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https://humboldt.unibe.ch/text/1805-Antrittsrede_gehalten_bei-1
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Titel Antrittsrede gehalten bei seiner Einführung in die Königl. Preuss. Akademie der Wissenschaften. Von Alexander von Humboldt. (Ein Abdruck für Freunde)
Jahr 1805
Ort Berlin
Nachweis
in: Separatum, [Berlin 1805], 6 Seiten.
Sprache Deutsch
Schriftart Antiqua
Identifikation
Textnummer Druckausgabe: II.30
Dateiname: 1805-Antrittsrede_gehalten_bei-1
Statistiken
Seitenanzahl: 4
Zeichenanzahl: 4056
Bilddigitalisate

|3| Unter den vielfachen Genüssen, welche Zurück-kunft in das langentbehrte Vaterland gewährenkann, liegt unstreitig einer der wohlthätigsten underhabendsten in dem Mitgefühle derer, welche,dem höchsten Zwecke geistiger Vollkommenheitentgegenstrebend, ihr Leben den Wissenschaftenweihen. Dieses Mitgefühl, von welchem Sie,verehrungswerthe Männer, mir bei meinem Ein-tritt in diese Versammlung den ehrenvollestenBeweis gegeben, durchdringt mich mit den Em-pfindungen des innigsten Danks, aber auch zu-gleich mit dem beschämenden Gefühle meinerSchwäche. Als ich an der Küste des stillen Ozeans, inden einsamen Thälern der Andes, durch weiteMeere von Ihnen getrennt war, da haben Siedurch eigene Wahl mir den Platz bestimmt, denich heute, fünf Jahre später, einnehme. Erst inder Hauptstadt Mexico wurde ich durch öffent-liche Nachrichten von meiner Aufnahme in dieseAkademie belehrt. Kaum betrat ich den euro-päischen Boden, als ich eilte, dieser Versamm- |4| lung den Ausdruck meines Danks und meinerHochachtung schriftlich darzubringen. Möchteich heute beredt genug sein, diese Empfindungenmündlich eben so lebendig zu schildern, als feier-lich der Augenblick für mich ist, in dem ich inIhre Mitte trete, um an den Arbeiten von Män-nern Theil zu nehmen, deren viele die Lehrermeiner früheren Jugend gewesen sind. Unter allen Verbindungen, welche Menschenan Menschen knüpfen, giebt es keine edlere undschönere, als die, welche auf die Erweiterung desWissens und auf freie Ausbildung intellektuellerKräfte abzweckt. Wohl uns, daß wir in einemStaate leben, in welchem die Freiheit dieses Stre-bens keine Schranken kennt; in einem Staate, des-sen erhabenem und wohltätigem Beherrscher die ewigen Rechte der Vernunft heilig sind, wieder Natur ihre unabänderlichen Gesetze! Wohluns, daß wir ein Jahrhundert beginnen, in wel-chem alle Theile menschlicher Erkenntniß inWechselwirkung treten, und zu einem großenorganischen Ganzen zusammenstimmen! Wasder Geognost über das Alter und die Lagerungder Gebirgsmassen, der Naturkundige über denBau mikroskopischer Thiere und Pflanzen; wasder Scheidekünstler in der mannichfaltigen Mi-schung der Stoffe, oder über die Gesetze ent-deckt, nach denen die Elemente sich binden undtrennen; was der Metaphysiker aus der Zerglie-derung des innern Sinnes, oder der Mathemati-ker aus den unergründlichen Tiefen der Algebra |5| schöpft, ‒ ‒ alles dies (so locker auch immer dasBand dem Unkundigen scheint) hanget innigstmit der intellektuellen Kultur des Menschenge-schlechts zusammen. Wer das Ganze des wissen-schaftlichen Feldes zu umfassen fähig ist, dersucht den ersten und erhabendsten Zweck derErkenntniß in ihr selbst. Wer dem raschen Gangeder Entdeckungen in der Flucht der Jahrhundertefolgt, der findet in Untersuchungen, (die manehemals oft durch den Namen der blos spekulati-ven herabzuwürdigen glaubte) den wohlthätigstenKeim zu der Vervollkommnung technischer Ge-werbe, zu der Verbesserung des physischen Wohlsder Gesellschaft. Aber eben diese innige Verknüpfung allerZweige des menschlichen Wissens setzt auch einenges Band unter denen voraus, welche sich mitder Kultur derselben beschäftigen; und die Mög-lichkeit eines solchen Bandes ist unstreitig einerder ersten und wichtigsten Zwecke der Akade-mien. Wie das gespaltene vielfarbige Licht zueinem kräftigen Strahle zusammenschmilzt; wieder große Einklang der Natur aus dem ewigenKampfe der sich beschränkenden, scheinbar strei-tenden Elemente hervorgeht: so hanget Zahl undGlanz der wissenschaftlichen Entdeckungen einesVolks größtentheils von dem gleichzeitigen, wett-eifernden Zusammenwirken derer ab, welche zurBearbeitung der Wissenschaften berufen sind.Wie glücklich fühle ich mich, verehrungswertheMänner, daß auch ich von heute an Theil an |6| Ihren vereinten Bemühungen, an Ihrem Strebennach so großen und edlen Zwecken nehmen soll!Stolz auf den Platz, den des Königs Huld undIhre Gewogenheit mir angewiesen, bringe ichIhnen aufs neue den Ausdruck meiner tiefen unddankbaren Verehrung dar.