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Alexander von Humboldt: „Neueste Briefe des Herrn Oberbergraths von Humboldt“, in: ders., Sämtliche Schriften digital, herausgegeben von Oliver Lubrich und Thomas Nehrlich, Universität Bern 2021. URL: <https://humboldt.unibe.ch/text/1803-Extrait_de_plusieurs-02> [abgerufen am 05.02.2023].

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https://humboldt.unibe.ch/text/1803-Extrait_de_plusieurs-02
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Titel Neueste Briefe des Herrn Oberbergraths von Humboldt
Jahr 1803
Ort Berlin; Stettin
Nachweis
in: Neue Berlinische Monatschrift 10 (Juli 1803), S. 61–77; 10 (August 1803), S. 81–90.
Postumer Nachdruck
Alexander von Humboldt, Briefe aus Amerika 1799–1804, herausgegeben von Ulrike Moheit, Berlin: Akademie 1993, S. 207–215.
Sprache Deutsch
Schriftart Fraktur
Identifikation
Textnummer Druckausgabe: II.19
Dateiname: 1803-Extrait_de_plusieurs-02
Statistiken
Seitenanzahl: 27
Zeichenanzahl: 29754

Weitere Fassungen
Extrait de plusieurs lettres de M. A. de Humboldt (Paris, 1803, Französisch)
Neueste Briefe des Herrn Oberbergraths von Humboldt (Berlin; Stettin, 1803, Deutsch)
Account of the Travels of M. A. de Humboldt in South America, extracted from some of his Letters (London, 1803, Englisch)
Extrait de lettres de M. A. de Humboldt (Paris, 1803, Französisch)
Extrait de plusieurs lettres de M. A. de Humboldt (Paris, 1803, Französisch)
Extracto de las últimas cartas que el Baron Alexandro Humboldt escribió á su hermano, Residente de S. M. Prusiana en Roma (Madrid, 1803, Spanisch)
[Extrait de plusieurs lettres de M. A. de Humboldt] (Haarlem, 1803, Niederländisch)
Curious Particulars respecting the Mountains and Volcanos, and the Effect of the late Earthquakes in South America, with Remarks of the Language and Science of the Natives, and other Subjects (London, 1803, Englisch)
Ueber das Athmen der Crocodile. Aus dem Briefe des Herrn von Humboldt aus Lima vom 25. September 1802 (Berlin, 1803, Deutsch)
Etwas von den Amerikanischen Krokodilen (Berlin; Stettin, 1804, Deutsch)
Humboldt’s Berigt uit Zuid-Amerika (Amsterdam, 1806, Niederländisch)
|61|

Neueſte Briefe des Herrn Oberberg-raths von Humboldt.

Vor einem Jahre (B. Monatſchr. Junius 1802Nr 2) wurden die damal letzten Briefe unſers be-rühmten Landsmanns Alexander von Humboldt im Auszuge mitgetheilt. Sie gingen vom Septem-ber bis November 1801, und kamen aus Südame-rika, von der Nähe des Aequators, dießeit. An ſieſchließen ſich, obgleich wahrſcheinlich mehrere da-zwiſchen verloren gingen, die itzt angelangten dreiBriefe, aus der jenſeitigen Nähe des Aequators.Sie ſind vom 3 Juni 1802, aus Quito; vom 13Jul, 1802, aus Cuenca; und vom 25 November deſſ.Jahrs, aus Lima, der Hauptſtadt in Perù: an denBruder des Schreibenden, den Königl. Kammer-herrn, itzt Reſidirenden Preußiſchen Miniſter amPäpſtlichen Hofe, gerichtet, der ſie vor Kurzemſämmtlich auf einmal erhalten hat. Der letzte die-ſer Briefe iſt der ausführlichſte und wichtigſte. Hr von Humboldt in Rom hat aus demſelben einenallgemein mittheilbaren Auszug gemacht, wobei zu-gleich das Intereſſanteſte aus den beiden erſten Brie-fen eingeſchaltet iſt. — Dieſen liefere ich hier, miteinigen Anmerkungen und ein paar eingeſchobnen |62| Worten, zum leichtern Verſtändniß. Ein Blick aufjene früher gedruckten Berichte, und auf eine Land-karte, wird vollends Alles deutlich machen. Den wichtigen Inhalt über Länder- und Völ-kerkunde ungerechnet, iſt es höchſt erfreulich, dasWohlſein unſers merkwürdigen Reiſenden zu er-fahren, über den man ſeit geraumer Zeit nichtsGewiſſes gehört hatte, und ſchon Beſorgniſſe zuſchöpfen anfing. Noch erfreulicher iſt die Nachricht,daß Er, der ſo viel Bedeutendes geſehen und ent-deckt hat, welches zum Theil nie einem Europäervor Augen gekommen war, mit ſeinen vielfachenKenntniſſen und reichen Schätzen nächſtens wiederunter uns ſein kann. Er geht nicht nach den Phi-lippiniſchen Inſeln, wo neue Gefahren und die wei-te Seereiſe ihn noch länger von Europa zurückhal-ten würden. Er denkt im bevorſtehenden Auguſt-oder Septembermonat in Spanien, zu Kadizoder Korunna, zu landen.
Aus meinen vorigen Briefen, lieber Bruder,mußt Du meine Ankunft in Quito wiſſen. Un-ſer Weg dahin ging [im September 1801] durchdie Schneegegenden von Quiridiu und Tolima.Denn die Kordillera der Anden bildet drei ab- |63| geſonderte Arme; und da wir zu Sta Fe de Bo-gota uns auf dem oͤſtlichſten derſelben befanden,ſo mußten wir nun den hoͤchſten [folglich kaͤlte-ſten und ſchneereichſten] dieſer Gebirgsarme uͤber-ſteigen, um an die Kuͤſten des Suͤdmeers zu ge-langen. Bloß Ochſen laſſen ſich auf dieſem We-ge gebrauchen, um das Gepaͤcke fortzuſchaffen.Die Reiſenden ſelbſt pflegen durch Maͤnner ge-tragen zu werden, welche Cargeros [ſpan., Laſt-traͤger] heißen. Sie haben auf ihren Ruͤckeneinen Stuhl gebunden, worauf der Reiſendeſitzt; machen 3 bis 4 Stunden Wegs den Taguͤber, und verdienen in fuͤnf bis ſechs Wochennur 14 Piaſter. Wir zogen die Fußwanderungvor, und da das Wetter ungemein ſchoͤn war,ſo brachten wir nur 17 Tage in dieſen Einoͤdenzu, woſelbſt keine Spur ſich findet, daß ſie jebewohnt geweſen waͤren, und wo man in Huͤt-ten von Helikonia-Blaͤttern ſchlaͤft, die man zudem Ende mit ſich nimmt. Am weſtlichen Ab-hange der Anden giebt es Suͤmpfe, worein manbis an die Knie ſinkt. Das Wetter hatte ſichgeaͤndert, es regnete ſtromweiſe in den letztenTagen, unſre Stiefeln faulten uns am Leibe,und wir kamen mit nackten und blutruͤnſtigenFuͤßen zu Kartago an, aber mit einer ſchoͤnenSammlung neuer Pflanzen bereichert, wovon icheine Menge Zeichnungen mitbringe. |64| Von Kartago gingen wir nach Popayan, uͤber Buga, durch das herrliche Thal des Kauka-fluſſes, wobei wir das Choka-gebirge mit ſeinenPlatina-gruben immer zur rechten Seite hatten. Den November 1801 blieben wir zu Po-payan: und beſuchten von dort die Baſaltgebir-ge von Juluſuito; den Schlund des Volkansvon Purace, der mit entſetzlichem Getoͤſe Daͤm-pfe eines durch geſchwefeltes Waſſerſtofgas ge-ſchwaͤngerten Waſſers ausſtoͤßt; und die Porphyr-artigen Granite von Piſche, welche fuͤnf- bisſiebeneckige Saͤulen bilden, denjenigen gleich dieich mich in den Euganeen *) in Italien geſehnzu haben erinnere, und die Strange beſchriebenhat.
*) Dieſer Namen iſt aus der alten Geographie.Die Euganei waren ein maͤchtiges Volk inOberitalien, von den Schweizeralpen an (woder Ort Lugano von oder nach ihnen benanntſein ſoll), bis zum Adriatiſchen Meer. Buͤ-ſching hat den Namen gar nicht; aber er lebtnoch allerdings unter den Mineralogen, undbedeutet die Berge im Gebiet von Padua. Man ſ. Ferber, den angefuͤhrten Strange inden Opuscoli di Milano, Spallanzani, u. ſ. w.Aus dieſen Schriftſtellern ergiebt ſich, daß dieEingebornen im Paduaniſchen ihre Berge nieanders zu nennen gewohnt waren. B.
|65| Die groͤßte Schwierigkeit ſtand uns nochzu uͤberwinden bevor, zwiſchen Popayan undQuito. Auf dieſem Wege mußten wir die Pa-ramos von Paſto uͤberſteigen, und zwar in derRegenzeit, die bereits angefangen hatte. Paramo heißt in den Anden jeder Ort, wo auf einerHoͤhe von 1700 bis 2000 Toiſen die Vegetazionſtill ſteht, und eine Kaͤlte iſt die bis in die Kno-chen dringt *). Um die Hitze des Patia-thaleszu vermeiden, wo man in Einer Nacht Fieberbekoͤmmt, die drei bis vier Monate dauren, unddie unter dem Namen calenturas de Patia **) bekannt ſind, gingen wir uͤber die Spitze derKordillera, wo ſcheuslich ſchroffe Abgruͤnde ſind,kamen ſo von Popayan nach Almager, und vonda nach Paſto, das am Fuße eines furchtbarenVolkans liegt.
*) Paramo (der Ton iſt auf der erſten Silbe) be-deutet im Spaniſchen einen nackten, oͤden, al-len Winden ofnen, weder bebauten noch bewohn-ten Landſtrich. B. **) Das Spaniſche Wort calentura, Fieber, koͤmmtvon calor, Hitze; wie die Griechiſche Benen-nung Pyretos, von Pyr, Feuer. — Das hiererwaͤhnte Thal hat ſeinen Namen von demFluß Patia, in dieſer Gegend. B.
|66| Man kann ſich nichts Schrecklichers denken,als den Eintritts- und den Ausgangsweg beidieſer kleinen Stadt, wo wir die Weihnachtenzubrachten, und deren Einwohner uns mit ruͤh-render Gaſtfreundlichkeit aufnahmen. Dicke Waͤl-der liegen zwiſchen Moraͤſten; die Maulthiereſinken bis auf den halben Leib ein; und manmuß durch ſo tiefe und enge Schluͤfte (Racheln),daß man in Stollen eines Bergwerks zu kom-men glaubt. Auch ſind die Wege mit den Kno-chen der Maulthiere gepflaſtert, die hier vorKaͤlte oder aus Mattigkeit umfielen. Die ganzeProvinz Paſto, mit Inbegrif der Gegenden umGuachucal und um Tuqueres *), iſt eine ge-frorne Gebirgsflaͤche (Plateau), faſt uͤber denPunkt herauf wo die Vegetazion aushaltenkann, und mit Volkanen und Solfataren um-ringt, woraus beſtaͤndige Rauchwirbel dampfen.Die ungluͤcklichen Bewohner dieſer Wuͤſteneienhaben keine andre Nahrung als Pataten; und,wenn dieſe ihnen fehlen, wie im letztverwichnenJahr, ſo gehn ſie ins Gebirge, um den Stammeines kleinen Baums zu eſſen, der Achupallaheißt (Pourretia Pitcarnia). Da aber der
*) Das Spaniſche ch wird wie tſch, das qu wie k ausgeſprochen. B.
|67| nehmliche Baum auch den Baͤren der Andes zurSpeiſe dient, ſo machen dieſe ihnen oft die ein-zige Nahrung ſtreitig, welche dies hohe Landden Menſchen darbeut. Zur Nordſeite des Vol-kans von Paſto; habe ich in dem kleinen India-niſchen *) Dorf Voiſako, 1370 Toiſen uͤber derMeeresflaͤche, einen rothen Thon- und einenHornſtein-Porphyr mit eingemengtem glaſigenFeldſpath entdeckt, welcher alle Eigenſchaften desSerpentins vom Fichtelgebirge beſitzt. DieſerPorphyr zeigt ſehr deutliche Pole, aber durch-aus keine Anziehung **). Nachdem wir zwei
*) Man nennt die urſpruͤnglichen Einwohner Ame-rikas Indianer; eigentlich aus den Zeiten dergeographiſchen Unkunde her, wo jedes neuent-deckte Land Indien hieß, und von wo noch derName Weſtindien koͤmmt. Die Bewohner deseigentlichen Indiens in Suͤdaſien heißen zumUnterſchiede Indier, wenn man nicht Hindusoder Hindoſtaner ſagen will. B. **) Vor ungefaͤhr 10 Jahren entdeckte Hr v. H. bei Goldkronach einen bedeutend großen Berg,von der Serpentin-Steinart, welcher die Eigen-ſchaft hat, den Nordpol der Magnetnadel nachSuͤden, und den Suͤdpol nach Norden zu trei-ben, obgleich die losgebrochenen Stuͤcke ſelbſtnicht (aber doch der zerriebene Staub) vomMagnet angezogen werden. B.
|68| Monate hindurch Tag und Nacht von Regen-guͤſſen durchnaͤßt waren, und bei der StadtIbarra beinahe ertranken, da ploͤtzlich bei einemErdbeben das Waſſer ſtieg; langten wir am 6Jaͤnner 1802 zu Quito an, wo der Markis vonSalvaalegre die Guͤte gehabt hatte uns einvortrefliches Haus einzurichten, das nach ſo vie-len Beſchwerden uns alle Gemaͤchlichkeiten dar-bot, die man nur in Paris oder London ver-langen koͤnnte.
Die Stadt Quito iſt ſchoͤn, aber der Him-mel traurig und neblicht; die benachbarten Ber-ge zeigen kein Gruͤn, und die Kaͤlte iſt betraͤcht-lich. Das große Erdbeben vom 4 Februar 1797,welches die ganze Provinz umwarf, und in Ei-nem Augenblick 35 bis 40 000 Menſchen toͤd-tete, iſt auch in jener Ruͤckſicht den Bewohnernhoͤchſt ſchaͤdlich geweſen. Es hat die Tempera-tur der Luft ſo ſehr geaͤndert, daß der Thermo-meter gewoͤhnlich zwiſchen 4 und 10 Grad Reau-mur ſteht, und ſelten auf 16 oder 17 ſteigt, da Bouguer ihn beſtaͤndig auf 15 oder 16 ſah. Seitjener Kataſtrophe hoͤren die Erdbeben nicht auf;und welche Stoͤße mitunter! Wahrſcheinlich iſtder ganze hohe Theil der Provinz ein einzigerVolkan. Was man die Berge von Kotopoxiund Pichincha nennt, ſind nur kleine Spitzen, |69| deren Krater verſchiedne Roͤhren (Schorſteine)bilden, die ſaͤmmtlich zu dem nehmlichen Heerdhinabfuͤhren. Dieſe Hypotheſe iſt leider nur zuſehr durch das Erdbeben von 1797 erwieſen.Denn die Erde hat ſich allenthalben damal voneinander gethan, und Schwefel, Waſſer u. ſ. w.ausgeworfen. Ungeachtet dieſer Schreckniſſe undGefahren, womit die Natur ſie rings her um-giebt, ſind die Einwohner von Quito froh, le-bendig, und liebenswuͤrdig. Ihre Stadt ath-met nur Wolluſt und Ueppigkeit, und nirgendvielleicht giebt es einen entſchiednern und allge-meinern Hang ſich zu vergnuͤgen. So kann ſichder Menſch gewoͤhnen ruhig am Rande einesjaͤhen Abgrunds zu ſchlafen. Wir haben uns faſt acht Monate in derProvinz Quito aufgehalten, vom Anfang desJaͤnners bis in den Auguſt. Dieſe Zeit wardangewandt, jeden der dortigen Volkane zu be-ſteigen. Wir unterſuchten nach einander dieSpitzen des Pichincha, Kotopoxi, Antiſana, undIliniça; brachten 14 Tage bis 3 Wochen bei je-der zu, kehrten in der Zwiſchenzeit immer nachder Hauptſtadt zuruͤck, und brachen am 9 Juni1802 von da auf, um nach dem Chimboraço zureiſen, der im ſuͤdlichen Theile dieſer Provinzliegt. |70| Zweimal, d. 26 und d. 28 Mai 1802, binich bei dem Krater des Pichincha geweſen, desBerges welcher neben der Stadt Quito emporragt. Niemand, ſoviel man weiß, hatte ihnbisher je geſehen, außer Condamine; und dieſerſelbſt kam nur hin, nachdem er fuͤnf bis ſechsTage in unnuͤtzem Suchen verloren hatte, kamohne Inſtrumente hin, und konnte wegen deruͤbermaͤßigen Kaͤlte nur 12 bis 15 Minuten dortoben aushalten. Es gluͤckte mir meine Inſtru-mente hinzubringen, ich traf die noͤthigen Vor-kehrungen um das Wichtigſte dort zu unterſu-chen, und habe Luft dort gefangen die ich ana-lyſirte. Meine erſte Reiſe machte ich allein miteinem Indianer. Da Condamine ſich dem Kra-ter von der niedern mit Schnee bedeckten Seitedes Randes genaͤhert hatte, ſo trat ich bei mei-nem erſten Verſuch in ſeine Fußſtapfen. Aberbald waͤren wir verungluͤckt. Der Indianerſank bis an die Bruſt in eine Spalte, und wirſahen mit Grauſen daß wir uͤber eine Bruͤckevon eiſigem Schnee gegangen waren. Dennwenig Schritte von uns gab es Loͤcher, wodurchdas Tageslicht ſchien. So befanden wir uns,ohne es zu wiſſen, auf Gewoͤlben, die mit demKrater ſelbſt zuſammen hangen. Erſchreckt, abernicht muthlos, faßte ich einen andern Entſchluß. |71| Aus dem Umkreiſe des Kraters ſpringen, gleich-ſam uͤber den Abgrund hinſtrebend, drei Fels-ſpitzen hervor, die nicht mit Schnee bedeckt ſind,weil die Daͤmpfe aus dem Schlunde des Vol-kans ihn unaufhoͤrlich ſchmelzen. Auf einendieſer Piks ſtieg ich, und fand auf deſſen Gipfeleinen Stein, der nur von einer Seite auflagund unten minirt war, ſo daß er einen Balkonuͤber den Abgrund bildete. Hier ſchlug ich mei-nen Sitz auf, um unſre Verſuche anzuſtellen.Aber dieſer Stein iſt nur ungefaͤhr 12 Fußlang und 6 Fuß breit, und wird von den haͤu-figen Erdſtoͤßen maͤchtig erſchuͤttert, deren wir 18in nicht vollen 30 Minuten zaͤhlten. Um denBoden des Kraters beſſer zu beobachten, legtenwir uns auf den Bauch; und ich glaube nicht,daß die Fantaſie ſich etwas Finſterers, Trauer-und Todmaͤßigers vorſtellen kann als wir hierſahen. Der Schlund des Volkans bildet einkreisfoͤrmiges Loch, ungefaͤhr von 1 Franzoͤſ.Meile im Umfang; die Raͤnder deſſelben, inPikgeſtalt ausgehauen, ſind oberwaͤrts mitSchnee bedeckt; das Innere iſt Dunkelſchwarz.Aber die Tiefe iſt ſo ungeheuer, daß mehrereBerge darin ſtehen, deren Gipfel man unter-ſcheidet. Ihre Spitzen ſchienen 300 Toiſen un-ter uns; wo alſo mag ihr Fuß ſtehen? Ich |72| zweifle nicht, daß der Boden des Kraters mitder Stadt Quito horizontal liegt. La Condami-ne fand dieſen Krater erloſchen und ſogar mitSchnee uͤberdeckt; wir aber haben den Einwoh-nern von Quito die traurige Nachricht bringenmuͤſſen, daß es in ihrem nachbarlichen Volkan itztbrennt. Deutliche Zeichen geſtatteten keinen Zweifelhieran. Schwefeldaͤmpfe erſtickten uns beinahe,wenn wir uns dem Schlunde naͤherten; wir ſahenſelbſt blaͤuliche Flammen hin und her huͤpfen,und fuͤhlten alle 2 oder 3 Minuten heftige Stoͤ-ße von Erdbeben, welche die Raͤnder des Kra-ters erſchuͤttern, aber 100 Toiſen entfernt nichtmehr zu ſpuͤren ſind. Vermuthlich hat die großeKataſtrophe vom Febr. 1797 auch das Feuer desPichincha wieder angezuͤndet. — Zwei Tagenach dieſem Beſuch, beſtieg ich den Berg nocheinmal, in Begleitung meines Freundes Bon-pland, und Karls von Montufar, eines Sohnesdes Markis Salvalegre. Wir fuͤhrten noch mehrInſtrumente bei uns als das erſtemal, und ma-ßen den Umfang des Kraters, und die Hoͤhe desBerges. Den erſtern fanden wir von 754 *),die andere von 2477 Toiſen. Waͤhrend der zwei
*) Der Krater des Veſuvs hat nur 312 Toiſen imDurchmeſſer.
|73| Tage zwiſchen unſern zwei Beſuchen des Pichin-cha, hatten wir ein ſehr ſtarkes Erdbeben zuQuito. Die Indianer ſchrieben es den Pulvernzu, die ich in den Volkan geworfen haben ſollte.
Bei unſrer Reiſe zum Volkan von Antiſana beguͤnſtigte uns die Witterung ſo, daß wir biszu 2773 Toiſen hinaufſtiegen. Der Barometerſank in dieſer hohen Gegend auf 14 Zoll 11 Li-nien, und die geringe Dichtigkeit der Luft triebuns das Blut aus den Lippen, dem Zahnfleiſch,und ſelbſt den Augen. Wir fuͤhlten uns aͤußerſtmatt, und einer unſrer Begleiter fiel in Ohn-macht. Auch hatte man es fuͤr unmoͤglich ge-halten, weiter als an die Spitze el coraçon [das Herz] genannt zu kommen, welche Conda-mine erſtieg, und die 2470 Toiſen hoch liegt.Die Analyſe der von unſerm hoͤchſten Stand-punkt zuruͤckgebrachten Luft gab 0,008 Kohlen-ſaͤure auf 0,218 Sauerſtofgas. Den Vulkan von Kotopoxi beſuchten wirgleichfalls, aber es war uns unmoͤglich an denSchlund des Kraters zu gelangen. Es iſt falſch,daß dieſer Berg durch das Erdbeben vom J.1797 niedriger geworden ſei. Am 9 Juni traten wir die Reiſe zum Un-terſuchen und Meſſen des Tſchimboraſſo unddes Tunguragua an, und zum Aufnehmen aller |74| durch die große erwaͤhnte Kataſtrophe zerruͤttetenLaͤnder. Es gelang, bis auf 250 Toiſen nach,uns dem Gipfel des ungeheuren Koloſſes Tſchim-boraſſo zu naͤhern. Ein Zug volkaniſcher, ſchnee-loſer, Berge erleichterte uns das Steigen. Wirkamen auf 3031 Toiſen, und fuͤhlten die nehm-liche Beſchwerde wie auf der Spitze des Anti-ſana. Selbſt noch ein paar Tage nach unſrerRuͤckkehr in die Ebene, blieb uns ein Uebelbe-finden, das wir nur der Wirkung der Luft (injener Hoͤhe) zuſchreiben konnten, deren Analyſeuns 20 Hunderttheile Sauerſtof gab. Die unsbegleitenden Indianer hatten uns ſchon fruͤherverlaſſen, und ſagten daß wir ſie toͤdten wollten.Wir blieben alſo allein, Bonpland, Karl Mon-tufar, ich, und einer meiner Bedienten, der ei-nen Theil meiner Inſtrumente trug. Dennochhaͤtten wir unſern Weg bis zu dem Gipfel fort-geſetzt, wenn nicht ein zu großer Spalt im Bo-den uns gehindert haͤtte. Auch thaten wir ſehrwohl umzukehren. Auf unſerm Ruͤckwege fielein ſo ſtarker Schnee, daß wir uns kaum ſehenkonnten. Wir hatten uns gegen die ſchneidendeKaͤlte dieſer hohen Gegend nur wenig geſchuͤtzt,und litten daher unſaͤglich, vornehmlich ich, derich noch einen wunden Fuß von einem Fall vorwenig Tagen hatte, welches mir die groͤßten |75| Schmerzen verurſachte, da man auf dieſem We-ge alle Augenblick an einen ſpitzen Stein ſtieß,und nicht vorſichtig genug gehen konnte. LaCondamine hat den Tſchimboraſſo an 3217 Toi-ſen hoch gefunden. Meine, zweimal angeſtellte,trigonometriſche Meſſung gab mir 3267; und ichdarf meinen Operazionen etwas trauen. Dieſerganze erſtaunenswuͤrdige Rieſenberg beſteht, wiealle hohe Berge der Anden, nicht aus Granit,ſondern vom Fuß bis zum Gipfel aus Porphyr,und der Porphyr hat 1900 Toiſen Dicke. Derkurze Aufenthalt in dieſer ungeheuren Hoͤhe,wozu wir uns hinaufgeſchwungen hatten, zeigtedie traurigſten Schreckbilder. Ein Winternebelumhuͤllte uns, woraus nur von Zeit zu Zeit diegrauſenvollſten Abgruͤnde in unſrer Naͤhe hervor-ſchimmerten. Kein beſeeltes Weſen, nicht ein-mal der Kondor, der auf dem Antiſana ſtetsuͤber unſern Haͤuptern ſchwebte, gab der Luft einLeben. Kleine Mooſe waren die einzigen orga-niſchen Geſtalten, die uns erinnerten daß wirnoch der bewohnten Erde angehoͤrten. Faſt mit Wahrſcheinlichkeit laͤßt ſich anneh-men, daß der Tſchimboraſſo, wie der Pichinchaund der Antiſana, volkaniſcher Natur iſt. DieBergreihe, auf welcher wir zu ihm hinaufſtie-gen, beſteht aus einem verbrannten und ver- |76|ſchlackten Felſen, mit Bimſtein gemiſcht; ſiegleicht allen Lavaſtroͤmen dieſes Landes, undgeht, noch uͤber den Punkt wo wir innezuhaltengenoͤthigt wurden, hinauf zur Spitze des Ber-ges. Es iſt moͤglich, es iſt ſelbſt wahrſcheinlich,daß dieſe Spitze der Krater eines erloſchnen Vol-kans ſei. Aber der Gedanke bloß dieſer Moͤg-lichkeit erregt ein gerechtes Schaudern. Denn,wenn dieſer Volkan ſich wieder entzuͤndete, ſomuͤßte ein ſolcher Koloß die ganze Provinz ver-nichten. Der Berg Tunguragua hat ſeit dem Erd-beben 1797 an Hoͤhe verloren. Bouguer giebtihm 2650 Toiſen, ich fand nur 2530. Folglichhat er uͤber 100 T. eingebuͤßt. Auch verſicherndie Einwohner, vor ihren Augen ſeine Spitzedurch die Erſchuͤtterung niederſtuͤrzen geſehn zuhaben.
  • Das Ende dieſes wichtigen Aufſatzes folgt ſo-gleich im naͤchſten Stuͤck. Er lief zu ſpaͤtein, um itzt ganz geliefert werden zu koͤnnen,da vier Bogen des gegenwaͤrtigen Stuͤcksſchon gedruckt waren; aber er iſt zu merk-wuͤrdig, als daß nicht wenigſtens ſeine groͤ-ßere Haͤlfte augenblicklich mitgetheilt wuͤrde.Was in dem Briefe folgt, betrift die ur-ſpruͤnglichen Voͤlker jenes Welttheils, undihre Kenntniſſe und Kuͤnſte; ein Gegenſtand, |77| der meiſt noch unbekannter iſt, als die Laͤnder welche ſie bewohnen, und die große Naturbeſchaffenheit derſelben.
|81|

Beſchluß der neueſten Reiſeberichtedes Herrn Oberbergraths vonHumboldt.(Man ſ. Julius Nr 5.)

Zu Riobamba [ſuͤdwaͤrts von Quito, auf demWege nach Lima] brachten wir einige Wochenzu, bei einem Bruder Karls von Montufar un-ſers Reiſegefaͤhrten [Julius, S. 74, 72; 68],welcher daſelbſt Korregidor [Koͤnigl. Magiſtrats-perſon] iſt. Hier verſchafte uns das Ungefaͤhreine hoͤchſt merkwuͤrdige Entdeckung. Der Zu-ſtand der Provinz Quito, ehe der Inka Tupayu-pangi *) ſie eroberte, iſt noch durchaus unbe-
*) Oder Tupak Yupanki. Er war der elfte Inkavon Perù, in der von Manko Kapak begonne-
|82| kannt. Aber der Indianiſche Koͤnig, LeandroZapla, welcher zu Likan wohnt, und fuͤr einenIndianer ungemein gebildet iſt, beſitzt Hand-ſchriften von einem ſeiner Vorfahren aus dem16ten Jahrhundert verfaßt, welche die Geſchichte jener Begebenheiten enthalten. Sie ſind in derPuruguay-Sprache geſchrieben. Dies war ehe-dem die allgemeine Sprache in Quito, die nach-her der Inka- oder Quichua-Sprache gewichen,und itzt voͤllig untergegangen iſt. Gluͤcklicherweiſe fand ein andrer Ahnherr Zapla’s Vergnuͤ-gen daran, dieſe Memoiren ins Spaniſche zuuͤberſetzen.
Wir haben aus ihnen ſchaͤtzbare Nachrich-
nen Reihe. Wenn Robertſon das KoͤnigreichQuito durch Huana (oder Huayna) Kapak er-obern laͤßt, ſo macht das keinen Unterſchied;denn dieſer war der Sohn und Nachfolger Tu-payupangis, und als Prinz, wirklich der Heer-fuͤhrer der Truppen ſeines Vaters gegen Quito.Er regierte hernach, und ſtarb, als der zwoͤlfteInka. Seine Soͤhne theilten: Huaskar bekamPerù, Atahualpa aber Quito. Der Letzte be-kaͤmpfte und beſiegte den Erſteren; doch ohneGewinn. Denn itzt brachen die Spanier un-ter Pizarro ein, 1530, und eroberten bald dasganze Reich. B.
|83| ten geſchoͤpft: vornehmlich uͤber die merkwuͤrdigeEpoche der Erupzion des ſogenannten Nevadodel Altar [Schnee- oder Eisfeld des Altars],welches der groͤßte Berg der Welt geweſen ſeinmuß, hoͤher als der Tſchimboraſſo, und der beiden Indianern Kapa-urku (Haupt der Berge)hieß. Zu der Zeit regierte Uainia Abomatha,der letzte unabhaͤngige Kochokando (Koͤnig) desLandes, zu Likan. Die Prieſter offenbarten ihmdie ungluͤckſchwangere Bedeutung dieſer Kata-ſtrophe. „Der Erdball, ſagten ſie, veraͤndertſeine Geſtalt; andre Goͤtter werden kommen,und die unſrigen vertreiben. Laß uns dem Ge-heiß des Schickſals nicht widerſtreben!“ Wirk-lich fuͤhrten die Peruaner den Sonnendienſt[ſtatt der alten Religion] ein *). Der Ausbruch
*) Sonderbarer weiſe war (man ſ. Ulloa Rela-cion h. del Viage .. part. 1, tom. 2, n. 746,p. 421) auch 1533 bei der Spaniſchen Erobe-rung des Koͤnigreichs Quito, welche dem Landewiederum neue Herren und neue Goͤtter gab,ein fuͤrchterlicher Ausbruch des Volkans Koto-paxi (ſo, die dritte Silbe mit einem a ſchreibt Ulloa). Die hiedurch bewirkte phyſiſche und mo-raliſche Erſchuͤtterung befoͤrderte vorzuͤglich dieFortſchritte der Europaͤer. Denn das Volkhing mit ſo feſtem Glauben an die alte Weißa-
|84| des Volkans dauerte 7 Jahre, und die Hand-ſchrift Zapla’s laͤßt die Aſche zu Likan ſo dichtund haͤufig regnen, daß eine ſiebenjaͤhrige ſteteNacht dort geweſen ſei. Wenn man in derEbene von Tapia die Menge der volkaniſchenMaterie, um den ungeheuren damal eingeſtuͤrz-ten Berg [itzt ſteht er, wie zerriſſen, mit zweinoch immer maͤchtig hohen Spitzen da], betrach-tet; wenn man bedenkt, daß der Kotopoxi mehr-mal Quito in 15- bis 18ſtuͤndige Finſterniß einge-huͤllt hat; ſo muß man einraͤumen, daß die Ue-bertreibung wenigſtens nicht gar zu unmaͤßig war.
Dieſes Manuſkript, und die Sagen die ichin Parima ſammelte, und die Hieroglyphen dieich in der Wuͤſte des Kaſiquiari ſah, wo gegen-waͤrtig keine Spur von Menſchen zu finden iſt:Alles dies, nebſt Clavigero’s Nachrichten uͤber dieWanderungen der Mexikaner in das ſuͤdliche Ame-rika *), hat mich auf Ideen uͤber den Urſprung
gung: ein ſolches Naturereigniß bedeute denVerluſt des Landes an einen fremden Sieger;daß es allen Muth zur Vertheidigung verlor. B. *) Die Landſchaft Parima iſt die Gegend umden Fluß gleiches Namens, welcher ſich in den Orinoko ergießt; man ſ. Junius 1802 S. 454.Daß unſer Landsmann den großen Orinoko
|85| dieſer Voͤlker geleitet, die ich zu entwickeln ge-denke, ſobald mir Muſſe dazu wird.
Das Studium der Amerikaniſchen Sprachen hat mich ebenfalls ſehr beſchaͤftigt, und ich habegefunden wie falſch La Condamine’s Urtheil uͤberihre Armuth iſt. Die Karibiſche Sprache z. B.verbindet Reichthum, Anmuth, Kraft, und Zart-heit. Es fehlt ihr nicht an Ausdruͤcken fuͤr ab-ſtrakte Begriffe: ſie kann von Zukunft, Ewig-keit, Exiſtenz u. ſ. w. reden; und hat Zahlwoͤr-ter genug, um alle moͤgliche Kombinazionen un-ſrer Zahlzeichen anzugeben. Vorzuͤglich lege ichmich auf die Inkaſprache; ſie iſt die gewoͤhnliche
oͤfter und weiter beſchift und genauer unter-ſucht hat als irgend ein Europaͤer, wiſſen wiraus ſeinen fruͤhern Berichten. Auch vom Ka-ſikiarifluß ſ. man 1802 Junius S. 441, unddie Anmerkung S. 453. — Des Abtes DonFranceſco Saverio Clavigero Storia anticadel Meſſico, Ceſena 1780 und 1781, vier Quart-baͤnde, iſt ein wichtiges Werk. Es nimmt Wun-der, daß Hr Camus in Paris dies bei uns ſeitlange bekannte Buch nie ſelbſt hat ſehen koͤn-nen, laut ſeines Mémoire ſur les Collectionsde Voyages (1802, 4.), S. 333, und es nuraus Meuſels Bibl. hiſt., mit einem tuͤchtigenSchreibfehler, anfuͤhrt. B.
|86| hier [zu Quito, Lima, u. ſ. w.] in der Geſell-ſchaft: und iſt ſo reich an feinen und mannichfa-chen Wendungen, daß die jungen Herren, umden Damen Suͤßigkeiten vorzuſagen, gemeinig-lich Inka zu ſprechen anfangen, wann ſie denganzen Schatz des Kaſtiliſchen erſchoͤpft haben.
Dieſe zwei Sprachen, und einige andregleich reiche, koͤnnten allein genuͤgen ſich zu uͤber-zeugen, daß Amerika einſt eine weit hoͤhere Kul-tur beſaß als die Spanier 1492 dort fanden.Aber ich habe dafuͤr noch ganz andre Beweiſe.Nicht bloß in Mexiko und Perù, ſondern aucham Hofe des Koͤnigs von Bogota (ein Land,deſſen Geſchichte man in Europa gar nicht kennt,und deſſen Mythologie und fabelhafte Sagenſelbſt ſchon hoͤchſt intereſſant ſind), verſtandendie Prieſter eine Mittagslinie zu ziehen, undden Augenblick des Solſtiziums zu beobachten;ſie verwandelten das Mondjahr in ein Son-nenjahr, durch Einſchaltungen: und ich beſitzeeinen ſiebeneckigen Stein, der zu Sta Fe gefun-den iſt, und der ihnen zur Berechnung dieſerSchalttage diente. Noch mehr! zu Erivaro imInnern der Landſchaft Parima glauben die Wil-den, daß der Mond bewohnt iſt, und wiſſendurch Tradizion von ihren Vaͤtern, daß er ſein |87| Licht von der Sonne hat *).Von Riobamba ging mein Weg, uͤber den
*) Mit Recht achtet man auf die Sagen und dieMythologieen der Voͤlker, wenn ſie mit derwirklichen Natur uͤbereinſtimmen, und ſich da-durch als hiſtoriſche Ueberlieferungen bewaͤhren.So wird als ein wichtiges Faktum angemerkt,daß (in Griechenland und anderswo) Ueber-ſchwemmungen, Verſenkung und Erhebung vonBergen, Entſtehung von Inſeln, Durchbruͤchedes Meers, Spaltung der Laͤnder, kurz Zerruͤt-tung und Umwandlung des Erdballs, geradewo auch die Geologie darauf fuͤhrt, ſich in denErzaͤhlungen alter Voͤlker finden. — Darf manmit Nachrichten aus ſolcher Quelle ſich auchin die Planetenwelt wagen? Koͤnnen neueHimmelskoͤrper entſtanden ſein, die auf denfruͤher gebildeten und ſchon bewohnten Erdballeinen nachtheiligen Einfluß aͤußerten? DieOgygiſche Fluth ſoll durch eine Veraͤnderungdes Venusſterns bewirkt ſein. Die Ahnen derArkader ſollen vor der Sichtbarwerdung desMondes gelebt haben. Auch die Suͤdamerika-ner, welche durch Tradizion die Planetennaturunſers Trabanten ſo gut kennen, ſprechen inihren Mythologieen von einem Kriege des Mondsmit der Sonne, und von den Zerſtoͤrungen, dieer als das boͤſe Prinzip (bei ſeiner erſten Er-ſcheinung?) in ihrem Lande hervorgebracht hat:Junius 1802, S. 449. B.
|88| beruͤhmten Paramo *) des Aſſuay, nach Cuenca. Doch beſuchte ich vorher das große Schwefel-werk zu Tiskan. Dieſen Schwefelberg wolltendie rebellirenden Indianer, nach dem Erdbebenvon 1797, in Brand ſtecken. Gewiß der ſchreck-lichſte Plan, den je die Verzweiflung eingab!denn ſie hoften, auf die Art einen Volkan her-vorzubringen, der die ganze Provinz Alauſſi vernichtet haͤtte.
Auf dem Paramo von Aſſuay, in einer Hoͤ-he von 2300 Toiſen, ſind die Ruinen des praͤch-tigen Inka-Weges. Dieſe Straße laͤuft faſtbis nach Kusko, iſt ganz aus behauenen Steinenaufgefuͤhrt, und ſchnurgerade: ſie gleicht denſchoͤnſten Wegen der alten Roͤmer. In derſel-ben Gegend liegen auch die Ruinen des Pal-laſtes des Inka Tupayupangi, welche La Con-damine in den Memoiren der Berliner Akade-mie beſchrieben hat **). Man ſieht annoch indem Felsbruch, welcher die Steine dazu gelie-fert hat, mehrere halbbearbeitete. Ich weiß nicht,ob Condamine auch von dem ſogenannten Billard
*) Man ſ. Julius S. 65. B. **) Jahrgang 1746, S. 435 bis 456, mit einemKupferblatt. Das nachher genannte Billardiſt dort nicht erwaͤhnt. B.
|89| des Inka ſpricht. Die Indianer nennen denPlatz in der Quichuaſprache Inka-chungana (desInka Spiel); allein ich zweifle daß er dieſe Be-ſtimmung hatte. Es iſt ein Kanape, in denFelſen gehauen, mit Arabesken-aͤhnlichen Ziera-ten, worin, wie man glaubt, die Kugel lief.Unſre Engliſchen Gaͤrten haben nichts Elegante-res aufzuweiſen. Der richtige Geſchmack desInka leuchtet uͤberall hervor; der Sitz iſt ſo ge-ſtellt, daß man eine entzuͤckende Ausſicht genießt.Nicht weit von da, in einem Gehoͤlz, findet maneinen runden Fleck gelben Eiſens in Sandſtein.Die Peruaner haben die Platte mit Figuren ge-ziert: denn ſie glaubten, daß ſie die Sonne ab-bilde *). Ich habe eine Zeichnung davon ge-nommen.
Wir blieben nur 10 Tage zu Kuenka, undbegaben uns von da nach Lima; durch die Pro-vinz Jaen, wo wir in der Naͤhe des Amazonen-fluſſes einen Monat zubrachten. In Lima ka-men wir d. 23 Oktober 1802 an. Ich gedenke von hier im Dezember nach Akapulko, und von da nach Mexiko zu gehen,
*) Dies Monument (der Kunſt, oder Natur?)war alſo aͤlter, als der Peruaner Eroberungdieſer Gegend. B.
|90| um im Mai 1803 in Havana zu ſein. Da wer-de ich mich ohne Verweilen nach Spanien ein-ſchiffen. — Ich habe, wie Du ſiehſt, den Ge-danken aufgegeben uͤber die Philippinen zuruͤckzu kehren. Ich haͤtte eine ungeheure Seereiſegemacht, ohne etwas anders zu ſehen als Ma-nilla und das Kap; oder haͤtte ich Oſtindien be-ſuchen wollen, ſo wuͤrde es mir an dem wasich zu dieſer Reiſe brauchte, gefehlt haben, daich es mir hier nicht verſchaffen kann.