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Titel Die Knochenhöhle von Ataruipe in Amerika
Jahr 1828
Ort Stralsund
Nachweis
in: Sundine 11 (13. März 1828), S. 83–84.
Sprache Deutsch
Schriftart Fraktur
Identifikation
Textnummer Druckausgabe: II.64
Dateiname: 1808-Ansichten_der_Natur_Wasserfaelle-05-neu
Statistiken
Seitenanzahl: 2
Spaltenanzahl: 2
Zeichenanzahl: 6242

Weitere Fassungen
Ansichten der Natur mit wissenschaftlichen Erläuterungen, von Alex. v. Humboldt. Erster Band. 16. Tübingen, in der J. G. Cotta’schen Buchhandlung. Ueber die Wasserfälle des Orinoco bey Atures und Maypures (Stuttgart; Tübingen, 1808, Deutsch)
Der Orinoco (Brünn, 1818, Deutsch)
О водопадах рѣки Ориноко [O vodopadach rěki Orinoko] (Sankt Petersburg, 1818, Russisch)
O progach (kataraktach) rzéki Orenoko, przez Alexandra de Humboldt (Lwiw, 1819, Polnisch)
Die Knochenhöhle von Ataruipe in Amerika (Stralsund, 1828, Deutsch)
Sepulchral Cave in South America (Rochester, New York, 1834, Englisch)
Оринокскiе водопады [Orinokskie vodopady] (Sankt Petersburg, 1834, Russisch)
О теченiи рѣки Ориноко [O tečenii rěki Orinoko] (Sankt Petersburg, 1834, Russisch)
Sounds of Waters in the Night (Kendal, 1849, Englisch)
The Cataracts of Orinoco (Carlisle, 1849, Englisch)
Black Waters (Reading, 1849, Englisch)
Cataracts of the Orinoco (London, 1849, Englisch)
Cataracts of the Orinoco (Newcastle-upon-Tyne, 1850, Englisch)
Cataracts of the Orinoco (Edinburgh, 1852, Englisch)
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Die Knochenhöhle von Ataruipe in Amerika. (Aus Alexander von Humboldt’s neueſten Schriften.)

Am ſüdlichen Eingange des Raudals von Atu-res, am rechten Ufer des Fluſſes, liegt die, unter denIndianern weit berufene Höhle von Ataruipe. DieGegend umher hat einen großen und ernſten Natur-character, der ſie gleichſam zu einem Nationalbegräb-niſſe eignet. Man erklimmt mühſam, ſelbſt nicht ohneGefahr herabzurollen, eine ſteile, völlig nackte Granit-wand. Es würde kaum möglich ſeyn, auf der glattenFläche feſten Fuß zu faſſen, träten nicht große Feld-ſpathkriſtalle, der Verwitterung trotzend, zolllang ausdem Geſteine hervor. Kaum iſt die Kuppe erreicht, ſo wird man durcheine weite Ausſicht über die umliegende Gegend über-raſcht. Aus dem ſchäumenden Flußbette erheben ſichmit Wald geſchmückte Hügel. Jenſeit des Stromes,über das weſtliche Ufer hinweg, ruht der Blick aufder unermeßlichen Grasflur des Meta. Am Horizonterſcheint wie drohend aufziehendes Gewölk das GebirgeUniama. So die Ferne; aber nahe umher iſt allesöde und eng. Im tiefgefurchten Thale ſchweben ein-ſam der Geier und die krächzende Caprimulge. Ander nackten Felswand ſchleicht ihr ſchwindender Schat-ten hin. Dieſer Keſſel iſt von Bergen begränzt, deren ab-gerundete Gipfel ungeheure Granitkugeln tragen.Der Durchmeſſer dieſer Kugeln beträgt 40 bis 50Fuß. Sie ſcheinen die Unterlage nur in einem einzigenPunkte zu berühren, eben, als müßten ſie, bei demſchwächſten Erdſtoße, herabrollen. Der hintere Theil des Felsthals iſt mit dichtemLaubholze bedeckt. An dieſem ſchattigen Orte öffnetſich die Höhle von Ataruipe; eigentlich nicht eineHöhle, ſondern ein Gewölbe, eine weit überhängendeKlippe, eine Bucht, welche die Waſſer, als ſie einſtdieſe Höhe erreichten, ausgewaſchen haben. DieſerOrt iſt die Gruft eines vertilgten Völkerſtammes.Wir zählten ohngefähr 600 wohlerhaltene Skelette, ineben ſo vielen Körben, welche von den Stielen desPalmenlaubes geflochten ſind. Dieſe Körper, die dieIndianer Mapires nennen, bilden eine Art viereckigerSäcke, die nach dem Alter des Verſtorbenen von ver-ſchiedener Größe ſind. Selbſt neugeborene Kinder ha-ben ihre eigene Mapire. Ihre Skelette ſind ſo voll-ſtändig, daß keine Rippe, keine Phalange fehlt. Die Knochen ſind auf dreierlei Weiſe zubereitet;theils gebleicht, theils mit Onoto, dem Pigment derBixa Orellana, rothgefärbt, theils mumienartig zwi-ſchen wohlriechendem Harze in Piſangblätter einge-knetet. |Spaltenumbruch| Die Indianer verſichern, man grabe den friſchenLeichnam auf einige Monate in feuchte Erde, welchedas Muskelfleiſch allmählig verzehre; dann ſcharre manihn aus, und ſchabe mit ſcharfen Steinen den Reſtdes Fleiſches von den Knochen ab. Dies ſey nochder Gebrauch mancher Horden der Guayana. Nebenden Mapires oder Körben findet man auch Urnen vonhalbgebranntem Thone, welche die Knochen von gan-zen Familien zu enthalten ſcheinen. Die größern dieſer Urnen ſind 3 Fuß hoch und5½ Fuß lang, von angenehmer ovaler Form, grün-lich, mit Henkeln in Geſtalt von Krokodilen undSchlangen, an dem obern Rande mit Meandern undLabyrinthen geſchmückt. Dieſe Verzierungen ſind ganzdenen ähnlich, welche die Wände des mexikaniſchenPallaſtes bei Mitla bedecken. Man findet ſie unterallen Zonen, auf den verſchiedenſten Stuffen menſch-licher Kultur; unter Griechen und Römern, am ſoge-nannten Tempel des Deus rediculus bei Rom, wieauf den Schildern der Otahaiter; überall, wo rythmi-ſche Wiederholung regelmäßiger Formen dem Augeſchmeichelte. Die Urſachen dieſer Aehnlichkeiten beru-hen, wie ich an einem andern Orte entwickelt habe,mehr auf pſychiſchen Gründen, auf der innern Naturunſerer Geiſtesanlagen, als ſie Gleichheit der Abſtam-mung und altes Verkehr der Völker beweiſen. Unſere Dolmetſcher konnten keine ſichere Auskunftüber das Alter dieſer Gefäße geben. Die mehrſtenSkelette ſchienen indeß nicht über hundert Jahr altzu ſeyn. Es geht die Sage unter den Guareken-In-dianern, die tapferen Aturer haben ſich, von menſchen-freſſenden Kariben bedrängt, auf die Klippen der Ka-tarakten gerettet; ein trauriger Wohnſitz, in welchemder bedrängte Völkerſtamm und mit ihm ſeine Spracheunterging. In dem unzugänglichſten Theile des Rau-dals befinden ſich ähnliche Grüfte; ja es iſt wahr-ſcheinlich, daß die letzte Familie der Aturer erſtſpät ausgeſtorben ſey. Denn in Maypures (ein ſon-derbares Factum) lebt noch ein alter Papagei, vondem die Eingebornen behaupten, daß man ihn darumnicht verſtehe, weil er die Sprache der Aturer rede. Wir verließen die Höhle bei einbrechender Nacht,nachdem wir mehrere Schädel und das vollſtändigeSkelett eines bejahrten Mannes, zum größten Aer-gerniß unſerer indianiſchen Führer, geſammelt hatten.Einer dieſer Schädel iſt von Herrn Blumenbach inſeinem vortrefflichen kraniologiſchen Werke abgebildetworden. Das Skelett ſelbſt iſt, wie ein großer Theilunſerer Sammlungen, in einem Schiffbruch unterge-gangen, der an der afrikaniſchen Küſte unſerm Freundeund ehemaligen Reiſegefährten, dem jungen Franzis-kanermönch, Juan Gonzalez, das Leben koſtete. Wie im Vorgefühl dieſes ſchmerzhaften Verluſtes,in ernſter Stimmung entfernten wir uns von der |84| Gruft eines untergegangenen Völkerſtammes. Es wareiner der heitern und kühlen Nächte, die unter denWendekreiſen ſo gewöhnlich ſind. Mit farbigen Rin-gen umgeben, ſtand die Mondſcheibe hoch im Zenith.Sie erleuchtete den Saum des Nebels, der in ſcharfenUmriſſen, wolkenartig den ſchäumenden Fluß bedeckte.Zahlloſe Inſekten goſſen ihr röthliches Phosphorlichtüber die krautbedeckte Erde. Von lebendigem Feuerglühte der Boden, als habe die ſternvolle Himmels-decke ſich auf die Grasflur niedergeſenkt. RankendeBignonien, duftende Vanille, und gelbblühende Ba-niſterien ſchmücken den Eingang der Höhle. Ueberdem Grabe rauſchen die Gipfel der Palmen. So ſterben dahin die Geſchlechter der Menſchen.Es verhallt die rühmliche Kunde der Völker. Dochwenn jede Blüthe des Geiſtes welkt, wenn im Sturmder Zeiten die Werke ſchaffender Kunſt zerſtieben, ſoentſprießt ewig neues Leben aus dem Schooße derErde. Raſtlos entfaltet ihre Knospen die zeugendeNatur — unbekümmert ob der frevelnde Menſch (einnie verſöhntes Geſchlecht) die reifende Frucht zertritt.