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Titel Ueber die Gesetze, welche man in der Vertheilung der Pflanzenformen beobachtet. – Auszug aus einer am 5. Febr. 1816. in der Sitzung des Par. Instituts vorgelesenen Abhandlung. Aus dem Franz. der Ann. de Chemie et de Physique, Mars 1816. übersetzt von Dr. Martius
Jahr 1816
Ort Nürnberg
Nachweis
in: Journal für Chemie und Physik 18:2 (1816), S. 129–145.
Sprache Deutsch
Schriftart Antiqua
Identifikation
Textnummer Druckausgabe: III.33
Dateiname: 1816-Sur_les_lois-3
Statistiken
Seitenanzahl: 17
Zeichenanzahl: 24640
Bilddigitalisate

Weitere Fassungen
Sur les Lois que l’on observe dans la distribution des formes végétales (Paris, 1816, Französisch)
On the Laws observed in the Distribution of vegetable Forms (London, 1816, Englisch)
Ueber die Gesetze, welche man in der Vertheilung der Pflanzenformen beobachtet. – Auszug aus einer am 5. Febr. 1816. in der Sitzung des Par. Instituts vorgelesenen Abhandlung. Aus dem Franz. der Ann. de Chemie et de Physique, Mars 1816. übersetzt von Dr. Martius (Nürnberg, 1816, Deutsch)
Ueber die Gesetze in der Vertheilung der Pflanzenformen. (Gelesen im franz. Institut am 5ten Hornung 1816) (Jena, 1817, Deutsch)
[Sur les Lois que l’on observe dans la distribution des formes végétales] (London, 1819, Englisch)
Humboldt on the Geography of Plants (Edinburgh, 1819, Englisch)
[Sur les Lois que l’on observe dans la distribution des formes végétales] (Edinburgh, 1819, Englisch)
[Sur les Lois que l’on observe dans la distribution des formes végétales] (Edinburgh, 1823, Englisch)
Ueber die Beziehungen, welche in der Vertheilung der Pflanzen-Samen beobachtet werden (Frankfurt am Main, 1830, Deutsch)
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Ueber die Gesetze, welche man in der Verthei-lung der Pflanzenformen beobachtet. —Auszug einer am 5. Febr. 1816. in derSitzung des Par. Instituts vorgelesenenAbhandlung *). — VonA. von HUMBOLDT. Aus dem Franz. der Ann. de Chemie et de Physique,Mars 1816. übersetzt vom Dr. Martius.

Die Botanik, lange Zeit bloß auf die Beschrei-bung der äußeren Formen der Pflanzen und aufihre künstliche Classification beschränkt, bietet ge-genwärtig mehrere Arten von Studien dar, welchesie in innigere Berührung mit den andern Zwei-gen der Naturwissenschaft bringen. Hieher gehörtdie Anordnung der Gewächse nach einer natürlichenMethode, welche auf die Gesammtheit des Baues ge-gründet ist, hieher die Pflanzenphysiologie, welchedie innere Organisation zum Gegenstande ihrer Un-tersuchung macht, und die Pflanzengeographie, wel-
*) Man s. das Detail über diesen Gegenstand in den Prole-gomena de distributione geogr. plantarum, welche Hum-boldt seinem neuerlich erschienenen Werke: Nova ge-nera et species plantarum vorangeschickt hat.
|130| che jeder Gewächsgruppe ihre Höhe, ihre Grenzenund Klimate bestimmt. Die Worte: Alpenpflanzen,Pflanzen heißer Länder, Meerpflanzen finden sich inallen Sprachen, selbst in denen der wildesten Völkeram Orinocko. Sie beweisen, daß die Aufmerk-samkeit der Menschen beständig auf die Verthei-lung der Pflanzen und auf deren letzteren Beziehun-gen zu der Temperatur der Luft, die Erhebungdes Bodens und die Natur des von ihnen bewohn-ten Landstriches gerichtet war. Es bedurfte keinesgroßen Scharfsinns, um zu bemerken, daß an demAbhang der hohen Gebürge von Armenien Pflan-zen verschiedener Breiten auf einander folgen, sowie dort verschiedene Klimate übereinander liegen.Diese Idee Tournefort’s, welche von Linné in zweiinteressanten Dissertationen (Stationes et coloniaeplantarum) entwickelt wurde, enthält den Keimder Lehre von der Geographie der Pflanzen. Men-zel, Verfasser einer ungedruckten Flora von Japan,empfahl den Reisenden dringend Untersuchungenin Beziehung auf die Verbreitung der Pflanzen überdie verschiedenen Gegenden des Erdballs an. Erbezeichnete sogar das Resultat solcher Untersuchun-gen mit dem Namen der Pflanzengeographie. Auf’sNeue und beinahe zu derselben Zeit, wurde dieserName im Jahre 1783 von dem Abbé Giraud-Soulavie und dem berühmten Verfasser der Etudes de la natu-re *) angewendet. Dieses Werk enthält unter einergroßen Menge unstatthafter Ideen über die Naturder Erde, einige tiefe und scharfsinnige Ansichtenvon den Formen, den gegenseitigen Beziehungen undden Eigenthümlichkeiten der Pflanzen. Abbé Gi-
*) St. Pierre.
|131| raud-Soulavie beschäftigt sich vorzugsweise mit dencultivirten Pflanzen; er unterscheidet die Klimatedes Oelbaums, des Weinstocks, der Kastanie. Ergiebt einen Durchschnitt des Mont-Mezin, welchemer eine Anzeige der verschiedenen Stände desQuecksilbers im Barometer beifügt, weil er allenResultaten barometrischer Messungen mißtrauet.Nach der Geographie des plantes de la France méridio-nale erschien Stromeyers Tentamen historiae geogra-phicae vegetabilium Goett. 1800. unter der Form einerDissertation. Aber dieser Versuch giebt vielmehrden Plan eines künftigen Werkes, und zeichnet diezu berücksichtigenden Schriftsteller auf, als daß erdie Grenzen der Höhen nachwiese, welche diewildwachsenden Pflanzen in verschiedenen Klima-ten erreichen. Auch Treviranus in seiner Biologie spricht sehr philosophische Ansichten über diesenGegenstand aus. Man findet dort allgemeine Be-trachtungen, jedoch keine Höhenmessungen, keineAnzeigen der Thermometerstände, welche die Stützeneiner Lehre von der Geographie der Pflanzen sind.Erst seitdem man angefangen hat, die Höhenmessun-gen durch barometrische Nivellements und die Be-stimmungen der mittleren Temperatur zu vervoll-kommnen oder, — was für die Entwicklung der Ve-getation von besonderer Wichtigkeit ist, — die Un-terschiede zwischen der Temperatur des Sommersund des Winters, so wie der Tage und Nächte ge-nauer anzugeben, hat sich das Studium der Pflan-zengeographie zu dem Rang einer Wissenschaft er-hoben. Wenige Studien haben in neuester Zeitschnellere Fortschritte gemacht, indem man, nachjenen frühsten Versuchen, kürzlich durch die ver-einigten Arbeiten vieler Reisenden schon dahin ge- |132| kommen, ist die Vegetationslinie in Lappland, denPyrenäen, auf dem Rücken der Alpen, am Cau-casus und in den Cordillieren Amerika’s zu be-stimmen.
Die Pflanzen, welche über die Oberfläche un-serer Erde verbreitet sind, bieten, wenn man sienach Klassen oder natürlichen Familien betrachtet,auffallende Unterschiede dar, in Beziehung auf dieVertheilung der Formen. Die Gesetze dieser Ver-theilung sind es, welchen ich neuerlich meine Un-tersuchungen widmete. Wenn man sich hierin aufdie Länder *) beschränkt, deren Pflanzenarten ge-nau gekannt sind, und die ganze Anzahl in dieGruppen der Spelzblüthigen **), der Hülsentragen-den, der Zweilippigen, der Zusammengesetzten(Glumaceae, Leguminosae, Labiatae, Compositae)u. s. f. eintheilt, so findet man Zahlenverhältnisse,welche sehr regelmäsige Reihen bilden. Man siehtgewisse Formen gemeiner werden vom Aequatorgegen den Pol hin, wie die Farrenkräuter, die Glu-maceae, die Ericineae, die Rhododendra. AndereFormen dagegen werden häufiger, je näher man vonden Polen nach dem Aequator kömmt; sie könnenin unserer Hemisphäre wie mittägliche Formen an-gesehen werden: so die Rubiaceae, die Malvaceae,Euphorbiaceae, Leguminosae, Compositae ***).
*) Frankreich, Lappland, England u. s. w. nach den Be-obachtungen der Hrn. Wahlenberg, Buch, Ramond,Decandolle und Smith. **) Die Glumaceae enthalten 3 Familien: Gramineae, Cy-peraceae und Juncaceae.***) Wir nennen hier für Physiker, welche mit der be-schreibenden Botanik weniger bekannt sind, einige
|133| Andere dagegen erreichen ihr Maximum inder gemäsigten Zone selbst, und nehmen gleichmä-sig ab gegen den Aequator, so wie gegen die Pole:solche sind die Labiatae, Amentaceae, Cruciferaeund Umbellatae. Solche Erscheinungen sind schonlängst den Reisenden und denen, welche Herbariendurchgesehen haben, aufgefallen. Man weiß, daßdie Cruciferae und die Umbelliferae fast gänzlich inden Ebenen der heißen Zone verschwinden, unddaß keine Malvacea sich jenseits des Polarcirkelsbefindet. Es geht in der Pflanzengeographie, wiein der Meteorologie; die Resultate dieser Wissen-schaften sind so einfach, daß man immer nur all-gemeine Ueberblicke erhielt. Aber nur durch müh-same Untersuchungen und nach der Vereinigungund Zusammenstellung einer beträchtlichen Mengevon Beobachtungen, gelangt man zu der Kenntnißder hier herrschenden Zahlenverhältnisse und derpartiellen Ausnahmen, welche das Gesetz der Ver-theilung der Pflanzenformen erleidet. Eine allge-meine Tabelle, die wir weiter unten geben wollen,weiset dieses Gesetz in sechzehn Pflanzenfamiliennach, welche in der heißen, der gemäsigten und
Pflanzen, die den Typus der wichtigsten Familien ansich tragen: Glamaceae: Cyperngras, Lolch, Binse; Orchideae: Knabenkraut, Vanille; Labiatae: Salbey; Ericineae: Heidekraut; Compositae: Sternblume, Huf-lattich; Bubiaceae: Färberöthe, China; Umbellatae: Fen-chel: Cruciferae: Rettig, Kohl; Malvaceae: Pappel,Baumwolle; Leguminosae: Färbegiester, Klee, Mimo-se: Euphorbiaceae: Wolfsmilch; Amentaceae: Weiden,Eiche, Ulme; Coniferae: Tanne, Eibenbaum, Wachol-der.
|134| der kalten Zone verbreitet sind. Man sieht hier,wie in der organischen Natur die Formen constan-te Verhältnisse unter denselben Wärmeparallelen (paralleles isothermes); das heißt unter Bögen, wel-che durch Puncte der Erde gezogen werden, dieeiner gleichen Wärme genießen — offenbaren. Diegrasartigen Pflanzen machen in England \( \frac{1}{12} \), inFrankreich \( \frac{1}{13} \), in Nordamerika \( \frac{1}{10} \) der Gesammt-zahl aller dort einheimischen Phanerogamisten aus.Die Pflanzen mit Spelzblüthen (glumaceae) machenin Deutschland \( \frac{1}{7} \), in Frankreich \( \frac{1}{8} \), in Nordame-rika und, nach den schönen Beobachtungen Brown’s, auch in Neuholland ebenfalls \( \frac{1}{8} \) der daselbst be-kannten Phanerogamen aus. Auf der andern Seitebilden die Leguminosae in Deutschland \( \frac{1}{18} \), inFrankreich \( \frac{1}{16} \), in Nordamerika \( \frac{1}{19} \) der gesamm-ten Bevölkerung von phanerogamischen Gewächsen.Die Pflanzen mit zusammengesetzten Blumen nehmenin der nördlichsten Hälfte des neuen Continentes et-was zu; denn nach der neuen Flora von Pursh machen sie zwischen den Parallelen von Georgienund von Boston \( \frac{1}{6} \), in Deutschland dagegen \( \frac{1}{8} \) undin Frankreich \( \frac{1}{7} \) der allgemeinen Zahl der offenblü-thigen aus. In der ganzen gemäsigten Zone bildendie Glumaceae und die Compositae zusammenge-nommen ohngefähr \( \frac{1}{4} \), die Glumaceae, Composi-tae, Cruciferae und Leguminosae zusammengenom-men \( \frac{1}{3} \) des Ganzen (die Cryptogamen ausgeschlos-sen). Es geht aus diesen Untersuchungen hervor,daß die Formen der organisirten Wesen in einergegenseitigen Abhängigkeit von einander stehen,und sich nach constanten und leicht aufzufindendenGesetzen begrenzen. Wenn man auf irgend einemPunct der Erde die Zahl der Arten kennt, welche |135| daselbst aus einer der großen Familie der Gluma-ceae, Compositae, Cruciferae, Leguminosae u. s. w.wild wachsen, so kann man mit großer Wahr-scheinlichkeit die Gesammtzahl der Phanerogamenund die Zahl der Arten einzelner Hauptgruppenangehen. So kann man von der Kenntniß der Zahlvon Cyperaceis und Compositis unter der gemäsig-ten Zone auf die der Gräser und Hülsenpflanzenschließen *).

*) Die Zahl der beschriebenen oder doch in den europäi-schen Herbarien befindlichen Pflanzenarten beläuft sichauf 44,000, wovon 6,000 geschlechtslos sind. In die-ser Summe sind schon die 3,000 neuen Arten phanero-gamischer Pflanzen begriffen, welche durch Hrn. Bon-pland und mich aus Amerika herübergebracht wordensind. Frankreich zählt, nach Hrn. Decandolle, 3,645Phanerogamen, wovon 460 Glumaceae, 490 Composi-tae, 230 Leguminosae u. s. w. In Lappland giebt esnur 497 Pflanzen mit deutlichem Geschlecht, unterwelchen 124 Glumaceae, 38 Compositae, 14 Legumi-nosae, 23 Amentaceae sind u. s. f. Man vergl. darübermein Essai sur la Geographie des plantes, auquel estjoint le tableau physique des regions équinoxiales, derdem Institut 1804. vorgelegt und 1806. gedruckt wurde,und wovon jetzt eine neue Ausgabe gemacht wird.
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Pflanzengruppen nach derAnalogie der Formen. Verhältniß zu der |137|Ge-sammtzahl der Pha-nerogamen in der Bemerkungen.
heißenZone(MittlereWärme27°) gemäsigtenZone(MittlereWärme10 — 14°) kaltenZone(MittlereWärme0° — 1°)
Geschlechtslose von bloß zelli-gem Bau (Agames cellulaires) 1 : 5 1 : 2 1 : 1 Moose, Flechten, Pilze, Schwämme.
Farrenkräuter .... 1 : 60 1 : 25 In Deutschl. \( \frac{1}{48} \) in Frankr. \( \frac{1}{73} \).
Monocotyledonen ... 1 : 6 1 : 4 1 : 3 — — u. — — \( \frac{1}{4} \) Nordam \( \frac{1}{4} \).
Binsengewächse .... 1 : 400 1 : 90 1 : 25 — — \( \frac{1}{94} \) — — \( \frac{1}{86} \).
Cyperngrasartige .... 1 : 60 1 : 30 1 : 9 — — \( \frac{1}{18} \) — — \( \frac{1}{27} \).
Gräser ....... 1 : 15 1 : 12 1 : 10 — — \( \frac{1}{13} \) — — \( \frac{1}{13} \).
Spelzblüthige ..... 1 : 11 1 : 8 1 : 4 Diese enthalten die 3 vorhergehenden.
Lippenblumen .... 1 : 40 1 : 25 1 : 70 Deutschl. \( \frac{1}{26} \) Frankr. \( \frac{1}{24} \) Nordam. \( \frac{1}{40} \).
Heidenartige und Rhododendra 1 : 130 1 : 100 1 : 25 \( \frac{1}{90} \)\( \frac{1}{125} \)\( \frac{1}{36} \).
Zusammengesetztblüthige . 1 : 6 1 : 8 1 : 13 \( \frac{1}{8} \)\( \frac{1}{7} \)\( \frac{1}{6} \).
Rubiaceae ...... 1 : 29 1 : 60 1 : 80 \( \frac{1}{70} \)\( \frac{1}{73} \).
Doldenpflanzen .... 1 : 2000 1 : 30 1 : 60 Frankr. \( \frac{1}{34} \) Nordamer. \( \frac{1}{57} \).
Kreuzblüthig ..... 1 : 3000 1 : 18 1 : 24 \( \frac{1}{19} \) Deutschl. \( \frac{1}{18} \) Nordam. \( \frac{1}{62} \).
Malvenblüthige .... 1 : 50 1 : 200 0 \( \frac{1}{145} \)\( \frac{1}{233} \)\( \frac{1}{125} \).
Hülsentragende .... 1 : 12 1 : 18 1 : 35 \( \frac{1}{16} \)\( \frac{1}{18} \)\( \frac{1}{19} \).
Wolfsmilchartige .... 1 : 35 1 : 80 1 : 500 \( \frac{1}{70} \)\( \frac{1}{100} \).
Kätzchentragende .... 1 : 800 1 : 45 1 : 20 \( \frac{1}{50} \)\( \frac{1}{40} \)\( \frac{1}{25} \).
|138| Um die Verschiedenheiten zu erklären, welchein den Verhältnissen der Vegetation Deutschlands,Frankreichs und Nordamerika’s Statt finden, mußman auf die Klimate der Länder Rücksicht neh-men. Frankreich erstreckt sich von 42\( \frac{1}{2} \)° bis zum51° N. B. In diesem Reich ist die mittlere jähr-liche Temperatur 16,7° bis 11°, und die mittlereWärme der Sommermonate ist 24° — 19°. Deutsch-land, zwischen dem 46° und 54° nördl. Br. hat anseinen Grenzen die mittlere Wärme von 12°,5 und8°,5. Die mittlere Wärme der Sommermonate be-läuft sich auf 21° und 18°. Nordamerika bietet beiseiner ungeheueren Ausdehnung mehrere Klimatedar. Pursh lehrt uns 2,900 Phanerogamen kennen,welche zwischen den Breitenparallelen des 35stenund 44sten Grades, also in einer mittleren jährli-chen Temperatur von 16° und 7° wachsen. DieFlora Nordamerika’s ist aus mehreren verschiede-nen Floren zusammengesetzt. Die südlichen Ge-genden geben ihr einen Ueberfluß an Malvenblu-men und zusammengesetzten Blumen, die nördli-chen, welche viel kälter sind als die europäischenLänder unter denselben Breiten, bereichern sie da-gegen mit Rhododendris, kätzchentragenden Pflan-zen und Zapfenbäumen. Die Nelkenfamilie, dieDoldengewächse und die Kreutzblüthigen sind imAllgemeinen seltener in Nordamerika, als in dergemäsigten Zone des alten Continents. Diese constanten Verhältnisse, welche wir inden Ebenen vom Aequator bis zum Pole finden,begegnen uns auch an der Grenze des ewigenSchnees auf den Gipfeln der Gebürge. Man kannim Allgemeinen annehmen, daß auf den Cordil-leras der heißen Zone die nördlichen Formen ge- |139| meiner werden. So sieht man in Quito, auf demRücken der Andes, die Heiden, die Rhododendraund die Gräser vorherrschen. Im Gegentheil wer-den die Lippenblumen, die Rubiaceae, Malven undWolfsmilcharten daselbst so selten, als sie in Lapp-land sind. In Rücksicht auf die Compositas aberund auf die Farren tritt kein ähnliches Verhältnißein. Die ersteren sind häufig auf dem Rücken derAndes, während die letztern sich allmählig verlieh-ren, wenn man über 1,800 Toisen in die Höhesteigt. Auch ist das Klima der Andes dem desnördlichen Europa’s nur in Beziehung auf die mitt-lere Temperatur des Jahres ähnlich. Die Verthei-lung der Wärme in den verschiedenen Jahreszeitenist ganz anders und von mächtigern Einfluß aufdie Phänomene der Vegetation. Im Allgemeinensind, nach meinen Untersuchungen, diejenigenFormen, welche unter den Alpenpflanzen herrschen in der heißen Zone die Gräser (Aegopogon, Podo-saemum, Deyeuxia, Avena); die Compositae (Cal-citium, Espeletia, Aster, Baccharis), und die Nel-kenfamilie (Arenaria, Stellaria). In der gemäsigtenZone herrschen: die Compositae (Senecio, Leonto-don, Aster, Hieracium); die Nelkenblumen (Cera-stium, Cherleria, Silene), und die Kreuzblumen(Draba, Lepidium, Sisymbrium); — in der kaltenZone dagegen die Nelken (Stellaria, Alsine); dieHeidenartigen (Andromeda) und Ranunkelartigen. Diese Untersuchungen über das Gesetz derVerbreitung der Formen führten natürlich auf dieFrage: ob es Gewächse giebt, welche den beidenContinenten gemeinschaftlich zukommen? DieseFrage erregt um so mehr Interesse, als sie un-mittelbar eines der wichtigsten Probleme der Zoo- |140| nomie berührt. Man weiß seit langer Zeit, unddieß ist eines der schönsten Resultate der Geogra-phie der Thiere, daß kein Quadruped, kein Land-vogel, und wie es sich aus den Untersuchungen Latreille’s zu ergeben scheint, kaum irgend ein In-sect, den Aequatorialgegenden der beiden Conti-nente gemein ist. Cuvier hat sich durch treffendeBeobachtungen überzeugt, daß diese Regel selbst inBezug auf die Reptilien Statt findet. Er hat er-wiesen, daß die wahre Boa constrictor nur Ame-rika eigenthümlich ist, und daß die Boae der altenWelt Pythonen sind. Was die Gegenden ausser-halb der Wendekreise betrifft, hat Buffon die Zahlder Thiere, welche Amerika, Europa und demnördlichen Asien gemeinschaftlich eigen sind, überdas wahre Verhältniß vermehrt angegeben. Es istgewiß, daß der Auerochs, der Hirsch und dasReh von Amerika, sowie das Kaninchen, die Mo-schusratte, der Fischotter, der Maulwurf, die Spitz-maus, der Bär, die Fledermäuse, der Marder unddie Wiesel dieses Welttheiles von den europäischenArten verschieden sind, obgleich Buffon das Ge-gentheil behauptete. Es bleiben nur der Vielfraß,der Wolf, der weiße Bär, der rothe Fuchs undvielleicht auch das Rennthier und das Elenthierübrig, die sich durch keine hinreichenden Charak-tere von den europäischen Arten unterscheiden.Unter den Pflanzen muß man einen Unterschiedmachen zwischen den Geschlechtslosen und denenmit Keimlappen und die letztern muß man nachihrer Hauptabtheilung als Monocotyledonen oderDicotyledonen betrachten. Es ist kein Zweifel,daß sich viele Moose und Flechten (Funaria hygro-metrica, Lichen hirtus, Sticta tomentosa, croca- |141| ta u. s. w.) zugleich im tropischen Amerika undin Europa finden; unsere Herbarien beweisen dieß.Jedoch verhält es sich anders bei den geschlechts-losen Pflanzen mit Spiralgefäßen, als bei denenvon bloß zelligem Bau. Die Farren und die Ge-wächse aus der Familie des Lycopodium sind nichtdenselben Gesetzen der Vertheilung unterworfen,welche wir bei den Moosen und Flechten wahrneh-men. Die ersteren vorzüglich zeigen nur sehr we-nige weit verbreitete Arten und die in dieser Hin-sicht citirten Beispiele sind oft zweifelhaft. Wasdie phanerogamischen Pflanzen betrifft (die Rhizo-phora, die Avicennia und einige andere Uferpflan-zen ausgenommen), so scheint das Gesetz Buffon’s in Beziehung auf die Dicotyledonen zuzutreffen.Es ist durchaus falsch, was man so oft bejahte,daß die Gebirgsplatten der Cordilleren von Peru,deren Klima einige Aehnlichkeit mit dem vonFrankreich oder Schweden hat, denen der letzternLänder ähnliche Pflanzen hervorbringen. Die Ei-chen, die Tannen, die Eibenbaumarten, die Ra-nunkel, Rosen, Sinauarten (Alchemilla), die Vale-rianen, Meiricharten (Stellariae) und die Hunger-blumen (Drabae) der peruvianischen und mexikani-schen Anden haben ohngefähr dieselbe Physiogno-mie wie die Arten der nämlichen Gattungen, wel-che im nördlichen Amerika, in Sibirien und Euro-pa vorkommen. Aber alle diese Alpenpflanzen derCordilleren, unterscheiden sich, ohne Ausnahmein einer Anzahl von 3000 — 4000, welche wir un-tersucht haben, wesentlich von den ähnlichen Ar-ten der gemäsigten Zone des alten Continentes. ImAllgemeinen sind von den Pflanzen, welche dastropische Amerika bewohnen, nur Monocotyledonen |142| und von diesen fast ausschließlich nur die Cypern-gräser und die wahren Gräser beiden Welttheilengemein. Diese beiden Familien machen daher eineAusnahme von dem so eben erörterten allgemeinenGesetz: daß die organisirten Wesen der Aequa-torialgegenden in beiden Continenten specifisch voneinander verschieden sind, welches für die Ge-schichte der Katastrophen unseres Planeten vongroßer Wichtigkeit ist. In den Prolegomenis habeich eine genaue Anzeige derjenigen Monocotyledo-nen gegeben, welche den Ufern des Orinoko,Deutschland und Ostindien gemeinschaftlich zukom-men. Ihre Anzahl steigt kaum über 20—24. Ichführe hier deren nur einige als hinreichend an:Cyperus mucronatus, C. Hydra, Hypaelyptumargenteum, Poa Eragrostis, Andropogon Allioniiu. s. w. In demjenigen Theile von Nordamerika, wel-cher außerhalb des Wendekreises liegt, ist bei-nahe ein Siebentheil der Gesammtzahl der Mono-und Dicotyledonen den beiden Continenten gemein.Unter 2,900 Arten, welche Pursh’s Flora aufzählt,sind 390 europäische. Zwar darf man einigenZweifel hegen, sowohl in Bezug auf die Anzahlder Pflanzen, welche den Anbauern der einen He-misphäre aus der andern folgten, als auf diejenigenArten, welche, nach genauerer Untersuchung, alsneu und vorher noch unbeschrieben erkannt wer-den möchten; doch ist es unmöglich, daß sich dieseUngewißheit auf alle erstrecke, und es ist vielmehranzunehmen, daß, selbst nach eindringenden For-schungen, die Zahl der Pflanzenarten, welche dergemäsigten Zone beider Continente gemeinschaftlichzugehören, noch sehr beträchtlich bleiben wird. R. |143| Brown hat neuerlich ähnliche Untersuchungen überdie Pflanzen von Neuholland angestellt. Von allenMonocotyledonen, welche bisher in diesem Conti-nent entdeckt wurden, ist ein AchtundzwanzigtheilEngland, Frankreich und Deutschland gemein. Beiden Dicotyledonen ist das Verhältniß wie 1 zu 200;ein neuer Beweiß, daß die Gräser und die Cype-raceae, wegen der großen Schmiegsamkeit ihrerOrganisation am meisten in den beiden Hemisphä-ren verbreitet sind. Es wäre zu wünschen, daßZoologen auf ähnliche Weise versuchten, die Zah-lenverhältnisse, die in der Vertheilung der Thiereüber die Erde herrschen, auszumitteln. In der südlichen Hemisphäre erstrecken sich diePflanzenformen der heißen Zone weiter gegen denPol hinab, als in der nördlichen. Die baumartigenFarren gehen in Asien und Amerika kaum überden Wendekreis des Krebses hinaus, während inder südlichen Hälfte unseres Planeten die Dicksoniaantarctica, deren Stamm sich zu einer Höhe vonsechs Metre (19 F.) erstreckt, bis zum Van DiemensLand in der Breite von 42°, hinabwandert; ja sieist sogar in Neuseeland, in der Dasky-Bay, unterder Parallele von Lyon, gefunden worden. Andere,nicht weniger prachtvolle Formen, welche manfür ausschließliches Eigenthum der Aequatorialflorahalten möchte, die parasitischen Orchideen, Epi-dendra, Dendrobia u. s. w. finden sich, zwischenbaumartigen Farren, weit über den Wendekreis desSteinbocks hinaus, mitten in der gemäsigten Zoneder südlichen Erdhälfte. Diese Erscheinungen in derGeographie der Pflanzen beweisen, wie schwankenddas ist, was man gewöhnlich über die beträchtlicheVerminderung der Temperatur in der südlichen |144| Hemisphäre gesagt hat, ohne zwischen den vomPol mehr oder weniger entfernten Parallelen zuunterscheiden und auf die Vertheilung der Wärmewährend der verschiedenen Jahreszeiten Rücksichtzu nehmen. Diese Gegend, gegen welche sich dieAequatorial-Formen hinerstrecken, haben, wegender ungeheueren Ausdehnung der sie umgebendenMeere, ein wahres Inselklima. Vom Wendekreisdes Steinbocks bis zu den Parallelen von 34°, undvielleicht noch weiter, ist die mittlere jährlicheWärme, d. h. die Menge Wärme, welche ein Punctder Erdkugel erhält, nicht sehr beträchtlich ver-schieden in den beiden Hemisphären. Werfen wireinen Blick auf die drei Continente von Neuhol-land, Afrika und Amerika, so finden wir, daßdie mittlere jährliche Wärme zu Port-Jackson (in33° 51′ s. B.) 19°,3 des hunderttheiligen Thermome-ters; auf dem Cap der g. H. (in 33° 35′ s. B.) 19°,4,und zu Buenos-Ayres (in 34° 36′ s. Br.) 19°,7 ist.Mit Recht kann man sich über diese große Gleich-heit in der Vertheilung der Wärme in diesen süd-lichen Breiten wundern. Noch genauere meteoro-logische Beobachtungen beweisen, daß man in dernördlichen Hemisphäre unter derselben Breite von34° eine mittlere jährliche Wärme von 19°,8 fin-det. Gegen den Südpol hin, vielleicht selbst bis zuder Parallele von 57° weichen die Temperaturender beiden Hemisphären weniger im Winter als imSommer von einander ab. Die Maluinen in dersüdl. Breite von 51\( \frac{1}{2} \)° haben weniger heftige Win-terfröste, als man in London empfindet. Die mittlereTemperatur von Van-Diemensland scheint 10 Gradzu seyn, es friert daselbst im Winter, jedoch nichtstark genug, um die Farrenbäume und die parasi- |145| tischen Orchideen zu zerstören. Capitän Cook hatin den benachbarten Meeren in einer Breite von42° mitten im Winter, im July, das Thermome-ter nicht unter + 6°,6 fallen sehen. Auf diesesehr gelinden Winter folgen Sommer von eineraußerordentlich kühlen Temperatur. An der Süd-spitze von Neuholland (Breite 42° 41′) erhebt sichdie Temperatur der Luft selten, im Sommer undzur Mittagsstunde, über 12° bis 14°; und an derKüste von Patagonien, sowie im benachbarten Ocean(Br. 48° — 58°) ist die mittlere Temperatur deswärmsten Monates nur + 7 bis 8°, während sie inder nördlichen Hemisphäre zu Petersburg und Umeo(Br. 59° 56′ und 63° 50′) 17° bis 19° und mehr ist.Das milde Insularklima, welches in den südlichenLändern zwischen dem 30° und 40° der s. Breiteherrscht, erlaubt den tropischen Pflanzenformenüber den Wendekreis des Steinbocks hinauszuge-hen. Sie verschönern einen großen Theil der ge-mäsigten Zone, und aus den Gattungen, welcheder Bewohner der nördlichen Hemisphäre als aus-schließliches Eigenthum der tropischen Klimate be-trachtet, finden wir viele Arten in der südlichenBreite zwischen dem 35° und 38°.