Digitale Ausgabe

Download
TEI-XML (Ansicht)
Text (Ansicht)
Text normalisiert (Ansicht)
Ansicht
Textgröße
Originalzeilenfall ein/aus
Zeichen original/normiert
URL und Versionierung
Permalink:
https://humboldt.unibe.ch/text/1805-Experiences_sur_la-5
Die Versionsgeschichte zu diesem Text finden Sie auf github.
Titel Versuche über den Zitterrochen. Von A. v. Humboldt und Gay-Lussac. (Aus einem Briefe des erstern an Berthollet, datirt Rom 15. Fruct. 13). Uebersetzt von A. F. Gehlen
Jahr 1806
Ort Berlin
Nachweis
in: Neues allgemeines Journal der Chemie 6:2 (1806), S. 166–172.
Beteiligte Louis Joseph Gay-Lussac
Sprache Deutsch
Schriftart Fraktur
Identifikation
Textnummer Druckausgabe: II.31
Dateiname: 1805-Experiences_sur_la-5
Statistiken
Seitenanzahl: 7
Zeichenanzahl: 10574
Bilddigitalisate

Weitere Fassungen
Expériences sur la torpille (Paris, 1805, Französisch)
Sur les commotions électriques produites par la torpille (Brüssel, 1805, Französisch)
Experiments on the Torpedo, by Messrs. Humboldt and Gay-Lussac. Extracted from a Letter from M. Humboldt to M. Berthollet, dated Rome, 15 Fructid. Year 13 (London, 1806, Englisch)
Experiments on the Torpedo. By Messrs. Humboldt and Gay Lussac. Extracted from a Letter of M. Humboldt to M. Berthollet; dated Rome, 15 Fructidor, Year 13 (Sept. 2, 1805.) (London, 1806, Englisch)
Versuche über den Zitterrochen. Von A. v. Humboldt und Gay-Lussac. (Aus einem Briefe des erstern an Berthollet, datirt Rom 15. Fruct. 13). Uebersetzt von A. F. Gehlen (Berlin, 1806, Deutsch)
Torpille (Expériences sur la) (Paris, 1824, Französisch)
|166|

Verſuche uͤber den Zitterrochen. Von A. v. Humboldt und Gay-Luſſac. (Aus einem Briefe des erſtern an Berthollet, datirt Rom 15. Fruct. 13).


Ueberſetzt 1) von A. F. Gehlen.


Die Erſcheinungen, welche die electriſchen Fiſche darbie-ten, verdienen, ſeitdem mehrere Phyſiker ihre Erklaͤrung inder ſchoͤnen Theorie, womit Volta die Wiſſenſchaft be-reichert hat, zu finden geglaubt haben, neue Unterſuchun-gen. Sie fuͤhlen leicht, mein hochachtungswuͤrdiger Freund,wie ungeduldig wir ſeyn mußten, uns Zitterrochen zu ver-ſchaffen, und Sie wundern ſich vielleicht, daß ich ſo ſpaͤtmit Ihnen davon ſpreche. In Genua fanden wir welche,aber in einem Augenblick, da wir unſere Inſtrumente nichtbei uns hatten. In Civita-Vecchia ſuchten wir ſie ver-gebens. Waͤhrend unſeres Aufenthalts in Neapel endlicherhielten wir ſie ſehr haͤufig, recht groß aud lebhaft. Ich
1) Aus den Annales de Chimie Nro. 166. Vendem. 14. T.56. P. 15 — 23. Vergleiche die vorlaͤufige Nachricht Bd. 5.S. 495 d. J.
|167| lege Ihnen in dieſem Briefe die Reihe von Verſuchen vor,die wir, Herr Gay-Luſſac und ich, uͤber die Wirkungdes Zitterrochen (Raja torpedo Linn. ) anſtellten, unddenen Herr von Buch, ein in allen Zweigen der phyſika-liſchen Wiſſenſchaften ſehr bewanderter deutſcher Mineraloge,beiwohnte; ich werde bloß Thatſachen aufſtellen, ohne theo-retiſche Ideen einzumiſchen. Unſere Verſuche waren vor-zuͤglich auf die Bedingungen gerichtet, unter welchen derZitterrochen nicht faͤhig iſt, dem Menſchen jene Erſchuͤtte-rung, die man mit dem Namen einer electriſchen belegt,wiewol die Empfindung von derjenigen, ſo eine entladeteLeydener Flaſche bewirkt, ſehr abweicht, beizubringen. Dawir kein anderes Werk vor uns haben, als das, worin Aldini die ſchoͤnen Unterſuchungen Geoffroy’s mit de-nen Spallanzani’s und Galvani’s verbunden hat, 2) ſo ſind wir nicht im Stande, unſere Arbeit mit der viel-leicht von anderen Phyſikern vor uns zu Stande gebrach-ten zu vergleichen.
1. Obwol der Zitterroche in ſeiner Staͤrke nicht mitdem Zitteraal (gymnotus electricus) zu vergleichen iſt,ſo iſt er doch im Stande, ſchmerzhafte Empfindungen zuerregen. Eine an electriſche Erſchuͤtterungen ſonſt ſehr ge-woͤhnte Perſon haͤlt doch kaum den Schlag eines Zitter-rochen von 4 Decimeter Laͤnge aus, wenn er in ſeiner gan-zen Kraft iſt. Er giebt ſeinen Schlag unter dem Waſſer,und erſt, wenn er ſchwaͤcher wird, verhindert dieſes Fluͤſ-ſige ſeine Wirkung. Herr Gay-Luſſac bemerkte, daß
2) Mémoires sur la torpille, in dem Essai sur le Galvanisme,T. II. P. 61.
|168| man in dieſem Fall die Erſchuͤtterung erſt zu empfindenanfaͤngt, wenn man den Fiſch uͤber die Oberflaͤche desWaſſers hebt. Es iſt mit ihm, wie mit Froͤſchen, womitman galvaniſche Verſuche anſtellt: die Bedingungen, un-ter welchen Zuſammenziehung erfolgt, ſind verſchieden, nachdem Grade der Reizbarkeit der Organe.
2. Ich habe im mittaͤglichen America bemerkt, daßder Zitteraal die fuͤrchterlichſten Commotionen erregt, ohneirgend eine aͤußerliche Bewegung mit den Augen, demKopfe oder den Floſſen zu machen. Er macht deren ſowenig, wie ein Menſch, der von Einer Vorſtellung, vonEiner Empfindung zu einer andern uͤbergeht. Anders iſtes bei dem Zitterrochen: wir bemerkten, daß er, jedesMahl, wenn er ſeinen Schlag giebt, convulſiviſch dieBruſtfloſſen bewege; der Schlag wird ſtaͤrker oder ſchwaͤ-cher empfunden, je nachdem die Beruͤhrung auf einergroͤßern oder kleinern Flaͤche Statt findet. 3. Man kann die Organe eines Zitterrochen oder ei-nes Zitteraals nicht nach Willkuͤhr entladen, wie man esbei einer Leydener Flaſche oder einer Saͤule thut. Manempfindet nicht immer eine Erſchuͤtterung, wenn man ei-nen electriſchen Fiſch beruͤhrt; man muß ihn reitzen, da-mit er einen Schlag gebe. Dieſer haͤngt ganz von der Will-kuͤhr des Thieres ab, das vielleicht ſeine electriſchen Organenicht beſtaͤndig geladen hat; es ladet ſie aber mit bewun-dernswuͤrdiger Geſchwindigkeit wieder, denn es iſt faͤhigeine lange Folge von Erſchuͤtterungen zu geben. 4. Man empfindet den Schlag (im Fall der Fiſch be-reit war, ihn zu geben), wenn man mit einem einzigen |169| Finger eine einzige Flaͤche der electriſchen Organe beruͤhrt,oder, indem man beide Haͤnde an beide Flaͤchen, die obereund untere, auf ein Mahl legt. Auch iſt es in beidenFaͤllen gleichguͤltig, ob derjenige, der ſeinen Finger oderſeine beide Haͤnde in Beruͤhrung bringt, iſolirt iſt odernicht. 5. Beruͤhrt eine iſolirte Perſon den Zitterrochen miteinem einzigen Finger, ſo muß die Beruͤhrung durchausunmittelbar ſeyn. Es wird gar keine Commotion gefuͤhlt,wenn ein leitender Koͤrper, ein Metall zum Beiſpiel, ſichzwiſchen dem Finger und dem Organ des Fiſches befindet.Daher beruͤhrt man ihn vermittelſt eines Schluͤſſels, oderjedes andern metalliſchen Inſtruments, ungeſtraft. 6. Nachdem Herr Gay-Luſſac dieſe wichtige Be-dingung bemerkt hatte, legten wir den Zitterrochen aufeine Metallplatte, mit welcher die untere Flaͤche der Or-gane in Beruͤhrung war. Die Hand, welche dieſe Plattehaͤlt, empfindet nie eine Erſchuͤtterung, wenn eine andereiſolirte Perſon das Thier reitzt und die convulſiviſche Be-wegung ſeiner Bruſtfloſſen die ſtaͤrkſten Entladungen ſeineselectriſchen Fluidum anzeigt. 7. Haͤlt hingegen Jemand die Platte, auf welcher derRoche liegt, in der linken Hand, wie im vorigen Verſuch(6) und beruͤhrt dann die obere Flaͤche des electriſchen Or-gans mit der rechten, ſo empfindet er eine ſtarke Erſchuͤt-terung in beiden Armen zugleich. 8. Der Erfolg bleibt derſelbe, wenn der Fiſch zwiſchenzwei Metallplatten, deren Raͤnder ſich nicht beruͤhren, ge-legt worden und man dieſe Platten mit beiden Haͤnden zu-gleich anfaßt. |170| 9. In beiden Armen laͤßt ſich dagegen gar keine Com-motion empfinden, wenn in dem vorigen Falle (8) irgend eineunmittelbare Gemeinſchaft zwiſchen den Raͤndern der beidenMetallplatten Statt findet. Die Kette iſt dann zwiſchen denbeiden Flaͤchen des Organs durch die Platten geſchloſſen unddie abermahlige Communication, die man durch Beruͤhrungder Platten mit beiden Haͤnden bewerkſtelligt, iſt ohne Erfolg. 10. Auch das empfindlichſte Electrometer giebt garkeine electriſche Spannung in den Organen des Zitterro-chens an; es wird davon auf keine Art afficirt, wie manes auch anbringen mag, indem man entweder es den Or-ganen naͤhert, oder den Fiſch iſolirt, ihn mit einer Metall-platte bedeckt und dieſe Platte durch einen Leitungsdrahtmit Volta’s Condenſator in Verbindung ſetzt. Nichtszeigt hier, wie bei dem Zitteraal, an, daß das Thier dieelectriſche Spannung der es umgebenden Koͤrper modificire. 11. Da die electriſchen Fiſche, in geſundem Zuſtande,mit gleicher Staͤrke unter Waſſer, wie in der Luft wirken,ſo pruͤften wir die Leitungsfaͤhigkeit dieſes Fluͤſſigen. Alsmehrere Perſonen die Kette zwiſchen der Oberflaͤche undUnterflaͤche der Organe des Zitterrochen ſchloſſen, empfan-den ſie einen Schlag erſt, wie ſie ſich die Haͤnde naßmachten. Ein Waſſertropfen unterbricht nicht die Wirkung,wenn zwei Perſonen, die den Zitterrochen mit ihrer rechtenHand halten, anſtatt ſich die linke zu geben, jede eineMetallſpitze in einen, auf iſolirender Unterlage ruhenden,Waſſertropfen tauchen. 12. Setzt man in dieſem Falle an die Stelle desWaſſertropfens die Flamme, ſo iſt die Communication un-terbrochen, und wird nicht eher wieder hergeſtellt, als bis |171| die Metallſpitzen im Innern der Flamme ſich unmittelbarberuͤhren. 13. Noch iſt zu bemerken, daß unter Waſſer, wie inder Luft nicht anders als auf unmittelbare Beruͤhrung desKoͤrpers der electriſchen Fiſche eine Commotion empfundenwird; auch nicht durch die duͤnnſte Waſſerſchicht hindurchgeben ſie ihre Schlaͤge. Dies iſt um ſo merkwuͤrdiger, dain den galvaniſchen Verſuchen, wo der Froſch in Waſſergetaucht iſt, es bekanntlich hinreichend iſt, die ſilbernePincette den Muskeln zu naͤhern und Zuſammenziehungerfolgt, wenn die Zwiſchenſchichte von Waſſer ein bis zweiMillimeter dick iſt. Dies ſind, mein hochachtungswuͤrdiger Freund, die vor-zuͤglichſten Beobachtungen, die wir uͤber den Zitterrochenangeſtellt haben. Die Verſuche in 4. und 10. beweiſen,daß die electriſchen Organe dieſer Thiere gar keine Span-nung, keine uͤberſchuͤſſige Ladung anzeigen. Man ſolltevielmehr geneigt ſeyn, ihre Wirkung mit der einer Vereini-gung von kleinen Leydener Flaſchen, als mit einer Voltai-ſchen Saͤule, zu vergleichen. Ohne Kette laͤßt ſich garkeine Commotion erhalten, und wenn ich vom Zitteraaldurch ſehr trockne Stricke hindurch Schlaͤge erhalten habe,ſo glaube ich, daß in dem Fall, wo dies maͤchtige Thiermir ſtarke Erſchuͤtterungen, ohne eine vorhandene Kette, zugeben ſchien, letztere, wegen Unvollkommenheit meiner Iſo-lirung, in der That doch da war. Wenn der Zitterrochedurch Pole wirkt, durch ein electriſches Gleichgewicht, wel-ches ſich wieder herzuſtellen ſtrebt, ſo ſcheinen die Ver-ſuche unter 5 und 6 zu beweiſen, daß dieſe Pole nebeneinander, auf einer und derſelben Flaͤche des Organs, vor- |172| handen ſind. Man erhaͤlt einen Schlag, indem man nureine einzige Flaͤche mit ſeinem Finger beruͤhrt. Eine zwi-ſchen der Hand und dem Organ befindliche Platte (6) ſtelltſelbſt das Gleichgewicht wieder her, und die Hand, welchejene Platte haͤlt, empfindet nichts, weil ſie außer demStrome iſt. Nimt man aber eine Anzahl entgegengeſetzterPole auf jeder Flaͤche des Organs an: warum ſtellt ſichdas Gleichgewicht durch die Arme wieder her, wenn manjene Flaͤchen mit zwei Metallplatten, deren Raͤnder ſichnicht beruͤhren, bedeckt und die Haͤnde auf dieſe Plattenlegt? Warum, kann man fragen, ſucht die poſitive Elec-tricitaͤt der untern Flaͤche, in dem Augenblick der Exploſionnicht die negative des benachbarten Pols, und warum fin-det ſie ſie nur auf der obern Flaͤche des electriſchen Or-gans? Dieſe Schwierigkeiten ſind vielleicht nicht unuͤber-ſteiglich, aber es werden noch viele Unterſuchungen zu derTheorie dieſer Lebensverrichtungen erfordert. Geof-froy hat bewieſen, daß die Rochen, welche keine An-zeigen von Electricitaͤt geben, Organe beſitzen, die denendes Zitterrochens ſehr aͤhnlich ſind. Die geringſte Verle-tzung des Gehirns hindert die Wirkung dieſes electriſchenFiſches. Die Nerven ſpielen in dieſen Erſcheinungen ohneZweifel die groͤßte Rolle, und der Phyſiolog, der die Le-bensverrichtungen in ihrer Geſammtheit umfaßt, wuͤrde ſichmit Grund gegen den Phyſiker auflehnen, der alles ausder Beruͤhrung der eiweißgallertigen Pulpe und der apo-neurotiſchen Blaͤttchen, welche die Natur in den Organendes Zitterrochens verbunden hat, zu erklaͤren glaubenkoͤnnte.