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Alexander von Humboldt: „J. C. Delametherie’s vorläufige Nachricht von der durch die Herren von Humboldt und Bonpland in den Jahren 1799, 1800, 1801, 1802, 1803 und 1804 nach den Wendekreisen unternommenen Reise“, in: ders., Sämtliche Schriften digital, herausgegeben von Oliver Lubrich und Thomas Nehrlich, Universität Bern 2021. URL: <https://humboldt.unibe.ch/text/1804-Baron_Humboldt-20-neu> [abgerufen am 22.06.2024].

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https://humboldt.unibe.ch/text/1804-Baron_Humboldt-20-neu
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Titel J. C. Delametherie’s vorläufige Nachricht von der durch die Herren von Humboldt und Bonpland in den Jahren 1799, 1800, 1801, 1802, 1803 und 1804 nach den Wendekreisen unternommenen Reise
Jahr 1805
Ort Salzburg
Nachweis
in: Intelligenzblatt von Salzburg 24 (15. Juni 1805), Sp. [364]–372; 25 (22. Juni 1805), Sp. 383–386; 26 (29. Juni 1805), Sp. 401–403; 38 (21. September 1805), Sp. 589–591; 40 (5. Oktober 1805), Sp. 621–623; 42 (19. Oktober 1805), Sp. 650–657; 43 (26. Oktober 1805), Sp. 664–670.
Sprache Deutsch
Typografischer Befund Fraktur (Umlaute mit superscript-e); Spaltensatz; Antiqua für Fremdsprachiges.
Identifikation
Textnummer Druckausgabe: II.23
Dateiname: 1804-Baron_Humboldt-20-neu
Statistiken
Seitenanzahl: 22
Spaltenanzahl: 39
Zeichenanzahl: 50530

Weitere Fassungen
Baron Humboldt (Philadelphia, Pennsylvania, 1804, Englisch)
Notice d’un voyage aux tropiques, exécuté par MM. Humboldt et Bonpland, en 1799, 1800, 1801, 1802, 1803 et 1804. Par J.-C. Delamétherie (Paris, 1804, Französisch)
Baron Humboldt (New York City, New York, 1804, Englisch)
Baron Humboldt (Philadelphia, Pennsylvania, 1804, Englisch)
Baron Humboldt (New York City, New York, 1804, Englisch)
Baron Humboldt (Philadelphia, Pennsylvania, 1804, Englisch)
Baron Humboldt (Charleston, South Carolina, 1804, Englisch)
Baron Humboldt (Harrisburg, Pennsylvania, 1804, Englisch)
Baron Humboldt (Washington, District of Columbia, 1804, Englisch)
Travels of Baron Humboldt (Kingston, New York, 1804, Englisch)
Baron Humboldt (Washington, District of Columbia, 1804, Englisch)
Baron Humboldt (Amherst, New Hampshire, 1804, Englisch)
Baron Humboldt (Richmond, Virginia, 1804, Englisch)
Baron Humboldt (New Bedford, Massachusetts, 1804, Englisch)
Baron Humboldt (Dover, New Hampshire, 1804, Englisch)
Auszug aus Delametheriés vorläufiger Nachricht von der durch die Herren v. Humboldt und Bonpland in den Jahren 1799, 1800, 1801, 1802, 1803 und 1804 nach den Wendekreisen unternommenen Reise (Wien, 1804, Deutsch)
Reise der Herren von Humboldt und Bonpland nach den Wendekreisen In den Jahren 1799 bis 1804. Eine gedrängte Uebersicht des Auszugs ihrer Memoiren v. J. C. Delametherie. Nach dem Französischen übertragen von Schirges Dr. (Hannover, 1805, Deutsch)
J. C. Delametherie’s vorläufige Nachricht von der durch die Herren v. Humboldt und Bonpland in den Jahren 1799, 1800, 1801, 1802, 1803 und 1804 nach den Wendekreisen unternommenen Reise (Weimar, 1805, Deutsch)
Short Account of the Travels between the Tropics, by Messrs. Humboldt and Bonpland, in 1799, 1800, 1801, 1802, 1803, and 1804. By J. C. Delametherie (London, 1805, Englisch)
J. C. Delametherie’s vorläufige Nachricht von der durch die Herren von Humboldt und Bonpland in den Jahren 1799, 1800, 1801, 1802, 1803 und 1804 nach den Wendekreisen unternommenen Reise (Salzburg, 1805, Deutsch)
Account of the Travels between the Tropics of Messrs. Humboldt and Bonpland, in 1799, 1800, 1801, 1802, 1803, and 1804. By J. C. Delamétherie (London, 1805, Englisch)
Travels in South America (Edinburgh, 1805, Englisch)
Voyage de Humboldt et Bonpland en Amérique, tiré du magasin littéraire de Philadelphie, publié en juillet 1804 (Paris, 1807, Französisch)
|Seitenumbruch| |364|

J. C. Delamentherie’s vorlaͤufige Nach-richt von der durch die Herren von Humboldt und Bonpland in den Jah-ren 1799, 1800, 1801, 1802, 1803und 1804 nach den Wendekreiſen un-ternommenen Reiſe.


(Aus dem Journal de Phyſique.)

Der allgemeine Antheil, den die gelehrteWelt mit ſo viel Recht an der Reiſe der Herrenvon Humboldt und Bonpland nimmt, ſo wiedie Freundſchaft, welche mich mit dieſen zweyMaͤnnern verbindet, legen mir die ſuͤße Pflichtauf, dem Publikum hier einen kurzen Auszugaus allen den Nachrichten mitzutheilen, die ichſowohl aus ihrer oͤffentlichen als Privat-Corre-ſpondenz, ſo wie aus den Abhandlungen, welcheſie ſelbſt im National-Inſtitute vorlaſen, ge-ſchoͤpft habe. Nachdem Hr. von Humboldt acht Jahrehindurch in Deutſchland, Pohlen, England, Frank-reich, in der Schweiz und Italien phyſikaliſcheBeobachtungen angeſtellt hatte, kam er im Jahre1798 nach Paris, wo ihm das National-Mu-ſeum zu ſeinem Vorhaben, die Reiſe um die |365| Welt mit dem Capitain Baudin zu machen,gefaͤllig die Hand bot. Aber in dem naͤmlichen Augenblicke, da ermit Herrn Alexander Aime Goujon Bon-pland, (Eleven der Arzneyſchule und des bota-niſchen Gartens zu Paris) nach Havre abgehenwollte, brach der Krieg mit Oeſterreich neuerdingsaus, und die nun mangelnden Gelder noͤthigtendas Direktorium, die Reiſe des Hrn. Baudin bis auf einen guͤnſtigen Zeitpunkt hinauszuſetzen.Hr. von Humboldt, welcher ſeit dem Jahre 1792den Vorſatz hegte, auf eigne Koſten eine Reiſenach den Wendekreiſen zu machen, einem zurVermehrung der Fortſchritte in den phyſikaliſchenWiſſenſchaften hinzweckenden Unternehmen, faß-te jetzt den Entſchluß, den nach Aegypten abge-henden Gelehrten zu folgen; da aber mittlerweiledie Schlacht von Abukir alle direkte Communi-kation mit Alexandrien abgeſchnitten hatte, ſokam er auf den Gedanken, mit einer Schwedi-ſchen Fregatte, welche den Konſul Herrn Scioͤl-debrandt nach Algier uͤberfuͤhren ſollte, dahin ab-zugehen, nachher der Karawane nach Mekka zufolgen, und ſich durch Aegypten und uͤber denPerſiſchen Meerbuſen nach Oſtindien zu begeben;aber der zwiſchen Frankreich und den barbariſchen |Seitenumbruch| |366| Maͤchten ganz unerwartet ausgebrochene Krieg,ſo wie die Unruhen im Orient hinderten Hrn.v. Humboldt, von Marſeille, wo er ſich zweyMonathe vergeblich aufhielt, abſegeln zu koͤnnen.Ueber dieſe neue Verzoͤgerung unwillig, aber im-mer noch des feſten Vorſatzes, ſich der Expe-dition von Aegypten beyzugeſellen, gieng er mitder Hoffnung nach Spanien ab, vielleicht unterSpaniſcher Flagge leichter, mittelſt eines Oſtwin-des von Carthagena nach Algier oder Tunisuͤberfahren zu koͤnnen, und reiſete deshalb uͤberMontpellier, Perpignan, Barcelona und Valen-cia nach Madrid. Die Nachrichten aus demOrient lauteten immer trauriger; der Krieg wardmit einer beyſpielloſen Erbitterung gefuͤhrt; ermußte alſo auf das Vorhaben, durch Aegypten nach Indoſtan zu gelangen, Verzicht thun: einegluͤckliche Vereinigung beguͤnſtigender Umſtaͤndeentſchaͤdigte Hrn. von Humboldt bald fuͤr denVerdruß ſo vielen Verzuges. Der Hof von Ma-drid gab ihm im Maͤrz 1799 die ausgedehnteſteErlaubniß nach den Spaniſchen Colonien in Nord- und Suͤd-Amerika zu gehen, und dortalle Nachforſchungen, alle Unterſuchungen, diezu den Fortſchritten der Wiſſenſchaften dienenkoͤnnen, anſtellen zu duͤrfen. Dieſe Erlaubnißwar mit ſolchen Verguͤnſtigungen ertheilt, dieden liberalen Geſinnungen der Regierung ſehr zurEhre gereichen. Se. Katholiſche Majeſtaͤt wuͤr-digte den Erfolg dieſer Expedition mit perſoͤnlichbezeugter Theilnahme zu beehren, und Hr. von Humboldt gieng, nachdem er einige Monathe zuMadrid und Aranjuez verweilt hatte, im Mo-nath Juny 1799, von ſeinem Freunde Bonpland begleitet, welcher ausgezeichnete Kenntniſſe in derBotanik und Zoologie mit demjenigen unermuͤde-ten Eifer und der Liebe fuͤr die Wiſſenſchaftenverbindet, welche alle Arten phyſiſcher und mora- |367| liſcher Aufopferungen mit Gleichguͤltigkeit ertragenlehren, aus Europa ab. Mit dieſem Freunde hat Hr. von Hum-boldt fuͤnf Jahre hindurch auf eigne Koſten eineReiſe in beyde Hemiſphaͤren gemacht; eine Reiſezu Waſſer und zu Lande von beynahe 9000 Franz.Meilen, und die groͤßte, die jemals ein Privat-mann unternommen hat. Unſere beyde, mitEmpfehlungsſchreiben vom Spaniſchen Hofe ver-ſehene Reiſende giengen mit der Fregatte Pi-zarro de la Corunna nach den Canariſchen In-ſeln ab. Sie landeten an der Inſel Grazioſa,nahe bey der Inſel Lancerotta, und zu Teneriffa,wo ſie bis an den Crater des Piks von Teydeſtiegen, um die atmoſphaͤriſche Luft zu analyſi-ren, und uͤber die Baſalte und porphyrartigenSchiefer Afrika’s geologiſche Beobachtungen an-zuſtellen. Sie kamen im Monath Julius imHafen von Cumana, am Meerbuſen von Ca-riaco, einem Theile des mittaͤgigen Americas,und einer durch die Arbeiten und Ungluͤcksfaͤlledes unermuͤdlichen Loͤffling beruͤhmt gewordenenGegend, an. Sie beſuchten im Verlaufe derJahre 1799 und 1800 die Kuͤſte von Paria, dieMiſſionen der Indier, Chaymas und die ProvinzNeu-Andaluſien, eines der heißeſten, aber ge-ſuͤndeſten, obwohl durch haͤufige und ſchrecklicheErdbeben verwuͤſteten Laͤnder der Erde; ſie durch-reiſeten die Provinz Neu-Barcelona, Venezuelaund das Spaniſche Guyana. Nachdem ſie mit-telſt der Beobachtungen der Trabanten des Ju-piters zu Cumana, Caracas und auf mehrerenandern Punkten die Laͤngen fixirt hatten; nachdemſie auf den Gipfeln des vom Bejaria bekraͤnztenKaripe und Silla de Avila herboriſirt hatten,giengen ſie von der Hauptſtadt Caracas im Fe-bruar 1800 nach den ſchoͤnen Thaͤlern von Aragna ab, wo der große See von Valencia die Vor- |Seitenumbruch| |368| ſtellung des Genferſees ins Gedaͤchtniß zuruͤck-bringt, nur daß erſterer ſich durch die Pracht derVegetation unter dem Wendezirkel unendlich ſchoͤ-ner darſtellt. Von Portocabello begaben ſie ſich gegen Suͤ-den, drangen laͤngs den Kuͤſten des AntilliſchenMeeres bis an die Graͤnzen von Braſilien, gegenden Aequator vor, giengen nachher mittendurch die weiten Flaͤchen von Calabozo Apu-ra und des Nieder-Oronoko, die Llanos,Wuͤſten, die den Africaniſchen gleichen, und wodurch das Zuruͤckprallen der druͤckendſten Hitzeder Re’aumuriſche Thermometer im Schatten auf33 bis 37° ſtieg, und wo der zweytauſend Qua-dratmeilen große brennende Erdſtrich ſich nurfuͤnf Zoll uͤber die Meeresflaͤche erhebt. Derder Oberflaͤche des Meeres gleiche Sand zeigtdurchgehends das ſonderbareſte Phaͤnomen derStrahlenbrechung und Wellenbewegung. Er birgtin den Monathen der Duͤrre und ohne GrasCrocodille und Rieſenſchlangen. Der Mangel an Waſſer, die Sonnenhitze,und der von den brennenden Winden in die Hoͤ-he gehobene Sand ermuͤden wechſelſeitig denReiſenden, welcher ſich mit ſeinem Maulthierenach dem Lauf der Geſtirne, oder nach eini-gen zerſtreuten Straͤuchen der Mauritia oderdes Embothrium, welche man von drey zu dreyFranz. Meilen endeckt, richtet. Zu St. Fernando d’Apura, in der Pro-vinz von Varinas begannen die Herren v. Hum-boldt und Bonpland eine beſchwerliche Schiffahrtvon ungefaͤhr 500 Seemeilen, welche ſie auf In-dianiſchen Kaͤhnen zuruͤcklegten, und mit Huͤlfeder mathematiſchen Laͤngen-Uhren, der Traban-ten-, Stern- und Mondsentfernungen eine Char-te vom Lande aufnahmen. Sie fuhren den RioApura herab, welcher ſich unter dem 7ten Grade |369| der Breite in den Oronoko ergießt. Da ſie derdrohenden Gefahr eines Schiffbruchs bey derInſel Pananuma gluͤcklich entgangen waren, ſofuhren ſie den letztbenannten Fluß bis an dieMuͤndung des Guaviare hinauf, paſſirten die be-ruͤhmten Waſſerfaͤlle von Atures und Maypure,wo die Hoͤhle von Ataruipo die Mumien einesdurch die Kriege der Karaiben und Maravita-nos vernichteten Volkes in ſich birgt. Bey derMuͤndung des Rio Guaviare, welcher von Neu-Grenada die Anden herabfließt, und welchender Pater Gumilla faͤlſchlich fuͤr die Quellendes Oronoko gehalten hatte, verlieſſen ſie die-ſen Fluß, und fuhren die kleinen Fluͤßchen Ata-bapo, Tuamini und Temi hinauf. Von der Miſſion Javita drangen ſie zuLande bis an die Quellen des Guainia, welchendie Europaͤer Rio Negro nennen, und den la Con-damine (welcher ihn bloß bey ſeinem Einfluſſein den Amazonenfluß geſehen hat) ein Meervon ſuͤßem Waſſer nennt. Einige dreyßig In-dianer trugen die Canots durch ein dichtes Ge-hoͤlze von Hevea, Leeythis und Laurus Cinamo-moides an den Cano Pimichin. Vermittelſt die-ſes kleinen Fluͤßchens gelangten unſre Reiſendenan den Schwarzen Fluß, welchen ſie bis andie kleine Feſtung St. Carlos, welche man faͤlſch-lich als unter dem Aequator liegend vermuthe-te, und bis an die Graͤnzen von Groß-Para,einem Hauptbezirke von Braſilien, hinabfuhren.Ein von Temi bis Pimichin vermoͤge des ebe-nen Terrains ſehr leicht zu grabender Canalwuͤrde eine innere Communication zwiſchen derProvinz Caracas und der Hauptſtadt Para,eine unendlich kuͤrzere Communication, als dievon Caſiguiare darbieten. Auch koͤnnte manvermittelſt dieſes naͤmlichen Canals (denn vonder Art iſt die bewundernswuͤrdige Lage der |Seitenumbruch| |370| Fluͤſſe in dieſem neuen Welttheile) von RioQuallaga, drey Tagereiſen von Lima oder von derSuͤdſee, auf Kaͤhnen und vermittelſt des Amazonen-fluſſes und des Rio Negro, bis an die Muͤndun-gen des Oronoko, gerade der Inſel Trinitad uͤber,hinabſegeln, eine Fahrt, welche benahe 2000Franzoͤſ. Meilen betraͤgt. Die Mißhelligkeiten,welche gerade zu der Zeit zwiſchen dem Spani-ſchen und Portugieſiſchen Hofe herrſchten, ver-hinderten Hrn. v. Humboldt, ſeine forſchendenUnternehmungen bis jenſeits St. Gabriel delas Cochuellas in der Generalhauptmannſchaftvon Groß-Para auszudehnen. La Condamine und Maldonado hatten dieMuͤndung des Rio Negro aſtronomiſch beſtimmt.Das Hinderniß war alſo weniger fuͤhlbar, eswar indeſſen ein viel unbekannterer Theil, naͤm-lich der Arm des Oronoko, Namens Caſiguiare,welcher die Communication zwiſchen dem Oro-noko und Amazonenfluſſe bildet, und uͤber deſſenExiſtenz man ſeit fuͤnfzig Jahren ſo viel ge-ſtritten hat, zu beſtimmen. Um dies Geſchaͤftauszufuͤhren, fuhren die Herren v. Humboldt und Bonpland von der Spaniſchen Feſtung St.Carlos durch den Schwarzen Fluß und den Ca-ſiguiare in den Oronoko, und auf dem letzternbis an die Miſſion Esmeraldo bey dem VulkanDuida, oder bis an die Quellen des Fluſſesaufwaͤrts. Die Guaikas-Indier, eine ſehr weiße, ſehrkleine, faſt zwergenartige, aber hoͤchſt kriegeriſcheNation, welche das Land oͤſtlich von Paſimonbewohnet, und die ſehr kupferfarbnen Guajariben,die noch weit wilder und bis jetzt Menſchenfreſ-ſer ſind, machten jeden Verſuch, bis an die Quelledes Oronoko ſelbſt vordringen zu koͤnnen, unnuͤtz,welche die ſonſt ſehr verdienſtlichen Charten von Caulin unendlich zu weit gegen Morgen ſetzen. |371| Von der Miſſion Esmeralda, einigen indem hinterſten und einſamſten Winkel dieſerIndiſchen Welt verſteckten Huͤtten, fuhren un-ſere Reiſenden mit Huͤlfe des hohen Waſſers340 Fr. Meilen, das heißt den ganzen Orono-ko bis an ſeine Muͤndungen abwaͤrts, nachSt. Thomas von Nueva Guayana oder Ango-ſtura, paſſirten zum zweytenmale die Waſſerfaͤl-le, ſuͤdlich, zu welchen die beyden Hiſtoriograghendieſes Landes Gumilla und Canlin niemals ge-kommen waren. Waͤhrend dieſer langen muͤhſeligen Fahrtwaren unſere Reiſenden wegen des Mangels anLebensmitteln und Schutzes gegen die Witterung,bey dem naͤchtlichen Regen, und Aufenthalte inden Gehoͤlzen, der Mosquitos und einer unend-lichen Menge anderer ſtechenden und theils gif-tigen Inſekten, der Unmoͤglichkeit, ſich wegender Wildheit der Crocodille und des kleinen Fi-ſches Karibe durch Baͤder Erquicken zu koͤnnen,und den Miasmen, eines brennenden undfeuchten Klimas, fortdauernden Leiden ausgeſetzt.Sie kehrten vom Oronoko durch die Ebenenvon Cari und die Miſſionen der KaribiſchenIndianer, einer auſſerordentlichen Menſchengat-tung, und vielleicht naͤchſt den Patagonierndie groͤßten und robuſteſten Leute auf der Erde,nach Barcelona und Cumana zuruͤck. Nach einem Aufenthalte von einigen Mo-nathen auf der Kuͤſte verfuͤgten ſie ſich laͤngsder ſuͤdlichen Seite St. Domingos und Jamaicasnach Havana. Dieſe in einer ſehr ſpaͤten Jah-reszeit vollzogene Fahrt war eben ſo langwierigals gefaͤhrlich, da das Schiff in der Nacht bey-nahe auf den Klippen ſuͤdlich der Sandbank vonVibora, deren Lage Hr. v. Humboldt vermittelſtdes Zeitmeſſers beſtimmt hat, geſcheitert waͤre.Er verweilte drey Monathe auf der Inſel Cuba, |Seitenumbruch| |372| wo er ſich mit der Laͤngenbeſtimmung von Ha-vana und mit der Angabe einer neuen Bauartvon Oefen fuͤr die Zuckerſiedereyen, welche ſichſeitdem erhalten und ziemlich allgemein verbrei-tet hat, beſchaͤftigte. Er war eben im Begriffe,nach Vera Cruz abzugehen, in der Abſicht,durch Mexico und Acapulco nach den Philippi-niſchen Inſeln, und von da (waͤre es moͤglichgeweſen) uͤber Bombia, Balſora und Haleb nach Conſtantinopel zu reiſen, als ihn falſcheNachrichten von der Reiſe des Capt. Baudin von ſeinem Plane abfuͤhrten. Die Amerikani-ſchen Zeitungen verkuͤndeten naͤmlich, daß dieſerSeemann von Frankreich nach Buenos-Ayresabgehen, und wenn er das Vorgebirge Hornumſchifft habe, laͤngs den Kuͤſten von Peru undChili hinſegeln wuͤrde. (Die Fortſetzung folgt.) |Seitenumbruch| |382| |383|

J. C. Delamentherie’s vorlaͤufige Nach-richt von der durch die Herren von Humboldt und Bonpland in den Jah-ren 1799, 1800, 1801, 1802, 1803und 1804 nach den Wendekreiſen un-ternommenen Reiſe.


(Aus dem Journal de Phyſique.) (Fortſetzung.)

Hr. v. Humboldt hatte bey ſeiner Abreiſeaus Paris im Jahr 1798 dem Muſeum unddem Capt. Baudin verſprochen, daß, ſo balddie Franzoͤſiſche damals unterbliebene Seereiſeſtatt haben wuͤrde, er ſich mit derſelben zuvereinigen ſuchen wuͤrde, er befinde ſich auchauf einem Theile der Erdkugel, auf welchem erwolle; er ſchmeichelte ſich, daß ſeine und des Hrn. Bonpland Nachforſchungen fuͤr die Fortſchritte inden Wiſſenſchaften weit nuͤtzlicher ausfallen wuͤrden,wenn ſie ihre Bemuͤhungen mit denen der Gelehr-ten, welche Capt. Baudin begleiten ſollten, verei-nigten. Alle dieſe Ruͤckſichten beſtimmten Hrn.v. Humboldt, ſeine Manuſcripte von den Jahren1799 und 1800 gerade nach Europa zu ſenden,und ſich eine kleine Goelette in dem Hafen zu Batabano zu miethen, um nach Carthagena inSuͤdamerika, und von da, ſo geſchwinde alsimmer moͤglich, uͤber die Landenge von Panama |Seitenumbruch| |384| in die Suͤdſee abzugehen. Er hoffte, den Capt. Baudin zu Guayaquil oder zu Lima anzutreffen,und mit ihm Neu-Holland und die Inſelndes ſtillen Oceans, die eben ſo intereſſant we-gen des Reichthums ihrer Vegetation, als inHinſicht moraliſcher Beobachtungen ſind, zubeſuchen. Es waͤre unklug geweſen, die Manuſcripteund bereits zuſammengebrachten Sammlungen denGefahren dieſer langen Seereiſe auszuſetzen. DieManuſcripte, uͤber deren Schickſal Hr. v. Hum-boldt drey Jahre hindurch in einer grauſamenUngewißheit lebte, waren gerettet, allein einDrittheil der Naturalien-Sammlungen hat dieSee bey einem Schiffbruche verſchlungen.Gluͤcklicherweiſe hat dieſer Verluſt, worunterſich Inſekten vom Oronoko und Rio Negro be-fanden, nur die Doubletten betroffen; alleiner verlor durch dieſen Schiffbruch einen Freund,dem er ſeine Pflanzen und ſeine Inſekten an-vertraut hatte, Namens Fray Juan Gonzalez,einen Moͤnch vom Orden St. Franziſcus, einenjungen Menſchen voller Thaͤtigkeit und Muth,welcher in dem ſo wenig bekannten Erdſtrichedes Spaniſchen Guyana viel weiter als irgendſonſt ein Europaͤer vorgedrungen iſt. Hr. v. Humboldt gieng im Maͤrz 1801von Batabano ab, ſegelte ſuͤdlich laͤngs der In-ſel Cuba hin, und beſtimmte auf der Gruppeder Inſelchen, die man die Gaͤrten des Koͤnigsnennt, und den Landungspunkten des Dreyeinig-kelts-Hafens, mehrere aſtronomiſche Punkte. DieMeeresſtroͤme verlaͤngerten ſeine Fahrt, welche nur13 bis 15 Tage dauern ſollte, uͤber einen Monath.Sie warfen die Goelette viel zu weit weſtlich uͤberdie Muͤndungen des Atrakto hinaus. Manlandete an Rio Sinn, wo noch nie ein Botani-ker herboriſirt hatte; allein die Annaͤherung von |385| Carthagena war ſehr beſchwerlich wegen der Ge-walt der Brandung bey St. Martha. Die Goe-lette waͤre nahe an der Rieſenſpitze beynahe um-geſchlagen, man mußte ſich an die Kuͤſte fluͤch-ten, um ſich vor Anker zu legen, wo Herr von Humboldt aus dieſem Unfalle den Vortheil zog,die Mondsfinſterniß am 2ten Maͤrz 1801 zu be-obachten. Ungluͤcklicherweiſe erfuhr man auf die-ſer Kuͤſte, daß die Jahreszeit ſchon zu ſpaͤt ſey,um eine Schiffahrt auf der Suͤdſee von Panamabis Guayaquil zu unternehmen; er mußte alſoauf die Ausfuͤhrung des Projekts, den Iſthmuszu durchreiſen, Verzicht thun; und das Verlan-gen, den beruͤhmten Mutis naͤher kennen zu ler-nen, und deſſen unermeßliche Reichthuͤmer inNaturalien zu unterſuchen, beſtimmten Herrn von Humboldt, einige Wochen in den mit Guſtavia,Toluifera, Anacardium karacoli (Elephantenlaus)und Cavanillesca der Peruvianiſchen Botaniſtengeſchmuͤckten Waͤldern von Turbaco zu verweilen;und binnen 35 Tagen den ſchoͤnen und majeſtaͤti-ſchen Fluß de la Magdalena wieder hinaufzufah-ren, von welchem Fluſſe er, trotz der Plagevon den Musquitos, die Charte ſkizirte, waͤh-rend Bonpland die in Erzeugung von Heliconia,Pſychotria, Melaſtoma, Mirodia und Dychotriaemetica, deren Wurzel die Ypekakuanha vonCarthagena iſt, reichhaltige Vegetation er-forſchte. Nachdem unſere Reiſenden zu Honda ansLand geſtiegen waren, begaben ſie ſich aufMauleſeln, (die im ganzen mittaͤgigen Amerika einzige Art fortzukommen) und auf abſcheu-lichen Wegen, mitten durch Waͤlder von Ei-chen, Melaſtoma und Cinchona nach St. Fede Bogota, der Hauptſtadt des Koͤnigreichs Neu-Granada, in einer ſchoͤnen 1360 Toiſen uͤberdie Meeresflaͤche erhabnen, und unter Beguͤnſti- |Seitenumbruch| |386| gung einer beſtaͤndigen Fruͤhlingstemperatur, mitEuropaͤiſchem Getreide und Aſiatiſchem Seſamangebauten Ebene. Die praͤchtigen Sammlun-gen des Mutis, der große und impoſante 98Toiſen hoch herabſtuͤrzende Waſſerfall von Te-quendama, die Bergwerke von Mariquita, St.Ana, und Zipaguira, die von der Natur gebil-dete Bruͤcke von Icononzo, wo zwey losgeriſ-ſene Felſen durch ein Erdbeben eine ſolche Stel-lung bekommen haben, daß ſie einen dritten inder Luft ſchwebenden Felſen wie Pfeiler halten;alle dieſe beſondern Gegenſtaͤnde beſchaͤftigten un-ſere Reiſenden bis in den September 1801. (Die Fortſetzung folgt.) |Seitenumbruch| |400| |401|

J. C. Delamentherie’s vorlaͤufige Nach-richt von der durch die Herren von Humboldt und Bonpland in den Jah-ren 1799, 1800, 1801, 1802, 1803und 1804 nach den Wendekreiſen un-ternommenen Reiſe.


(Aus dem Journal de Phyſique.) (Fortſetzung.)

Von dieſer Zeit an unternahmen ſie trotzdes Regens welcher die Wege faſt unbrauch-bar machte, die Reiſe nach Quito; ſie ſtiegenuͤber Fuſagaſuga wieder in das Thal Magda-lena hinab, paſſirten die Andes von Quindiu,wo die ſchneeweiße Pyramide von Tolina ſichmitten aus Waͤldern von Styrax, baumarti-gen Paſſifloren, Bambusrohr und Wachspal-men emporhebt. Sie mußten ſich dreyzehn Ta-ge in abſcheulichem Kothe herumſchleppen, undwie am Oronoko unter freyem Himmel in demGehoͤlze, ohne eine Spur von Menſchen zu ha-ben, die Naͤchte hindringen. Nachdem ſie baar- |Seitenumbruch| |402| fuß und vom immerwaͤhrenden Regen entkraͤftetin dem Thale des Fluſſes Cauca angekommenwaren, verweilten ſie zu Carthago und Buga,und durchzogen die Provinz Chaco, dem Vater-lande der Platina, welche ſich unter abgebroche-nen mit Olivin und Augit angefuͤllten Baſaltge-roͤllen Gruͤnſtein und foſſilem Holze findet. Sie ſtiegen ſodann uͤber Caloto und dieGoldwaͤſcherey von Quilichao nach Popayon,welches am Fuße der mit Schnee bedecktenVulcane von Puraca und Sotara liegt, und von Bouguer zur Zeit ſeiner Ruͤckkehr nach Frank-reicht beſucht ward. Es hat eine der male-riſchten und in Betreff des Klimas der vortreff-lichſten Lagen auf dem Erdrund, und der Ther-mometer hielt ſich beſtaͤndig von 17 bis 19°nach Re’aumur. Nachdem unſere Reiſendenmit vieler Muͤhe an den Crater des Vulkansvon Purace, eine mit ſiedendem Waſſer ange-fuͤllte Oeffnung, die mitten im Schnee miteinem ſchrecklichen Gebrauſe hydrogene Schwe-felduͤnſte auswirft, gelangt waren, giengen ſievon Popayan uͤber die ſteilen Cordiellieren von Almagaer nach Paſto, vermieden aber die ver-peſtete und anſteckende Atmoſphaͤre des Thalesvon Patia. Von Paſto, einer ebenfalls amFuße eines brennenden Vulkans gelegenen Stadt,giengen ſie uͤber Guachucal mitten durch diehohe Ebene der Provinz de los Patos, die vondem ſtillen Meere durch die Anden des Vulkansvon Chili und Cumbol getrennt, und durch ſei-ne große Fruchtbarkeit an Weitzen und Koka(Erythroxylon peruvianum) beruͤhmt iſt. End-lich nach einer viermonathlichen Reiſe aufMauleſeln gelangten ſie in die ſuͤdliche Hemiſ-phaͤre nach der Stadt Ibarra und nach Quito.Dieſe lange Reiſe durch die Cordillieren derhohen Anden, und in einer Jahrszeit, in wel- |403| cher auf dieſen Wegen faſt nicht fortzukommenwar, und waͤhrend derſelben die Reiſenden taͤglicheinem Regen von 7 bis 8 Stunden Dauer aus-geſetzt waren, dieſer Zug mit einer großenMenge Inſtrumenten und voluminoͤſen Samm-lungen waͤre unmoͤglich auszufuͤhren geweſen,wenn nicht die großmuͤthige Guͤtigkeit desHerrn Mendiunetta, Vicekoͤnigs von Sta. Fe,und des Barons de Carondelet, Praͤſidenten zuQuito, ins Mittel getreten waͤren, indembeyde von einem gleichen Eifer fuͤr die Fort-ſchritte der Wiſſenſchaft beſeelt, die gefaͤhrlich-ſten Wege und Bruͤcken auf einer Route von 450Franzoͤſ. Meilen ausbeſſern ließen. Die Herren v. Humboldt und Bonpland kamen am 6ten Januar 1802 zu Quito an,dieſer durch die Arbeiten von Condamine, Bou-guer, Godin, des D. Jorge-Juan und Ulloa in den Jahrbuͤchern der Aſtronomie beruͤhmtenHauptſtadt, die auch noch dadurch in gutemRufe ſteht, weil die Einwohner einen großenGrad von Liebenswuͤrdigkeit und eine gluͤcklicheNeigung zu den Kuͤnſten und Wiſſenſchaftenbeſitzen. Unſere Reiſenden ſetzten ihre geologi-ſchen Nachforſchungen acht bis neun Monathehindurch in dem Koͤnigreiche Quito fort, einemLande, deſſen koloſſaliſche Hoͤhe ſeiner Schneebe-deckten Berggipfel, die beſtaͤndige Aktivitaͤt ſeinerwechſelsweiſe Feuer, Felſen, Unrath und Schwe-felleberwaſſer auswerfenden Vulkane, die Mengeder Erdbeden, (das vom 7ten Februar 1797 ver-ſchlang in wenig Sekunden nahe an 40,000 Ein-wohner) ſeine Vegetation, die Ueberreſte der Pe-ruvianiſchen Architektur, und mehr noch, als allesdieſes, die Sitten ſeiner alten Bewohner, esvielleicht zu dem intereſſanteſten Lande unſererErde machen. (Die Fortſetzung folgt.) |Seitenumbruch| |589|

J. C. Delamentherie’s vorlaͤufige Nach-richt von der durch die Herren von Humboldt und Bonpland in den Jah-ren 1799, 1800, 1801, 1802, 1803und 1804 nach den Wendekreiſen un-ternommenen Reiſe.


(Aus dem Journal de Phyſique.) (Fortſetzung.)

Nach zwey fruchtloſen Verſuchen gelang es |590| ihnen zweymal, bis an den Crater des VulkansPichincha zu gelangen, wo ſie Verſuche uͤber dieAnalyſe der Luft, deren elektriſche, magnetiſche,hygroſcopiſche Ladung, deren Elaſticitaͤt und dieGrade der Temperatur des kochenden Waſſersanſtellten. La Condamine hat dieſen naͤmlichenCrater geſehen, und vergleicht ihn ganz richtigmit dem Chaos der Poeten; allein er hatte keineInſtrumente bey ſich, und konnte ſich nur eini-ge Minuten dort halten. Zu ſeiner Zeit war dieſer in porphyrartigenBaſalt ausgehoͤhlte unermeßliche Schlund ausge-kuͤhlt, und mit Schnee angefuͤllt: unſere Rei-ſenden fanden ihn neuerdings entzuͤndet, unddieſer neue Vorfall war fuͤr die Stadt Quito,welche nur 4 bis 5000 Toiſen davon entferntliegt, ſehr niederſchlagend. Es fehlt nicht viel,ſo haͤtte es Hrn. v. Humboldt auch das Lebengekoſtet; denn bey ſeinem erſten Verſuche, da erſich mit einem Indianer, der den Rand desCraters eben ſo wenig, als er ſelbſt kannte,allein befand, waͤre er bald verſunken, indemer uͤber eine nur mit einer Lage von gefrornemSchnee uͤberzogene Kluft weggieng. Unſere Reiſenden machten waͤhrend ihresAufenthaltes in dem Koͤnigreich Quito beſondereExcurſionen auf die Schneegebirge von Antiſana,Cotopaxi, Tunguragua und Chimborazo, wel-ches der hoͤchſte Berg unſers Erdballs, und vonden Franzoͤſiſchen Akademikern nur approximatifgemeſſen worden iſt. Sie unterſuchten und ſtu-dirten hauptſaͤchlich den geognoſtiſchen Theil derCordilieren der Anden, uͤber welchen in Euro-pa noch nichts erſchienen iſt; denn die Mine-ralogie iſt ſo zu ſagen weit juͤnger, als die Rei-ſe von Condamine, deſſen allumfaſſendes Genie,deſſen unglaubliche Thaͤtigkeit ſonſt alles auf-griff, was in den phyſiſchen Wiſſenſchaften inte-reſſant ſeyn konnte. Die trigonometriſchen und |Seitenumbruch| |591| barometriſchen Vermeſſungen des Hrn. v. Hum-boldt haben dargethan, daß einige dieſer Vul-kane, hauptſaͤchlich der von Tunguragua, ſichſeit 1753 anſehnlich geſenkt haben. Dieſe Re-ſultate ſtimmen mit dem, was die Bewohnervon Pelileo und den Ebenen von Topia mit ih-ren Augen bemerkt haben. (Die Fortſetzung folgt.) |Seitenumbruch| |621|

J. C. Delametherie’s vorlaͤufige Nach-richt von der durch die Herren von Humboldt und Bonpland in den Jah-ren 1799, 1800, 1801, 1802, 1803und 1804 nach den Wendekreiſen un-ternommenen Reiſe.


(Aus dem Journal de Phyſique.) (Fortſetzung.)

Hr. v. Humboldt erkannte dieſe ganzengroßen Maſſen fuͤr ein Werk der Cryſtalliſation.„Alles, ſchrieb er mir (Delametherie), was ichin dieſen Regionen, wo die hoͤchſten Erhoͤ-hungen der Erde ſich befinden, geſehen ha-be, hat mich immer mehr und mehr der großenIdee, die Sie (in der ſchoͤnen Theorie derErde, des allervollkommenſten Werkes, welcheswir uͤber dieſe Materie haben) von der Ent-ſtehung der Berge aufgeregt haben, befeſtiget.Alle Maſſen, aus welchen ſie entſtanden ſind,haben ſich nach dem Grade ihrer Aehnlichkeitoder Verwandtſchaft vermoͤge der Geſetze deranziehenden Kraft vereinigt, und haben eben- |622| falls durch die Geſetze der Cryſtalliſation aufden verſchiedenen Plaͤtzen der Erdoberflaͤche diemehr oder minder wichtigen betraͤchtlichen Hoͤhengebildet. Es kann in dieſer Hinſicht fuͤr denReiſenden, welcher ohne vorgefaßte Meinung die-ſe großen Maſſen betrachtet, kein Zweifel uͤbrigbleiben. Sie werden aus unſern Berichten erſe-hen, daß auch nicht ein einziger von den Gegen-ſtaͤnden iſt, die Sie abhandeln, den wir nichtdurch unſere Arbeiten weiter zu erlaͤutern geſuchthaben.“ Bey allen dieſen im Januar 1802 begonne-nen Excurſionen wurden unſere Reiſendendurch Hrn. Carl Montufar, Sohn des MarquisSelvalegre von Quito, einen fuͤr die Fortſchritteder Wiſſenſchaften eifrig bemuͤhten Privatmann,begleitet, welcher damit umgeht, die Pyrami-den von Sarouguier, Grundſaͤulen der beruͤhm-ten Baſis der Franzoͤſiſchen und SpaniſchenAkademiker, auf eigene Koſten wieder aufzu-bauen. — Dieſer junge hoͤchſt intereſſante Manniſt mit Hrn. v. Humboldt, nachdem er ihn aufſeiner uͤbrigen Forſchungsreiſe in Peru und Koͤ-nigreiche Mexico begleitete, nach Europa uͤber-gegangen. Die Umſtaͤnde beguͤnſtigten die An-ſtrengungen dieſer drey Reiſenden ſo, daß ſiebis auf die hoͤchſten Gipfel der Gebirge, biswohin ſich noch nie ein Menſch verſtiegen hat-te, gelangten. Auf den Vulkan Antiſana brach-ten ſie die Inſtrumente mehr als 2200, auf denChimborazo am 23ſten Junius 1802 uͤber 3300Fuß, hoͤher, als Condamine und Bouguer aufden Corazon ſteigen konnten. Sie gelangten aufeine Hoͤhe von 3036 Toiſen uͤber die Meeresflaͤ-che des ſtillen Oceans, und ſahen aus ihrenAugen, aus ihren Lippen und Zahnfleiſche dasBlut vordringen, und von einer Kaͤlte gefrieren,die der Thermometer nicht mehr anzeigte, die |Seitenumbruch| |623| aber waͤhrend der Inſpiration einer ſo ſehr ver-duͤnnten Luft von dem Mangel an Waͤrmeſtoffherruͤhrte. Eine 80 Toiſen tiefe und ſehr breiteKluft hinderte ſie, auf den Gipfel des Chim-borazo, wohin ſie ungefaͤhr noch 224 Toiſen hat-ten, zu gelangen. (Die Fortſetzung folgt.) |Seitenumbruch| |650|

J. C. Delametherie’s vorlaͤuſige Nach-richt von der durch die Herren von Humboldt und Bonpland in den Jah-ren 1799, 1800, 1801, 1802, 1803und 1804 nach den Wendekreiſen un-ternommenen Reiſe.


(Aus dem Journal de Phyſique.) (Fortſetzung.)

Waͤhrend ſeines Aufenthalts zu Quito er-hielt Hr. v. Humboldt einen Brief, mit wel-chem ihn das Franzoͤſiſche National-Inſtitutbeehrte, und aus welchem er erſah; daß der Ka-pitain Baudin nach Neu-Holland abgeſegeltſey, und die oͤſtliche Fahrt um das Vorgebirgder guten Hoffnung herum eingeſchlagen habe;er mußte alſo darauf, ſich zu ihm zu geſellen,Verzicht thun, und doch hatte die Hoffnung dazuunſere Reiſenden 13 Monathe uͤber beſchaͤftiget,und ihnen die Moͤglichkeit, von Havana nachMexiko und den Philippiniſchen Inſeln zu ge-hen, aus den Haͤnden geſpielt. Dieſe Hoffnunghatte ſie zu Lande und zu Waſſer uͤber 1000fr. Meilen im Suͤden, da ſie allen Extremen |651| der Temperatur, von den mit ewigem Schneebedeckten Bergen bis auf den Grund der tiefenSchluͤfte, wo der Thermometer ſich Tag undNacht von 26 bis 31° nach Reaumur erthielt,ausgeſetzt waren, begleitet. An Unfaͤlle allerArt gewoͤhnt, troͤſteten ſie ſich leicht uͤber dieſenStreich des Geſchickes; ſie fuͤhlten aufs neue,daß der Menſch ſich auf nichts zu verlaſſen habe,als auf die Fruͤchte ſeiner eigenen Energie; und Baudins Reiſe, oder vielmehr die falſche Nach-richt von der Direktion derſelben hatte dazu Ver-anlaſſung gegeben, daß ſie unermeßliche Laͤnder,auf welchen ohne dieſen Zufall vielleicht langeZeit kein Naturforſcher zur Unterſuchung ſeinAugenmerk gerichtet haben wuͤrde, bereiſeten.Da Hr. v. Humboldt ſich von jetzt an ent-ſchloß, ſeine Expedition auf eigne Hand zuverfolgen, ſo nahm er ſeinen Weg von Quitonach dem Amazonen-Fluſſe und Lima, in derErwartung, dort den wichtigen Durchgang desMerkurs durch die Sonnenſcheibe zu beobach-ten. Unſere Reiſenden beſuchten anfaͤnglich dieRuinen von Lactacunga, Hambato und Riobam-ba, einem in dem ungeheuern Erdbeben von1797 uͤber den Haufen geworfenen Erdſtrich.Sie zogen durch die Schneegeſilde von Aſſouay und Cuenka, und von da mit erſtaunlichenMuͤhſeligkeiten wegen des Transports der Inſtru-mente und eingepackten Kraͤuterſammlung durchden Paramo von Saragura nach Loxa. Hierin den Waͤldern von Gonzanama und Malaka-tes unterſuchten ſie den koſtbaren Baum, vonwelchem die Menſchen zuerſt die fiebervertrei-bende Eigenſchaft der Chinarinde kennen lernten.Die große Ausdehnung des Erdſtriches, denihre Expedition umfaßte, gewaͤhrte ihnenden Vortheil, den vor ihnen noch kein Botani- |Seitenumbruch| |652| ker genoſſen hat, und eigene Anſicht die ver-ſchiedenen Gattungen von Cinchona zu Sta.Fe, Popayan, Cuenza, Loxa und Jean mit derCuspa und Cuspara von Cumana und am RioCarony, wovon letzterer faͤlſchlich Cortex Angu-ſturaͤ genannt wird, und einer neuen Gattungder Pentandria monogynia mit wechſelsweiſe ſte-henden Blaͤttern zuzugehoͤren ſcheint, zu verglei-chen. Von Loxa kamen ſie uͤber Ayavaca undGouncabambe nach Peru, und giengen quer uͤberden hohen Gipfel der Anden, um ſich gegen den Amazonenfluß zu wenden. Sie hatten in zweyTagen den Rio de Chamaya fuͤnf und dreyßigmalzu paſſiren; dieſe Uebergaͤnge waren immer ge-faͤhrlich, und geſchahen bald mittelſt der Floße,bald durch Fuhrten. Sie ſahen die praͤchtigenUeberreſte der Heerſtraſſe von Yuga, die die Ver-gleichung mit den ſchoͤnſten in Frankreich undSpanien aushaͤlt, und auf dem porphyriſchenRuͤcken der Anden 1200 bis 1800 Toiſen in derHoͤhe von Cusco bis Aſſonay fortlief, und mitTambos (Wirthshaͤuſern) und oͤffentlichen Brun-nen verſehen war. Endlich ſchifften ſie auf eineFloͤße von Ochroma, an dem kleinen IndianiſchenDorfe Chamaya ein, und fuhren auf dem Flußegleiches Namens in den Amazonenfluß hinab,und beſtimmten die aſtronomiſche Lage dieſes Zu-ſammenfluſſes durch die Culmination verſchiedenerSterne und den Zeitmeſſer. Condamine Schiffte ſich bey ſeiner Ruͤck-reiſe von Quito nach Para und Frankreich aufdem Amozonenfluſſe weit unter Quebrada undCuchunga ein; mithin hatte er keine weitere Laͤn-genbeobachtung, als bis an die Muͤndung desRio Napo. Hr. v. Humboldt ſuchte dieſe Luͤ-cken auf der ſchoͤnen Charte des FranzoͤſiſchenAſtronomen auszufuͤllen, indem er auf dem Ama- |653| zonenfluſſe bis an die Waſſerfaͤlle von Rentemaſchiffte, und entwarf zu Tomependa, demHauptorte der Provinz Jaen de Bracamorros,einen detaillirten Plan dieſes unbekannten Thei-les vom Ober-Maranon, ſowohl aus ſeineneigenen Beobachtungen, als aus den Nachrichten,welche er daruͤber von gereiſeten Indianern er-langte. Hr. Bonpland machte unterdeſſen eineintereſſante Exkurſion in die um die Stadt Ja-en liegenden Waͤlder, wo er neue Gattungenvon der Einchona entdeckte; und nachdem ervon dem brennenden Klima dieſer einſiedleri-ſchen Gegend viel ausgeſtanden, nachdem erGelegenheit gehabt hatte, eine reichhaltige Vegeta-tion in neuen Gattungen von Jakquinia, Godoya,Porleria, Bougainvillea, Colletia und Piſoniazu bewundern, giengen unſere drey Reiſendenzum fuͤnftenmale uͤber die Cordillieren der An-den, uͤber Montan zuruͤck, um ſich wieder nachPeru zu begeben. Sie fixirten den Standpunkt, auch welchemder Compaß von Borda den Punkt Null dermagnetiſchen Neigung zeigte, obwohl dieß auf7 Grad der ſuͤdlichen Breite war. Sie unter-ſuchten die Bergwerke von Hualguayok, wodas gediegene Silber ſich in großen Maſſen,2000 Fuß Hoͤhe uͤber der Meeresflaͤche befindet;Bergwerke, in welchen einige metalliſche Gaͤngeverſteinerte Muſcheln enthalten, und die nebſtdenen von Pesko und von Huantajayo gegen-waͤrtig die reichſten in Peru ſind. Von Caxa-marka, welches durch ſeine warmen minerali-ſchen Baͤder und durch die Ruinen des Palla-ſtes des Atahualpa beruͤhmt iſt, ſtiegen ſie nachTruxillo hinab, deren Nachbarſchaft die Spu-ren der unermeßlichen Peruvianiſchen StadtManſiche zeigt, die mit Pyramiden geziertwar, in deren einer man im achtzehnten Jahr- |Seitenumbruch| |654| hunderte fuͤr mehr als vier Millionen Franz. Li-vres in geſchlagenem Golde fand. Bey dieſem weſtlichen Hinabſteigen von den Anden genoſſen unſere Reiſenden zum erſtemaleden impoſanten Anblick des ſtillen Oceans, undjenes langen und engen Thales, deſſen Bewoh-ner weder Regen noch Donner kennen, und wodie allerſtrengſte, und fuͤr die Menſchen gefaͤhr-lichſte Macht, die Theokratie ſelbſt, unter einemgluͤcklichen Klima die Wohlthaͤtigkeit der Naturnachzuahmen ſcheint. Von Truxillo verfolgten ſie die duͤrren Kuͤ-ſten des Suͤdmeers, welche vor Zeiten durch dieCanaͤle von Ynga bewaͤſſert und fruchtbar ge-macht waren, von denen aber nichts als trauri-ge Ueberreſte geblieben ſind. Nachdem ſie uͤberSanta und Guarmey zu Lima angekommen wa-ren, blieben ſie einige Monathe in dieſer in-tereſſanten Hauptſtadt von Peru, deren Ein-wohner ſich durch die Lebhaftigkeit ihres Ge-nies und die Liberalitaͤt ihrer Geſinnungen aus-zeichnen. Hr. v. Humboldt hatte das Gluͤck,im Hafen zu Calao von Lima das Ende desDurchganges des Merkurs ganz vollkommen zubeobachten; ein um ſo gluͤcklicherer Zufall, dader dicke Nebel, der in dieſer Jahrszeitherrſcht, oft zwanzig Tage uͤber die Sonnen-ſcheibe nicht zu Geſichte kommen laͤßt. Er warerſtaunt, in Peru, in ſo einer unermeßlichenEntfernung von Europa, die neuſten literariſchenProdukte, welche die Chymie, Mathematik undPhyſik abhandeln, vorzufinden; und er bewun-derte eine große intellektuelle Thaͤtigkeit bey denEinwohnern, welche die Europaͤer der Ueppigkeitzu beſchuldigen belieben. Im Januar 1803 ſchifften ſich unſere Rei-ſenden auf der Koͤniglichen Corvette, die Caſto-ra, nach Guayaquil ein; eine Fahrt, die unter |655| Beguͤnſtigung der Meerſtroͤme und der Winde indrey bis vier Tagen vollendet iſt, wo hingegender Ruͤckweg von Guayaquil eben ſo viele Mo-nathe heiſcht. In dieſem erſtbenannten, an demUfer eines unermeßlichen Fluſſes gelegenen Ha-fen uͤberſteigt die Majeſtaͤt der Vegetation inPalmen, Plumeria, Tabaernemontana und Ba-nanen alle Beſchreibung; und hier hoͤrten ſie auchjeden Augenblick das Brauſen des Vulkans Coto-paxi, welcher den 6ten Januar 1803 in einer be-unruhigenden Exploſion begriffen war. Sie giengen auf der Stelle dahin ab, umganz in ſeiner Naͤhe Zeuge ſeiner Verheerungenzu ſeyn, und um ihn zum zweytenmale zu be-ſuchen; aber die unerwartete Neuigkeit von derbaldigen Abfahrt der Fregatte Atlante, und dieFurcht, in vielen Monathen keine andere Gele-genheit zu finden, noͤthigte ſie, ſogleich umzu-kehren, nachdem ſie ſieben Tage lang ganz un-nuͤtz von den Mosquitos, Babaoyos und Ubigarsgepeinigt worden waren. Sie hatten eine gluͤckliche Fahrt von dreyßigTagen auf dem ſtillen Oceane bis Acapulco,einem weſtlich im Koͤnigreich Neu-Spanien lie-genden Hafen, der durch die Schoͤnheit einesBaſſins, den die Gewalt eines Erdbebens in denFelſen gehauen zu haben ſcheint; durch dasElend ſeiner Bewohner, welche Millionen vonPiaſters nach den Philippiniſchen Inſeln undnach China einſchiffen ſehen, und endlich nochdurch ein eben ſo brennendes als toͤdtliches Kli-ma beruͤhmt und beruͤchtigt iſt. Hr. v. Humboldt hatte anfaͤnglich bloß denVorſatz, ſich einige Monathe in Mexiko aufzu-halten, und ſeine Ruͤckkehr nach Europa zu be-ſchleunigen; ſeine Reiſe dauerte ohnedieß ſchonmehr als zu lange; die Inſtrumente, beſondersdie Zeitmeſſer, fiengen nach und nach an, wan- |Seitenumbruch| |656| delbar zu werden. Alle Bemuͤhungen, die erſich gegeben hatte, ſolche durch neue Ueberſchi-ckungen erſetzt zu ſehen, waren fruchtlos geblie-ben. Außerdem ſind die Fortſchritte in den Wiſ-ſenſchaften in Europa ſo ſchnell, daß man ineiner Reiſe von vier Jahren und daruͤber inGefahr koͤmmt, die Naturerſcheinungen von Ge-ſichtspunkten aus zu betrachten, die in dem Au-genblicke, wo die Arbeiten dem Publikum mit-getheilt werden, nicht mehr intereſſant ſind. Hr. v. Humboldt ſchmeichelte ſich im Auguſtoder September 1803 in Frankreich zu ſeyn;allein die Reitze eines ſo ſchoͤnen und abwech-ſelnden Landes, wie Neu-Spanien, die Gaſt-freundſchaftlichkeit der Bewohner, und die Furchtvor dem gelben Fieber von Vera Cruz, welchesfaſt alle diejenigen hinrafft, welche vom MonathJunius an bis zum Oktober von den Bergen her-ab ſteigen: das Zuſammentreffen ſolcher Beweg-gruͤnde forderte ihn auf, ſeine Abreiſe bis zu En-de des Winters zu verſchieben. Nachdem unſereReiſenden ſich mit den Pflanzen, mit der Luft,mit den ſtuͤndlichen Veraͤnderungen des Barome-ters, mit den magnetiſchen Phaͤnomenen, undhauptſaͤchlich mit Beſtimmung der Laͤnge von Aca-pulco, einen Hafen, in welchem ſchon fruͤherzwey tiefdenkende geſchickte Aſtronomen, die Her-ren Eſpinoſa und Galeano, Beobachtungen an-ſtellten, beſchaͤftiget hatten; unternahmen ſie dieReiſe nach Mexiko. Sie erhoben ſich allmaͤhlichdurch die brennendheißen Thaͤler von Meßcala undPapagayo, wo der Thermometer ſich im Schattenauf 32° nach Reaumur erhielt, und wo manuͤber den Fluß auf Fruͤchten von Creſcentia pin-nata, die durch Stricke von Agava zuſammengebunden ſind, ſetzt, nach den hohen Plateaus vonChilpautzingo, Tehuilotepek und Taſco. |657| Auf dieſen Hoͤhen, 6 bis 700 Toiſen uͤberdie Meeresflaͤche erhaben, beguͤnſtiget das mildeund friſche Klima das Wachsthum der Eichen,der Cypreſſen, der Tannen, des baumſtaͤmmigenFarnkrautes, und den Anbau der EuropaͤiſchenGetraidearten. Nachdem ſie einige Zeit in den Bergwerkenvon Taſco, den alleraͤlteſten und ſonſt den ein-traͤglichſten des Koͤnigreichs zugebracht hatten;nachdem ſie die Eigenſchaft dieſer ſilbernen Erz-gaͤnge, welche von dem harten kalkartigen Felſenzum glimmerartigen Schiefer von blaͤtterigemGypſe eingefaßt uͤbergehen, unterſucht hatten,ſtiegen ſie uͤber Cuernaraca und durch die Nebel-duͤnſte von Guchilaque nach der Hauptſtadt Me-xiko. Dieſe Stadt, von mehr als 150,000 Ein-wohnern auf dem Grund und Boden des altenTenochtitlan, zwiſchen den Seen von Tezcuco undXochomillo liegend, (Seen, die ſich, ſeit dieSpanier, um die Gefahr der Ueberſchwemmungenzu vermeiden, die Bergſchluͤfte von Sinkoq eroͤff-neten, ſehr verringert haben) dieſe von eben ſobreiten, als nach der Schnur gezogenen Straſſendurchſchnittene, im Angeſicht zweyer mit Schneebedeckter Coloſſen, wovon der eine (der Popoca-tepek) ein noch in Brand ſtehender Vulkan iſt,liegende Stadt, die auf einer Hoͤhe von 1160Toiſen eines temperirten und angenehmen Klimasgenießt, mit Kanaͤlen, mit angepflanzten Alleen,mit einer unendlichen Menge kleiner IndiſchenMarktflecken umgeben iſt, dieſe Hauptſtadt Me-xikos iſt ohne Zweifel mit den ſchoͤnſten StaͤdtenEuropens zu vergleichen. Sie zeichnet ſich nochbeſonders durch große wiſſenſchaftliche Etabliſſe-ments aus, welche mit mehreren in der altenWelt um den Rang ſtreiten koͤnnten, und diein der neuen Welt ihres Gleichen nicht haben. (Die Fortſetzung folgt.) |Seitenumbruch| |664|

J. C. Delametherie’s vorlaͤufige Nach-richt von der durch die Herren von Humboldt und Bonpland in den Jah-ren 1799, 1800, 1801, 1802, 1803und 1804 nach den Wendekreiſen un-ternommenen Reiſe.


(Aus dem Journal de Phyſique.) (Beſchluß.)

Der botaniſche Garten, welcher unter derAufſicht eines vortrefflichen Botaniſten, des Hrn. Cervantes, ſteht; die Expedition des Hrn. Seſſe,bloß zum Studium der Mexikaniſchen Vegetabi- |665| lien beſtimmt, und mit den vortrefflichen Zeich-nern beſetzt; die Bergwerksſchule, deren Entſte-hen man der Freygebigkeit des Korps der Berg-leute und dem ſchoͤpferiſchen Genie des Hrn. El-huyar verdankt; die Maler-, Kupferſtecher- undBildhauer-Schule; alle dieſe Anſtalten verbrei-ten den Geſchmack und die Aufklaͤrung in einemLande, wo die Reichthuͤmer ſich der geiſtigenAusbildung entgegenzuſtaͤmmen ſcheinen. Mit den aus der ſchoͤnen Sammlung derBergwerksſchule entlehnten Inſtrumenten begannHr. von Humboldt eine ſehr weitlaͤuftige Arbeituͤber die Laͤngenbeſtimmung Mexikos, die, ſowie die zu Havanna gemachten korreſpondirendenObſervationen der Trabanten es beſtaͤtigen, bey-nahe um zwey Grad falſch war. Nach einem Aufenthalte von einigen Mona-then in der Hauptſtadt beſuchten unſere Reiſendendie beruͤhmten Bergwerke von Moran und vonReal-del-Monte, in welchen der Erzgang vonBiscayna dem Grafen von Regla Millionen vonPiaſtern eingebracht hat. Sie lieſſen die Obſioi-ane von Oyamel, welche Lagen in dem Perlen-ſteine und Porphyr bilden, und deſſen ſich diealten Mexikaner zu Meſſern bedienten, aus-graben. Dieſe ganze Landſchaft iſt mit Ba-ſalten, Amygdaloiden und kalkartigen ſecondairenFormationen, von der großen Hoͤhle von Dantovon einem Fluſſe durchſchnitten, bis an die Por-phyr-Orgeln von Aktopan, angefuͤllt, und ſtelltfuͤr die Geologie die intereſſanteſten Erſchei-nungen dar, Erſcheinungen, die auch bereitsdurch Hrn. M. del Rio, einen Schuͤler Werners,und einen der geſchickteſten Mineralogen unſe-rer Zeit analyſirt worden ſind. Nach ihrer Ruͤckkehr von der Excurſion nachMoran in Julius 1803 unternahmen ſie eineandere in den noͤrdlichen Theil des Koͤnig- |Seitenumbruch| |666| reichs. Sie richteten ihre Forſchungsreiſe gleichauf Huchuetoca, wo man mit einem Koſtenauf-wande von 6 Millionen Piaſter ein Oeffnung inden Berg Sincoq gegraben hat, um die Gewaͤſ-ſer aus den Thaͤlern von Mexiko in den FlußMontezuma zu leiten. Sie giengen nachher uͤberQueretaro, wo der Abt Chappe im Jahr 1700geweſen war, uͤber Salamanca und die frucht-baren Ebenen von Yrapuato nach Guanaxuato,einer Stadt mit 50,000 Einwohnern, die in ei-nem engen Keſſel liegt, und durch ihre weit ein-traͤglicheren Bergwerke, als die von Potoſi jewaren, beruͤhmt iſt. Das Bergwerk des Grafen Valenciana,welches einer betraͤchtlichen Stadt auf einem Huͤ-gel, wo vor 30 Jahren noch Ziegen weideten,ſeine Entſtehung gegeben hat, hat ſchon eine per-pendikulaͤre Tiefe von 1840 Fuß. Es iſt dießdie reichhaltigſte und tiefſte Mine auf der Erde;der jaͤhrliche Vortheil der Proprietaires, derniemals dem des Jahres der Auffindung derAder beykoͤmmt, neigt ſich auf drey MillionenLivers, da er ſonſt bis auf fuͤnf und ſechs Mil-lionen geſtiegen war. Nach zwey Monathen von Vermeſſungenund geologiſchen Nachforſchungen zu Guanaxuato,und nachdem ſie zu Comagillas die mineraliſchenwarmen Baͤder unterſuchten, deren Temperatur11° nach Reaumur ſtaͤrker iſt, als der auf denPhilippiniſchen Inſeln, die Sonnerat fuͤr dieallerheißeſten auf der Erde haͤlt, wandten ſichunſere Reiſenden uͤber das Thal von St. Yago,wo man in verſchiedenen an den Gipfel der Ba-ſalt-Berge befindlichen Teichen eben ſo vieleCraters ausgebrannter Vulkane zu finden geglaubthat, nach Valladolid, der Hauptſtadt des altenKoͤnigreichs Michoakan. Von da ſtiegen ſie trotzdes ununterbrochenen Herbſtregens, uͤber Patz- |667| quaro, welches am Ufer eines ſehr großen Tei-ches liegt, gegen die Kuͤſten des ſtillen Oceansin die Ebenen von Jorullo hinab, da wo imJahr 1759, durch die groͤßte Cataſtrophe, die derErdball je erlitten hat, in einer Nacht aus derErde ein Vulkan von 1494 Fuß Hoͤhe, rund her-um mit mehr denn 2000 kleinen noch rauchen-den Oeffnungen umgeben, ſich emporhob. Un-ſere Reiſenden ſtiegen in den entzuͤndeten Cra-ter des großen Vulkans auf 258 Fuß perpen-diculairer Tiefe hinab, indem ſie uͤber Spaltenſprangen, welche entzuͤndeten ſchweflichten hy-drogenen Stoff aushauchten. Sie gelangten mitvieler Gefahr, wegen der Zerbrechlichkeit derBaſalte und ſienitiſchen Lava, bis beynahe aufden Boden des Craters, wo ſie die mit Kohl-ſaͤure außerordentlich uͤberladene Luft analyfir-ten. Von dem Koͤnigreiche Mechoacan, einemder lachendſten und fruchtbarſten Laͤnder von Amerika, kehrten ſie uͤber die hohe Gebirgsebe-ne von Toluca, wo ſie den mit Schnee bedecktenBerg des naͤmlichen Namens, indem ſie auf deſſenhoͤchſten Gipfel den Pik von Fraide, welcher2364 Toiſen uͤber die Meeresflaͤche erhaben iſt,ausmaßen, nach Mexiko zuruͤck. Sie beſuchtenauch zu Tolucca den beruͤhmten Haͤndebaum,(den Cheiranthoſtaͤmon des Herrn Cervantes) einGeſchlecht, welches ein faſt einziges Phaͤnomendarſtellt, weil dieſer, der nur als einziges Indi-viduum exiſtirt, von dem hoͤchſten Alter iſt. Bey ihrer Ruͤckkehr nach der Hauptſtadt vonMexiko blieben ſie mehrere Monathe uͤber da-ſelbſt, um ihre Kraͤuterſammlung, die haupt-ſaͤchlich in Grasarten ſehr reichhaltig war, undihre geologiſchen Sammlungen zu reguliren; umdie Berechnung der in dem Laufe dieſes Jahresvollzogenen barometriſchen und trigonometriſchen |Seitenumbruch| |668| Meſſungen und Vermeſſungen zu ziehen, undhauptſaͤchlich, um die Riſſe des geologiſchen At-laſſes, welchen Herr von Humboldt herauszuge-ben ſich vorgenommen hat, ins Reine zu zeichnen. Dieſer naͤmliche Aufenthalt gab ihnen auchGelegenheit, der Aufſtellung der colloſſaliſchenStatue des Koͤnigs zu Pferde beyzuwohnen, dieein einziger Kuͤnſtler, Herr Tolſa, mit Ueberwin-dung ſolcher Schwierigkeiten, wovon man ſich inEuropa gar keinen Begriff machen kann, model-lirt, gegoſſen, und auf ein ſehr hohes Piedeſtalaufgerichtet hat; eine Statue, die im ſimpelſtenund reinſten Geſchmacke gearbeitet iſt, und derſchoͤnſten Hauptſtadt der alten Welt zur Zierdegereichen wuͤrde. Im Januar 1804 verließen unſere ReiſendenMexiko, um den oͤſtlichen Fall der Cordillerenvon Neu-Spanien zu erforſchen. Sie nahmen einegeometriſche Vermeſſung der beyden Vulkane vonPuebla, des Popocatepek und Itzaccihuatl vor;von dem unzugaͤnglichen Crater des erſtern er-zaͤhlt eine fabelhafte Tradition, daß ſich DiegoOrdaz in Stricken haͤngend hinabgelaſſen habe,um Schwefel von da zu holen, den man ohne-dies in der Ebene ſammeln konnte. Hr. v. Humboldt fand, daß der naͤmlicheVulkan Popocatepek, auf welchen Hr. Sonnen-ſchmidt, ein eifriger Mineralog, ſich bis auf2557 Toiſen zu ſteigen gewagt hat, viel hoͤheriſt, als der Pik von Orizava, welchen man bisjetzt fuͤr den hoͤchſten Coloß des Landes Anahu-ac gehalten hat. Er maß auch die großePyramide von Cholula aus, ein myſterioͤſesWerk, welches von den Tultequen aus unge-brannten Ziegelſteinen aufgefuͤhrt worden iſt, undvon deren Spitze man eine praͤchtige Ausſichtauf die beſchneiten Berggipfel und die lachendenEbenen von Tlascala genießt. |669| Nach dieſen gemachten Erforſchungen ſtiegenſie uͤber Perote nach Xalapa hinab, einer Stadt,die 674 Toiſen uͤber der Meeresflaͤche erhabenliegt, eine mittlere Hoͤhe, welche die Fruͤchte al-ler Klimate beguͤnſtigt, und wo man einer fuͤrdie Geſundheit der Menſchen gleich ſanften undwohlthaͤtigen Temperatur genießt. Hier fandenunſere Reiſenden an dem Hrn. Thomas Murphy,einem achtungsvollen Manne, welcher, was ſoſelten iſt, ein großes Vermoͤgen mit dem Ge-ſchmacke fuͤr die Wiſſenſchaften verbindet, einenFreund, der ihnen alle moͤgliche Erleichterun-gen, ihre Operationen in den Gebirgen zu vol-lenden, verſchafte. Der abſcheuliche Weg, welcher von Xalapanach Perote durch faſt undurchdringliche Eichen-und Tannenwaͤlder fuͤhrt: ein Weg, den manzur Chauſſee umzuſchaffen aufaͤngt, ward vermit-telſt des Barometers dreymal nivellirt. Hr. v. Humboldt gelangte, trotz der Menge des Tagesvorher gefallenen Schnees, bis zum Gipfel desberuͤhmten Cofre, der 162 Toiſen hoͤher, als derPik von Teneriffa iſt. Er nahm auch einetrigonometriſche Vermeſſung des Pik von Oriza-va vor, den die Indianer Sitlaltepetl nennen,weil die aus ſeinem Crater aufſteigenden leuch-tenden Duͤnſte ihnen von weitem wie ein un-tergehender Stern vorkommen, und von deſſenLaͤnge Hr. Ferrino ſehr genaue Verſuche bekanntgemacht hat. Nach einem ſehr intereſſanten Aufenthaltein dieſen Gegenden, wo im Schatten der Liqui-dambars und Amiriſſe, die Epidentrum vanilla,und der Convolvulus jalappa, zwey zur Ausfuhrkoſtbare Erzeugniſſe gedeihen, ſtiegen unſere Rei-ſenden gegen die Kuͤſte nach dem Hafen vonVera-Cruz hinab, welcher zwiſchen lockernSandhuͤgeln liegt, deren Reverberation der Son- |Seitenumbruch| |670| nenſtrahlen eine erſtickende Hitze verurſacht. Sieblieben gluͤcklicher Weiſe von dem ſchwarzen Er-brechen, welches ſchon daſelbſt graſſirte, ver-ſchont. Sie giengen mit einer Spaniſchen Fregatenach Havanna, um dort die im Jahr 1800 inVerwahrung gebrachten Kraͤuterſammlungen wie-der zu ſich zu nehmen. Nach einem Aufenthal-te von zwey Monathen ſegelten ſie nach den vereinigten Amerikaniſchen Staaten; ein hefti-ger Sturm ſetzte ſie beym Herausſchiffen aus dem Canale von Bahama in große Gefahr; der Or-kan wuͤthete ſieben Tage in Einem fort. Nach einer Fahrt von 32 Tagen kamen ſiezu Philadelphia an. Sie hielten ſich in dieſerStadt, und zu Washington zwey Monathelang auf, und kamen im Auguſt 1804 zu Bor-deaux mit einer große Menge Zeichnungen, mit35 Kiſten Sammlungen, und 6000 Pflanzenartenverſehen, wieder in Europa an.