Digitale Ausgabe

Download
TEI-XML (Ansicht)
Text (Ansicht)
Text normalisiert (Ansicht)
Ansicht
Textgröße
Originalzeilenfall ein/aus
Zeichen original/normiert
Zitierempfehlung

Alexander von Humboldt: „Das Klima von Mexico’s Haupthafen Veracruz“, in: ders., Sämtliche Schriften digital, herausgegeben von Oliver Lubrich und Thomas Nehrlich, Universität Bern 2021. URL: <https://humboldt.unibe.ch/text/1811-Fragment_d_un-7-neu> [abgerufen am 15.07.2024].

URL und Versionierung
Permalink:
https://humboldt.unibe.ch/text/1811-Fragment_d_un-7-neu
Die Versionsgeschichte zu diesem Text finden Sie auf github.
Titel Das Klima von Mexico’s Haupthafen Veracruz
Jahr 1826
Ort Hamburg
Nachweis
in: Columbus. Amerikanische Miscellen 1 (1826), S. 213–225.
Sprache Deutsch
Typografischer Befund Antiqua; Auszeichnung: Kursivierung, Sperrung; Fußnoten mit Asterisken; Besonderes: Quadrate.
Identifikation
Textnummer Druckausgabe: III.7
Dateiname: 1811-Fragment_d_un-7-neu
Statistiken
Seitenanzahl: 13
Zeichenanzahl: 21258

Weitere Fassungen
Fragment d’un ouvrage ayant pour titre: Essais politiques sur le Mexique (Paris, 1811, Französisch)
Bemerkungen über das gelbe Fieber, und dessen Zusammenhang mit der Temperatur (Leipzig, 1813, Deutsch)
Gelbes Fieber in Neu-Spanien (Stuttgart; Tübingen, 1814, Deutsch)
Yellow Fever (Boston, Massachusetts, 1820, Englisch)
From Humboldt’s Essay on New Spain (Washington, District of Columbia, 1820, Englisch)
From Humboldt’s Essay on New Spain (New York City, New York, 1820, Englisch)
Das Klima von Mexico’s Haupthafen Veracruz (Hamburg, 1826, Deutsch)
|213|

Das Klima von Mexico’s Haupthafen Veracruz.

(Aus F. A. Humboldt’s Neuspanien. 4. Bd.) Die Lage von Veracruz hat viele Aehnlichkeitmit der von Panama, von Amerikanisch Cartagenaund mit der von Portobelo und Omoa. Die Wälder,welche den östlichen Abhang der Cordillere bedecken,dehnen sich kaum bis an den Pachthof del Encero;hier fängt ein minder dichtes Gehölz an, das sich all-mählig, 5 bis 6 Meilen weit von den Seeküsten, verbreitet.Die Umgebungen von Veracruz sind daher abscheulichdürre. Kommt man auf dem Wege von Xalapa an,so findet man bei Antigua nur einige Kokosstämme,welche die Gärten dieses Dorfs zieren; aber dieses sindauch die letzten grössern Bäume, welche man in dieserWüste findet. Die ausserordentliche Hitze von Veracruzwird überdies noch durch Hügel von Flugsand (Me-ganos), welche sich durch die Nordwinde bilden unddie Stadt auf der Süd- und auf der Südwestseite um-geben, vermehrt. Diese Dünen von konischer Formhaben bis auf 45 Fuss Höhe; da sie im Verhältnissihrer Masse sehr stark erhitzt werden, so behalten sieauch bei Nacht die Temperatur, welche sie am Tageerhielten. Blos durch eine progressive Vermehrung derHitze kann es geschehn, dass der hundertgradige Ther-mometer, wenn er im July in den Sand gesteckt wird,auf 48° oder 50° steigt, während er in freier Luft undim Schatten sich auf 30° hält. Die Meganos könnendaher als eigentliche Oefen angesehen werden, welchedie umgebende Luft erhitzen, und sie wirken nicht nur,weil sie den Wärmestoff in jedem Sinn ausströmen, |214|sondern auch, weil sie durch ihre Zusammenstellungdie freie Cirkulation der Luft hindern. Aber dieselbeUrsache, die sie geboren hat, zerstört sie auch eben soleicht wieder, und diese Dünen verändern ihre Stellejedes Jahr, wie man es besonders in dem Theil derWüste sieht, welcher Meganos de Catalina, Meganosdel Coyle und Ventorillos heisst. Unglücklicherweise aber für die noch nicht ak-klimatisirten Bewohner von Veracruz sind die Sand-ebnen, welche die Stadt umgeben, statt ganz dürre zuseyn, durch Sumpfboden unterbrochen, in welchem sichdas Regenwasser sammelt, welches durch die Dünenfiltrirt wird. Diese Behälter von trübem, stehendemWasser werden von den Herren Comoto, Ximenes,Mociño und andern einsichtsvollen Aerzten, welchevor mir die Ursachen der Ungesundheit von Veracruzuntersucht haben, als eben so viele Bildungspunkte derAnsteckung angesehn. Am Fusse der Dünen findetman nichts, als niedriges Gesträuch, deren Stengel undBlüthen kaum aus dem dürren Sand, welcher sie be-deckt, herausreichen. Ueberall, wo der Sand durchdas Lachwasser, welches in der Regenzeit austritt, ge-netzt wird, wird die Vegetation auch stärker. DieRhizophora Mangle, die Arumarten und andere Pflanzen,welche einen feuchten, mit Salztheilchen geschwän-gerten Boden lieben, bilden dichtes Gewächse. Dieseniedrigen und sumpfigen Stellen sind um so mehr zufürchten, da sie nicht immer mit Wasser bedecktbleiben. Die Schichte von welken Blättern, mit Früch-ten, Wurzeln, Insektenlarven und andern Resten ani-malischer Materien vermischt, geräth in Gährung, sowie sie von den Strahlen einer glühenden Sonne er-hitzt wird. An einem andern Orte werde ich die |215| Versuche beschreiben, die ich während meines Aufent-halts in Cumana, über die Wirkung der Wurzeln desMangle-Baumes auf die sie umgebende Luft, so langesie leicht benetzt sind, angestellt habe. Diese Versuchewerden einiges Licht über das merkwürdige, schonlängst in beiden Indien beobachtete Phänomen verbrei-ten, dass von allen Orten, wo der Manzanillo- undMangle-Baum wachsen, die ungesündesten diejenigensind, wo die Wurzeln dieser Bäume nicht unaufhörlichmit Wasser bedeckt bleiben. Im Durchschnitt ist dieFaulung der vegetabilischen Stoffe in den Tropenlän-dern um so mehr zu fürchten, je beträchtlicher dieMenge der adstringirenden Pflanzen ist, und je mehrdiese Pflanzen in ihrer Rinde und ihren Wurzeln vielenanimalischen Stoff, in Verbindung mit Gerbestoff, ent-halten, z. B. Cacao, Vanille &c. Wenn es ausser Zweifel ist, dass in dem, dieStadt Veracruz umgebenden Boden Ursachen der Un-gesundheit der Luft vorhanden sind, so kann manauch nicht läugnen, dass sich andere im Umkreise der-selben selbst vorfinden. Die Bevölkerung der Stadtselbst, ist für den kleinen Raum, auf welchem sie steht,viel zu gross. 16000 Einwohner sind auf 500,000□Meters Boden beschränkt; denn Veracruz bildet einenHalbcirkel, dessen Radius nicht 600 Meters hält. Dadie meisten Häuser nur einen Stock über dem Erd-geschoss haben, so folgt, dass unter dem niedrigenVolke eine beträchtliche Zahl von Menschen ein Zimmerbewohnen müssen. Die Strassen sind zwar breit, ge-rade, und die längsten von Nord-Westen nach Süd-Osten gezogen; die kürzesten, oder die Durchschnitt-strassen gehen von Süd-Westen nach Nord-Osten.Allein da die Stadt mit einer hohen Mauer umgeben |216|ist, so findet beinah gar keine Cirkulation der LuftStatt. Den regelmässigen Wind (la brise), welcher imSommer nur schwach von Süd-Osten und von Ost-Süd-Osten weht, fühlt man nur auf den Terrassen derHäuser, und die Einwohner, die vor dem Nordwinddes Winters oft nicht durch die Strassen gehen können,athmen in der grossen Hitze blos eine glühende, stille-stehende Luft ein. Die Fremden, welche Veracruz besuchen, habendie Unreinlichkeit der Bewohner sehr übertrieben.Auch die Polizei hat seit einiger Zeit Maassregeln ge-troffen, um die Luft gesund zu erhalten. Veracruz istbereits minder unreinlich, als viele Städte des südlichenEuropa’s; aber da die Stadt von Tausenden von Eu-ropäern besucht wird, welche noch nicht akklimatisirtsind, da sie unter einem glühenden Himmel liegt undvon Sümpfen umgeben ist, deren Ausdünstungen dieumgebende Luft verderben, so wird sie die schädlichenFolgen der Epidemien nicht früher vermindert sehen,als bis die Polizei ihre Thätigkeit eine lange Reihe vonJahren fortgesetzt hat. Man bemerkt auf den Küsten von Mexiko einegenaue Verbindung zwischen dem Gang der Krank-heiten und den Abwechselungen der Temperatur derAtmosphäre. In Veracruz kennt man nur zwei Iahrs-zeiten, die Nord-Stürme (los Nortes), vom Herbst-Aequinoktium bis zum Frühlings-Aequinoktium, und dieSüd-Ostwinde (Brizas), welche vom März bis in denSeptember ziemlich regelmässig wehen. Der MonatJanuar ist der kälteste im ganzen Jahr, weil er vonden beiden Epochen am entferntesten ist, in welchendie Sonne durch den Zenith von Veracruz geht. Das Vomito fängt im Durchschnitt nicht früher in dieser |217| Stadt zu wüthen an, als wenn die mittlere Temperaturder Monate 40° erreicht hat. Im December, Januar undFebruar steht die Hitze unter dieser Gränze; auch istes ausserordentlich selten, dass das gelbe Fieber indieser Jahrszeit, wo man oft eine empfindliche Kälteverspürt, nicht ganz verschwindet. Die starke Hitzebeginnt im Monat März, und mit ihr die Plage derEpidemie. Unerachtet der May heisser ist, als derSeptember und October, so richtet das Vomito doch inden letztern Monaten die grössten Verwüstungen an;denn bei allen Epidemien braucht es eine gewisse Zeit,bis sich der Keim derselben in seiner ganzen Kraftentwickelt, und die Regen, welche vom July bis inden September dauern, wirken ohne Zweifel auch aufdie Erzeugung der Miasmen, die sich in den Umge-bungen von Veracruz bilden. Den Anfang und das Ende der Regenjahrszeitfürchtet man daher auch am meisten in den Tropen-ländern, weil eine zu grosse Feuchtigkeit das Fort-schreiten der Fäulniss von vegetabilischen und animali-schen Substanzen, die an Sumpfstellen sich gehäufthaben, beinah eben so aufhält, als eine grosse Dürre.In Veracruz fallen jährlich über 1870 Millimeters Re-genwasser, und im Monat July 1803 hat ein genauerBeobachter, der Obrist vom Ingenieurcorps, Herr von Costanzo, über 380 Millimeters gesammelt, alsoein Drittheil weniger, als zu London das ganze Jahrhindurch Regen fällt. In der Verdünstung des Regen-wassers muss man daher den Grund suchen, warumder Wärmestoff beim zweiten Durchgang der Sonnedurch den Zenith von Veracruz nicht stärker in derLuft angehäuft ist, als beim ersten. Die Europäer,welche der Epidemie des Vomito zu unterliegen fürch- |218|ten, sehen Jahre, wo der Nordwind bis in den Märzstark weht, und schon vom Monat September an ver-spürt wird, auch für sehr glücklich an. Um den Ein-fluss der Temperatur auf die Fortschritte des gelbenFiebers noch weiter zu bekräftigen, habe ich währendmeines Aufenthalts in Veracruz die Tabellen von mehrwie 21,000 Beobachtungen aufs genaueste untersucht,welche der Hafen-Capitain, Don Bernardo de Orta, in den letzten vierzehn Jahren vor 1803 daselbst ge-macht hat. Ich verglich die Thermometer dieses uner-müdeten Beobachters mit denen, welche ich währendmeiner Expedition gebraucht habe. Glücklicherweise sind jedoch die Fälle, wo dieKrankheit im Winter sporadisch ist, sehr selten,und eine eigentliche Epidemie entwickelt sich in Vera-cruz blos, wenn die Sommerhitze fühlbar wird, unddas Thermometer häufig über 24° steigt. DenselbenGang des gelben Fiebers bemerkt man auch in denVereinigten Staaten. Zwar hat Herr Carey die Be-obachtung gemacht, dass diejenigen Wochen, in welchendie Temperatur zu Philadelphia am höchsten stand,nicht immer diejenigen waren, wo die Sterblichkeitam stärksten war; allein diese Beobachtung beweisetblos, dass die Wirkungen der Temperatur und derFeuchtigkeit der Atmosphäre auf die Erzeugung derMiasmen und den Zustand der Reizbarkeit der Organenicht immer augenblicklich sind. Ich bin weit entfernt,einen hohen Grad von Hitze als die eigentliche undwahre Ursache des Vomito anzusehen; aber wermöchte behaupten, dass an Orten, wo dieses Uebel en-demisch ist, nicht eine innige Verbindung zwischendem Zustand der Atmosphäre und dem Gang derEpidemie Statt finde? |219| Es ist unbestreitbar, dass das Vomito in Veracruznicht ansteckend ist. In den meisten Ländern sieht dasVolk Krankheiten, die diesen Charakter nicht haben,doch für ansteckend an; aber in Mexiko verbietetkeine Volksmeinung dem nichtakklimatisirten Fremdendie Annäherung zum Bette der Vomito-Kranken. Manführt kein Beispiel an, welches wahrscheinlich machenkönnte, dass die unmittelbare Berührung, oder derAthem des Sterbenden für nichtakklimatisirte Personen,welche den Kranken warten, gefährlich ist. Auf demContinent des äquinoktialen Amerika’s ist das gelbeFieber nicht mehr ansteckend, als es die Wechselfieberin Europa sind. Bei Veracruz ist die Pachtung vom Encero, dieich 928 Meters über der Fläche des Oceans gefundenhabe, die obere Gränze des Vomito. Bis hieher reichendie Mexikanischen Eichen herab, die nicht mehr ineiner Hitze gedeihen können, die zur Entwickelungvom Keim des gelben Fiebers geeignet ist. Leute, inVeracruz geboren und erzogen, sind dieser Krankheitnicht unterworfen. Dies ist auch bei den Bewohnernvon Havana, welche ihr Vaterland nicht verlassen, derFall. Allein Kaufleute, die auf der Insel Cuba geborensind und lange daselbst lebten, werden zuweilen vom Vomito prieto befallen, wenn ihre Geschäfte sie nöthigen,den Hafen von Veracruz während der Monate Augustund September zu besuchen, in welchen die Epidemieam stärksten wüthet. So hat man AmerikanischeSpanier, die von Veracruz gebürtig waren, auf derHavana, auf Jamaica und in den Vereinigten Staatenan dem Vomito sterben gesehen. Die Weissen und die Mestizen, welche dasInnere von Mexico bewohnen, wo die mittlere Tempe- |220| ratur von 16° oder 17° ist, und das Thermometer oftunter den Gefrierpunkt sinkt, werden viel leichter vom Vomito befallen, wenn sie vom Encero in den Plan delRio und von da nach Antigua und in den Hafen vonVeracruz kommen, als die Europäer und die Nord-amerikaner, welche zur See anlangen. Letztere, dieallmählig in die südlichen Breiten übergehen, gewöhnensich nach und nach an die grosse Hitze, welche siebei ihrer Landung finden; die Mexikanischen Spanierhingegen verändern die Luft plötzlich, wenn sie in Zeitvon einigen Stunden von der gemässigten in die heisseZone übergehn. Die Mortalität ist hauptsächlich unterzwei, in ihren Sitten und Lebensweisen sehr verschie-denen Menschenklassen besonders gross, nemlich: unterden Maulthiertreibern (Arrieros), welche beim Herab-steigen mit ihren Saumthieren durch Wege, gleichdenen vom Gotthard, ausserordentliche Beschwerlich-keiten erdulden, und den Rekruten, welche die Garnisonvon Veracruz ergänzen müssen. Man hat in neuern Zeiten alle mögliche Sorgfaltan diese unglücklichen jungen Leute, die auf dem Mexi-kanischen Plateau, in Guanaxuato, Toluca oder Pueblageboren waren, verwendet, ohne dass es gelungenist, sie vor dem Einfluss der tödtlichen Miasmen derKüsten bewahren zu können. Man liess sie mehrere Wochen in Xalapa, umsie nach und nach an eine höhere Temperatur zu ge-wöhnen; liess sie zu Pferde und bei Nacht nach Vera-cruz herabkommen, damit sie bei ihrem Zug durch diedürren Ebnen von Antigua der Sonne nicht ausgesetztwären; man gab ihnen in Veracruz sehr luftigeWohnungen; allein man fand nie, dass das gelbeFieber sie darum weniger schnell und stark befallen |221| hätte, als die übrigen Soldaten, bei denen man dieseVorsicht nicht gebraucht hatte. Vor wenigen Jahrenerlebte man, dass durch ein Zusammentreffen ausser-ordentlicher Umstände von dreihundert MexikanischenSoldaten in drei Monaten zweihundert und zwei undsiebzig, lauter Leute von achtzehn bis fünf und zwanzigJahren, starben. Die Regierung war daher auch beimeiner Abreise von Mexiko gesonnen, endlich denPlan auszuführen, die Vertheidigung der Stadt und desCastels von S. Juan de Ulua Compagnien von akklima-tisirten Negern und farbigen Menschen zu vertrauen. In der Jahrszeit, in welcher das Vomito sehrstark herrscht, reicht der kürzeste Aufenthalt in Vera-cruz oder der, die Stadt umgebenden Atmosphäre fürnichtakklimatisirte Menschen hin, um davon befallenzu werden. Die Einwohner von Mexiko, welche nachEuropa reisen wollen, und sich vor den ungesundenKüsten fürchten, halten sich gewöhnlich bis zum letztenAugenblick ihrer Abreise in Xalapa auf; sie begebensich sodann während der Nachtkühlung auf den Weg,und passiren Veracruz in einer Sänfte, bis sie sich inder Schaluppe, welche sie an dem Molo erwartet, ein-schiffen. Demungeachtet sind die Vorsichtsmassregelnzuweilen vergeblich, und es geschieht, dass dergleichenPersonen unter allen Reisenden dem Vomito, währendder ersten Tage der Ueberfahrt, zuerst unterliegen.Man könnte annehmen, dass sie die Krankheit in diesemFall an Bord des Schiffes, welches in dem Hafen vonVeracruz gelegen hat, und tödliche Miasmen enthält,erhalten haben; allein die Schnelligkeit der Ansteckungist viel unbestreitbarer durch die häufigen Beispielevon wohlhabenden Europäern bewiesen, welche andem Vomito gestorben sind, unerachtet sie bei ihrer |222| Ankunft am Molo von Veracruz bereits Sänften bestelltvorfanden, um sogleich die Reise ins Innere vorzu-nehmen. Diese Thatsachen scheinen auf den erstenBlick für das System zu sprechen, dem zufolge dasgelbe Fieber unter allen Zonen für ansteckend ange-sehen wird. Aber wie ist es zu beweisen, dass eineKrankheit sich in grossen Entfernungen mittheilt, wäh-rend die in Veracruz entschieden durch unmittelbareBerührung nicht kontagiös ist? Nimmt man nicht besseran, dass die Atmosphäre von Veracruz faule Dünsteenthält, welche beim kürzesten Einathmen derselbendie Lebensfunktionen in Unordnung bringen? Die meisten neuangekommenen Europäer fühlenwährend ihres Aufenthalts in Veracruz die erstenSymptome des Vomito, das sich durch einen Schmerzin den Lendengegenden, durch die Gelbfärbung desWeissen im Auge und durch Anzeichen von Con-gestionen gegen den Kopf ankündigt. Bei mehrerenJndividuen erklärt sich die Krankheit erst wenn sie inXalapa oder auf den Gebirgen in der Region derPinien und Eichen 1600 bis 1700 Meters über derMeresfläche gekommen sind. Leute, die lange inXalapa gelebt haben, glauben es den Zügen der Reisen-den, welche von den Küsten auf das Plateau im Innernheraufkommen, anzusehn, wenn sie, ohne es selbst zufühlen, bereits den Keim der Krankheit in sich tragen.Die Niedergeschlagenheit des Geistes und die Furchtvermehren natürlich die Prädisposition der Organe, umdie Miasmen aufzunehmen; und diese Ursachen machenden Anfang des gelben Fiebers viel heftiger, wennman dem unvorsichtigerweise *) die Gefahr verkündigt,der er ausgesetzt ist.
*) Ich kann in dieser Rücksicht einen um so merkwürdigernZug anführen, da er zugleich das Phlegma und die Gleich-
|223| Beispiele von Individuen, die in den ersten 30bis 40 Stunden nach dem Anfall des Vomito sterben,sind unter der heissen Zone viel seltener, als unter dergemässigten. In Spanien hat man Kranke in siebenStunden gesund und todt gesehen. In diesem Fallzeigt sich die Krankheit in ihrer ganzen Einfachheit,und scheint blos auf das Nervensystem zu wirken.Dem Reiz dieses Systems folgt ein gänzlicher Umsturzder Kräfte; das Lebensprincip erlischt mit furchtbarerSchnelligkeit; die Gallenkomplikationen können sichalsdann nicht äussern, und der Kranke stirbt an heftigenBlutergüssen, aber ohne dass sich seine Haut gelb färbt,und ohne dass er jene Materien erbricht, welche manschwarze Galle nennt. Im Durchschnitt dauert dasgelbe Fieber in Veracruz über 6 bis 7 Tage, und diese
gültigkeit der Eingebornen von der kupferfarbigen Raceschildert. Ein Mann, mit dem ich während meines Auf-enthalts in Mexiko in genauer Bekanntschaft stand, warauf seiner ersten Reise von Europa nach Amerika nursehr kurze Zeit in Veracruz geblieben, und kam in Xala-pa an, ohne etwas zu spüren, das ihn über die Gefahr,die auf ihn wartete, belehrt hätte. „Sie kriegen dasVomito heut’ Abend;” sagte ein Indianischer Barbier,indem er ihn einseifte, zu ihm; “die Seife trocknet, wieich sie auflege. Dieses ist ein sicheres Zeichen; dennschon zwanzig Jahre rassire ich alle Chapetons, die durchunsere Stadt nach Mexiko gehen. Von fünfen sterbenimmer drei.” Dieses Todesurtheil machte natürlicheinen starken Eindruck auf den Reisenden. Er mochtedem Indianer vorstellen, wie er wollte, dass seine Rech-nung übertrieben sei, und dass eine erhitzte Haut keineInfektion beweise; der Barbier blieb bei seiner Behauptung.Und wirklich äusserte sich die Krankheit wenige Stundennachher, und der Reisende, welcher sich schon auf demWeg nach Perote befand, musste sich nach Xalapa zu-rückbringen lassen, wo er beinahe der Heftigkeit des Vo-mito unterlag. Anm. d. Vf.
|224| Zeit reicht für den Reiz des Verdauungssystems hin,um, so zu sagen, den wahren Charakter des adynami-schen Fiebers zu maskieren.
Eine Menge von Mexikanischen Maulthier-treibern, von Matrosen und jungen Leuten (Polizones),welche sich in den Häfen Spaniens einschifften, um ihrGlück in Mexiko zu suchen, starben im Dorf Antigua,auf dem Pachthof vom Muerto, in der Rinconada, inCerro Gordo und selbst in Xalapa, wenn der Anfallder Krankheit zu schnell war, um sie noch in dieHospitäler von Veracruz transportiren zu können, oderwenn sie erst bei dem Hinaufreisen an den Cordillerenvon derselben ergriffen wurden. Die Mortalität istaber alsdann ganz besonders gross, wenn in den Som-mermonaten auf einmal mehrere Kriegsschiffe und einegute Anzahl Kauffahrer in dem Hafen ankommen. Esgiebt Jahre, wo die Zahl der Todten innerhalbder Stadt und in ihren Umgebungen auf 1800bis 2000 steigt. Dieser Verlust ist um so nieder-schlagender, da er eine Klasse von arbeitsamenMenschen von kräftiger Constitution und beinah allein der Blüthe ihres Alters trifft. Aus den traurigenErfahrungen, welche das grosse Hospital der Religiosenvon San Juan de Dios in den letzten 15 Jahren zeigt,ergiebt sich, dass die Mortalität überall, wo die Krankenauf einem kleinen Raum vereinigt sind und nicht sorg-fältig behandelt werden, in grossen Epidemien auf 30bis 35 von 100 steigt; da sie hingegen da, wo man alleHülfe anwendet, und der Arzt seine Behandlung nachden verschiedenen Formen, welche die Krankheit indieser oder jener Jahrszeit annimmt, einrichten kann,nicht über 12 bis 15 von 100 geht. |225| Einsichtsvolle Männer haben schon daran ge-dacht, den Hafen Veracruz während der heissen Monatezu schliessen und die Schiffe nur im Winter einlaufenzu lassen, wo die Europäer beinah nichts in demselbenvom gelben Fieber zu fürchten haben. Diese Mass-regel scheint sehr weise, wenn man nur die Gefahrberücksichtigt, welche die schon im Hafen angekom-menen Seeleute zu laufen haben; allein man darf auchnicht vergessen, dass diese Nordwinde, welche dieAtmosphäre abkühlen, und den Keim der Infektion er-sticken, die Schiffahrt im Golf von Mexiko sehr ge-fährlich machen. Würden alle Schiffe, welche jährlichin den Hafen von Veracruz einlaufen, im Winter an-kommen, so dürften die Schiffbrüche, sowohl auf denAmerikanischen, als auf den Europäischen Küsten,äusserst häufig werden. Aus diesen Betrachtungen ergiebt es sich also,dass, bevor man zu so ungewöhnlichen Maassregelnschreitet, erst alle andere Mittel versucht werden müssen,die Ungesundheit einer Stadt zu vermindern, derenErhaltung nicht nur mit dem individuellen Glück ihrerBewohner, sondern auch mit dem allgemeinen Wohlvon Neuspanien zusammenhängt.