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Alexander von Humboldt: „[Des lignes isothermes et de la distribution de la chaleur sur le globe]“, in: ders., Sämtliche Schriften digital, herausgegeben von Oliver Lubrich und Thomas Nehrlich, Universität Bern 2021. URL: <https://humboldt.unibe.ch/text/1817-Des_lignes_isothermes-04-neu> [abgerufen am 25.05.2024].

URL und Versionierung
Permalink:
https://humboldt.unibe.ch/text/1817-Des_lignes_isothermes-04-neu
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Titel [Des lignes isothermes et de la distribution de la chaleur sur le globe]
Jahr 1817
Ort Stuttgart; Tübingen
Nachweis
in: Literatur-Blatt [Beilage zum Morgenblatt für gebildete Stände] 32 (1817), S. 127–128; 33 (1817), S. 131–132.
Sprache Deutsch
Typografischer Befund Fraktur (Umlaute mit superscript-e); Spaltensatz; Antiqua für Fremdsprachiges; Auszeichnung: Sperrung; Tabellensatz.
Identifikation
Textnummer Druckausgabe: III.37
Dateiname: 1817-Des_lignes_isothermes-04-neu
Statistiken
Seitenanzahl: 4
Spaltenanzahl: 5
Zeichenanzahl: 9466

Weitere Fassungen
Des lignes isothermes et de la distribution de la chaleur sur le globe (Paris, 1817, Französisch)
Des lignes isothermes, et de la distribution de la chaleur sur le globe (Genf, 1817, Französisch)
Sur les Lignes isothermes (Paris, 1817, Französisch)
[Des lignes isothermes et de la distribution de la chaleur sur le globe] (Stuttgart; Tübingen, 1817, Deutsch)
Of Isothermal Lines, and the Distribution of Heat over the Globe (London, 1818, Englisch)
Ueber die gleichwarmen Linien (Jena, 1818, Deutsch)
Isothermes (Lignes) (Paris, 1819, Französisch)
Ueber die isothermischen Linien (Nürnberg, 1819, Deutsch)
Ueber die gleichwarmen Linien (Lignes isothermes) Humbolds (Prag, 1820, Deutsch)
On Isothermal Lines, and the Distribution of Heat over the Globe (Edinburgh, 1820, Englisch)
Abstract of Baron Humboldt’s Dissertation on Isothermal Lines, and the Distribution of Heat over the Globe (London, 1821, Englisch)
Lignes isothermes (Paris, 1823, Französisch)
Von den isothermen Linien und der Vertheilung der Wärme auf dem Erdkörper (Hildburghausen; New York City, New York, 1853, Deutsch)
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Hr. von Humboldt liest eine merkwuͤrdigeDenkſchrift uͤber die Linien gleichartiger Waͤrme (lignesisothermes). Die mittlere Waͤrme oder die Mittel-Temperaturen des Jahres zeigen den Waͤrme-grad an, welcher den verſchiedenen Gegenden der Erdeeigenthuͤmlich ſeyn wuͤrde, wenn die ungleiche Mengeder Waͤrme, die ſich in verſchiedenen Jahrszeiten undin verſchiedenen Stunden den Tag und die Nacht uͤberentwickelt, gleichmaͤßig im Verlauf eines Jahresvertheilt ſeyn wuͤrde. Seit den neueſten Unterſuchungen,welche uͤber die Waͤrme im Innern der Erde, unter ver-ſchiedenen Breitegraden und in verſchiedenen Hoͤhen an-geſtellt wurden, kann man die mittleren Temperaturender untern Schichten der Atmoſphaͤre und jene der Stein-rinde des Erdballs, an einem gegebenen Orte, nichtmehr als identiſch betrachten. Auch die oft wiederholteBehauptung, daß die mittleren Waͤrmegrade durch eineeinzige Zahl das Klima der verſchiedenen Breitegrade be-zeichnen, iſt nicht ganz richtig. Um das Klima einesOrtes zu kennen, muß man wiſſen, wie die Waͤrme indie verſchiedenen Jahreszeiten vertheilt iſt, und zweyOrte, zum Beyſpiel Mailand und Pekin, deren mitt-lere Temperatur (von 13° des 100° Waͤrmemeſſers) dienaͤmliche iſt, koͤnnen, das erſte einen Winter von +2°, 4,und einen Sommer von 22° 8; das zweyte einen Win- |128| |Spaltenumbruch|ter von —3° und einen Sommer von 28° haben. Rich-tig iſt es, daß uͤberall, wo die mittlere Jahrestemperaturauf 15° anſteigt, die mittlere winterliche Temperaturauch nicht mehr unter Null herabſinkt. Bringt mannun mittelſt einer krummen Linie (courbe isotherme) die-jenigen Orte in Verbindung, deren mittlere Jahrestem-peratur die gleiche iſt, ſo erſieht man, daß die Verthei-lung der Waͤrme zwiſchen Sommer und Winter in einembeſtimmten Gleichmaße (proportion fixe) ſtatt findet,das will ſagen, daß die Verſchiedenheiten gewiſſe Gren-zen nicht uͤberſchreiten. Immerhin ſind ſie jedoch großgenug, um einen bedeutenden Einfluß auf den Anbauder dem Menſchen nuͤtzlichen Pflanzen auszuuͤben. Willman das fuͤr den Weinbau geeignete Klima (climat devigne) bezeichnen, ſo genuͤgt es nicht zu ſagen: die Tem-peratur des Jahres muͤſſe uͤber 8°,7 oder 9° betragen:man muß hinzufuͤgen, um trinkbaren Wein zu erhal-ten, muͤſſe der Winter nicht unter +1°, und der Som-mer nicht unter 18°,5 bis 19° betragen. Im NeuenFeſtlande aber (in den vereinten Staaten), ſteht die Tem-peratur des Winters unter Null, wo die mittlere Jah-resremperatur nicht uͤber 9° anſteigt. Auf der Iſotherm-linie von 9°, ſinkt der Waͤrmemeſſer im Syſtem des trans-atlantiſchen Klima’s nicht ſelten bis zu 18° unterNull. Die mittlere Temperatur eines Tages, im mathematiſchen Sinne des Ausdrucks, iſt der Durch-ſchnitt ſaͤmmtlicher Temperaturen oder des Waͤrmegra-des aller Augenblicke, aus denen der Tag beſteht. Setztman die Dauer dieſer Augenblicke auf Minuten feſt,ſo muͤſſte man die Summe der 1440 (oder 24 Mal 60)thermometriſcher von Minute zu Minute angeſtellterBeobachtungen mit 1440 dividiren, um dadurch die ge-wuͤnſchte Zahl zu erhalten: der Geſammtbetrag aller die-ſer partiellen Reſultate, mit 365 dividirt, wuͤrde als-dann die mittlere Jahrestemperatur liefern.Weil die Extreme der thermometriſchen Abweichung waͤh-rend eines Tages uͤberhaupt ſich einander ſehr annaͤhern,ſo leuchtet von ſelbſt ein, daß die gleichen Waͤrmegradeeiner großen Zahl Augenblicke gemeinſam zugehoͤren; ſodaß jeder Waͤrmegrad, auf den geſuchten Durchſchnitt,im Doppelverhaͤltniß ſeines Betrages und ſeiner Dauereinwirkt. Nimmt man hierauf bey den Durchſchnitt-berechnungen Ruͤckſicht, ſo laſſen ſich genaue Reſultateerhalten, wenn gleich die Zwiſchenraͤume der einzelnenBeobachtungen viel groͤßer ſind, als oben angenommenward. Bey Berechnung einer großen Zahl zwiſchen dem46ſten und 48ſten Breitegrad angeſtellter Beobachtun-gen fand Hr. von Humboldt, daß der Zeitpunktdes Sonnenuntergangs eine mittlere Temperatur darbie-tet, welche nur um etliche Zehnttheile eines Grades vonderjenigen abweicht, die aus den Beobachtungen derhoͤchſten und niedrigſten Temperatur jedes Tages (um2 Uhr Nachmittags und bey Sonnenaufgang) berechnetward. Und vorher hatte er gefunden, daß die halbirteTemperatur der hoͤchſten und niedrigſten Temperatur je-des Tages, uͤberhaupt nur um etliche Zehnttheile einesGrades von der ſtrengen Durchſchnittstemperatur ab-weicht und ſolche erſetzen kann. Weil Reiſende nur ſelten Gelegenheit haben, an denOrten, wo ſie ſich aufhalten, eine hinlaͤngliche Anzahlvon Beobachtungen fuͤr die Ausmittlung der Durch-ſchnittstemperatur des Jahres ſammeln zu koͤnnen, ſowar es wuͤnſchenswerth, die Monate kennen zu lernen,welche jene unmittelbar liefern koͤnnen. Aus nachſtehen- |Spaltenumbruch|den Angaben mag man abnehmen, daß, bis zu ſehrhohen Breitegraden hinan, die Monate April und Okto-ber, vorzuͤglich aber der letztere dieſe Eigenſchaft beſitzen.
Mittlere Temperatur.
Orte. des Jahres. des Oktobers. des Aprils.
Cairo. 22°,4. 22°,4. 25°,5.
Algier. 21,0. 22,3. 17,0.
Rom. 15,8. 16,7. 13,0.
Mailand 13,2. 14,5. 13,1.
Philadelphia 11,9. 12,2. 12,0.
New-York 12,1. 12,5. 9,5.
London 11,0. 11,3. 9,9.
Paris 10,6. 10,7. 9,0.
Genf 9,6. 9,6. 7,6.
Edinburg 8,8. 9,0. 8,3.
Goͤttingen 8,3. 8,4. 6,9.
Copenhagen 7,6. 9,3. 5,0.
Stockholm 5,7. 5,8. 3,6.
Upſal 5,4. 6,3. 4,3.
Petersburg 3,8. 3,9. 2,8.
Abo 5,2. 5,0. 4,9.
Cap-Nord 0,0. 0,0. —1,0.
Die Durchſchnitts-Temperaturen derJahrgaͤnge ſind gar viel gleichfoͤrmiger als man,nach ſinnlichem Gefuͤhl und nach dem verſchiedenen Er-trag der Ernten, anzunehmen verſucht ſeyn koͤnnte. Diegroͤßten Abweichungen erreichen kaum 2° des 100° Waͤr-memeſſers. Zu Paris fand man fuͤr die Jahre 1803 bis 1816einſchließlich, folgende Angaben der mittleren Jahres-waͤrme:+10°,6.. 11°,1..9°,7.. 11°,9.. 10°,8.. 10°,3. 10°,5.10°,5.. 11°,5.. 9°,9.. 9°,9.. 9°,7.. 10°,5.. 9°,4. In Genf ergaben ſich fuͤr die Jahre 1803 bis 1815einſchließlich folgende Reſultate:+10°,2..10°,6..8°,8..10°,8.. 9°,6.. 8°,3.. 9°,4.10°,6.. 10°,9..8°,8.. 9°,2..9°,0..10°,0. Die Abweichungen der Mitteltemperatur betragenfuͤr den Monat Jenner 7°; fuͤr den Monat Auguſt errei-chen ſie nur ſelten 4°. Durch die Iſotherm-Linien werden die Orteder Erdkugel in Verbindung gebracht, welche gleichemittlere Temperatur, in dem bisher erklaͤrten Sinnedes Ausdrucks haben, oder mit andern Worten, eswerden jene Linien durch diejenigen Orte des Erdballsgezogen, deren Durchſchnitt-Temperatur dem Nullgrad,5°, 10° oder 15° u. ſ. w. am naͤchſten koͤmmt. DieIſotherm-Binde (bande isotherme) von 5° z. B. nimmtihren Weg 0°,5 noͤrdlich von Quebek; 1° noͤrdlich vonChriſtiania; 0°,5 noͤrdlich von Upſal; durch Petersburgund Moskau. Hinwieder die Iſotherm-Binde von 15°nimmt ihren Weg 4°,5 noͤrdlich von Natchez; durchMontpellier; 1° noͤrdlich von Rom, und 1°,5 noͤrdlichvon Nangaſacki. Der Gebrauch dieſer bildlichen Mittel, bemerkt Hr. von Humboldt, wird einſt große Aufſchluͤſſe uͤberErſcheinungen an die Hand bieten, welche fuͤr die Land-wirthſchaft und die geſellſchaftlichen Verhaͤltniſſe der Men-ſchen ausnehmend wichtig ſind. Wuͤrden wir, ſtatt derLandcharten, nur Netze haben, welche die Orte nachBreite-, Laͤnge- und Hoͤhe-Graden geordnet anzeigen,ſo waͤren uns eine Menge merkwuͤrdiger Verhaͤltniſſe derFeſtlande, die auf ihrer Geſtaltung und der Ungleichhei-ten ihrer Oberflaͤche beruhen, voͤllig unbekannt geblieben. |131| |Spaltenumbruch|

(Beſchluß.)

Die Iſothermlinien weichen von den Parallelkreiſender Erde ſehr bedeutend ab. Ihre Gipfel, die inEuropa convex erſcheinen, befinden ſich faſt auf demnaͤmlichen Meridian. Von dieſen Punkten nach Weſthin, ſenken ſich dieſe Linien dem Equator zu, mit demſie, von den atlantiſchen Kuͤſten der neuen Welt bis oͤſt-lich von Miſſiſipi und Miſſouri, ungefaͤhr wagerecht lau-fen; unbezweifelt erheben ſie ſich wieder jenſeits der Fel-ſengebirge auf den gegenuͤber gelegenen Kuͤſten Aſiens,zwiſchen dem 35ſten und 55ſten Breitegrad. Auch weiß man,daß der Olivenbaum dem Kanal von Santa-Barbaraentlang in Neu-Californien mit Erfolg gepflanzt wird,und daß in Noutka, beynahe in der gleichen Breite mit |132| |Spaltenumbruch|Labrador, auch die kleinſten Baͤche vor dem Monat Jen-ner nicht gefrieren. Wollte man, ſtatt der Linien gleicher Durchſchnittwaͤr-me (isothermes) die Linien gleicher Wintertempe-ratur (lignes isochimènes) auf einer Charte zeichnen, ſowuͤrde man alsbald wahrnehmen, daß die letztern von denParallelkreiſen der Erdkugel noch viel mehr abweichen, alsdie erſtern. Im Syſtem der europaͤiſchen Klimate, ſagtHr. von Humboldt, koͤnnen die geographiſchen Brei-ten zweyer Orte, welche gleiche jaͤhrliche Temperatur ha-ben, nicht uͤber 4 bis 5 Grade von einander abweichen;dahingegen zwey Orte, deren mittlere Wintertempera-tur die naͤmliche iſt, um 9 bis 10 Grad geographiſcherBreite von einander verſchieden ſeyn koͤnnen; je weiterman oſtwaͤrts vorruͤckt, deſto ſchneller zeigt ſich dasWachsthum dieſer Verſchiedenheiten. Die Kruͤmmungender Linien gleichartiger Sommerwaͤrme (cour-bes isothères) ſind ſehr verſchieden von den Kruͤmmungender Wintertemperatur-Linien (courbes isochimènes). Man trifft die gleiche Sommertemperatur in Moskau,mitten in Rußland, und an der Muͤndung der Loire,des Unterſchiedes von 11 Breitegraden unerachtet, an.Man verſteht uͤbrigens bey dieſen Berechnungen, unterdem Namen Winter, den ganzen Chriſtmonat mit denzwey darauf folgenden Monaten, ſo wie hinwieder derBrachmonat, Heumonat und Auguſt den Sommerausmachen.