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https://humboldt.unibe.ch/text/1824-Ueber_vormalige_Tropenwaerme-1
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Titel Ueber vormalige Tropenwärme in nördlichen Breiten, isothermische Linien etc.
Jahr 1824
Ort Nürnberg
Nachweis
in: Archiv für die gesammte Naturlehre 1:3 (1824), S. 329–334.
Beteiligte Karl Wilhelm Gottlob Kastner
Sprache Deutsch
Schriftart Antiqua
Identifikation
Textnummer Druckausgabe: IV.45
Dateiname: 1824-Ueber_vormalige_Tropenwaerme-1
Statistiken
Seitenanzahl: 6
Zeichenanzahl: 7844
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A. v. Humboldt *): Ueber vormalige Tropenwärmein nördlichen Breiten, isothermische Li-nien etc.; aus einem Briefe an den Herausgeber.

— Was Sie an mehreren Stellen Ihrer Me-teorologie (S. 25. 47. 145.) über die Ursachen der vormaligen Tropenwärme in nördlichen
*) Hr. v. Humboldt bezieht sich in dem Nachstehendenauf den Inhalt meines „Hds. der Meteorologie (Erlan-gen 1823. 8.);“ da einige meiner Freunde mir den Vor-wurf gemacht haben, als hätte ich im bemerkten fürFreunde der Naturwissenschaft bestimmten Hdb. den Be-griff der Meteorologie zu weit ausgedehnt, so sey es mirerlaubt, folgende Stellen des oben gedachten Briefes hiermitzutheilen; daß darin v. H. (so wie auch Oken; inder Isis 1823. 10tes H. ) meine auf die Bearb. des Hdbsverwandte Mühe und dazu benutzten (wie ich gern undaufrichtig gestehe, gar sehr der Vervollständigung be-dürftigen) Kenntnisse, weit überschätzt und überhaupt dennachsichtsvollen Gönner und nicht den Recensenten spre-chen läßt, bedarf wohl kaum dieser Vorausbemerkung. —„Sie haben den Meteorismus in solcher Größe und All-gemeinheit aufgefaßt, zu der Ausführung eine so unge-heure Fülle von Materialien angewandt, daß das Studiumdieser Schrift, bei meinem eigenen, dem Ihrigen so ver-wandten Treiben mir den größten Nutzen gewährt hat.Ihre Meteorologie enthält den ganzen physikalischen Theilder Geognosie, und bei dem ewigen Wechselwirken desLuftkreises mit der festen und flüssigen Erdrinde ist einesolche Ausdehnung des Gebiets Ihrer Wissenschaft gewißnicht zu tadeln;“ etc. K.
|330| Breiten (Farnkräuter und Rhinoceros in Sibi-rien etc.) sagen, hat meinen Freund Gay-Lussac und mich besonders interessirt, indem Ihre Erklä-rung unabhängig von der häufig beliebten Annahmeeiner gewaltsamen Veränderung der Neigung derErdaxe zu seyn scheint. Sie schreiben „die hoheTemperatur z. B. des alten Meeres, dem großenLuftdrucke, der Dichtigkeit des vormaligen Luft-kreises und der großen Stralenbrechung zu.“ Daaber die Verdichtung und Verdünnung der Luft,während des Acts der Druckveränderung nur eine vorübergehende Temperaturveränderung hervor-bringt, und da in der verdichteten Luft auch die In-tensität jenes Lichts, welches die Wärme der altenErde hervorbringen soll, abnimmt, so ist uns dieeigentliche Ursache der alten nordischen Tropen-wärme (an der ich sonst keinesweges zweifle) nichtganz klar geworden. Es würde uns freuen, wennSie einige Augenblicke der Muße, einer ausführli-cheren Erläuterung Ihrer Ansicht widmen wollten;der Gegenstand ist in der That von unendlicherWichtigkeit etc.
Indem ich an einer neuen Ausgabe der iso-thermischen Linien arbeite, wünsche ich zurTabelle der mittleren Wärme recht sehr für Deutsch-land, Pohlen etc. einige Correctionen und neue Bei-träge, blos numerisch (blos die 5 Resultate: mitt-lere Wärme des ganzen Jahres, des Winters, Früh-lings, Sommers und Herbstes betreffend) zu er-halten. |331| Nachschrift vom Herausgeber. Es handelt sich (aus denen S. 197 ff. m. Me-teorologie angeführten Gründen) bei Erklärung deralten nordischen Tropenwärme nicht sowohl vonallgemeinen und allmählig, sondern von plötzlich wirkenden Ursachen der klimatischen Aenderung derälteren Erdoberfläche. Als allmählig wirkendeUrsachen führe ich a. a. O. unter andern min-der bedeutenden auf:
  • 1) eine periodische Wärmedehnung des Erd-kerns (vergl. a. a. O. S. 137. §. 46 u. S. 194.§. 52.) muthmaaßlich entsprechend der großenPeriode des Erdmagnetismus (a. a. O. S. 261.Bemerk. d);
  • 2) eine periodisch-veränderte Wärmever-breitung innerhalb der Erdrinde, mittelstdes mit dem Erdmagnetismus wechselnden Elektricismus der Erde (a. a. O. S. 259.)und des Erdgalvanismus (a. a. O. S. 262.Bem. e.; 262. Bem. f.; S. 82. Bem. 11.);
  • 3) das allmählige Erkalten vulkanisch geschmol-zener Massen, des durch Dämpfe emporgetriebe-nen (basaltbildenden) Schlammes der vor-zeitigen Vulkane, und überhaupt der zahl-reichen erloschenen Vulkane der Vorzeit(S. 204 — 205 ff.);
  • 4) die auf nassem Wege zu Stande gekommeneKrystallisation vieler Felsmassen. Währendin der Richtung des einen Krystallstammes odereiniger Gebirgskerne die Krystallisation sichfortsetzte, wurde an andern Orten schon Kry-stallisirtes wieder aufgelöst; an ersterem Orte |332| wurde Wärme frei, am letzteren Wärme ge-bunden. Erfolgte die Krystallisation innerhalbdes Innenwassers (d. i. in Erdhölen einge-schlossenen Wassers) zu einer Zeit, währendwelcher an der Aussenseite desselben Erdrin-dentheils Schon-Krystallisirtes wieder aufgelöstwurde, oder umgekehrt, so gab dieses zu all-mähligen Veränderungen des Innern der Erde,und damit auch der Wärmeleitung der Erd-rinde Veranlassung; a. a. O. S. 70 — 74; 45.Bem. 5.
  • 5) die auf gleichem Wege annoch fortdauerndenSüß- und Seewasserbildungen (Landansatz,Korallenriffe etc.; S. 91 — 92; 109 — 119.) —Jedes werdende Korallenriff muß für dieseOrte Wärme-spendend wirken;
  • 6) die in Folge der vulkanischen Erhebungen undSenkungen, Felskrystallisationen und Felsver-witterungen, Landabsetzungen und Landzer-spühlungen etc. eintretenden Aenderungen derRichtung der Meeresströme, Winde etc.;
  • 7) die aus der Kultur des Bodens erwachsenenTemperatur-Veränderungen der obersten Erd-rinde und
  • 8) die Wirkungen der Ebbe und Fluth, zumalder des frei beweglichen Innenwassers der Erde;a. a. O. S. 73. Bem. 9.
Zu den plötzlich wirkenden Ursachen zähleich hauptsächlich:
  • 1) das Versinken des größeren Theil des ehe-maligen Oceans in vulkanisch geöffnete (zuvorentweder durch die bei ihrer Erzeugung vor- |333| handene Hitze sehr ausgedehnte und mithinsehr verdünnte Gase erfüllte, oder fast leere)viele Cubikmeilen betragende Erdhöhlungen.Dadurch, das das Wasser den größeren Theilder mehr oder weniger krystallinischen Aus-senrinde der Erde, d. i. den gebirgigen (ehe-mals allein bewohnten) Theil derselben verließum in zuvor fast leere Räume zu dringen,ward mehr Raum für die das Wasser sonstbedeckende Luft, und diese nun im gleichemVerhältniß beträchtlich verdünnt. Mit derVerdünnung der Luft minderte sich die Brech-barkeit des Lichtes durch dieselbe, und Ge-genden die das schief einfallende Sonnenlichtsonst noch gemäß der starken Lichtbrechungzum größeren Theil bekommen hatten, erhiel-ten nun beträchtlich geringere Lichtantheile.Als späterhin mittelst der durch die Luftver-dünnung entstandenen Verdunstung hervorge-gangenen heftigen Kälte die Luft dieser (Po-lar-) Gegenden wieder mehr zusammengezo-gen (verdichtet) wurde, nahm die Lichtbre-chung derselben wieder zu, und dem plötzli-chen Ertödten einer früheren Tropenvegeta-tion etc. folgte nun wieder das Erwachen einerneuen, geringe Wärme bedürfenden und damitder langsameren und sparsameren Entwicklungunterworfenen Pflanzen- und Thierwelt. Dertheilweise Einsturz des Uroceans in die Erd-höhlen der Urzeit gab der Innenerde jenesWasser, welches zunächst die Erhebung desBasaltschlamms bewirkte, dann aber auch das |334| Entstehen der jetzigen Vulkane, der heißenQuellen, der Erdbeben etc. veranlaßte undnoch jetzt bedingt. Das durch jene Luftver-dünnung in Gas (Dampf) verwandelte Wasserließ hervorgehen die Hauptbedingung zur Erzeu-gung der Gewitter. Vergl. a. a. O. S. 138. 145.Bem. 8; 182 (vergl. mit S. 45. Bem. 6.) 185,194 §. 52, 196 ff., 206 ff., 217. Bemerk. 16;
  • 2) sich sehr weit erstreckende vulkanische Erhe-bungen z. B. der Azoren, kleinen Antillen etc.(a. a. O. S. 79. Bem. 9.); und
  • 3) Knallgas-Verbrennungen im Innern der Erdea. a. O. S. 68. §. 38 ff. Wahrscheinlich wirddieses Gas nicht lediglich durch Compression(a. a. O. S. 68—69.) Verbrennung leichterMetalle (ebendas.) und elektrische Funken (a. a. O.S. 69—70.), sondern auch durch Gasverschluckungsolcher Materien zu Wege gebracht, die hierwirken wie Platin (Kohle etc.) in Döberei-ner’s Versuch; vgl. dies. Arch. H. 1. S. 68 u. ff.