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Alexander von Humboldt: „Betrachtungen über die Temperatur und den hygrometrischen Zustand der Luft in einigen Theilen von Asien“, in: ders., Sämtliche Schriften digital, herausgegeben von Oliver Lubrich und Thomas Nehrlich, Universität Bern 2021. URL: <https://humboldt.unibe.ch/text/1831-Betrachtungen_ueber_die-01> [abgerufen am 05.02.2023].

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Titel Betrachtungen über die Temperatur und den hygrometrischen Zustand der Luft in einigen Theilen von Asien
Jahr 1831
Ort Leipzig
Nachweis
in: Annalen der Physik und Chemie 23:1 [= 99:1] (1831), S. 74–109.
Entsprechungen in Buchwerken
Alexander von Humboldt, Fragmens de géologie et de climatologie asiatiques, 2 Bände, Paris: Gide / A. Pihan Delaforest / Delaunay 1831, Band 2, S. 309–395.
Sprache Deutsch
Schriftart Antiqua
Identifikation
Textnummer Druckausgabe: V.11
Dateiname: 1831-Betrachtungen_ueber_die-01
Statistiken
Seitenanzahl: 36
Spaltenanzahl: 8
Zeichenanzahl: 66170

Weitere Fassungen
Betrachtungen über die Temperatur und den hygrometrischen Zustand der Luft in einigen Theilen von Asien (Leipzig, 1831, Deutsch)
[Betrachtungen über die Temperatur und den hygrometrischen Zustand der Luft in einigen Theilen von Asien] (Paris, 1831, Französisch)
Du climat de l’Asie (Paris, 1831, Französisch)
Ueber die im gefrorenen Boden der Polarländer erhaltenen Thiere der Vorwelt (Stuttgart; Tübingen, 1831, Deutsch)
Climat de l’Asie et animaux antédiluviens (Paris, 1831, Französisch)
Untersuchungen über das Clima Asiens, und die Beziehungen zwischen der Temperatur des Bodens und dem Phänomen der Erhaltung der weichen Theile von antediluvianischen Thieren (Erfurt; Weimar; Leipzig, 1831, Deutsch)
M. de Humboldt (Paris, 1831, Französisch)
Über die im gefrorenen Boden der Polarländer erhaltenen Thiere der Vorwelt (Wien, 1831, Deutsch)
Betrachtungen über die Temperatur und den hygrometrischen Zustand der Luft in einigen Theilen von Asien (Berlin, 1831, Deutsch)
Over het klimaat van Azië, en de verhoudingen, waarin de temperatuur der gronden staat tot het bewaard blijven van de ligchamen van uitgestorvene diersoorten (Amsterdam, 1832, Niederländisch)
Изслѣдованiя о климатахъ Азiи, сдѣланныя Гумбольдтомъ, во время путешествiя его по Сибири въ 1829 году [Izslědovanija o klimatach Azii, sdělannyja Gumbolʹdtom, vo vremja putešestvija ego po Sibiri v 1829 godu] (Moskau, 1832, Russisch)
О температурѣ и влажности воздуха некоторыхъ мѣстъ Азiи [O temperaturě i vlažnosti vozducha nekotorych měst Azii] (Sankt Petersburg, 1832, Russisch)
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Betrachtungen über die Temperatur und denhygrometrischen Zustand der Luft in einigenTheilen von Asien;von Alexander von Humboldt. (Eine im Mai dieses Jahres vor der Pariser Academie gehalteneVorlesung, entnommen aus des Hrn. Verfassers so eben erschie-nenen Fragmens de Géologie et de Climatologie asiatiques, T. II.)


Da die Gestalt der Länder, die Unebenheiten des Bo-dens, die relative Lage der opaken (continentalen) undder durchsichtigen und flüssigen (pelagischen) Massen,die Richtung der großen Bergsysteme und das durch dasWärme-Absorptions- und -Emissionsvermögen der Erdkrustebedingte Vorwalten gewisser Winde bei dem gegenwär-tigen Zustande unserer Kenntnisse als die Hauptursachender Verschiedenheiten der Klimate angesehen werden, sokönnen nur allgemeine geographische Ansichten uns beider Untersuchung über die Temperatur von Asien leiten.Die schnelle Zunahme der Strenge der Winter, so wieman im westlichen Europa auf einem Parallelkreise nachOsten fortrückt, ist vor langer Zeit *) durch ein fortschrei-tendes Ansteigen des Bodens zu ungeheuren Hochflächenerklärt worden; man hat hier einer einzigen Kälteursache,die man fälschlich als in einer unermeßlichen Ausdehnung
*) Man sehe die Meinungen von Gmelin, Strahlenberg und Mairan in den Mém. de l’Acad. 1765, p. 255.
|75| vorhanden annahm, das zugeschrieben, was gleichzeitigvon mehreren Ursachen herrührt, besonders von dergleichförmigen Ausbreitung des alten Continents, von zu-nehmender Entfernung von den westlichen Küsten, d. h.von einem im Westen liegenden Becken, als dem Behäl-ter einer wenig veränderlichen Wärme, endlich von denWestwinden, welche nordwärts des Wendekreises vor-herrschen, und für das östliche Europa und für ganz AsienLandwinde sind. Genaue barometrische Messungen ha-ben die Ideen, welche man sich über die Erhebung desBodens in diesem Theile der Welt gebildet hatte, gänz-lich umgestaltet. Der Rücken zwischen dem schwarzenMeer und dem finnländischen Meerbusen erreicht bei Waldai kaum die Höhe von 170 Toisen über dem Mee-resspiegel. Die Quellen der Wolga, etwas westlich vondem Ozero Seliger *) haben, nach einem von Hrn. Hel-mersen **) unternommenen Stations-Nivellement, nicht140 Toisen Meereshöhe. Vor Zeiten hat man, und derAbbé Chappe sogar mit einer Gewißheit bis auf 2 Toi-sen ***), die Höhe von Moskau, am Spiegel der Moskwa,zu 269 Tois. angegeben; allein die Erhebung dieses Orts,der zwischen der oberen Wolga und dem Becken derOka liegt, folglich an der Südseite des Abhanges, dersich von dem Waldaischen Rücken gegen das schwarzeund kaspische Meer niedersenkt, beträgt nur 76 Toisen. Kasan, wo die Wolga fast die Hälfte ihres Weges zu-
*) Nicht aus diesem See, von dem der Selischarofska Reka aus-fließt, sondern der kleine See Pterche ist es, aus dem die ma-jestätische Wolga entspringt.**) Handschriftliche Mittheilung dieses jungen Gelehrten, der mich,gemeinschaftlich mit seinem Freund, Hrn. Hoffmann (Geogno-sten auf der letzten Weltreise des Kapitain Kotzebue) im süd-lichen Ural, und von Slatoust nach Orenburg und zu der Stein-salzgrube (Ilezkaya Sachtschia) in der Kirgisensteppe begleitet hat.***) Chappe. Voyage en Siberie, T. II. p. 485 et 502. Journ.de Phys. T. XXXIX. p. 40.
|76| rückgelegt, liegt nur 45 Toisen über dem Ocean (nichtüber dem kaspischen Meer), wenn man mit Hrn. Arago den mittleren Barometerstand am Meere auf 0° reducirt,zu 760mm, 85 annimmt *).
Die geringe Höhe, zu welcher sich die continentalenMassen im östlichen Europa erheben, ist sehr beachtens-werth, wenn man dieß Phänomen unter dem Gesichts-punkt des mittleren Reliefs der Continente betrachtet, unddabei absieht von dem partiellen und neueren Phänomender Bergketten so wie der örtlichen Aufblähungen, wel-che der Boden von Ebenen zuweilen in der Nachbar-schaft von Gebirgen zeigt. Moscau und Kasan, wodie HH. Perevostschetoff, Simonoff und Lobat-schewsky eine so große Anzahl vortrefflicher Barome-terbeobachtungen mit unter sich und mit den Fortin’- schen Barometern der Pariser Sternwarte verglichenen In-strumenten angestellt haben, liegen mitten in einem un-geheuren Gebiete von Tertiär- und zum Theil Secundär-Formationen, mehr als 230 bis 250 Lieues (25 auf ei-nen Grad des Aequators) entfernt vom Kaspischen, Asow-schen und Finnländischen Meere. Eine eben so schwa-che Convexität der Oberfläche findet sich im mittlerenTheil von Polen, wo, nach Hrn. Eichwald **), dieMeierei Belin, bei Pinsk, nur 68 Toisen, und das Pla-teau von Osmana nur 147 Toisen erhaben ist, was denHöhen von Moscau und dem Waldaischen Rücken ent-spricht. Die baltischen und sarmatischen Ebenen des östli-chen Europa’s werden von den sibirischen des nordwest-lichen Asiens durch die Ural-Kette getrennt, welche zwi-
*) Man sehe meine Relation hist. T. III. p. 314 und 356. (Auchdiese Ann. Bd. XII. (88) S. 399.)**) Naturhistorische Skizze von Lithauen, Volhynien und Podolien,1830, S. 106 und 155. In Volhynien liegt die Wasserscheideauf dem Plateau von Awratyne, auf dem der Bug entspringt.(A. a. O. S. 72.)
|77| schen den Breiten 54° und 67°, vom Iremel und Gro-ßen Taganai bis zum Kondjacowski Kamen und zum Pa-rallelkreis von Obdorsk, Gipfel von 6 bis 800 ToisenHöhe darbietet, und welche, was ihren Kamm betrifft,den wenig erhabenen Ketten der Vogesen, des Jura, der Gates und der gold- und platinführenden Cordillera von Villarica in Brasilien vergleichbar ist. Der Ural erregtunsere Aufmerksamkeit durch seine Ausdehnung und dieBeständigkeit seiner Richtung, vom Ust-Urt auf demIsthmus der Truchmenen, zwischen dem Caspischen undAral-See, bis jenseits des Polarkreises, wo, östlich vomObi, Hr. Adolph Erman einige Spitzen von mehr als660 Toisen Höhe gemessen hat. In dem mittleren Theile,unter 56° 49′, etwas westlich von Jekaterinenburg, bie-tet dieser Gürtel (Poyas) oder diese Felswand, in derFormationen von Grünstein, Serpentin und Talkschiefervorwalten, Pässe dar, deren Meereshöhe kaum die vonGenf und Regensburg übersteigt.
Von den Heiden des nördlichen Brabants kann man80 Längengrade ostwärts, bis zu den Steppen am West-abhange des Altai und bis zur chinesischen Dzungarei, wan-dern, ohne eine Höhe von 1200 bis 1300 F. anzutreffen.Ich charakterisire hier die Gestaltung des Bodens vonEuropa und Asien in einer centralen Zone (im Innerndes alten Continents), deren Endpunkte, Breda und Se-mipalatinsk, wo der chinesische Posten Chonimailächu,zwischen 51° 35′ und 48° 57′ liegen, und welche fastdreimal so lang wie der Lauf des Amazonenflusses durchdie Ebenen des mittleren Amerika’s. Denkt man sicheinen Weg von den Brabanter Heiden zu den AsiatischenSteppen durch hohe Breiten, wie 60° und 65°, so würdeman zusammenhangende Ebenen auf eine Erstreckung, diefast dem halben Umfang der Erde gleich ist, antreffen. Es ist also nicht die Erhebung des Bodens, welche,beim Fortrücken im mittleren Europa gegen Osten, dieHerabbiegung der isothermischen Linien, die Abnahme |78| der mittleren Jahres-Temperatur, veranlaßt. Erstauntüber die geringe Höhe des Landes um Tobolsk, 240Lieues vom Eismeere entfernt, widersetzte sich der Abt Chappe seit dem Jahr 1768 zuerst mit Nachdruck demVolksglauben von dieser Erhebung *). Ungeachtet dergeringen numerischen Genauigkeit **) seiner in Form vonLandschaften herausgegebenen Profile, bleibt dennoch die-sem Gelehrten, dessen Beobachtungen ich in Mexico undSibirien habe wiederholen können, das unbestreitbareVerdienst, eingesehen zu haben, daß zwischen 57° und58° Breite und bis 66° Länge die Winterkälte des nörd-lichen Asiens nicht die Erhebung des Bodens zur Haupt-ursache habe. An den Gränzen der chinesischen Dzungarei und amoberen Irtysch, in den Ebenen, die mit denen des Dzai-sang-See in Gemeinschaft stehen, unter der Breite 49°,und 16° \( \frac{1}{2} \) östlicher als Tobolsk, sind seit wenigen Jah-ren Barometermessungen mit Genauigkeit angestellt. DasMittel der Beobachtungen, welche die HH. Ledebour,Bunge, Hansteen ***), Gustav Rose und ich inverschiedenen Jahreszeiten angestellt haben, giebt diesemLandstrich und einem großen Theil der Kirgisensteppekaum eine Höhe von 200 bis 250 Toisen über dem Meere. Die Lage der verschiedenen Bergsysteme (zusam-
*) Voyage en Siberie, T. I p. x. u. 100; T. II p. 467 u. 599.**) Chappe hat die Resultate seiner Barometerbeobachtungen vonwenigen Tagen durch vage Hypothesen über den Lauf der Flüsse,die, nach ihm, entweder 4 Fuß 7 Zoll oder 1 Fuß 7 Zoll Fallauf 2000 Toisen Länge haben, modificirt. Mittel der wahr-scheinlichen Gränzzahlen sind als Resultate der Messungen an-gegeben. So hat der Dzaisang-See, nach Chappe, eine Mee-reshöhe von 413 Toisen, weil seine Höhe entweder 626 oder201 Toisen seyn muß. (A. a. O. T. I p. 103 und 105; T. IIp. 574 und 594.)***) Ledebour und Bunge, Reise nach dem Altai, Th. I S. 402bis 410. Hansteen in Schumacher’s Astron. Nachr. 1830,No. 183 S. 294.
|79| menhängender Ketten wie isolirter oder sporadischer Grup-pen) und das Verhältniß dieser Systeme zu mehr oderweniger erhobenen Flächen üben einen großen Einflußaus auf die Vertheilung der Temperaturen und auf derenMengung vermöge atmosphärischer Ströme. Es wäre fürdie Klimatologie höchst interessant, den Flächenraum dergebirgigen und der ebenen Theile von Asien, wenn auchnur annähernd, zu kennen; allein Berechnungen der Artsind bis jetzt noch wenig erörtert und sehr mangelhaft.Für Südamerika, über welches ich hinreichend genaue An-gaben besitze, finde ich das Verhältniß der gebirgigen Re-gionen zu der den Ebenen gleich 1 : 4, und in diesemungeheuren Theil des neuen Continents nimmt die Andes-Kette, die wie aus einer nur schmalen Spalte emporge-stiegen ist, ungeachtet ihrer Länge von 1280 See-Lieues,kaum einen so großen Flächenraum ein wie die wenigerhabenen Gruppen oder Massen von Parime oder Bra-silien *). In Südamerika, wie in Asien und Europa, läuftder höchste Kamm (der Andes, des Himalaya und derAlpen) keineswegs in der Mitte, sondern des Rückensmehr von der Seite entfernt, an welcher sich die großenEbenen ausdehnen **).
Die niederen Regionen im Norden des alten Conti-nents, von der Schelde bis zum Jenisei, Regionen, derenmittlere Höhe nicht 40 bis 50 Toisen übersteigt, stehensüdlich von der Breite 51° \( \frac{3}{4} \), in der Parallele von Oren-burg und Saratow, in Verbindung mit der großen Con-cavität oder Senkung des Bodens im Westen Asiens umden Ural und das Kaspische Meer, einem Phänomene,das man an mehreren Punkten im Innern der Continentewiederholt finden würde, wenn man von dem Boden derBecken aus krystallinischen oder secundären Felsartendie tertiären Bedeckungen oder aufgeschwemmten Abla-
*) Man sehe meine Relat. hist. T. III p. 243.**) Ebendaselbst p. 232, 234.
|80| gerungen abnehmen könnte. Westlich vom Ural neigendie Ebenen des südlichen Rußlands, im alten Kapt-schak, gegen den Kessel des kaspischen Meeres, undbilden längs dem Jaik, zwischen Uralsk und Gurief, wielängs der Wolga, zwischen Sarepta und Astrachan, dennördlichen Abhang desselben. Der Rücken des auf un-sern Karten so verworren gezeichneten Obtschei Syrt unterbricht diese Verbindung zwischen dem Becken desKaspischen Meeres und den Ebenen von Simbirsk nurauf eine geringe Strecke. Er löst sich südlich vom Berge Iremel vom Ural ab, da wo bei Belorezk die Belaja (Nebenfluß der Kamà) die Kette durchbricht. Oestlichvom Ural oder vielmehr seinem östlichsten Gliede, Ilmen-Gebirge, Djambu Karagaï und Kara Edir Tau ge-nannt, neigen die großen sibirischen Steppen, des Tobol und des Ischim, ebenfalls in südlicher Richtung (wie dieungeheure Kirgisensteppe, längs den Flüssen Turgay und Sarasu, in östlicher Richtung) gegen die Krater-Länder des Aral und des Sihuns. Diese Einsenkung des Bo-dens, Folge des Berstens und Einsinkens eines Gewöl-bes *) (wahrscheinlich vor der Hebung der großen Berg-systeme und gleichzeitig mit dem Aufschwellen der gro-ßen Plateaux) verlängert zwischen 45° und 65° Längedie belgischen, sarmatischen und sibirischen Ebenen biszum Fuße der Hindu-Kho **) und der Berggruppe desoberen Oxus, während sie östlicher schon südlich vonder Parallele 55° durch den Altaï und den Tangnu be-gränzt werden. Die Niederung um das Kaspische Meer,den Aral und von Maveralnahar ist nicht so beträchtlich(ihr Boden liegt nur zwei bis dreihundert Fuß unter demMeeresspiegel, und fünf bis sechshundert Fuß unter denEbenen von Kasan und Tobolsk), als daß sie, vermöge
*) Siehe die Abhandlung des Verfassers: Ueber die Bergkettenund Vulcane von Inner-Asien, in dies. Ann. Bd. XVIII (94)S. 329 bis 332.**) Westlicher Fortsatz des Himalaya, der in der Provinz Mazan-daran die Küsten des Kaspischen Meeres erreicht.
|81| der Senkung allein, merklich auf Erniedrigung der mitt-leren Temperatur einwirken könnten; allein ihre eigen-thümliche Begränzung giebt ihr, im Süden des Aral-sees und der Wüste Kizil-kum, ein Klima, das dem derbenachbarten Gegenden nicht ähnlich ist. Von mannig-faltiger Form und, zwischen den Flüssen Jaxartes undOxus, in mehrere Bassins getheilt, bietet der Boden die-ser trocken gebliebenen Einsenkung des Continents seitden ältesten Völkerwanderungen einen sehr merkwürdi-gen und individuellen politischen Charakter dar. Hierund am Südabhange des Kessels haben sich unabhängig,ich möchte sagen stereotyp, Jahrhunderte lang (wie ehe-mals in Deutschland, am Ende des Mittelalters) eine großeAnzahl kleiner Gesellschaften erhalten, die gegenwärtigunter den Namen der Staaten von Khiva, Bokhara undSamarkand, von Tschersavers, Kokan und Taschkend be-kannt sind.
Oestlich vom Meridian des Belur, zwischen dem Al-tai und der Himalaya-Kette, giebt es kein Centralpla-teau der Tartarei von der Größe Neuhollands. Dievon den Geographen und Historikern des vorigen Jahr-hunderts aufgestellte Continuität und alte Civilisation die-ses Plateaus müssen gleichfalls in Zweifel gezogen wer-den. In der Sprache der wissenschaftlichen Geologie las-sen sich, nach einem gewissen Höhenmaaßstab, verschie-dene Ordnungen von Hochebenen annehmen *). Die Hoch-ebene von Schwaben hat 150 Toisen, die von Bayernoder der Schweiz, zwischen den Alpen und dem Jura,hat 260 bis 270 Toisen, die von Spanien 350 Toisen,die von Mysore 380 bis 420 Toisen, die von Persien,Mexico, Bogota, Quito und Caxamarca, vom Antisanaund vom Titicaca haben respective eine Meereshöhe von650, 1168, 1370, 1490, 2000 und 2100 Toisen. In der gemeinen Sprache wird das Wort Plateau (table-land, Tafelland) nur auf die Anschwellungen des
*) Relat. hist. T. III p. 208. Note 7.
|82| Bodens, die merklich veschlechternd auf das Klima ein-wirken, angewandt, folglich auf Höhen über 3 bis 400Toisen, und wenn Strahlenberg sagt, daß die Ebe-nen Sibiriens jenseits des Urals, den er das RipheischeGebirge nennt, sich »zu den Ebenen Europa’s verhaltenwie ein Tisch zu dem Brette, auf das derselbe gestelltist,« so hat er wahrscheinlich nicht geahnet, daß die Cen-tral-Ebenen der chinesischen Dzungarei kaum die Höhedes Bodensees oder der Stadt München besitzen. DieEbenen im Norden des Dzaisang-Sees, in denen ich michvor zwei Jahren befand, hängen, indem sie den Tarba-gatai umgeben, mit denen der Provinz Ili, der Seen Alak-tugul und Balkasch und der Ufer des Tschui zusam-men. In dem auf der Westseite durch das Querjoch Bo-lor geschlossenen Bassin zwischen dem Muz-tagh (demHimmelsgebirge) und dem Kuenlun (der nördlichen Kettevon Tübet), ergiebt sich die geringe Erhebung der Pla-teaus auf große Strecken aus dem Vergleich der Breitenund der Cultur gewisser Pflanzen. Zu Kaschgar, Kho-ten, Aksu und Kutsche, in der Breite von Sardinien, bautman Baumwolle; in den Ebenen von Khoten, unter ei-ner nicht südlicheren Breite als der von Sicilien, erfreutman sich eines ungemein milden Klima’s, und es wirddaselbst eine erstaunliche Menge von Seidenwürmern ge-zogen. Nördlicher, zu Jerkand, Hami, Kharaschar undKutsche, ist seit dem grausten Alterthum der Wein- undGranaten-Bau berühmt.
Die Abdachung des Bodens in diesem geschlos-senen Becken steht, merkwürdig genug, in umgekehrterRichtung zu der des offenen Beckens der Provinz Ili oderdes Thianschan-Pelu. Selbst östlich von Tangut scheintdie Hochebene (oder steinige Wüste) Kobi eine Furcheund eine beträchtliche Niederung darzubieten; denn, nach Klaproth, berichten alte-chinesische Sagen, daß derTarim, der sich gegenwärtig in dem See Lop verliert,ehemals durch diesen See floß und sich in den Gelben |83| Fluß ergoß, ein Phänomen, welches die Bildung einerWasserscheide durch fortwährende Anschwemmungen er-weist, und welches sich andern Erscheinungen der ver-gleichenden Hydrographie anreiht, welche ich in derhistorischen Relation meiner Reise nach den Aequino-xial-Regionen des neuen Continents aus einander gesetzthabe *). Aus der Gesammtheit dieser Betrachtungen über dieGestaltung des Bodens von Asien ergiebt sich, daß derinnere Theil, zwischen den Breiten 30° und 50°, undzwischen den Meridianen des Belur oder von Caschmirund des Baikal-See oder der großen Beugung des Gel-ben Flusses, ein Gebiet von sehr verschiedenartigem Ni-veau ist, das große Landstrecken darbietet, deren Erhe-bung, wie die der Plateaux von Bayern, Spanien undMysore, den Hochebenen niederer Ordnung angehört. Essteht zu vermuthen, daß solche Aufblähungen des Bo-dens, wie die der Hochebenen von Quito und vom Titi-caca (1500 bis 2000 Toisen), hauptsächlich nur zwischender Bifurcation der Hindu-Kho-Kette, deren Zweigeunter den Namen Hímalaya und Kuenlun bekannt sind,folglich in den Ländern Ladak, Tübet und Katschi, sowie in dem Gebirgsknoten um den Khukhu-Noor und inder Wüste Kobi, nordwestlich vom Inschan, angetroffenwerden. Wir sehen also, wie Asien, indem es durch Berg-ketten verschiedener Richtung und verschiedenen Altersin Becken getheilt ist, der Entfaltung des organischenLebens und der Gründung menschlicher Gesellschaften,von Jägern (Sibiriern), von Hirten (Kirgisen und Kal-mücken), von Ackerbauern (Chinesen) oder Mönchen(Tübetanern), eine Mannigfaltigkeit von Ebenen, Terras-sen und Hochgründen (Haut-fonds) im Luftocean dar-bietet, welche die Temperaturen und die Klimate auf eineerstaunliche Weise abändert. Eine traurige Einförmigkeit
*) T. II p. 75. und 525.
|84| herrscht in den Steppen von den Ufern des Sihun (Jaxar-tes) und der kleineren Bergkette Alatan bis zum Eis-meer; allein jenseits des Jenisei, östlich vom Meridianvon Sayansk und des Baikal-Sees, nimmt selbst Sibirieneinen gebirgigen Charakter an.
Genaue Kenntniß der Unebenheiten der Oberflächeeines Continents ist die erste Grundlage der Klimatolo-gie. Ohne diese hypsometrische Kenntniß wird man derErhebung des Bodens zuschreiben, was Wirkung ande-rer Ursachen ist, die in unteren Regionen (auf einerOberfläche, die gleiche Krümmung mit dem Meeresspie-gel hat) auf die Beugung der isothermischen Linien ein-wirken. Wenn man jenseits der Breite 46° oder 50°vom nordöstlichen Europa zum nördlichen Asien über-geht, so findet man zugleich eine Abnahme der mittlerenJahres-Temperatur und eine ungleichere Vertheilung die-ser Temperatur unter die verschiedenen Jahreszeiten, letz-tere in Folge der continentalen Gestalt von Asien (großenur wenig ausgeschweifte Massen) und dessen besonde-rer Lage gegen den Aequator und das Polareis, so wiedes Einflusses der Westwinde. In der eben angedeute-ten Beziehung bieten Asien und Europa folgende Gegen-sätze dar. Europa mit vielfach gekrümmten Umrissen, unterbro-chen von Meerbusen und Meeresarmen, hie und da zusam-mengeschnürt, gewissermaßen gegliedert, bildet den westli-chen Theil des alten Continents. Es ist nur ein halbinsel-förmiger Fortsatz von Asien, wie es die Bretagne mit ihrenmilden Wintern und kühlen Sommern von Frankreichist. Europa empfängt als vorherrschende Winde dieWestwinde, welche für die westlichen und in der Mitteliegenden Theile Meerwinde sind, und welche in Berüh-rung standen mit einer Wassermasse, deren Temperaturan der Oberfläche selbst im Januar (und 45° bis 50°Breite) nicht unter 10°,7 und 9° C. sinkt. Europa ge-nießt den wohlthätigen Einfluß einer zwischen den Me- |85| ridianen von Lissabon und Kasan liegenden breiten tro-pischen Landzone (der von Afrika und Arabien), die sichdurch die tägliche Irradiation ganz anders an ihrer Ober-fläche erwärmt als eine tropische Meereszone, und die,vermöge der aufsteigenden Luftströme, heiße Luftmassenauf die mehr dem Pole zuliegenden Länder ausgießt. An-dere bisher noch nicht hinlänglich gewürdigte Vortheilefür Europa, wenn man es in seiner allgemeinen Confi-guration als westlicher halbinselförmiger Fortsatz von Asienbetrachtet, sind: seine geringere und ungleiche Continen-tal-Entwicklung gegen Norden, seine schiefe Form, undseine Richtung von Südwest nach Nordost. Fast im gan-zen ersten westlichen Drittel seiner Länge geht der con-tinentale Theil von Europa nicht über die Breite 52°hinaus. Das mittlere Drittel, vergrößert durch Skandi-navien, wird vom Polarkreis durchschnitten. In dem öst-lichsten Drittel, östlich vom Meridian von St. Petersburg,wo das breiter gewordene Continent alle Charaktere ei-nes asiatischen Klima’s annimmt, streift der Polarkreis nurdie nördliche Küste; allein diese Küste wird von einerZone des Eismeers bespült, deren Wintertemperatur garsehr verschieden ist von der, welche dasselbe Meer west-lich vom Nordcap darbietet. Die Richtung des großenMeerthales, welches Europa von Amerika trennt, unddas Daseyn jenes Stromes von heißem Wasser (Gulf-stream), welcher dasselbe anfangs von SSW. nach NNO.,später von W. nach O. durchsetzt und längs der Küstevon Norwegen hinläuft, wirken mächtig auf die Gränzendes Polareises, auf die Umrisse dieser Wand gefrornenWassers, welche zwischen Ost-Grönland, der Bäreninselund dem Nordende der skandinavischen Halbinsel denflüssigen Wässern einen ungeheuern Golf darbietet. Eu-ropa genießt also den Vortheil, diesem Golfe gegenüber zuliegen, folglich von dem Gürtel des Polareises durch einoffenes Meer getrennt zu seyn. Im Winter schreitet die-ser Gürtel bis zur Breite 75° vor, bis Novaja Semlia, der |86| Mündung der Lena und bis nahe zum Archipel vonNeu-Sibirien. Im Sommer zieht er sich im Meridiandes Nordcap und westlicher, zwischen Spitzbergen undOst-Grönland, bis zur Breite 80° und 81° gegen Nor-den zurück. Noch mehr, die Wintergränze des Po-lareises, d. h. die Linie, in der das Polareis im Winterdem continentalen Europa am nächsten kommt, hülltnicht einmal die Bäreninsel ein; in der kältesten Jahres-zeit kann man ungehindert vom Nordcap nach dem süd-lichen Vorgebirge von Spitzbergen schiffen, durch einMeer, dessen Temperatur durch die Wasserströme ausSüdwesten erhöht worden ist. Das Polareis nimmt überallab, wo es, wie in der Baftins-Bay und zwischen Islandund Spitzbergen *), einen freien Ausweg gegen den Po-larkreis hat. Kapitain Sabine hat unter den Breiten65° und 70° die mittlere Temperatur des atlantischenOceans an der Oberfläche zu 5°,5 gefunden **), wäh-rend unter denselben Breiten im Continente Europa’s diemittlere Jahres-Temperatur schon mehrere Grade unterNull liegt. Es ist überflüssig hier daran zu erinnern,welche calorifischen Modificationen die Nordwinde durchdiese relative Configuration des Landes und Polareiseserleiden müssen, sobald sie im nördlichen und nordwest-lichen Europa anlangen. Das Continent von Asien hat, jenseits der Breite 70°,eine 13 Mal größere Ausdehnung von O. nach W. als Eu-ropa; zwischen den Mündungen des Jenisei und der Lenaerreicht es sogar die Breite 75°, d. h. die der Bärenin-sel. Ueberall berühren seine Küsten die Wintergränzedes Polareises, und die Sommergränze desselben entferntsich nur an einigen Punkten und auf kurze Zeit von denKüsten. Die Nordwinde, deren Gewalt, westlich vom
*) Man sehe die Abhandlung: Ueber die Hauptursachen der Tem-peratur-Verschiedenheit auf dem Erdkörper, in diesen AnnalenBd. XI (87) S. 1.**) Exper. ou pend. p. 456.
|87| Meridiane des Baikal-Sees, bis zur Br. 52°, und, westlichvom Meridiane des Belur, bis zur Br. 40°, durch keineBergkette in der Ebene gemäßigt wird, gehen über einemit Schnee bedeckte Eisfläche hinweg, welche das Con-tinent gewissermaßen verlängert, nördlich bis zum Pole,nordöstlich bis zur Region des Maximums der Kälte, wel-ches die englischen Seefahrer glauben unter den Meridiander Behringsstraße, unter 80° und 81° Breite, versetzenzu müssen *). Das continentale Asien bietet unter derheißen Zone nur ein sehr kleines Stück Land der sola-ren Irradiation dar. Zwischen den Meridianen, die seineöstlichen und westlichen Enden begränzen, nämlich de-nen des Cap Tschukotski und des Urals (in dem un-geheuren Raum von 118° Längengraden) durchschneidetder Aequator nur den Ocean; mit Ausnahme eines klei-nen Stücks der Inseln Sumatra, Borneo, Celebes undGilolo, ist in diesen Gegenden kein Land unter demAequator vorhanden. Der continentale Theil des gemä-ßigten Asiens genießt daher nicht die Wirkung der auf-steigenden Ströme, welche durch die Lage von Afrika sowohlthätig für Europa werden.
Sonstige Ursachen zur Erkältung Asiens (uns dabeiimmer auf allgemeine Betrachtungen beschränkend, aufAlles, was im Großen das Klima von Asien charakteri-sirt) sind: seine Configuration im horizontalen Sinn oderdie Form seiner Umrisse, die Unebenheiten seiner Ober-fläche in verticaler Richtung und vor Allem seine östli-che Lage gegen Europa. Asien bietet, nordwärts derBreite 35°, eine Anhäufung von Land in zusammenhängen-den Massen dar, ohne Meerbusen und ohne beträchtliche
*) Nordwestlich von der Melville’s-Insel. Daß man hier diesemMaximumpunkte oder Kältepol nahe sey, ergiebt sich, wenn mandie mittlere Temperatur der Melville’s-Insel (75° Br. und 113°Länge), welche Parry zu — 18°,5 berechnet, vergleicht mit dermittleren Temperatur der Luft über dem Meere östlich von Grön-land (76°\( \frac{3}{4} \) Br. und 3° L. W.), die nach Scoresby nur — 7°,5beträgt.
|88| zungenförmige Fortsätze. Große, von Ost nach Westlaufende Berg-Systeme, deren höchste Glieder die derheißen Zone zunächst liegende Region einzufassen schei-nen, widersetzen sich auf große Strecken dem Zutritt dersüdlichen Winde. Sehr erhabene Plateaux, die, mit Aus-nahme von Persien, viel weniger zusammenhängend sind,wie man sie gemeiniglich abbildet, finden sich zerstreutvom Gebirgsknoten von Caschmir und Tübet bis zu denQuellen des Orkhon, auf einer unermeßlichen Strecke inRichtung von SW. nach NO. Sie durchsetzen oder um-säumen niedere Regionen, häufen und erhalten den Schneebis zur Mitte des Sommers, und wirken durch herabstei-gende Ströme erniedrigend auf die Temperatur der be-nachbarten Länder. Sie variiren und individualisirendie Klimate im Osten der Quellen des Oxus, des Alatauund des Tarbagatai in Central-Asien, zwischen den Pa-rallelen des Himalaya und des Altai. Endlich ist Asien,in der ganzen Länge von Europa, geschieden von einemim Westen liegenden Meere oder von Westküsten, wel-che, in der gemäßigten Zone immer wärmer sind als dieOstküsten eines Continents. Die ungeheure Verbreite-rung unseres Continents vom Ende des finnischen Meer-busens aus trägt bei zur erkältenden Wirkung der vor-herrschenden Westwinde, welche für die östlich von derniedrigen Uralkette liegenden Theile der alten Welt Land-winde sind.
Die eben bezeichneten Contraste zwischen Europaund Asien enthalten die Gesammtheit der Ursachen, diegleichzeitig auf die Beugung der Linien gleicher Jahres-wärme und auf die ungleiche Vertheilung dieser geringe-ren Wärme unter die verschiedenen Jahreszeiten einwir-ken; Phänomene, welche besonders ostwärts des Meri-dians von St. Petersburg merklich werden, da wo dasContinent von Europa sich in einer Breite von 20° Brei-tengrade an das nördliche Asien anschließt. Das östli-che Europa und ganz Asien (letzteres nördlich von der |89| Breite 35°) haben ein ungemein continentales Klima, um mich dieses Ausdrucks als Gegensatz gegen den: Klima der Inseln und der Westküsten, zu bedienen; siehaben durch ihre Gestalt und Lage in Bezug auf dieWest- und Südwest-Winde ein unmäßiges Klima, analog dem der Vereinigten Staaten von Nord-Amerika,nämlich sehr heiße Sommer auf ungemein strenge Win-ter. In keinem Theile der Welt, selbst nicht in Italienund auf den Canarischen Inseln, habe ich so schöne Wein-trauben reifen sehen wie zu Astrachan, nahe am Uferdes Kaspischen Meeres; und dennoch sieht man an die-sem Ort, und selbst südlicher zu Kislar an der Mün-dung des Terek (in der Breite von Avignon und Ri-mini), das Centesimal-Thermometer im Winter oft bis— 20° und — 30° fallen. Auch ist man zu Astrachan,wo während des Sommers, der heißer ist wie der in derProvence und der Lombardei, die Vegetationskraft durchkünstliche Bewässerung des mit Kochsalz geschwängertenBodens erhöht wird, gezwungen, die Weinstöcke sehrtief in den Boden einzusetzen. Es ist dieselbe so un-gleiche Vertheilung der Jahreswärme unter die einzelnenJahreszeiten, welche den Weinbau, oder besser gesagt,die Erzeugung eines trinkbaren Weins in den Vereinig-ten Staaten von Nord-Amerika, nordwärts der Breite40°, bisher so schwierig gemacht hat. In dem Systemeder Klimate von Europa bedarf man, um trinkbaren Weinim Großen zu erzielen, nicht bloß einer mittleren Jah-restemperatur, die sich bis zu 8°,7 oder 9°,0 erhebt, son-dern auch eines Winters, der nicht unter +1,° liegt, undeines Sommers, der wenigstens 18°,5 C. erreicht. Es istdiese fixe Portion in der Wärmevertheilung, welche denVegetationscyclus bedingt, sowohl unter den Pflanzen, dieso zu sagen in Winterschlaf verfallen und während derZeit nur in ihrer Axe Leben zeigen, als auch unter denen,welche, wie der Oelbaum, während des Winters ihr Ap-pendicular-System, ihre Blätter behalten. Das Folgende |90| enthält einige numerische Elemente der vergleichendenKlimatologie, geeignet auf die eben aus einander gesetz-ten Contraste einiges Licht zu werfen: St. Petersburg (Breite 59° 66′, Länge O. 27° 58′).Mittlere Temperatur des Jahres +3°,8 C., des Winters— 8°,3, des Sommers +16°,7 C. Tobolsk (Breite 58° 12′, Länge 68° 58′). Berech-net für ein Jahr (1816) von Hrn. A. Erman nach denBeobachtungen des Hrn. Albert, mittlere Temperatur—0°,63. Westlicher, an der Ostküste von Finnland, zuUleo (Breite 65° 3′, Länge 23° 6′) mittlere Temperatur+0°,6, und zu Christiania (Breite 59° 55′, Länge 8° 28′)in der Parallele von Petersburg: mittlere Temperatur desJahres +6°,0, des Winters —1°,8, des Sommers +17°,0. Kasan (Breite 55° 48′, Länge 46° 44′). Ich be-sitze für die zwölf Monate des Jahres 1828 die Mittelvon 9 Uhr Morgens und Abends, vom Mittag und von3 Uhr Abends nach den mit großer Sorgfalt angestelltenBeobachtungen des Hrn. Simonoff. Ich finde aus denbloßen Beobachtungen um 9 Uhr und aus den Beobach-tungen an den gleichlautenden Morgen- und Abendstun-den (um beide Methoden zu gebrauchen, die annähernddie mittlere Temperatur des Jahres geben) +1°,3 und+ 1°,2 C. *); für den Winter: —18°,4 und —17°,8,für den Sommer +17°,4 und +16°,8; der wärmste Mo-
*) Was die mittlere Jahres-Temperatur von Kasan betrifft, so istsie neuerlich zu +3° und selbst zu +3°,3 C. berechnet worden(Poggendorff’s Annalen, 1829, St. 2 S. 162). Man hat sichwahrscheinlich mit dem Mittel aus vier Beobachtungen am Tagebegnügt, von denen keine das Minimum giebt, und von denenzwei (die am Mittage und um 3 Uhr Nachmittags) dem Maxi-mum der Wärme zu nahe liegen. In der That finde ich beigleichzeitiger Anwendung aller vier täglichen Beobachtungen desJahres 1828 die mittlere Jahres-Temperatur +3°,2, die des Win-ters = —16°,3, und die des Sommers = +19°,8; allein dieseTemperaturen sind wegen der Stunden, zu welchen sie gefun-den wurden, nicht die wahren Mittel-Temperaturen.
|91| nat des Jahres (Juni) war + 19°,4 oder + 18°,5, derkälteste (Januar) —22°,7 oder — 21°,8. Man sieht,daß die Resultate der beiden Methoden weit wenigervon einander abweichen als die Mittel aus mehreren Grup-pen von Jahren unter sich verschieden seyn würden.
Ein Theil des Frühlings und des Sommers ist inKasan eben so warm als in Paris, obgleich dieses 7°südlicher liegt als Kasan, und eine bis zu 9°,4 reichendeMittel-Temperatur hat.
Kasan.(Breite 55° 48′.) Paris.(Breite 48° 50′.)
März — 2°,1 C. + 6°,5 C.
April + 10,3 + 9,8
Mai +15,5 +14,5
Juni +18,9 +16,9
Juli +18,2 +18,6
August +14,2 +18,4
September + 5,6 +15,7
October + 0,6 +11,3
November —10,7 + 6,7.
So ist nach glaubwürdigen Resultaten, die ich in ei-nem anderen Werke vervielfältigen werde, die periodi-sche Bewegung der Wärme an zwei Orten, die in west-östlicher Richtung um 700 Lieus von einander entferntsind, und annähernd auf derselben isotherischen Linieliegen, in den Mittel-Temperaturen ihrer Winter aberum 21°,5 C. abweichen. Das nordische (continentale, folglich unmäßige) Klima nöthigt die Einwohner; A sofferir tormenti caldi e geli *). Unter der Breite von Paris bieten zwei auf einan-der folgende Monate keinen Temperaturzuwachs dar, dergrößer als 4° bis 5° C. wäre. Von der Parallele Romsbis zu der Stockholms, zwischen den Isothermen von16°,5 und von 5° beträgt der Unterschied der Monate
*) Dante, Purgat. canto III.
|92| April und Mai überall 5° bis 7°, und von allen Mona-ten, die unmittelbar einander folgen, sind diese es (imSysteme der Klimate des centralen Europa), welche dasMaximum der Wärmezunahme darbieten. Im NordostenEuropa’s und im Nordwesten Asiens dagegen steigen dieWärmezunahmen zweier benachbarten Monate bis auf12°, und sie treten, wie das Maximum der Wärme, frü-her ein als dieselben Zunahmen in Europa. Diese jäheSchnelligkeit in der Steigerung der Wärme, welche dasErwachen der Natur charakterisirt, ist es, welche jeneschöne Frühlingsflor von Tulipaceen, Irideen und Rosa-ceen in den sibirischen Ebenen erklärt. Die großen undraschen Wärmeänderungen treten hier vom März zumApril und vom October zum November ein. Beim Ge-danken an die Eismassen, die sich in den sumpfigen Tun-dra, zwischen dem Obi und dem Jenisei, zwischen Bere-sow und Turuchansk, so lange erhalten, würde man er-staunen über die Sommerwärme von Tobolsk, Tara,Kainsk, Krasnojarsk und Barnaul, wenn man nicht dieWirkung der versengenden Süd- und Südwest-Windekennte, die aus den trocknen Steppen des centralen Asiensherüberwehen *).
Peking (39° 54′ Br., 114° 7′ Länge). Mitteltempe-
*) Hr. Adolph Erman findet die mittlere Richtung aller Winde,die im Laufe des Jahres wehen
  • zu Tobolsk S. 47° W.
  • ‒ Kasan S. 52 W.
  • ‒ Moscau S. 35 W.
  • ‒ St. Petersburg S. 41 W.
Demselben Beobachter zufolge sind auch während des gan-zen Jahres die Westwinde sehr häufig an der Mündung des Obiund am nördlichen Ende der Ural-Kette. Nach dem, was wirselbst im südlichen und mittleren Sibirien, so wie in der Kal-mückensteppe erfahren haben, können wir nicht glauben, daßdie Westwinde seltener werden, in dem Maaße als man vonHolland aus gegen den Altai vorrückt, wie es der Fall zu seynscheint mit Amsterdam und St. Petersburg (Schouw, Beiträgezur vergleichenden Klimatologie, Heft 1, S. 53).
|93| ratur des Jahres +12°,7 C., des Winters — 3°,2, desSommers + 28°,1. Der Sommer in diesem östlichstenTheile Asiens entspricht dem Sommer von Neapel; alleindrei Wintermonate fallen unter Null, wie in dem 16°nördlicher liegenden Kopenhagen, dessen Mitteltempera-tur für’s Jahr 5° kleiner ist. Der Unterschied mit demKlima des westlichen Europa’s ist so groß, daß man anden Küsten von Frankreich, zwischen Nantes und St.Malo, unter den Breiten 47° und 48° \( \frac{1}{2} \), die nämlicheJahres-Wärme wie zu Peking findet, während doch dieseKüsten 7° bis 8° nördlicher liegen und 8° mäßigereWinter besitzen.
Auf meiner letzten Reise habe ich an mehreren Or-ten Sibiriens sorgfältig verglichene Thermometer in denHänden von Personen hinterlassen, die einen vortreffli-chen Gebrauch von ihnen zu machen fähig sind, wennsie dieselben an Stunden beobachten, welche die Mittel-temperatur der Tage und des Jahres kennen lehren können.Ich habe bereits mehrere Reihen interessanter Beobachtun-gen aus Bogoslowsk, im nördlichen Ural, wo eifrige undunterrichtete Bergbeamte sich gerne mit dieser Art vonUntersuchungen beschäftigen. Da Alles, was man in Asienüber Kältegrade größer als der Gefrierpunkt des Queck-silbers weiß, noch sehr ungewiß ist, so habe ich Hrn.Dr. Albert zu Tobolsk, der uns auf die verbindlichsteWeise aufnahm, und der zuweilen in Amtsgeschäften diePolarregionen von Beresow und Obdorsk besucht, einWeingeistthermometer übersandt, dessen Theilung vonHrn. Gay-Lussac sorgfältig auf das Glas selbst gezo-gen ist und bis —60°. C reicht. Allein die größten Fort-schritte, welche die Meteorologie und besonders die Theo-rie der Isothermen je erreichen können, werden wir derKaiserlichen Academie zu St. Petersburg schuldig seyn,wenn sie, nach dem ihr von meinem Freunde Kupffer und mir vorgelegten Plane, fortfährt ein regelmäßigesSystem von stündlichen Baro-, Thermo- und Hygrome- |94| ter-Beobachtungen, von Beobachtungen der Bodentem-peratur, der Windesrichtung, der Regen- und Schnee-menge auf der ganzen Fläche des russischen Reichs (vonArmenien, Semipalatinsk und Irkutzk bis Kola, Kamt-schatka und der Insel Kodiak) ausführen zu lassen. DieGleichzeitigkeit dieser Variationen in dem Luftdruck, derTemperatur, der Feuchtigkeit, der Richtung und demVorwalten der Winde auf einer Continentalfläche *), diegrößer ist als der sichtbare Theil des Mondes, wird durcheinen vernünftigen Vergleich der numerischen Elemente Ge-setze aufdecken, die uns bisher noch unbekannt blieben.Die Errichtung eines physikalischen Observatoriums zuSt. Petersburg zum Behufe der Berichtigung und Verglei-chung der Instrumente, der Wahl von ihrer astronomischenLage nach wohl bestimmten Orten, der Leitung magne-tischer und meteorologischer Beobachtungen, der Berech-nung und Bekanntmachung der mittleren Resultate, wirdnoch von den spätesten Nachkommen den großen Ver-diensten beigezählt werden, welche sich diese berühmteAcademie seit der Mitte des achtzehnten Jahrhundertsum die physikalische Kenntniß des Erdballs, um die Bo-tanik und die beschreibende Zoologie erworben hat. In Asien, wie in der neuen Welt, bemerkt man, daßdie Isothermen beim Eintritt in die heiße Zone dem Aequa-tor parallel werden. Dieß Resultat wird durch die Mit-teltemperaturen der Monate bestätigt, welche ich aus zwölf-hundert sehr genauen Beobachtungen gezogen habe, diemir von Hrn. Abt Richenet, ehemaligen Missions-Atta-ché mitgetheilt worden sind. Es ist interessant die Kli-mate von Havana, Macao und Rio-Janeiro zu verglei-chen, da die beiden ersten Orte an der Gränze der nörd-
*) Von 38°\( \frac{1}{2} \) (der Breite von Smyrna, Livadien, dem südlichstenCalabrien, von Murcia, Lissabon, Washington, vom nördlichenJapan, und dem Süden der beiden Buchareien) bis 75°.
|95| lichen heißen Zone und nahe an Ostküsten liegen, letz-tere aber an der Gränze der südlichen heißen Zone.Schon an einem andern Orte *) habe ich die folgendeTafel gegeben, der ich hier die Mitteltemperaturen der dreiheißesten und der drei kältesten Monate des Jahres hin-zufüge.
Mitteltemperatur Macao.(Br. 22° 12′ N.) Havana.(Br. 23° 9′ N.) Rio-Janeiro.(Br. 22° 54′ S.)
des Jahres 23°,3 25°,7 23°,5
vom Decemb. bis Febr. 18,2 28,0 26,0
vom Juni bis Aug. 28,0 28,6 20,3
des kältesten Monats 16,6 21,1 19,2
des wärmsten Monats 28,4 28,8 27,3
Der kältende Einfluß der Gestaltung und Lage Asienswird zu Macao und Canton noch offenbarer, sobald dieWest- und Nordwest-Winde über ein mit Schnee undEis bedecktes ungeheures Continent hinwegstreifen. In-deß sind die Contraste der Wärmevertheilung unter dieeinzelnen Jahreszeiten in den Häfen des südlichen Chi-na’s viel weniger merklich als zu Peking. Während derneun Jahre von 1806 bis 1814 hat der Abt Richenet, welcher sich eines vortrefflichen Extremen-Thermometersvon Sixt bediente, die Temperatur selten bis 3°,3 C.,oft aber bis 5° fallen sehen. Zu Canton erreicht dasThermometer zuweilen fast den Gefrierpunkt, und inFolge der Ausstrahlung gegen einen wolkenlosen Himmelfindet man daselbst Eis auf den Terrassen der Häuser,an Orten, die von Palmen und Bananen umgeben sind.Eben so fällt zu Benares (geographische Breite 25° 20′,isothermische Breite 25°,2 C.) die Wärme im Winterauf 7°,2, obgleich sie im Sommer oft auf 44° C. steigt. Südlicher, zwischen dem Wendekreis und dem Aequa-
*) Relat. hist. T. III p. 305 und 374.
|96| tor, besonders zwischen den Breiten 0° und 15°, sinddie Mitteltemperatur der Continental-Atmosphäre fastin beiden Welten gleich. Die genauesten und neuestenBeobachtungen aus Asien geben:
|Spaltenumbruch|
  • Bombay26°,7 C.
  • Manilla25 ,6
  • Madras26, 9
  • Pondichery29 ,6
  • Batavia27 ,7
  • Auf Ceylon:Trinconomale26°,9 C. Pointe de Galle27 ,2 Colombo27 ,0 Kandy25 ,8
Die Mitteltemperatur der eigentlichen Aequatorial-zone von 0° bis 10° oder 15° Breite ist bisher sonder-bar übertrieben worden, sie scheint mir nicht über 27°,7hinaus zu gehen. Das Klima von Pondichery kann, wieich es schon anderswo bemerkt habe, eben so wenig zurCharakterisirung der ganzen Aequatorialregion dienen, alsdie Oasis von Murzuk, wo der unglückliche Ritchie und der Kapitain Lyon (wahrscheinlich wegen in derLuft schwebenden Sandes) das Thermometer auf 43°und 53°,7 C. stehen sahen, das Klima der gemäßigtenZone im nördlichen Afrika charakterisirt. Die größtetropische Ländermasse liegt zwischen den Breiten 18°und 28° N., und aus dieser Zone besitzen wir auch, we-gen ihrer vielen und reichen Handelsstädte, die meistenmeteorologischen Kenntnisse. Dagegen sind die vier demAequator zunächst liegenden Grade noch heut wie vor70 Jahren eine Terra incognita für die positive Klimato-logie. Noch kennen wir nicht die Mitteltemperaturendes Jahres und der Monate von Grand-Para, von Guaya-quil und (fast ist’s schimpflich zu sagen) von Cayenne! Wenn man nur die Wärme betrachtet, welche eingewisser Theil des Jahres erreicht, so findet man in dernördlichen Halbkugel die heißesten Klimate entwederunter dem Wendekreis des Krebses selbst, oder 4 bis 5 |97| Grad nördlicher, im südlichsten Theile der gemäßigtenZone. In Persien, zu Abusheer, unter der Breite 28° \( \frac{1}{2} \) geht z. B. die Mitteltemperatur des Juli bis 34° C. *);während in der heißen Zone die wärmsten Monate sind:zu Cumana 29°,2, zu Vera-Cruz 28°,8. Im rothenMeere sieht man das Centesimalthermometer am Mittageoft auf 44°, und in der Nacht auf 34° \( \frac{1}{2} \) stehen. DieWärme-Extreme, welche man im südlichen Theile dergemäßigten Zone, zwischen Aegypten, Arabien und demPersischen Meerbusen, beobachtet, sind die gleichzeitigeWirkung der geringen Zeit, die unter dieser Breite zwi-schen dem zweimaligen Zenith-Durchgange der Sonne ver-fließt, des langsamen Ganges dieses Gestirnes bei Annä-herung an die Wendekreise, der mit der Breite wach-senden Tageslänge, der Configuration der benachbartenLänder, der Beschaffenheit ihrer Oberfläche, der bestän-digen Durchsichtigkeit einer fast aller Wasserdämpfe be-raubten Continental-Luft, der Richtung der Winde, undder Menge von Staub (Erdtheilchen, die im Sonnenscheinerwärmt werden und sich gegenseitig bestrahlen), welchendiese Winde aufheben und in Schwebung erhalten. Der Charakter eines unmäßigen Klima’s (Climatcontinental par excellence) erweist sich auch in Asiendurch die Schneegränze, d. h. durch die Höhe, in wel-cher sich diese Gränze, bei ihren Schwankungen, im Som-mer erhält. Schon in einer anderen Abhandlung **) habeich entwickelt, weshalb in der gemäßigten Zone Asiens,am Kaukasus und am Nordabhange des Himalaya, dieserGürtel ewigen Schnees sich in einer weit beträchtlicherenHöhe über dem Meeresspiegel erhält als unter denselben
*) Die Mitteltemperatur des ganzen Jahres ist daselbst 32°,7, diedes Winters 17°,8 C.**) Ueber die Gränze des ewigen Schnees in dem Himalaya-Ge-birge und den Aequatorial-Regionen. Man sehe Ann. de chim.T. XIV p. 22 und 52, und meine erste Abhandlung über dieGebirge Indiens; ebendaselbst T. III p. 297.
|98| Breiten (und man kann noch hinzusetzen: unter densel-ben Isothermen) in Europa und Amerika. Die interes-sante Reise der HH. Kupffer *) und Lenz zum Gipfeldes Elbruz hat neuerlich bestätigt, was ich schon aus denMessungen der HH. v. Engelhardt und Parrot überdie Seite des Kasbek geschlossen hatte. Am ersten die-ser Gipfel des Kaukasus **) geht der Schnee bis zu 1727Toisen hinab; am zweiten (ohne Zweifel wegen einigerörtlicher Ursachen der Strahlung) bis 1647 Toisen. DieSchneegränze liegt folglich am Kaukasus 250 bis 300 Toi-sen höher als, unter derselben Breite, an den Pyrenäen.Die sommerliche Strahlung des Bodens der tübetanischenHochebene, welche an Höhe vielleicht die des Titicaca-Sees übertrifft, die Trockenheit der Luft, welche sich inganz Inner- und Nord-Asien zeigt, der wenige Schnee,welcher im Winter fällt, wenn die Temperatur auf —12°oder —15° herabsinkt, endlich die Klarheit und Durch-sichtigkeit der Luft ***), welche am Nordabhange derHimalaya herrschen, und zugleich die Irradiation der Pla-teaux und die Transmission der von diesem ausgestrahl-ten Wärme erhöhen, scheinen mir die Hauptursachen des
*) Rapport fait à l’Acad. Imp. sur un voyage dans les envi-rons du mont Elbrouz, p. 125.**) Die Brücke über die Malka, am Fuße des Elbruz, liegt unterder Breite 43° 45′.***) Man sehe den Brief eines englischen Reisenden aus Subathuvom 11. Dec. 1823 in dem Asiatical Journal, Mai 1825, unddaraus übersetzt in dem Nouv. Annal des Voyages, T. XXVIIIp. 19 und 23. Ein eifriger und kenntnißreicher französischerGeognost, Hr. Jacquemont, welcher, nach dem Beispiele von Moorcroft, Webb und Gerard, in diesem Augenblick dieHimalaya-Kette durchstreift, schreibt die Ungleichheit der Höheder Schneegränze am Nord- und Süd-Abhange dieses Gebirgesebenfalls der Klarheit des Himmels auf dem Plateau von Ladakund der nebligen Beschaffenheit desselben auf Seite von Indostanzu (Brief an Hrn. Élie de Beaumont, aus Lari vom 9 Sept.1830).
|99| großen Unterschiedes, welchen die Höhe der Schnee-gränze am Nord- und Süd-Abhange des indischen Ge-birgsrücken darbietet. Nach den barometrischen Messun-gen der HH. Ledebour und Bunge zeigt der Altainicht dieselbe Erscheinung wie der Kaukasus. Der ewigeSchnee scheint hier, in Bezug auf die Breite der Lage,tiefer herabzusteigen wie an den Karpathen; allein dieKarpathen, die Alpen und die Pyrenäen liefern keinerecht scharfe Vergleichungspunkte, und beweisen, daßselbst in Europa, von 42° \( \frac{1}{2} \) bis 49° \( \frac{1}{4} \) Breite, die östli-cheren Lagen die Einwirkungen der Polardistanzen abän-dern. Am Altai, in den Bergen von Ridderski, hattesich der Schnee in Schluchten erhalten, während sich aufdem Plateau von Korgon Schichten von mehreren Jahrenüber einander liegend fanden.
  • Schneegränze.
|Spaltenumbruch|
  • Karpathen (Br. 49° \( \frac{1}{2} \)) 1330Toisen.,
|Spaltenumbruch|
  • Altai (Br. 48° 30′ — 51°)in den Bergen von Rid-derski 920 T. (?); aufKorgon 1100 T.

|Spaltenumbruch|
  • Pyrenäen (Br. 42° \( \frac{1}{2} \)—43°)1400 T.
  • Alpen (Br. 45° \( \frac{3}{4} \) — 46°)1370 T.
|Spaltenumbruch|
  • Kaukasus (Br. 42° \( \frac{1}{2} \) — 43°).Elbruz 1730 T. Kasbek1650 T.

|Spaltenumbruch|
  • Andes von Quito (Br. 1°bis 1° \( \frac{1}{2} \)) 2460 T.
  • Nevados von Mexico (Br.19° — 19° \( \frac{1}{4} \)) 2350 T.
|Spaltenumbruch|
  • Himalaya (Br. 30° \( \frac{3}{4} \) — 31°)Südabhang 1950 Toisen,Nordabhang 2600 T.
Die große Höhe der Schneegränze im südlichen Asienzwischen den Ketten des Himalaya und Kuenlun, zwi-schen den Breiten 31° und 36°, und gegen Nordostenvielleicht unter noch höheren Breiten, ist eine Wohlthat |100| der Natur. Indem sie der Entwicklung organischer For-men, dem Hirtenleben und dem Ackerbau (Weizen- undGerstenfelder finden sich auf den Hochebenen von Daba und Doompo (31° 15′ Br.) in 2334 Toisen, bei Lassur in 2170 Toisen Höhe) ein ausgedehnteres Feld darbie-tet, macht diese Erhebung der Schneegränze und dieseIrradiation der tübetanischen Plateaux eine Alpenzone inAsien bewohnbar für Völker von einer düsteren und my-stischen Physiognomie, von einer ganz eigenthümlichen indu-striellen und religiösen Civilisation, welche (Zone) in denAequinoxialregionen Amerika’s (unter der geringeren Breitevon 25° bis 30°) ganz von Schnee verschüttet oder ei-nem alle Cultur ertödtenden Reife bloß gestellt seynwürde. Analogen, obgleich noch nicht hinlänglich ergründe-ten Ursachen hat man es zuzuschreiben, daß in Ober-Peru und Bolivia eine ackerbautreibende Bevölkerungin Höhen sich findet, weit beträchtlicher als die, welchein der nördlichen Halbkugel, bei gleichem Abstand vomAequator, nicht die geringste Spur von Ackerbau darbie-ten. Hr. Pentland *) hat an dem Andes-Paß durchdie Altos von Toledo (Br. 16° 2′ S.) die untere Schnee-gränze in der Höhe von 2660 Toisen angetroffen, alsofast in derselben Höhe, welche sie unter 30° \( \frac{3}{4} \) bis 31°nördlicher Breite am nördlichen oder tübetanischen Ab-hange des Himalaya einnimmt. Und dennoch steigt imNeuen Continente unter 19° nördl. Br., am Abhangeder Vulcane oder Trachytkegel Mexico’s, die aus Hoch-ebenen von 1200 bis 1400 Toisen Höhe emporsteigen,die Schneegränze selbst in der heißesten Jahreszeit nichthöher als bis 2350 Toisen. Es ist recht merkwürdig(und vor zwanzig Jahren würden es die Physiker kaumgeahnet haben), daß die beiden Beispiele von anomalerHöhe oder, um jeden dogmatischen Ausdruck zu vermei-den, die Beispiele des Maximums der Erhebung der Schnee-
*) Annuaire du bureau des longitudes pour 1830, p. 331.
|101| gränze im Laufe des Jahres sich (als Wirkung der Trok-kenheit der Luft, der Sonnenwärme und der Strahlungder Plateaux) in Südamerika unter 16° bis 18° S. Breite,und in Asien in dem Theile der gemäßigten Zone, dersich bis auf 7° bis 8° dem Wendekreis des Krebses nä-hert, finden würden. Schon vorhin, als ich von demversengenden Klima des arabischen und persischen Meer-busens sprach (S. 97), habe ich bemerkt, daß es ge-rade die dem Wendekreis zu liegende Gränze der gemä-ßigten Zone ist, welche (aus Ursachen, die die Theo-rie des solaren Klima’s erklärt), in einem gewissenTheil des Jahres, d. h. in der periodisch-jährlichen Be-wegung der Temperatur, das Maximum der Wärme dar-bietet, welches die Gewalt und die Dauer der Irradia-tion hervorbringen können.
Ich könnte mich hier noch über das Vorherrschengewisser Luftströme verbreiten, so wie über die Ordnungoder vielmehr die Richtung, in der die Winde sich drehen(durch O. und S.), um Westwinde zu werden, über unsereUntersuchungen, zur Erkennung der Permanenz unterir-dischen Eises, endlich über die Wärmevertheilung im Bo-den von Nord-Asien, wie sie aus der Temperatur derQuellen hervorgeht — Phänomene, über welche Hr. G. Rose während unserer Reise eine große Anzahl genauerBeobachtungen gesammelt hat, und welche auf eine rechtverwickelte Art zugleich von der Breite und Länge desOrts, von der Tiefe, von der Jahreszeit, von der Cohä-renz der Fels- oder aufgeschwemmten Schichten abgeän-dert werden; — allein diese Entwicklung behalte ich mirfür ein anderes Werk vor, und ich beschließe diese Ab-handlung, in der ich nur einige zerstreute Materialiender allgemeinen Klimatologie mittheilen wollte, mit Beob-achtungen über die Trockenheit der Atmosphäre Asiens. Die große Einfachheit und die Genauigkeit des psy-chrometrischen Apparats *) von Hrn. August haben
*) Unter den einer großen Genauigkeit fähigen Instrumenten ist
|102| mich veranlaßt, denselben zugleich mit dem alten Hygro-meter von De Luc auf meiner letzten Reise anzuwen-den. Vom Anfange Junis bis Ende Octobers 1829 (wäh-rend die Temperatur der Luft zwischen 8°,7 und 31°,2 C.schwankte) sind die psychrometrischen Beobachtungen vonmeinem Reisegefährten, Hrn. Gustav Rose, angestellt.Dreiunddreißig dieser Beobachtungen, die neuerlich vonHrn. August in einer Abhandlung *) bekannt gemachtsind, zeugen von der außerordentlichen Trockenheit derLuft in den Ebenen Sibiriens westlich vom Altai, zwi-schen dem Irtysch und dem Obi, sobald Südwestwindelange aus Mittel-Asien geweht haben, in Berührung mitHochebenen, die sich nicht 200 Toisen über dem Mee-resspiegel erheben. In der Steppe Platowskaja habenwir den Thaupunkt 4°,3 C. unter dem Gefrierpunkt an-getroffen, und zwar am 5. August um 1 Uhr Nachmit-tags, als die Temperatur der Luft im Schatten 23°,7 C.war. Der Unterschied im Stande des trocknen und feuch-ten Thermometers stieg auf 11°,7 C., während bei ge-wöhnlicher Beschaffenheit der Atmosphäre dieser Unter-schied nur auf 5 bis 6° C. steigt. In der Steppe Platows-kaja hätte sich die Luft um 28° C. erkalten müssen, ehesie Thau abgesetzt haben könnte. Die Luft zwischen
das Thermometer dasjenige, welches die mannigfaltigste Anwen-dung gestattet. Es dient zur Messung der Wärme, des Lichts und derFeuchtigkeit. Es ist zugleich Thermometer, Barometer, Hygrome-ter und Photometer. Der von der berühmten Accademia del Ci-mento und dem Physiker Le Roi eingeschlagene Weg wurde von Saussure und Deluc verlassen, die einen Theil ihres Lebensan die Vervollkommnung der Hygrometer mit starren Substan-zen setzten. Die schönen Arbeiten von Dalton haben erlaubt,statt der Haar- und Elfenbeinhygrometer die Bestimmung desThaupunkts zu setzen, und auf die Bestimmung dieses Punktesgründen sich die Hygrometer von Leslie und Daniell, wiedas Psychrometer von August. *) Ueber die Fortschritte der Hygrometrie in der neuesten Zeitu. s. w. Berlin 1830.
|103| Barnaul und dem berühmten Bergwerk am Schlangenberg,in einer zwischen den Breiten 51° \( \frac{3}{4} \) und 53° eingeschlos-senen Zone, enthielt folglich nur 0,16 an Dämpfen, wasden Graden 28° oder 30° des Haarhygrometers ent-spricht. Jene Trockenheit ist unzweifelhaft die größte,welche bisher in niederen Regionen der Erde beobachtetworden ist. Hr. Erman, der Vater, der sich viel mithygrometrischen Untersuchungen beschäftigt und dabeigleichzeitig das Psychrometer und die Hygrometer von Daniell und Saussure angewandt, hat das letzterenur ein einziges Mal, und zu seinem großen Erstaunen(zu Berlin am 20. Mai 1827 um 2 Uhr Nachmittags) auf42° stehen gesehen, ebenfalls bei der Temperatur 23°,7,welche wir in der Steppe Platowskaja antrafen.
Unter den Tropen, auf einem Plateaux von 1200Toisen Höhe, in dem Thale von Mexico, welches Seenvon beträchtlicher Größe, umgeben von einem dürren undsalzigen Boden, einschließt, habe ich, während das Ther-mometer im Schatten ebenfalls 22°,5 und 23°,7 zeigte,eine Trockenheit von 40° bis 42° des SaussureschenHygrometers beobachtet, also eine der von Hrn. Erman wahrgenommenen sehr nahe kommende. Hr. Gay-Lus-sac sah auf seiner berühmten Luftfahrt in einer Höhevon 2365 Toisen (die die des Mont-Blanc um 175 Toi-sen übertrifft) das Hygrometer Saussure’s (dessen Fix-punkte wohl berichtigt waren) in einer Temperatur von4° C. bis 25°,3 zurückweichen, was nur 2mm,79 für dieSpannung der Wasserdämpfe gäbe. Wenn die fossilen Knochen der großen tropischenThiere, welche man neuerlich in den goldführenden Ge-bieten auf den Rücken des Urals *) gefunden hat, be-weisen, daß diese Kette in einer sehr späten Epoche
*) Die fossilen Knochen der Pachydermen sind in den Ebenenöstlich und westlich vom Ural, an den Ufern des Irtysch undder Kama, längst bekannt.
|104| gehoben wurde *), so ist die Gegenwart und die Er-haltung derselben Gerippe, bedeckt mit Fleisch und an-dern weichen Theilen, am Ausfluß der Lena und an denUfern des Wilhui, unter den Breiten 72° und 64°, einenoch erstaunlichere Thatsache. Die Entdeckungen von Adams und Pallas haben ein neues Interesse erlangtseit die auf der Expedition des Capitain Beechey inKotzebue’s-Sund (Breite 66° 13′, Länge 163° 25′ W.)unternommenen mühsamen Untersuchungen und Herrn Buckland’s **) tieferes Studium der geognostischenSammlung aus der Escholtz-Bai es fast zur Gewißheitgebracht haben, daß im Norden Asiens wie im Nordwe-sten Amerika’s die fossilen Gerippe, ohne und mit Fleisch,sich nicht in Eismassen finden, sondern in demselbenaufgeschwemmten Lande (diluvium), welches in den mei-sten Gegenden der tropischen und gemäßigten Zone bei-der Welten die Tertiärformationen bedeckt. Nur eineinstantane Erkältungs-Ursache, sagt jener berühmte Na-turforscher ***), dem wir die bewundernswürdigen Un-
*) Dieselbe Folgerung findet ihre Anwendung auf die Andes, wo,in beiden Hemisphären, auf den Plateaux von Mexico, von Cun-dinamarca (bei Bogota), von Quito und Chili fossile Knochenvom Mastodonten in 1200 bis 1500 Toisen Höhe gefunden wer-den. (Meine Relat. histor. T. I p. 386, 414, 429; T. IIIp. 579.)**) Beechey, Voyage to the Pacific and Berings-Strait, 1831. T. I p. 257—323; T. II p. 560, 593 — 612.***) Cuvier, Ossemens fossiles 1821, T. I p. 203. »Alles machtes ungemein wahrscheinlich, daß die Elephanten, welche dasfossile Elfenbein lieferten, in den Ländern, wo man gegenwär-tig ihre Knochen findet, lebten und wohnten. Sie können nurdurch eine Umwälzung, welche alle damals lebenden Thiere töd-tete, oder durch eine Veränderung des Klima’s, welche ihre Fort-pflanzung daselbst hinderte, verschwunden seyn. Was aberkonnte die Ursache davon seyn; sie hat sehr plötzlich wirkenmüssen. — Wäre die Kälte gradweise und langsam eingetreten,so würden diese Knochen, und noch vielmehr die weichen Theile,von denen diese noch zuweilen umgeben sind, Zeit gehabt ha-
|105| tersuchungen über die ausgestorbenen Thiergattungen ver-danken, hat diese weichen Theile Jahrtausende lang er-halten und aufbewahren können. Beschäftigt währendmeines Aufenthalts in Sibirien mit Untersuchungen überdie Wärme der unterirdischen Schichten, habe ich geglaubtin der Kälte, welche, ungeachtet der Wärme der gegen-wärtigen Sommer, in einer Tiefe von 5 bis 6 Fuß herrscht,eine Erklärung dieser Erscheinung zu sehen.
Während in den Monaten Juli und August die Luftam Mittage eine Temperatur von 25° bis 30°,7 C. be-saß, fanden wir zwischen dem Kloster Abalak und derStadt Tara (Breite 56\( \frac{1}{2} \) bis 58), bei den Dörfern Tschi-towskoi und Bakschewa, so wie zwischen Omsk und Petropablowsk (auf der Kosaken-Linie von Ischym, Breite54° 52′ — 54° 59′), bei Schankin und Poladennaya Kre-porst, vier nicht tiefe Brunnen, ohne Ueberreste von Eisan ihrer Einfassung, deren Temperatur war: +2°,6, 2°,5,1°,5 und 1°,4 C. Diese Beobachtungen wurden unterder Breite von Nord-England und Schottland angestellt,und diese Temperatur des Bodens von Sibirien erhält sichden ganzen Winter hindurch. Hr. Adolph Erman hatzwischen Tomsk und Krasnojarsk, auf dem Wege vonTobolsk nach Irkuzk, ebenfalls zwischen den Breiten56° und 56° \( \frac{1}{2} \), Quellen von +0°,7 und 3°,8 C. ange-troffen, während die Atmosphäre bis auf —24° C. ab-gekühlt war; aber einige Grade nordwärts, sowohl aufsehr unbedeutenden Bergen (unter 59° 44′ Breite, wodie mittlere Temperatur des Jahres kaum —1°,4 ist) alsauch in den Steppen jenseits der Breite 62°, bleibt der
ben sich zu zersetzen, wie die, welche man in heißen und ge-mäßigten Ländern findet. Es würde unmöglich gewesen seyn,daß ein ganzer Leichnam, wie der von Hrn. Adams entdeckte,sein Haar und seine Haut behalten hätte, wäre er nicht unmit-telbar von dem Eise, das ihn uns aufbewahrt hat, eingeschlos-sen worden. Alle Hypothesen von einer allmäligen Erkältungder Erde oder einer Veränderung in der Neigung der Erdaxe fal-len mithin von selbst.«
|106| Boden in einer Tiefe von 12 bis 15 Fuß gefroren. Ichhoffe, daß Untersuchungen, die man mir versprochen hatzu Beresow und Obdorsk, nahe am Polarkreis, in ver-schiedenen Monaten des Sommers anzustellen, uns baldbelehren werden, wie stark die veränderliche Dicke derEisschicht ist, oder besser gesagt, der Schicht feuchtengefrornen Erdreichs, die von kleinen Eisgängen durchsetztwird und Gruppen kleiner Eiskrystallen porphyrartigeinschließt. Zu Bogoslowsk, wo ein geschickter Berg-beamte, Hr. Beger, auf meine Bitte so gütig war, ineinem torfigen, wenig von Bäumen beschatteten Bodeneinen Brunnen graben zu lassen, fanden wir, mitten imSommer, in 6 Fuß Tiefe eine gefrorene Erdschicht vonmehr als 9\( \frac{1}{2} \) Fuß Dicke. Zu Jakutzk, noch 4° \( \frac{1}{2} \) süd-lich vom Polarkreis, ist das unterirdische Eis ein allge-meines und immerwährendes Phänomen, ungeachtet derhohen Temperatur im Juli und August. Man kann sichdenken, wie rasch von 62° bis 72° Breite von Jakutzkbis zur Mündung der Lena, die Dicke dieser gefrorenenErdschicht zunehmen muß.
Tieger, ganz den indischen ähnlich *), zeigen sichnoch heutigen Tags von Zeit zu Zeit in Sibirien bis zurBreite von Berlin und Hamburg. Sie leben ohne Zwei-fel im Norden des Himmelsgebirges (Muz-tagh) und ma-chen ihre Streifzüge bis zum Westabhange des Altai, zwi-schen Buchtharminsk, Barnaul und der berühmten Sil-bergrube am Schlangenberg, wo man mehrere von au-ßerordentlicher Größe getödtet hat. Diese Thatsache,welche sehr von den Zoologen beachtet zu werden ver-dient, knüpft sich an andere für die Geologie sehr wichtigeErscheinungen. Thiere, die wir gegenwärtig als Bewohner
*) Mein Reisegefährte, Hr. Ehrenberg, hat über den nordasiati-schen Tieger und über den langhaarigen Panther, der von Kasch-gar bis zur Mitte der Lena wohnt, interessante Nachrichten inden Annal. des sciences nat. T. XXI p. 387 — 412 bekannt ge-macht.
|107| der heißen Zone ansehen, haben ehemals (worauf so vielegeologische Thatsachen hindeuten), gleich den Bambus-arten, den baumartigen Farrnkräutern, den Palmen undden Corallenthieren, im Norden des alten Continents ge-lebt. Wahrscheinlich geschah es unter dem Einfluß derinneren Erdwärme, die, durch Spalten in der oxydirtenKruste, in den nördlichsten Regionen mit der Atmosphärein Verbindung stand. Es hat mir bei Erörterung derurweltlichen Veränderungen der Klimate immer geschie-nen *), als dürften die Geologen die Erscheinung derbaumförmigen Monocotyledonen (entblößt von Rinde undjenen Appendicularorganen, welche unsere Dicotyledo-nen ohne Nachtheil durch die Winterkälte verlieren kön-nen) nicht trennen von dem Phänomen der großen fos-silen Pachydermen. Mir ist begreiflich, wie in dem Maaße,als die Atmosphäre sich abkühlte (weil die Wirkung derinneren Erdwärme auf die äußere Kruste schwächer wurde,weil die Spalten sich mit festen Massen oder Felsartenausfüllten, weil bei der neuen Ordnung der Dinge dieVertheilung des Klima’s fast allein von der Ungleichheitder solaren Irradiation abhängig wurde), die Pflanzen-und Thier-Klassen, die eine größere Temperatur-Gleich-heit erforderten, allmälig aussterben mußten.
Unter den Thieren haben sich einige der kräftigstenRacen ohne Zweifel nach Süden begeben, und daselbstnoch einige Zeit in dem den Wendekreisen näher liegendenRegionen gelebt. Andere Species und Varietäten (ich er-
*) Man sehe: Denkschriften der Berliner Akademie f. 1822, S. 154,und meine: Ansichten der Natur (2. Ausgabe) Bd. II S. 188.Zu meiner lebhaften Genugthuung sehe ich, daß Hr. Buck-land, welcher uns so viele sonderbare Thatsachen über das Le-ben und die Gewohnheiten der urweltlichen Thiere kennen ge-lehrt hat, ebenfalls diesen innigen Zusammenhang zwischen derCoexistenz oder vielmehr zwischen dem örtlichen Verhalten, wel-ches die Korallenthiere, die monocotyledonischen Hölzer, dieMeerschildkröten (Chelonia) und die fossilen Mastodonten derkalten Regionen darbieten, hervorhebt (Beechey, T. II p. 611).
|108| innere an die Löwen des alten Griechenlands, an den Königs-tieger der Dzungarei, den schönen langhaarigen Irbis-Pan-ther Sibiriens) sind nicht so weit gegangen; sie konnten sichvermöge ihrer Organisation und Lebensweise mitten in derder gemäßigten Zone, und (wie Hr. Cuvier hinsichtlichder dickhaarigen Pachydermen annimmt) selbst in nörd-licheren Regionen acclimatisiren. Wenn nun bei einerder letzten Umwälzungen, welche die Oberfläche unse-res Planeten erlitt, z. B. bei der Hebung eines neuerenGebirges, Elephanten mit stumpferer Unter-Kinnlade, mitschmäleren und weniger sinuös gebänderten Backenzähnen,zweihörnige Rhinocerote, ganz verschieden von denenSumatra’s und Afrika’s, im Laufe des sibirischen Som-mers nach den Ufern des Wilui und dem Ausfluß derLena gewandert sind, so wird man hernach daselbst ihreLeichname finden in der Tiefe von einigen Fußen, ein-gehüllt in gefrorene Erdschichten, die sie gegen Fäulnißschützen. Schwache Erdstöße, Risse im Boden, und Ver-änderungen in der Beschaffenheit der Oberfläche wenigerbedeutend als die, welche noch in unsern Tagen auf derHochebene von Quito oder in dem indischen Archipelvorgehen, können diese Conservation der fleischigen Theileder Elephanten und Rhinocerote bewirkt haben. DieAnnahme einer plötzlichen Erkaltung der Erdkugel scheintmir folglich durchaus unnöthig. Man muß nicht verges-sen, daß der Königstieger, den wir gewohnt sind einThier der heißen Zone zu nennen, noch gegenwärtig inAsien von den Gränzen Indostans bis zum Tarbagatai,am Oberen Irtysch und in der Kirgisensteppe, in einerAusdehnung von 40 Breitengraden, lebt *), und daß er
*) Um die Continuität dieser Wohnplätze des Königstiegers auf ei-ner Zone, die von Süd nach Nord mehr als 1000 Lieus Längehat, zu erweisen, füge ich den zwischen dem Altai und demHimmelsgebirge liegenden Regionen, die in der zoologischen Ab-handlung des Hrn. Ehrenberg angeführt werden, noch die mithohem Schilf bedeckten Sümpfe der Stadt Schayar (unter der
|109| im Sommer von Zeit zu Zeit Streifzüge von 100 Lieuesnoch weiter gegen Norden macht. Individuen, welche imnordöstlichen Sibirien bis zu den Breiten 62° und 65°gelangten, könnten durch einen Erdfall oder durch sonsteine nicht ungewöhnliche Erscheinung noch in dem jetzigenZustande des Klima von Asien ein Conservations-Phäno-men erleiden, das denen des Mammuth von Adams undder Rhinocerote am Wilui ganz ähnlich wäre. Ich habegeglaubt, diese Betrachtungen über die gegenwärtige Tem-peratur des nordasiatischen Bodens und über die geogra-phische Verbreitung einer Gattung von großen Fleisch-fressern (des Königstiegers) von der Aequatorialzonebis zur Breite des nördlichen Deutschlands den Natur-forschern und Geologen vorlegen zu müssen. Man wird,ich wage es mir zu schmeicheln, nicht verwechseln, waswahrscheinlichen Hypothesen angehört, und was den eineshohen Grades von Genauigkeit und Gewißheit fähigennumerischen Elementen der Klimatologie beizuzählen ist.

Breite von Constantinopel und des nördlichen Spaniens) in derKleinen Bucharei hinzu, welche Sümpfe die Schlupfwinkel sehrreißender Tieger sind.