Digitale Ausgabe

Download
TEI-XML (Ansicht)
Text (Ansicht)
Text normalisiert (Ansicht)
Ansicht
Textgröße
Originalzeilenfall ein/aus
Zeichen original/normiert
Zitierempfehlung

Alexander von Humboldt: „[Über die Ausbrüche des Pic de Teyde auf Teneriffa]“, in: ders., Sämtliche Schriften digital, herausgegeben von Oliver Lubrich und Thomas Nehrlich, Universität Bern 2021. URL: <https://humboldt.unibe.ch/text/1818-xxx_Ueber_die_Ausbrueche-1> [abgerufen am 31.01.2023].

URL und Versionierung
Permalink:
https://humboldt.unibe.ch/text/1818-xxx_Ueber_die_Ausbrueche-1
Die Versionsgeschichte zu diesem Text finden Sie auf github.
Titel [Über die Ausbrüche des Pic de Teyde auf Teneriffa]
Jahr 1818
Ort Frankfurt am Main
Nachweis
in: Mineralogisches Taschenbuch für das Jahr 1818 12:1 (1818), S. 230–239.
Entsprechungen in Buchwerken
Alexander von Humboldt, Reise in die Aequinoctial-Gegenden des neuen Kontinents in den Jahren 1799, 1800, 1801, 1802, 1803 und 1804, Stuttgart und Tübingen: Cotta 1815, Bd. 1, S. 260–268.

Alexander von Humboldt, Relation historique du Voyage aux Régions équinoxiales du Nouveau Continent, 3 Bände, Paris: F. Schoell 1814[–1817], N. Maze 1819[–1821], J. Smith et Gide Fils 1825[–1831], Band 1, S. 174–180.
Sprache Deutsch
Schriftart Antiqua
Identifikation
Textnummer Druckausgabe: III.57
Dateiname: 1818-xxx_Ueber_die_Ausbrueche-1
Statistiken
Seitenanzahl: 10
Zeichenanzahl: 11200

|230| Ueber die Ausbrüche des Pic de Teyde auf Te-neriffa erzählt Humboldt in den Reisen in die Ae-quinoktial-Gegenden des neuen Kontinents, I. Th.S. 260 ff. Nachstehendes: »Unter allen schriftlichen Zeugnissen über dieThätigkeit des Vulkans datirt sich das älteste vomAnfang des sechszehnten Jahrhunderts. Es ist in derReisebeschreibung des Aloysio Cadamusto enthalten,welcher auf den Kanarischen Inseln im Jahr 1505landete. Dieser Reisende war von keiner EruptionZeuge, aber er versichert mit Bestimmtheit, daß die- |231| ser Berg, dem Aetna ähnlich, ohne Unterbrechungbrenne. Der Pic war folglich damals nicht in demZustand von Ruhe, worin wir ihn sehen. Dennes ist gewiß, daß jezt kein Schiffahrer und keinEinwohner von Teneriffa aus der Oeffnung des Pics,weder Flammen noch einmal Rauch hervorkommengesehen hat. Vielleicht wäre zu wünschen, daß dasLuftloch der Kaldera sich von Neuem öffnete; dieSeiten-Ausbrüche würden weniger heftig seyn, unddie ganze Inselgruppe hätte weniger von den Wir-kungen der Erdbeben zu befürchten *). Zur Beantwortung der Frage: ob man anneh-men könne; daß in einer Reihe von Jahrhundertender Krater des Pics wieder anfangen werde, thätigzu seyn? kann allein die Analogie als Wegweiserdienen. Nun war nach dem Berichte von Braccini das Innere des Kraters vom Vesuv im Jahr 1611 mitGesträuch bedeckt. Alles verkündigte daselbst die
*) Auf Teneriffa waren die Erdstöße bis jezt wenig be-deutend, und überdieß auf eine kleine Strecke Landesbeschränkt. Man beobachtet das Nämliche auf der InselBourbon und fast überall am Fuße der brennenden Vul-kane. In Neapel gehen die Erderschütterungen denEruptionen des Vesuvs voran; sie hören auf nachdemdie Lava durchgebrochen ist, und sie sind überhaupt sehrschwach im Vergleich mit denen, welche man an demAbhange der Kalkapenninen empfindet.
|232| größte Ruhe, und doch warf zwanzig Jahre nachherder nämliche Schlund, der sich in ein beschattetesThal umzuwandeln schien, Feuerbüschel und eineungeheuere Menge von Asche aus. Der Vesuv wur-de wieder eben so thätig im Jahr 1631, als er es1500 gewesen war. Eben so wäre es möglich, daßder Krater des Pics eines Tags eine andere Gestalt an-nähme. Er ist eine Solfatara, ähnlich der ruhigenSolfatara von Puzzuoli; aber diese befindet sich aufdem Gipfel eines noch jezt brennenden Vulkans.
Die Ausbrüche des Pics waren seit zwei Jahr-hunderten sehr selten, und diese lange Zwischenzeitenvon Ruhe scheinen sehr hohe Vulkane zu charakteri-siren. Der kleinste unter allen, Stromboli, ist bei-nahe immerwährend in Thätigkeit. Auf dem Vesuvsind die Ausbrüche schon seltener, ungeachtet sienoch viel häufiger sind, als bei dem Aetna und demPic von Teneriffa. Die kolossalen Gipfel der Anden,der Kotopaxi und der Tungurahua, speien kaum ein-mal in einem Jahrhundert Feuer. Man könnte fastsagen, bei den brennenden Vulkanen stehe die Häu-figkeit der Ausbrüche im entgegengesezten Verhältnißmit ihrer Höhe und Masse. Auch schien der Pic wäh-rend 92 Jahren erloschen, als er im Jahr 1798 seinelezte Eruption durch eine Seiten-Oeffnung machte,welche in dem Berg Chahorra gebildet wurde. In |233| diesem Zeitraume hat der Vesuv sechszehnmal Feuergespien. Der ganze bergige Theil des Königreichs Quitokann als ein ungeheuerer Vulkan angesehen werden,der mehr als 700 Quadratmeilen Oberfläche einnimmt,und durch verschiedene Kegel Flammen auswirft,welche mit den besondern Benennungen des Kotopaxi,Tungurahua und Pichincha bezeichnet werden. Ebenso ist die ganze Gruppe der Kanarischen Inseln, sozu sagen, auf einen unter dem Meere befindlichenVulkan gestellt. Das Feuer brach bald durch die ei-ne, bald durch die andere dieser Inseln durch. Te-neriffa allein enthält in seinem Mittelpunkte eine un-geheuere, in einen Krater ausgehende, Pyramide, dievon Jahrhunderten zu Jahrhunderten durch ihre Sei-ten Laven auswirft. Auf den andern Inseln hattendie verschiedenen Ausbrüche an verschiedenen Stellenstatt, und man findet auf ihnen keine von jenen iso-lirten Bergen auf welche die vulkanischen Wirkun-gen beschränkt sind. Die Basaltrinde von alten Vul-kanen gebildet, scheint daselbst überall unterwühltund die Lavaströme, welche man auf Lancerota undPalma erscheinen sah, erinnern, nach allen geologi-schen Verhältnissen, an den Ausbruch, welcher im Jahr1301 mitten unter den Tuffen von Epomeo, auf derInsel Ischia Statt hatte. |234| Folgende ist die Uebersicht der vulkanischenPhänomene, deren Andenken die Geschichtschreiberder Kanarischen Inseln seit der Mitte des 16ten Jahr-hunderts aufbewahrt haben. Jahr 1558. Den 15. April wurde die Insel Teneriffa das er-stemal von der aus der Levante gebrachten Pest heim-gesucht. Ein Vulkan öffnet sich auf der Insel Palma.Ein Berg steigt aus der Erde empor; es bildet sichauf dem Gipfel ein Krater, welcher einen Lavastromvon hundert Toisen Breite und von mehr als 2500Toisen Länge ausspeiet. Die Lava strömt ins Meer,und indem sie die Temperatur des Wassers erhöht,zernichtet sie die Fische *) auf große Entfernungenhin im Umkreise. Jahr 1646. Den 13. November entsteht eine Oeffnung aufder Insel Palma bei Tigalata. Zwei andere bildensich am Ufer des Meers. Die aus diesen Oeffnungenfließenden Laven vertrocknen die berühmte Quellevon Foncaliente oder Fuente Santa. In den Anden
*) Diese nämliche Erscheinung hatte im J. 1811 bei den Azo-ren statt, als sich der Vulkan Saboina im Grunde desOzeans öffnete, das kalzinirte Skelett eines Hayfischeswurde in dem überschwemmten und erloschenen Kratergefunden.
|235| von Quito glauben die Indier bemerkt zu haben, daßdie Menge von eindringendem Schneewasser die Thä-tigkeit der Vulkane vermehre.
Jahr 1677. Dritte Eruption auf der Insel Palma. Der Berglas Cabras wirft Schlacken und Asche durch eineMenge kleiner Oeffnungen aus, die sich allmähligbilden. Jahr 1704. Den 31. Dez. Der Pic von Teneriffa macht ei-nen Seiten-Ausbruch in der Ebene Los Infantes,oberhalb Icora, im Distrikte Guimar. SchauervolleErdbeben gingen dieser Eruption voran. Den 5. Jan.1705 thut sich eine neue Oeffnung in der Schluchtvon Almerchiga auf, eine Meile von Icora. Die La-ven kommen in solcher Menge, daß das ganze ThalFasnia oder Areza davon angefüllt wird. Diese zwei-te Oeffnung hört den 13. Jan. zu speien auf. Einedritte bildet sich den 2. Febr. in der Canada vonArafo. Die in drei Ströme getheilten Laven drehendem Dorfe Guimar, werden aber in dem Thal Me-losar durch eine hervorstehende Felsenmasse aufgehal-ten, die ihnen ein unüberwindliches Hinderniß ent-gegensezt. Während dieser Ausbrüche erleidet dieStadt Orotava, die von den neuen Oeffnungen durch |236| einen schmalen Damm getrennt ist, starke Erschütte-rungen. Jahr 1706. Den 5. Mai. Andere Seiten-Eruptionen des Picsvon Teneriffa. Die Mündung öffnet sich südlich vomHafen Garachico, welcher damals der schönste undbesuchteste der Insel war. Die Stadt, bevölkert undreich, war an dem Saum eines Lorbeerwaldes gebaut,in einer sehr pittoresken Lage. Zwei Lavaströmezerstörten sie in wenigen Stunden. Der Hafen wur-de dergestalt angefüllt, daß die angehäuften Laven inder Mitte seines Umkreises ein Vorgebirg bildeten.Durchaus veränderte das Erdreich in den Umgebun-gen von Garachico seine Gestalt. Hügel erhobensich in der Ebene; die Quellen verschwanden undFelsen, erschüttert durch häufige Erdbeben bliebennackt, ohne Vegetazion und Erde. Jahr 1730. Den 1. Sept. Eine von den schauervollstenRevoluzionen zerrüttet den Abhang der Insel Lance-rota. Ein neuer Vulkan bildet sich zu Temanfaya.Die von ihm ausfließenden Laven und die Erdbe-ben, welche die Eruption begleiten, zerstören einegroße Anzahl Dörfer. Die Erdstöße dauern bis insJahr 1736. Während dieser Eruption sieht man vom |237| Meer eine dicke Rauchsäule aufsteigen. PyramidaleFelsen erheben sich über die Oberfläche des Wassers,und indem sie sich vergrößern, vereinigen sich dieseneue Klippen allmählig mit der Insel selbst. Jahr 1798. Den 9. Juni. Eruption des Pics von Teneriffa,durch die Seite des Berges Chahorra oder Venge *) an einer völlig unbebauten Stelle, südlich von Icod,neben dem Dorfe Guia, dem alten Isora. Dieser Berg,welcher an den Pic angelehnt ist, wurde von jeherals ein erloschener Vulkan betrachtet. Ob er gleichvon dichten Materien gebildet ist, so verhält er sichdoch zum Pic, wie der Monte-Rosso, welcher sichim Jahr 1661 erhob, und die Boche nuove, welchesich im Jahr 1794 öffneten, zum Aetna und zumVesuv. Der Ausbruch von Chahorra dauerte 3 Mo-nate und 6 Tage. Die Laven und Schlacken wurdendurch vier Oeffnungen ausgeworfen, welche in einerLinie lagen. Die Lava, 3 bis 4 Toisen hoch auf-gethürmt, rückte in einer Stunde drei Fuß vor.Was die Höhe betrifft, zu welcher bedeutende Felsen-stücke durch die Oeffnungen von Chahorra geworfen
*) Der Abhang des Bergs Venge, auf welchem die Erup-tion geschah, wird Chazajanne genannt.
|238| wurden, so zählte Cologan *) 12 bis 15 Sekundenwährend des Falls dieser Steine, das heißt von demAugenblick an zu rechnen, wo sie das Maximum ih-rer Höhe erreicht hatten. Dieser merkwürdige Ver-such beweißt, daß die Oeffnung Felsenstücke zumehr als 3000 Fuß Höhe auswarf.
Alle, in diesem chronologischen Ueberblicke, an-gegebenen Ausbrüche beziehen sich auf die drei In-seln Palma, Teneriffa und Lancerota. Es ist wahr-scheinlich, daß vor dem 16. Jahrhunderte die andernInseln ebenfalls die Wirkungen des vulkanischen Feu-ers erfahren haben. So sind einige unbestimmteNachrichten vorhanden über einen erloschenen Vul-kan, welcher sich im Mittelpunkte der Insel Ferrobefindet, und über einen andern auf Gran-Canaria,bei Arguineguin. Aber es wäre merkwürdig zu wis-sen, ob sich Spuren von vulkanischem Feuer in denKalkformazionen von Fuertaventura und in den Gra-niten und Glimmerschiefern von Gomera vorfinden **)
*) Drei von diesen Steinen, sagt Bory, verweilten 12 bis16 Sekunden, um sich so hoch zu erheben, bis sie sichaus dem Gesichte verloren, um dann wieder herabzu-fallen. Cologan bemerkt, daß die Dauer des Falls selbstetwas über fünfzehn Sekunden betrug, weil er den Stei-nen nicht bis zu ihrer Berührung mit der Erde folgenkonnte.**) Die blos auf den Seiten statt findende Thätigkeit desPics von Teneriffa ist eine um so merkwürdigere Er-
|239|

scheinung, als sie dazu beiträgt, die Berge, wel-che an den Hauptvulkan angelehnt sind, isolirt er-scheinen zu machen. Es ist wahr, daß bei demAetna und Vesuv die großen Lavaströme auch nicht vondem Krater selbst kommen und daß die Menge der ge-schmolzenen Materien gewöhnlich in umgekehrtem Ver-hältnisse mit der Höhe steht, in welcher sich die Spaltegebildet hat, welche die Laven auswirft. Aber auf demAetna und Vesuv endigt sich ein Seiten-Ausbruch jedes-mal mit einem Auswurf von Feuer und Aschen durchden Krater, d. h. durch den Gipfel des Berges selbst.Auf dem Pic von Teneriffa hat sich diese Erscheinungseit Jahrhunderten nicht gezeigt. Noch neuerlich, beider Eruption von 1798, sah man den Krater in der größ-ten Unthätigkeit. Sein Grund hat sich nicht gesenkt,während auf dem Vesuv nach der scharfsinnigen Bemer-kung des Hrn. v. Buch die größere oder geringere Tiefedes Kraters ein beinahe untrügliches Zeichen des Bevor-stehens einer neuen Eruption ist.