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Alexander von Humboldt: „Ueber die Haupt-Ursachen der Temperatur-Verschiedenheit auf dem Erdkörper“, in: ders., Sämtliche Schriften digital, herausgegeben von Oliver Lubrich und Thomas Nehrlich, Universität Bern 2021. URL: <https://humboldt.unibe.ch/text/1827-Ueber_die_Hauptursachen-6-neu> [abgerufen am 17.04.2024].

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Titel Ueber die Haupt-Ursachen der Temperatur-Verschiedenheit auf dem Erdkörper
Jahr 1836
Ort Trier
Nachweis
in: Treviris 3:43 (29. Oktober 1836), [o. S.]; 3:44 (5. November 1836), [o. S.].
Sprache Deutsch
Typografischer Befund Fraktur; Spaltensatz; Auszeichnung: Sperrung; Fußnoten mit Asterisken; Tabellensatz.
Identifikation
Textnummer Druckausgabe: IV.81
Dateiname: 1827-Ueber_die_Hauptursachen-6-neu
Statistiken
Seitenanzahl: 10
Spaltenanzahl: 20
Zeichenanzahl: 52079

Weitere Fassungen
Ueber die Hauptursachen der Temperatur-Verschiedenheit auf dem Erdkörper (Leipzig, 1827, Deutsch)
On the Principal Causes of the Differences of Temperature on the Globe (Edinburgh, 1828, Englisch)
O głównych przyczynach nóżnicy temperatury na kuli ziemskiey (Vilnius, 1829, Polnisch)
Über die Haupt-Ursachen der Tempratur-Verschiedenheit auf dem Erdkörper. (Gelesen in der Akademie der Wissenschaften am 3. Juli 1827) (Berlin, 1830, Deutsch)
Ueber die Hauptursachen der Temperatur-Verschiedenheit auf dem Erdkörper (Göttingen, 1833, Deutsch)
Ueber die Haupt-Ursachen der Temperatur-Verschiedenheit auf dem Erdkörper (Trier, 1836, Deutsch)
De las diversas causas de la diferencia de la temperatura en el Globo. (Mexico, 1841, Spanisch)
De las diversas causas de la diferencia de la temperatura en el Globo (Mexico, 1842, Spanisch)
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Ueber die Haupt-Urſachen der Temperatur-Verſchiedenheit auf dem Erdkörper.

Von Hrn. Alexander von Humboldt.(Geleſen in der Akademie der Wiſſenſchaften am 3. Juli 1827.)Eine lange Reihe von Jahren iſt verfloſſen ſeitdem ich, von meiner Reiſe nach der Andes-Kette zu-rückkehrend, es verſucht habe, in den öffentlichen Ver-|Seitenumbruch| |Spaltenumbruch| ſammlungen dieſer Akademie einige Natur-Anſichten zuentwickeln, von denen ich hoffen durfte, daß ſie durchdie Größe des Gegenſtandes, vielleicht auch durch einſorgfältiges Hinweiſen auf das Gemeinſame in denErſcheinungen, ein allgemeineres Intereſſe erregen wür-den. In der Form kleiner Abhandlungen habe ichfragmentariſch geſchildert: zuerſt die Wüſten und Step-pen, welche, wie Meeres-Arme hingeſtreckt, fruchtbareLänderſtriche und feindliche Menſchenſtämme von ein-ander ſcheiden; dann die Phyſiognomik der Gewächſeoder die geographiſche Verbreitung der Pflanzen-For-men, welche den Charakter einer Landſchaft beſtimmen,das Gemüth der Einwohner mehr oder minder lebhaftanregen, ja faſt unbewußt die dichteriſche Phantaſiemit trüben oder heiteren Bildern erfüllen; endlich dieWaſſerfälle, welche die große Flußwelt des Orinoco-,des Caſſiquiare- und Amazonen-Stromes gleichſam inzwei Hälften theilen, Palmen-Gebüſche auf Schaum-bedeckten Inſeln nähren, und in ihren höhlenreichenFelsdämmen die Grabſtätte eines untergegangenen Völ-kerſtammes verbergen. So verſchiedenartig auch dieGegenſtände ſind, welche ich hier in die Erinnerungzurückrufe, ſo habe ich doch ununterbrochen dahin ge-ſtrebt, ſie in der Behandlung auf etwas Gemeinſames,auf die Begründung einer allgemeinen vergleichendenNaturkunde zurückzuführen. Es hieße den höherenZweck eines wiſſenſchaftlichen Erkennens, einer philo-ſophiſchen Naturbetrachtung verfehlen, wenn man ſichmit den Einzelnheiten ſinnlicher Anſchauung, mit derrohen Anhäufung ausſchließlich ſogenannter Thatſachen(des Wahrgenommenen, Verſuchten und Erfahrenen)begnügte und ſo die Einheit der Natur verkennend,nicht das Allgemeine und Weſentliche in den Erſchei-nungen vorzugsweiſe zu erforſchen ſuchte. Nach den-ſelben Beſtrebungen eines vergleichenden Naturſtudi-ums habe ich den Bau und die Wirkungsart der Vul-kane in verſchiedenen Erdſtrichen betrachtet, und vorvier Jahren, in der letzten öffentlichen Verſammlung,der ich beiwohnen konnte, mit wenigen Zügen geſchil-dert.Wenn ich hier jene früheren Arbeiten aufzähle,ſo iſt es nicht, um wohlgefällig bei dem zu verwei-len, was im lebendigen Fortſchreiten der Naturwiſſen-ſchaft und der phyſiſchen Erdkunde nur zu ſchnell zuveralten droht: jene Erinnerung ſoll bloß dazu die-nen, den Geſichtspunkt zu beſtimmen, aus dem ichwünſchte, den gegenwärtigen Vortrag beurtheilt zu ſe-hen. Oeffentliche akademiſche Sitzungen ſind nicht da-zu geeignet, abgeſonderte Beobachtungen zu erörtern,oder bloßen Zahlen-Verhältniſſen ermüdend nachzuſpür-en. Kürze, welche die Achtung gegen den Hörendengebietet, ſteht der Vollſtändigkeit jeder empiriſchen Un-terſuchung entgegen. Das Einzelne kann gefällig nurdann die Aufmerkſamkeit auf ſich ziehen, wenn esdem Allgemeinen untergeordnet, auf höhere Natur-An-ſichten hindeutet. Einer beſonderen Nachſicht könnteſich die aphoriſtiſche Behandlung empfehlen, wenn esihr gelänge, dieſelbe Klaſſe von Erſcheinungen viel-ſeitig zu beleuchten, eine Fülle von Ideen in ſchnellerFolge zu erwecken, und ſo die freie Thätigkeit desGeiſtes regſam zu beſchäftigen.Vertheilung der Wärme auf dem Erdkörper iſtſeit vielen Jahren ein Haupt-Gegenſtand meiner Unter-ſuchungen geweſen: ſie ſteht mit der räumlichen Ver-ſchiedenartigkeit der Producte, mit dem Ackerbau unddem Handelsverkehr der Völker, ja mit mehreren Sei-|Spaltenumbruch| ten ihres ganzen moraliſchen und politiſchen Zuſtandesin der innigſten Verbindung. Die Zeiten ſind vor-über, wo man ſich mit unbeſtimmten Anſichten überdie Differenz geographiſcher und phyſiſcher Klimate be-gnügte, und alle Modificationen der Temperatur baldſchützenden Bergzügen, bald der Erhöhung der Erd-oberfläche zuſchrieb. Man hat nach und nach einge-ſehen, daß die merkwürdigen Abweichungen der Klima-te, welche man in großen Länderſtrecken, zwiſchen den-ſelben Breite-Graden und in derſelben Höhe über demMeeresſpiegel wahrnimmt, nicht von dem kleinlichenEinfluſſe individueller Oertlichkeiten herrühren, ſon-dern allgemeinen Geſetzen unterworfen ſind, welchedurch die Geſtalt der Continental-Maſſen, durch ihreUmriſſe, den Zuſtand ihrer Oberfläche, beſonders aberdurch ihr Stellungs- und Größen-Verhältniß zu denbenachbarten Meeren beſtimmt wird. Die relativeLage durchſichtiger und undurchſichtiger, tropfbar flüſ-ſiger oder feſter Theile der Erdoberfläche modificirt(um mich der Sprache der mechaniſchen Phyſik zu be-dienen), die Abſorption der, unter gleichen Winkelneinfallenden Sonnenſtrahlen, und mit ihr die Erzeug-ung der Wärme. Dieſe Umſtände, die winterliche Be-deckung mit Eis und Schnee, welche den Continen-ten, und nur einem ſehr kleinen Theile der Meereeigen iſt, die Langſamkeit, mit welcher große Waſſer-maſſen ſich erwärmen und erkälten; das Strahlenglatter oder rauher Oberflächen gegen einen wolken-freien Himmel; die regelmäßigen Strömungen desOceans und der Atmosphäre, welche Waſſer und Luftaus verſchiedenen Breiten und aus verſchiedenen Tie-fen und Höhen mit einander miſchen, ſind die Haupt-momente, von denen die Eigenthümlichkeiten klimati-ſcher Verhältniſſe abhängen. Demnach hat jeder Ortgleichſam ein zwiefaches Klima: eines, das von all-gemeinen und fernen Urſachen, von der Stellung derContinental-Maſſen und ihrer Geſtaltung abhängt; einanderes, welches ſpecielle, nahe liegende Verhältniſſeder Lokalität beſtimmen.Seitdem man angefangen hat, das Problem dergeographiſchen Wärme-Vertheilung in ſeiner ganzenAllgemeinheit zu faſſen, ſind meteorologiſche Beobacht-ungen minder geiſtlos und zweckwidrig angeſtellt wor-den. Eine kleinere Zahl derſelben führt jetzt zu be-ſtimmten Reſultaten; und Entdeckungen, welche inden letzten Jahrzehenden in den fernſten Theilen derErde gemacht worden ſind, haben den Geſichtspunktallmälig erweitert. Ohne dem Einſammeln von Natur-Producten oder den Fortſchritten einer ſpeciellen Natur-beſchreibung zu ſchaden, ſind nach und nach Phyſikund Geognoſie wichtige Gegenſtände aller großen Land-und See-Reiſen geworden. Um mit dem äußerſtenNorden zu beginnen, erwähne ich hier zuerſt einesMannes, den die gefahrvollen und läſtigen Beſchäf-tigungen ſeines Berufes, des Wallfiſchfanges, nichtabgehalten haben, die feinſten meteorologiſchen undzoologiſchen Beobachtungen anzuſtellen. Herr Sco-resby hat zwiſchen der vulkaniſchen Inſel Jan-Mayenund dem von ihm entdeckten Theile von Oſt-Grönlandzuerſt die mittlere Luft-Temperatur der Polar-Meerebeſtimmt. Eine nordweſtliche Durchfahrt ſuchend, iſtes der engliſchen Regierung gelungen, der Erdkunde,der Klimatologie und der Kenntniß magnetiſcher Er-ſcheinungen Dienſte leiſten zu laſſen, welche urſprüng-lich dem Handelsverkehr der Völker verheißen waren.Parry, Sabine und Franklin haben aus mehr-jährigen Erfahrungen die Temperatur-Verhältniſſe der|Seitenumbruch| |Spaltenumbruch| Luft und des Meeres bis Port-Bowen und Mellville’sInſel, alſo faſt bis zum 75ſten Breiten-Grade, miteiner Ausdauer erforſcht, von der die Geſchichte menſch-licher Anſtrengungen und muthigen Ankämpfens gegendie Elemente kaum ein ähnliches Beiſpiel aufweiſenkann. Ein altes Vorurtheil, dem Cook’s großer Na-me zum Schutze diente, die Meinung, als ſei derSüdpol, einer allgemein verbreiteten Eisdecke wegen,unzugänglicher, als der Nordpol, iſt neuerlichſt durchden Seefahrer Weddell zerſtört worden. Die Ent-deckung eines neuen Archipelagus, Süd-ſüd-öſtlich vomFeuerlande, hat zu einer Expedition Anlaß gegeben,auf welcher (weit jenſeits zweier von dem ruſſiſchenKapitain Billinghauſen aufgefundenen Sporaden)unter dem 74ſten Grade der Breite Weddell ein völ-lig eisfreies Meer vor ſich ſah.Wenden wir uns von dieſen Extremen der Polar-gegenden zu der gemäßigten Zone, ſo finden wir einegroße Anzahl von Punkten, wo neben den drei geo-graphiſchen Ortsbeſtimmungen in Breite, Länge undHöhe, neben den veränderlichen Erſcheinungen der mag-netiſchen Inclination, Abweichung und Kraft, auchdie bisher für unveränderlich gehaltene mittlere Tem-peratur gemeſſen worden iſt. Aſtronomen in Neu-Hol-land und am Fuß des indiſchen Himalaya, katholi-ſche und evangeliſche Miſſionarien in Macao, Van-Diemens-Land und der Gruppe der Sandwich-Inſelnhaben neue Thatſachen geliefert, um die nördliche undſüdliche, die öſtliche und weſtliche Hemisphäre (alſodie waſſer- und länderreichſten Theile der Erde) in derheißen und gemäßigten Zone mit einander zu ver-gleichen. Eben ſo iſt das Verhältniß der Wärme un-ter dem Aequator und den beiden Wendekreiſen, (un-ter letzteren liegen zufällig die größten Handelsplätzeder Tropenwelt, Havanah, Canton, Culcutta undRio-Janeiro) beſtimmt worden. Dieſe numeriſchenElemente ſind als Fixpunkte beſonders wichtig, weilſie, wie die Zone des wärmſten Meeres-Waſſers (zwi-ſchen 23° und 24° R.), in der Folge der Jahrhun-derte dazu dienen können, die viel beſtrittene Tempe-ratur-Veränderlichkeit unſeres Planeten zu prüfen.Ich muß hier erinnern, daß klimatologiſche Be-ſtimmungen in dem ſüdlichſten Theile der gemäßigtenZone, zwiſchen den Parallel-Kreiſen von 28° und 30°,lange vermißt worden ſind. Dieſe Weltgegend bildetgleichſam ein Mittelglied zwiſchen dem eigentlichen Pal-men-Klima und der Zone, in welcher, nach weſtlichenSagen, die Menſchheit zuerſt (längſt dem Mittelmeer,in Vorder-Aſien und Iran) zu geiſtiger Bildung, zuAnmuth der Sitten und ſchaffendem Kunſtgefühle er-wacht iſt. Niebuhr’s, Nouet’s und Coutel’sBeobachtungen in Aegypten, meines unglücklichen Freun-des Ritchie’s Beobachtungen in der Oaſe von Mur-zuk, waren ihrer örtlichen Verhältniſſe wegen, nurdazu geeignet, mißleitende Reſultate zu geben. Dasgroße und klaſſiſche Werk über die Canariſchen In-ſeln, welches wir Herrn Leopold v. Buch verdan-ken, hat auch dieſe Lücke ausgefüllt, ſo wie ſeineReiſe nach Lappland und nach dem nördlichſten Vor-gebirge unſeres Erdtheils zuerſt die Urſachen klar ent-wickelt hat, welche in der Scandinaviſchen Halbinſel,jenſeits des Polarkreiſes, die Strenge der Winterkältemildern, den Quellen die Temperatur erhalten, wel-che ihnen tiefere Erdſchichten gegeben haben, und dieGrenzen des ewigen Schnees und der verſchiedenenBaumarten, unter Einfluß des Continental- u. Küſten-|Spaltenumbruch| Klimas, ungleich erheben. So hat dieſer vielumfaſ-ſende Reiſende das relative Alter der Gebirgs-Arten,die Modificationen des Luftkreiſes und die geographi-ſche Verbreitung der Gewächſe, gleichzeitig im Südenund Norden, durch die Mannigfaltigkeit ſeiner Be-ſtrebungen ergründet, und das alte Band der Geog-noſie und phyſiſchen Erdkunde feſter geknüpft.Folgen wir dem Meeresſtrome, welcher das großeThal des atlantiſchen Oceans von Oſten gegen Weſt-en durchſchneidet, ſo finden wir in der neuen Welt,von dem ruſſiſchen Amerika und den Anſiedelungen ka-nadiſcher Jäger bis an den Plata-Strom und das ſüd-lichſte Chili, in einer Länge von mehr als 1500 geo-graphiſchen Meilen, reiche Quellen der Belehrung faſtunerwartet eröffnet. Es ſind nicht mehr fremde Natur-forſcher, die uns mittheilen, was ſie bei dem kurzenAufenthalte in wald- oder grasreichen Ebenen, wieauf dem beeiſeten Rücken der Cordilleren flüchtig er-forſcht haben; von der mittleren Temperatur einzel-ner Wochen und Monate braucht man nicht mehr aufdie mittlere Temperatur des Jahres zu ſchließen; über-all geht von den Einwohnern ſelbſt gründliche undvollſtändige Belehrung aus.Die executive Gewalt der vereinigten Staaten vonNord-Amerika läßt ſeit 5 Jahren, zwiſchen dem 28ſtenund 47ſten Grade der Breite, zwiſchen dem Miſſuryund den Alleghanis, zwiſchen dem See Michigan u.der Küſte von Penſacola, auf einem Flächenraumevon 24,000 Quadratmeilen, an 17 verſchiedenen Punk-ten, wo militairiſche Beſatzungen ſtehen, täglich drei-mal meteorologiſche Beobachtungen anſtellen, aus de-nen ſich die mittlere Temperatur der Tage, der Mo-nate und des Jahres ergibt. Dieſe Beobachtungen vondem General-Staabs-Arzte der Armee, Herrn Lo-well, berechnet, ſind in zwei Abhandlungen auf Koſt-en der nord-amerikaniſchen Regierung herausgegebenund an alle wiſſenſchaftliche Inſtitute in Europa ver-theilt worden. Wenn nach dieſem ſchönen Beiſpiele,in dem öſtlichen Theile unſeres alten Continents, indem weitausgedehnten, der halben Mondfläche gleichenRaume zwiſchen der Weichſel und der Lena, in wohlausgewählten Punkten, ähnliche unter ſich vergleich-bare Thermometer-Beobachtungen, auf Befehl undKoſten eines mächtigen Monarchen, gemacht würden,ſo müßte in wenigen Jahren die ganze Klimatologieeine neue und verbeſſerte Geſtalt gewinnen.Der Eifer, welcher die vereinigten Staaten vonNord-Amerika beſeelt, iſt in dem jetzt erſt frei gewor-denen ſpaniſchen Amerika mit gleicher Lebhaftigkeit er-wacht. Zeitſchriften, die in Bergſtädten bis zu 9000Fuß Höhe gedruckt werden, geben täglich, in der un-geheuren Ausdehnung von 28° nördlicher bis 40° ſüd-licher Breite, den Stand des Thermometers, Baro-meters und Hygrometers, nach genauen, in Parisund London angefertigten Inſtrumenten an. So iſtdie nun vollendete politiſche Revolution dieſer Ländernicht blos ihrem eigenen Wohlſtande und dem Er-werbfleiße von Europa erſprießlich geworden; ſie wirdauch unbezweifelt, je nachdem die Bevölkerung zu-nimmt, und ſich wiſſenſchaftliche Kultur über ſo vieleBerggehänge und Hochebenen verbreitet, zu einer gründ-licheren Kenntniß der höheren Schichten der Atmos-phäre führen. Ganze Provinzen erheben ſich dort zuder Höhe des Aetna und Pic’s von Teneriffa, inſel-förmig im Luftmeere. Wo im alten Continent der rei-|Seitenumbruch| |Spaltenumbruch| ſende Phyſiker, der ewigen Schneegrenze nahe, ſeinZelt aufſchlägt, da liegen hier volkreiche Städte.So wie Afrika, in neueren Zeiten, für einen anPalmen-Formen armen Welttheil erkannt worden iſt,während es die Alten auf Münzen und Denkmälernals Palmenreich ſymboliſirten; ſo haben auch die letz-ten Entdeckungsreiſen unſern Glauben an eine ſtetsgleichförmige Tropenhitze in den afrikaniſchen Wüſtenſonderbar modifizirt. Von Murzu in Fezzan aus rei-ſend (einer Oaſe, in der Ritchie und Lyon, wahrſchein-lich wegen des in der Luft ſchwebenden wärmeſtrahlen-den Sandes, im Schatten, 5 — 6 Fuß über den Bo-den, mehrere Sommer-Monate hindurch, das Reau-murſche Thermometer, um 5 Uhr Morgens zwiſchen24° und 26°, Mittags zwiſchen 38° und 43° geſehenhaben) ſtarb Dr. Oudney vor Kälte, mitten in Afri-ka, an der Grenze von Bornu, unter dem 13ten Brei-tengrade, zu Ende Dezember in einem Lande, das nachBarometer-Meſſungen nicht 1200 Fuß über dem Mee-resſpiegel erhaben iſt. Man behauptet, Waſſerſchläu-che, welche Oudney’s Caravane trug, ſeien in derſel-ben Nacht gefroren geweſen; doch hat mir Clapper-ton’s Reiſegefährte, Major Denham, den ich nachſeiner Rückkehr vom See Tchad um mündliche Erläu-terungen gebeten, erzählt, daß am Morgen, einigeStunden nach dem Tode des Dr. Oudney, die Luft-Temperatur nicht unter 7½ Grad geweſen ſei. InSüd-Amerika, dem Aequator näher, bei Bogota undQuito, habe ich, trotz der großen kälteerzeugendenWirkung der Strahlung hoher Ebenen, Waſſer nochnicht in 8500 und 9000 Fuß Höhe mit Eis bedeckt ge-ſehen. In den handſchriftlichen Tagebüchern des jungenBeaufort, der vor Kurzem im oberen Senegal einOpfer ſeines wiſſenſchaftlichen Eifers geworden iſt,finde ich, unter 16 Grad Breite, das Thermometer imSchatten, an demſelben Tage, auf 36 Grad in derMittagsſtunde, und auf 12 Grad am frühen Morgen.So tief ſinkt nie die Luft-Temperatur in Amerika inder Ebene unter demſelben nördlichen Parallelkreiſe.Als ich im vorigen Jahre der Akademie einen ausführ-lichen Bericht über die vortrefflichen Arbeiten von Eh-renberg und Hemprich vorlegte, habe ich bereitsder Kälte erwähnt, welcher dieſe gelehrten Reiſenden inder Wüſte von Dongola, unter 19 Grad Breite, aus-geſetzt waren. Nordwinde gelangten bis in dieſe ſüd-liche Tropen-Gegend, und im Dezember ſank das Ther-mometer bis 2°, 5 R. über dem Gefrier-Punkte herab,alſo volle 12 Grad tiefer, als es, nach ſorgfältig vonmir geſammelten Erfahrungen, je unter derſelben Brei-te, in Weſtindien, beobachtet wurde. Man iſt erſtaunt,nicht etwa am äußerſten Rande der Tropen-Zone, ſon-dern mitten in derſelben, Afrika, in ſeinen Wüſten,kälter als das vegetationsreiche Amerika zu finden.Die eigentlichen Urſachen dieſes ſonderbaren Erkält-ungs-Prozeſſes (vielleicht Wärmeſtrahlung des Bodensdurch trockene Luft gegen einen wolkenfreien Himmel,plötzliches Ausdehnen beim Ergießen feuchter Luftſchich-ten in dieſe trockene Luft, Herabſinken der oberen Thei-le der Atmosphäre) ſind bis jetzt nicht hinlänglich er-gründet worden.Es iſt allgemein bekannt, daß mehr als zwei Drit-theile unſeres Planeten von einer Waſſerhülle bedecktwerden, die durch Berührung mit der Atmosphäre denwichtigſten Einfluß auf das Klima der Continental-Maſſen ausübt. Waſſer, von den Sonnenſtrahlen ge-troffen, erwärmt ſich nach andern Geſetzen, als die|Spaltenumbruch| feſte Erdrinde. Verſchiebbarkeit der Theilchen, aus de-nen man ſich das Flüſſige zuſammengeſetzt vorſtellt, er-regen Strömungen und ungleiche Vertheilung der Tem-peratur. Durch Strahlung erkältet und verdichtet,ſinken die Waſſertheilchen zu Boden. Luftreiſen, Er-klimmen von iſolirten Bergſpitzen, u. in das Meer her-abgelaſſene thermoscopiſche Apparate haben die Schnel-ligkeit der Wärme-Abnahme beſtimmt, welche, von un-ten nach oben in der Atmosphäre, von oben nach un-ten in den Ocean und in Süßwaſſer-Seen, zu verſchie-denen Jahreszeiten, ſtattfindet. Geſchöpfe, denen bei-de Elemente zum Aufenthalt dienen, finden daher, aufjeglichem Punkte der Erde, im luftförmigen und imtropfbaren Elemente, die heterogenſten Klimate ſchich-tenweiſe über einander gelagert. In der Tiefe desMeeres, unter dem Aequator, wie in den Alpen-Seender gemäßigten Zone, herrſcht fortwährend ein be-ſtimmter Kälte-Grad, der, bei welchem das Waſſerſeine größte Dichtigkeit erlangt. Ellis’s, Forſter’sund Sauſſure’s Verſuche ſind jetzt unter allen Zo-nen und in allen Tiefen wiederholt worden; aber waswir über die niedrigſte Temperatur der Luft und desMeerwaſſers, wie über die größte Wirkung der Wär-me-Strahlung zwiſchen den Wende-Kreiſen wiſſen,dient zum unumſtößlichſten Beweiſe, daß die Kälte,welche dort nahe am Meeresboden herrſcht, von einerStrömung herrührt, die in den Tiefen des Oceansſich von den Polen zu dem Aequator richtet, und dieunteren Waſſerſchichten der ſüdlichen Meere erkältet,wie in der Atmosphäre der obere Luftſtrom, der ſichvom Aequator gegen die Pole ergießt, die Winter-Kälte der nördlichen Länder mildert.Sandbänke werden, wie der unſterbliche Benja-min Franklin zuerſt gelehrt hat, früher durch dasThermometer, als durch das Senkblei erkannt. Esſind ſubmariniſche Inſel-Theile des Meerbodens, wel-che die elaſtiſchen Kräfte nicht über den Waſſerſpiegelerheben konnten. Auf dem Abhange der Untiefen,durch Stoß anſteigend, miſchen ſich die unteren käl-teren Waſſerſchichten mit den oberen wärmeren. Soverräth dem Schiffer plötzliche Meereskälte die naheGefahr. Durch ihre Temperatur wirken die Untiefenauf die darüber ſtehende Luft, in der ſie Nebel undweitgeſehene Gruppen von Wolken erzeugen.Gewöhnt, den Farbenſchmuck tropiſcher Productedem energiſchen Reize des Lichtes und der Wärme zu-zuſchreiben, wird der Naturforſcher durch den Anblickſchönfarbiger Seegewürme, Conchylien und Fiſche be-fremdet, die, in den Aequatorial-Meeren großentheilsin Tiefen leben, in welche das Sonnenlicht, nachErfahrungen in Taucher-Glocken und nach Bouguer’soptiſchen Verſuchen, nicht mehr hindringt, und wodie Temperatur kalter Klimate herrſcht. Haben ſichdie Typen dieſer prachtvollen organiſchen Bildungenvor Jahrtauſenden, unter anderen äußeren Bedingniſ-ſen, feſtgeſtellt? Werden die großäugigen Fiſche,welche in 2000 Fuß Tiefe dem Raube nachgehen,noch durch Eindrücke des Geſichtsſinnes geleitet? DieſeFragen verdienen neue Unterſuchungen, welche ebenſowohl in das Gebiet der zoologiſchen Geographie,als der Phyſiologie und Naturlehre gehören. Derneueren Behauptung, daß eine Schaar phoſphoresci-render Mollusken jenen Fiſchen in den finſtern Ab-gründen des Oceans vorleuchte, durch Licht, wasdie Lebensthätigkeit ſelbſt etwickelt, kann ich nicht bei-pflichten.|Seitenumbruch| |Spaltenumbruch| Als man noch wenig über die Verbreitung derWärme auf dem Erdkörper nachgedacht hatte, glaubteman das Klima zweier Orte nach den Extremen beur-theilen zu können, welche die Sommer- und Winter-Temperaturen erreichen. Dieſe Anſicht der Dinge hatſich noch in der Volksmeinung erhalten; von den Phy-ſikern iſt ſie längſt als unrichtig aufgegeben worden;denn wenn auch unbezweifelt die Extreme einzelner Ta-ge und Nächte in gewiſſem Verhältniß zu der mittlerenTemperatur des Jahres ſtehen, ſo iſt doch (und dieſerUmſtand hat den wichtigſten Einfluß auf das Gedeihender Gewächſe und den Geſundheitszuſtand der Menſch-en) bei einem und demſelben Grade mittlerer jährlicherTemperatur, die Vertheilung der Wärme unter die ver-ſchiedenen Jahreszeiten auffallend verſchieden. Den Ty-pus dieſer Vertheilung, nach Maaßgabe der Himmels-ſtriche und Höhen, habe ich ſorgfältig zu beſtimmen ge-ſucht. Sollen aber vergleichende Reſultate in Zahlenüberſichtlich gegeben werden, ſo müſſen ſie die mittlereTemperatur jedes Monats, in der Vorausſetzung einerarithmetiſchen Reihe, aus den zwei Extremen eines jeg-lichen Tages hergeleitet, enthalten. Dieſe Methode be-folgte zuerſt Reaumur im Jahr 1735; er verglichden Ertrag zweier Korn-Erndten, nicht (wie Herſchel)mit Zahl und Größe der Sonnenflecke und Sonnenfak-keln, ſondern mit der Quantität Wärme, welche dieCerealien während ihrer Vegetationszeit empfangen.Viele Arbeiten ſind in den letzten Jahren darauf ge-richtet geweſen, die Stunde zu beſtimmen, deren mitt-lere Temperatur zugleich die des ganzen Jahres aus-drückt. Ich erwähne hier nur der Beobachtungen,welche auf Herrn Brewſter’s rühmliche Veranſtaltungin Schottland auf dem Fort Leith angeſtellt wordenſind. Man hat die Nachtwachen eines Militair-Poſtensdazu benutzt, ein Thermometer, zwei ganze Jahre lang,von Stunde zu Stunde beobachten zu laſſen, und ausder Maſſe dieſer Beobachtungen, die man unter ande-ren Parallelkreiſen wiederholen ſollte, iſt berechnet wor-den, daß in der Breite von Edimburg eine einzige täg-liche Beobachtung, Morgens um 9 Uhr 13 Minuten;Abends um 8 Uhr 27 Minuten genügen würde, diemittlere jährliche Wärme zu beſtimmen *). Unter denMonaten geben dieſes wichtige Reſultat April und Ok-tober; es ſei denn (und dieſe von Leopold v. Buchzuerſt aufgefundene Thatſache hängt mit merkwürdigenModificationen der obern Luftſtröme zuſammen), daßdurch örtliche Urſachen, wie auf der Inſel Gran Ca-naria, das Maximum der Wärme verſpätet und in denOktober verſetzt würde.Werfen wir einen Blick auf die verdienſtlichen Ar-beiten des Herrn Doktor Poggendorf und HerrnMädlers über das Klima von Berlin, ſo finden wirdie mittlere Temperatur dieſer Hauptſtadt nahe an 6°,8, die von Paris 8°, 4 Reaumur. Der Unterſchiedder Wärmemenge, welche beide Orte während einesJahres empfangen, wird daher nur durch 1°, 6 aus-gedrückt, während daß die einzelnen Monate vom No-vember bis zu Anfang Aprils, um 4 volle Grade mitt-lerer Temperatur, zu Paris wärmer als zu Berlin ſind.Im Sommer, vom Junius bis zum September, ſchei-nen die Unterſchiede ſehr unbedeutend.|Spaltenumbruch| Die hier angeführten Zahlenverhältniſſe ſind eineArt Abſtraction, und ſtimmen daher wenig mit der Er-innerung des Empfundenen überein. Wir ſind gewöhnt,die Stärke der ſinnlichen Eindrücke von Wärme undKälte vorzüglich nach ihrer Succeſſion zu beſtimmen.Die mittleren Temperaturen der Monate geben nurdas allgemeine Schema; zu einer vollſtändigen Kennt-niß der klimatiſchen Verhältniſſe genügt es nicht, zuwiſſen, daß die mittlere Temperatur des Winters inParis 2°, 6 über dem Gefrierpunkt, in Berlin 1/2Grad unter dem Gefrierpunkt iſt; wir verlangen zuwiſſen, wie oft, in einer gegebenen Periode von Jah-ren, in jeder dieſer zwei Städte die Luft über 10 GradKälte und über 25 Grad Wärme gezeigt hat. Pflan-zen, von denen einige einen langen Winterſchlaf hal-ten, und ihre apendiculären Organe (Blätter) verlie-ren, andere in allen Jahreszeiten fort vegetiren, nochandere einer großen Sommerwärme bedürfen, damitihre Früchte zur Reife kommen, ſind die empfindlich-ſten, ja die lehrreichſten Thermoskope. Ihr beſſeresoder ſchlechteres Gedeihen wird durch die kleinſten Mo-dificationen in der Vertheilung der Wärme und desLichts beſtimmt. Dunkle oder lichte Wärme wirken an-ders auf die Gewächſe. Kein Thermometer vermag dieTemperatur zu meſſen, welche die unmittelbare Berühr-ung der Sonnenſtrahlen im Innern des organiſchenPflanzen-Gewebes erzeugt. Ein Gemenge von Clor-gas und Hydrogen wird augenblicklich, ſelbſt beim nie-dern Stande der Sonne im Dezember, durch directesLicht mit Knall entzündet, wenn zerſtreutes Licht nichtwirkt. Dieſe Betrachtungen erläutern die Vegetations-Verhältniſſe der heiteren Continental-Klimate und desneblichten Küſtenhimmels, die Vegetations-Verhältniſſeder an feſten, undurchſichtigen, lichtabſorbirenden Maſ-ſen ſo reichen nördlichen Hemisphäre und der faſt ganzpelagiſchen, ſüdlichen.Wenn ich oft in dieſem Vortrage der, in den bei-den letzten Jahrzehnden ſchnell vermehrten Zahl meteo-rologiſcher Beobachtungen erwähne, ſo will ich keines-weges darauf hindeuten, als ſei die Vervollkommnungder Klimatologie vorzugsweiſe auf eine ſolche Vermehr-ung gegründet. Hier, wie in allen Aggregaten empir-iſcher Kenntniſſe, die zu früh Wiſſenſchaften genanntworden ſind, kommt es „auf ein denkendes Begreifender Natur“, auf eine richtige Anſicht deſſen an, wasaus den wohlgeordneten Einzelnheiten gefolgert werdendarf. Verſuchen wir nun das Problem der Tempera-tur-Vertheilung in ſeiner ganzen Allgemeinheit zu faſ-ſen, ſo können wir uns planetariſche Wärme entweder(wie im gegenwärtigen Zuſtande der ſchon oxidirten,erhärteten Erdrinde) als Folge der Stellung gegen ei-nen Wärme-erregenden Centralkörper denken; oder aber(wie im erſten Zuſtande des Zuſammenrinnens aufge-löſeter, dunſtförmiger Stoffe) als Folge von innerenOxydations-Proceſſen, Niederſchlägen, chemiſch verän-derten Capacitäten oder electro-magnetiſchen Strömung-en. Mannigfaltige geognoſtiſche Phänomene, deren ichbereits in einer anderen Abhandlung gedacht habe,deuten auf eine ſolche Entwickelung innerer, von demPlaneten ſelbſt erregter Wärme hin. Dazu hat dergeiſtreiche Aſtronom und Phyſiker, Herr Arago, neu-erlichſt die Zweifel, welche man gegen die, den Berg-werken beider Welttheile eigenthümliche Wärme erhobenhat, durch neue Verſuche über tief erbohrte Quellwaſ-ſer, (ſogenannte arteſiſche Brunnen) auf das Vollkom-menſte widerlegt. Je größer die Tiefe iſt, aus wel-cher die Waſſer aufſteigen, deſto wärmer ſind ſie be-
*) Ein Reſultat, welches von dem wahren nicht um ½ Graddes Reaumurſchen Thermometers abweicht, erhält manauch durch das Mittel aus zwei Stunden gleicher Benen-nung. Results of the therm. obs. made at Leith Fortevery hour of the day and night during the years 1824and 1825 p. 19.
|Seitenumbruch| |Spaltenumbruch| funden worden. Hier iſt aller Verdacht von nieder-ſinkenden, ſich verdichtenden und alſo wärmeentbinden-den Luftſchichten entfernt; hier ſind Menſchen-Nähe u.Wirkung bergmänniſchen Geleuchtes nicht zu fürchten.Die Waſſer bringen die Wärme mit ſich, welche ſiedurch lange Berührung mit den Geſtein-Maſſen, inverſchiedenen Tiefen, erhalten haben.
Dieſe denkwürdigen Beobachtungen lehren, wie,unabhängig von der Schiefe der Ekliptik im früheſtengleichſam jugendlichen Zuſtande der Planeten, Tropen-Temperatur und Tropen-Vegetation unter jeglicher Zo-ne entſtehen und ſo lange fortdauern konnten, bis durchWärme-Strahlung aus der erhärteten Erd-Rinde, unddurch allmälige Ausfüllung der Gang-Klüfte mit hete-rogenen Geſtein-Maſſen, ſich ein Zuſtand bildete, inwelchem (wie Fourier in einem tiefſinnigen mathe-matiſchen Werke gezeigt hat) die Wärme der Oberflächeund des Luftkreiſes nur von der Stellung des Plane-ten gegen einen Central-Körper, die Sonne, abhängt.(Fortſ. folgt.)|Spaltenumbruch| |Seitenumbruch| |Spaltenumbruch|

Ueber die Haupt-Urſachen der Temperatur-Verſchiedenheit auf dem Erdkörper.

Von Hrn. Alexander von Humboldt.(Schluß.)Wir überlaſſen es gern anderen Phyſikern zu ent-ſcheiden, wie tief unter der oxydirten und erhärtetenErd-Rinde die geſchmolzenen, flüſſigen Maſſen liegen,welche ſich in die Oeffnungen noch jetzt thätiger Vulka-ne ergießen, die Continente und den Meeresboden pe-riodiſch erſchüttern und durch Klüfte in Granit undporphyrartigem Geſteine heiße Mineralquellen empor-treiben. Die Tiefe unſerer Bergwerke iſt zu gering,um aus der ungleichen Wärme-Zunahme, welche manbisher darin beobachtet hat, ein Problem befriedigendin Zahlen aufzulöſen, welches die Neugier der gleich-ſam auf einem Felſengewölbe wohnenden Menſchen be-ſchäftigt. Hier genügt es, daran zu erinnern, wiedie neueren Anſichten der Phyſiker und Geognoſten,und zwar der beobachtenden, nicht leer-hypotheſirendenGeognoſten, den alten Mythus vom Pyrophlegetonund von Hephäſtos allverbreiteter Werkſtätte ins Lebenzurückgerufen haben.Wird ein planetariſcher Weltkörper von elaſtiſchenLuftſchichten umfloſſen, und iſt die alternde oxydirteErdrinde mit faſt überall geſchloſſenen oder ausgefüll-ten Klüften, durch lange Ausſtrahlung der Wärme, inden Zuſtand des Gleichgewichts zwiſchen dem Empfan-gen und Verlieren, dergeſtalt gelangt, daß ſeine äußereTemperatur und die Verſchiedenheit der Klimate nurvon der Stellung gegen die Sonne, gegen einen größ-eren in permanentem Lichtprozeß begriffenen Centralkör-per, herrühren; ſo kann man in größter Allgemeinheitdes Problems, die Temperatur eines jeden Ortes alsallein abhängig von der Art betrachten, wie ſich derEinfluß der Mittagshöhe der Sonne äußert. DieſeHöhe beſtimmt zugleich die Größe der halben Tagbö-gen; die Dicke der Luftſchichten, welche von den Son-nenſtrahlen durchſtrichen werden, ehe ſie den Horizonterreichen; die Menge der abſorbirten oder erwärmen-den Strahlen (eine Quantität, welche mit der Größedes Einfallwinkels raſch zunimmt); endlich die Zahlder Sonnenſtrahlen, welche mathematiſch betrachtet,ein gegebener Horizont empfängt. Die Wärme-Erzeug-ung kann demnach, wo es auf ein Mehreres oder Min-deres ankommt, als von der erleuchteten Erdfläche aus-gehend betrachtet werden. Die Abſorption, welche dieSonnenſtrahlen bei ihrem Durchgange durch den Luft-kreis erleiden, oder (anders zu reden) die Wärmeer-zeugung durch Lichtſchwächung iſt überaus gering, dochbemerkbar auf dem Ocean, wo ich in großer Entfer-nung von den Küſten, ſelbſt dann, wenn das Waſſerkälter als die Atmosphäre war, die Temperatur derletzteren, zur Mittagszeit, mit der Sonnen-Höhe habezunehmen ſehen *).Neuere Unterſuchungen **) haben gezeigt, daß es|Spaltenumbruch| in beiden Welttheilen unter dem Aequator, deſſen mitt-lere Luft-Temperatur ſich auf 22°, 2 Reaumur erhebt,nicht merklich heißer iſt, als in 10 Grad nördlicherund ſüdlicher Breite. Nach dem Commentar des Ge-minus zu dem aſtronomiſchen Gedichte des Aratus *)glaubten einige griechiſche Phyſiker, die Temperaturder Wendekreiſe übertreffe ſogar die des Aequators.Arago hat mit großem Scharfſinne, durch zahlreicheoptiſche Verſuche dargethan, daß von der ſenkrechtenIncidenz an, bis zu einem Zenit-Abſtande von 20 Gra-den die Menge des zurückgeworfenen Lichtes (und vondieſer Menge hängt die mindere Erwärmung des er-leuchteten Körpers ab) faſt dieſelbe bleibt. Wenn ichdie mittleren jährlichen Temperaturen mit einander ver-gleiche, ſo finde ich, daß, im weſtlichen Theile desalten Continents, die Temperaturen von Süden gegenNorden abnehmen: von 20 bis 30 Grad Breite um3°,2 Reaumur; von 30 bis 40 Grad Breite um 3°,6;von 40 bis 50 Grad Breite um 5°,7; von 50 bis 60Grad Breite **) wiederum nur um 4°,4. In beidenContinenten iſt die Region, wo die Wärme-Abnahmeam ſchnellſten iſt, zwiſchen dem 40ſten und 45ſten Gra-de der Breite zu ſuchen. In dieſem Reſultate ſtimmtdie Beobachtung auf eine merkwürdige Weiſe mit derTheorie zuſammen; denn die Variation des Quadratsdes Coſinus, welches das Geſetz der mittleren Tempe-ratur ausdrückt, iſt die größtmögliche bei 45 GradBreite. Dieſer Umſtand hat, wie ich ſchon an einemandern Orte erinnert habe, wohlthätig auf den Kul-tur-Zuſtand der Völker gewirkt, welche jene milden,von dem mittleren Parallel-Kreiſe durchſchnit-tenen Gegenden bewohnen. Dort grenzt das Gebietdes Weinbaues an das Gebiet der Oelbäume und derOrangen. Nirgend anders auf dem Erdboden ſieht man(von Norden gegen Süden fortſchreitend) die Wärmeſchneller mit der geographiſchen Breite zunehmen; nir-gend anders folgen ſchneller auf einander die verſchie-denartigſten vegetabiliſchen Producte, als Gegenſtändedes Garten- und Ackerbaues. Dieſe Heterogeneität be-lebt die Induſtrie und den Handels-Verkehr der Völker.Es iſt hier der Ort zu erinnern, daß partielle,tägliche und monatliche Temperatur-Veränderungen,bei der Beweglichkeit des Luftkreiſes, durch Herbei-führung kalter oder warmer Luftſchichten, durch diemehr oder minder electriſche Spannung, durch dieWolken-Bildung oder Dunſt-Zerſtreuung, kurz durcheine faſt unabſehbare Menge variabler Urſachen, die inder Nähe und Ferne wirken, beſtimmt werden. Leiderhat das Studium der Meteorologie in einer Zone be-ginnen müſſen, wo die Verwickelung der Urſachen, woZahl und Intenſität perturbirender Kräfte am größtenſind. Wenn je die freiere Kultur des menſchlichenGeiſtes, wie man es gegenwärtig erwarten darf, ei-nen ihrer Hauptſitze unter den Wendekreiſen aufſchlägt;ſo iſt vorauszuſetzen, daß man dort, bei dem einfach-en Gange der Erſcheinungen, deutlich erkennen werde,was hier, im Spiel gleichzeitig wirkender, ſtreitenderKräfte lange verborgen geblieben iſt. Von dem Ein-fachen iſt es leicht zu dem Zuſammengeſetzten überzu-
*) Herr Arago hat mich zuerſt auf dieſe merkwürdige Wirk-ung der Lichtabſorption im Luftkreiſe aufmerkſam gemacht.Conn. des tems pour 1828. p. 225.**) Vergl. mein Essai politique sur l’Ile de Cuba 1826. T.II. p. 79 — 92, wo ich die von Herrn Atkinſon (Mem.of the Astron. Soc. Vol. II. p. 137 — 138.) erregtenZweifel beſeitigt zu haben glaube.*) Isag. in Aratum cap. 13. Strabo Geogr. lib. II. p. 97.**) Im öſtlichen Theile des neuen Continents ſind die Ab-nahmen der mittleren Temperaturen
  • von 20° bis 30° ...... 5° Reaumur.
  • 30° 40° ...... 5°,7
  • 40° 50° ...... 7°,2
  • 50° 60° ...... 6°,8
|Seitenumbruch| |Spaltenumbruch| gehen, und eine wiſſenſchaftliche Meteorologie kannman ſich, als von den Tropen nach dem Norden zu-rückkehrend denken. Unter dem Palmen-Klima führtein ſchwacher Oſtwind immerdar gleich erwärmte Luft-ſchichten herbei. Das Barometer zeigt, wie der Gangder Magnet-Nadel, die Stunde des Tages an. Erd-erſchütterungen, Sturme und Donnerwetter ſtören diekleine, aber periodiſche Ebbe und Fluth des Luftmeeresnicht. Die veränderte Abweichung der Sonne und diedadurch in ihrer Stärke modificirten obern Luftſtrömevom Aequator gegen die Pole, beſtimmen den Anfangder Regenzeit und der electriſchen Exploſionen, welchebeide zu regelmäßigen Epochen eintreten. Nach derRichtung des Wolkenzuges kann der Reiſende ſich faſtwie nach der Magnetnadel orientiren; und in der trock-enen Jahreszeit wurde in vielen Gegenden der Tropen-welt die Erſcheinung eines Gewölks am dunkelblauenHimmel die Bewohner ebenſo in Erſtaunen ſetzen, alsuns der Fall eines Aërolithen, oder des rothen Polar-Schnees, als den Peruaner das Krachen des Donnersoder als alle Bewohner tropiſcher Ebenen ein Hagel-wetter. Dieſe Einfachheit und Regelmäßigkeit meteo-rologiſcher Erſcheinungen läßt eine leichtere und glück-lichere Einſicht in ihren Cauſal-Zuſammenhang erwarten.
So lange Beobachtungen über magnetiſche Incli-nation, Declination und Intenſität der Kräfte in denReiſeberichten zerſtreut lagen, und man dieſelben nochnicht durch magnetiſche Linien vereinigt hatte, konntedie Lehre von der Vertheilung des Erdmagnetismuskeine bedeutende Fortſchritte machen. Auf dieſe Analo-gie geſtützt, hat man angefangen, durch ſorgfältigeBenutzung vereinzelter Thatſachen, die verwickelte Leh-re von der Vertheilung der Wärme zu vereinfachen.Orte, die eine gleiche mittlere Wärme des Jahres,des Sommers oder des Winters haben, ſind durch Cur-ven miteinander verbunden worden. So iſt das vonmir im Jahr 1817 entwickelte Syſtem iſothermerLinien *) entſtanden, welche die Parallel Kreiſe unteranderen Winkeln, als die iſochimonen und iſotherenLinien durchkreuzen. Sie ſteigen gegen den Aequatorherab, weil man im öſtlichen Aſien und im öſtlichenTheile von Nord-Amerika, auf gleichen Höhen überdem Meeresſpiegel, in einer ſüdlicheren Breite die Tem-peratur ſuchen muß, welche in unſerem mittleren Euro-pa, weiter gegen Norden hinauf, gefunden wird. Dermerkwürdige Umſtand, daß die höchſte Cultur des Völ-kerſtammes, zu dem wir gehören, ſich unter faſt gleich-en Breiten in der gemäßigten Zone an zwei entgegen-geſetzten Küſten, der öſtlichen des neuen Continents u.der weſtlichen des alten angeſiedelt hat, mußte auf dieUngleichheit der Wärme unter denſelben Parallel-Krei-ſen früh aufmerkſam machen. Man fragte, um wieviel Thermometergrade der alte Continent wärmer, alsder neue ſei, und erkannte erſt ſpät, daß die iſother-men Linien von der Breite von Florida bis zu der vonLabrador hin nicht mit einander parallel laufen, daßdie öſtlichen und weſtlichen Küſten von Nord-Amerikafaſt ſo verſchieden, als die von Weſt-Europa und Oſt-Aſien ſind. Geſtalt und Gliederung der Continental-Maſſen und ihr Verhältniß zu den nahen Meeren, be-ſtimmen vorzüglich die Inflexion der iſothermen Linien,die Richtung der gleichwarmen Zonen, in welche manſich den ganzen Erdball getheilt vorſtellen kann. Das|Spaltenumbruch| Vorherrſchen der Weſtwinde in den gemäßigten und kal-ten Himmelsſtrichen begründet den Unterſchied der Kli-mate an den Oſt- und Weſtküſten ein und deſſelben Con-tinents. Die weſtlichen Winde, welche man als Ge-genwirkungen der tropiſchen Paſſatwinde betrachtet,gelangen zu einer öſtlichen Küſte, wenn ſie im Winterden vorliegenden, mit Schnee und Eis bedeckten Con-tinent bereits durchſtrichen haben; dagegen führen zuweſtlichen Küſten (in Europa, wie in Neu-Californienund Nootka) weſtliche Winde Luftſchichten herbei, dieſich im ſtrengſten Winter in Berührung mit der großenoceaniſchen Waſſerfläche erwärmt haben. Nach dieſenIdeen habe ich die genauere Kenntniß der niedrigſtenTemperatur, zu welcher das atlantiſche Meer außer-halb dem Golfſtrome, zwiſchen dem 40ſten und 50ſtenGrade der Breite, (alſo in den Breiten von Spanien,Frankreich und Deutſchland) herabſinkt, einer beſondernUnterſuchung werth gehalten. Ich habe gefunden, daßim Monat Januar das Meerwaſſer in 40° Breite nichtunter 10°,7; in 45° Breite nicht unter 9°,8 herabſinkt.Der allgemein verehrte Geograph von Oſtindien, Ma-jor Rennell, der ſich ſeit 30 Jahren mit der Richt-ung der Strömungen im atlantiſchen Meere beſchäftigt,und mir bei meinem neueſten Aufenthalt in Englandeinen Theil ſeiner handſchriftlichen Materialien mitge-theilt hat, findet für 50 Grad Breite, alſo in derZone des nördlichen Deutſchlands, eine Winter-Tem-peratur des Meerwaſſers, welche die Luftſchichten ſelbſtin dem glücklichen Klima von Marſeille im Januarnicht erreichen. Wenn die relative Ausdehnung vonAſien und Nord-Amerika, von der Südſee und demnördlichen atlantiſchen Ocean anders wäre, als ſiejetzt iſt, ſo wurde, durch ungleiche Erwärmung derfeſten und flüſſigen Theile der Erdoberfläche, das ganzeSyſtem der Winde in der nördlichen Hemisphäre, ſo-wohl ihrer Richtung, als ihrer Stärke nach, ver-ändert werden.Unſer Europa verdankt ein milderes Klima ſeinerErdſtellung (ſeinem Poſitions-Verhältniſſe gegen dasnahe Meer) und ſeiner gegliederten Geſtaltung. Eu-rapa iſt der weſtliche Theil des alten Continents,und hat alſo den großen, ſchon an ſich kältemindern-den und dazu noch vom Golfſtrom theilweiſe erwärm-ten atlantiſchen Ocean im Weſten. Zwiſchen den Me-ridianen, in denen Europa ſich hinſtreckt, fällt dieAequatorial-Zone nicht in das Becken des Oceans,wie ſüdlich von dem, eben deshalb kälteren Aſien.Der Welttheil, der unter allen den größten Theildes tropiſchen Klimas genießt, das ſandbedeckte Afri-ka iſt ſo gelegen, daß Europa von den Luftſchichtenerwärmt wird, welche über Afrika aufſteigend, ſichvon dem Aequator gegen den Nordpol ergießen. Ohnedie Exiſtenz des mittelländiſchen Meeres würde derEinfluß des nahen Afrikas auf Temperatur und geo-graphiſche Verbreitung von Pflanzen und Thieren nochwirkſamer ſein. Der dritte Hauptgrund des milderenKlimas von Europa liegt darin, daß dieſer Welttheilſich weniger weit gegen den Nordpol erſtreckt, alsAmerika und Aſien, ja daß er dem größten Buſeneisfreien Meerwaſſers gegenüber liegt, den man inder ganzen Polar-Zone kennt. Die kälteſten Punkteder Erde, neuerlichſt uneigentlich Kälte-Pole genannt,fallen nicht, wie der ſonſt ſo ſcharfſinnige Brewſterin der engliſchen Bearbeitung meiner Abhandlung vonden iſothermen Linien zu beweiſen geſucht hat, mitden magnetiſchen Polen zuſammen. Das Minimumder mittleren jährlichen Temperatur der Erdoberfläche
*) De la distribution de la chaleur sur le globe in Memde la Soc. d’Arcueil. Tom. III.
|Seitenumbruch| |Spaltenumbruch| liegt, nach Capitain Sibene’s Unterſuchungen, imNordweſten von Melville’s-Inſeln, im Meridian derBehrings-Straße, wahrſcheinlich in 82 bis 83 GradBreite. Die Sommergrenze des Eiſes, welche zwiſchenSpitzbergen und Oſtgrönland ſich bis zum 80ſten und81ſten Grade zurückzieht, findet ſich überall zwiſchenNova-Zembla, den Knochen-Inſeln von Neu-Sibirienund dem weſtlichſten amerikaniſchen Eiscap, ſchon im75ſten Grade der Breite. Selbſt die Wintergrenze desEiſes, die Linie, auf welcher die Eisdecke ſich unſermWelttheil am meiſten nähert, umgibt kaum die Bä-ren-Inſel. Vom ſcandinaviſchen Nordcap, welches einſüdweſtlicher Meeresſtrom erwärmt, iſt die Fahrt zumſüdlichſten Vorgebirge von Spitzbergen ſelbſt im ſtreng-ſten Winter nicht unterbrochen. Das Polareis vermin-dert ſich überall, wo es frei abfließen kann, wie inder Baffins-Bay und zwiſchen Island und Spitzbergen.Die Lage des atlantiſchen Oceans hat den wohlthä-tigſten Einfluß auf die Exiſtenz jenes, für das Klimavon Nord-Europa ſo wichtigen, Eis-freien Meerwaſ-ſers in dem Meridian von Oſtgrönland und Spitz-bergen.
Dagegen häufen ſich im Sommer die, aus derBaffins-Bay und Barrows-Straße ſüdlich getriebenenEisberge in dem großen Mittelmeere an, welches dieGeographen mit dem Namen Hudſons-Bay bezeichnen.Dieſe Anhäufung vermehrt ſo ſehr die Kälte in dembenachbarten Continent, daß man in der Faktorei Yorkund bei der Mündung des Hayes-Fluſſes, nach Ca-pitain Franklin’s neueſten handſchriftlichen Berichten,in einer Breite mit Nord-Preußen und Curland, amEnde des Auguſt und im Anfange des September,beim Brunnengraben, in 4 Fuß Tiefe, überall Eisfindet. Die nördlichſten und ſüdlichſten Grenzen desfeſten Polar-Eiſes, das heißt die Sommer- und Win-tergrenzen, von deren Lage die Temperatur der nörd-lichen Continental-Maſſen abhängt, ſcheint in denhiſtoriſchen Zeiten, wie gründlichere Unterſuchungenendlich gelehrt haben, wenig verändert worden zuſein. Der ſchädliche Einfluß, welchen kleine, iſolir-te, durch Strömungen zuweilen bis in die Nähe derAzoren getriebene Eismaſſen auf das Klima von Eu-ropa ausüben ſollen, gehört zu den Mythen, die vonden Phyſikern ausgehen und ſich unter dem Volke ver-breiten, wenn die Phyſiker längſt aufgehört haben,ihnen Glauben beizumeſſen.Finden ſich, unter denſelben Breiten-Graden, woin dem nördlichen Europa noch Garten- und Ackerbaugetrieben werden, in Nord-Amerika und Nord-Aſiennur ſumpfige, moosbedeckte Länder, ſo äußert dagegendie kräftige Wärme-Strahlung von Inner-Aſien, zwi-ſchen den faſt parallelen Bergketten des Himalaya,des Zungling und des Himmels-Gebirges, (eine Ge-gend, über welche Klaproth’s geographiſche Unter-ſuchungen viel Licht verbreiten) den glücklichſten Ein-fluß auf die aſiatiſche Bevölkerung. Die ewige Schnee-grenze liegt am nördlichen Abhange des Himalaya4000 Fuß höher, als am ſüdlichen Abhange, und diephyſikaliſche Erklärung, welche ich von dieſer ſonder-baren Erſcheinung gegeben *), iſt durch neue Meſſungenund Beobachtungen in Oſt-Indien, nach Herrn Cole-brooke’s Berichte, beſtätigt worden. Millionen vonMenſchen thibetaniſcher Abkunft und düſterer, religiö-|Spaltenumbruch| ſer Gemüthsſtimmung, bewohnen volkreiche Städte,da, wo bei einer minderen Ausdehnung und minderenContinuität der Hochebenen, Felder und Städte, dasganze Jahr hindurch in tiefem Schnee vergraben ſeinwürden.Schneller und anmuthiger Wechſel von ebenen undhohen Berggipfeln befördert überhaupt, im Thier-und Pflanzenreiche, die Miſchung von Erzeugniſſenverſchiedener Klimate. So haben ſich in dem Theiledes mexikaniſchen Freiſtaats, der unter den Tropenliegt, die Vögel von Nord-Amerika angeſiedelt, wiedie ſchönen und reichhaltigen Sammlungen des HerrnDeppe, welche das königliche Muſeum der Liberalitätdes Grafen von Sack verdankt, mehrfach beweiſen.In einer erſt vor wenigen Tagen in dieſer Akademieverleſenen Abhandlung hat der gelehrte afrikaniſcheReiſende, Herr Lichtenſtein, ſcharfſinnig entwickelt,daß ſich in der mexikaniſchen Fauna die tropiſchen See-vögel des ſtillen Oceans mit den Süßwaſſer-Vögelnder vereinigten Staaten, überhaupt Formen nördlicherund ſüdlicher Klimate von Europa, Louſiana undBraſilien wunderſam vereinigen.Wie die Strömungen des Luftmeeres durch dieveränderliche Abweichung der Sonne, und durch dieRichtung der Bergketten, an deren Abhange ſie herab-gleiten, vielfach modificirt werden, ſo führen auch dieStrömungen des tropfbaren Oceans die wärmerenWaſſer niedriger Breiten-Grade in die temperirte Zone.Ich brauche nicht in Erinnerung zu bringen, wie dievon den Paſſatwinden immer gleichförmig bewegten Waſ-ſer des Atlantiſchen Oceans gegen den vorſtehendenDamm der Landenge von Nicaragua getrieben, ſichnordwärts wenden, in den Golf von Mexico wirbelndumhertreiben, durch den Kanal von Bahama ausfließ-en, ſich als ein Strom warmen Waſſers erſt nordöſt-lich gegen die Bank von New-Foundland, dann ſüdöſt-lich gegen die Gruppe der Azoren hin, bewegen, und,wenn ſie vom Nordweſtwinde begünſtigt werden, Pal-menfrüchte der Antillen, mit franzöſiſchen Weinen ge-füllte Fäſſer aus verunglückten Schiffen, ja ſelbſt le-bendige Esquimaux aus Oſt-Grönland mit ihren leder-nen Böten nach Irland oder nach den Hebriden, odernach den Küſten von Norwegen führen. Der vielge-reiſte Aſtronom Herr Sabine, der vor kurzem ausden Polar-Ländern zurückkehrend, Pendel-Verſuche imGolf von Guinca, auf der Afrikaniſchen Inſel St.Thomas, anſtellte, hat mir erzählt, wie Fäſſer vonPalmenöl, die bei dem Cap Lopez etwas ſüdlich vomAequator, durch Schiffbruch verloren gingen, erſt vondem Aequatorial-, und dann vom Golf-Strome ge-trieben, den Atlantiſchen Ocean zweimal, von Oſtengegen Weſten und von Weſten gegen Oſten, in 53 Gradnördlicher Breite, durchſchnitten haben, und an denſchottiſchen Küſten glücklich angelangt ſind. Das wohl-erhaltene Zeichen des Afrikaniſchen Eigenthümers ließkeinen Zweifel über die Richtung, welche die Fäſſer ge-nommen hatten.Wie hier Aequatorial-Waſſer im AtlantiſchenOcean durch den Golf-Strom nördlich geführt wer-den, ſo habe ich in dem Stillen Meere, und zwar inder ſüdlichen Hemiſpäre, einen Strom erkannt, derlängs dem Littoral von Chili und Peru kälteres Waſ-ſer hoher Breiten unter die Wendekreiſe führt. In die-ſem Strome habe ich das Reaumur’ſche Thermometer,im Hafen bei Truxillo, im September bis 12°, 8; im
*) Annales de Chimie et de Physique. T. III. p. 297. T.IX. p. 310. T. XIV. p. 5.
|Seitenumbruch| |Spaltenumbruch| Hafen von Callao bei Lima zu Ende Novembers bis12°, 4 ſinken ſehen. Ein junger, überaus kenntnißvol-ler däniſcher Seeoffizier, der Baron Dircking v.Holmfeldt, hat auf meine Bitte dieſes ſonderbare,ſo lange Zeit unbeobachtete Phänomen, im Jahre 1825zu verſchiedenen Jahreszeiten von neuem unterſucht.Er fand mit Reaumur’ſchen Thermometern, welche Hr.Gay-Luſſac und ich ſorfältig verglichen hatten, beidem Hafen Callao das Meerwaſſer im Auguſt wiederum12°, 6; im März 15°, 7; während daß außerhalb derMeeresſtrömung bei dem Vorgebirge Parinna, das ru-hige Meer wie gewöhnlich unter ſolchen Breiten diegroße Wärme von 21 bis 22 Grad zeigte. Es iſt hiernicht der Ort zu entwickeln, wie dieſer Strom kälterenWaſſers, welcher die ſüdliche Schifffahrt von Guaya-quill nach Peru und von Peru nach Chili erſchwert,in einigen Monaten von der Garua, d. h. von denDünſten, welche die Sonnenſcheibe fortwährend ver-ſchleiert, in ſeiner Temperatur modificirt wird, undwie er das Klima der Peruaniſchen Ebenen erkältet.
So wie jedes Beſtreben des Menſchen nach einemwiſſenſchaftlichen Begreifen von Natur-Erſcheinungenſein höchſtes Ziel nur in dem klaren Erkennen unſerereigenen Natur erreicht; ſo führt auch die Unterſuchung,deren Hauptmomente uns hier beſchäftigt haben, zuletztauf die Art, wie klimatiſche Verhältniſſe ſich in demCharakter, dem Kultur-Zuſtande, vielleicht ſelbſt in derSprach-Entwickelung einzelner Völkerſtämme, offenba-ren. Hier iſt der Punkt, wo die große Lehre von derVertheilung der Wärme über den Erdkörper ſich andie Geſchichte der Menſchheit anknüpft. Eben deshalbfällt das Problem außerhalb des Gebiets einer reinphyſikaliſchen Empirie. Man kann nicht läugnen, daßdas Klima und ſein erhebender oder niederdrückenderEinfluß gleichſam das ganze häusliche und bürgerlicheLeben einer Nation durchdringen. Aber viel und mehrnoch gehört der Abſtammung, den natürlichen Anlagen,den inſtinktmäßigen und doch geiſtigen Trieben derMenſchen an. Nach einer, nun ſchon veralteten Phi-loſophie, die der erſten Mitte des achtzehnten Jahr-hunderts angehört, wurden Religion, Regierungsformund Richtung des Kunſtſinnes bei verſchiedenen Völkern,den Klimaten und der Nahrung hauptſächlich zuge-ſchrieben. Um zu beweiſen, daß ein Theil dieſer An-ſicht ſchon in dem tiefſten Alterthume, in der religiö-ſen und politiſchen Societät der Pythagoräer, herrſch-te, ſei es mir erlaubt, eine merkwurdige Stelle anzu-führen, welche uns beim Photins erhalten iſt: „DieGriechen,“ heißt es darin, „haben an ſittlicher Bild-ung alle Barbaren übertroffen, weil ſie den gemäßigtenTheil der Erde bewohnen. Die Skythen und Aethio-pier, von denen die einen durch Kälte, die anderendurch Hitze gequält werden, ſind eben deshalb von hef-tiger und leidenſchaftlicher Natur. Die Griechen undvor allen die Athener haben verbeſſert, was ihnen vonden Barbaren zugebracht worden iſt; Malerei und an-dere Künſte, Mathematik und Wohlredenheit haben ſiezuerſt erfunden. Dieſe Art der Bildſamkeit iſt aberdem Lande der Griechen eigen, weil dort die reinſtenund dünſten Lüfte wehen. Attika iſt unfruchtbar unddürr, denn eine ſolche Luft-Beſchaffenheit ſchadet demErtrage des Bodens, iſt aber heilſam den Seelen derAthener *).“|Spaltenumbruch| Das iſt die Lehre von dem Einfluſſe der Luft-Tem-peratur auf den Geiſt und die Sitten, wie ſie in derGeſellſchaft der Pythagoräer herrſchend war. Jene hoch-gerühmte Intelligenz, deren Entwickelung durch ein mil-des Klima zwar nicht erzeugt, aber begünſtigt wird,hat ſich unwandelbar erhalten unter den Bewohnerndes altgriechiſchen Bodens. Sie hat ſich in demſelbenStamme offenbart, von der dunkeln Sagengeſchichteder „glänzenden Orchomenos“ an, bis zu der verhäng-nißvollen Zeit, in der wir leben, bis zu dem blutigenKampfe, welcher, in beiden Welttheilen, wo irgenddie Menſchheit ſich des Erbtheils helleniſcher Kultur er-freut, alle edlen Gemüther bewegt.

*) Annon. de vita Pythag. apud Phot. Cod. CCLIX. interp.Holstenio c. 23. (Ed. Kiesling P. II. p. 120)