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Alexander von Humboldt: „J. C. Delametherie’s vorläufige Nachricht von der durch die Herren v. Humboldt und Bonpland in den Jahren 1799, 1800, 1801, 1802, 1803 und 1804 nach den Wendekreisen unternommenen Reise“, in: ders., Sämtliche Schriften digital, herausgegeben von Oliver Lubrich und Thomas Nehrlich, Universität Bern 2021. URL: <https://humboldt.unibe.ch/text/1804-Baron_Humboldt-18-neu> [abgerufen am 05.02.2023].

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https://humboldt.unibe.ch/text/1804-Baron_Humboldt-18-neu
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Titel J. C. Delametherie’s vorläufige Nachricht von der durch die Herren v. Humboldt und Bonpland in den Jahren 1799, 1800, 1801, 1802, 1803 und 1804 nach den Wendekreisen unternommenen Reise
Jahr 1805
Ort Weimar
Nachweis
in: Allgemeine Geographische Ephemeriden 16:4 (April 1805), S. 457–481.
Sprache Deutsch
Schriftart Antiqua
Identifikation
Textnummer Druckausgabe: II.23
Dateiname: 1804-Baron_Humboldt-18-neu
Statistiken
Seitenanzahl: 25
Zeichenanzahl: 48185

Weitere Fassungen
Baron Humboldt (Philadelphia, Pennsylvania, 1804, Englisch)
Notice d’un voyage aux tropiques, exécuté par MM. Humboldt et Bonpland, en 1799, 1800, 1801, 1802, 1803 et 1804. Par J.-C. Delamétherie (Paris, 1804, Französisch)
Baron Humboldt (New York City, New York, 1804, Englisch)
Baron Humboldt (Philadelphia, Pennsylvania, 1804, Englisch)
Baron Humboldt (New York City, New York, 1804, Englisch)
Baron Humboldt (Philadelphia, Pennsylvania, 1804, Englisch)
Baron Humboldt (Charleston, South Carolina, 1804, Englisch)
Baron Humboldt (Harrisburg, Pennsylvania, 1804, Englisch)
Baron Humboldt (Washington, District of Columbia, 1804, Englisch)
Travels of Baron Humboldt (Kingston, New York, 1804, Englisch)
Baron Humboldt (Washington, District of Columbia, 1804, Englisch)
Baron Humboldt (Amherst, New Hampshire, 1804, Englisch)
Baron Humboldt (Richmond, Virginia, 1804, Englisch)
Baron Humboldt (New Bedford, Massachusetts, 1804, Englisch)
Baron Humboldt (Dover, New Hampshire, 1804, Englisch)
Auszug aus Delametheriés vorläufiger Nachricht von der durch die Herren v. Humboldt und Bonpland in den Jahren 1799, 1800, 1801, 1802, 1803 und 1804 nach den Wendekreisen unternommenen Reise (Wien, 1804, Deutsch)
Reise der Herren von Humboldt und Bonpland nach den Wendekreisen In den Jahren 1799 bis 1804. Eine gedrängte Uebersicht des Auszugs ihrer Memoiren v. J. C. Delametherie. Nach dem Französischen übertragen von Schirges Dr. (Hannover, 1805, Deutsch)
J. C. Delametherie’s vorläufige Nachricht von der durch die Herren v. Humboldt und Bonpland in den Jahren 1799, 1800, 1801, 1802, 1803 und 1804 nach den Wendekreisen unternommenen Reise (Weimar, 1805, Deutsch)
Short Account of the Travels between the Tropics, by Messrs. Humboldt and Bonpland, in 1799, 1800, 1801, 1802, 1803, and 1804. By J. C. Delametherie (London, 1805, Englisch)
J. C. Delametherie’s vorläufige Nachricht von der durch die Herren von Humboldt und Bonpland in den Jahren 1799, 1800, 1801, 1802, 1803 und 1804 nach den Wendekreisen unternommenen Reise (Salzburg, 1805, Deutsch)
Account of the Travels between the Tropics of Messrs. Humboldt and Bonpland, in 1799, 1800, 1801, 1802, 1803, and 1804. By J. C. Delamétherie (London, 1805, Englisch)
Travels in South America (Edinburgh, 1805, Englisch)
Voyage de Humboldt et Bonpland en Amérique, tiré du magasin littéraire de Philadelphie, publié en juillet 1804 (Paris, 1807, Französisch)
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J. C. Delametherie’s vorläufige Nachricht von der durch die Herrenv. Humboldt und Bonpland in den Jahren 1799, 1800, 1801, 1802, 1803 und 1804 nachden Wendekreiſen unternommenen Reiſe. (Aus dem Journal de Phyſique.)

Der allgemeine Antheil, den die gelehrte Welt mitſo viel Recht an der Reiſe der Hrn. v. Humboldt und Bonpland nimmt, ſo wie die Freundſchaft, welche michmit dieſen zwei Männern verbindet, legen mir die ſüßePflicht auf, dem Publicum hier einen kurzen Auszugaus allen den Nachrichten mitzutheilen, die ich ſowohlaus ihrer öffentlichen als Privat-Correſpondenz, ſo wieaus den Abhandlungen, welche ſie ſelbſt im National-In-ſtitute vorlaſen, geſchöpft habe. Nachdem Hr. v. Humboldt acht Jahre hindurch inTeutſchland, Pohlen, England, Frankreich, in derSchweiz und Italien phyſikaliſche Beobachtungen ange-ſtellt hatte, kam er im Jahr 1798 nach Paris, wo ihm dasNational-Muſeum zu ſeinem Vorhaben, die Reiſe umdie Welt, mit dem Capitain Baudin zu machen, gefälligdie Hand bot. |458| Aber in dem nämlichen Augenblicke, da er mitHerrn Alexander Aimé Goujon Bonpland, (Eleven derArzneiſchule und des botaniſchen Gartens zu Paris) nach Havre abgehen wollte, brach der Krieg mit Oeſtreichneuerdings aus, und die nun mangelnden Gelder nöthig-ten das Directorium, die Reiſe des Hrn. Baudin bis aufeinen günſtigern Zeitpunct hinauszuſetzen. Hr. v. Hum-boldt, welcher ſeit dem Jahre 1792 den Vorſatz hegte,auf eigne Koſten eine Reiſe nach den Wendekreiſen zumachen, einem zur Vermehrung der Fortſchritte in denphyſikaliſchen Wiſſenſchaften hinzweckendem Unterneh-men, faßte jetzt den Entſchluß, den nach Aegypten ab-gehenden Gelehrten zu folgen; da aber mittlerweile dieSchlacht von Abukir alle directe Communication mit Alexandrien abgeſchnitten hatte, ſo kam er auf den Ge-danken, mit einer Schwediſchen Fregatte, welche denConſul Herrn Sciöldebrandt nach Algier überführenſollte, dahin abzugehen, nachher der Karawane nach Mekka zu folgen, und ſich durch Aegypten und über denPerſiſchen Meerbuſen nach Oſtindien zu begeben; aberder zwiſchen Frankreich und den barbariſchen Mächtenganz unerwartet ausgebrochene Krieg, ſo wie die Un-ruhen im Orient hinderten Hrn. v. Humboldt, von Mar-ſeille, wo er ſich zwei Monate vergeblich aufhielt, abſe-geln zu können. Ueber dieſe neue Verzögerung unwil-lig, aber immer noch des feſten Vorſatzes, ſich der Ex-pedition von Aegypten beizugeſellen, gieng er mit derHoffnung nach Spanien ab, vielleicht unter SpaniſcherFlagge leichter, mittelſt eines Oſtwindes von Carthagena nach Algier oder Tunis überfahren zu können, und reiſtedeshalb über Montpellier, Perpignan, Barcelona und Valencia nach Madrid. Die Nachrichten aus dem Orientlauteten immer trauriger; der Krieg ward mit einer bei-ſpielloſen Erbitterung geführt; er mußte alſo auf dasVorhaben, durch Aegypten nach Indoſtan zu gelangen,Verzicht thun: eine glückliche Vereinigung begünſti-gender Umſtände entſchädigte Hrn. v. Humboldt bald fürden Verdruß ſo vielen Verzuges. Der Hof von Madrid gab ihm im März 1799 die ausgedehnteſte Erlaubniß,nach den Spaniſchen Colonien in Nord- und Süd-Ame- |459| rica zu gehen, und dort alle Nachforſchungen, alle Un-terſuchungen, die zu den Fortſchritten der Wiſſenſchaftendienen können, anſtellen zu dürfen. Dieſe Erlaubniß warmit ſolchen Vergünſtigungen ertheilt, die den liberalenGeſinnungen der Regierung ſehr zur Ehre gereichen.Se. Katholiſche Majeſtät würdigte den Erfolg dieſer Ex-pedition mit perſönlich bezeugter Theilnahme zu beeh-ren, und Hr. von Humboldt gieng, nachdem er einigeMonate zu Madrid und Aranjuez verweilt hatte, im Mo-nat Junius 1799, von ſeinem Freunde Bonpland begleitet,welcher ausgezeichnete Kenntniſſe in der Botanik undZoologie mit demjenigen unermüdeten Eifer und derLiebe für die Wiſſenſchaften verbindet, welche alle Ar-ten phyſiſcher und moraliſcher Aufopferungen mit Gleich-gültigkeit ertragen lehren, aus Europa ab. Mit dieſem Freunde hat Hr. v. Humboldt fünf Jahrehindurch auf eigne Koſten eine Reiſe in beide Hemiſphä-ren gemacht; eine Reiſe zu Waſſer und zu Lande vonbeinahe 9000 Franz. Meilen, und die größte, die jemalsein Privatmann unternommen hat. Unſere beiden, mitEmpfehlungsſchreiben vom Spaniſchen Hofe verſehenenReiſende giengen mit der Fregatte Pizarro de la Coruña nach den Canariſchen Inſeln ab. Sie landeten an derInſel Grazioſa, nahe bei der Inſel Lancerotta, und zu Teneriffa, wo ſie bis an den Crater des Piks von Teyde ſtiegen, um die atmoſphäriſche Luft zu analyſiren, undüber die Baſalte und porphyrartigen Schiefer Africa’s geologiſche Beobachtungen anzuſtellen. Sie kamen imMonat Julius im Haven von Cumana, am Meerbuſen von Cariaco, einem Theile des mittägigen America’s, undeiner durch die Arbeiten und Unglücksfälle des uner-müdlichen Löffling berühmt gewordnen Gegend, an.Sie beſuchten im Verlaufe der Jahre 1799 und 1800 dieKüſte von Paria, die Miſſionen der Indier, Chaymas unddie Provinz Neu-Andaluſien, eines der heißeſten, abergeſündeſten, obwohl durch häufige und ſchröckliche Erd-beben verwüſteter Länder der Erde; ſie durchreiſtendie Provinz Neu-Barcelona, Venezuela und das Spani-ſche Guyana. Nachdem ſie mittelſt der Beobachtungen |460| der Trabanten des Jupiters zu Cumana, Caracas und aufmehreren andern Puncten die Längen fixirt hatten;nachdem ſie auf den Gipfeln des vom Bejaria bekränz-ten Caripe und Silla de Avila herboriſirt hatten, giengenſie von der Hauptſtadt Caracas im Februar 1800 nachden ſchönen Thälern von Aragua ab, wo der große Seevon Valencia die Vorſtellung des Genferſees ins Gedächt-niß zurückbringt, nur daß erſterer ſich durch die Prachtder Vegetation unter dem Wendezirkel unendlich ſchö-ner darſtellt. Von Portocabello begaben ſie ſich gegen Süden, dran-gen längs den Küſten des Antilliſchen Meeres bis an dieGränzen von Braſilien, gegen den Aequator vor, giengennachher mitten durch die weiten Flächen von Calabozo, Apura und des Nieder-Oronoko, die Llanos, Wüſten, dieden Africaniſchen gleichen, und wo durch das Zurück-prallen der drückendſten Hitze der Réaumurſche Thermo-meter im Schatten auf 33 bis 37° ſtieg, und wo der zwei-tauſend Quadratmeilen große brennende Erdſtrich ſichnur fünf Zoll über die Meeresfläche erhebt. Der derOberfläche des Meeres gleiche Sand zeigt durchgehendsdas ſonderbarſte Phänomen der Strahlenbrechung undWellenbewegung. Er birgt in den Monaten der Dürreund ohne Gras Crocodille und Rieſenſchlangen. Der Mangel an Waſſer, die Sonnenhitze, und dervon den brennenden Winden in die Höhe gehobene Sandermüden wechſelſeitig den Reiſenden, welcher ſich mitſeinem Maulthiere nach dem Laufe der Geſtirne, odernach einigen zerſtreuten Sträuchen der Mauritia oder des Embothrium, welche man von drei zu drei Franz. Meilenentdeckt, richtet. Zu St. Fernando d’Apura, in der Provinz von Vari-nas begannen die Herren v. Humboldt und Bonpland einebeſchwerliche Schiffahrt von ungefähr 500 Seemeilen,welche ſie auf Indianiſchen Kähnen zurücklegten, undmit Hülfe der mathematiſchen Längen-Uhren, der Tra-banten-, Stern- und Mondsentfernungen eine Charte vom |461| Lande aufnahmen. Sie fuhren den Rio Apura herab,welcher ſich unter dem 7ten Grade der Breite in den Oronoko ergießt. Da ſie der drohenden Gefahr eines Schiff-bruchs bei der Inſel Pananuma glücklich entgangen waren,ſo fuhren ſie den letztbenannten Fluß bis an die Mündungdes Guaviare hinauf, paſſirten die berühmten Waſſerfällevon Atures und Maypure, wo die Höhle von Ataruipo dieMumien eines durch die Kriege der Karaiben und Mara-vitanos vernichteten Volkes in ſich birgt. Bei der Mün-dung des Rio Guaviare, welcher von Neu-Grenada die Anden herabfließt, und welchen der Pater Gumilla fälſch-lich für die Quellen des Oronoko gehalten hatte, verlieſ-ſen ſie dieſen Fluß, und fuhren die kleinen Flüßchen Atabapo, Tuamini und Temi hinauf. Von der Miſſion Javita drangen ſie zu Lande bis andie Quellen des Guainia, welchen die Europäer Rio Ne-gro nennen, und den la Condamine (welcher ihn bloßbei ſeinem Einfluſſe in den Amazonenfluß geſehen hat)ein Meer von ſüßem Waſſer nennt. Einige dreißig In-dianer trugen die Canots durch ein dichtes Gehölze von Hevea, Lecythis und Laurus Cinamomoides an den Cano Pimichin. Vermittelſt dieſes kleinen Flüßchens ge-langten unſre Reiſenden an den Schwarzen Fluß, wel-chen ſie bis an die kleine Feſtung St. Carlos, welcheman fälſchlich als unter dem Aequator liegend vermu-thete, und bis an die Gränzen von Groß-Para, einemHauptbezirke von Braſilien, hinabfuhren. Ein von Temi bis Pimichin vermöge des ebenen Terrains ſehr leicht zugrabender Canal würde eine innere Communication zwi-ſchen der Provinz Caracas und der Hauptſtadt Para, eine unendlich kürzere Communication, als die von Ca-ſiguiare darbieten. Auch könnte man vermittelſt dieſesnämlichen Canals (denn von der Art iſt die bewunderns-würdige Lage der Flüſſe in dieſem neuen Welttheile) von Rio Guallaga, drei Tagereiſen von Lima oder von derSüdſee, auf Kähnen und vermittelſt des Amazonenfluſſes und des Rio Negro, bis an die Mündungen des Oronoko gerade der Inſel Trinitad über, hinabſegeln, eineFahrt, welche beinahe 2000 Fr. Meilen beträgt. Die |462| Mißhelligkeiten, welche gerade zu der Zeit zwiſchendem Spaniſchen und Portugieſiſchen Hofe herrſchten,verhinderten Hrn. v. Humboldt, ſeine forſchenden Unter-nehmungen bis jenſeits St. Gabriel de las Cochuellas inder Generalhauptmannſchaft von Groß-Para auszu-dehnen. La Condamine und Maldonado hatten die Mündungdes Rio Negro aſtronomiſch beſtimmt. Das Hindernißwar alſo weniger fühlbar, es war indeſſen ein viel un-bekannterer Theil, nämlich der Arm des Oronoko, Na-mens Caſiguiare, welcher die Communication zwiſchendem Oronoko und Amazonenfluſſe bildet, und über deſ-ſen Exiſtenz man ſeit fünfzig Jahren ſo viel geſtrittenhat, zu beſtimmen. Um dies Geſchäft auszuführen, fuh-ren die Herren v. Humboldt und Bonpland von der Spa-niſchen Feſtung St. Carlos durch den Schwarzen Fluß und den Caſiguiare in den Oronoko, und auf dem letz-tern bis an die Miſſion Esmeraldo bei dem Vulcan Duida, oder bis an die Quellen des Fluſſes aufwärts. Die Guaikas-Indier, eine ſehr weiße, ſehr kleine,faſt zwergartige, aber höchſt kriegeriſche Nation, welchedas Land öſtlich von Paſimoni bewohnet, und die ſehrkupferfarbnen Guajariben, die noch weit wilder und bisjetzt Menſchenfreſſer ſind, machten jeden Verſuch, bisan die Quelle des Oronoko ſelbſt vordringen zu können,unnütz, welche die ſonſt ſehr verdienſtlichen Chartenvon Caulin unendlich zu weit gegen Morgen ſetzen. Von der Miſſion Esmeralda, einigen in dem hinter-ſten und einſamſten Winkel dieſer Indiſchen Welt ver-ſteckten Hütten, fuhren unſere Reiſenden mit Hülfe deshohen Waſſers 340 Fr. Meilen, das heißt den ganzen Oronoko bis an ſeine Mündungen abwärts, nach St. Tho-mas von Nueva Guayana oder Angoſtura, paſſirten zumzweitenmale die Waſſerfälle, ſüdlich welchen die beidenHiſtoriographen dieſes Landes Gumilla und Caulin nie-mals gekommen waren. Während dieſer langen mühſeligen Fahrt waren un- |463| ſere Reiſende wegen des Mangels an Lebensmitteln undSchutzes gegen die Witterung, bei dem nächtlichen Regen,und Aufenthalte in den Gehölzen, der Mosquitos undeiner unendlichen Menge anderer ſtechenden und theilsgiftigen Inſecten, der Unmöglichkeit, ſich wegen derWildheit der Crocodille und des kleinen Fiſches Karibe durch Bäder erquicken zu können, und den Miasmen,eines brennenden und feuchten Klimas, fortdauerndenLeiden ausgeſetzt. Sie kehrten vom Oronoko durch dieEbenen von Cari und die Miſſionen der Karibiſchen In-dianer, einer außerordentlichen Menſchengattung, undvielleicht nächſt den Patagoniern die größten und robu-ſteſten Leute auf der Erde, nach Barcelona und Cumana zurück. Nach einem Aufenthalte von einigen Monaten aufder Küſte verfügten ſie ſich längs der ſüdlichen Seite St.Domingos und Jamaicas nach Havana. Dieſe in einerſehr ſpäten Jahreszeit vollzogene Fahrt war eben ſo lang-wierig als gefährlich, da das Schiff in der Nacht beinaheauf den Klippen ſüdlich der Sandbank von Vibora, derenLage Hr. v. Humboldt vermittelſt des Zeitmeſſers be-ſtimmt hat, geſcheitert wäre. Er verweilte drei Monateauf der Inſel Cuba, wo er ſich mit der Längenbeſtim-mung von Havana und mit der Angabe einer neuenBauart von Oefen für die Zuckerſiedereien, welche ſichſeitdem erhalten und ziemlich allgemein verbreitet hatbeſchäftigte. Er war eben im Begriffe, nach Vera Cruz abzugehen, in der Abſicht, durch Mexico und Acapulco nach den Philippiniſchen Inſeln, und von da (wäre esmöglich geweſen) über Bombai, Balſora und Haleb nach Conſtantinopel zu reiſen, als ihn falſche Nachrichtenvon der Reiſe des Capt. Baudin von ſeinem Plane abführten. Die Americaniſchen Zeitungen verkündetennämlich, daß dieſer Seemann von Frankreich nach Bue-nos-Ayres abgehen, und wenn er das Vorgebirge Horn umſchifft haben, längs den Küſten von Peru und Chili hinſegeln würde. Hr. v. Humboldt hatte bei ſeiner Abreiſe aus Paris |464| im Jahr 1798 dem Muſeum und dem Capt. Baudin ver-ſprochen, daß, ſo bald die Franzöſiſche damals unter-bliebene Seereiſe ſtatt haben würde, er ſich mit derſel-ben zu vereinigen ſuchen würde, er befinde ſich auchauf einem Theile der Erdkugel, auf welchem er wolle;er ſchmeichelte ſich, daß ſeine und des Hrn. Bonpland Nachforſchungen für die Fortſchritte in den Wiſſenſchaf-ten weit nützlicher ausfallen würden, wenn ſie ihre Be-mühungen mit denen der Gelehrten, welche Capt. Bau-din begleiten ſollten, vereinigten. Alle dieſe Rückſich-ten beſtimmten Hrn. v. Humboldt, ſeine Manuſcripte vonden Jahren 1799 und 1800 gerade nach Europa zu ſen-den, und ſich eine kleine Goëlette in dem Haven zu Batabano zu miethen, um nach Carthagena in Südame-rica, und von da, ſo geſchwinde als immer möglich,über die Landenge von Panama in die Südſee abzuge-hen. Er hoffte, den Capt. Baudin zu Guayaquil oder zu Lima anzutreffen, und mit ihm Neu-Holland und dieInſeln des ſtillen Oceans, die eben ſo intereſſant wegendes Reichthums ihrer Vegetation, als in Hinſicht mora-liſcher Beobachtungen ſind, zu beſuchen. Es wäre unklug geweſen, die Manuſcripte und be-reits zuſammengebrachten Sammlungen den Gefahrendieſer langen Seereiſe auszuſetzen. Die Manuſcripte,über deren Schickſal Hr. v. Humboldt drei Jahre hindurchin einer grauſamen Ungewißheit lebte, waren gerettet,allein ein Drittheil der Naturalien-Sammlungen hat dieSee bei einem Schiffbruche verſchlungen. Glücklicher-weiſe hat dieſer Verluſt, worunter ſich Inſecten vom Oronoko und Rio Negro befanden, nur die Doublettenbetroffen; allein er verlor durch dieſen Schiffbruch ei-nen Freund, dem er ſeine Pflanzen und ſeine Inſectenanvertraut hatte, Namens Fray Juan Gonzalez, einenMönch vom Orden St. Franciſcus, einen jungen Men-ſchen voller Thätigkeit und Muth, welcher in dem ſowenig bekannten Erdſtriche des Spaniſchen Guyana vielweiter als irgend ſonſt ein Europäer vorgedrungen iſt. Hr. v. Humboldt gieng im März 1801 von Batabano |465| ab, ſegelte ſüdlich längs der Inſel Cuba hin, und be-ſtimmte auf der Gruppe der Inſelchen, die man die Gär-ten des Königs nennt, und den Landungspuncten des Dreieinigkeits-Havens, mehrere aſtronomiſche Puncte.Die Meeresſtröme verlängerten ſeine Fahrt, welche nur13 bis 15 Tage dauern ſollte, über einen Monat. Siewarfen die Goëlette viel zu weit weſtlich über die Mün-dungen des Atracto hinaus. Man landete an Rio Sinu, wo noch nie ein Botaniker herboriſirt hatte; allein dieAnnäherung von Carthagena war ſehr beſchwerlich we-gen der Gewalt der Brandung bei St. Martha. Die Goë-lette wäre nahe an der Rieſenſpitze beinahe umgeſchlagen,man mußte ſich an die Küſte flüchten, um ſich vor An-ker zu legen, wo Hr. v. Humboldt aus dieſem Unfalleden Vortheil zog, die Mondsfinſterniß am 2ten März1801 zu beobachten. Unglücklicherweiſe erfuhr man aufdieſer Küſte, daß die Jahreszeit ſchon zu ſpät ſey, umeine Schiffahrt auf der Südſee von Panama bis Guaya-quil zu unternehmen; er mußte alſo auf die Ausfüh-rung des Projects, den Iſthmus zu durchreiſen, Verzichtthun; und das Verlangen, den berühmten Mutis näherkennen zu lernen, und deſſen unermeßliche Reichthü-mer in Naturalien zu unterſuchen, beſtimmten Hrn. v. Humboldt, einige Wochen in den mit Guſtavia, Tolui-fera, Anacardium karacoli (Elephantenlaus) und Cava-nillesea der Peruvianiſchen Botaniſten geſchmücktenWäldern von Turbaco zu verweilen; und binnen 35 Ta-gen den ſchönen und majeſtätiſchen Fluß de la Magda-lena wieder hinaufzufahren, von welchem Fluſſe er,trotz der Plage von den Musquitos, die Charte ſkizzirte,während Bonpland die in Erzeugung von Heliconia, Pſy-chotria, Melaſtoma, Myrodia und Dychotria emetica,deren Wurzel die Ypekakuanha von Carthagena iſt, reich-haltige Vegetation erforſchte. Nachdem unſere Reiſenden zu Honda ans Land ge-ſtiegen waren, begaben ſie ſich auf Mauleſeln, (die imganzen mittägigen America einzige Art fortzukommen)und auf abſcheulichen Wegen, mitten durch Wälder vonEichen, Melaſtoma und Cinchona nach St. Fé de Bogota, |466| der Hauptſtadt des Königreichs Neu-Granada, in einerſchönen 1360 Toiſen über die Meeresfläche erhabnen,und unter Begünſtigung einer beſtändigen Frühlingstem-peratur, mit Europäiſchem Getraide und Aſiatiſchem Se-ſam angebauten Ebene. Die prächtigen Sammlungen des Mutis, der große und impoſante 98 Toiſen hoch herab-ſtürzende Waſſerfall von Tequendama, die Bergwerke von Mariquita, St. Ana, und Zipaguira, die von der Naturgebildete Brücke von Icononzo, wo zwei losgeriſſeneFelſen durch ein Erdbeben eine ſolche Stellung bekom-men haben, daß ſie einen dritten in der Luft ſchweben-den Felſen wie Pfeiler halten; alle dieſe beſondern Ge-genſtände beſchäftigten unſere Reiſenden bis in den Sep-tember 1801. Von dieſer Zeit an unternahmen ſie trotz des Regens,welcher die Wege faſt unbrauchbar machte, die Reiſenach Quito; ſie ſtiegen über Fuſagaſuga wieder in dasThal Magdalena hinab, paſſirten die Andes von Quindiu, wo die ſchneeweiße Pyramide von Tolina ſich mittenaus Wäldern von Styrax, baumartigen Paſſifloren, Bam-busrohr und Wachspalmen emporhebt. Sie mußten ſichdreizehn Tage in abſcheulichem Kothe herumſchleppen,und wie am Oronoko unter freiem Himmel in den Ge-hölzen, ohne eine Spur von Menſchen zu haben, dieNächte hinbringen. Nachdem ſie baarfuß und vom im-merwährenden Regen entkräftet in dem Thale des Fluſ-ſes Cauca angekommen waren, verweilten ſie zu Cartha-go und Buga, und durchzogen die Provinz Chaco, demVaterlande der Platina, welche ſich unter abgebrochenenmit Olivin und Augit angefüllten Baſaltgeröllen Grün-ſtein und foſſilem Holze findet. Sie ſtiegen ſodann über Caloto und die Goldwäſche-rei von Quilichao nach Popayan, welches am Fuße dermit Schnee bedeckten Vulcane von Puraca und Sotara liegt, und von Bouguer zur Zeit ſeiner Rückkehr nachFrankreich beſucht ward. Es hat eine der maleriſchſtenund in Betreff des Klimas der vortrefflichſten Lagen aufdem Erdrund, und der Thermometer hielt ſich beſtändig |467| von 17 bis 19° nach Réaumur. Nachdem unſere Reiſen-den mit vieler Mühe an den Crater des Vulcans von Purace, eine mit ſiedendem Waſſer angefüllte Oeffnung,die mitten im Schnee mit einem ſchröcklichen Gebrauſehydrogene Schwefeldünſte auswirft, gelangt waren, gien-gen ſie von Popayan über die ſteilen Cordillieren von Almaguer nach Paſto, vermieden aber die verpeſtete undanſteckende Atmoſphäre des Thales von Patia. Von Paſto, einer ebenfalls am Fuße eines brennenden Vul-cans gelegenen Stadt, giengen ſie über Guachucal mittendurch die hohe Ebene der Provinz de los Patos, dievon dem ſtillen Meere durch die Anden des Vulcans von Chili und Cumbal getrennt, und durch ſeine großeFruchtbarkeit an Waizen und Koka (Erythroxylon peru-vianum) berühmt iſt. Endlich nach einer viermonatli-chen Reiſe auf Mauleſeln gelangten ſie in die ſüdlicheHemiſphäre nach der Stadt Ibarra und nach Quito. Dieſe lange Reiſe durch die Cordillieren der hohen An-den, und in einer Jahrszeit, in welcher auf dieſen Wegenfaſt nicht fortzukommen war, und während derſelben dieReiſenden täglich einem Regen von 7 bis 8 StundenDauer ausgeſetzt waren, dieſer Zug mit einer großenMenge Inſtrumente und voluminöſen Sammlungen wäreunmöglich auszuführen geweſen, wenn nicht die groß-müthige Gütigkeit des Herrn Mendiunetta, Vicekönigs von Sta. Fé, und des Baron de Carondelet, Präſidenten zu Quito, ins Mittel getreten wäre, indem beide von einem glei-chen Eifer für die Fortſchritte der Wiſſenſchaft beſeelt,die gefährlichſten Wege und Brücken auf einer Routevon 450 Fr. Meilen ausbeſſern ließen. Die Herren v. Humboldt und Bonpland kamen am 6tenJanuar 1802 zu Quito an, dieſer durch die Arbeiten von Condamine, Bouguer, Godin, des D. Jorge-Juan und Ulloa in den Jahrbüchern der Aſtronomie berühmtenHauptſtadt, die auch noch dadurch in gutem Rufe ſteht,weil die Einwohner einen großen Grad von Liebenswür-digkeit und eine glückliche Neigung zu den Künſten undWiſſenſchaften beſitzen. Unſere Reiſenden ſetzten ihregeologiſchen und botaniſchen Nachforſchungen acht bis |468| neun Monate hindurch in dem Königreiche Quito fort,einem Lande, deſſen koloſſaliſche Höhe ſeiner Schnee-bedeckten Berggipfel, die beſtändige Activität ſeinerwechſelsweiſe Feuer, Felſen, Unrath und Schwefelleber-waſſer auswerfenden Vulcane, die Menge der Erdbeben,(das vom 7ten Februar 1797 verſchlang in wenig Secun-den nahe an 40,000 Einwohner) ſeine Vegetation, dieUeberreſte der Peruvianiſchen Architectur, und mehrnoch, als alles dieſes, die Sitten ſeiner alten Bewohner,es vielleicht zu dem intereſſanteſten Lande unſerer Erdemachen. Nach zwei fruchtloſen Verſuchen gelang es ihnenzweimal, bis an den Crater des Vulcans Pichincha zugelangen, wo ſie Verſuche über die Analyſe der Luft,deren electriſche, magnetiſche, hygroſcopiſche Ladung,deren Elaſticität und die Grade der Temperatur des ko-chenden Waſſers anſtellten. La Condamine hat dieſennämlichen Crater geſehen, und vergleicht ihn ganz rich-tig mit dem Chaos der Poeten; allein er hatte keineInſtrumente bei ſich, und konnte ſich nur einige Minu-ten dort halten. Zu ſeiner Zeit war dieſer in porphyrartigen Baſaltausgehöhlte unermeßliche Schlund ausgekühlt, und mitSchnee angefüllt; unſere Reiſenden fanden ihn neuer-dings entzündet, und dieſer neue Vorfall war für dieStadt Quito, welche nur 4 bis 5000 Toiſen davon entferntliegt, ſehr niederſchlagend. Es fehlte nicht viel, ſo hättees Hrn. v. Humboldt auch das Leben gekoſtet; denn beiſeinem erſten Verſuche, da er ſich mit einem Indianer,der den Rand des Craters eben ſo wenig, als er ſelbſtkannte, allein befand, wäre er bald verſunken, indem erüber eine nur mit einer Lage von gefrornem Schneeüberzogene Kluft weggieng. Unſere Reiſenden machten während ihres Aufenthal-tes in dem Königreich Quito beſondere Excurſionen aufdie Schneegebirge von Antiſana, Cotopaxi, Tunguragua und Chimborazo, welches der höchſte Berg unſers Erd- |469| balls, und von den Franzöſiſchen Academikern nur ap-proximatif gemeſſen worden iſt. Sie unterſuchten undſtudirten hauptſächlich den geognoſtiſchen Theil der Cor-dillieren der Anden, über welchen in Europa noch nichtserſchienen iſt; denn die Mineralogie iſt ſo zu ſagenweit jünger, als die Reiſe von Condamine, deſſen allum-faſſendes Genie, deſſen unglaubliche Thätigkeit ſonſt al-les aufgriff, was in den phyſiſchen Wiſſenſchaften intereſ-ſant ſeyn konnte. Die trigonometriſchen und barometri-ſchen Vermeſſungen des Hrn. v. Humboldt haben darge-than, daß einige dieſer Vulcane, hauptſächlich der von Tunguragua, ſich ſeit 1753 anſehnlich geſenkt haben.Dieſe Reſultate ſtimmen mit dem, was die Bewohnervon Pelileo und den Ebenen von Topia mit ihren Augenbemerkt haben. Hr. v. Humboldt erkannte dieſe ganzen großen Maſ-ſen für ein Werk der Cryſtalliſation. „Alles, ſchrieb er„mir ( Delamétherie ), was ich in dieſen Regionen, wo„die höchſten Erhöhungen der Erde ſich befinden, geſe-„hen habe, hat mich immer mehr und mehr in der groſ-„ſen Idee, die Sie (in der ſchönen Theorie der Erde, des„allervollkommenſten Werkes, welches wir über dieſe„Materie haben) von der Entſtehung der Berge aufgeregt„haben, befeſtiget. Alle Maſſen, aus welchen ſie entſtan-„den ſind, haben ſich nach dem Grade ihrer Aehnlichkeit„oder Verwandtſchaft vermöge der Geſetze der anziehen-„den Kraft vereinigt, und haben ebenfalls durch die Ge-„ſetze der Cryſtalliſation auf den verſchiedenen Plätzen„der Erdoberfläche die mehr oder minder wichtigen be-„trächtlichen Höhen gebildet. Es kann in dieſer Hinſicht„für den Reiſenden, welcher ohne vorgefaßte Meinung„dieſe großen Maſſen betrachtet, kein Zweifel übrig„bleiben. Sie werden aus unſern Berichten erſehen, daß„auch nicht ein einziger von den Gegenſtänden iſt, die„Sie abhandeln, den wir nicht durch unſere Arbeiten„weiter zu erläutern geſucht haben.“ Bei allen dieſen im Januar 1802 begonnenen Excur-ſionen wurden unſere Reiſenden durch Hrn. Carl Mon- |470| tufar, Sohn des Marquis Selvalègre von Quito, einen fürdie Fortſchritte der Wiſſenſchaften eifrig bemühten Pri-vatmann, begleitet, welcher damit umgeht, die Pyrami-den von Sarouguier, Grundſäulen der berühmten Baſisder Franzöſiſchen und Spaniſchen Academiker, auf eigeneKoſten wieder aufzubauen. — Dieſer junge höchſt in-tereſſante Mann iſt mit Hrn. v. Humboldt, nachdem erihn auf ſeiner übrigen Forſchungsreiſe in Peru und Kö-nigreiche Mexico begleitete, nach Europa übergegangen.Die Umſtände begünſtigten die Anſtrengungen dieſer dreiReiſenden ſo, daß ſie bis auf die höchſten Gipfel der Ge-birge, bis wohin ſich noch nie ein Menſch verſtiegenhatte, gelangten. Auf den Vulcan Antiſana brachten ſiedie Inſtrumente mehr als 2200, auf den Chimborazo am23ſten Junius 1802 über 3300 Fuß, höher, als Condamine und Bouguer auf den Corazon ſteigen konnten. Sie ge-langten auf eine Höhe von 3036 Toiſen über die Meeres-fläche des ſtillen Oceans, und ſahen aus ihren Augen,aus ihren Lippen und Zahnfleiſche das Blut vordringen,und von einer Kälte gefrieren, die der Thermometernicht mehr anzeigte, die aber während der Inſpirationeiner ſo ſehr verdünnten Luft von dem Mangel an Wär-meſtoff herrührte. Eine 80 Toiſen tiefe und ſehr breiteKluft hinderte ſie, auf den Gipfel des Chimborazo, wo-hin ſie ungefähr noch 224 Toiſen hatten, zu gelangen. Während ſeines Aufenthalts zu Quito erhielt Hr. v. Humboldt einen Brief, mit welchem ihn das Franzöſi-ſche National-Inſtitut beehrte, und aus welchem er er-ſah, daß der Capitain Baudin nach Neu-Holland abge-ſegelt ſey, und die öſtliche Fahrt um das Vorgebirg derguten Hoffnung herum eingeſchlagen habe; er mußtealſo darauf, ſich zu ihm zu geſellen, Verzicht thun, unddoch hatte die Hoffnung dazu unſere Reiſenden 13 Mo-nate über beſchäftiget, und ihnen die Möglichkeit, von Havana nach Mexiko und den Philippiniſchen Inſeln zugehen, aus den Händen geſpielt. Dieſe Hoffnung hatteſie zu Lande und zu Waſſer über 1000 fr. Meilen im Süden,da ſie allen Extremen der Temperatur, von den mit ewi-gen Schnee bedeckten Bergen bis auf den Grund der |471| tiefen Schlüfte, wo der Thermometer ſich Tag und Nachtvon 26 bis 31° nach Réaumur erhielt, ausgeſetzt waren,begleitet. An Unfälle aller Art gewöhnt, tröſteten ſieſich leicht über dieſen Streich des Geſchickes; ſie fühl-ten aufs neue, daß der Menſch ſich auf nichts zu ver-laſſen habe, als auf die Früchte ſeiner eigenen Energie;und Baudins Reiſe, oder vielmehr die falſche Nachrichtvon der Direction derſelben hatte dazu Veranlaſſung ge-geben, daß ſie unermeßliche Länder, auf welchen ohnedieſen Zufall vielleicht lange Zeit kein Naturforſcher zurUnterſuchung ſein Augenmerk gerichtet haben würde,bereiſten. Da Hr. v. Humboldt ſich von jetzt an ent-ſchloß, ſeine Expedition auf eigne Hand zu verfolgen,ſo nahm er ſeinen Weg von Quito nach dem Amazonen-Fluſſe und Lima, in der Erwartung, dort den wichtigenDurchgang des Merkurs durch die Sonnenſcheibe zu be-obachten. Unſere Reiſenden beſuchten anfänglich die Ruinenvon Lactacunga, Hambato und Riobamba, einem in demungeheuern Erdbeben von 1797 über den Haufen gewor-fenen Erdſtrich. Sie zogen durch die Schneegefilde von Aſſouay und Cuenca, und von da mit erſtaunlichen Müh-ſeligkeiten wegen des Transports der Inſtrumente undeingepackten Kräuterſammlung durch den Paramo von Saragura nach Loxa. Hier in den Wäldern von Gonza-nama und Malacates unterſuchten ſie den koſtbaren Baum,von welchem die Menſchen zuerſt die fiebervertreibendeEigenſchaft der Chinarinde kennen lernten. Die großeAusdehnung des Erdſtriches, den ihre Expedition um-faßte, gewährte ihnen den Vortheil, den vor ihnen nochkein Botaniker genoſſen hat, durch eigene Anſicht dieverſchiedenen Gattungen von Cinchona zu Sta. Fé,Popayan, Cuenza, Loxa und Jaen mit der Cuspa und Cuspara von Cumana und am Rio Carony, wovon letzte-rer fälſchlich Cortex Anguſturae genannt wird, und einerneuen Gattung der Pentandria monogynia mit wechſels-weiſe ſtehenden Blättern zuzugehören ſcheint, zu ver-gleichen. Von Loxa kamen ſie über Ayavaca und Gouncabamba |472| nach Peru, und giengen queer über den hohen Gipfel der Anden, um ſich gegen den Amazonenfluß zu wenden.Sie hatten in zwei Tagen den Rio de Chamaya fünf unddreißigmal zu paſſiren; dieſe Uebergänge waren immergefährlich, und geſchahen bald mittelſt der Floße, balddurch Fuhrten. Sie ſahen die prächtigen Ueberreſte derHeerſtraße von Ynga, die die Vergleichung mit denſchönſten in Frankreich und Spanien aushält, und aufdem porphyriſchen Rücken der Anden 1200 bis 1800Toiſen in der Höhe von Cusco bis Aſſonay fortlief, undmit Tambos (Wirthshäuſern) und öffentlichen Brunnenverſehen war. Endlich ſchifften ſie auf eine Flöße von Ochroma, an dem kleinen Indianiſchen Dorfe Chamaya, ein, und fuhren auf dem Fluſſe gleiches Namens in den Amazonenfluß hinab, und beſtimmten die aſtronomiſcheLage dieſes Zuſammenfluſſes durch die Culmination ver-ſchiedener Sterne und den Zeitmeſſer. Condamine ſchiffte ſich bei ſeiner Rückreiſe von Quito nach Para und Frankreich auf dem Amazonenfluſſe weit unter Quebrada und Cuchunga ein; mithin hatte erkeine weitere Längenbeobachtung, als bis an die Mün-dung des Rio Napo. Hr. v. Humboldt ſuchte dieſe Lük-ken auf der ſchönen Charte des Franzöſiſchen Aſtrono-men auszufüllen, indem er auf dem Amazonenfluſſe bisan die Waſſerfälle von Rentema ſchiffte, und entwarf zu Tomependa, dem Hauptorte der Provinz Jaen de Braca-morros, einen detaillirten Plan dieſes unbekannten Thei-les vom Ober-Maranou, ſowohl aus ſeinen eigenen Be-obachtungen, als aus den Nachrichten, welche er dar-über von gereiſten Indianern erlangte. Hr. Bonpland machte unterdeſſen eine intereſſante Excurſion in die umdie Stadt Jaen liegenden Wälder, wo er neue Gattungenvon der Cinchona entdeckte; und nachdem er von dembrennenden Klima dieſer einſiedleriſchen Gegend vielausgeſtanden; nachdem er Gelegenheit gehabt hatte,eine reichhaltige Vegetation in neuen Gattungen von Jacquinia, Godoya, Porleria, Bougainvillea, Colletia und Piſonia zu bewundern, giengen unſere drei Reiſen-den zum fünftenmale über die Cordillieren der Anden, |473| über Montan zurück, um ſich wieder nach Peru zu be-geben. Sie fixirten den Standpunct, auf welchem der Com-paß von Borda den Punct Null der magnetiſchen Nei-gung zeigte, obwohl dies auf 7 Grad der ſüdlichen Breitewar. Sie unterſuchten die Bergwerke von Hualguayok, wo das gediegene Silber ſich in großen Maſſen, 2000Fuß Höhe über der Meeresfläche befindet; Bergwerke,in welchen einige metalliſche Gänge verſteinerte Mu-ſcheln enthalten, und die nebſt denen von Pesco undvon Huantajayo gegenwärtig die reichſten in Peru ſind.Von Caxamarca, welches durch ſeine warmen minerali-ſchen Bäder und durch die Ruinen des Pallaſtes des Ata-hualpa berühmt iſt, ſtiegen ſie nach Truxillo hinab, de-ren Nachbarſchaft die Spuren der unermeßlichen Peru-vianiſchen Stadt Manſiche zeigt, die mit Pyramiden ge-ziert war, in deren einer man im achtzehnten Jahrhun-derte für mehr als vier Millionen Franz. Livres in ge-ſchlagenem Golde fand. Bei dieſem weſtlichen Hinabſteigen von den Anden genoſſen unſere Reiſenden zum erſtenmale den impoſan-ten Anblick des ſtillen Oceans, und jenes langen und en-gen Thales, deſſen Bewohner weder Regen noch Donnerkennen, und wo die allerſtrengſte, und für die Menſchengefährlichſte Macht, die Theocratie ſelbſt, unter einemglücklichen Klima die Wohlthätigkeit der Natur nachzu-ahmen ſcheint. Von Truxillo verfolgten ſie die dürren Küſten desSüdmeers, welche vor Zeiten durch die Canäle von Ynga bewäſſert und fruchtbar gemacht waren, von denen abernichts als traurige Ueberreſte geblieben ſind. Nachdemſie über Santa und Guarmey zu Lima angekommen wa-ren, blieben ſie einige Monate in dieſer intereſſantenHauptſtadt von Peru, deren Einwohner ſich durch die Leb-haftigkeit ihres Genies und die Liberalität ihrer Geſin-nungen auszeichnen. Hr. v. Humboldt hatte das Glück,im Haven zu Calao von Lima das Ende des Durchgan- |474| ges des Mercurs ganz vollkommen zu beobachten; einum ſo glücklicherer Zufall, da der dicke Nebel, der indieſer Jahrszeit herrſcht, oft zwanzig Tage über die Son-nenſcheibe nicht zu Geſichte kommen läßt. Er war er-ſtaunt, in Peru, in ſo einer unermeßlichen Entfernungvon Europa, die neueſten literariſchen Producte, welchedie Chymie, Mathematik und Phyſik abhandeln, vorzufin-den; und er bewunderte eine große intellectuelle Thä-tigkeit bei den Einwohnern, welche die Europäer derUeppigkeit zu beſchuldigen belieben. Im Januar 1803 ſchifften ſich unſere Reiſenden aufder Königlichen Corvette, die Caſtora, nach Guayaquil ein; eine Fahrt, die unter Begünſtigung der Meerſtrö-me und der Winde in drei bis vier Tagen vollendet iſt,wo hingegen der Rückweg von Guayaquil eben ſo vieleMonate heiſcht. In dieſem erſtbenannten, an dem Ufereines unermeßlichen Fluſſes gelegenen Haven überſteigtdie Majeſtät der Vegetation in Palmen, Plumeria, Tabaer-nemontana und Bananen alle Beſchreibung; und hierhörten ſie auch jeden Augenblick das Brauſen des Vul-cans Cotopaxi, welcher den 6ten Januar 1803 in einerbeunruhigenden Exploſion begriffen war. Sie giengen auf der Stelle dahin ab, um ganz in ſei-ner Nähe Zeuge ſeiner Verheerungen zu ſeyn, und umihn zum zweitenmale zu beſuchen; aber die unerwar-tete Neuigkeit von der baldigen Abfahrt der Fregatte Atlante, und die Furcht, in vielen Monaten keine andereGelegenheit zu finden, nöthigte ſie, ſogleich umzu-kehren, nachdem ſie ſieben Tage lang ganz unnütz vonden Mosquitos, Babaoyos und Ubigars gepeinigt wor-den waren. Sie hatten eine glückliche Fahrt von dreißig Tagenauf dem ſtillen Oceane bis Acapulco, einem weſtlich imKönigreich Neu-Spanien liegenden Haven, der durch dieSchönheit eines Baſſins, den die Gewalt eines Erdbebensin den Felſen gehauen zu haben ſcheint; durch dasElend ſeiner Bewohner, welche Millionen von Piaſters |475| nach den Philippiniſchen Inſeln und nach China ein-ſchiffen ſehen, und endlich noch durch ein eben ſo bren-nendes als tödtliches Klima berühmt und berüchtigt iſt. Hr. v. Humboldt hatte anfänglich bloß den Vorſatz,ſich einige Monate in Mexiko aufzuhalten, und ſeineRückkehr nach Europa zu beſchleunigen; ſeine Reiſedauerte ohnedies ſchon mehr als zu lange; die Inſtru-mente, beſonders die Zeitmeſſer, fiengen nach und nachan, wandelbar zu werden. Alle Bemühungen, die er ſichgegeben hatte, ſolche durch neue Ueberſchickungen er-ſetzt zu ſehen, waren fruchtlos geblieben. Außerdemſind die Fortſchritte in den Wiſſenſchaften in Europa ſoſchnell, daß man in einer Reiſe von vier Jahren unddarüber in Gefahr kömmt, die Naturerſcheinungen vonGeſichtspuncten aus zu betrachten, die in dem Augen-blicke, wo die Arbeiten dem Publicum mitgetheilt wer-den, nicht mehr intereſſant ſind. Hr. v. Humboldt ſchmeichelte ſich, im Auguſt oderSeptember 1803 in Frankreich zu ſeyn; allein die Reizeeines ſo ſchönen und abwechſelnden Landes, wie Neu-Spanien, die Gaſtfreundſchaftlichkeit der Bewohner, unddie Furcht vor dem gelben Fieber von Vera Cruz, wel-ches faſt alle diejenigen hinrafft, welche vom Monat Ju-nius an bis zum October von den Bergen herabſteigen:das Zuſammentreffen ſolcher Beweggründe forderte ihnauf, ſeine Abreiſe bis zu Ende des Winters zu verſchie-ben. Nachdem unſere Reiſenden ſich mit den Pflanzen,mit der Luft, mit den ſtündlichen Veränderungen desBarometers, mit den magnetiſchen Phänomenen, undhauptſächlich mit Beſtimmung der Länge von Acapulco, einem Haven, in welchem ſchon früher zwei tiefden-kende geſchickte Aſtronomen, die Herren Eſpinoſa und Galeano, Beobachtungen anſtellten, beſchäftiget hatten,unternahmen ſie die Reiſe nach Mexiko. Sie erhobenſich allmählich durch die brennendheißen Thäler von Meßcala und Papagayo, wo der Thermometer ſich imSchatten auf 32° nach Réaumur erhielt, und wo man überden Fluß auf Früchten von Creſcentia pinnata, die durch |476| Stricke von Agava zuſammen gebunden ſind, ſetzt,nach den hohen Plateaus von Chilpantzingo, Tehuilotepek und Taſco. Auf dieſen Höhen, 6 bis 700 Toiſen über die Meeres-fläche erhaben, begünſtiget das milde und friſche Klimadas Wachsthum der Eichen, der Cypreſſen, der Tannen,des baumſtämmigen Farnkrautes, und den Anbau der Eu-ropäiſchen Getraidearten. Nachdem ſie einige Zeit in den Bergwerken von Taſco, den allerälteſten und ſonſt den einträglichſten desKönigreichs zugebracht hatten; nachdem ſie die Eigen-ſchaft dieſer ſilbernen Erzgänge, welche von dem hartenkalkartigen Felſen zum Glimmerartigen Schiefer vonblätterigem Gypſe eingefaßt übergehen, unterſucht hat-ten, ſtiegen ſie über Cuernaraca und durch die Nebel-dünſte von Guchilaque nach der Hauptſtadt Mexiko. Dieſe Stadt, von mehr als 150,000 Einwohnern auf demGrund und Boden des alten Tenochtitlan, zwiſchen denSeen von Tezcuco und Xochomillo liegend, (Seen, die ſich,ſeit die Spanier, um die Gefahr der Ueberſchwemmun-gen zu vermeiden, die Bergſchlüfte von Sinkoq eröffne-ten, ſehr verringert haben) dieſe von eben ſo breiten,als nach der Schnur gezogenen Straßen durchſchnittene,im Angeſicht zweier mit Schnee bedeckter Coloſſen, wo-von der eine (der Popocatepek) ein noch in Brand ſte-hender Vulcan iſt, liegende Stadt, die auf einer Höhevon 1160 Toiſen eines temperirten und angenehmen Kli-mas genießt, mit Canälen, mit angepflanzten Alleen,mit einer unendlichen Menge kleiner Indiſchen Markt-flecken umgeben iſt, dieſe Hauptſtadt Mexikos iſt ohneZweifel mit den ſchönſten Städten Europens zu verglei-chen. Sie zeichnet ſich noch beſonders durch großewiſſenſchaftliche Etabliſſemenss aus, welche mit mehre-ren in der alten Welt um den Rang ſtreiten könnten, unddie in der neuen Welt ihres Gleichen nicht haben. Der botaniſche Garten, welcher unter der Aufſichteines vortrefflichen Botaniſten, des Hrn. Cervantes, ſteht; |477| die Expédition des Hrn. Seſſé, bloß zum Studium derMexikaniſchen Vegetabilien beſtimmt, und mit den vor-trefflichſten Zeichnern beſetzt; die Bergwerksſchule, de-ren Entſtehen man der Freigebigkeit des Corps der Berg-leute und dem ſchöpferiſchen Genie des Hrn. El-huyar verdankt; die Maler-, Kupferſtecher- und Bild-hauer-Schule; alle dieſe Anſtalten verbreiten den Ge-ſchmack und die Aufklärung in einem Lande, wo dieReichthümer ſich der geiſtigen Ausbildung entgegenzu-ſtämmen ſcheinen. Mit den aus der ſchönen Sammlung der Bergwerks-ſchule entlehnten Inſtrumenten begann Hr. v. Humboldt eine ſehr weitläuftige Arbeit über die Längenbeſtim-mung Mexikos, die, ſo wie die zu Havanna gemachtencorreſpondirenden Obſervationen der Trabanten es beſtä-tigen, beinahe um zwei Grad falſch war. Nach einem Aufenthalte von einigen Monaten in derHauptſtadt beſuchten unſere Reiſenden die berühmtenBergwerke von Moran und von Real-del-Monte, in wel-chen der Erzgang von der Biscayna dem Grafen von Regla Millionen von Piaſtern eingebracht hat. Sie lieſ-ſen die Obſidiane von Oyamel, welche Lagen in demPerlenſteine und Porphyr bilden, und deſſen ſich die al-ten Mexikaner zu Meſſern bedienten, ausgraben. Dieſeganze Landſchaft iſt mit Baſalten, Amygdaloiden undkalkartigen ſecondairen Formationen, von der groſ-ſen Höhle von Danto von einem Fluſſe durchſchnitten,bis an die Porphyr-Orgeln von Aktopan, angefüllt, undſtellt für die Geologie die intereſſanteſten Erſcheinungendar, Erſcheinungen, die auch bereits durch Hrn. M. delRio, einen Schüler Werners, und einen der geſchickte-ſten Mineralogen unſerer Zeit analyſirt worden ſind. Nach ihrer Rückkehr von der Excurſion nach Moran im Julius 1803 unternahmen ſie eine andere in dennördlichen Theile des Königreichs. Sie richteten ihreForſchungsreiſe gleich auf Huehuetoca, wo man mit ei-nem Koſtenaufwande von 6 Millionen Piaſter eine Oeff- |478| nung in den Berg Sincoq gegraben hat, um die Gewäſ-ſer aus den Thälern von Mexiko in den Fluß Montezuma zu leiten. Sie giengen nachher über Queretaro, wo derAbt Chappe im Jahr 1700 geweſen war, über Salamanca und die fruchtbaren Ebenen von Yrapuato nach Guana-xuato, einer Stadt mit 50,000 Einwohnern, die in einemengen Keſſel liegt, und durch ihre weit einträglicherenBergwerke, als die von Potoſi je waren, berühmt iſt. Das Bergwerk des Grafen Valenciana, welches einerbeträchtlichen Stadt auf einem Hügel, wo vor 30 Jahrennoch Ziegen weideten, ſeine Entſtehung gegeben hat, hatſchon eine perpendiculäre Tiefe von 1840 Fuß. Es iſtdies die reichhaltigſte und tiefſte Mine auf der Erde;der jährliche Vortheil der Proprietaires, der niemals demdes Jahres der Auffindung der Ader beikömmt, neigt ſichauf drei Millionen Livres, da er ſonſt bis auf fünf und6 Millionen geſtiegen war. Nach zwei Monaten von Vermeſſungen und geologi-ſcher Nachforſchungen zu Guanaxuato, und nachdem ſiezu Comagillas die mineraliſchen warmen Bäder unter-ſuchten, deren Temperatur 11° nach Réaumur ſtärker iſt,als der auf den Philippiniſchen Inſeln, die Sonnerat fürdie allerheißeſten auf der Erde hält, wandten ſich unſereReiſenden über das Thal von St. Yago, wo man in ver-ſchiedenen an dem Gipfel der Baſalt-Berge befindlichenTeichen eben ſo viele Craters ausgebrannter Vulcane zufinden geglaubt hat, nach Valladolid, der Hauptſtadt desalten Königreichs Michoakan. Von da ſtiegen ſie trotzdes ununterbrochenen Herbſtregens, über Patzquaro, welches am Ufer eines ſehr großen Teiches liegt, gegendie Küſten des ſtillen Oceans in die Ebenen von Jorullo hinab, da wo im Jahr 1759, durch die größte Cataſtro-phe, die der Erdball je erlitten hat, in einer Nacht ausder Erde ein Vulcan von 1494 Fuß Höhe, rund herummit mehr denn 2000 kleinen noch rauchenden Oeffnun-gen umgeben, ſich emporhob. Unſere Reiſenden ſtiegenin den entzündeten Crater des großen Vulcans auf 258Fuß perpendiculairer Tiefe hinab, indem ſie über Spal- |479| ten ſprangen, welche entzündeten ſchweflichten hydro-genen Stoff aushauchten. Sie gelangten mit vieler Ge-fahr, wegen der Zerbrechlichkeit der Baſalte und ſieniti-ſchen Lava, bis beinahe auf den Boden des Craters, woſie die mit Kohlenſäure außerordentlich überladene Luftanalyſirten. Von dem Königreiche Mechoacan, einem der lachend-ſten und fruchtbarſten Länder von America, kehrten ſieüber die hohe Gebirgsebene von Toluca, wo ſie denmit Schnee bedeckten Berg des nämlichen Namens, in-dem ſie auf deſſen höchſten Gipfel den Pik von Fraide, welcher 2364 Toiſen über die Meeresfläche erhaben iſt,ausmaaßen, nach Mexiko zurück. Sie beſuchten auch zu Tolucca den berühmten Händebaum, (den Cheirantho-ſtämon des Hrn. Cervantes ) ein Geſchlecht, welches einfaſt einziges Phänomen darſtellt, weil dieſer, der nur alseinziges Individuum exiſtirt, von dem höchſten Alter iſt. Bei ihrer Rückkehr nach der Hauptſtadt von Mexiko blieben ſie mehrere Monate über daſelbſt, um ihre Kräu-terſammlung, die hauptſächlich in Grasarten ſehr reich-haltig war, und ihre geologiſchen Sammlungen zu re-guliren; um die Berechnung der in dem Laufe dieſesJahres vollzogenen barometriſchen und trigonometri-ſchen Meſſungen und Vermeſſungen zu ziehen, undhauptſächlich, um die Riſſe des geologiſchen Atlaſſes,welchen Hr. v. Humboldt herauszugeben ſich vorgenom-men hat, ins Reine zu zeichnen. Dieſer nämliche Aufenthalt gab ihnen auch Gelegen-heit, der Aufſtellung der coloſſaliſchen Statue des Königszu Pferde beizuwohnen, die ein einziger Künſtler, Hr. Tolſa, mit Ueberwindung ſolcher Schwierigkeiten, wo-von man ſich in Europa gar keinen Begriff machen kann,modellirt, gegoſſen, und auf ein ſehr hohes Piedeſtal auf-gerichtet hat; eine Statue, die im ſimpelſten und rein-ſten Geſchmacke gearbeitet iſt, und der ſchönſten Haupt-ſtadt der alten Welt zur Zierde gereichen würde. Im Januar 1804 verließen unſere Reiſenden Mexiko, |480| um den öſtlichen Fall der Cordilleren von Neu-Spanienzu erforſchen. Sie nahmen eine geometriſche Vermeſ-ſung der beiden Vulcane von Puebla, des Popocatepek und Iztaccihuatl vor; von dem unzugänglichen Craterdes erſtern erzählt eine fabelhafte Tradition, daß ſich Diego Ordaz in Stricken hängend hinabgelaſſen habe,um Schwefel von da zu holen, den man ohnedies in derEbene ſammeln konnte. Hr. v. Humboldt fand, daß der nämliche Vulcan Popocatepek, auf welchen Hr. Sonnenſchmidt, ein eifri-ger Mineralog, ſich bis auf 2557 Toiſen zu ſteigen ge-wagt hat, viel höher iſt, als der Pik von Orizava, wel-chen man bis jetzt für den höchſten Coloß des Landes Anahuac gehalten hat. Er maaß auch die große Pyra-mide von Cholula aus, ein myſteriöſes Werk, welchesvon den Tultequen aus ungebrannten Ziegelſteinen auf-geführt worden iſt, und von deren Spitze man eine präch-tige Ausſicht auf die beſchneiten Berggipfel und die la-chenden Ebenen von Tlascala genießt. Nach dieſen gemachten Erforſchungen ſtiegen ſieüber Perote nach Xalapa hinab, einer Stadt, die 674 Toi-ſen über der Meeresfläche erhaben liegt, eine mittlereHöhe, welche die Früchte aller Klimate begünſtigt, und woman einer für die Geſundheit der Menſchen gleich ſanf-ten und wohlthätigen Temperatur genießt. Hier fandenunſere Reiſenden an dem Hrn. Thomas Murphy, einemachtungsvollen Manne, welcher, was ſo ſelten iſt, eingroßes Vermögen mit dem Geſchmacke für die Wiſſen-ſchaften verbindet, einen Freund, der ihnen alle mög-liche Erleichterungen, ihre Operationen in den Gebirgenzu vollenden, verſchaffte. Der abſcheuliche Weg, welcher von Xalapa nach Perote durch faſt undurchdringliche Eichen- und Tan-nenwälder führt; ein Weg, den man zur Chauſſee um-zuſchaffen anfängt, ward vermittelſt des Barometers drei-mal nivellirt. Hr. v. Humboldt gelangte, trotz der Mengedes Tages vorher gefallenen Schnees, bis zum Gipfel |481| des berühmten Cofre, der 162 Toiſen höher, als der Pik von Teneriffa iſt. Er nahm auch eine trigonometriſcheVermeſſung des Pik von Orizava vor, den die Indianer Sitlaltepetl nennen, weil die aus ſeinem Crater aufſtei-genden leuchtenden Dünſte ihnen von weitem wie einuntergehender Stern vorkommen, und von deſſen LängeHr. Ferrino ſehr genaue Verſuche bekannt gemacht hat. Nach einem ſehr intereſſanten Aufenthalte in dieſenGegenden, wo im Schatten der Liquidambars und Amy-riſſe, die Epidendrum vanilla, und der Convolvulus ja-lappa, zwei zur Ausfuhr gleich koſtbare Erzeugniſſe ge-deihen, ſtiegen unſere Reiſenden gegen die Küſte nachdem Haven von Vera-Cruz hinab, welcher zwiſchen lok-kern Sandhügeln liegt, deren Reverberation der Sonnen-ſtrahlen eine erſtickende Hitze verurſacht. Sie bliebenglücklicherweiſe von dem ſchwarzen Erbrechen, welchesſchon daſelbſt graſſirte, verſchont. Sie giengen mit einer Spaniſchen Fregatte nach Ha-vanna, um dort die im Jahr 1800 in Verwahrung gegebe-nen Kräuterſammlungen wieder zu ſich zu nehmen.Nach einem Aufenthalte von zwei Monaten ſegelten ſienach den vereinigten Americaniſchen Staaten; ein hefti-ger Sturm ſetzte ſie beim Herausſchiffen aus dem Canalevon Bahama in große Gefahr; der Orcan wütete ſiebenTage in einem fort. Nach einer Fahrt von 32 Tagen kamen ſie zu Phila-delphia an. Sie hielten ſich in dieſer Stadt, und zu Was-hington zwei Monate lang auf, und kamen im Auguſt1804 zu Bordeaux mit einer großen Menge Zeichnungen,mit 35 Kiſten Sammlungen, und 6000 Pflanzenarten ver-ſehen, wieder in Europa an.