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Alexander von Humboldt: „Die Pflanzenwelt der Tropenländer“, in: ders., Sämtliche Schriften digital, herausgegeben von Oliver Lubrich und Thomas Nehrlich, Universität Bern 2021. URL: <https://humboldt.unibe.ch/text/1809-Geografia_de_las-4-neu> [abgerufen am 23.07.2024].

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Permalink:
https://humboldt.unibe.ch/text/1809-Geografia_de_las-4-neu
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Titel Die Pflanzenwelt der Tropenländer
Jahr 1819
Ort Brünn
Nachweis
in: Franz Sartori, Naturgemählde der neu entdeckten Polar- und Tropenländer, oder Merkwürdigkeiten der neuen Welt, 2 Bände, Brünn: Joseph Georg Traßler 1819, Band 2, S. [3]–21.
Sprache Deutsch
Typografischer Befund Fraktur (Umlaute mit superscript-e); Antiqua für Fremdsprachiges; Fußnoten mit Asterisken; Schmuck: Initialen.
Identifikation
Textnummer Druckausgabe: II.72
Dateiname: 1809-Geografia_de_las-4-neu
Statistiken
Seitenanzahl: 19
Zeichenanzahl: 22533

Weitere Fassungen
Geografía de las Plantas (Bogotá, 1809, Spanisch)
[Geografía de las Plantas] (Frankfurt am Main, 1809, Deutsch)
Ideen zu einer Geographie der Pflanzen (Wien, 1811, Deutsch)
Die Pflanzenwelt der Tropenländer (Brünn, 1819, Deutsch)
Zur geographischen Botanik (Zürich, 1847, Deutsch)
Geografia de las plantas. Prospecto (Paris, 1849, Spanisch)
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Die Pflanzenwelt der Tropenlaͤnder.


Wenn man ſich von dem Innern des Erd-koͤrpers oder von der Tiefe der Hoͤhlen zu denbeſchneiten Gipfeln der Andes erhebt: ſo trifftman zuerſt auf die Region der unterirdiſchenPflanzen (Kryptogamen). Sie ſind von denKryptogamen, die man auf der Oberflaͤche derErde findet, verſchieden. In tiefe Nacht ge-huͤllt, dem Reitze des Sonnenſtrahls fremd,Stickgas und brennbare Luft aushauchend,breitet ſich ihr flockiges Gewebe uͤber das feuch-te Geſtein unterirdiſcher Hoͤhlen, und uͤber dasHolz in den Bergwerken. In gleicher Tiefemit dieſen unterirdiſchen Kryptogamen wachſenim finſtern Meeresgrunde Ulvenarten, die ſichoft an das Senkbley anhaͤngen, und derenfriſches Gruͤn dem Naturforſcher eine raͤthſel-hafte Erſcheinung darbiethet. Wenn wir die zahlloſe Menge unterirdi- |4|ſcher Pflanzen verlaſſen, finden wir uns aufeinmahl in eine Zone verſetzt, in welcher dieNatur die prachtvollſten Geſtalten entwickelt,und ſie zu den ſchoͤnſten Gruppen vereinigethat. Hier iſt die Region der Palmen und Pi-ſang-Gewaͤchſe, welche von der Meeresflaͤchebis fuͤnfhundert und vierzehn Toiſen hoch aufdas Gebirge hinanſteigt. Hier herrſchen wohl-duftende Lilien, und das Gebuͤſch ſchlankſtaͤm-miger Palmen. Der Balſambaum von Tolu ꝛc.waͤchſt hier in voller Kraft. Von gluͤhendemSonnenſtrahl getroffen, bedecken das duͤrreSandufer Convolvulus braſiliensis, Cactus,Seſuwinn ꝛc. An den Flußufern rankt die Aristolochia cordiflora, deren Blume oft ſech-zehn Zoll im Durchmeſſer hat. Bananengewaͤchſe und Helikonen wachſenunter den Tropen nicht hoͤher, als auf Ge-birgsabhaͤngen von etwa vierzehnhundert Fuß.Um ſo mehr ſind wir erſtaunt, als wir naheam Gipfel des ſogenannten Sattelfelſens vonCaraccas 6600 Fuß hoch uͤber dem Meere, einPiſang-Gewaͤchs fanden, das uͤber zwoͤlf Fußhoch war, und ein ſo dickes Gebuͤſch bildete,daß unſere Indianer die groͤßte Muͤhe hatten,uns mit der Axt einen engen Fußweg zubahnen. Unmittelbar uͤber der Region der Palmenund Bananengewaͤchſe liegt die Region der |5|baumartigen Farrenkraͤuter. Dieſer Erdſtrichiſt zugleich auch die Region der Fieberrinde.Die China waͤchſt auf Gneis- und Glimmer-ſchiefer, auf feuchtem oder felſigem Boden.Jahrhunderte lang auf das unbedachtſamſtevon den Chinaſchaͤlern verfolgt, iſt ſie ſelbſt inden berufenen Chinawaͤldern von Laxanumaund Urituſingu ſo ſelten geworden, daß manin einer Tagreiſe oft nur wenige Staͤmme da-von ſieht. Gegenwaͤrtig werden auf Befehl derRegierung vielleicht nur neunhundert jaͤhrlichgefaͤllt, waͤhrend daß vor 1779 man oft in ei-nem Jahre fuͤnfundzwanzig tauſend zerſtoͤrte. In der milden Region der Fieberrindewachſen in Suͤdamerika einige Liliengewaͤchſe,zum Beyſpiel: Cypura, Melaſtonabaͤume mitprachtvoll großen violetten Blumen, baumarti-ge, hochſtaͤmmige Paſſifloren, hoch und dick,wie unſere norddeutſchen Eichen. Hier erhe-ben ſich das glaͤnzende Macrocneunum, derprachtblumige Wotſchi, die gelben Lyſanthusund der Weinbaum des indianiſchen Gebirgs-volks ꝛc. Unter dem Schatten balſamiſcherStyraxbaͤume bedecken hier immer gruͤne Laub-mooſe ꝛc. den vom haͤufigen Nebel feuchtenBoden. In einer Hoͤhe von achthundert und zweyund ſiebzig Toiſen findet ſich Portieria hygro-metrica, der wetterverkuͤndigende Strauch; |6| Citrosma mit aromatiſch duftenden Blaͤtternund Fruͤchten ꝛc. Hoͤher hinauf, als 1128Toiſen, habe ich keine Mimoſe (Fuͤhlkraut) ge-funden, deren Blatt ſich bey der Beruͤhrungzuſammenzieht. Die Bergkaͤlte ſcheint der Reitz-barkeit dieſes Pflanzengeſchlechts dieſe beſtimm-te Grenze anzuweiſen. Von 1332 Toiſen an,und beſonders in einer Hoͤhe von 1539 Toi-ſen, bilden Acaena, Dichondra ꝛc. einen dich-ten Raſen. Dieß iſt zugleich die Region derWeinmamina, der Eichen ꝛc. Barnadisia undder andeſiſche Berberis bilden hier Hecken umdie Kartoffel- und Quinoafelder. Die ſcharlach-blumigen Muſtiſien umranken hier die Staͤmmeder Vallea stipularis. Eichen beginnen inden aͤquatornahen Regionen der Andes nichtunterhalb achthundert und zwey und ſiebzig Toi-ſen; aber unter dem ſiebzehnten und zwey undzwanzigſten Grad noͤrdlicher Breite, im Koͤnig-reiche Neu-Spanien, habe ich ſie am Gebirgs-abhange bis vierhundert und zehn Toiſen her-abſteigen ſehen. Sie allein biethen dem Be-wohner der Tropen bisweilen ein ſchwachesBild vom Erwachen der Natur im wiederkeh-renden Fruͤhlinge dar: denn ſie verlieren durchDuͤrre alle Blaͤtter auf einmahl, und das jun-ge friſche Gruͤn der neuen Schoͤßlinge contra-ſtirt dann angenehm in der eintretenden Re-genzeit mit den vielfarbigen Bluͤthen des Exi- |7|dendrums, deſſen Wurzeln die ſchwarzen rieſi-gen Eichenſtaͤmme dicht umſchlingen. Unter dem Aequator finden ſich hohe Baͤu-me, deren Stamm fuͤnf und vierzig bis ſechzigToiſen erreicht, ſelten hoͤher, als 1383 Toiſenuͤber der Meeresflaͤche. Schon in der Hoͤheder Stadt Quito fangen die Baͤume an zuerkranken, und ihr Wuchs iſt nicht mehr mitdem zu vergleichen, den ſie in den mildernThaͤlern in der Mittelzone zwiſchen 615 — 923Toiſen erreichen. Um ſo haͤufiger ſind hierſtrauchartige Gewaͤchſe. Der Boden iſt hiermit einer großen Anzahl von Calceolarien ge-ſchmuͤckt, deren hochgelbe Blaͤtter angenehmmit dem friſchen Gruͤn des mooſigen Raſenscontraſtirt. Noch hoͤher auf dem Ruͤcken der Andesket-te, zwiſchen 1437 und 1693 Toiſen, liegt dieRegion der Wintera grenadensis und der Escallonia. Dieſe unwirthbaren Gegendenſind mit ſtrauchartigem Gebuͤſch bedeckt. Derniedrige Stamm dieſer Gebuͤſche breitet ſich inzahlloſe knorrige Aeſte aus, und traͤgt eineſchirmartige Krone mit kleinen, aber immergruͤnen, glaͤnzenden, lederartigen Blaͤttern. An die Region der Escallonia grenzt un-mittelbar die der Alpenkraͤuter, welche ſich von1693 bis 2103 Toiſen erſtreckt. Hier wachſengeſellig die Gantianen, Staͤhelinen und die be- |8|rufene Espeletia frailexon, deren dickwolligeBlaͤtter oft den Indianern, wenn ſie die Nachtauf den eiſigen Gebirgsgipfeln uͤberfaͤllt, zumBette dienen. Unter den ſtrauchartigen Ge-waͤchſen ſind die Melinen jene, welche wir amVulcan von Puracu bey Popayan, und am Antiſana die groͤßte Hoͤhe erreichen geſehen. Die Alpenkraͤuter werden zwiſchen 2103und 2358 Toiſen durch die Region der Graͤ-ſer verdraͤngt. Sie bedecken geſellig den Bo-den, und dieſe Grasflur leuchtet von ferne alsein hochgelber Teppich. Der Schnee ruht oftWochenlang auf dieſer Hoͤhe, und die Kameel-ſchafe (Llamas) ſteigen dann, vom Hunger ge-trieben, zur Region der Alpenkraͤuter herab. In einer Hoͤhe von 2358 Toiſen findetman unter dem Aequator, von dieſer Grenzean, bis zu der des ewigen Schnees, nur kryp-togamiſche Pflanzen, die auf dem nackten Ge-ſtein ruhen. Einige ſcheinen ſich ſelbſt unterdem ewigen Eiſe zu verſtecken, denn gegen denGipfel des Chimboraſſo hin, 2850 Toiſen uͤberder Meeresflaͤche, habe ich auf einer Felsklippe, Umbilicaria pustulata gefunden. So iſt Le-ben in allen Raͤumen der Schoͤpfung verbrei-tet. Aber dieſe einſamen Pflanzen waren auchdie letzten organiſchen Weſen, welche wir indieſen beeisten Hoͤhen an dem Boden geheftetgefunden haben. |9| Wir verſetzen uns nach dieſer Abſchwei-fung, die mir meine Leſer ſicher verzeihen, vonden Andes wieder nach Paraguay. Wenn dieauf den Ebenen wildwachſenden Pflanzen einegewiſſe Haͤrte und Staͤrke erreicht haben, ſozuͤndet man ſie an, damit ſie wieder von Neuemausſchlagen, ein friſcheres, fuͤr das Vieh nahr-hafteres, zarteres Gruͤn treiben. Man mußaber dabey mit der noͤthigen Vorſicht verfah-ren, wenn nicht bey ſtarkem Winde oft ganzeWaͤlder in Aſche verwandelt werden ſollen.Man hat die Bemerkung gemacht, daß diegroßen und hohen Grasarten, die in den un-bewohnten Gegenden herrſchen, da dem Raſenund einer kleinblaͤttrigen, kriechenden Diſtelart(Brechnuß) Platz machen, wo zahlloſe, vonHirten geweidete Herden ihre immerwaͤhrendeNahrung ſuchen. Sonderbar iſt’s, daß in derNaͤhe bewohnter Ortſchaften, Malven Diſteln,Neſſeln und mehrere andere Pflanzen wachſen,die man in entlegenen Wildniſſen vergebensſucht. Von dem la Plata bis zur MagellaniſchenMeerenge ſtehen einſame Straͤucher uͤber dieFlaͤche hervor. Zum Brennen bedient manſich großer getrockneter Diſtelarten. Den Man-gel der Feuermaterialien ſucht man ſogardurch Knochen, Talg und Thierfell zu erſetzen.Man pflanzt, wie bey uns, Weiden und Aka- |10|zien, Pfirſichbaͤume an, welche ungemein ſchnellwachſen, um ſie als Brennholz zu benutzen.Das Holz, was auf den Ufern der Baͤche undden Inſeln in Parana und Uruguay waͤchſt,hilft dem Holzbeduͤrfniß nicht ab. In der Provinz Chaco, vorzuͤglich in derFlußnaͤhe, gibt es große und dichte Waldun-gen *). Von den vielen Baumarten verdientinsbeſondere die Algarobo, oder der Johannis-brodbaum (Ceratonia Siliqua Polygam. Tri-vec.) bemerkt zu werden. Er erreicht hier ſei-ne groͤßte Vollkommenheit, und ſeine Fruchtiſt der Algaroba der waͤrmern Theile der altenWelt weit vorzuziehen, und dient den India-nern in Paraguay zu einem ſchmackhaftenNahrungsmittel. Von den vier Gattungen die-ſes nuͤtzlichen Baums fuͤhren wir jedoch nurdie weiße und ſchwarze Algaroba an. Oaknennen die Agiboner die erſte und Roak diezweyte. An Geſtalt, Blumen, Blaͤttern und Fruͤch-ten herrſcht unter den verſchiedenen Arten voll-kommene Aehnlichkeit. Die Blaͤtter beſtehengewoͤhnlich aus drey Paar großen, glatten,ovalen Lappen, welche mit einem kurzen Stie-
*) Chacu bedeutet Überfluß, nach andern eine großeMenge Wild aller Art. Da die Einwohner den Spa-niern ihr Land als viehreich anprieſen, benannten esdieſe Chaco.
|11|le an dem gemeinſchaftlichen Hauptſtiele feſt-ſitzen.
In langen, einfachen, traubenfoͤrmigen Buͤ-ſcheln wachſen die Blumen und haben eineroͤthliche oder Purpurfarbe; die der weißenAlgaroba ſind gelblich. Der Baum iſt anſehnlich ſtark. Die wei-ße Algaroba erreicht in Paraguay, wie inChaco am Rio Vermejo, bey St. Jacob, woman ganze Waͤlder davon findet, eine Groͤßeund Staͤrke, daß ſie zu Schiffsbauholz gebrauchtwird. Das Holz iſt feſt, geſchmeidig, violett-farben, und man macht daraus die Seiten-waͤnde der Schiffe, die den Parana ꝛc. be-fahren. Die Frucht, oder die Schoten, welche inWaͤnden die braunen Kerne, den Samen, ent-halten, ſind eine Spanne lang, einen Zollbreit, und haben ein weißliches, mit einer zar-ten Haut bedecktes, ſchmackhaftes Fleiſch. Mankann ſie roh eſſen. Sie werden auch in einemMoͤrſer geſtoßen, und wird Waſſer darauf ge-goſſen, ſo entſteht dann eine Gaͤhrung unddaraus ein Trank, der, wenn er in reichemMaße getrunken wird, berauſcht. Der Trankheißt Chica, ſchmeckt ſehr kraͤftig und iſt geſund.Er ſtellt die in einer Krankheit verlornen Kraͤf-te bald wieder her, und heilt Bruſtbeſchwerden. Die Frucht wird wegen ihres ausgebreite- |12|ten Nutzens ungemein geſchaͤtzt. Selbſt dasRindvieh und die Pferde werden fett davon.Wenn ſich ein Agiboner in der Zeit, wo derBaum keine Fruͤchte traͤgt, nicht wohl befindet,dann pflegt er zu ſagen: reift die Algarobaerſt wieder, dann werde ich mich wieder erhoh-len. Die Indianer berechnen auch ihr Alternach den Bluͤthen des Baums und fragen,wenn ſie wiſſen wollen, wie alt einer iſt: wieoft hat dir die Algaroba gebluͤht? Die Schote der ſchwarzen Algaroba iſtkleiner, brauner und roͤthlich gefleckt. Sie iſtſuͤßer, als die vorige Art, roh genoſſen iſt ſieaͤtzend, die Zunge laͤhmend. Vom Hunger ge-trieben, genoß ſie ein Reiſender, und konnteeinige Stunden nicht ſprechen. Man machtdaraus Brode, die man Patay nennt, die zurSpeiſe und Arzney dienen. Die Schalen wer-den dann in einem Moͤrſer geſtoßen, den Breylaͤßt man durch ein Sieb laufen und formtdann Brod daraus, das ſehr hart wird. Die dritte Art der Algaroba wird zumSchwarzfaͤrben der Wolle gebraucht, hat klei-ne, ſafranfarbene, aromatiſch duftende Blumen.Es draͤngt ſich aus derſelben ein Gummi her-vor, das dem arabiſchen an Guͤte nichts nachgibt. Die vierte Art der Algaroba endlich ge-waͤhrt einen ſchweißtreibenden Trank, der oftſchwere Krankheiten hebt. |13| Nur an den Ufern der Fluͤſſe und Baͤche,ſonſt findet man vom la Plata bis zu denMiſſionscolonien keine Waldungen. Das Holzmuß wegen der Bevoͤlkerung immer ſeltenerwerden, da man jaͤhrlich viel ausrottet, ohnewieder nachzupflanzen. Noͤrdlich und in denColonien der Jeſuiten erſtrecken ſich die ſchoͤn-ſten Waldungen in weite Fernen. Da ſie ſodicht und mit Farrenkraͤutern verwachſen ſind,ſo iſt es ſchwer, faſt unmoͤglich, hindurchzu-kommen. Neue Baͤume erzeugen ſich aus Sproͤß-lingen, da der Same nicht auf die Erde fal-len kann, und die alten Baͤume verwittern. Die verſchiedenartigſten Baͤume ſtehen nach-barlich beyeinander und es haͤlt ſchwer, zwan-zig Stuͤck von derſelben Art in einem betraͤcht-lichen Umkreiſe zu finden. Die Verſchiedenheitder Blaͤtter, des Gruͤns, der Staͤmme, desWuchſes, gewaͤhrt eine Mannigfaltigkeit, diedas Auge ergoͤtzt. In einer zahlloſen Familie, die kein frem-des Mitglied duldet, prangen in unabſehli-chen Weiten die Orangenwaͤlder. Die dichtenSchatten dieſer Baͤume und der Saft der her-abfallenden, verfaulten Orangen, hindern jedenaufſprießenden Baum im Fortwachſen, und je-der andere Samenkeim wird in der Geburt er-ſtickt. Kein Schwamm, keine Schmarotzerpflan-ze gedeiht unter ihnen. Es ſcheint, da dieſe |14|Waͤlder faſt nur in angebauten Gegenden zufinden ſind, daß ſie nicht einheimiſch, ſondernangepflanzt ſind und ſich von ſelbſt ſpaͤterhinausgebreitet haben. Die Fruͤchte ſind ſauerund dickſchaligt. Das Holz in Paraguay hat die eigenthuͤm-liche Beſchaffenheit, daß es weit dichter undfeſter, als das europaͤiſche iſt, und der Faͤulnißſehr widerſteht. Es brennt ſchwerer, weil ſichdie feſten Theile mehr aneinander legen und dieFlamme nicht ſo leicht in die Poros eindringenkann. Der Tartarébaum gibt gar keine Flam-me, verzehrt ſich ſtinkendgluͤhend und laͤßt nichteinmahl eine Kohle nach. Uebrigens iſt dasHolz eiſenfeſt, von ſchoͤngelber Farbe und nimmteine ſpiegelblanke Politur an. Der Curiybaum waͤchſt beſonders in denWaldungen am Parana und Uruguay. Vonſeiner Aehnlichkeit mit der Tanne, die er indeßan Hoͤhe und Staͤrke uͤbertrifft, hat man ihnauch Tanne genannt. Seine Blaͤtter ſind brei-ter und kuͤrzer, als die Tannennadeln, undſpitzen ſich lanzenfoͤrmig zu. Die Frucht hatdie Geſtalt eines abgeſtumpften Kegels, iſt vonder Staͤrke eines kleinen Kinderkopfs, mitSchuppen, die jedoch nicht ſo bemerkbar ſind,als an den Tannenzapfen. Die Samenkoͤrner,wenn ſie geroͤſtet werden, haben einen Ge-ſchmack, der dem der Kaſtanien bey weitem |15|vorzuziehen iſt. Es laͤßt ſich auch Mehl undBrod daraus bereiten. Wichtig fuͤr die Indianer iſt der Ybaro,mit großen, runden Fruͤchten beſetzt, die zwi-ſchen der aͤußern Schale und dem Kern, einfettes, klebriges Mark enthalten, welches voll-kommen die Stelle der Seife vertritt. Es gewaͤhrt einen eigenen Anblick, wennauf den Zweigen der hoͤchſten Baͤume, oderauf einem Balken oder Pfahl, ein andererBaum von gleicher Hoͤhe, emporwaͤchſt, und,ſo zu ſagen, in der Luft getragen zu werdenſcheint. In gerader Linie ſenken ſich Anfangsdie jungen Wurzeln auf die Erde nieder undgreifen in den Boden ein, zuletzt umranken ſieden Baum oder Pfahl ſo, daß das, was auszwey Theilen beſteht, wie ein Ganzes ausſieht.Er gehoͤrt zu den Schmarotzergewaͤchſen. Der Plumerito (Federbuſch) waͤchſt an al-len Baͤchen, beſonders haͤufig in den Ebenenvon Montevideo. Seine Blumenblaͤtter, diedie lebhafteſte rothe Farbe haben, ſind dreyZoll lange ſeidenartige Faͤden. Aus den Blu-men windet das ſchoͤne Geſchlecht Blumenſtraͤuße. Es gibt in Paraguay ausſchließend in denfeuchten Gegenden einen Baum mit einemStamm von der Staͤrke eines Arms, mitkrummen, dornigten Zweigen, laͤnglichen, ſchma-len, paarweiſe ſtehenden Blaͤttern und einer |16|Frucht, die ſich in Schoten befindet, welcheunſerer Bohne gleicht, der dieſelbe Eigenſchaftwie die Mimoſa hat. Wenn ſeine Blaͤtter vonMenſchen beruͤhrt oder ſtark vom Winde be-wegt werden, ſo legen ſie ſich zuſammen undnehmen ihre natuͤrliche Geſtalt wieder an, wennder aͤußere Druck aufhoͤrt. Es gibt in dem Lande Rohrarten von derStaͤrke eines Mannsſchenkels. Ob ſie gleichhohl ſind, ſo fehlt es ihnen doch nicht an dernoͤthigen Feſtigkeit zu Balken, Geruͤſten ꝛc.Die Jeſuiten bedienten ſich der Rohrſtaͤmme,die ſie mit Leder uͤberzogen, in ihrem Kriegegegen Spanien und Portugal (1752) ſtatt derKanonen, mit gutem Erfolg. Bloß an denfeuchten Ufern der Baͤche wachſen dieſe Rohr-arten, erlangen nach ſieben Jahren ihre hoͤchſteVollkommenheit und ragen oft uͤber alle andereBaͤume empor. Der Baum, der den Thee von Paraguayliefert, waͤchſt wild und unter andern Wald-baͤumen von den Fluͤſſen und Baͤchen, die ſichin den Parana und Uraguay ergießen, auf ei-nem leimigten, naſſen Boden, wie das Rohr.Er erlangt eine groͤßere Staͤrke, als die mit-telmaͤßigen Orangenbaͤume. Da, wo man ſei-ne Blaͤtter ſammlet, hat er das Anſehen einesStrauchs, weil man ſeine Zweige ausſchneidet,um die Anzahl der jungen Sproͤßlinge zu ver- |17|mehren. Die Rinde des Baums iſt glatt undweißlich, die vielen Zweige ſind mit dichtemLaub bedeckt. Die vier bis fuͤnf Zoll langenund etwa zwey Zoll breiten Blaͤtter, ſind dick,glaͤnzend, gezahnt, haben einen kurzen, roͤthli-chen Stiel, auf der obern Seite ein dunkleresGruͤn, als auf der untern. Buͤſchelweiſe ſtehendie kleinen, fuͤnfblaͤtterigen Bluͤthen, dreyßig,vierzig bey einander. Die Samenkoͤrner ſindglaͤnzend, glatt, von roͤthlich violetter Farbeund aͤhneln den Pfefferkoͤrnern. Die Theeſammlung erfordert mehrere Mo-nate und wird gewoͤhnlich von Spaniern be-trieben. Die Zweige werden mit Meſſern vonden Baͤumen abgeſchnitten und die Blaͤtter ge-welkt, indem man die Zweige durch die Flam-me zieht. Einige Zeit nachher werden ſie ge-roͤſtet und mit Hoͤlzern zerſtampft. Dies gibtden gemeinen Thee, Yerba de Palos genannt.Fuͤnf und zwanzig Pfund koſten in den Wal-dungen nur zwey Gulden, in Aſſumtion wegender Fracht ſchon noch ein Mahl ſo viel. Das kleine Kraut, der Thee Camiri, koͤmmtvon demſelben Baume, beſteht aber bloß ausBlaͤttern, die langſamer gedoͤrrt werden. Eriſt doppelt theurer, wie die erſte Theeſorte.Dieſer Thee verbreitet den koͤſtlichſten Geruch.Man erhoͤht ihn noch durch die zu Pulver ge-riebene Rinde des Guabyramiribaums. |18| Der maͤßige Gebrauch dieſes Thees machtAppetit und treibt gelinden Schweiß. Stehtdas darauf gegoſſene Waſſer zu lange uͤber den-ſelben, ſo wird ſein Genuß ſchaͤdlich. Er wirdaus Gefaͤßen von Horn und Kuͤrbisſchaalengetrunken. Man packt ihn zum Verſchicken inviereckige Saͤcke (Zurroyes oder Tercies) vonOchſenleder. Jeder Sack enthaͤlt fuͤnf undzwanzig Pfund. Jedes Maulthier traͤgt zweydergleichen Saͤcke, legt man ihm mehr auf, ſowirft es ſich auf die Erde und ſtraͤubt ſich ge-gen ſeine Treiber. Der Gebrauch dieſes Theestaugt deßhalb fuͤr Europa nicht, weil er inkurzer Zeit ſeinen Geruch, ſeine Annehmlichkeitund Wirkung verliert. Der Gebrauch dieſes Thees iſt in demganzen Lande, ſelbſt in Chili, Peru und Quitoallgemein. Sicher wird jaͤhrlich an fuͤnfzig-tauſend Centner conſumirt. Nach Peru alleintransportirt man jaͤhrlich fuͤr eine MillionThaler. Der Guabyramiribaum liefert das Amei-ſenwachs. Auf ſeinen Zweigen ſetzen die Amei-ſen ein Wachs ab, das die Weiße des Schneesuͤbertrifft, in kleinen Koͤrnern beſteht und vonden Weibern geſammelt wird. Sein Geruchiſt balſamiſch. Dieſes Wachs, zu dem Camiri-thee gemiſcht, gibt ihm eine groͤßere Conſiſtenz. Palo Santo (heiliges Holz) iſt ein hoch- |19|wachſender Baum, deſſen Holz hart und wohl-riechend iſt. Es wird in Spanien zerſchnitten,gekocht, und es zieht ſich aus demſelben einHarz, das, wenn das Waſſer erkaltet iſt, obenim Keſſel eine Rinde bildet. Es wird zumRaͤuchern gebraucht. Der Mangayſis iſt ein Baum, den manan dem Ufer des Gatemy antrifft, deſſen Harzin Europa unter dem Nahmen des elaſtiſchenGummi bekannt iſt. Man breitet unter demBaume eine Thierhaut aus, macht mehrereEinſchnitte in denſelben und in kurzer Zeit fließteine Menge von duͤnnem, fluͤßigem Harz ausdemſelben. Die Maſſe verdickt ſich an derLuft bald, und rollt ſich wie ein Leder ausein-ander. Am Uruguay und in den Miſſionscolonienwaͤchſt in zahlreicher Menge der Aguaraibay,der die Staͤrke eines ſtarken Mannskoͤrpers er-reicht, und ſeine Blaͤtter im Winter behaͤlt. Inkleinen Schoten traͤgt er Samen. Reibt mandie Blaͤtter, ſo geben ſie eine klebrigte, wie Ter-pentin riechende, Feuchtigkeit von ſich. Stehtder Baum in voller Bluͤthe, ſo ſammelt mandie Blaͤtter, um Harz daraus zu kochen. Diesiſt die Maſſe, die man unter dem Nahmen desBalſams von Aguaraibay kennt. Jeder india-niſche Voͤlkerſtamm muß von dieſem Balſaman die Regierung abliefern. Er iſt heilend |20|und wird auch gegen Magenſchwaͤche und Durch-fall gebraucht. Eine Liane, die ſich, wie Epheu, an denBaͤumen hinaufſchlingt, zu den Schmarotzer-pflanzen gehoͤrt, oft von einem Baume zumandern fortgeht, die Staͤmme feſt umſchlingt,fuͤhrt den Nahmen Guembé oder Quembe. Sieiſt von der Dicke eines Arms und traͤgt einekoͤrnerreiche Aehre, wie der Mais. Die Rinde,die ſich leicht aufloͤſt, wird von den Guaraniernzu Stricken und von den Spaniern zu Schiffs-tauen gebraucht. Dieſe Stricke ſind wohlfeilund verfaulen nicht leicht im Waſſer oderSchlamm. Die Luftblumen, auch zu den Schmarotzer-pflanzen gehoͤrig, tragen ſchoͤne Blumen unduͤbertreffen an Guͤte des Geruchs vielleicht alleBlumen in der Welt. Die Altanen der Haͤuſerin Buenos-Ayres ſind damit geſchmuͤckt. Diehoͤchſten Baͤume ſind von dieſen Luftblumen biszu den Wipfeln umrangt, wodurch ſie nicht nurein lachendes Anſehen erhalten, ſondern die Luftwird auch von aromatiſchen Duͤften erfuͤllt. Die Pitas, ebenfalls Schmarotzerpflanzen,haben in ihrem Innern friſches, kryſtallhellesWaſſer, das die Reiſenden erquickt und ihrenDurſt loͤſcht. Rhabarber findet man in dem Lande auchwildwachſend. Der Purgierkern, von der Groͤße |21|einer Mandel, erregt, wenn man die Haͤlfte da-von ißt, Erbrechen. Der Abatitimbabybaum enthaͤlt ſchoͤnes,goldgelbes Harz, das rein und durchſichtig, wieKryſtall, iſt. Es erhaͤrtet an der Luft und hatdas Anſehen wie Bernſtein. Man macht Ohr-gehaͤnge, Kreuze ꝛc. daraus, die der Feuchtig-keit widerſtehen, aber ſehr zerbrechlich ſind. Der Mhocayay traͤgt eßbare Datteln, ausdenen man auch ein vortreffliches Oehl preßt. Tamarrinde, Cacao, Saſſaparill, Jalappe,Saſſafras, Vanille, Cedern, Nadelhoͤlzer, ver-ſchiedene Palmarten ꝛc. fehlen dem Lande nicht.