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Alexander von Humboldt: „Brasiliens naturhistorische Merkwürdigkeiten“, in: ders., Sämtliche Schriften digital, herausgegeben von Oliver Lubrich und Thomas Nehrlich, Universität Bern 2021. URL: <https://humboldt.unibe.ch/text/1823-Extrait_du_Rapport-3-neu> [abgerufen am 03.03.2024].

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https://humboldt.unibe.ch/text/1823-Extrait_du_Rapport-3-neu
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Titel Brasiliens naturhistorische Merkwürdigkeiten
Jahr 1824
Ort Prag
Nachweis
in: Hesperus. Encyclopädische Zeitschrift für gebildete Leser 118 (17. Mai 1824), S. 469–470 [angekündigte Fortsetzung nicht erschienen]
Sprache Deutsch
Typografischer Befund Fraktur (Umlaute mit superscript-e); Spaltensatz; Antiqua für Fremdsprachiges; Auszeichnung: Sperrung; Fußnoten mit Asterisken.
Identifikation
Textnummer Druckausgabe: IV.32
Dateiname: 1823-Extrait_du_Rapport-3-neu
Statistiken
Seitenanzahl: 2
Spaltenanzahl: 4
Zeichenanzahl: 7218

Weitere Fassungen
Extrait du Rapport fait à l’Académie des Sciences, sur un ouvrage de M. Auguste de Saint-Hilaire, intitulé: Plantes usuelles des Brasiliens (Orléans, 1823, Französisch)
Plantes usuelles des Brasiliens, par M. Auguste de Saint-Hilaire, correspondant de l’Académie des Sciences (Paris, 1824, Französisch)
Brasiliens naturhistorische Merkwürdigkeiten (Prag, 1824, Deutsch)
Rapport verbal (Paris, 1824, Französisch)
Rapport verbal fait à l’Académie des Sciences sur un ouvrage de M. Auguste de Saint-Hilaire, intitulé: Plantes usuelles des Brasiliens (Paris, 1824, Französisch)
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Braſiliens naturhiſtoriſche Merkwürdigkeiten.1. Nach St. Hilaire und Humboldt.

St. Hilaire hat ſein neuſtes Pflanzenwerküber Braſilien *) der Pariſer Akademie derWiſſenſchaften überreicht und Humboldt als Be-richterſtatter ſich darüber im Weſentlichen dahingeäußert: „Auguſte v. St. Hilaire, der ſchon vor ſei-ner Abreiſe aus Europa ſo viele Beweiſe gründ-licher Kenntniſſe über Bau und Verwandtſchaftender Pflanzen gab, hat auf ſeiner ſechsjährigen Reiſedurch Braſilien, die Provinzen diſſeits des Plata-Stroms und die Miſſionen in Paraguay, fürZoologie und Botanik ausnehmend viel geleiſtet.Sein Sammelfleiß bereicherte Frankreich mit ei-nem Herbarium von 7000 Stück, 2000 Vögeln,16,000 Inſekten und 130 Säugethieren. Den wah-ren Werth erhalten aber erſt dieſe zahlreichen Schätzedurch die herrlichen Beobachtungen, welche dieſerſich weit über den gemeinen Sammler erhebende,wiſſenſchaftliche Reiſende an Ort und Stelle machteund uns dadurch in der Kenntniß der natürlichenPflanzenfamilien, der Pflanzen- und Thier-Geo-graphie und der Verſchiedenheiten des Bodens undſeiner Kultur bedeutend weiter brachte. Das erſte Heft ſeiner der Akademie überreich-ten Nutzpflanzen enthält eine Auswahl der für die |Spaltenumbruch| Arzneykunde, Induſtrie oder Ernährung vorzüglichwichtigeren. Drey neue Arten der ächten Quin-quina kommen vor, zwey Exortema, eine nach Bonpland mit der Cinchona nahe verwandteGattung und ein Strychnos, deſſen Heilkräftegegen das Fieber unverkennbar ſind. Die Entdeckung der wahren Cinchona, inweiter Ferne von den Cordilleren, im Oſten desſüdlichen Amerika iſt für Alle, welche ſich mitder Art, wie die Natur die Pflanzen über denErdball vertheilt hat und wie weit dabey geologi-ſche Urſachen eingewirkt haben, genauer bekannt ſind,eine auffallende Erſcheinung. Man kennt bis auf denheutigen Tag keine einzige Cinchona-, ja nicht einmaleine Exortema-Art, weder in den Bergen von Sillade Caraccas (wo die Befarien, Aralien,Thibandien und andre auf den Alpen Neu-Granada’s einheimiſche Sträuche wachſen), nochauf den bewaldeten Bergen von Caripé und desfranzöſiſchen Guyana. Daß man ſogar nichts von den Gattungen Cinchona und Exortema auf der Hochebnevon Mexico und in den öſtlichen Provinzen Süd-Amerika’s, nördlich vom Aequator, bis jezt we-nigſtens, angetroffen, muß um ſo mehr auffallen;da man doch auf den Antillen die Quinquina-Arten mit glatten Blumenkronen und hervorragen-den Staubfäden findet. Die Quinquina’s der Cordilleren rücken auf der nördlichen Halbkugelnicht weiter nach Oſten, als bis zum 72° weſtl.Länge von Paris, alſo bis zum Glimmerſchiefer-Gebirge der Sierra Nevada von Merida. St. Hilaire’s Cinchona ferruginea, Vol-lezii und Remijicena, die lange Zeit für Ma-crænemum-Arten gehalten wurden, wachſen aufden Hochebnen der Provinz Minas-Géraes 3000 Schuh hoch, im gemäßigten Klima, zwiſchen
*) Plantes usuelles des Brasiliens par M. Augustede St. Hilaire, correspondant de l’Academie des Sciences.I. Livrais. av. planches. Paris 1824. 8. (5 Fr.) Die neuſtenStatiſtiker geben Braſilien 2 Mill. Quadratm. undbevölkern ſeine 17 Provinzen mit mehr als 3,600,000Menſchen. (So viel haben Portugal, Madera unddie Azoren zuſammen nicht.) Darunter I. Sclaven:1. Schwarze 1,728,000, 2. Mulatten 202,000. II. Freye:1. Schwarze 159,500, 2. Mulatten 426,000, 3. Indianer260,000, 4. Weiße 843,000, darunter \( \frac{1}{2} \) Europäer, dasübrige Braſilianer.
|470| |Spaltenumbruch| dem 18. und 22. Grad S. Br. Wo ſie erſchei-nen, ſieht man ſie (was ſehr merkwürdig iſt) alsſichere Vorboten von nahen Eiſenlagern an. Diebittre, adſtringirende Rinde dieſer auf Braſiliens Bergen wachſenden Quinquina hat denſelben Ge-ſchmack, wie die Quinquina von Peru und Neu-Grenada. Indeſſen äußert ſie ihre Heil-kraft gegen das Fieber weniger, als Strychnospseudoquina, den man im Diamanten-Diſtrikt,in den Wüſten von Goyar und im weſtlichenTheil der Provinz Minas-Géraes autrifft.
Unter allen Arzneypflanzen dieſer unermeßli-chen Regionen iſt die Quinquina de Campo(Strychn. pseudoq.) am meiſten bewährt gefundenund im Gebrauch. Die Braſilianiſchen Aerztegeben die Rinde als Pulver und Decokt. Ein wah-res Himmelsgeſchenk für eine Gegend, in welcherintermittirende Fieber ſo herrſchend ſind, wie imThal Rio de San Francisco. St. Hilaire berichtet, daß in Braſilien angeſtellte, verglei-chende Verſuche mit Strychn. quinq. und den be-ſten Cinchona-Arten der Cordilleren bewieſenhaben, daß jener eben ſo vorzügliche Heilkräftebeſitze, wie dieſe. Dieſelben Erfahrungen hat manin Paris gemacht und die braſilianiſche Pseudo-quina, womit man ſogar in Rio Janeiro nochnicht die fremden Cinchona-Arten zu erſetzen ge-wußt hat, dürfte bald ein Ausfuhr-Artikel nach Europa werden. Vauquelin hat den Strychnos analyſirt und darin eine ganz eigne Säure, außer-dem aber, was ſehr auffallend iſt, weder Brucin, noch Quinin und auch nicht ein Atom jenerGiftſtoffe gefunden, welche in der Strychnos nuxvomica und in den Ignatius-Bohnen ent-halten ſind. — Das wußte man ſchon, daß eineandre Art derſelben Gattung, Str. Potatorum, keine jener giftigen Eigenſchaften beſitze, und daßman das Fleiſch von der Frucht der Brechnuß ohneGefahr eſſen könne. Einzelne Theile derſelben Pflan-zen enthalten nicht immer gleiche Grundſtoffe; undwenn man, nicht etwa in der nämlichen Familie,ſondern in derſelben Gattung, bey Pflanzen vonſehr ähnlichem Bau eine ſo auffallende Abweichungihrer chemiſchen Miſchung antrifft; ſo darf man |Spaltenumbruch| doch nicht vergeſſen, daß dieſe Unterſchiede mehrſcheinbar, als wirklich ſind, weil, nach Gay-Lüſſacs und Thenards chemiſch-botaniſchenUnterſuchungen, dieſelben Elemente, bey der min-deſten Aenderung in ihren Verhältniſſen, ſich an-ders zuſammenfügen und Verbindungen bilden, welcheauf die Nerven die entgegengeſezteſten Wirkungenhervorbringen können. Die Rinden von Exortema cuspidatus und australe aus Braſilien haben auch Heilkräftegegen das Fieber, aber nicht in ſolchem Grade,wie die Quina da Serra. Sie gleichen den Rin-den von der Quinquina auf den Antillen, zei-gen aber auch nicht eine Spur von Quinin undCinchonin, wie leztre. Zu den von St. Hilaire beſchriebnen Arz-neypflanzen gehört auch noch der bunte Paraiba oder Simaruba, eines der kräftigſten Gegengifteund Erodia febrifuga, die man im Lande ſelbſtmit der peruaniſchen Quinquina verwechſelt,und welche zu derſelben Familie gehört, wie Cor-tex angosturæ oder Carpure der amerikani-ſchen Miſſionen, die ich unter dem Namen Bon-plandia trifoliata bekannt machte. Sollte man einſt im Innern des franzöſi-ſchen Guyana hochgelegene Gegenden mit ei-nem gemäßigten Klima auffinden; ſo könnte mandahin, nach meinen frühern Vorſchlägen, mittelſtdes Amazonenſtroms, die Cinchona-Artenvon der Oſtſeite der Cordilleren (Loxa und Bracampos) verpflanzen, oder nach den inter-eſſanten Entdeckungen unſers Reiſenden, Braſi-liens Heilpflanzen gegen das Fieber dort an-bauen.” Humboldt rühmt dann noch die vortreffli-chen botaniſchen Beſchreibungen St. Hilaire’s und das dadurch neu aufgeſteckte Licht. Lauterſchätzbare Monographien, durch die ſehr fleißig li-thographirten Blätter erſt recht anſchaulich gemacht.(Moniteur 16. Avril 1824.) (Die Fortſetzung folgt.)