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Titel Correspondirende Beobachtungen über die regelmäßigen stündlichen Veränderungen und über die Perturbationen der magnetischen Abweichung im mittleren und östlichen Europa; gesammelt und verglichen von H. W. Dove, mit einem Vorwort von Alexander von Humboldt
Jahr 1830
Ort Leipzig
Nachweis
in: Annalen der Physik und Chemie 19:3 [= 95:3] (1830), S. 357–391, hier S. 357–361.
Sprache Deutsch
Schriftart Antiqua
Identifikation
Textnummer Druckausgabe: V.9
Dateiname: 1830-xxx_Vorwort-2
Statistiken
Seitenanzahl: 5
Zeichenanzahl: 8229
Bilddigitalisate

Weitere Fassungen
[Vorwort] (Berlin, 1830, Deutsch)
Correspondirende Beobachtungen über die regelmäßigen stündlichen Veränderungen und über die Perturbationen der magnetischen Abweichung im mittleren und östlichen Europa; gesammelt und verglichen von H. W. Dove, mit einem Vorwort von Alexander von Humboldt (Leipzig, 1830, Deutsch)
Estracto del prólogo del Señor Humboldt que precede á la Memoria de Dove (Havanna, 1831, Spanisch)
|357|

Correspondirende Beobachtungen über dieregelmäßigen stündlichen Veränderungen undüber die Perturbationen der magnetischen Ab-weichung im mittleren und östlichen Europa;gesammelt und verglichen von H. W. Dove,mit einem Vorwort von Alexander vonHumboldt.


Die Erscheinungen des tellurischen Magnetismus in drei-fachem Gesichtspunkte beobachtet, in ihrer gegenseitigenBeziehung der Neigung, Abweichung und Kraft-Intensi-tät, in ihrer Veränderlichkeit oder allmäligen Entwicklungan demselben Orte durch eine lange Zeitperiode, endlichin ihrer Gleichzeitigkeit in sehr entfernten Räumen, sindseit einer großen Reihe von Jahren der Gegenstand mei-ner Beobachtungen gewesen. Als ich aus Peru und Me-xico zurückkehrte, wo ich (an den Küsten der Südsee)auch mehrere Bestimmungen der stündlichen Abweichungmittelst einer an einem Seidenfaden aufgehangenen, mitDioptern versehenen, 12 Zoll langen Magnetnadel ver-sucht hatte, brachte ich, in Berlin, mit vieler Sorgfaltzu demselben Zwecke eine Vorrichtung zu Stande, ander ich, gemeinschaftlich mit Hrn. Prof. Oltmanns, inden Jahren 1806 und 1807 beobachtete. Wir bedien-ten uns des Prony’schen magnetischen Fernrohrs, wel-ches Winkel von 7 bis 8 Secunden mit Sicherheit an-gab. Wir beobachteten hauptsächlich in den Solstitienund Aequinoctien Tages und Nachts ununterbrochen meistvon halber zu halber Stunde 4 bis 6 Tage hinter ein-ander, und erhielten 1500 Resultate über die Verände-rungen der stündlichen Abweichung, Mittelzahlen vonetwa 6000 Beobachtungen, in denen Spuren einer nächt-lichen Periode, Einfluß des Nordlichts auf Abweichung|358| und Intensität, und sonderbare Perturbationen (magneti-sche Gewitter), wenn die Sonne unter dem Horizontesteht und nicht mehr die electro-magnetische Spannungder Erdoberfläche regiert, keinesweges zu verkennen wa-ren. Ich äußerte damals schon den lebhaften Wunsch,ähnliche Apparate in Osten und Westen von Berlin auf-gestellt zu sehen, um große tellurische Phänomene vondem unterscheiden zu können, was localen Störungen imInnern des ungleich erwärmten Erdkörpers (und in derWolken bildenden Atmosphäre) *) zugehört, aber meineAbreise nach Paris und die politischen Verwirrungen imwestlichen Europa hinderten die Erfüllung dieses Wun-sches. Nach einer langen Unterbrechung wurde in Frank-reich die von Cassini begonnene Arbeit mit einem weitvollkommneren Apparate (von Gambey) nach einemganz neuen, viel umfassenderen Plane und mit einer bisdahin unerreichten Genauigkeit fortgesetzt. Durch Aragobegann eine glänzende Epoche für die Erforschung destellurischen Magnetismus. Die auf der Pariser Stern-warte regelmäßig zu bestimmten Stunden gemachten Beob-achtungen über die täglichen Veränderungen der Abwei-chung umfassen eine größere Periode von Jahren, als jediesem Zweige der messenden Physik gewidmet wordensind. Das Licht, welches die Entdeckungen von Oer-sted, Arago, Ampère und Seebeck unerwartet überden inneren Zusammenhang der Elektricität und des Mag-netismus verbreiteten, erweckte, nach langem Schlummer,ein allgemeines Interesse für den periodischen Wechselder elektro-magnetischen Ladung des Erdkörpers. Aragozeigte, daß Nordlichter, selbst da, wo sie nicht gesehenwerden, den regelmäßigen Gang der Nadel unterbrechen.Gleichzeitige Beobachtungen in Paris und Kasan, die un-verabredet angestellt waren, lehrten, wie weit sich dieWirkung dieser Perturbationen erstrecke; sie erinnerten
*) Farquharson in Phil. Trans. 1830, p. 97.
|359| lebhaft daran, wie viel man durch correspondirende Beob-achtungen gewinnen könne.
Als ich nach einem 18jährigen Aufenthalt in Frank-reich nach Berlin zurückkehrte, beschäftigte ich mich so-gleich damit, nicht bloß die 1806 begonnene Arbeit wie-der aufzunehmen, sondern auch meine Lage dahin zu be-nutzen, um in- und außerhalb Europa einen regelmäßi-gen Cursus correspondirender Beobachtungen des tellu-rischen Magnetismus zu begründen; Gleichmäßigkeit derApparate und der Methoden, verständige Auswahl derBeobachtungsorte, steter Verkehr zwischen den geübtenBeobachtern und Sicherung des Antheils gelehrter Cor-porationen, damit das von meinen Freunden und mir ge-gründete Institut permanent bleibe, waren wesentliche Er-fordernisse. Fast dürfen wir schon sagen, daß unsereLinie magnetischer Stationen sich jetzt von Südamerikaquer durch Europa bis Peking erstreckt. Boussingaultbeobachtet auf meine Bitte mit einem Instrumente vonGambey in der tropischen Region von Columbia, wodie Abweichung östlich ist *). Im Herbste 1828 habe ichzu Berlin in dem Garten des Stadtraths Mendelsohn-Bartholdy ein magnetisches Haus aufführen lassen, ohnealles Eisen, mit Häspen, Nägeln und Schlössern von ro-them Kupfer. In Freiberg auf dem sächsischen Erzge-birge wird unter Tage, in 35 Lachter Teufe, auf demtiefen Fürsten-Stollen in dem Baue des Methusalem beob-achtet. Die von mir, auf Befehl des Kaisers von Ruß-land, im vorigen Jahre unternommene Reise nach demnördlichen Asien hat mir mannigfaltige Gelegenheit ver-schaft, meinen Plan eine große Ausdehnung zu geben.Auf meinen Antrag hat die Kaiserl. Academie der Wis-senschaften zu St. Petersburg ein magnetisches Haus für
*) S. den Auszug aus meiner academischen Abhandlung: Ueberdas Mittel, die Ergründung einiger Phänomene des tellurischenMagnetismus zu erleichtern, in Poggendorff’s Annalen, 1829,St. 3. S. 331.
|360| den trefflichen Physiker Hrn. Prof. Kupffer bauen las-sen. Aehnliche Anstalten sind in Kasan und Nicolajewgetroffen. Für Moscau, Irkutzk und Sitka (an der Nord-Westküste von Amerika, wo Baron Wrangel beob-achtet) sind Instrumente bereits bestellt. Der AstronomHr. Fuß der jüngere, welcher die Mission griechischerMönche nach Peking begleitet, ist mit einer schönen De-clinationsnadel von Gambey versehen. — »Unsere Sta-tionslinie,« schreibt mir so eben Prof. Kupffer, dessenunbegrenzter Thätigkeit wir wahrscheinlich auch bald dieKenntniß der Configuration und des Fortschreitens derLinie ohne Abweichung verdanken werden, »erstrecktsich nun bis Archangel, wo, auf Befehl des Seeministers,bei Aufnahme des Weißen Meeres, Neigung, absoluteund stündliche Abweichung, und Intensität der magneti-schen Kraft von einem sehr kenntnißvollen Beobachterbestimmt werden sollen.« So viel ist bisher zur Erre-gung allgemeiner Theilnahme an den correspondirendenBeobachtungen gelungen. Die Academie der Wissenschaf-ten *) zu Paris hat, bei Gelegenheit meiner Abhandlungüber Inclinations-Bestimmungen am Ural, Altai und Cas-pischen Meere, Commissarien **) ernannt, um Vorschlägezu machen, wie mein Unternehmen weiter ausgedehntwerden könne.
In den Nordamerikanischen Freistaaten, wo die Re-gierung die ungeheure Ausdehnung des Territoriums be-reits nach einem so glücklichen Plane zur Ergründungmeteorologischer Erscheinungen benutzt; in der südlichenHemisphäre, in Neu-Holland, am Vorgebirge der GutenHoffnung, in Chili und auf großen Höhen der Andeskette,in Quito, Potosi und Mexico, wären permanente Statio-nen sehr wünschenswerth. Bei dem Fortschreiten wis-senschaftlicher Kultur und dem raschen Verkehr der Völ-
*) Sitzung vom 28. Junius 1830.**) Gay-Lussac, Arago und Dulong.
|361| ker sind solche Einrichtungen (wo ernster Wille ist)leicht zu treffen, besonders wenn man sich immer mehrund mehr überzeugen wird, daß große tellurische Phä-nomene von Reisenden zwar theilweise aufgefaßt, aberallein durch fortgesetzte Beobachtungen auf permanentenphysikalischen Observatorien ergründet werden können.
Am Schluß dieser historischen Einleitung muß ichnoch bemerken, daß der verdiente Herausgeber der An-nalen der Physik, Professor Poggendorff, alle nachBerlin, wo nun eine Central-Anstalt, eingesandten corre-spondirende Beobachtungen wird abdrucken lassen. Diebisher verabredeten Epochen sind:
    • 20. und 21. März,
    • 4. und 5. Mai,
    • 21. und 22. Junius,
    • 6. und 7. August,
    • 23. und 24. September,
    • 5. und 6. November,
    • 21. und 22. December,
    von 4 Uhr Mor-gens des erstenTages bis Mitter-nacht des zwei-ten Tages,
wenigstens von Stunde zu Stunde Tages und Nachts.Sollte die Zahl der Epochen zu groß scheinen, so stehtzu wünschen, daß man sich auf die Solstitien und Aequi-noctien vorzugsweise beschränke.

Alexander v. Humboldt.