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Alexander von Humboldt: „[Brief an Carl Ludwig Willdenow]“, in: ders., Sämtliche Schriften digital, herausgegeben von Oliver Lubrich und Thomas Nehrlich, Universität Bern 2021. URL: <https://humboldt.unibe.ch/text/1801-xxx_Brief_an_Carl-1> [abgerufen am 05.02.2023].

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https://humboldt.unibe.ch/text/1801-xxx_Brief_an_Carl-1
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Titel [Brief an Carl Ludwig Willdenow]
Jahr 1801
Ort Berlin
Nachweis
in: Berlinische Nachrichten von Staats- und gelehrten Sachen 86 (18. Juli 1801), S. 4–5; 87 (21. Juli 1801), S. 4–6.
Postumer Nachdruck
Bruhns, Karl [Hrsg.]: Alexander von Humboldt. Eine wissenschaftliche Biographie. Bd. 1. Leipzig 1872, S. 335–344.

[Auszug] in: Lettres américaines d’Alexandre de Humboldt (1798–1807), précédées d’une Notice de J.–C. Delamétherie et suivies d’un choix de documents en partie inédits, publiés avec une introduction et des notes par le E.T. Hamy, Paris [1905], S. 107–115.

[Auszug] in: Alejandro de Humboldt. Cartas americanas. Compilación, prólogo, notas y cronología Charles Minguet. Traducción Marta Traba, Caracas 1980, S. 73–78 [span. Übersetzung].

Alexander von Humboldt, Briefe aus Amerika 1799–1804, herausgegeben von Ulrike Moheit, Berlin: Akademie 1993, S. 122–130 [nach Handschrift].
Sprache Deutsch
Schriftart Fraktur
Identifikation
Textnummer Druckausgabe: II.13
Dateiname: 1801-xxx_Brief_an_Carl-1
Statistiken
Seitenanzahl: 5
Spaltenanzahl: 10
Zeichenanzahl: 19831

Weitere Fassungen
[Brief an Carl Ludwig Willdenow] (Berlin, 1801, Deutsch)
Auszug eines Schreibens des berühmten Naturforschers, Herrn Alexander von Humboldt, an Herrn Professor Wildenow in Berlin (Berlin; Stettin, 1801, Deutsch)
Uittrekzel uit een Brief van den beroemden Natuuronderzoeker den Here Alexander von Humbold, aan den Heer Professor Wildenow, te Berlyn (Haarlem, 1802, Niederländisch)
|4| |Spaltenumbruch| Von unſerm beruͤhmten Landsmann, Alexander von Humboldt, der, auf ſeiner gelehrten Reiſe,jetzt in den Wildniſſen des ſuͤdlichen Amerika, faſtalle Gegenſtaͤnde der Naturkunde und der Naturgeſchichteunterſucht, haben die Leſer dieſer Zeitung durch dieſelbemehrere mahle Nachrichten erfahren. Heute koͤnnen wirihnen die neueſten mittheilen, die von ihm aus jenem fer-nen Welttheil nach Europa gekommen ſind. Wir ent-lehnen ſie aus ſeinem Schreiben an Herrn Profeſſ. Will-denow, den Herr v. Humboldt als ſeinen Lehrer in derBotanik verehrt, und dem mittelbarerweiſe die Welt alleEntdeckungen zu verdanken haben wird, welche ſich vonder Reiſe des Hrn. v. Humboldt erwarten laſſen, weilurſpruͤnglich die Liebe zur Kraͤuterkunde ihnvermocht hat, jene Reiſe zu unternehmen. Der Brief iſtaus der Havana und vom 21ſten Februar dieſesJahres datirt. In nachſtehendem Auszuge aus demſel-ben iſt alles genauere wiſſenſchaftliche Detail weggelaſſen.„Da es nicht bloß ungewiß ſondern ſogar unwahrſchein-lich iſt, ſchreibt Hr. v. Humboldt, daß mein Reiſegefaͤhrte(Bonpland) und ich, die Reiſe um die Welt, nach unſermPlan uͤber die Philippinen und das Cap der guten Hof-nung, wohlbehalten zuruͤcklegen; ſo ſorge ich wenigſtens dafuͤr, daß die Fruͤchte unſerer Arbeiten nicht verlohrengehen moͤgen. Wir ſchicken alſo Duplicate von unſernniedergeſchriebenen Bemerkungen durch die franzoͤſiſchenHandlungsagenten nach Frankreich, und eben ſo machenwir es mit unſern Sammlungen von natuͤrlichen Merk-wuͤrdigkeiten. Dir, lieber Willdenow habe ich in 2 Kiſten1000 verſchiedene Species von Pflanzen geſchickt, die |Spaltenumbruch| mehrentheils aus dem unbekannten Theile der Parimeund Guayana zwiſchen dem Rio negro und Breſil, wo wirim vorigen Fruͤhjahre waren, geſammlet ſind. Du erhaͤltſtdieſe Kiſten durch Hrn. Fraſer, einen guten botaniſchenGaͤrtner und Saamenhaͤndler, der bei Londonwohnt, und der in ſeinem Gewerbe der Lieferant des Kai-ſers von Rußland iſt. Du erinnerſt dich aus Walters flora Carolinenſi, daß dieſer Herr Fraſer vier bota-niſche Reiſen in Labrador und Canada gemacht hat. Seit1799 iſt er auf einer fuͤnften ſolchen Reiſe begriffen. Dieſegieng zuerſt in die am Ohio belegenen Staaten Kentuckyund Teneſſee, welches beilaͤufig geſagt itzt ſchon ſo gang-bare Gegenden ſind, daß man von Philadelphia, zu Waſſerund zu Lande, Waaren uͤber Fort-Pitt, den Ohio und denMiſſiſſippi bis nach Nueva Orleans ſchickt und zu dieſerganzen Reiſe nicht laͤnger als 4 Wochen Zeit braucht.Vermittelſt dieſer leichten Kommunikation kam nun auchHerr Fraſer bis in die ſpaniſchen Kolonien, namentlichhieher nach Havana. Er kannte die Schwierigkeitennicht, ohne Erlaubniß des Koͤnigs von Spanien in dieKolonien einzudringen, er haͤtte alſo ſeine Abſicht hierPflanzen zu ſammlen ſchwerlich erreicht, wenn er nichtzum Gluͤck Schiffbruch erlitten haͤtte. Nachdem er aufeiner Sandbank 10 Meilen von der Kuͤſte drei ungluͤcklicheTage zugebracht hatte, ward er endlich durch Fiſcher vonMatanzas gerettet und kam, von Allem entbloͤßt, hier an.Sein Name und ſein Gewerbe waren genug, mir ihn zuempfehlen, ich nahm ihn in mein Haus auf, unterſtuͤtzteihn mit Gelde und mit Allem was er bedurfte und ver-ſchafte ihm, durch meine Verbindungen, die Erlaubnißdie Inſel Cuba zu bereiſen, die er, ohne den Unfall desSchiffbruchs ſchwerlich erlangt haben wuͤrde. DieſemManne nun hab ich die Kiſten mit Pflanzen fuͤr dichanvertraut und die Freundſchaft, die ich ihm zu erzeigenGelegenheit gehabt, iſt mir Buͤrge, daß er mehr als ge-woͤhnliche Sorge dafuͤr tragen wird. *) Der gute Fra-ſer hat ſeinen Sohn bei ſich, einen ſehr liebenswuͤrdigenjungen Menſchen, dem ich es antrug, mich auf meinerReiſe nach Mexiko zu begleiten. Er ſchlug es aber ab,weil er die Spanier fuͤrchtet, deren Sprache er nichtverſteht und weil er zuruͤck nach London eilt, um ſeinein Kentucky geſammelten Pflanzen zu beſchreiben. Ichgehe alſo — doch, ehe ich dir ſage, wo ich von hier aus hinzugehen gedenke, will ich dir, auf den Fall daßmeine fruͤheren Briefe dir nicht zu Haͤnden gekommenwaͤren, **) die bisherigen Hauptepochen meiner Reiſekuͤrzlich wiederholen, damit du wenigſtens den Fadendavon habeſt. Am 5. Juni 1799 ſegelte ich mit meinemReiſegefahrten Alexander Bonpland, auf der Fregatte Pizarro, von Corunna nach den canariſchen Inſeln, wo wir den Pic de Teyde bis in den Crater beſtiegen.Seit 12 Jahren war Niemand dort geweſen. Mr. John-ſtone, ein Kaufmann aus Madeira, war der letzte vor uns.Am 16. Julius langten wir im Hafen von Cumana an; bis im November blieben wir dort und in den Ge-birgen Tumiriquiri unter den Indias Chaymas, amGuarapiche und Coſta de Paria. Am 18. Novembergiengen wir zur See nach la Guayra und Caraccas. Dortund in der umliegenden Gegend die Silla beſteigendblieben wir zwei Monathe, dann durch Valles de Ara-gua und durch die Cacaopflanzungen am romantiſchen Seevon Valencia, wo wir einen Baum entdeckten, deſſenMilch die Indianer wie Kuhmilch genießen. Sie iſt ſehrnaͤhrend und giebt ſauren Kaͤſe! weiter nach Porto-
*) Sie ſind bereits gluͤcklich in London angekommen.**) Dies iſt wirklich der Fall, es iſt keiner angelangt.
|5| |Spaltenumbruch| cabelle, dann ſuͤdlich durch das große Llano (einer Wuͤſtevoll Gymnotus electric. in den Suͤmpfen und voll wil-der Pferde das Stuͤck zu einem Thaler!) in die Provin-zen Varinas an den Graͤnzen von Santa Fé bis RioApure im 7. Grad ſuͤdlicher Breite. Auf dieſem Flußoͤſtlich in den Orinoco bis Cabruta, dann dieſen ſuͤdlichaufwaͤrts bis jenſeits der fuͤrchterlichen Cataracten deMaypure und Atures an die Muͤndung der von Quitokommenden Guaviare in 3° Breite. Von hier aus, denOrinoco verlaſſend auf den kleinen Fluͤſſen Atabapo,Tuamini und Temi gegen Suͤdweſten und 150 Meilenvon Quito bis an den wegen Schlangen beruͤchtigtenMonte de Pimichia. Durch dieſen Wald trugen dieIndianer drei Tage lang die Pirogua (unſern Kahn)bis an den Fluß Negro. Dieſen ſchifften wir alsdannhinab ſuͤdoͤſtlich bis San Carlos, einer von 8 Mann be-wachten Graͤnzfeſtung gegen den Bréſil (gegenuͤber be-ſitzen die Portugieſen San Joſe de Maravitanos; ſiehinderten mich mit den Inſtrumenten weiter vor bis anden nahen Amazonen-Fluß zu dringen) dann durch den Caſiquiare noͤrdlich an die Quellen des Orinoco, dieſenaufwaͤrts bis jenſeits dem Vulcan Duida im Dorado inWaͤldern von Cacao, Caryocar, einem neuen GenusJuvia (Mandelbaum mit 14 Zoll breiten Fruͤchten);dann ſchifften wir den ganzen Orinoco abwaͤrts bis andie Muͤndung, eine Reiſe von 1200 Meilen immer aufden Fluͤſſen. Von der Muͤndung des Orinoco bis durchdas Llano de Caracatiche nach Barcellona und endlicham 1. September 1800 nach Cumana zuruͤck, in dasHaus unſers Freundes, Don Vincente Empe-ran, Gouverneurs dieſer Provinz. Hier ordneten wirunſre bisher gemachten Sammlungen und machtenExcurſionen ins Gebirge Chaparuparu; dann am 24. Oc-tober mit vieler Gefahr und ſchrecklichen Sturm von Nuova Barcellona nach Havana, wo wir den 19. Decem-ber 1800 ankamen und wo ich ſeit 18 Monaten die er-ſten Briefe aus Europa antraf. — Mit meinem Reiſe-gefaͤhrten (Alexander Bonpland) habe ich Urſach uͤber-aus zufrieden zu ſeyn. Er iſt ein wuͤrdiger Schuͤler Juͤſſieus, Desfontaines, Richard’s, iſt uͤberaus thaͤtig, ar-beitſam, ſich leicht in Sitten und Menſchen findend,ſpricht ſehr gut ſpaniſch, iſt ſehr muthvoll und uner-ſchrocken; mit einem Worte, er hat vortrefliche Eigen-ſchaften fuͤr einen reiſenden Naturforſcher. Die Pflan-zen (die mit den Dubletten uͤber 12000 betragen) hat Er allein getrocknet. Die Beſchreibungen ſind zurHaͤlfte Sein Werk. Oft haben wir jeder beſondersdieſelbe Pflanze beſchrieben um der Wahrheit deſtogewiſſer zu ſeyn. Wir glauben ſehr genaue Diagnoſenniedergeſchrieben zu haben, wagen es aber doch nicht,zu beſtimmen: wie viel neue Genera wir beſitzen? InPalmen und Graͤſern, in Melaſtomis, Piper, Malpighia,Cipura Aublet, Caeſalpina, der Cortex Anguſturae (dieein neues, von Cinchona verſchiedenes, Genus iſt) ſind wirſehr, ſehr reich; dennoch bin ich gewiß, daß zwei Drittel un-ſrer neuen Gen. et Spec., wenn wir nach Europa zuruͤckkom-men, als uralt erkannt werden; indeß gewinnt die Wiſ-ſenſchaft immer wenn in ſo entlegenen Laͤndern neue,nach der Natur gemachte Beſchreibungen aufgezeichnetwerden. Welch einen Schatz von Pflanzen enthaͤlt daswunderbare, mit undurchdringlichen Waͤldern erfuͤllte,von ſo vielen neuen Affenarten bewohnte Land zwiſchendem Orinoco und dem Amazon, in welchen ich 1400 geo-graphiſche Meilen zuruͤckgelegt habe! Ich bin nun voͤlligvon dem uͤberzeugt, was ich in England noch nicht glaubte,obwohl ich es ſchon aus Ruiz, Pavon, Neé’s und Haͤn- |Spaltenumbruch|ken’s Herbarien ahnete; ich bin, ſage ich, izt uͤberzeugt, daßwir nicht drei Fuͤnftel aller vorhandenen Pflanzenſpecieskennen! Welche wunderſame Fruͤchte, von denen wir,als wir vom Aequator zuruͤckkamen, große Kiſtenvoll nach Madrit und Frankreich geſandt haben! Welcheinen Anblick gewaͤhrt die Palmenwelt in den un-durchdringlichen Waͤldern am Rio negro! Nur hier,hier und ſelbſt nicht mehr hier nur in der Guaya-na, in Suͤdamerika, iſt die Welt recht eigentlich gruͤn. Der Brodtfruchtbaum (Artocarpus inciſa) denman in der Guayana cultivirt, gedeihet unglaublich.Vierjaͤhrige Baͤume ſind 30 Fuß hoch, haben 3 Fuß lange,und 18 Zoll breite Blaͤtter und geben unzaͤhligeFruͤchte! Ich kenne Plantagen welche 4 bis 500 Staͤm-me beſitzen. Epoche in der Geſchichte des Ackerbauesmacht das Zuckerrohr von Otaheiti, das man in ganzWeſtindien baut, das dreimal dicker als das alte, ſonſthier gewoͤhnliche, iſt, und wenigſtens \( \frac{1}{3} \) mehr Zuckergiebt! Dieſe Pflanze allein koͤnnte Cooks Namen ver- ewigen.“
(Der Beſchluß folgt.) |4| |Spaltenumbruch| |Spaltenumbruch|
Beſchluß des letzthin abgebrochenen Schreibens des Hrn. Alex. v. Humboldt an Hrn. Prof. Willdenow. Aber wenn es ein Genuß, ein großer Genuß iſt,dieſe Naturſchaͤtze zu bewundern, ſo glaubſt Du auchwohl liebſter Willdenow daß der Beſchwerden und |5| |Spaltenumbruch| der Schwierigkeiten dabei nicht Wenige ſind! Durch diebeſondere Gnade des Koͤnigs von Spanien, durch dieperſoͤnlichen Auszeichnungen mit welchen der Koͤnig unddie Koͤnigin mich beehrt haben, und durch die dringen-den Empfehlungen des Miniſters Urquijo reiſe ich zwarin dieſem Lande mit groͤßerer Freiheit und Sicherheitals je einem Naturforſcher hier zu Theil geworden ſind.Auch reiſe ich mit mehr Bequemlichkeit als viele ande-re, in ſo fern ich auf den Fluͤſſen 24 Indianer vieleMonate lang zu meinem Gebote, und im Innern desLandes oft einen Troß von 14 Maulthieren habe um mei-ne Pflanzen, Inſtrumente und uͤbrigen Beduͤrfniſſe fortzu-ſchaffen. Aber, weder die Gnade des Koͤnigs von Spa-nien noch meine Gefaͤhrten und Begleiter koͤnnen michvor den Beſchwerden des Clima und der Lokalitaͤt ſchuͤtzen,und dieſe ſind nicht geringe, zumahl wenn ich als Bo-taniker ſprechen ſoll. In der Guayana, wo man we-gen der Mosquiten (einer Art von Muͤcken) die die Luftverfinſtern, Kopf und Haͤnde ſtets verdeckt halten muß,iſt es faſt unmoͤglich am Tageslichte zu ſchreiben: Mankann die Feder nicht ruhig halten, ſo wuͤthig ſchmerztdas Gift dieſer Inſekten. Alle unſre Arbeit mußte da-her beim Feuer, in einer indianiſchen Huͤtte, vorgenom-men werden, wo kein Sonnenſtrahl eindringt, und inwelchen man auf den Bauch kriechen muß. Dort erſticktman faſt vor Rauch, aber man leidet weniger von denMosquiten. In Maypure retteten wir uns mit denIndianern mitten in den Waſſerfall, wo der Strohmraſend tobt, wo aber der Schaum die Inſekten vertreibt.In Higuerote graͤbt man ſich Nachts in den Sand,ſo daß blos der Kopf hervorragt und der ganze Leib mit3 bis 4 Zoll Erde bedeckt bleibt. Man haͤlt es fuͤr eineFabel wenn man es nicht ſieht. Sonderbar iſt es, daßda, wo die ſchwarzen Gewaͤſſer, eigentlich die kaffe-braunen Fluͤſſe (Atabapo, Guainia ꝛc.) anfangen, wederMosquiten noch Crocodille gefunden werden. Wennnun unter ſolchen Beſchwerden die Pflanzen endlich be-ſchrieben ſind, ſo geht ein neuer Jammer an, wenn mannach einiger Zeit ſeine Kiſten wieder oͤfnet! Unſre Her-barien trift nemlich hier daſſelbe Schickſal uͤber das be-reits Sparrmann, Banks, Swarz und Jac-quin geklagt haben. Die unermeßliche Naͤſſe des ame-rikaniſchen Clima’s, die Ueppigkeit der Vegetation, inder es ſo ſchwer iſt, alte ausgewachſene Blaͤtter zu fin-den, haben uͤber ein Drittheil unſrer Sammlungen verdor-ben. Taͤglich finden wir neue Inſecten, welche Papierund Pflanzen zerſtoͤhren. Kampher, Terpentin, Theer,verpichte Bretter, Aufhaͤngen der Kiſten in freier Luft,alle in Europa erſonnenen Kuͤnſte, ſcheitern hier undunſre Geduld wird auf eine harte Probe geſetzt. Iſtman vollends drei bis vier Monat abweſend, ſo kenntman ſein Herbarium kaum wieder. Von 8 Exemplarenmuß man 5 wegwerfen, zumahl in der Guayana, demDorado und dem Amazonenlande, wo wir taͤglich inRegen ſchwammen. Dieſer Beſchwerden ungeachtet iſtaber doch die Weltgegend zwiſchen den Wendekreiſen recht mein Element, und ich bin nie ſo ununterbrochengeſund geweſen, als ſeit meiner Abreiſe aus Spanien.Trotz des ewigen Wechſels von Naͤſſe, Hitze und Gebirgs-kaͤlte (denn die Parime, der ſuͤdliche Theil der Guayana,iſt keinesweges ein flaches Land wie die Geographenes ſchildern, ſondern es hat einen maͤchtigen von Po-payan und Quito auslaufenden mit dem Oyapock beiCayenne ſich verbindenden Gebirgsſtock, den ich in1 Grad noͤrdlicher Breite vom Aequator 9600 Fuß |Spaltenumbruch| hoch fand) trotz jenes ewigen Wechſels von Naͤſſe, Hitzeund Gebirgskaͤlte, hat meine Geſundheit ſichtbar zuge-nommen. Ich arbeite ſehr viel, (das Pflanzenbeſchrei-ben iſt nur ein Nebenzweck meiner Reiſe) ich ſchlafe we-nig, bin oft bei aſtronomiſchen Beobachtungen, 4 bis5 Stunden lang ohne Hut der Sonne ausgeſetzt. Ichhabe mich in Staͤdten aufgehalten (la Guayra, Portoca-bello) wo das graͤßliche gelbe Fieber wuͤthete, und nie,nie hatte ich nur Kopfweh! Nur in St Thome de laAngoſtura , der Hauptſtadt in der Guayana und in Nueva Barcellona , hatte ich 3 Tage lang Fieber, einmal amTage meiner Ruͤckkunft vom Rio neger, da ich nach lan-gem Hungern zum erſtenmahl und unmaͤßig Brod ge-naß, das andre mahl als ich von einem hier ſtets Fiebererregenden Staubregen bei Sonnenſchein benetzt ward.Am Atabapo, wo die Wilden ſtets am Faulfieber leiden,widerſtand meine Geſundheit unbegreiflich gut. VierMonate lang ſchliefen wir in den Waͤldern, umgebenvon Crocodillen, Boas, und Tigern, (die hier ſelbſt Ca-nots anfallen) nichts genießend als Reis, Ameiſen, Ma-nioc, Piſang und Orinoco-Waſſer und bisweilen Affen.Von Mondavaca bis zum Vulcan Duida, von den Graͤn-zen des Quito bis Surinam hin, Strecken von achttauſendQuadratmeilen in denen kein Indianer, ſondern nichtsals Affen und Schlangen anzutreffen ſind, haben wiran Haͤnden und Geſicht von Musquitenſtichen geſchwol-len, durchſtrichen. Aber dagegen auch welche Groͤße injenen majeſtaͤtiſchen Palmwaͤldern, wo man ſo viele undverſchiedene unabhaͤngige freie indianiſche Voͤlkerſchaf-ten und bei dieſen einen Reſt peruaniſcher Cultur an-trifft! Nazionen, die, ihren Acker wohl beſtellend, Gaſt-freundſchaft ausuͤben, ſanft und menſchlich ſcheinen wiedie Otaheiter, aber auch, gleich dieſen — Menſchenfreſſerſind. Ueberall, uͤberall im freien Suͤdamerica, (ich redevon dem Theil ſuͤdwaͤrts von den Cataracten des Orinoco,wo außer 5 bis 6 Franziscaner-Moͤnchen kein Chriſten-Menſch vor uns eindrang) fanden wir in den Huͤtten dieentſetzlichen Spuren des Menſchenfreſſens!! — Ich habedas ſpaniſche Miniſterium gebeten einen jungen Franzis-kaner-Moͤnch durch Cavanilles in der Botanik unterrich-ten und dann ihn den Rio Neger bereiſen zu laͤſſen. Nurals Moͤnch, oder in Begleitung eines Moͤnchs, kann mandort reiſen, ohne von den Indianern etwas zu befuͤrchtenzu haben. Der jetzige Padre Guardian der MiſſionenFray Juaquin Marquez ein wackerer Moͤnch, mit dem ichin genauer Freundſchaft gelebt, hat das Project ſehr un-terſtuͤtzt. Ich habe an manchen Orten Inſtrumente ge-laſſen und wir duͤrfen hoffen bald uͤber dieſen finſtern un-bekannten Theil der Welt, uͤber den alle Charten erlogenſind, einiges Licht zu erhalten. Die Oſt- und Nord-Euro-paͤer haben uͤbrigens ſeltſame, faſt moͤchte ich ſagen tolleVorurtheile gegen die ſpaniſche Nation. Ich habe nunzwei Jahre lang, vom Capuziner an (denn ich war langein ihren Miſſionen unter den Chaymas Indianern) biszum Vizekoͤnig, mit allen Menſchenklaſſen genau verbun-den gelebt. Ich bin der ſpaniſchen Sprache itzt faſt ſo gutals meiner Mutterſprache maͤchtig, — wohlan, mittelſtdieſer genauen Kenntniß kann ich verſichern, daß dieſeNation trotz alles politiſchen und religioͤſen Drucks, den-noch mit Rieſenſchritten ihrer Bildung entgegen geht, daßein großer Character ſich in ihr entwickelt. Daraus, daßhier in Amerika nichts von ihr verlautbart, daraus urthei-le nicht, daß ſie nichts fuͤr die Wiſſenſchaften thut. Esgiebt hier ungeheure Pflanzenſchaͤtze; vortrefliche Zeich-nungen, Beſchreibungen, alles iſt fertig, allein an Publi- |6| |Spaltenumbruch| cation iſt nicht zu denken in einem Lande wo die Buchhaͤnd-ler 20 tauſend Thaler fordern um ein Buch drucken zulaſſen! Mit Ruiz flora wird man wenigſtens noch 10Jahre lang beſchaͤftigt ſeyn. Don Celeſtino Mutis inSt. Fe, hat gewiß uͤber 1500 bis 2000 neue Species;die Flora novae Grenadae iſt fertig. Haͤnke iſt nochin Chili, nachdem er mit Malaspina die Welt umreiſethat. Reicher an Pflanzen iſt Niemand in der Welt! Seſſe, ein ſehr, ſehr guter Botaniker, hat 7 Jahrelang ganz Mexico und Californien bereiſet. Er hat 2000Zeichnungen. Tafala arbeitet noch in Peru wie Cer-vantes in Mexico. Hier in der Inſel Cuba iſt eineeigene botaniſche Commiſſion, deren Haupt Dr. Boldo am gelben Fieber geſtorben iſt. Der junge Eſtevez, Seſſe’s Schuͤler, iſt ihm ſubſtituirt. Mit ihm arbeitetein mexikaniſcher Mahler Echevaria, deſſen Talent imPflanzenzeichnen alles hinter ſich laͤßt, was Europa nuraufzuzeigen hat! So ſehr ich das alles ruͤhme und lobe,ſo glaube Du es uͤbrigens doch nicht, wenn etwa die deut-ſchen Zeitungen es den engliſchen nachſchreiben ſollten,„— daß ich mit großen Auftraͤgen vom ſpaniſchen Gou-vernement reiſe, und zu einem hohen Poſten im Rathvon Indien beſtimmt ſei“ — ſondern, wie ich, lachedaruͤber. Falls ich gluͤcklich nach Europa zuruͤckkehre;ſo werden mich ganz andre Plaͤne beſchaͤftigen, die mitdem Conſejo de Indias wenig zuſammenhaͤngen. EinMenſchenleben, begonnen wie das meinige, iſt zumHandeln beſtimmt, und ſollte ich unterliegen, ſo wiſſendie, welche meinem Herzen ſo nahe als Du ſind, daßich mich nicht gemeinen Zwecken aufopfre. Aber dieErfuͤllung meiner Zwecke erfordert Unabhaͤngigkeit,und die meinige wird mir mit jedem Tage theurer. Um ih-rentwillen habe ich nie, nie einen Schein von Unterſtuͤt-zung von irgend einer Regierung angenommen. Wenn ichin meiner Phantaſie die Rehberge (*) und die Panke mitden Cataracten von Atures und mit einem Hauſe vonChina (Cinchone alba) in dem ich lange gewohnt, zu-ſammenſtelle, ſo kommt mir dies alles oft wie ein Traumvor. Wie viele Schwierigkeiten habe ich uͤberwunden!vergeblich auf Baudins Reiſe um die Welt gewartet,dann Egypten und Algier um einen Schritt nahe, dannin Suͤdamerica! und nun wieder in der Hofnung, Baudin und Michaux in der Suͤdſee zu finden — —wie wunderbar iſt ein Menſchenleben verkettet — dennich gehe von hier uͤber Mexico und Californien nach Acapulco, um dort mit dem Capitian Baudin die Reiſe um die Welt zu vollenden.
  • Neuere Briefe aus der Havanna melden, daßHerr von Humboldt und ſein Reiſegefaͤhrte Bon-pland am 5ten Maͤrz d. J. von dort nach Cartha-gena, und zwar ſehr geſund und wohl, unter Seegelgegangen ſind.
|Spaltenumbruch|

(*) Unbedeutende Huͤgel in der ſogenannten Jungfern-heide bei Berlin.