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Alexander von Humboldt: „Briefe des Herrn Oberbergraths von Humboldt“, in: ders., Sämtliche Schriften digital, herausgegeben von Oliver Lubrich und Thomas Nehrlich, Universität Bern 2021. URL: <https://humboldt.unibe.ch/text/1803-Copie_d_une-14> [abgerufen am 05.02.2023].

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https://humboldt.unibe.ch/text/1803-Copie_d_une-14
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Titel Briefe des Herrn Oberbergraths von Humboldt
Jahr 1803
Ort Berlin; Stettin
Nachweis
in: Neue Berlinische Monatschrift 10 (Oktober 1803), S. 241–272.
Postumer Nachdruck
Humboldt. Correspondance inédite scientifique et littéraire, herausgegeben von Jean Bernard Marie Alexandre Dezos de La Roquette, 2 Bände, Paris: E. Ducrocq 1865/1869, Band 1, S. 149-16 1 [Brief vom 25.11.1802 an Delambre].

Lettres américaines d’Alexandre de Humboldt (1798–1807), précédées d’une Notice de J.–C. Delamétherie et suivies d’un choix de documents en partie inédits, publiés avec une introduction et des notes par le E.T. Hamy, Paris [1905], S. 139–147 [Brief vom 25.11.1802 an Delambre] und 154–156 [Brief vom 29.4.1803 an Willdenow] [frz. Übersetzung].

Alejandro de Humboldt. Cartas americanas. Compilación, prólogo, notas y cronología Charles Minguet. Traducción Marta Traba, Caracas 1980, S. 100–105 [Brief vom 25.11.1802 an Delambre] und S. 112–113 [Brief vom 29.4.1803 an Willdenow] [span. Übersetzung].

Alexander von Humboldt, Briefe aus Amerika 1799–1804, herausgegeben von Ulrike Moheit, Berlin: Akademie 1993, S. 199–207 [Brief vom 25.11.1802 an Delambre] [nach Briefmanuskript] und 229–230 [Brief vom 29.4.1803 an Willdenow].
Sprache Deutsch
Schriftart Fraktur
Identifikation
Textnummer Druckausgabe: II.17
Dateiname: 1803-Copie_d_une-14
Statistiken
Seitenanzahl: 32
Zeichenanzahl: 37632
Bilddigitalisate

Weitere Fassungen
Copie d’une lettre de M. Humboldt, adressée au C. Delambre, l’un des secrétaires perpétuels de l’Institut national (datée de Lima le 25 novembre 1802) (Paris, 1803, Französisch)
Auszug aus einem Briefe des Hrn. Alexander von Humboldt an Hrn. Delambre (Weimar, 1803, Deutsch)
Letter from M. Humboldt to C. Delambres, one of the perpetual Secretaries of the National Institute (London, 1803, Englisch)
Copie d’une lettre lue à la classe des sciences physiques et mathématiques de l’Institut national. Alexandre Humboldt au citoyen Delambre, secrétaire perpétuel de l’Institut national (Paris, 1803, Französisch)
Copie d’une lettre lue à la Classe des Sciences physiques et mathématiques de l’Institut national. Alexandre Humboldt, au cit. Delambre, Secrétaire perpétuel de l’Institut national (Paris, 1803, Französisch)
Alexandre Humboldt au Citoyen Delambre, Secrétaire perpétuel de l’Institut National (London, 1803, Französisch)
Kurzer Auszug aus Hrn. Alexand. v. Humboldt’s Brief (aus Lima vom 25 Nov. 1802) an B. Delambre zu Paris (Weimar, 1803, Deutsch)
Schreiben Alexanders v. Humbold, an den B. Delambre, immerwährenden Sekretär des National-Instituts, Lima, vom 25 Nov. 1802 (Ulm, 1803, Deutsch)
Copy of a letter read in the class of physical and mathematical sciences. Alexander Humboldt to Citizen Delambre, Perpetual Secretary of the National Institute. From Lima, the 25th November, 1802 (London, 1803, Englisch)
Extrait d’une lettre d’Alexandre Humboldt au C. Delambre, secrétaire-perpétuel de l’institut national (Brüssel, 1803, Französisch)
Letter from M. Humboldt to M. Delambre, relative to his Travels in South America (London, 1803, Englisch)
Copie d’une lettre de M. Humboldt, adressée au citoyen Delambre, l’un des secrétaires perpétuels de l’Institut national (datée de Lima le 25 novembre 1802) (Paris, 1803, Französisch)
Brief van Alexander v. Humbold aan den B. Delambre, Aanhoudenden Geheimschryver van het Nat. Institut te Parys (Haarlem, 1803, Niederländisch)
Briefe des Herrn Oberbergraths von Humboldt (Berlin; Stettin, 1803, Deutsch)
Brief des Herrn von Humboldt an Delambre, beständigen Secretär des Instituts (Leipzig, 1803, Deutsch)
A letter from Baron Humboldt to a member of the National Institute at Paris (Philadelphia, Pennsylvania, 1804, Englisch)
[Copie d’une lettre de M. Humboldt, adressée au citoyen Delambre, l’un des secrétaires perpétuels de l’Institut national (datée de Lima le 25 novembre 1802)] (London, 1805, Englisch)
|241|

Briefe des Herrn Oberbergraths von Humboldt.

Den juͤngſten Brief unſers beruͤhmten Lands-mannes Alexander von Humboldt , aus Lima d.25 November 1802 an ſeinen Herrn Bruder ge-richtet, hat das Publikum im Julius- und Au-guſtheft dieſer Monatſchrift geleſen. An dem-ſelben Tage hat aber Hr von H. auch nachParis an Hrn Delambre, einen der beſtaͤndigenSekretaͤre des Nazional-Inſtituts der Wiſſen-ſchaften, geſchrieben. Dies Schreiben iſt in demjuͤngſten Heft der — hier zu wenig bekannten — Annales du Muséum national d’Histoirenaturelle (S. 170 folgg.) abgedruckt. Es be-ruͤhrt viele Gegenſtaͤnde, von welchen in demzuerſt erwaͤhnten Schreiben durchaus nichts vor-koͤmmt. Es liefert die anſchaulichſten Beweiſenicht allein von der beharrlichen raſtloſen Thaͤ-tigkeit des Hrn von H., ſondern auch von deruͤberaus großen Mannichfaltigkeit der Objekte, |242| welche dieſer Reiſende ſeiner Pruͤfung hat un-terwerfen koͤnnen; und dient dabei zur vollenUeberzeugung, wie wenig es die Schuld desHrn von H. war, daß ſeine beabſichtigte Ver-einigung mit der Expedizion des Kapitaͤns Bau-din unterblieb. In dieſer Hinſicht habe ich, demWunſche des Hrn Herausgebers dieſer Monat-ſchrift zufolge, fuͤr ihre Leſer eine Ueberſetzungdes Briefes entworfen, und durch einige Anmer-kungen *) zur allgemeinern Verſtaͤndlichkeit deſſel-ben beizutragen geſucht. Berlin, d. 23 Auguſt 1803. Karſten.

An Hrn Delambre in Paris. Lima, d. 25 November 1802.

Ich komme aus dem Innern des Landes, meinverehrungswerther Freund, wo ich auf einergroßen Ebene Verſuche uͤber die kleinen ſtuͤnd-
*) Dieſe Anmerkungen des Hrn G. O. B. Raths Karſten ſind mit den Buchſtaben des lateini-ſchen Alphabets bezeichnet, zur Unterſcheidungder paar kleinen von mir hinzugefuͤgten. Ichhabe dieſe nicht mit Nachweiſungen auf denangefuͤhrten letzten Brief, Julius Nr 5 undAuguſt Nr 1, und die dort befindlichen Anmer-kungen, vermehren wollen, weil dieſe Heftenoch wohl den Leſern im Gedaͤchtniß oder nahezur Hand ſind. B.
|243| lichen Abweichungen der Magnetnadel a) ange-ſtellt habe, und hoͤre leider daß die Fregatte As-tigarraga, welche erſt in 14 Tagen von hier gehenwollte, ihre Abfahrt ſo beſchleunigt, daß ſie ſchonin dieſer Nacht unter Segel zu gehn gedenkt.Dies iſt die erſte Gelegenheit welche wir, indem einſamen Suͤdmeer, ſeit fuͤnf Monatennach Europa haben; aber Mangel an Zeit macht
a) Die Magnetnadel dreht ſich bekanntlich, freiund wagerecht aufgehaͤngt, von ſelbſt ſo, daßihre eine Spitze nach Mitternacht, die andereentgegengeſetzte nach Mittag zeigt. Dies ge-ſchieht aber nicht ganz genau, ſondern mit eini-ger Abweichung nach Morgen und Abend, inden mehreſten Laͤndern. Nur vom WeißenMeere an, geht durch (Aſien) das ſuͤdliche Sinaund die Philippinen eine Linie wo die Magnet-nadel genau den Nord- und Suͤdpunkt angiebt.Indeß hat man anderwaͤrts gefunden, daß dieAbweichung nicht nur auf den verſchiednenPunkten der Erde verſchieden, ſondern daß ſieauch ſelbſt an einerlei Beobachtungsorte zuverſchiedenen Zeiten, und oft ſogar ſtuͤndlich,veraͤnderlich iſt. Fuͤr die Seefahrer iſt es ſehrwichtig, das Geſetz der Abweichung genau zuerforſchen; und deshalb ſind in Paris ſchonſeit dem J. 1550 Beobachtungen daruͤber an-geſtellt.
|244| es mir unmoͤglich, an das Nazional-Inſtitut,meiner Pflicht gemaͤß, zu ſchreiben, da ich vonDemſelben mit den ruͤhrendſten Beweiſen ſeinesAntheils und ſeines Wohlwollens beehrt wordenbin. Wenige Tage vor meiner Abreiſe von Quitonach Jaen und dem Amazonenfluſſe, empfingich das Schreiben vom 2 Pluvioſe des J. 9,welches dieſe beruͤhmte Sozietaͤt, durch Ihre Fe-der, an mich erlaſſen hat. Dieſer Brief iſt zweiJahre unterwegs geweſen, eh er mich in denKordilleren angetroffen hat. Ich erhielt ihn amTage nach meiner Zuruͤckkunft von einer zwei-ten Expedizion, die ich nach dem Pichincha ge-macht hatte, um ein Voltaiſches Elektrometerdort mit hinzunehmen, und den Krater dieſesBerges zu meſſen, deſſen Diameter ich 752 Toi-ſen fand, und folglich mehr denn doppelt ſo großals den nur 312 Toiſen weiten Krater des Ve-suvs. Hiebei fiel mir ein, daß La Condamine und Bouguer auf dem Gipfel des Guagua-Pichincha, wo ich oft geweſen bin, und den ichals klaſſiſchen Boden liebe, ihren erſten Briefvon der vormaligen Akademie erhielten; daherich mir vorſtelle daß den Phyſikern — si ma-gna licet componere parvis b) — ein gluͤck-
b) „Wenn ich mich mit jenen großen Maͤnnernvergleichen darf“: iſt hier der Sinn dieſes
|245| licher Stern auf dem Pichincha ſtralt. Wieſoll ich Ihnen die Freude ausdruͤcken, mit wel-cher ich dies Schreiben des N. I. und die wie-derholten Verſicherungen Ihres Andenkens ge-leſen habe? Wie ſuͤß iſt das Bewußtſein, daßman denen im Gedaͤchtniß ſchwebt, deren Arbei-ten unaufhoͤrlich die Fortſchritte des menſchlichenGeiſtes beſchleunigen! In den wuͤſten Ebenendes Apure c), in den dicken Waͤldern des Kaſi-guiara und Orinoko d): uͤberall ſind Ihre Na-men mir gegenwaͤrtig geweſen; und wenn ichdie verſchiedenen Epochen meines unſtaͤten Lebensdurchlief, ſo weilte ich genußvoll bei dem Jahre
zum Sprichwort gewordenen Virgiliſchen Halb-verſes.c) Auf dieſem kleinen Fluſſe ſchifte Hr von H.ſich zur Expedizion nach dem Orinoko ein. Manſ. 1802 Junius S. 441.d) Aus der Anmerkung des aͤlteren Hrn von Hum-boldt (S. 454 am ang. Ort dieſer Monatſchr.)wird man ſich erinnern, daß der Kaſiguiaraden Orinoko mit dem Schwarzen Fluß (Rio ne-gro) verbindet, und letzterer in den Amazonen-fluß faͤllt. Dieſe bedeutende, und neuerlichbeſtrittene, Waſſerkommunikazion iſt auf der1785 bei Zatta in Venedig verlegten Karte vonTierra Firme ſehr anſchaulich zu ſehen.
|246| 6 und 7, wo ich mitten unter Ihnen lebte, wodie Laplace, Fourcroy, Vauquelin, Guyton, Chaptal, Juſſieu, Desfontaines, Hallé, Lalande, Prony, und vorzuͤglich Sie, mein edler und ge-fuͤhlvoller Freund, mich in den Ebenen von Li-eurſaint *) mit Guͤte uͤberhaͤuften. EmpfangenSie insgeſammt die Verſicherung meiner inni-gen Anhaͤnglichkeit, und meiner fortdaurendenErkenntlichkeit.
Lange vor Ankunft Ihres erwaͤhnten Schrei-bens, habe ich nach und nach drei Briefe an diephyſikaliſche und mathematiſche Klaſſe des In-ſtituts abgeſendet. Zwei davon ſchrieb ich zuSanta-Fé de Bogota, und fuͤgte eine Arbeituͤber die Cinchona e) bei: nehmlich Proben derRinde von 7 Arten, illuminirte Zeichnungenvon dieſen Pflanzen, und Zergliederungen ihrerin der Laͤnge der Staubfaͤden ſo abweichendenBluͤthen, auch ſorgfaͤltig aufgetrocknete Exem-plare. Doktor Mutis, welcher mir tauſend Freund-ſchaftsdienſte erzeigt hat, und dem zu Liebe ich
*) Dies iſt der Namen eines in der Naͤhe vonParis, auf dem Wege nach Melun, liegendenDorfes, wo Hr Delambre wahrſcheinlich einenSommerwohnſitz hatte.e) Saͤmmtliche Arten dieſer Pflanzengattung lie-fern die allgemein bekannte Fieber-Rinde.
|247| 40 Tage lang den Fluß f) hinauf gefahren bin,hat mir an hundert praͤchtige Zeichnungen inFolio, von neuen Gattungen und Arten, ausſeiner ungedruckten Flora von Bogota zum Ge-ſchenk gemacht. Ich glaubte, dieſe fuͤr die Bo-tanik eben ſo intereſſante, als in Anſehung derSchoͤnheit der Farben merkwuͤrdige *) Samm-lung koͤnne in keinen beſſeren, als in den Haͤn-den eines Juſſieu, Lamark und Desfontaines ſein;daher ich ſie dem Nazionalinſtitut als ein gerin-ges Merkmaal meiner Ergebenheit uͤberſandt habe.Sie iſt mit den Cinchona-Arten gegen den Junidieſes Jahres nach Kartagena (de las Indias)abgegangen, und Dr Mutis ſelbſt hat die Be-foͤrderung nach Paris beſorgt. Ein dritter an
f) Den Magdalenenfluß, welcher oberhalb SantaFé entſpringt, und ſich in den MexikaniſchenMeerbuſen ergießt.*) Vielleicht iſt hier, ſchon wegen des NamensDoktor, und der Erwaͤhnung der vortreflichenMalerei, der juͤngere Matis, nicht der ehrwuͤr-dige Greis Mutis, gemeint. Das Originalhat mehr unrichtige Lesarten, wie bei Fran-zoſen in auslaͤndiſchen Namen gewoͤhnlich iſt.Von dem Botaniker Matis redet Hr von H.auch in ſeinem zweiten ſpaͤteren Briefe, derhinten folgt.
|248| das Inſtitut gerichteter Brief iſt, von Quitoaus, mit einer geologiſchen Sammlung der Stein-arten vom Pichincha Kotopaxi und Tſchimboraſſoabgeſchickt worden. Wie betruͤbt iſt es, daßwir uͤber die Ankunft dieſer Sendungen in einereben ſo traurigen Ungewißheit bleiben als uͤberdie Sammlungen von ſeltenen Saͤmereien, wel-che wir vor 3 Jahren dem Jardin des Plan-tes g) in Paris uͤbermacht haben.
Die wenige Muße welche mir heut uͤbrigbleibt, geſtattet mir nicht Ihnen eine Schilde-rung meiner Reiſen und Beſchaͤftigungen, ſeitwir den Schwarzen Fluß verlaſſen haben, zu ent-werfen. Sie wiſſen, daß wir auf Havanah diefalſche Nachricht der Abfahrt des Kapitaͤns Bau-din nach Buenos Ayres h) erhielten. Ich habedes geleiſteten Verſprechens, mich mit ihm woich nur koͤnnte zu vereinigen, eingedenk, und in
g) Ich moͤgte dieſen Ausdruck hier lieber wie ein nomen proprium ſtehen laſſen, als ihn durch Botaniſchen Garten uͤberſetzen; weil ſich indemſelben das ganze große Inſtitut fuͤr alleReiche der Naturgeſchichte befindet. Urſpruͤng-lich war es bloß dem Pflanzenſtudium gewid-met.h) Er hatte bekanntlich Hrn von H. zu Akapulko an der Suͤdſeekuͤſte aufnehmen wollen.
|249| der Ueberzeugung, daß es nuͤtzlicher fuͤr die Wiſ-ſenſchaften ſein wuͤrde, wenn ich den Arbeitender Naturkundigen, welche im Gefolge des Kap. Baudin reiſen, die meinigen zugeſellte, keinenAugenblick angeſtanden: ich gab den kleinenRuhm auf, eine eigene Expedizion zu beendigen,und miethete ſogleich ein Fahrzeug zu Bataban um nach Kartagena zu ſegeln. Dieſe kurze Fahrtward durch Stuͤrme uͤber einen Monat verlaͤn-gert; in der Suͤdſee, wo ich den Kap. Baudin zu finden rechnen konnte, war die Zeit der be-ſtimmten Winde (brises) vorbei, und ich un-ternahm die muͤhſelige Reiſe uͤber Honda, Iba-gua, das Gebirge Quindin *), Popayan, undPaſtos, nach Quito. Meine Geſundheit wider-ſtand fortdaurend auf bewundernswuͤrdige Weiſedem Wechſel der Temperatur, welchem man aufdieſem Wege ausgeſetzt iſt, da man taͤglich vonSchneefeldern die 2460 Toiſen uͤber das Meererhaben ſind, in brennende Thaͤler hinabſteigt,wo das Reaumurſche Thermometer nicht unter26 oder 24 Grade faͤllt. Mein Reiſegefaͤhrte Bompland, durch deſſen Kenntniſſe, Unerſchroc-kenheit, und außerordentliche Thaͤtigkeit, mir
*) Wir laſen dieſen Namen in den hieher gekom-menen Briefen Quiridiu. ri und u kann leichtmit n verwechſelt werden.
|250| in den Unterſuchungen der Botanik und der ver-gleichenden Anatomie die groͤßte Huͤlfe zu Theilgeworden iſt, hat zwei Monate lang am drei-taͤgigen Fieber gelitten. Die Regenzeit uͤberfieluns an einer ſehr kritiſchen Stelle, auf demPlateau von Paſtos; und nach einer achtmo-natlichen Reiſe, erfuhren wir bei der Ankunft inQuito, daß Kapitaͤn Baudin ſeinen Weg vonWeſten nach Oſten uͤber das Vorgebirge der gu-ten Hofnung genommen habe. An Unfaͤlle ge-woͤhnt, fanden wir Troſt in dem Gedanken,daß wir, um des Guten willen, ſo große Auf-opferungen gemacht hatten. Sahen wir auf un-ſre Herbarien, unſere barometriſchen und geo-detiſchen Meſſungen, auf unſre Zeichnungen,und die mit der Luft der Kordilleren angeſtelltenVerſuche; ſo brauchten wir es nicht zu bedauren,daß wir einen Erdſtrich durchwandert hatten,welcher groͤßtentheils zuvor nie von Naturkuͤn-digern betreten ward. Wir fuͤhlten, daß derMenſch nur auf das rechnen darf, was er durchſeine eigene Energie bewirkt.
Die Provinz Quito, die hoͤchſte Gebirgs-ebene unſers Erdballs, welche durch die großeKataſtrophe vom 4 Februar 1797 zerwuͤhlt wor-den iſt, bot uns ein weites Feld zu phyſiſchenBeobachtungen dar. Dort haben die ungeheu- |251| ren Volkane, deren Flammen oft 500 Toiſenhoch emporlodern, nie einen Tropfen fließenderLava hervorzubringen vermogt; Waſſer, geſchwe-feltes Waſſerſtofgas, Schlamm, und kohlenſaureThonerde i), ſpeien ſie aus. Seit 1797 iſt die-ſer ganze Welttheil in Bewegung: alle Augen-blicke erleiden wir fuͤrchterliche Erſchuͤtterungen;und das unterirdiſche Getoͤſe in den Ebenenvon Riobamba iſt als wenn ein Berg unter un-ſern Fuͤßen einſtuͤrzte. Die atmoſphaͤriſche Luft,und die mit Feuchtigkeit angeſchwaͤngerten Erd-arten (alle dieſe Volkane befinden ſich in einemverwitterten Porphyr), ſcheinen die großen Werk-zeuge dieſer Verbrennungen und unterirdiſchenGaͤhrungen zu ſein. Bis itzt glaubte man zu Quito, daß derMenſch nicht weiter als bis zu einer Hoͤhe von2470 Toiſen in der verduͤnnten Luft ausdaurenkoͤnne. Im Maͤrz 1802 brachten wir einige Ta-ge in den großen Ebenen zu, welche den Vol-kan Antiſana 2107 Toiſen hoch umgeben, wodie Stiere, wenn man ſie jagt, haͤufig Blutauswerfen. Den 16 Maͤrz entdeckten wir einenWeg uͤber den Schnee: eine ſanfte Berglehne,
i) Von dieſer zuletzt erwaͤhnten Miſchung hatnoch kein Beobachter brennender Volkane et-was angefuͤhrt.
|252| auf welcher wir bis zu einer Hoͤhe von 2773Toiſen hinanſtiegen. Hier enthielt die Luft \( \frac{8}{1000} \) Kohlenſtofſaͤure, \( \frac{218}{1000} \) Sauerſtof, und \( \frac{774}{1000} \) Stickſtof. Das Reaumuͤrſche Thermometer ſtandauf 15 Grad; es war im mindeſten nicht kalt,aber das Blut drang uns aus den Augen undLippen. Das Lokal erlaubte nirgend anders mitder Bordaiſchen Bouſſole zu experimentiren, alsin einer tiefer liegenden Grotte, 2467 Toiſenuͤber dem Meer. Die magnetiſche Kraft ſtandhier in dem Verhaͤltniß von 230 zu 218 gegendie zu Quito bemerkte Intenſitaͤt, war alſo weitſtaͤrker; indeß darf man nicht vergeſſen, daßoft die Anzahl der Schwingungen (oscillations)zunimmt, wenn die Neigung (inclinaiſon) k)
k) Eine ſtaͤhlerne zweiarmige genau gearbeiteteNadel wird, wenn ſie im Mittelpunkte durch-bohrt und daſelbſt mittelſt einer Axe oder einesZapfens aufgehaͤngt iſt, eine voͤllig wagerechteStellung annehmen, ſobald ſie in Ruhe koͤmmt.Iſt ſie aber nachher gleichfoͤrmig magnetiſirt,ſo verliert ſie ſcheinbar ihr Gleichgewicht: dieeine Spitze erhebt ſich eben ſo viel uͤber die Ho-rizontalflaͤche, als ſich die entgegengeſetzte dar-unter ſenkt. Dies nennt man die Neigung der Magnetnadel. Sie wird nach Graden aneinem Vertikalkreiſe, auf Borda’s Inſtrument,
|253| abnimmt, und daß die Intenſitaͤt durch ſolcheGebirgsmaſſen verſtaͤrkt wird, wo der Porphyrauf den Magnet wirkt.
Bei der Beſteigung des Tſchimboraſſo, diewir den 23 Juni 1802 unternahmen, ergab ſich,daß mit ein wenig Geduld man eine noch groͤ-ßere Verduͤnnung der Luft ertragen kann. Wirkamen 500 Toiſen hoͤher als Condamine, deram Corazon *) war; und trugen die Inſtru-mente zum Tſchimboraſſo 3031 Toiſen hoch l) hinauf, wo das Barometer 13 Zoll 11 Linienund das Thermometer 1\( \frac{8}{10} \) Grad unter 0 zeigte.Die Lippen bluteten uns wiederum. Unſere In-dianer verließen uns, wie gewoͤhnlich. Der Buͤr-ger Bompland und Hr Montufar, ein Sohndes Markis de Selvalegre in Quito, bliebenallein bei mir. Wir fuͤhlten alle ein Mißbeha-
beſtimmt, und betraͤgt in der ſuͤdlichen Breiteunweit des Aequators zwiſchen 20 und 30, inunſerer Gegend aber uͤber 70 Grade. Je un-ruhiger die Nadel iſt, deſto haͤufiger ſinddie Schwingungen um ihre Axe in gleicherZeit, deſto ſtaͤrker alſo die Intenſitaͤt dermagnetiſchen Kraft, welche ſie belebt.*) Herz. Auszuſprechen: Koraßon. l) Der eben erwaͤhnte Corazon reicht nur 2500Toiſen uͤber die Meeresflaͤche.
|254| gen, eine Schwaͤche, eine Neigung zum Erbre-chen: welches ſicher eben ſowohl dem Mangelan Sauerſtof in dieſer Region, als der Ver-duͤnnung der Luft zugeſchrieben werden muß.Letztere enthielt, auf dieſer ungeheuren Hoͤhe,nicht mehr als \( \frac{20}{100} \) Sauerſtof m) (Gas). Einegraͤßliche Spalte verhinderte uns den Gipfel desTſchimboraſſo ſelbſt, der nur 236 Toiſen uͤberuns war, zu erklimmen. Sie wiſſen welche be-deutende Ungewißheit noch uͤber die Hoͤhe dieſesKoloſſen herrſcht. Condamine, welcher ihn nurvon einem ſehr entfernten Standpunkte aus maß,giebt dieſe Hoͤhe auf 3220 Toiſen an; Don Geor-ge Juan hingegen beſtimmt ſie zu 3380 Toiſen:obwohl dieſer Unterſchied von der verſchiedenenHoͤhe nicht hergeleitet werden kann, welche dieerwaͤhnten Aſtronomen, in Anſehung des Sig-nals am Carabura, annehmen. Ich habe inder Ebene von Tapia eine Grundlinie (baſe)von 1702 Metern n) gemeſſen (Vergeben Siedaß ich bald von Toiſen bald von Metern ſpre-
m) Sonſt nimmt man, als eine Durchſchnitts-zahl, in der Atmoſphaͤre \( \frac{27}{100} \) Sauerſtofgas (Le-bensluft) und \( \frac{73}{100} \) Stickſtofgas (Stickluft) an.n) In runden Zahlen, betraͤgt ein Meter 4 Pa-riſer Fuß; ſchaͤrfer, 3 Fuß 11\( \frac{1}{2} \) Linie. DieToiſe hat bekanntlich 6 Pariſer Fuß.
|255| che, je nachdem meine Inſtrumente ſie angeben.Sobald ich dieſe Beobachtungen oͤffentlich bekanntmache, wird Alles auf das Meter und den inhundert Grade abgetheilten Waͤrmemeſſer redu-zirt werden). Zwei geodetiſche Operazionen ga-ben mir die Hoͤhe des Tſchimboraſſo uͤber dieMeeresflaͤche 3267 Toiſen; die Berechnung be-darf aber noch einer Berichtigung wegen des Ab-ſtandes des Sextanten vom kuͤnſtlichen Hori-zont o), und wegen anderer Nebenumſtaͤnde.Seit Condamine’s Zeiten iſt der Volkan Tun-guragua um vieles niedriger geworden; ſtatt2620 Toiſen finde ich ihn nur 2531 Toiſen hoch,und ich darf glauben, daß dieſe Differenz nichtvon einem Fehler bei meiner Operazion herruͤhrt,weil die Reſultate meiner Meſſungen des Kayam-ba, Antiſana, Kotopaxi, und Iliniza, mit denAngaben von la Condamine und Bouguer bisauf 10 oder 15 Toiſen uͤbereinſtimmen. Auchbehaupten die Bewohner dieſer ungluͤcklichen Ge-genden, daß der Tunguragua ſichtbar niedrigergeworden ſei. Den Kotopaxi hingegen, wel-
o) Der Sextant wird bei der Beobachtung uͤberden kuͤnſtlich geſtellten Horizont gehalten. Jegroͤßer der Abſtand iſt, deſto groͤßer werden dieFehler welche beim Viſiren etwa begangen wor-den ſind; daher die Korrekzion noͤthig wird.
|256| cher ſo heftige Exploſionen erlitten hat, finde ichnoch eben ſo hoch als er 1744 geweſen iſt, odervielmehr — durch einen vermuthlich von mirbegangnen Fehler — noch etwas hoͤher. Derſteinige Gipfel des Kotopaxi zeigt aber auch, daßes ein Schorſtein iſt, der Widerſtand zu leiſtenund ſeine Geſtalt zu erhalten vermag.
Unſere vom Jaͤnner bis Julius in den An-den von Quito angeſtellten Beobachtungen ha-ben den Einwohnern die traurige Neuigkeit hin-terbracht, daß der Krater des Pichincha, wel-chen Condamine voll Schnee ſah, von neuembrennt; und daß der Tſchimboraſſo, den manſo ruhig und unſchuldig waͤhnte, zu den feuer-ſpeienden Bergen gehoͤrt hat, und ſich vielleichtin Zukunft wieder entzuͤnden wird. Wir habenin der Hoͤhe von 3031 Toiſen gebrannte Fels-ſtuͤcke und Bimſtein gefunden. Wehe dem menſch-lichen Geſchlecht, wenn dies unterirdiſche Feuer(denn man kann die ganze Gebirgsflaͤche vonQuito als einen einzigen Volkan mit mehrernGipfeln betrachten) ſich einſt durch den Tſchimbo-raſſo einen Ausgang verſchaffen ſollte! Man lie-ſet in vielen Buͤchern: dieſer Berg beſtehe ausGranit; aber davon giebt es dort nicht einAtom. Es iſt Porphyr, hie und da ſaͤulenfoͤr-mig, und mit eingemengtem glaſigen Feldſpath, |257| Hornblende, wie auch Olivin verſehen. DiesPorphyrlager iſt 1900 Toiſen dick. Ich koͤnnteIhnen bei dieſer Gelegenheit von einem pola-riſirenden Porphyr ſprechen, den wir bei Voi-ſako unweit Paſto entdeckt haben; welcher, wieder von mir im Journal de Physique beſchrie-bene Serpentinſtein p), Pole, ohne Attrakzion,hat. Ich koͤnnte Ihnen andere Thatſachen an-fuͤhren, welche das große Geſetz des Paralle-lismus der Felsſchichten und ihre ungeheure Dickeam Aequator betreffen; allein es uͤberſteigt dieGraͤnze eines Briefes, der noch dazu vielleichtverloren geht. Ein andermal werde ich wiederdarauf zuruͤckkommen. Nur ſoviel will ich nochhinzufuͤgen, daß wir außer den Elephantenzaͤh-nen, welche wir dem Buͤrger Cuvier vom Pla-teau Santa Fé her (1350 Toiſen hoch) zuge-ſchickt haben, noch ſchoͤnere fuͤr ihn aufbewah-ren. Einige ſind vom fleiſchfreſſenden Elephan-ten, andere gehoͤren zu einer Thier-Art die vondem Afrikaniſchen Elephanten q) nur wenig ab-
p) Hieruͤber giebt die zweite Anmerkung S. 67des Juliusſtuͤcks dieſes Jahres der Monatſchr.Auskunft.q) Der Afrikaniſche Elephant unterſcheidet ſichauffallend von dem Aſiatiſchen (bekannteren)durch die rautenfoͤrmigen Leiſten an den Zaͤh-
|258| weicht. Die Exemplare ſtammen aus dem ThaleTimana, von der Stadt Ibarra, und aus Chiliher. Hier iſt alſo der Beweis von der Verbrei-tung dieſes fleiſchfreſſenden Ungeheuers, vondem Ohio oder dem 50 Grad Nordlicher Breitebis zum 35ſten Grade Suͤdl. Breite.
In Quito habe ich meine Zeit ſehr ange-nehm verlebt. Der Praͤſident der Regierung,Baron von Corondelet, hat uns mit Guͤte uͤber-haͤuft; und ſeit 3 Jahren habe ich nicht ein ein-ziges mal Urſache gehabt, mich uͤber die Beam-ten der Spaniſchen Regierung zu beklagen: viel-mehr bin ich uͤberall mit einer Feinheit undAuszeichnung behandelt worden, welche mich fuͤrimmer zur Erkenntlichkeit verpflichtet. Wie Zei-ten und Sitten ſich geaͤndert haben! — Ichhabe mich viel mit den Pyramiden und ihren
nen. Bei dem Aſiatiſchen ſind dieſe wellen-foͤrmig gebogen. Der ſogenannte fleiſchfreſ-ſende Elephant iſt das Thier, deſſen ungeheureSkelette oder einzelne Knochen man noch inden Kalkhoͤhlen, als Ueberbleibſel einer Vor-welt antrift, deren Thierarten wenigſtens zumTheil nicht mehr exiſtiren. (Man ſ. 1801 Ju-lius Nr 1.) Beide obenerwaͤhnte wahre Ele-phantenarten, in Aſien und Afrika, naͤhren ſichim wilden Zuſtande von Vegetabilien.
|259| Fundamenten beſchaͤftiget; hievon ſind, meinerMeinung nach, wenigſtens die Muͤhlſteine nochnicht von der Stelle geruͤckt r). Ein edelmuͤthi-
r) Zum Andenken der in Peru ſeit dem J. 1737auf Befehl des Koͤnigs Ludwig XIV von Frank-reich angefangenen Gradmeſſung, vorzuͤglichaber zur Feſtſtellung der Endpunkte der Grund-linie, welche in der Ebene Yaruqui gemeſſenworden, ließ Hr de la Condamine in den J.1740 bis 1742 zwei Pyramiden mit Ueberwin-dung unſaͤglicher Schwierigkeiten errichten, undzwei Muͤhlſteine in die Baſis derſelben ſo ein-ſenken, daß die beiden Meßſtangen, welche dieaͤußerſten Endpunkte der Grundlinie abgegebenhatten, in die leeren Zentralraͤume jener Steinezu ſtehen kamen. Dies war mit Genehmigungder Regierung in Lima geſchehen. In derFolge erhob aber einer der Spaniſchen Gelehr-ten, welche der Expedizion beigeſellt waren,Don George Juan, daruͤber Klage. Es wardſogar zwiſchen beiden Regierungen daruͤber kor-reſpondirt; und ungeachtet aller von der Aka-demie der Wiſſenſch. zu Paris angefuͤhrtentriftigen Gruͤnde, dies nuͤtzliche Denkmaal imJ. 1747 auf Befehl des Spaniſchen Hofes ver-nichtet. Kurz darauf, aber zu ſpaͤt, ward derBefehl wiederrufen; allein la Condamine ver-ſichert, daß die bald nachher beabſichtigte Wie-
|260| ger Privatmann, ein Freund der Wiſſenſchaf-ten, und der Maͤnner welche ſie in Ehren brach-ten, wie la Condamine, Godin und Bouguer,der Markis von Selvalegre in Quito hat vor,dieſe Pyramiden wieder aufzubauen. Allein dieSache wuͤrde mich itzt zu weit fuͤhren.
Nachdem wir Aſſuay und Kuenka beruͤhrthatten (wo man uns Stiergefechte gab), nah-men wir den Weg nach Loxa, um unſere Ar-beiten uͤber die Cinchona *) zu ergaͤnzen. Hie-naͤchſt brachten wir einen Monat in der Pro-
derherſtellung fruchtlos ſein wuͤrde, weil dieMuͤhlſteine, eines mit eingeſenkten ſilbernenTaͤfelchens wegen, gewiß aus Gewinnſucht wuͤr-den aus der Stelle geruͤckt, alſo die wahrenGraͤnzen der Meſſung unzuverlaͤſſig gewordenſein.*) Das Hauptprodukt dieſer Pflanze (man ſ.vorher die Anmerkung e) nennen die Spanier Caſcarilla (Rinde) ſchlechtweg, oder Caſc. deLoja oder Loxa von dieſer Provinz. Den In-dianiſchen Namen ſchreiben ſie Quina oder Quina Quina, ſprechen ihn alſo Kina aus, wieſie ihn auch ſelbſt im Lateiniſchen ſchreiben.Der Baum ſoll uͤbrigens Quarango heißen,doch iſt die von ſeiner Rinde hergenommeneBenennung gewoͤhnlicher.
|261| vinz Jaen de Bracamoros und zu Pongos am Amazonenfluſſe zu, deſſen Ufer mit der Andira s) und mit Juſſieu’s Bugainvillea t) geſchmuͤcktſind. Es duͤnkte mich intereſſant, die Laͤnge vonTomependa und Chuchungat zu beſtimmen, wo la Condamine’s Karte anfaͤngt, und dieſe Punktemit der Kuͤſte in Verbindung zu bringen. LaCondamine konnte nur die Laͤnge des Ausfluſſesvom Napo u) beſtimmen; allein die Laͤngen-Uh-ren v) exiſtirten damal noch nicht, weshalb die
s) Eine von Lamarck beſtimmte, im Linné nichtvorkommende, Pflanzengattung.t) Eine ſehr huͤbſche zur achten Linnéiſchen Klaſſegehoͤrige Pflanze.u) Nehmlich in den Amazonenfluß, in welchender Napo ſich, nach der Condaminiſchen Karte,oberhalb Pevas ergießt.v) Wenn Jemand geraden Weges von einem be-kannten Orte auf der Erde gegen Morgen reiſet, und ſeine Uhr zeigt an dem andern Ortewo er hingekommen, erſt 12 Uhr Mittags, diedaſige Uhr aber 2 Uhr Nachmittags: ſo laͤßtſich hieraus, unter der Vorausſetzung daß beideUhren richtig gehn, berechnen, daß der Rei-ſende einen Weg von 450 geographiſchen Mei-len zuruͤck gelegt hat. Gewoͤhnlicher druͤcktman dieſe Entfernung in Graden des Aequa-
|262| Laͤngen-Angaben dieſer Gegenden ſehr vielerVeraͤnderungen beduͤrfen. Mein Chronometervon Louis Berthoud thut Wunder, welches ich
tors (15 geogr. Meilen auf einen Grad gerech-net) aus; und wenn man die Entfernung vondem Punkte an berechnet, wo der angenom-mene erſte Meridian den Aequator durchſchnei-det, d. i. wo auf unſeren Globen 0 ſteht: ſohat man die Laͤnge eines Ortes gefunden.Unſere Taſchenuhren ſind zu dergleichen Be-obachtungen aber zu fehlerhaft; deshalb ſetz-ten die Englaͤnder wie auch die Franzoſen, umdie Mitte des vorigen Jahrhunderts, Preiſeauf die Erfindung eines vollkomnern hiezu dien-lichen Inſtrumentes aus. Harriſon uͤber-reichte dem Engl. Parlament im J. 1762 dieerſte Laͤngenuhr, und empfing dafuͤr den drit-ten Theil des Preiſes mit 10000 Pfund Ster-ling. Spaͤterhin ſind ſie ſehr verbeſſert wor-den, auch unter der Form von Taſchenuhrenverfertigt, welche Chronometer (Zeitmeſſer) ge-nannt werden. Auf Schiffen bedient man ſichaber der groͤßeren Uhren dieſer Art, welche aufTiſchen befeſtigt werden muͤſſen. Die Franzo-ſen nennen ſie garde-tems, die Englaͤnder time-keeper; wir koͤnnten ihnen im Deutſchen auchden gleichbedeutenden charakteriſtiſchen Namen Zeitwaͤchter beilegen.
|263| gewahr werde wenn ich mich von Zeit zu Zeitdurch den erſten (Jupiters) Trabanten orientire,und Punkt vor Punkt meine Differenzen desMeridians mit denen vergleiche, welche ſich beider Expedizion des Hrn Fidalgo ergeben haben,der auf Befehl des Koͤnigs (von Spanien) tri-gonometriſche Meſſungen von Kumana bis nachKartagena angeſtellt hat.
Vom Amazonenfluſſe, ſind wir bei den Berg-werken zu Hualgayok (welche jaͤhrlich eine Mil-lion Piaſter ausbringen, und wo ſich das ſilber-haltige graue Kupfererz 2065 Toiſen hoch findet)uͤber die Anden gegangen. Wir reiſeten abwaͤrtsuͤber Kaſkamaſka, wo ich in dem Pallaſt von Atahualpa die Bogen der Peruaniſchen Ge-woͤlbe gezeichnet habe, nach Truxillo, und vonhier durch die Einoͤden an der Kuͤſte des Suͤd-meers nach Lima, wo der Himmel waͤhrend dereinen Haͤlfte des Jahres mit dicken Duͤnſten be-deckt iſt. Ich eilte Lima zu erreichen, um am 9November 1802 den Durchgang des Merkurs zubeobachten. — — Unſere Pflanzenſammlungen, und die Zeich-nungen welche ich in Hinſicht der Zergliederungder Gattungen, nach den mir vom Buͤrger Juſ-ſieu in der Naturforſchenden Sozietaͤt daruͤbermitgetheilten Ideen, entworfen habe, ſind durch |264| die Reichthuͤmer ſehr vermehrt, welche wir inder Provinz Quito, bei Loxa, am Amazonen-fluſſe, und in der Kordillere von Peru, antra-fen. Wir haben viele von Joſef Juſſieu w) be-obachtete Pflanzen wieder gefunden: z. B. dieder Quillaja verwandte Llogue x) und andere.Wir haben eine neue huͤbſche Art der Juſſiea,verſchiedne Arten von Colletia, mehrere Paſſi-flora, und den Loranthus als 60 Fuß hohen Baumangetroffen y). Vorzuͤglich ſind wir ſehr reichan Palmen und an Graͤſern, woruͤber mein
w) Der Großvater des jetzt lebenden Gelehrtendieſes Namens in Paris. Er begleitete laCondamine 1735 als Botaniker nach Peru.x) Von der Gattung Llogue iſt hier noch we-nig oder nichts bekannt. Die Quillaja iſt eineBaumart deren Rinde ſeifenartig ſein, undauch von den Eingebornen ſtatt der Seife be-nutzt werden ſoll.y) Die Loranthus-Arten ſind ſonſt alle paraſi-tiſch, d. h. ſie finden ſich auf andern Gewaͤch-ſen, namentlich auf Baͤumen. Ob dieſer 60Fuß hohe Loranthus es ebenfalls iſt, muß manbis auf naͤhere Nachrichten dahin geſtellet ſeinlaſſen. Unmoͤglich waͤre es nicht, da in Suͤd-amerika mehrere Baͤume auf andern Baͤumenwachſen.
|265| Freund Bompland eine ausfuͤhrliche Ausarbei-tung verfertigt hat. Bis itzt haben wir 3784lateiniſche Beſchreibungen vollendet, und in un-ſern Herbarien ſteckt faſt noch der dritte Theilaller Pflanzen, die wir aus Mangel an Zeitnicht haben beſchreiben koͤnnen.
Unter dieſen Gewaͤchſen iſt kein einziges,wovon wir nicht die Steinart angeben koͤnnten,worauf es waͤchſt, und die Hoͤhe, bis zu welcheres ſich uͤber die Meeresflaͤche erhebt; ſodaß fuͤrdie Pflanzen-Geographie in unſern Manuſkriptenſehr genaue Materialien vorhanden ſind. Oft,um ſo viel als moͤglich zu leiſten, iſt eine und die-ſelbe Pflanze von Bompland und von mir be-ſonders beſchrieben worden. Sonſt aber verdankeich zwei Drittel meiner Beſchreibungen, unddruͤber, einzig meinem Reiſegefaͤhrten, deſſen Ei-fer und gaͤnzliche Aufopferung fuͤr die Fortſchritteder Wiſſenſchaften man nicht genug bewundernkann. Die Juſſieu, Desfontaines und Lamarck haben an ihm einen Zoͤgling, der es ſehr weitbringen wird. Wir verglichen unſere Herbarienmit den Sammlungen des Hrn Mutis, undzogen eine Menge Werke in der ungeheuren Bi-bliothek dieſes großen Mannes zu Rathe. Zu-verlaͤßig beſitzen wir viele neue Gattungen undArten; aber es wird eine geraume Zeit und Ar- |266| beit dazu gehoͤren, um das wirklich Neue zuſichten. Wir haben auch eine kieſelige Subſtanz beiuns, dem Tabacher aus Oſtindien aͤhnlich, wel-chen Hr Macie analyſirt hat z). Sie iſt in denKnoten einer rieſenfoͤrmigen Grasart anzutref-fen, welche mit dem Bambus verwechſelt wird,deren Bluͤthen aber von Schrebers Bambuſaganz abweichen. — Ich weiß nicht ob Fourcroy die Milch der vegetabilen Kuh (ein auf dieſeArt von den Indianern genannter Baum) er-
z) Der Indiſche Tabaſcher, Tabaſheer, Tabaxir,ſoll nach Verſicherung der Herren Ruſſell und Macie, im eigentlichen Bambusrohre gefundenwerden, in Geſtalt von Konkrezionen, welcheeiner kieſeligen weißen harten Steinart, dem Cacholong, aͤhnlich ſind. Aus dem Verhaltendieſer Subſtanz gegen Saͤuren und Alkalien,zog man den Schluß, daß Kieſelerde der Haupt-beſtand des T. ſei. Indeß iſt Macie’s Analyſe,nach meiner Ueberzeugung, noch nicht ganz be-friedigend. Drs Ruſſell Brief aus Oſtindienſteht in den Philosophical Transactions, vol.80, p. 273; der Aufſatz des Hrn Macie in Lon-don, daſelbſt vol. 81, p. 368, und uͤberſetzt inHrn v. Crell Chemiſchen Annalen 1792, S.342, 428, 513.
|267| halten hat aa); eine Milch nehmlich, welche mitSalpeterſaͤure behandelt, mir eine Art balſa-miſch riechenden Kautſchuk *) geliefert hat; uͤbri-gens aber gar nicht aͤtzend oder ſchaͤdlich iſt, wieandere Arten von Pflanzenmilch, ſondern nahr-haft und angenehm zu trinken. Wir haben ſieauf dem Wege nach dem Orinoko, in einer Pflan-zung, entdeckt, wo die Neger ſie haͤufig genie-ßen. Ich habe auch an den Buͤrger Fourcroy uͤber Guadeloupe und an Sir Joſeph Banks uͤber Trinidad unſer Dapiché oder ein weißesoxydirtes Kautſchuk uͤbermacht, welches die Wur-zeln einer Baumart in den Waͤldern von Pi-michim, dem unzugaͤnglichſten Winkel der Erde,gegen die Quellen des Rio Negro hin, aus-ſchwitzen.
Ich gehe nicht nach den Philippinen; ichreiſe uͤber Akapulko, Mexiko, und Havanah nachEuropa. Hoffentlich umarme ich Sie im Sep-
aa) Ich glaube, in irgend einer FranzoͤſiſchenZeitſchrift von dem richtigen Eingang derſelbenetwas geleſen zu haben; kann mich aber nichtgenau erinnern, wo dieſe Nachricht anzutref-fen iſt.*) Kautſchuk iſt der eigentliche Name des be-kannten Elaſtiſchen Harzes. Von einer Berei-tung deſſelben ſ. man 1795 Februar Nr 5.
|268| tember oder Oktober 1803 zu Paris.

Gruß undHochachtung. Humboldt.

Im Februar bin ich in Mexiko. Im Juni in Havanah. Dennich denke auf nichts als auf dieErhaltung und Bekanntmachungmeiner Manuſkripte. Wie ſehne ich mich nach Pa-ris!!!
Seitdem iſt noch ein Brief hier eingelaufen,von viel ſpaͤterem Datum, von einem naͤherenOrte auf dem Heimwege, und mit neuen Be-ſtimmungen uͤber die Zuruͤckkunft nach Europa:alſo ſchon darum hoͤchſt intereſſant. Hier iſt dasallgemein Mittheilbare daraus.

An Hrn Prof. Willdenow in Berlin.Mexiko, den 29 April 1803.

Wenig Tage nach meiner Ankunft in dieſergroßen und ſchoͤnen Hauptſtadt Neuſpaniens, er-hielt ich Deinen lieben Brief vom 1 Oktober1802. Die Freude daruͤber war um ſo groͤßer,da, ſeitdem ich Europa verlaſſen habe, dies das |269| erſte- und einzigemal iſt daß ich etwas von Dirleſe, obgleich ich uͤberzeugt bin daß Du mir oftgeſchrieben haſt. Auch von meinem Bruder habeich, ſeit meiner Abreiſe aus Corunna, hoͤchſtens5 bis 6 Briefe innerhalb vier Jahre bekommen.Es ſcheint als wenn ein feindlicher Unſtern, mehrin Abſicht der Briefe, als der Schiffe, hier uͤberuns waltet. Doch ich will nicht klagen, da mirnun bald die Freude bevorſteht, Euch alle wie-der zu umarmen. — — Wir haben ſchon uͤber zehn- oder zwoͤlfmalgroße Sendungen friſcher Saͤmereien von hierabgeſchickt: an den Botaniſchen Garten in Ma-drid, wo Cavanilles, wie ich ſehe, in den Ana-les de Hiſtoria natural bereits einige neueSpezies aus dieſen Samen beſchrieben hat; anden Garten in Paris; und, uͤber Trinidad, anSir Joſef Banks in London. Allein, denke da-rum nicht, daß mein Reichthum erſchoͤpft ſei,oder daß ich Berlin vergeſſen werde. Ich be-ſitze eine ausgezeichnete Sammlung, die ich zuQuito, zu Loxa, am Amazonenfluße bei Jaen,auf den Anden von Peru, und auf dem Wegevon Akapulko nach Chilpenſingo und Mexiko,zuſammengebracht habe. Dieſen Schatz will ichnicht dem Zufall der Poſten, die unglaublichnachlaͤßig ſind, anvertrauen; ſondern, da ich nun |270| im Begrif ſtehe ſelbſt nach Havanah und Eu-ropa abzureiſen, Dir ſelber uͤberbringen. Ichhabe Alles hoͤchſt ſorgfaͤltig getrocknet. Was ichDir bringe, ſind viele Samen von Melaſtoma,Pſychotria, Kaſſia, Bignonia, Mimoſa (ohneZahl!), Solanum, Jacquinia, Embothrium,Ruellia, Gyrokarpus Jacq., Bornadeſia, Achras,Lukuma, Bugainvillea, Lobelia, und ein halbesHundert Pakete unbekannter Arten aus den An-des, aus dem Amazonenlande, u. ſ. w....Ferner werden meine Freunde in Amerika immerbereit ſein, Dir auf mein Erſuchen recht haͤufigganz friſche Samen zu ſchicken. Ich nenne Diritzt nur gleich als die thaͤtigſten Maͤnner: Ta-falla zu Guayaquil; Olivedo zu Loxa; Matis,der erſte Pflanzenmaler in der Welt und eintreflicher Botaniker, zu Santa Fe, ein Schuͤlervon Mutis; imgleichen einige Kapuziner in Neu-andaluſien und Guayana. Auch iſt ein vortref-licher und eifriger Naturforſcher Hr Caldas zuPopayan. Es freut mich ſehr, daß meine Pflanzendurch Hrn Fraſer endlich bei Dir angekommenſind. Du wirſt aus meinen aͤlteren Briefen wiſ-ſen, daß, nachdem wir ein halbes Jahr in denVolkanen zu Quito zugebracht, und faſt die |271| Spitze des Tſchimboraſſo erſtiegen haben, wir zuKuenka und Loxa geweſen ſind, um dort dieCinchona-Arten zu ſtudieren. Von Loxa gingenwir, uͤber fuͤrchterliche Wege, nach der ProvinzJaen de Bracamoros, und nach dem Amazo-nenfluß; von da, uͤber die Kordillere, durch diegroßen Bergwerke von Chota, nach Truxillo,und laͤngs der Kuͤſte des Suͤdmeers nach Lima:wo ich den Durchgang des Merkurs beobachtethabe. Von Lima machten wir die Reiſe nachGuayaquil zur See, blieben dort einen Monat,und ſchiften nach Akapulko, auf welcher letztenFahrt wir 35 Tage zubrachten, und einen grau-ſamen Sturm dem Golf von Nicoya gegenuͤberauszuſtehn hatten. Daß ich ſeit lange die Reiſe nach den Phi-lippinen aufgegeben habe, weißt Du. Ich wuͤrdeeinen ungeheuren Seeweg machen, bloß um eineeinzige Inſelgruppe zu ſehn. Auch erlaubt dergegenwaͤrtige Zuſtand meiner Inſtrumente mirnicht die Reiſe zu verlaͤngern, die ſchon vierJahre dauert; und es iſt mir unmoͤglich gewe-ſen, mir neue Inſtrumente aus England zu ver-ſchaffen. Man iſt hier faſt ganz abgeſchnittenvon der uͤbrigen Welt, wie im Monde. Ich wuͤnſchte gegen Ende dieſes Jahres inEuropa zu ſein. Allein, das ſchwarze Erbrechen, |272| welches ſchon zu Vera Cruz und in Havanahherrſcht, und die Furcht vor der uͤblen Schif-fahrt im Oktober, muͤſſen mich zuruͤckhalten. Ichwill nicht mit einer Tragoͤdie endigen. Weil ichnun aber den ſicherern Weg waͤhle, ſo werde ichwahrſcheinlich erſt im April oder Mai 1804 inEuropa anlangen. Ich weiß nicht, ob ich heute Zeit habenwerde meinem Bruder zu ſchreiben. Sei ſo gut,ihm dieſen Brief mitzutheilen, und ihm zu ſa-gen daß ich vollkommen geſund bin, und daßmir nichts fehlt, als ſeine Briefe. — (Eine Beilage dieſes Schreibens war die,vom Mai 1803 datirte, und in das Intelligenz-blatt der Allgemeinen Literaturzeitung zu befoͤr-dernde, Erklaͤrung des Hrn von Humboldt uͤberden Kohlenſaͤure-Meſſer, gegen eine hoͤchſt ſon-derbare Nachricht die daſelbſt in Nr 93 vom J.1800 geſtanden hatte. Dies letzte Blatt fandunſer Reiſender bei Hrn Don Fauſto d’Elhuyarin Mexiko. Es muß in der That erfreuen, daßdieſe Deutſche Zeitſchrift auch in dem entfern-ten Welttheile geleſen wird. Zugleich erſiehtman aus dieſer kleinen Angabe, wie richtig HrGeheimerath Karſten vermuthete (1802 Junius,S. 461), als Hr von Humboldt den ungluͤckli-chen Tod eines Bergdirektors d’Elhuyar ohneweitere Bezeichnung gemeldet hatte, daß diesder aͤltere Bruder Don Joſef ſein muͤſſe, nichtder juͤngere Don Fauſto.)