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Titel Aus einem Schreiben Alexanders von Humboldt an seinen Bruder Wilhelm aus Puerto Orotava am Fuß des Pic’s von Teneriffa
Jahr 1800
Ort Salzburg
Nachweis
in: Jahrbücher der Berg- und Hüttenkunde 4:2 (1800), S. 437–444.
Postumer Nachdruck
Briefe Alexander’s von Humboldt an seinen Bruder Wilhelm, hrsg. von der Familie von Humboldt in Ottmachau, Stuttgart 1880, S. 7-10 [Brief vom 20.-25.6.1799 an W. Humboldt] und S. 10-14 [Brief vom 6.7.1799 an W. Humboldt].

Lettres américaines d’Alexandre de Humboldt (1798–1807), précédées d’une Notice de J.–C. Delamétherie et suivies d’un choix de documents en partie inédits, publiés avec une introduction et des notes par le E.T. Hamy, Paris [1905], S. 19–22 [Brief vom 20.–25.6.1799 an W. Humboldt] und S. 25–28 [Brief vom 6.7.1799 an W. Humboldt] [frz. Übersetzung].

Alejandro de Humboldt. Cartas americanas. Compilación, prólogo, notas y cronología Charles Minguet. Traducción Marta Traba, Caracas 1980, S. 10–12 [Brief vom 20.–25.6.1799 an W. Humboldt] und S. 14–16 [Brief vom 6.7.1799 an W. Humboldt] [span. Übersetzung].

[Brief vom 18. Juli 1799], in: Alexander von Humboldt, Briefe aus Amerika 1799–1804, herausgegeben von Ulrike Moheit, Berlin: Akademie 1993, S. 35–37 [Brief vom 20.-25.6.1799 an W. Humboldt] und S. 41–43 [Brief vom 6.7.1799 an W. Humboldt].
Sprache Deutsch
Schriftart Antiqua
Identifikation
Textnummer Druckausgabe: II.1
Dateiname: 1800-Aus_einem_Schreiben_Alexanders-1
Statistiken
Seitenanzahl: 8
Zeichenanzahl: 10552
Bilddigitalisate

Weitere Fassungen
Aus einem Schreiben Alexanders von Humboldt an seinen Bruder Wilhelm aus Puerto Orotava am Fuß des Pic’s von Teneriffa (Salzburg, 1800, Deutsch)
Briefe des Herrn Alexander von Humboldt (Berlin; Stettin, 1801, Deutsch)
|437|

Aus einem Schreiben Alexanders von Humboldt an ſeinenBruder Wilhelm aus Puerto Orotova am Fuß des Pic’s von Te-neriffa. *)

Unendlich glüklich binich auf africaniſchem Boden angelangt, und hier von Cocus-palmen und Piſangbüſchen umgeben. Am 5ten Juny reiſten
*) Dieſe Briefe, welche ich der Güte des Hrn. Oberberg-raths Karſten verdanke, giengen erſt ein, nachdem dieobigen Auszüge S. 415 ſchon abgedrukt waren. Sieenthalten nicht durchgehends chemiſch‒mineralogiſche
|438| wir ab. Wir waren bei ſehr friſchem N. W. Wind, undin dem Glüke, faſt gar keinem Schiffe zu begegnen, ſchonam 10ten Tage an der Küſte von Marocco; den 16ten auf Gracioſa, wo wir landeten, und am 17ten im Hafen von St. Croix de Teneriffa. Ich habe ſchon ſehr viele Beobach-tungen, beſonders aſtronomiſche und chemiſche (über Luft-güte, Temperatur des Meerwaſſers etc. etc.) gemacht. DieNächte waren prächtig; eine Mondhelle in dieſem reinenmilden Himmel, daß man auf dem Sextanten beim Mond-ſcheine leſen konnte, und die ſüdlichen Geſtirne, der Cen-taur etc.! Welche Nacht! Wir fiſchten das ſehr wenig be-kannte Thier Dagyſa, eben da, wo Banks es entdekt, undein neues Pflanzengenus, eine weinblättrige grüne Pflanze(kein Fucus) aus 50 Toiſen Tiefe. Das Meer leuchtete al-le Abende. Bei Madera kamen uns Vögel entgegen, dieſich zu uns geſellten, und tagelang mit uns ſchifften. Un-ſere Geſellſchaft war ſehr gut, beſonders ein junger Cana-rier, D. Franaxo Salcedo, der mich ſehr lieb gewann, un-endlich zutraulich und lebendigen Geiſtes, wie alle Einwoh-ner dieſer glüklichen Inſel. Wir landeten in Gracioſa, umNachricht zu haben, ob engliſche Fregatten vor Teneriffa kreuzten? Man ſagte: nein. Wir verfolgten unſern Weg,und kamen glüklich an, ohne ein Schiff zu ſehen; — wie?iſt unbegreiflich; denn eine Stunde nach uns erſchienen 6
Nachrichten. Dennoch beſorge ich keinen Vorwurf, wenn ich ſie beinahe vollſtändig hier einrüke. WelchenBerg- und Hüttenmann ſollte nicht das Schikſal eines Humboldt’s unter jedem Bezuge intereſſiren? d. H.
|439| engliſche Fregatten vor dem Hafen. Von nun an iſt bis Weſtindien nichts mehr von ihnen zu fürchten. Meine Ge-ſundheit iſt vortreflich, und mit Bonplant bin ich ſehr zu-frieden. Schon in Teneriffa haben wir erfahren, welcheGaſtfreundſchaft in allen Colonien herrſcht; alles bewirthetuns mit, und ohne Empfehlung, bloß um Nachrichten aus Europa zu haben, und der königl. Paßport thut Wunder.In St. Croix wohnten wir bei dem General Armiaga, einemgutmüthigen alten Mann; hier in einem engliſchen Hauſebei einem Kaufmann John Collegan, wo Cook, Forſter, Banks und Lord Macartney auch wohnten. Es iſt unbegreiflich, welche Aiſance und welche Bildung der Weiber man indieſen Häuſern findet.
Geſtern Nacht kam ich vom Pic zurük. Welcher Anblik! Welch ein Genuß! Wir warenbis tief im Crater; vielleicht weiter, als irgend ein Natur-forſcher. Gefahr iſt wenig dabei; aber Fatigue von Hizeund Kälte. Im Crater brannten die Schwefeldämpfe Löcherin unſere Kleider, und die Hände erſtarrten bei 2° R.Gott! Welche Empfindungen! Hinab von dieſer Höhe(11300 Fuß), die dunkelblaue Himmelsdeke über ſich, al-te Lavenſtröme zu den Füſſen; und dieſer Schauplaz derVerheerung (3 Quadrat-Meilen Bimſtein) umkränzt vonLorbeerwäldern; unter dieſen die Weingärten, zwiſchendenen Piſangbüſche ſich bis ins Meer erſtreken; die zierli-chen Dörfer am Ufer des Meeres, und 7 Inſeln, von denendie Palma und Gran-Canaria ſehr hohe Volcane haben, wieeine Landcarte unter uns. Der Crater, in dem wir waren,gibt nur Schwefel-Dämpfe; die Erde iſt 70° R. heiß; an |440| den Seiten brechen die Laven aus. Auch ſind dort die klei-nen Craters, die vor 2 Jahren die ganze Inſel erleuchteten.Zwei Monate lang hörte man ein unterirdiſches Canonen-feuer, und Häuſer-groſſe Steine wurden 4000 Fuß in dieLuft geſchleudert. Ich habe hier ſehr wichtige mineralogi-ſche Beobachtungen gemacht. Dieſer Pic iſt ein Baſaltberg,auf dem Porphirſchiefer und Obſidian-Porphir aufgeſezt iſt.In ihm wüthet Feuer und Waſſer. Ueberall ſah ich Waſ-ſerdämpfe ausbrechen; faſt alle Laven ſind geſchmolzenerBaſalt; der Bimſtein iſt aus dem Obſidian-Porphir entſtan-den; ich habe Stüke, die beides noch halb ſind. Vor demCrater, unter Stämmen, die man la ſtanza de las Ingleſes nennt, am Fuß eines Lavaſtroms brachten wir eine Nachtim Freien zu. Um 2 Uhr Nachts ſezten wir uns ſchon inMarſch nach dem lezten Kegel. Der Himmel war vollkom-men ſternhell, und der Mond ſchien ſanft; aber dieſe ſchö-nen Zeiten ſollten uns nicht bleiben. Der Sturm fieng hef-tig an, um die Gipfel zu brauſen; wir mußten uns faſt anden Kranz des Craters anklammern; donnerähnlich tobtedie Luft in den Klüften, und eine Wolkenhülle ſchied unsvon der belebten Welt. Wir klimmten den Kegel hinab,einſam über den Dünſten, einſam, wie ein Schiff auf demMeere. Dieſer ſchnelle Uebergang von der ſchönen heiternMondhelle zu der Finſterniß und die Oede des Nebels mach-ten einen rührenden Eindruk. In der Villa Orotava iſt ein Drachenbaum (DracaenaDraco) 45 Fuß im Umfang. Vor 400 Jahren war er ſchonſo dik, als jezt. Faſt mit Thränen reiſe ich ab; ich möch-te mich hier anſiedeln, und kaum bin ich weg vom europäi- |441| ſchen Boden. Könnteſt du dieſe Fluren ſehen, dieſe tauſend-jährigen Wälder von Lorberbäumen, dieſe Trauben, dieſeRoſen. Mit Apricoſen mäſtet man hier Schweine. AlleStraſſen wimmeln hier von Camelen. Eben den 25ten ſe-geln wir ab. Derſelbe aus Cumana in Südamerica den 16ten Jul. 1799.Mit eben dem Glüke, guter Bruder! mit dem wir im Ange-ſichte der Engländer in Teneriffa angekommen ſind, habenwir unſere Reiſe vollendet. Ich habe viel auf dem Wegegearbeitet, beſonders aſtronomiſche Beobachtungen gemacht.Wir blieben einige Monate in Caraccas; wir ſind hier ein-mal in dem göttlichſten und vollſten Lande. WunderbarePflanzen, Gymnotus electricus, Tiger, Armadillen, Affen,Papagaien, und viele, viele halbwilde Indianer, eine ſehrſchöne und intereſſante Menſchenrace. Caraccas iſt wegender nahen Schneegebirge der kälteſte und geſundeſte Auf-enthalt in America, ein Clima, wie Mexico, und noch ei-ner der unbekannteſten Theile der Welt, wenn man et-was nur in das Innere der Gebirge geht. Was uns auſſerdem Zauber einer ſolchen Natur (wir haben ſeit geſternauch nicht ein einziges Pflanzen- oder Thier-Product aus Europa geſehen) vollends beſtimmte, uns hier in Caraccas, zwei Tagereiſen von Cumana zu Waſſer aufzuhalten, iſtdie Nachricht, daß engliſche Kriegsſchiffe in dieſer Gegendkreuzen. Von hier bis Havanna haben wir nur eine Reiſevon 8 — 10 Tagen, und da alle europäiſchen Schiffe hierlanden, Gelegenheit genug, auſſer den Privat-Gelegenhei- |442| ten. Ueberdieß iſt gerade auf Cuba die Hize bis Septemberund October am böſeſten. Dieſe Zeit bringen wir hier inder kühlern und geſundern Luft (man darf hier ſogar im Freien des Nachts ſchlafen) zu. Wir haben für 20 Pia-ſter monatlich ein ganz neues freundliches Haus gemiethet,nebſt zwei Negerinnen, wovon eine kocht. An Eſſen fehltes hier nicht; leider exiſtirt jezt kein Mehl, Brod, oder Zwibakähnliches. Die Stadt liegt halb in Schutt; denndaſſelbe Erdbeben in Quito, das berühmte von 1797, hatauch Cumana umgeſtürzt. Die Stadt liegt an einem Meerbu-ſen, ſchön wie der von Toulon, hinter einem Amphitheater5 — 8000 Fuß hoher Berge, dik mit Wald bewachſen.Alle Häuſer ſind von weiſſem China-Baum, und Atlasholzgebauet. Längs dem Flüßchen (Rio di Cumana), wie die Saale bei Jena, 7 Klöſter und Plantagen, die wahren engli-ſchen Gärten gleichen; auſſer der Stadt ſind die Kupfermi-nen, von denen die Männer alle faſt nakt gehen. Die Hüt-ten ſind von Bambusrohr mit Cocusblättern bedekt. Ichgieng in eine. Die Mutter ſaß mit den Kindern ſtatt aufStühlen, auf Corallenſtämmen, die das Meer auswirft. Je-des hatte Cocusſchalen ſtatt der Teller vor ſich, aus denenſie Fiſche aßen. Die Plantagen ſind alle offen; man gehtfrei ein und aus. In den meiſten Häuſern ſtehen des Nachtsdie Thüren offen. So gutmüthig iſt das Volk. Auch ſindhier mehr ächte Hindus, wie Neger. Welche Bäume! Co-cuspalmen, 50 — 60 Fuß hoh! Toniciana pulcherrima mit1 Fuß hohem Strauß der prachtvollen hohrothen Blüthen!Piſang und eine Schaar von Bäumen mit ungeheuren Blät- |443| tern und handgroſſen wohlriechenden Blüthen, von denenwir nichts kennen! Denk nur, daß dieß Land ſo unbekanntiſt, daß ein neues Genus, welches Mutis (im 4. Vol. Cavanil-les Jcon.) erſt vor 2 Jahren publicirte, ein 60 Fuß hoher,weitſchattiger Baum iſt. Wir waren ſo glüklich, dieſeprachtvolle Pflanze (ſie hatte zolllange Staubfäden) geſternſchön zu finden. Welche Schaar kleiner Pflanzen iſt alſoder Beobachtung noch entgangen? Und die Vögel, die Fi-ſche, ſelbſt die Krebſe (himmelblau, gelb)! welche Farbe!Wie die Narren laufen wir zuweilen umher, und in denerſten 3 Tagen können wir nichts beſtimmen, da man im-mer einen Gegenſtand wegwirft, um einen andern zu er-greifen. Bonplant verſichert, daß er noch raſend werde,wenn die Wunder nicht bald aufhörten. Aber ſchönernoch als dieſe Wunder im einzelnen iſt der Eindruk, dendas Ganze dieſer kraftvollen üppigen und dabei ſo ſichtbarerheiternden milden Pflanzennatur macht. Ich fühle es,daß ich hier ſehr glüklick ſeyn werde, und daß dieſe Ein-drüke mich auch künftig noch oft erheitern werden. Wielange ich hier bleiben werde, weiß ich nicht; ich glaubehier und in Caraccas an 3 Monate; vielleicht aber auch viellänger. Man muß genießen, was man nahe hat; vielleichtmache ich, wenn der Winter künftigen Monat hier aufhört(die wärmſte und mäßigſte Zeit), eine Reiſe an die Mün-dung des Oronoco, wohin von hier ein ſicherer Weg geht.Wir ſind dieſe Bocca vorbeigeſegelt; ein fürchterliches Waſ-ſerſpiel! |444| N. S. Wegen der heiſſen Zone fürchte nichts! Ichbin doch nun faſt ſchon 4 Wochen unter den Wendekreiſen,und ich leide gar nicht davon. Das Thermometer ſteht ewigauf 20 — 22°, nicht höher. Aber Abends an der Küſtevon Cayenne habe ich bei 15° gefroren. So iſt es denn nir-gends in dieſer Welt recht warm. Verfolge meine Reiſeauf der Carte: den 5ten Jun. ab von Corunna; den 17ten von Gracioſa; den 14ten bis 25ten in Teneriffa; den 5ten und6ten Jul. längs der braſilianiſchen Küſte; den 14ten zwiſchen Tabago und Grenada durch; den 15ten im Canal zwiſchen Marguerite und Südamerica; den 16ten Morgens im Hafenvon Cumana.