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Alexander von Humboldt: „Briefe des Herrn Alexander von Humboldt“, in: ders., Sämtliche Schriften digital, herausgegeben von Oliver Lubrich und Thomas Nehrlich, Universität Bern 2021. URL: <https://humboldt.unibe.ch/text/1800-Aus_einem_Schreiben_Alexanders-2> [abgerufen am 05.02.2023].

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Titel Briefe des Herrn Alexander von Humboldt
Jahr 1801
Ort Berlin; Stettin
Nachweis
in: Neue Berlinische Monatschrift 6 (August 1801), S. 115–141.
Postumer Nachdruck
Alexander von Humboldt. Eine wissenschaftliche Biographie, hrsg. Von Karl Bruhns, Leipzig 1872, Bd.1, S. 261-263, S. 265-268 und S. 274 [Brief an Willdenow vom 20.4.1799].

Briefe Alexander’s von Humboldt an seinen Bruder Wilhelm, hrsg. von der Familie von Humboldt in Ottmachau, Stuttgart 1880, S. 7–10 [Brief vom 20.–25.6.1799 an W. Humboldt] und S. 10–14 [Brief vom 16.7. an W. Humboldt].

Lettres américaines d’Alexandre de Humboldt (1798–1807), précédées d’une Notice de J.–C. Delamétherie et suivies d’un choix de documents en partie inédits, publiés avec une introduction et des notes par le E.T. Hamy, Paris [1905], S. 11-16 und S.19 [Brief an Willdenow] , S. 19–22 [Brief vom 20.–25.6.1799 an W. Humboldt], S. 25–28 [Brief vom 16.7. an W. Humboldt] [frz. Übersetzung].

Beck, Hanno: Alexander von Humboldt. Bd. 1. Wiesbaden 1959, S. 116 und S. 276, Anm. 192 [Brief an Willdenow vom 20.4.1799].

L'Art Ancien 58 (1963) Nr. 58.

Die Jugendbriefe Alexander von Humboldts 1787–1799, herausgegeben von Ilse Jahn und Fritz G. Lange, Berlin: Akademie 1973, S. 660–664 [Brief an Willdenow vom 20.4.1799] [nach Briefmanuskript].

Alejandro de Humboldt: Cartas americanas. Compilación, prólogo, notas y cronología Charles Minguet. Traducción Marta Traba. Caracas: Biblioteca Ayacucho 1980, S. 5–8 [Brief vom 20. April 1799 an Willdenow], S. 10 [Brief vom 5. Juni 1799 an Willdenow], S. 10–12 [Brief vom 20. und 23./25. Juni 1799 an Wilhelm von Humboldt] und S. 14–16 [Brief vom 16. Juli 1799 an Wilhelm von Humboldt] [span. Übersetzung].

Alexander von Humboldt, Briefe aus Amerika 1799–1804, herausgegeben von Ulrike Moheit, Berlin: Akademie 1993, S. 35–37 [Brief vom 20.–25.6.1799 an W. Humboldt], S. 41–43 [Brief vom 16.7. an W. Humboldt].

Alexander von Humboldt, Das große Lesebuch, herausgegeben von Oliver Lubrich, Frankfurt/M.: Fischer 2009, S. 27–41.
Sprache Deutsch
Schriftart Fraktur
Identifikation
Textnummer Druckausgabe: II.1
Dateiname: 1800-Aus_einem_Schreiben_Alexanders-2
Statistiken
Seitenanzahl: 27
Zeichenanzahl: 29290

Weitere Fassungen
Aus einem Schreiben Alexanders von Humboldt an seinen Bruder Wilhelm aus Puerto Orotava am Fuß des Pic’s von Teneriffa (Salzburg, 1800, Deutsch)
Briefe des Herrn Alexander von Humboldt (Berlin; Stettin, 1801, Deutsch)
|115|

Briefe des Herrn Alexander von Humboldt.

Unſer Landsmann Alexand. v. Humboldt ziehtdurch ſeine Kenntniſſe, ſeine Schriften, undſeine Reiſen, itzt die Aufmerkſamkeit von mehrals Einem Welttheil auf ſich. In ihm verbin-det ſich auf die ſeltenſte Weiſe der Scharfſinnder Theorie, der Fleiß der Gelehrſamkeit, undder echte Geiſt fuͤr praktiſche Beſchaͤftigungen.Er umfaßt das geſammte Gebiet der Natur-wiſſenſchaft: am Himmel, auf der Oberflaͤcheder Erde, in den Tiefen derſelben, und auf demMeere. Er unterſucht die ewigen Geſtirne unddie kurzdaurenden Pflanzen, die Knochen des |116| Erdballs und die Nervenfaſer der Thiere, denBrand der Vulkane und den Prozeß des Lebens,die Farbe unterirdiſcher Vegetazion und dieStroͤmungen verborgner Gewaͤſſer, die unſicht-baren Luftarten und die noch geheimeren Na-turkraͤfte (Elektrizitaͤt, Magnetismus, u. ſ. w.),das Wiſſen der Alten (uͤber den Baſalt z. B.)und die Stufe der Bildung itztlebender Voͤlker.Chemie, Arzeneikunſt, Mineralogie, Erdkunde,verdanken ihm große Entdeckungen und Berei-cherungen. Und dieſer unermuͤdliche, in ſo vie-len Faͤchern bewundernswuͤrdige, Mann iſt ge-genwaͤrtig noch nicht volle 32 Jahre alt *)! Er traͤgt den Deutſchen und den PreußiſchenNamen itzt an Orte, welche nie ein Europaͤi-ſcher Fuß betrat, und wo zum Theil ſelbſt diebenachbarten Wilden noch nicht hingekommenwaren. Welche Ausbeute verſprechen nicht ſeineWanderungen in Amerika, wo er Gebirge be-ſtieg, Wuͤſten durchſtreifte, Fluͤſſe befuhr, unter
*) Friedrich Heinrich Alexander von Humboldt,Kgl. Oberbergrath, und zum Mitglied der hie-ſigen Akademie der Wiſſenſchaften erwaͤhlt waͤh-rend er ſich auf der andern Halbkugel der Erdebefand, iſt den 14 Septemb. 1769 zu Berlingeboren.
|117| Nazionen lebte, die wenigſtens ein ſolcher Be-obachter nie geſehen hat! Und die Ruhe nachdieſen gefahrvollen muͤhſeligen Unternehmungen?Er ſucht ſie in der hoͤchſten neuangeſtrengtenThaͤtigkeit, in dem weiteſten Wirkungsraumefuͤr einen reiſenden Sterblichen. Er geſellt ſichzu der Expedizion welche die Franzoͤſiſche Re-gierung itzt unter dem Kapitaͤn Baudin veran-ſtaltet: die Welt zu umſegeln. In Akapulko werden die Schiffe ihn abholen, um mit ihmihre große Fahrt zu vollenden. Es iſt der ſchoͤn-ſte Kranz der unſerm Reiſenden um die Stirngeflochten werden konnte; aber auch welch einGenoſſe eines ſolchen Vorhabens, wie ausge-ruͤſtet, wie vorbereitet, wie geuͤbt!
Der unvergeßliche Reinhold Forſter war inWeſtpreußen geboren, und verlebte ſeine letztenJahre wieder in unſerm Lande. Wir werdenzum zweitenmal die ruhmvolle Freude, die in-tereſſante Belehrung genießen, einen Gelehrtender die Welt umreiſet hat, unter uns zu ſehn.Denn alle gute Wuͤnſche muͤſſen ſich vereinigen,daß Humboldt unbeſchaͤdigt ſein Vaterland wie-der betrete, daß der Genius der Wiſſenſchaftenſein Leben beſchuͤtze, welches er vielleicht nur zu ei-frig fuͤr die Wiſſenſchaften wagen wird. |118| Ueber ſeine Reiſe in den Wildniſſen vonSuͤdamerika, bis zu den Quellen des Oronoko,ſind in oͤffentlichen Blaͤttern mehrere hoͤchſt merk-wuͤrdige Berichte aus ſeinen Briefen gedrucktworden. So auch neulich ſein letzter Briefaus Havana, wo er beſtimmt von ſeiner Reiſeum die Welt ſpricht. Ich werde den Leſernnichts vorlegen was ſie ſchon anderwaͤrts findenkoͤnnen. Dagegen theile ich hier einige aͤltere,bisher nie bekannt gemachte, Briefe von ihmmit, die ſchon an ſich großes Intereſſe erregen,und noch ein groͤßeres dadurch daß ſie gleichſamdie Geſchichte ſeiner Reiſe darlegen. Man hatteoft gehoͤrt daß er fremde Welttheile beſuchenwollte; man vermuthete ihn bald hier bald dort,und wunderte ſich bisweilen daß er nicht in dengeglaubten Laͤndern ſei. Man hielt ihn wohlgar in Verdacht, ſeine Plane wankelmuͤthig zuaͤndern oder aufzugeben, waͤhrend der edle jungeMann mit der kraftvollſten Beharrlichkeit ſieverfolgte. Nach Afrika ſtand ſchon fruͤhe ſeinSinn; ſchon damal geſchah ihm der Antrag,die Franzoͤſiſche Reiſe um die Welt mitzumachen.Als dieſe aufgeſchoben werden mußte, wandte erAlles an ſeinen erſten Zweck zu erreichen. DasSchickſal ſetzte ihm Unmoͤglichkeiten entgegen; |119| er ging nach Spanien, und waͤhlte und benutztehier die Gelegenheit, in der neuen Welt denheißen Erdſtrich zu beſuchen, den in der altenWelt zu ſehn er verhindert ward. Der erſte Brief des Hrn von Humboldt iſtan ſeinen vertrauten vieljaͤhrigen Freund, denhieſigen Hrn Profeſſor Willdenow, gerichtet;die zwei andern, an ſeinen aͤltern Bruder, HrnLegazionsrath Karl Wilhelm von Humboldt. Sie bilden eine genaue Folge ſeiner damaligenNachrichten.

I.

Wenn ich, mein bruͤderlichſt geliebter Freund,ſeit Marſeille auch keine Zeile an Dich geſchrie-ben habe, ſo bin ich deshalb, wie der Inhaltdieſes Briefes zeigen wird, doch nicht minderthaͤtig fuͤr Dich und Deine Freuden geweſen.Ich ſchlage ſo eben eine Kiſte von 400 Pflan-zen fuͤr Dich zu, von denen ein Viertheil gewißnoch unbeſchrieben, und aus Gegenden iſt die(wie S. Blaſio in Kalifornien, Chiloe, unddie Philippinen) kaum von einem Botaniſtenbetreten worden ſind. Wenn Du dieſe Pflanzen |120| durchgehſt, ſo wirſt Du Dich uͤberzeugen daßkaum ein Tag vergangen iſt, an dem nicht inWaͤldern Wieſen und am Meeresufer Dein An-denken mir lebendig geweſen iſt. Ueberall habeich fuͤr Dich geſammelt, und zwar nur fuͤr Dich:da ich ſelbſt erſt jenſeit des Ozeans mein eige-nes Herbarium anfangen will. — Doch ehe ichDir die Pflanzen nenne, welche fuͤr Dich meinLieber beſtimmt ſind, muß ich Dich uͤber michſelbſt und mein Schickſal orientiren. DieſesSchickſal iſt nun in dieſem Jahre wunderbargenug geweſen; doch wirſt Du bemerken, daßich wenigſtens hartnaͤckig in Verfolgung meinerPlane geweſen bin, und daß dieſe Hartnaͤckig-keit mich nun doch noch von Kalifornien biszum Patagonenlande, vielleicht ſelbſt um dieWelt, fuͤhrt.... Seitdem ich in Salzburg meine zweiteReiſe nach Italien, und die Zahl wichtigerVerſuche welche ich in Neapel uͤber die gasar-tigen Ausduͤnſtungen der Vulkane zu machengedachte, aufgab; hatte ich keinen andern Zweckals den, mich in die heiße Zone zu begeben.Du weißt daß Lord Briſtol *) ein Schif in
*) Lord Hervey, Graf von Briſtol, Biſchof vonLondonderry, allgemein wegen ſeiner Reiſen in
|121| Livorno gekauft hatte, welches uns mit Kuͤcheund Keller, Malern und Bildhauern, den Nilherauf bis an die Katarakten fuͤhren ſollte.Dieſe Reiſe nach Aegypten war verabredet(November 1797), ehe Bonaparte ſich damitbeſchaͤftigte. Ich wollte in Paris noch einigeInſtrumente zuſammenkaufen, als die Franzoſenmir meinen guten alten Lord bei Bologna weg-fangen, und ihn in Mailand feſtſetzen...
In Paris wurde ich aufgenommen wie ichnie erwarten durfte, und wie ich mir nur ausder Mittelmaͤßigkeit der Deutſchen erklaͤren kanndie ſich dort gezeigt hatten. Der alte Bou-gainville projektirte eine neue Reiſe um dieWelt, beſonders nach dem Suͤdpol. Er bere-det mich mit ihm zu gehn; und mir, geradedamal mit magnetiſchen Unterſuchungen beſchaͤf-tigt, leuchtete eine Reiſe nach dem Suͤdpol mehrals nach Aegypten ein, wohin, als ich in Frank-reich ankam, Bonaparte mit ſeiner Schaar Ge-lehrten bereits abgegangen war. Von dieſenweit ausſehenden Hofnungen war ich voll, alsauf einmal das Direktorium den heroiſchen Ent-
Europa bekannt. Er war auch in Berlin. Manrechnet ſeine jaͤhrlichen Einkuͤnfte zu 60 000 Pf.Sterling.
|122| ſchluß faßt, nicht den 75jaͤhrigen Bougainville,ſondern den Kapt. Baudin eine Reiſe um dieWelt machen zu laſſen. Ich hoͤre von dieſemBeſchluß nicht eher als auch ſchon die Regie-rung mich einladen laͤßt, mich auf dem Vulkan,einer der drei Korvetten, einzuſchiffen. AlleNazionalſammlungen wurden mir geoͤfnet, umvon Inſtrumenten auszuleſen was ich wollte.Bei der Wahl der Naturforſcher, bei allem wasdie Ausruͤſtung betraf, ward ich um Rath be-fragt. Viele meiner Freunde waren damit un-zufrieden mich den Gefahren einer fuͤnfjaͤhrigenSeereiſe ausgeſetzt zu ſehen; aber mein Entſchlußſtand eiſern feſt, und ich wuͤrde mich ſelbſt ver-achtet haben wenn ich eine ſolche Gelegenheitnuͤtzlich zu ſein verſaͤumt haͤtte. Die Schiffewaren bemaſtet. Bougainville wollte mir ſeinen14jaͤhrigen Sohn anvertrauen, damit er ſichfruͤh an die Gefahren des Seelebens gewoͤhnte.Die Wahl unſrer Gefaͤhrten war vortreflich:lauter junge, kenntnißvolle, kraͤftige Menſchen.Wie ſcharf Jeder den Andern ins Auge faßte,wenn er ihn zum erſtenmale ſah! Vorher einan-der fremd, und dann auf ſo lange Zeit ſich ſonahe! Das erſte Jahr ſollten wir in Paraguaiund im Patagonenlande, das zweite in Peru, |123| Chili, Mexiko, und Kalifornien, das dritte imSuͤdmeer, das vierte in Madagaskar, und dasfuͤnfte in Ginea zubringen. Mein Bruder undmeine Schwaͤgerinn wollten mich bis in denHavre begleiten. Wir waren alle mit der Ideeſo vertraut daß dieſe Abreiſe uns ein Feſt ſchien. —Welch ein unnennbarer Schmerz, als in 14 Ta-gen alle alle dieſe Hofnungen ſcheiterten! Elen-de 300 000 Livres, und der gefuͤrchtete naheAusbruch des Krieges, waren die Urſachen.Mein perſoͤnlicher Einfluß bei François de Neuf-chateau, der mir ſehr wohl will, alle Triebfe-dern die ſonſt in Bewegung geſetzt wurden, wa-ren umſonſt. In Paris, das von dieſer Reiſevoll geweſen war, glaubte man uns abgeſegelt.Das Direktorium ſetzte durch einen zweiten Be-ſchluß die Abreiſe bis zum kuͤnftigen Jahre(alſo nur bis 1799?) aus.
Eine ſolche Lage, ein ſolcher Schmerz, laͤßtſich nur fuͤhlen. Aber Maͤnner muͤſſen handelnund ſich nicht dem Schmerz uͤberlaſſen. Ichfaßte nun den Entſchluß, der Aegyptiſchen Ar-mee auf dem Landwege, mit der Karavane dievon Tripoli durch die Wuͤſte Selimar nach Ka-hira (Cairo) geht, zu folgen. Ich geſellte einender jungen Leute, der mit zur Reiſe um die |124| Welt beſtimmt war, Bonpland, einen ſehr gu-ten Botaniſten, den beſten Schuͤler von Juſſieu und Desfontaines, mir zu. Er hat auf derFlotte gedient, iſt ſehr ſtaͤmmig, muthig, gut-muͤthig, und in der anatomia comparata [ver-gleichenden oder Thier-Anatomie] geſchickt. Wireilten nach Marſeille, um von dort aus mitdem Schwediſchen Konſul Sjoͤldebrand, auf ei-ner Fregatte welche Geſchenke fuͤhrte, abzugehn.Ich wollte den Winter in Alger und am At-las zubringen, wo in der Provinz Konſtantine(laut Desfontaines) noch uͤber 400 neue Spe-zies zu finden ſind. Von da wollte ich uͤberSufetula, Tunis, Tripoli, vermittelſt der Ka-ravane welche nach Mekka geht, zu Bonaparte ſtoßen. Zwei Monate harrten wir vergeblich.Unſre Koffer mußten gepackt bleiben, und wirliefen taͤglich ans Ufer. Die Fregatte Jaramas,welche uns fuͤhren ſollte, ging unter. AlleMannſchaft ertrank. Einige meiner Freunde,die mich ſchon eingeſchiſt glaubten, hat dieſeNachricht ſehr erſchreckt. Ich miethete, durch das lange Harren nichtabgeſchreckt, einen Raguſaner, der uns geraden-wegs nach Tunis fuͤhren ſollte. Allein die Mu-nizipalitaͤt zu Marſeille, wahrſcheinlich ſchon un- |125| terrichtet von den Stuͤrmen welche bald in derBarbarei gegen alle Franzoſen ausbrechen ſoll-ten, verweigerte die Paͤſſe. Bald darauf kamdie Nachricht an, daß der Dey von Alger dieKaravane nach Mekka nicht abgehen laſſen wolle,damit ſie nicht durch das von Chriſten verun-reinigte Aegypten ziehe. Nun war alle Hof-nung, in Kahira zur Armee zu ſtoßen, dahin.Zur See war jede Kommunikazion abgeſchnit-ten. Es blieb mir nichts uͤbrig, als fuͤr denHerbſt die Reiſe in den Orient aufzugeben, denWinter in Spanien zuzubringen, und von dortaus im Fruͤhjahr ein Schif nach Smyrna zuſuchen. Traurige Zeiten, in denen man, trotzaller Aufopferungen, und wollte man Millionendaran wenden, nicht ſicher von Kuͤſte zu Kuͤſtekommen kann! Ich reiſ’te nun, meiſt zu Fuß, laͤngs derKuͤſte des Mittellaͤndiſchen Meeres, uͤber Cette,Montpellier, Narbonne, Perpignan, die Py-renaͤen, und Katalonien, nach Valencia undMurcia, und von da, durch die hohe Ebenevon La Mancha, hieher. In Montpellier brachte ich koͤſtliche Tage in Chaptal’s Hauſezu, und in Barcellona bei John Gille einemEnglaͤnder, mit dem ich in Hamburg zuſam- |126|men wohnte, und der itzt in Spanien Inhabereiner großen Handlung iſt. In den Thaͤlernder Pyrenaͤen bluͤhten die Erbſen, waͤhrend der Canigou ſein ſchneebedecktes Haupt daneben er-hob. In Katalonien und Valenzia iſt dasLand ein ewiger Garten, mit Kaktus [Fackel-diſtel] und Agave eingefaßt. Dattelpalmen,40 bis 50 Fuß hoch, und mit Traubenfruͤchtenbeladen, ſtreben uͤber alle Kloͤſter empor. DerAcker ſcheint ein Wald von Zeratonien [Johan-nisbrotbaͤumen], Oelbaͤumen, und Oranjen, de-ren viele Kronen wie unſre Birnbaͤume haben.In Valenzia koſten 68 Oranjen 1 Piaſeta, d. i.ſechs Groſchen. Bei Balaguer und am Aus-fluß des Ebro, iſt eine zehn Meilen lange Ebene,mit Chamaͤrops [Zwergpalme], Piſtazien, zahl-loſen Erika-arten [Heidekraut] (Erica vagans,E. scoparia, E. mediterranea), und Ziſtus[Ziſtroͤslein, Felſenroſen], bewachſen. Die Hei-den bluͤhten, und mitten in der Wildniß pfluͤck-ten wir Narziſſen und Jonkiljen. Bei Cam-brils iſt Phoͤnir daktylifera [gemeine Palme]ſo verwildert, daß man 20 bis 30 Staͤmmeſo dicht gruppirt ſieht daß kein Thier durch-dringen kann. Da man weiße Palmblaͤtterſehr in den Kirchen liebt, ſo ſieht man in Va- |127| lenzia Dattelſtaͤmme, deren mittlerer Trieb miteiner Art koniſcher Muͤtze von Stipa tenaciſſi-ma [zaͤhem Spartogras] uͤberzogen iſt, damitdie jungen Blaͤtter im Finſtern etiolirt *) wer-den. Das Baſſin in welchem die Stadt Va-lenzia liegt, hat an Ueppigkeit der Vegetazionſeines Gleichen in Europa nicht. Man glaubtnie Baͤume und Blaͤtter geſehen zu haben, wennman dieſe Palmen, Granaten, Zeratonien, Mal-ven u. ſ. w. ſieht. In der Mitte des Jaͤnnersſtand das Thermometer im Schatten auf 18Grad Reaumur. Alle Bluͤthen waren faſt ſchonabgefallen. Von den Ruinen bei Tarragona, dem Ber-ge bei Murviedro oder dem Dianentempel desalten Sagunt **), ſeinem ungeheuren Amphi-
*) Etioler, s’étioler: verb.; étiolement: subst. Eigentlich eine Krankheit der Pflanzen, welchezu dick geſtanden, oder an geſchloſſnen Oerterngezogen worden: wodurch ſie hoͤher auſſchießen,und lange duͤnne Staͤngel, oder Blaͤtter, vonglaͤnzend weißer Farbe bekommen. In Spa-nien wird alſo durch Kunſt dieſe fehlerhafteBeſchaffenheit hervorgebracht.**) Der Flecken Murviedro im Koͤnigreich Va-lenzia ſteht auf der Stelle des alten beruͤhmten
|128|theater, dem Herkulesthurm, von dem man dieThuͤrme von Valenzia aus einem Walde von Dat-telpalmen hervorragen ſieht und das Meer und dasCabo de Culleras, — von dem allen ſage ich nichts.Ihr Armen, die Ihr euch kaum erwaͤrmen konn-tet, waͤhrend ich mit triefender Stirn unter bluͤ-henden Oranjen, und auf Aeckern umherlief,die, durch tauſend Kanaͤle bewaͤſſert, in einemJahre fuͤnf Aernten (Reiß, Weizen, Hanf,Erbſen, und Baumwolle) tragen. Wie gernvergißt man bei dieſer Ueppigkeit des Pflanzen-wuchſes, bei dieſer unbeſchreiblichen Schoͤnheitder Menſchenformen, die Beſchwerde des We-ges, und die Wirthshaͤuſer in denen auch nichteinmal Brot zu haben iſt. Und dann iſt dieKuͤſte faſt uͤberall ſchoͤn angebaut. In Katalo-nien herrſcht eine Induſtrie, die der Hollaͤndi-ſchen gleicht. In allen Doͤrfern wird gewebt,Schifbau getrieben u. ſ. w.; Alles arbeitet. DerAcker- und Gartenbau iſt vielleicht in Europa
Saguntum; am Fuß eines Berges, und an ei-nem Fluſſe, welche beide gleichfalls Murviedroheißen. Auf dem Berggipfel, und in der Ge-gend umher, ſind viele Ueberbleibſel ehmaligergroßer Gebaͤude.
|129| nicht weiter gediehen als zwiſchen Caſtellon dela Plana und Valenzia. Aber 15 Meilen indas Jnnere des Landes hinein iſt Alles oͤde.Dieſes Innere iſt die Kuppe eines Gebirges,das 2000 bis 3000 Fuß hoch uͤber dem Waſſerſtehen geblieben iſt, als das Mittelmeer Allesverſchlang. Dieſer Hoͤhe verdankt Spanien ſeinDaſein, aber auch (die Kuͤſten abgerechnet) ſei-ne Duͤrre, und zum Theil ſeine Kaͤlte. BeiMadrid leiden die Oelbaͤume ſchon oft im Freien,und Oranjen im Freien ſind eine Seltenheit. —Doch ich fange an zu beſchreiben, was ich ei-gentlich nie thun will, da ich Buͤcher ſtatt ei-nes Briefes ſchicken muͤßte. Ich kehre zu mei-nen Planen zuruͤck.
Die Miniſterialveraͤnderungen allhier unddas Emporſteigen des neuen Guͤnſtlings Cabal-lero Urquijo habe ich ſo gluͤcklich zu benutzengeſucht, daß ich dem Koͤnig und beſonders derKoͤniginn aufs dringendſte empfohlen ward.Beide Monarchen haben mich, ſo oft ich amHofe erſchien, aufs wunderbarſte ausgezeichnet;und ich habe — was Spanier ſelbſt fuͤr unmoͤg-lich hielten — nicht nur Koͤnigl. Erlaubniß be-kommen, mit allen meinen Inſtrumenten inden Spaniſchen Kolonieen einzudringen, ſon- |130| dern ich bin auch mit Kgl. Empfehlungen analle Vizekoͤnige und Guvernoͤre ausgeruͤſtet. Ichgehe nun zuerſt nach Kuba, dann nach Mexiko, Kalifornien, Panama, u. ſ. w. Der Franzoͤſi-ſche Botaniſt Alex. Bonpland begleitet mich;und Dein Herbarium ſoll nicht vergeſſen wer-den, obgleich waͤhrend des Krieges es ſehr ſchweriſt Pflanzen ſicher nach Europa zu ſenden. Wenige Stunden vor meiner Abreiſe mitder Fregatte Pizarro, muß ich noch einmal,mein Guter, mein Andenken in Dir zuruͤckru-fen. In wenig Tagen ſind wir in den Kana-rien; dann an der Kuͤſte von Karakkas, woder Kapitaͤn Briefe abgiebt; und dann in laTrinidad auf Kuba. — Ich hoffe, wir ſehn unsgeſund wieder. Alle meine Inſtrumente ſindſchon am Bord. Dein Andenken begleitet mich.Der Menſch muß das Große und Gute wol-len. Das Uebrige haͤngt vom Schickſal ab.Schreibe mir ja alle Jahre. Mit bruͤderlicherLiebe ... u. ſ. w.
|131|

II.

Unendlich gluͤcklich bin ich auf Afrikani-ſchem Boden angelangt, und hier von Kokos-palmen und Piſangbuͤſchen umgeben. Am 5 Ju-ni reiſ’ten wir ab. Wir waren, bei ſehr fri-ſchem Nordweſtwind, und mit dem Gluͤcke faſtgar keinem Schiffe zu begegnen, ſchon am zehn-ten Tage an der Kuͤſte von Marokos; d. 17Jun. auf Grazioſa **), wo wir landeten; undam 19ten im Hafen von Sta Cruz de Tene-riffa. Unſre Geſellſchaft war ſehr gut: vorzuͤg-lich ein junger Kanarier, D. Francesco Salce-do, der mich ſehr lieb gewann, unendlich zu-traulich, und lebendigen Geiſtes, wie alle Ein-wohner dieſer gluͤcklichen Inſel. — Ich habe
*) Das Datum verſteht ſich immer nur vom An-fang der Tagebuch-aͤhnlichen Briefe: die Fort-ſetzungen ſind nicht jedesmal neu datirt.**) Grazioſa iſt eine der Aſoriſchen, Portugalzuſtehenden, Inſeln; Teneriffa eine der Ka-nariſchen, welche an Spanien gehoͤren. Derletztern ſind ſieben; Madeira (welches Andere,minder richtig, dazu rechnen), und einige kleineunbewohnte Inſeln, nicht mitgezaͤhlt.
|132| ſehr viele Beobachtungen, beſonders aſtronomi-ſche, und chemiſche (uͤber Luftguͤte, Temperaturdes Meerwaſſers u. ſ. w.), gemacht. Die Naͤch-te waren praͤchtig: eine Mondhelle in dieſemreinen milden Himmel, daß man auf dem Sex-tanten leſen konnte; und die ſuͤdlichen Geſtirne,der Zentaur und Wolf! Welche Nacht! Wirfiſchten das ſehr wenig bekannte Thier Dagyſa,eben da wo Banks es entdeckte; und ein neuesPflanzengenus, eine weinblaͤttrige gruͤne Pflan-ze (kein Fukus), aus 50 Toiſen Tiefe. DasMeer leuchtete alle Abend. Bei Madeira ka-men uns Voͤgel entgegen, die ſich vertraulich zuuns geſellten, und Tagelang mit uns ſchiften.
Wir landeten in Grazioſa, um Nachricht zuhaben ob Engliſche Fregatten vor Teneriffa kreuz-ten; man ſagte Nein, wir verfolgten unſernWeg, und kamen gluͤcklich an ohne ein Schifzu ſehen. Wie, iſt unbegreiflich; denn eineStunde nach uns, erſchienen 6 Engl. Fregattenvor dem Hafen. Von nun an iſt bis Weſtin-dien nichts mehr von ihnen zu fuͤrchten. —Meine Geſundheit iſt vortreflich, und mit Bon-pland bin ich aͤußerſt zufrieden. Schon in Te-neriffa haben wir erfahren, welche Gaſtfreund-ſchaft in allen Kolonieen herrſcht. Alles bewir- |133|thet uns, mit und ohne Empfehlung, bloß umNachrichten aus Europa zu haben; und der Koͤ-nigliche Paſſeport thut Wunder. In SantaCruz wohnten wir bei dem General Armiaga;hier (in Puerto Orotava), in einem Engli-ſchen Hauſe, bei dem Kaufmann John Colle-gan, wo Cook, Banks, und Lord Macartney auch wohnten. Man kann ſich nicht vorſtellen,welche Aiſance und welche Bildung der Weiberin dieſen Haͤuſern iſt. Den 23 Juni, Abends. Geſtern Nachtkam ich vom Pik zuruͤck. Welch ein Anblick!welch ein Genuß! Wir waren bis tief im Kra-ter; vielleicht weiter als irgend ein Naturfor-ſcher. Ueberhaupt waren alle, außer Borda und Maſon, nur am letzten Kegel. Gefahr iſtwenig dabei; aber Fatige von Hitze und Kaͤlte:im Krater brannten die Schwefeldaͤmpfe Loͤcherin unſre Kleider, und die Haͤnde erſtarrten bei2 Grad Reaumur. Gott, welche Empfindung,auf dieſer Hoͤhe (11500 Fuß)! Die dunkelblaueHimmelsdecke uͤber ſich; alte Lavaſtroͤme zu denFuͤßen; um ſich, dieſer Schauplatz der Verhee-rung (3 Quadratmeilen Bimſtein), umkraͤnztvon Lorbeerwaͤldern; tiefer hinab, die Weingaͤr-ten, zwiſchen denen Piſangbuͤſche ſich bis ans |134| Meer erſtrecken, die zierlichen Doͤrſer am Ufer,das Meer, und alle ſieben Inſeln, von denenPalma und Gran Canaria ſehr hohe Vulkanehaben, wie eine Landkarte unter uns. Der Kra-ter in dem wir waren, giebt nur Schwefeldaͤm-pfe; die Erde iſt 70 Grad Reaumur heiß. Anden Seiten brechen die Laven aus. Auch ſinddort die kleinen Krater, wie die welche vor 2Jahren die ganze Inſel erleuchteten. Manhoͤrte damal zwei Monate lang ein unterirdi-ſches Kanonenfeuer, und haͤuſergroße Steinewurden 4000 Fuß hoch in die Luft geſchleudert.Ich habe hier ſehr wichtige mineralogiſche Be-obachtungen gemacht. Der Pik iſt ein Baſalt-berg, auf welchem Porphyrſchiefer und Obſidi-anporphyr aufgeſetzt iſt. In ihm wuͤtet Feuerund Waſſer. Ueberall ſah ich Waſſerdaͤmpfeausbrechen. Faſt alle Laven ſind geſchmolzenerBaſalt. Der Bimſtein iſt aus dem Obſidian-porphyr entſtanden; ich habe Stuͤcke, die beidesnoch halb ſind. Vor dem Krater, unter Steinen die manla Eſtancia de los Ingleſes *) nennt, am Fuß
*) Der Ruheplatz (die Stazion) der Englaͤnder.Dieſe Nazion, wie ihre Entdeckungen bewei-
|135| eines Lavaſtroms, brachten wir eine Nacht imFreien zu. Um 2 Uhr Nachts, ſetzten wir unsſchon in Marſch nach dem letzten Kegel. DerHimmel war vollkommen ſternhell, und derMond ſchien ſanft; aber dieſe ſchoͤne Zeiten ſoll-ten uns nicht bleiben. Der Sturm fing anheftig um den Gipfel zu brauſen; wir mußtenuns feſt an den Kranz des Kraters anklammern.Donneraͤhnlich tobte die Luft in den Kluͤften,und eine Wolkenhuͤlle ſchied uns von der beleb-ten Welt. Wir klommen den Kegel hinab, ein-ſam uͤber den Duͤnſten, einſam wie ein Schifauf dem Meere. Dieſer ſchnelle Uebergang vonder ſchoͤnen heitern Mondhelle zu der Finſternißund der Oede des Nebels machte einen ruͤhren-den Eindruck.
Nachſchrift. In der Villa Orotava iſtein Drachenblutbaum (Dracaena Draco), 45Fuß im Umfang. Vor 400 Jahren, zu denZeiten der Guanchos *), war er ſchon ſo dick
ſen, reiſet ſo haͤufig, daß in vielen Gegendender Welt Oerter nach ihr benannt werden.*) Die Guanchos waren die urſpruͤnglichen Be-wohner und Herren der Inſel, die man beideren Beſitznehmung fand. Itzt ſind ſie bei-nahe ganz ausgerottet.
|136| als itzt. — Faſt mit Thraͤnen reiſe ich ab; ichmoͤgte mich hier anſiedeln: und bin doch kaumvom Europaͤiſchen Boden weg. Koͤnnteſt du dieſeFluren ſehn, dieſe tauſendjaͤhrigen Waͤlder vonLorbeerbaͤumen, dieſe Trauben, dieſe Roſen! MitAprikoſen maͤſtet man hier die Schweine. AlleStraßen wimmeln hier von Kamelen.
Eben, d. 25ſten, ſegeln wir ab.

III.

Mit eben dem Gluͤck, guter Bruder, mitdem wir im Angeſichte der Englaͤnder in Tene-riffa angekommen ſind, haben wir unſre See-reiſe vollendet. Ich habe viel auf dem Wegegearbeitet, beſonders aſtronomiſche Beobachtun-gen gemacht. Wir bleiben einige Monate in Karakkas **); wir ſind hier einmal in demgoͤttlichſten und vollſten Lande. WunderbarePflanzen; Zitteraale, Tiger, Armadille, Affen,Papageien; und viele viele echte halbwilde In-dianer, eine ſehr ſchoͤne und intereſſante Men-
*) Man ſchreibt auch Komana. So findet ſich auch Orinoko, ſtatt Oronoko; Guajana ſtatt Guiana:und andre Abweichungen der Namen mehr.**) Bekannt wegen des Kakaohandels.
|137|ſchenraße. Karakkas iſt, wegen der nahen Schnee-gebirge, der kuͤhlſte und geſundeſte Aufenthaltin Amerika; ein Klima wie Mexiko; und, ob-gleich von Daguin beſucht, noch einer der un-bekannteſten Theile der Welt, wenn man etwasnur in das Innere der Gebirge geht. Wasuns, außer dem Zauber einer ſolchen Natur(wir haben ſeit geſtern auch noch nicht ein ein-ziges Pflanzen- oder Thierprodukt aus Europageſehen), vollends beſtimmt uns hier in Karak-kas — zwei Tagereiſen von Kumana zu Waſ-ſer — aufzuhalten, iſt die Nachricht daß ebenin dieſen Tagen Engliſche Kriegsſchiffe in dieſerGegend kreuzen. Von hier bis Havana habenwir nur eine Reiſe von 8 bis 10 Tagen; undda alle Europaͤiſche Konvoyen hier landen, Ge-legenheit genug, außer den Privatgelegenheiten.Ueberdies iſt gerade auf Kuba bis Septemberund Oktober die Hitze am boͤſeſten. Dieſe Zeitbringen wir hier in der Kuͤhle und in geſunde-rer Luft hin; man darf hier ſogar Nachts imFreien ſchlafen.
Ein alter Marinekommiſſaͤr mit einer Ne-gerinn und zwei Negern, der lange in Paris,und Domingo, und den Philippinen war, haͤltſich ebenfalls hier auf. Wir haben fuͤr 20 |138| Piaſter monatlich ein ganz neues freundlichesHaus gemiethet, nebſt zwei Negerinnen, wo-von eine kocht. An Eſſen fehlt es hier nicht;leider nur exiſtirt itzt nichts Mehl- Brot- oderZwieback-aͤhnliches. Die Stadt iſt noch halbin Schutt vergraben; denn daſſelbe Erdbeben inQuito, das beruͤhmte von 1797, hat auch Ku-mana umgeſtuͤrzt. Dieſe Stadt liegt an einemMeerbuſen, ſchoͤn wie der von Toulon, hintereinem Amphitheater 5 bis 8 tauſend Fuß hoher,und dick mit Wald bewachſener, Berge. AlleHaͤuſer ſind von weißem Sinabaum *) und At-lasholz gebaut. Laͤngs dem Fluͤßchen (Rio deCumana), das wie die Saale bei Jena iſt,liegen ſieben Kloͤſter und Plantagen, die wah-ren engliſchen Gaͤrten gleichen. Außer der Stadtwohnen die Kupferindianer, von denen die Maͤn-ner alle faſt nackt gehn; die Huͤtten ſind vonBambusrohr, mit Kokosblaͤttern gedeckt. Ichging in eine. Die Mutter ſaß mit den Kin-dern, ſtatt auf Stuͤhlen, auf Korallenſtaͤmmen,die das Meer auswirft; jedes hatte Kokosſcha-len ſtatt der Teller vor ſich, aus denen ſie Fiſche
*) Dies Holz waͤchſt nicht in Sina, wie der Na-me vermuthen laͤßt, ſondern auf Guajana in Amerika.
|139| aßen. Die Plantagen ſind alle offen, man ge-het frei ein und aus; in den meiſten Haͤuſernſtehen ſelbſt Nachts die Thuͤren offen: ſo gut-muͤthig iſt hier das Volk. Auch ſind hier mehrechte Indianer als Neger.
Welche Baͤume! Kokospalmen, 50 bis 60Fuß hoch; Poinciana pulcherrima, mit Fuß ho-hem Strauße der prachtvollſten hochrothen Bluͤ-then; Piſange, und eine Schaar von Baͤumenmit ungeheuren Blaͤttern und handgroßen wohl-riechenden Bluͤthen, von denen wir nichts ken-nen. Denke nur, daß dies Land ſo unbekanntiſt, daß ein neues Genus welches Mutis (ſ. Cavanilles icones, tom. 4) erſt vor 2 Jahrenpublizirte, ein 60 Fuß hoher weitſchattigerBaum iſt. Wir waren ſo gluͤcklich, dieſe pracht-volle Pflanze (ſie hatte zolllange Staubfaͤden)geſtern ſchon zu finden. Wie groß alſo dieZahl kleinerer Pflanzen, die der Beobachtungnoch entzogen ſind? Und welche Farben der Voͤ-gel, der Fiſche, ſelbſt der Krebſe (himmelblauund gelb)! Wie die Narren laufen wir bis itztumher; in den erſten drei Tagen koͤnnen wirnichts beſtimmen, da man immer einen Gegen-ſtand wegwirft um einen andern zu ergreifen. Bonpland verſichert, daß er von Sinnen kom- |140| men werde, wenn die Wunder nicht bald auf-hoͤren. Aber ſchoͤner noch als dieſe Wunder imEinzelnen, iſt der Eindruck den das Ganze die-ſer kraftvollen, uͤppigen, und doch dabei ſo leich-ten, erheiternden, milden Pflanzennatur macht.Ich fuͤhle es daß ich hier ſehr gluͤcklich ſein werde,und daß dieſe Eindruͤcke mich auch kuͤnftig nochoft erheitern werden. Wie lange ich hier bleibe, weiß ich nochnicht: ich glaube, hier und in Karakkas an 3Monate; vielleicht aber auch viel laͤnger. Manmuß genießen was man nahe hat. Wahrſchein-lich mache ich, wenn der Winter kuͤnftigen Mo-nat hier aufhoͤrt, und die waͤrmſte und muͤſſig-ſte Zeit eintritt, eine Reiſe an die Muͤndungdes Oronoko, Bocca del Drago (Drachenmaul)genannt, wohin von hier ein ſichrer und ge-bahnter Weg geht. Wir ſind dieſe Bokka vor-beigeſegelt: ein fuͤrchterliches Waſſerſchauſpiel!Nachts d. 4 Jul. ſah ich zum erſtenmal dasganze ſuͤdliche Kreuz *) vollkommen deutlich. N. S. Wegen der heißen Zone fuͤrchte nichts.Ich bin doch nun faſt ſchon 4 Wochen unterden Wendekreiſen, und ich leide gar nicht da-
*) Ein Sternbild, unter dem Zentauren.
|141|von. Das Thermometer ſteht ewig auf 20 bis22 Grad, nicht hoͤher. Aber Abends, an derKuͤſte von Cayenne, habe ich bei 15 Grad ge-froren. So iſt es denn nirgend in dieſer Weltrecht warm.
Verfolge meine Reiſe auf der Karte. Den5 Juni, ab von Coruña; d. 17, nach Grazioſa;d. 19 bis 25, in Teneriffa; dann, heftigen Oſt-wind und Regenſchauer; d. 5 und 6 Juli, laͤngsder Braſiliſchen Kuͤſte; den 14ten, zwiſchen Ta-bago und Granada durch; d. 15, im Kanalzwiſchen Margarita und Suͤdamerika; d. 16tenMorgens, im Hafen von Kumana.