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Alexander von Humboldt: „Pflanzenbilder. Die Orchiden-Familie“, in: ders., Sämtliche Schriften digital, herausgegeben von Oliver Lubrich und Thomas Nehrlich, Universität Bern 2021. URL: <https://humboldt.unibe.ch/text/1817-Pflanzenbilder_die_Orchiden-1-neu> [abgerufen am 31.01.2023].

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https://humboldt.unibe.ch/text/1817-Pflanzenbilder_die_Orchiden-1-neu
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Titel Pflanzenbilder. Die Orchiden-Familie
Jahr 1817
Ort Stuttgart; Tübingen
Nachweis
in: Morgenblatt für gebildete Stände 33 (7. Februar 1817), S. 129–131.
Entsprechungen in Buchwerken
Alexander von Humboldt, De distributione geographica plantarum secundum coeli temperiem et altitudinem montium, prolegomena, Paris: Librairie grecque-latine-allemande 1817, S. 216–240.
Sprache Deutsch
Schriftart Fraktur
Identifikation
Textnummer Druckausgabe: III.41
Dateiname: 1817-Pflanzenbilder_die_Orchiden-1-neu
Statistiken
Seitenanzahl: 3
Spaltenanzahl: 2
Zeichenanzahl: 7345

Weitere Fassungen
Pflanzenbilder. Die Orchiden-Familie (Stuttgart; Tübingen, 1817, Deutsch)
Characteristic sketches of american vegetables (London, 1817, Englisch)
Pflanzenbilder vom Herrn Baron Alexander von Humboldt (Berlin, 1817, Deutsch)
Baron Humboldt on the bamboos of America (Edinburgh, 1817, Englisch)
Observations on the Orchidea. From the Latin of Alexander Baron Von Humboldt (London; New York City, New York, 1819, Englisch)
Recensio Palmarum ex opere Humboldtii et Bonplandii a Runthio edito, inscripto: Nova Genera et Species plantarum etc. Tom . I. p. 250–255 (Wien, 1821, Latein)
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Pflanzenbilder von Alexander von Humboldt.

Die Orchiden-Familie.

Die Monocotyledonen oder die nur mit einemSaamenlappen keimenden Pflanzen, bieten in Hinſicht ſowol derSchönheit ihrer Formen, als der Verſchiedenheit ihrer Far-ben, die größte Mannigfaltigkeit dar. In der Familie der Orchiden zeigt ſich die Blumendecke, welche bey den Grä-ſern, den Cypergräſern, bey den Familien der Jun-ceen und der Palmen nur blaß, klein und unanſehnlichiſt, mit dem verſchiedenſten Farbenſchmelze glänzend, ſodaß ſelbſt die prachtvollen Blumen der Amaryllis, der Irisund der Bananen-Gattungen, jenen den Rang laſſen. Die Orchiden machen in der That die Hauptzierde der Pflan-zenwelt in den Aequinoctial-Ländern aus; und wenn inNeu-Holland (wo ſo vieles außergewöhnlich und wunderbarerſcheint) dem Zeugniſſe Brown’s zufolge innerhalb derTropen wenigere Pflanzen jener Familie vorkommen, alshingegen zwiſchen dem 33 und 35 Breitegrad, ſo muß auchdieß als eine Ausnahme betrachtet werden; jedoch erklärtſich aus ihrer Vorliebe für eine feuchte und milde Atmo-ſphäre, warum die Epidendron-Orchiden auf der ſüdlichenHalbkugel ſo weit gegen den Südpol vorrücken, indem ſiedaſelbſt zur Winterszeit eine den Bergthälern der Tropen-länder ähnliche gemäßigte Lufttemperatur antreffen. Es läſſt ſich überall nicht berechnen (wie dieß auch dieberühmten Verfaſſer der Flora von Peru bezeugen), welch’eine reiche Orchiden-Ernte das milde Klima in den tiefenund ſchattigen Thälern der Andenkette künftigen Reiſen-den noch aufbewahrt; denn zuverläſſig kennen wir noch kaumden zwanzigſten Theil derſelben. In ganz Europa wachſennur 70 bis 80 Orchisarten, während in den Aequinoctial- |130| |Spaltenumbruch|Ländern Amerika’s, deren Bergtheile noch ſo wenig bekanntſind, bereits 244 Arten durch Pflanzen-Forſcher beobachtetund unter dieſen 61 neue von Humboldt und Bon-pland entdeckt wurden. Die bekannten Orchiden beyderWelten betragen noch keine ſiebenhundert; Willdenow hat ihrer nur 394 aufgezählt, worunter ſich 152 amerikani-ſche befinden. Obgleich nun zwar die Orchidengewächſe in der alten undin der neuen Welt von den Meeresküſten an bis zur Höhevon 1800 oder 1900 Klaftern zerſtreut vorkommen, ſo läſſtſich dennoch behaupten, daß durch die Menge ihrer Arten,durch Farbenzeichnung und Wohlgeruch, durch Blättermengeund Farbenglanz, die Schlünde des Andengebirgs von Me-xico, Neu-Granada, Quito und Peru, ihr eigentliches Va-terland genennt werden mögen, worin ſie im feuchten Schat-ten, bey milder Luft, zwiſchen 800 und 1100 Klaftern Höhe,bey einer mittlern Jahreswärme von 19 bis 17 Graden ambeſten gedeihen. Die Orchisarten mit ſpornförmigen Blüthen, kommenin der heißen Zone faſt gar nicht vor, und mit wenigen Aus-nahmen ſind ihre Formen in der gemäßigten und kaltenZone weſentlich verſchieden, ſo daß auf der nördlichen Halb-kugel die Gattungen der Orchis, Habenaria,Cypripedium, Ophrys, Serapias, Epipactes u. ſ. w.; auf der ſüdlichen aber jene der Satyrium,Pteripodium, Disperis, Corycium, Stilidium,Disa, Pterostylis, Acianthus u. ſ. w. wachſen.Die Orchiden der Aequinoctial-Länder gehören großen-theils der Epidendron-Gattung an; ſie unterſcheiden ſichdurch ein fremdartiges Anſehen und insbeſondere auch da-durch von den Orchiden der gemäßigten und kalten Erdſtri-che, daß jene faſt immer geſellig und auf Bäumen wachſen,während dieſe vereinzelt der Erde entkeimen. Sehr wenigeArten, welche (wenn ich mich ſo ausdrücken darf) die Phy-ſiognomie des Nordens an ſich tragen, wie die Ophrys,Habenaria, Altensteinia, kommen in den Tropenvor, und nicht blos auf dem Rücken der höchſten Berge,ſondern bisweilen auch in den Ebnen. Die gemäßigte Zonebeyder großen Feſtlande beſitzt nicht mehr als vier Artengemeinſam; dieſe ſind: Satyrium viride, Orchishyperborea, Neottia repens, N. tortilis. Merkwürdig iſt die Beobachtung, daß das auf den Bergenvon Jamaica und in den Wäldern von Guiana wachſende Dendrobium polystachion auch auf der InſelSt. Maurice angetroffen wird. (Schwartz flor. Ind.occ. T. 3, p. 1433.) Ob es jedoch wirklich die gleiche Artiſt, darf allerdings noch bezweifelt werden. Die meiſtenOrchiden der heißen Zone enthalten in ihren Wurzelknolleneine weiſſe, mehlartige Subſtanz, die auch nicht ſelten näh-rende Eigenſchaften beſitzt; einige, wie die Pleurothallis |Spaltenumbruch| sagittifora, enthalten in ihren Knollen einen zähenSaft, der als Tiſchlerleim gebraucht wird. Ueberhaupt beſitzen die Monocotyledonen-Ge-wächſe einen Ueberfluß von Stärkemehl (amylum) theils in den Früchten (die Gräſer, die unreifen Früchteder Musa, die Palma Pihiguae, ) theils im Stam-me (Sagus, Mauritia,) theils in den Wurzeln (die Arums, Orchiden, die Familien der Lilien und Dioscoreen, Maranta indica. ) Zucker hingegenenthalten die Säfte der Gräſer, der Agaven, die Arengpalme, die reifen Früchte des Piſang. Daß in dergleichen Pflanze und oft auch in den gleichen Theilen derſelben,Stärkemehl und Zucker zugleich vorkommen, wird um ſo we-niger auffallend erſcheinen, wenn man ſich erinnert, daß dieneuern Scheidekünſtler in beiden ungefähr die gleichen Verhält-niſſe von Sauerſtoff, Waſſerſtoff und Kohlenſtoff antrafen, unddaß aus der keimenden Gerſte das ſüße Bier hervorgeht.Die Verwandlung des Stärkemehls in Zucker ſcheinen dieAlten ſchon geahnet zu haben; es erzählt nämlich unter an-dern Prosper Alpin: der Piſang (Musa paradi-siaca) ſey aus dem der Colocaſien-Wurzel eingepropftenZuckerrohr entſproſſen; und gleichmäßig verſichert Abd-Allatif, wenn ein Dattelkern in einer Kolokaſienwurzelkeime, ſo entwickle ſich eine Piſangpflanze. Der klebrigeSaft, den die Natur in den Wurzelknollen der Orchidenabſondert, iſt von dem wahren Kleber des Getreides verſchie-den, wie von dieſem hinwieder der klebrige Saft verſchie-den iſt, welcher aus Vogelleimbeeren und der Rinde derStechpalme bereitet wird. Ein nervenreizendes Aroma fin-det ſich in den Lilien-Asphodelus- und Narziſſen-Blüthen,in der Narbe des Crocus, in den Früchten der Vanille unddes Cardamomum, in den Wurzeln der Canna-Arten und inder ganzen Familie der Peperomien. Säuren, Bitterſtoff,Harze, Kampher, Gifte, Gerbſtoff und Pflanzenmilch,kommen unter den Monocotyledonen-Gewächſen höchſt ſeltenoder gar nicht vor (Giftig ſind nur die Colchica und einigeAmaryllisarten; als Gegengift dient allein der Saft derPalme, die Humboldt Kunthia nannte; Bitterſtoff ent-halten die Smilar und Scilla-Arten; Gummiharz findet ſichin der Aloe.) Ein noch nicht gehörig ergründetes adſtringi-rendes Prinzip liegt in der Dracæna Draco und inder Agave verborgen, deren Saft als Aetzmittel bey Wun-den gebraucht wird. Es iſt unbegreiflich, wie der berühmte Fourcroy den Monocotyledonen das fette Oel überall ab-ſprechen konnte, da doch die Cocospalme in den Tropenlän-dern zu gleichem Behuf wie unſere Olive gepflanzt wird. Decandolle (essai sur les propr. medicales des plantes,1816, p. 354. 356) hat bereits ſcharfſinnig bemerkt, daß inden Monocotyledonen, weil ihre zurückführenden Saftgefäßedurch den ganzen Stamm zertheilt ſind und nicht in eineRindemaſſe verwachſen, ungefähr alles dasjenige fehlt, was,als der Rindeſubſtanz eigenthümlich, in den Pflanzen die |131|mit zwey Saamenlappen keimen (Dicotyledonen) angetrof-fen, was hinwieder auch durch Knight’s Verſuche(Phil. Trans. 1801. p. 337) unzweydeutig dargethan wird.