinge das Klima fast einzig und allein davon abhängig wurde, ob die Sonnenstrahlen mehr oder weniger schief auffallen, starben diejenigen Pflanzen und Thiergeschlechter, deren Organisation eine höhere Temperatur verlangt, allmählich aus. Manche der kräftigern Thierarten zogen sich wohl auch nach Süden und lebten noch eine Zeitlang in Ländern näher den Tropen zu. Andere Arten oder Spielarten -- ich erinnere dabei an die Löwen im alten Griechenland, an den schönen, langhaarigen sibirischen Panther -- gingen nicht so weit; sie konnten sich ihrer Organisation nach in der gemäßigten Zone, ja -- und dieß ist Cuviers Ansicht hinsichtlich der Elephanten und Nashörner mit dichten Haaren -- in nördlichern Landstrichen angewöhnen. Wenn nun bei einer der lezten Umwälzungen, welche unser Planet erlitten, zum Beispiel, als etwa während des sibirischen Sommers sich, in der lezten Zeit vor unserer jetzigen Schöpfung, eine Gebirgskette aus dem Schooße der Erde erhob, Elephanten und zweihornige Nashörner, die von unsern jetzigen auf Sumatra und in Afrika sehr verschieden sind, an die Ufer des Wilhui und die Mündung der Lena gelangten, so fanden ihre Leichname zu jeder Jahreszeit wenige Fuße unter dem Boden dichte Schichten gefrorener Erde, in denen sie vor der Verwesung geschüzt waren. Höhlungen und Ritze im Boden, ja weit unbedeutendere Veränderungen der Oberfläche, als heutzutage auf dem Plateau von Quito oder im ostindischen Archipel vorkommen, können so Veranlassung dazu gegeben haben, daß Muskeln und sehnigte Theile von Elephanten und Nashörnern erhalten blieben. Es scheint mir demnach durchaus nicht nothwendig, zu Erklärung dieses Faktums eine plötzliche Erkältung der Erde anzunehmen. Man darf nicht vergessen, daß, wie schon erwähnt, der Königstieger, den wir gewohnt sind, für einen Bewohner der heißesten Länder zu halten, noch jezt in Asien von Indostan bis an den Tarbagatai und in die Steppe der Kirgisen, vierzig Breitegrade in der Erstreckung, lebt, und daß er von Zeit zu Zeit im Sommer Streifzüge noch hundert Meilen weiter gegen Norden macht. Wenn nun solche Tieger im nordöstlichen Sibirien bis zur Breite von 62 -- 65° verdrängen und durch Erdstürze oder andere, gar nicht außerordentliche Zufälle unter den Boden kämen, so würden sie im jetzigen asiatischen Klima just so unverlezt bleiben, wie Adams Mammuth und die Nashörner vom Wilhui. Ich glaube, daß meine Beobachtungen über die gewöhnliche Temperatur des Bodens im nördlichen Asien, zusammengestellt mit dem Faktum, daß ein großes reißendes Thier vom Aequator bis zu der Breite von Norddeutschland herauf lebt, über die Geschichte jener so wunderbar erhaltenen Bewohner einer andern Schöpfung einiges Licht verbreiten können.