Beobachtungen über die Absorbtion des Sauerstoffs vermittelst der Erden, und Bemerkungen über den Einfluß dieser Operation auf die Ackerbaukunst . (Vom Herrn Baron Alexander v. Humbold.) Anmerkung. Die Entdeckung, daß die Erden vermögend sind Sauerstoff aus dem Dunstkreise einzusaugen, gehört, wenn sie sich fernerhin bestätigen sollte, zu einer der wichtigsten für die Ackerbaukunst. Ich werde das hier aufgestellte mit einigen erläuternden Anmerkungen für diejenigen meiner Leser begleiten, welche mit den in dieser Abhandlung gebrauchten Ausdrücken noch nicht hinreichend bekannt seyn sollten. Aber ich kann den Wunsch nicht unterdrücken, daß die hier beschriebenen Versuche, die überdies leicht anzustellen sind, recht bald selbst von denkenden Landwirthen wiederholt werden mögen, ihre Resultate werden in jedem Fall unsere Ansichten erweitern und unsere Vorstellungen in einem hohen Grade berichtigen. H. Es giebt große Erscheinungen in der Natur, die uns wichtig werden, und unsere ganze Aufmerksamkeit fesseln, sobald wir sie bemerken, die aber dennoch in der Masse unserer Naturkenntnisse sich isolirt erhalten. Verschiedene Entdeckungen über die Elektricität, den Magnetismus oder das galvanische Fluidum, und eine große Anzahl derer, welche uns die chemische Zerlegung der mineralischen Substanzen zeigt, sind von dieser Art. Noch andere Erscheinungen, die an sich selbst wenig Auffallendes haben, und lange unsern Blicken sich entziehn, flößen Interesse ein, weil sie sich leicht an eine große Reihe wichtiger Thatsachen anschließen. Zu dieser letztern Art gehören diejenigen, von welchen hier die Rede ist. So einfach und geringfügig sie auch scheinen, so schmeichle ich mir doch, daß sie dereinst über eins der wichtigsten Probleme des Ackerbaus und der chemischen Pflanzenphysiologie viel Licht verbreiten werden. Unter allen Ideen, welche die Betrachtung der Natur in uns hervorbringt, sind keine unserer Aufmerksamkeit würdiger, als die, welche sich auf die Cultur des Bodens beziehen. Das chemische System fängt allmählig an die Geheimnisse der Pflanzenökonomie zu enthüllen. Wir kennen bereits einige wichtige Erscheinungen, welche das Keimen begleiten; wir wissen Mittel anzugeben, welche es entweder beschleunigen oder verzögern; wir ahnden die Hauptürsachen, von welchen die Ernährung, Absonderung und Gasrespiration der Pflanzen abhängt; allein, so glänzend auch die Entdeckungen unserer Zeitgenossen sind, so bleiben doch die größten Probleme des Ackerbaus noch in undurchdringliche Dunkelheit gehüllt. Wie wenig kennen wir die Natur der thierischen Düngung, und hauptsächlich den auffallenden Einfluß des Kalks und des Gypses auf das Wachsthum der Pflanzen! Der Landmann begnügt sich nicht blos damit, das Saamenkorn dem Boden anzuvertrauen; er will auch die Fruchtbarkeit dieses Bodens vermehren; er glaubt ihm das wiedergeben zu können, was die Wurzeln angebauter Pflanzen ihm entzogen haben. Oft zu arm, um sein Feld düngen zu können, ist er genöthigt, zu dem wohlthätigen Einflusse der Atmosphäre seine Zuflucht zu nehmen. Die gepflügte Erde bleibt mit der Luft in Berührung. Wie wirkt nun diese bearbeitete Erde auf die untern Lagen der Atmosphäre? durch gegenwärtige Versuche glaube ich diese Frage beantworten zu können. Saussüre der Sohn fand, daß wenn man Pflanzenerde mit der Luft in Berührung bringt, bei der Temperatur von 12 bis 15 Graden des hundertgradigen Thermometers, sich Kohlensäure bildet. Ingenhouß entdeckte, daß diese Bildung von einer ziemlich starken Absorbtion des Sauerstoffs begleitet sey. Bei der Wiederhohlung meiner Versuche über das Keimen in der oxidirten Salzsäure , fand er, daß die Vegetation des Rockens, mit dieser fruchtbar machenden Säure geschwängert, beschleunigt wurde; diese Beobachtungen bewogen diesen erfindsamen Naturforscher, die Oxydirung des Bodens als eine Hauptursache seiner Fruchtbarkeit anzusehn; diese Behauptung, welche sich auf wenige Thatsachen stützte, verdiente unfehlbar näher untersucht zu werden. Bloß auf dem experimentellen Wege darf man hoffen, die Pflanzenphysiologie zu vervollkommen, und sich den Problemen des Ackerbaues zu nähern. Ich unternahm diese Arbeit, ich entdeckte, daß nicht nur Pflanzenerde, sondern auch die thonigten Erden, welche man in einer großen Tiefe findet, und was noch auffallender ist, daß die einfachen Erden, als chemische Elemente betrachtet, die Fähigkeit besitzen, Sauerstoff zu absorbiren, und ganz reinen Salpeterstoff aus der Atmosphäre abzusondern. Diese Thatsachen werde ich hier aufstellen, und zugleich die Wirkung der mit organischen Ueberresten vermischten Erden, auf die sie umgebende Luft, und die Bildung der Oxyde untersuchen, welche bei der Ernährung der Pflanzen eine so wichtige Rolle spielen. Anmerkung. Oxidirte Salzsäure nennt man das Produkt der Mischung von Salzsäure und Sauerstoff. H. Anmerkung. Oxyde nennt man die Verbindung irgend eines Stoffes mit dem Sauerstoff, wenn das Product noch nicht den Zustand einer wahren Säure besitzt. H. Da ich vor einiger Zeit in einer Gegend mich aufhielt, die reich an Steinsalzlagen ist, so sah ich mit Erstaunen, daß in den Gängen, welche zum Ausgraben dieses Minerals dienen, sich fürchterliche Wetter bilden. Die unermeßlichen Höhlen, welche man gräbt, um sie mit süßem Wasser zu füllen, das zur Schwängerung mit Kochsalz bis zu 24 oder 25 Prozent bestimmt wird, zeigen eine Mischung von Salpeterstoffgas und kohlensaurem Gas, wenn die Salzwasser abgelaufen sind, und der Fels zwei bis drei Wochen mit der Luft in Berührung bleibt. Selbst Oerter, die am wenigsten feucht sind, enthalten oft eine Luft, welche die Lichter auslöscht, und die Respiration hindert. Dieser schädliche Dunst kann nur der Natur des Felsen selbst zugeschrieben werden; denn er findet sich in den Gegenden am meisten, wo das Dach durch kein Zimmerwerk unterstützt ist, und wo die Bergleute nicht arbeiten. Bei öfterer Untersuchung derselben Gänge bemerkte ich, daß die Luft da reiner war, wo das Steinsalz sich in Masse zeigt, und daß sie hingegen am meisten mit Salpeterstoffgas vermischt zu seyn scheint, wo der Salzthon oder Leberstein am häufigsten sich findet, welcher viel salzsaure Kalkerde enthält, und welchen die Bergleute als einen treuen Begleiter des Steinsalzes erkennen. Die Bergwerke zu Weliczca in Gallizien enthalten weit mehr reines Salz in Masse, als die Hallischen Bergwerke in Tyrol oder zu Ischel in Oestreich; daher haben auch die erstern eine gesündere und sauerstoffhaltigere Luft. Direkte Versuche überzeugten mich, daß es der thonartige Fels ist, der bei sehr niedriger Temperatur die atmosphärische Luft, welche durch das Ausgehende eindringt, zersetzt. Ich brachte Stücke von diesem feuchten Thone unter Glocken, die mit atmosphärischer Luft angefüllt waren, deren Bestandtheile und Umfang ich durch genaue Versuche bestimmte. Die Temperatur des Zimmers fiel nicht unter 12 Grad, ohne 17 Grad des hundertgradigen Thermometers zu übersteigen. Dies war ungefähr die gewöhnliche Temperatur des Innern der Erde. Innerhalb drei Tagen sahe ich die Luft unter den Glocken um 0,04 bis zu 0,06 an Sauerstoffgas abnehmen. Nach acht Tagen waren kaum 0,10 und nach zwölf Tagen 0,07 übrig. Anmerkung, Nemlich ein Thermometer, das zwischen dem Gefrierpunkte und dem Siedpunkte des Wassers, in hundert gleiche Grade eingetheilt ist. H. Dieselbe atmosphärische Luft, welche zu gleicher Zeit mit dem Quellwasser in Berührung gesetzt ward, enthielt 0,27 Sauerstoffgas, das heißt, sie war kaum auf ein 0,01 herabgesetzt. Es ging also unter meinen Augen dieselbe Zersetzung der Atmosphäre vor sich, die unter der Erde dem Bergmann oft unüberwindliche Schwierigkeiten in den Weg legt. Der graue Thon, vorzüglich der ins schwarze fallende, der Schiefer, der Hornblendschiefer, der Syenit, Werners lydischer Stein, und die meisten schwarzen Mineralien enthalten Kohle, wie ich schon in einer andern Abhandlung gezeigt habe. Bringt man sie mit dem Sauerstoff der Atmosphäre in Berührung, so dampfen sie kohlensaures Gas aus. Das Licht beschleunigt diese Verbindung, entzieht ihnen die Kohle, und macht sie auf der Oberfläche weiß. Dies letztere Element ertheilt ihnen sogar die überraschende Eigenschaft, galvanische Zusammenziehungen zu bewirken. Alle diese Rücksichten bewogen mich zu glauben, daß ein kohlenstoffhaltiger Thon unter meinen Glocken wirke, und daß der Sauerstoffgas durch eine überflüßige Bildung der Kohlensäure ersetzt werden müsse. Ich wiederhohlte dieselben Versuche, und zerlegte die Rückstände noch sorgfältiger. Ich sah, daß in 18 Tagen das Volum von 300 Theilen atmosphärischer Luft um 54 Theile abgenommen habe. Die 246 Theile Rückstand (die in dem Anthracometer mit der Auflösung von Ammonium geprüft wurden) enthielten gegen 0,07 kohlensaures Gas, und nur noch 0,03 Sauerstoffgas. Eine sorgfältig angestellte Arbeit gab folgende Resultate. 3000 Theile atmosphärischer Luft enthielten 852 Sauerstoffgas 2103 Salpeterstoffgas 45 kohlensaures Gas 3000. die 2460 Theile, zu welchen das Volum in 18 Tagen herabgesetzt war; bestanden aus: 81 Sauerstoffgas 2207 Salpeterstoffgas (mit Wasserstoffgas gemischt) 172 kohlensaurem Gas 2460. In diesem Produkte waren nur 172 -- 45 = 127 Theile kohlensaures Gas, zu dessen Bildung (nach Lavoisiers Grundsätzen) 35,5 Sauerstoff gekommen waren. Nun enthielt aber der Rückstand nur 81 Sauerstoffgas; hieraus folgt also, daß 735 Theile absorbirt worden sind, d. h. wenn das Ganze auf 100 Theile gebracht wird, von [Formel] Sauerstoffgas haben [Formel] den gasartigen Zustand verlohren, und sind mit dem Thone in Verbindung getreten. Was das Salpeterstoffgas betrifft, so finden wir 10 Theile mehr in dem Rückstande, als die atmosphärische Luft vor der Absorbtion uns anzeigte . Diese Vermehrung von 0,04 an Volum darf uns indessen bei dergleichen Versuchen nicht befremden. Es ist möglich, daß Wasserstoff mit Salpeterstoffgas sich vermischt habe; (eine Mischung, die wir leider nicht zersetzen können), auch kann meiner Sorgfalt ungeachtet, der Thon, von der in seinen Zwischenräumen enthaltenen Luft nicht völlig entblößt worden seyn; ein unbekannter Zufall kann sogar die Elasticität meines Gases verändert haben. Prony, Guyton und Prieur haben das Auffallende dieser Dilatabilität der Gasarten hinlänglich dargethan. Anmerkung. Irre ich nicht, so macht der Salpeterstoff einen steten Mischungstheil des Thons aus. Wäre es also nicht möglich, daß bei diesen Arbeiten ein Theil dieses aus dem Thon geschiedenen Salpeterstoffes in den gasförmigen Zustand versetzt seyn, und so das Volum des rückständigen Gases vermehrt worden seyn könnte? H. Ich stelle hier in tabellarischer Form noch andere Versuche auf, die ich mit demselben Thone aus Steinsalzgruben angestellt habe. Die Zahlen sind nach der Variation des Barometers berichtigt, und auf die Temperatur von 12° des hundertgradigen Thermometers reducirt worden. Das Maximum des Fehlers in der Zerlegung der Luft kann 1 [Formel] Grad des Fontanaischen Eudiometers, oder [Formel] Hunderttheil Sauerstoff betragen, da der Calcul sich auf die vereinigten Mittel des Salpeterhalbsaurengases, des schwefelsauren Eisens und der oxydirten Salzsäure gründet. Volum der atmosphärischen Luft zu 0,27 Sauerstoffgas mit dem Thone in Berührung gebracht. Rückstand nach einer 15 bis 23 tägigen Berührung. Der Rückstand enthielt Salpeterstoffgas Kohlensaures Gas 250 212 0,10 0,04 460 418 0,18 0,02 300 260 0,07 0,08 520 492 0,20 0,04 500 446 0,11 0,07 Alle diese Versuche beweisen: 1) daß die mit dem Thone in Berührung gebrachte Luft an Volum und an Quantität des Sauerstoffgases beträchtlich abnimmt; 2) daß ein sehr kleiner Theil dieses Sauerstoffs in Kohlensäure verwandelt wird. 3) daß der größte Theil seinen gasartigen Zustand bei der Verbindung mit dem Thone verliert; und 4) daß der atmosphärische Salpeterstoff während der Absorbtion des Sauerstoffs nicht merklich verändert wird. Eine so auffallende Erscheinung wie die der Absorbtion des Sauerstoffs durch den Thon, mußte mich zu analogen Versuchen mit der Pflanzenerde führen. Ich sammelte nicht nur solche, die sich in unsern Gärten findet, und von der man vermuthen konnte, daß sie leicht in Fermentation übergehe, sondern auch solche, die man von einem frisch gepflügten Felde, welches seit mehrern Jahren nicht gedüngt worden ist, erhält. Diese beiden Arten gaben ungefähr dieselben Resultate, ich mochte nun eine hermetisch verschlossene Flasche halb damit anfüllen, oder sie unter Glocken, die in Quecksilber oder Wasser gesenkt wurden, der Berührung der äußern Luft aussetzen. Im letztern Falle legte ich das Stück Erde auf einen kleinen Träger, der über die Oberfläche des Wassers hervorragte. Die mit der Pflanzenerde in Berührung gebrachte Luft nahm täglich an Volum und an der Sauerstoffsmenge ab. Nach 10 bis 12 Tagen fand ich einen Rückstand, der größtentheils nur 0,03 oder 0,04 Sauerstoffgas und 0,02 bis 0,07 kohlensaures Gas enthielt. Die Erden, welche am schwärzesten waren, und den stärksten Geruch hatten, zersetzten die Luft am schnellsten. Ich kann Versuche anführen, in welchen die Pflanzenerde bis zu [Formel] Sauerstoffgas in einem Zeitraum von 5 Tagen absorbirte. Alle Luftarten, mit denen Versuche angestellt wurden, enthielten zwischen 0,27 und 0,28 Sauerstoffgas. Anzahl der Tage, während welcher die Berührung dauerte In Rückständen der 5 Glocken enthaltenes Sauerstoffgas. 2 0,20 0,24 0,19 0,20 0,26 3 0,16 0,20 0,15 0,20 0,20 4 0,16 0,15 0,14 0,15 0,17 5 0,10 0,12 0,11 0,15 0,16 8 0,08 0,10 0,11 0,11 0,12 11 0,08 0,10 0,11 0,03 0,09 14 0,05 0,06 0,04 0,08 0,09 Es ist bekannt, daß jedes Salpeterstoffgas, welches durch Verbrennung des Phosphors oder des Schwefelkali in atmosphärischer Luft bereitet worden, noch zwischen 4 bis 6 Hunderttheile Sauerstoffgas enthält; selbst das aus thierischen Theilen durch Salpetersäure entbundene, ist selten so rein als man glaubt. Wenn man es mit Salpeterhalbsaurengas prüft, so findet man oft noch bis zu 0,03 Hunderttheile Sauerstoffgas darinn. Die Pflanzenerde zeigt uns also ein neues Mittel, eine große Quantität des reinsten Salpeterstoffgases zu bereiten. Ich brachte 350 Cubik-Centimeter atmosphärischer Luft mit Pflanzenerde in Berührung. Am 25. Fructidor fand ich bloß einen Rückstand von 278 Cubik-Centimetern, die in der Röhre des Fontana nur 7 Grade Verminderung zeigten; dies beweißt nach der in meiner Abhandlung über das Salpeterhalbsauregas gegebenen Formel, daß der darin enthaltene Salpeterstoff kaum [Formel] Sauerstoff enthielt. Ich brachte 140 Centimeter dieses Rückstandes von neuem in Berührung mit der Pflanzenerde, und am 30sten Fructidor fand ich ihn in ganz reines Salpeterstoffgas verwandelt, worinn der Phosphor kein Licht verbreitete. Wenn die Methode, sich dadurch Sauerstoffgas zu verschaffen, daß man Blätter unter dem Wasser den Sonnenstrahlen aussetzt, angeführt zu werden verdient hat, so kann auch das Mittel, Salpeterstoffgas vermittelst der Pflanzenerde oder Thon aus der Luft abzuscheiden, eben sowohl eine Stelle in unsern Handbüchern der Chemie behaupten. Die verschiedenen Substanzen, die man bisher angewandt hat, können nicht für einfach angesehen werden. Die Pflanzenerde ist eine Mischung von Erde, Kohle, Wasserstoff, Salpeterstoff , Phosphor, Eisen- und Manganesoxyd. Es mußte also untersucht werden, ob die Eigenschaft, Sauerstoff zu absorbiren, zum Theil den einfachen Erden, oder den oxydirbaren Grundstoffen zuzuschreiben sey, womit diese Erden verbunden sind. Sorgfältige Versuche, die in dieser Rücksicht angestellt wurden, gaben auffallende Resultate, die man nach der Analogie bekannter Erscheinungen nicht erwarten konnte. Der berühmte Lavoisier war geneigt, die Erden als metallische so stark oxydirte Oxyde zu betrachten, daß keine säuerbare Basis im Stande sey, ihnen den Sauerstoff zu entziehen. Diese Voraussetzung konnte uns gewiß nicht bewegen, den Erden die Eigenschaft, die atmosphärische Luft zu zersetzen, zuzuschreiben; auch hat keine chemische Erscheinung uns bis jetzt diese sonderbare Eigenschaft gezeigt. Am 28sten Fructidor brachte ich mit destillirten Wasser schwach befeuchtete Thon- und Baryterde mit 0,27 Sauerstoffgas haltender atmosphärischer Luft in Berührung. Um sicher zu seyn, daß letztere durch die Feuchtigkeit nicht verändert werden möchte, stellte ich zu gleicher Zeit vergleichbare Versuche mit reinem Wasser an. Der Apparat blieb beständig auf 12 bis 14° des hundertgradigen Thermometers. Am 4ten Vendemaire fand man, daß die atmosphärische Luft, in Berührung mit reinem Wasser, um kein halb Hunderttheilchen verändert worden war. Die in der Berührung mit den Erden, war so reines Salpeterstoffgas, als ich jemahls zubereitet habe. Bei ihrer Zerlegung in Gegenwart des Bürgers Fourcroy und Vauquelin wurde sie um kein Hunderttheil mit dem Salpeterhalbsaurengas vermindert. Die der Wirkung der Baryterde ausgesetzte Luft enthielt bloß 0,08 Sauerstoffgas. Man kann vermuthen, daß, wenn diese Berührung länger gedauert hätte, oder wenn weniger Luft in der Glocke gewesen wäre, das Salpeterstoffgas ganz rein gewesen seyn würde. So frappante Thatsachen feuerten mich an, die Versuche mit andern Erden abzuändern. Die, welche seit zwei Decaden bei mir und in den Laboratorien der Bergwerksschule und des Bürgers Fourcroy angestellt wurden, gaben folgende Resultate: 1) die Thonerde und die trockne Kalkerde veränderten die Reinheit der atmosphärischen Luft gar nicht. Einige Ausnahmen, die sich zeigten, müssen ohne Zweifel einem Minimum von Feuchtigkeit zugeschrieben werden, die man dem Appate und der Luft, welche er enthält, unmöglich benehmen kann: 2) Die Thon- Baryt- und Kalkerde sind die einzigen Erden, die schwach befeuchtet, mehr oder weniger Salpeterstoff entdecken ließen. Die Thonerde scheint am stärksten auf den Sauerstoff zu wirken. Die Absorbtion scheint von keiner Entbindung einer andern elastischen Flüssigkeit begleitet zu seyn; denn von 800 Theilen atmosphärischer Luft, welche 0,27 Sauerstoffgas enthielt, mit Thonerde in Berührung gebracht, blieben in 8 Tagen nur 586 übrig, welche reines Salpeterstoffgas waren. Der Berechnung zufolge hätte der Rückstand 584 seyn sollen. Die Baryterde verminderte das Volum von 400 Theilen Luft bis zu 318; auch fanden sich 0,08 Sauerstoffgas in dem Salpeterstoffgas wieder; folglich scheinen die Rückstände bloß der in den atmosphärischen Luft präexistirenden Salpeterstoff auszumachen. 3) Die Talkerde hat noch in keinem Versuche Sauerstoff absorbirt. Was die Kieselerde betrifft, so will ich hierüber kein Urtheil fällen, ehe ich die Versuche öfterer wiederhohlt habe. In denen, die mit dem Bürger Tassaert im Laboratorium des Bürgers Vauquelin angestellt wurden, zeigte sie keine Wirkung auf die Luft. In andern, die bei mir angestellt wurden, absorbirte sie in 10 Tagen gegen 0,08 Sauerstoff, und reducirte das Volum von 500 Theilen auf 462. Vielleicht war aber meine Erde nicht ganz rein, und bei dem Uebergange aus einem Gefäß in das andere ging vielleicht Gas verlohren. 4) Wir haben bis jetzt keinen Unterschied zwischen den reinen und kohlensauren Erden bemerkt; indessen muß man bemerken, daß in dem Laboratorium des Bürgers Fourcroy die kaustische Baryterde auf die Luft nicht wirkte. Wenn man die Temperatur der Erden bis zu 50 oder 60 des hundertgradigen Thermometers erhöht, so kann man binnen einer oder zwei Stunden die Wirkung der befeuchteten Erden bemerkbar machen. In 45 Minuten sahe ich, daß die atmosphärische Luft bis zu 0,04 Sauerstoffgas verlohr. Der Wärmestoff scheint alsdenn das Spiel der Verwandschaft, welches die Erden an der Luft äußern, zu begünstigen. Ich begnüge mich die bis jetzt bemerkten Erscheinungen darzustellen, ohne über ihre Ursachen zu entscheiden. Wir sehen die einfachen Erden wie die oxydirbarsten Grundstoffe wirken. Wir erkennen an ihnen ein neues eudiometrisches Mittel, das einfacher und wirksamer ist, als das des Phosphors und des Schwefelkalis. Da die Erden nicht trocken wirken, so dient vielleicht die Feuchtigkeit bloß ihre Verwandschaft zu dem Sauerstoffe zu verstärken. Eine große Anzahl chemischer Thatsachen zeigt uns, daß die Feuchtigkeit oft eine nothwendige Bedingung sey, um die Elemente nach den Verwandschafts-Gesetzen, die ihnen eigen sind, wirksam zu machen. Vielleicht sind die Erden selbst Verbindungen einer unbekannten Basis mit dem Sauerstoffe. Wenn bewiesen wäre, daß die Kalkerde, wie das Alkali Salpeterstoff und Wasserstoff enthielte, so dürfte man sich nicht wundern, sie wie eine oxydirbare Basis wirken zu sehen, die mit dem Sauerstoff sich zu verbinden strebt. Allein es ist auch möglich, daß die Erden, ohne sich selbst mit dem Sauerstoff zu verbinden, durch ein Spiel der doppelten Verwandschaft dem Wasser die Eigenschaft ertheilen, die Basis des Sauerstoffgases aufzulösen. Versuche, die mit schwefelsaurem Eisen angestellt wurden, haben freilich diese Hypothese nicht begünstigt; man muß aber auch gestehen, daß dies Mittel, den Sauerstoff in dem Wasser zu erkennen, sehr unvollkommen sey; er kann darinn aufgelöst und auf eine Art zurückgehalten werden, daß das Eisenoxid nicht im Stande ist, ihn zu entziehen. Es wird besser seyn, sich bis jetzt mit der Entdeckung dieser neuen Erscheinung zu begnügen, ohne die Gränzen unserer gegenwärtigen Kenntnisse zu überschreiten. Man muß versuchen, ob feuchte Thonerde, nachdem man sie 4 bis 5 Monate lang der atmosphärischen Luft ausgesetzt, Sauerstoffgas giebt, wenn man sie am Feuer in dem pneumatischen Apparate behandelt. Nur durch Versuche im Großen kann man zur Auflösung so wichtiger Probleme für die chemische Theorie gelangen. Die obigen Phänomene scheinen einiges Licht über die Pflanzenökomie, und besonders über jene wohlthätige Kunst zu verbreiten, die den Menschen an den Boden fesselt, dadurch seine Sitten mildert, und das Band des geselligen Lebens fester knüpft. Die niedern Lagen der Atmosphäre, und die Oberfläche der Erdkugel, sind beinahe die einzigen Wohnplätze organischer Wesen. Die Menge Insekten und unterirdische Pflanzen, die ich mehrere hundert Meter tief im Innern der Erde entdeckt habe, verschwindet, wenn man sie mit der Menge Thiere und Pflanzen vergleicht, welche die obern Lagen bewohnen. Ueberall, wo der nakte Fels der Berührung atmosphärischer Luft sich darstellt, sieht man bloß Flechten, Warzenkraut, und einige Baumflechten, welche seine Oberfläche bedecken. Die Pflanzenerde ist die eigentliche Wohnung organisirter Wesen; sie ist die fruchtbare Quelle, woraus sie ihre Nahrung erhalten. Hieraus folgt, daß alles, was auf diese Pflanzenerde Bezug hat, denen das größte Interesse einflößen muß, die sich mit den großen Erscheinungen der belebten Natur beschäftigen. Die Pflanzenerde variirt von [Formel] bis zu 14 Decimetern Dicke, je nachdem eine Strecke Land lange von Pflanzen bewohnt worden ist, und Wasserströme Theile darauf abgesetzt haben, die andern Gegenden entzogen wurden. Bei Vergleichung der verschiedenen Lagen dieser Pflanzenerde bemerkt man, daß die untern nicht so fruchtbar sind, als die, welche unmittelbar mit der Atmosphäre in Berührung sind. Nach dem Pflügen muß die neue Oberfläche einige Zeit dem wohlthätigen Einflusse der Luft ausgesetzt bleiben, ehe man das Saamenkorn dem Boden anvertrauen kann. Die Berührung der Luft wirkt also als eine Düngung; dies hat man seit einer tausendjährigen Bearbeitung des Bodens bemerkt. Worinn besteht aber diese Wirkung der atmosphärischen Luft auf den Boden? Welche Theile assimiliren sich? Einige Naturforscher glaubten dies Problem dadurch aufzulösen, wenn sie annähmen, daß das Sonnenlicht oder die atmosphärische Electricität mit der Pflanzenerde sich verbinde. Ich zweifle nicht an der Möglichkeit dieser Verbindung, aber welche Analogien beweisen ihre Existenz? Ist nicht der ganze Erdball beständig mit elektrischer Materie angefüllt? Vermindert nicht die Verdunstung, die auf seiner Oberfläche verursacht wird, die Last der höhern Lagen der Pflanzenerde, indeß die niedern sie behalten? Andere Physiker schreiben die Wirkung der Atmosphäre dem Einflusse des Thaues, des Nebels und des Regenwassers zu, von welchen sie irriger Weise glaubten, daß sie mit Kohlensäure angefüllt wären? Allein sind nicht oft alle Lagen der Pflanzenerde, oder des bearbeiteten Thones durchgängig feucht, obgleich ihre Fruchtbarkeit verschieden ist? Diese Einwürfe sind dem Scharfsinn, selbst der gemeinsten Landleute nicht entgangen. Unbekannt mit den Bestandtheilen der Luft nehmen sie ein darinn existirendes unbekanntes dem Salpeter analoges Salz an. Wenn wir berechtigt wären, dies Salz für den Spiritus nitro-aereus Mayow 's zu halten, so könnte man sagen, daß ein glücklicher Zufall dem Landmanne das entdeckt habe, was chemische Erfahrung in unsern Tagen bewiesen hat. Die Pflanzenerde in Berührung mit der Atmosphäre, zersetzt ihre untern Lagen, sie absorbirt den Sauerstoff, welcher seine Elasticität oder seinen gasartigen Zustand verliert, und sich als Oxyd mit der Kalkerde, der Thonerde, dem Kohlenstoffe, dem Wasserstoffe, dem Phosphor, dem Salpeterstoffe und vielleicht selbst mit dem Eisen, und dem Manganes verbindet, welche Bergmann, Rückert, Fourcroy und Hassenfratz in ihren Untersuchungen der Pflanzenerde gefunden haben. Eine Menge Thatsachen beweisen uns, daß der Sauerstoff die wichtigste Rolle in der thierischen und Pflanzenökonomie spielt, und daß die Anhäufung desselben, ganz besonders die Entwickelung der organischen Theile beschleunigt. Ich darf nur an die Versuche erinnern, die ich vor 7 Jahren über das Keimen der Pflanzen in der oxydirten Salzsäure anstellte. Die Entwikkelung der Schlüsselblume kann in gewissen Fällen um 9 Zehntel Zeit beschleunigt werden. Da die Wirkung des Sauerstoffs sich auch hierbei sehr lebhaft äußert, sind wir dann nicht genöthigt, mit Ingenhouß der Analogie gemäß anzunehmen, daß die Oxydation der Pflanzenerde, oder ihre Eigenschaft, das Sauerstoffgas zu absorbiren, hauptsächlich während der Bearbeitung des Bodens wirke? Die oxydirbaren Grundstoffe, welche die Ueberreste von Pflanzen und Insekten beständig mit dem Erdreich vermischen, die Kalk- und Thonerde, die nicht weniger oxydirbar sind, bemächtigen sich vielleicht des Sauerstoffs, es sey nun, daß diese Erden selbst oxidirt sind, oder daß sie oxydirtes Wasser bilden. So wie sich die Säuren mit doppelter oder dreifacher Basis leichter, als die mit einfachem Grundstoffe zersetzen lassen, so werden auch die Pflanzenwurzeln leichter die Verbindung des Wasser -, Sauer- und Kohlenstoffes, als das Wasser oder die Kohlensäure zu zersetzen fähig seyn. Das Wasserstoffoxyd ist von dem Wasser im festen Zustande sehr verschieden. Es ist eine Verbindung, worinn sich der Wasserstoff vielleicht noch in größerer Menge, als der Sauerstoff befindet. Der Kohlenstoff kann ebenfalls als reiner Kohlenstoff, als Kohlenstoffoxyd, als Kohlensäure und vielleicht selbst als oxydirte Kohlensäure existiren. Ich glaube sogar, daß die große Verschiedenheit der Pflanzenkohle und des Diamanten nicht sowohl in der Mischung des Kohlenstoffs mit den alkalischen und erdigen Substanzen, als in seinem Zustande der Oxydation bestehe. Die Pflanzenkohle enthält vielleicht bloß Kohlenstoffoxyde und oxydirten Kohlenwasserstoff; indeß der Diamant bloß der reine nicht oxydirte Kohlenstoff zu seyn scheint. Diese Einfachheit macht, daß er so schwer zu behandeln ist, da jede etwas zusammengesetzte Substanz durch ein Spiel der doppelten Verwandschaft wirkt. Die Existenz der Kohlenstoffoxyde ist nicht nur durch die in dieser Abhandlung aufgestellten Versuche, sondern auch die großen Erscheinungen der unterirdischen Meteorologie bewiesen. Die Gänge in den Torfgruben enthalten sehr häufig vieles Salpeterstoffgas und wenig kohlensaures Gas. Das Sauerstoffgas der atmosphärischen Luft wird durch die Kohle absorbirt, und diese neue Mischung erhält sich im festen Zustande. Das Kohlenstoffoxyd mit mehr Sauerstoff verbunden bildet die Kohlensäure, und diese Säure mit Sauerstoffgas gemischt, kann in gewisser Rücksicht für eine oxydirte Kohlensäure angesehen werden. Die Verwandschaft des Kohlenstoffs zu dem Sauerstoff ist so stark, daß diese Mischung sich schon dem Zustande einer chemischen Verbindung nähert. In einem Gas, welches aus 0,75 Sauerstoffgas, und 0,25 kohlensaurem Gas besteht, löschen die Lichter aus; eine Erscheinung die nicht statt finden könnte, wenn die 75 Theile Sauerstoffgas in einem freien Zustande darinn existirten. Ich habe geglaubt, diese Ideen über den Wasser- und Kohlenstoff darstellen zu müssen, da die Oxyde eine so wichtige Rolle in der Metereologie und der Oekonomie organisirter Wesen spielen. Drei thierische Substanzen können aus denselben Quantitäten von Sauerstoff, Salpeterstoff, Kohlenstoff und Wasserstoff zusammengesetzt, und dennoch ihren chemischen Eigenschaften nach sehr verschieden seyn. In der einen verbindet sich der Salpeterstoff mit dem Wasserstoffe, und bildet eine dem Ammonium analoge Mischung, die mit dem Kohlenstoffoxyd verbunden seyn wird. In der andern verbinden sich der Kohlenstoff und der Wasserstoff im öhligten Zustande, und der Kohlenwasserstoff ist oxydirt wie der Salpeterstoff. Die dritte Substanz zeigt eine bloße Mischung der Kohlenstoff-, Salpeterstoff- und Wasserstoffoxyde. Verschiedene Erscheinungen zeigen uns diese sehr hervorstechende Verschiedenheiten, und wir ahnden sie gleichsam, ohne daß die chemische Zerlegung bis jetzt über den Zustand der Verbindungen, in welchen die Elemente sich verbinden, hätte entscheiden können. Mit den Pflanzenerden, die so verschieden an Fruchtbarkeit sind, ist es derselbe Fall. Im ganzen genommen habe ich bemerkt, daß die schwärzesten, fettesten und die, welche den stärksten Geruch haben, die atmosphärische Luft am schnellsten zersetzen. Allein ich habe auch andere gefunden, die zwar dem Anschein nach magerer und weniger kohlenstoffhaltig waren, und dennoch nicht weniger Sauerstoff absorbirten. Wenn eine Erde um desto fruchtbarer ist, je mehr sie Sauerstoff absorbiren kann, so hängt ihre Fruchtbarkeit nicht von der Quantität der oxydirbaren Grundstoffe, nicht von der Quantität Kalkerde, Thonerde, Kohlenstoff, Wasser- und Salpeterstoff, die man darinn bemerkt, sondern von dem Zustande der Verbindung ab, nach welchem diese Basen sich vereinigen, und der sie zur Zersetzung der Atmosphäre mehr oder weniger geschickt macht. Diese Betrachtung zeigt uns, warum der Chemiker nur selten die Wünsche des Landwirths befriedigen kann, und warum die genauste Zerlegung zwei an Fruchtbarkeit äußerst verschiedener Erden, ihnen dieselben Elemente zueignet. In der Naturlehre, so wie überhaupt in jeder Wissenschaft hat man schon viel gewonnen, wenn man nicht allein die Gränzen kennt, über welche hinaus man sich nicht wagen darf, sondern auch, wenn man einsehen lernt, was uns hindert sie zu überschreiten. Anmerkung. Nach den neuesten chemischen Erfahrungen haben wir nämlich alle Ursache zu glauben, daß der Diamant bloß ein sehr reiner Kohlenstoff ist. H. Der Bürger Candole aus Genf, dem wir schätzbare Aufklärungen über die Ernährung der Baumflechten verdanken, hat die Versuche mit der Pflanzenerde in Berührung mit dem reinen Sauerstoffgas wiederholt. Er versichert, daß er von Stunde zu Stunde die Absorbtion desselben durch die Pflanzenerde bemerkt habe. Da er Saamenkörner in Erden säete, die durch Berührung dieses Gases oxydirt waren, und das Keimen derselben mit dem in dem Salpeterstoffgas verglich, so erstaunte er über die auffallende Wirkung des Sauerstoffs. Von dieser Wirkung wird er in einem Werke über die Pflanzenphysiologie, woran er mit vielem Eifer arbeitet, Beweise aufstellen. Die bis jetzt angeführten Thatsachen dienen zur Erklärung anderer Erscheinungen in der vegetabilischen und thierischen Physiologie. Die Luft in den Zwischenräumen der Pflanzenerde ist ein ungemein starkes Salpeterstoffgas. Die Würmer und Insekten, welche in dem Innern dieser Erdlagen leben, athmen demnach ein mit 0,05 bis 0,07 Sauerstoff geschwängertes Salpeterstoffgas ein. Da sie an diese unreine Atmosphäre gewöhnt sind, so bringt die Berührung des Sauerstoffgases, oder jeder andern Luft, die dasselbe enthält, die Wirkung der stärksten Reinigungsmittel an ihnen hervor. Die Regenwürmer, die Larven des Tenebrio molitor und mehrere Arten der Meloe sterben eher unter einer Glocke mit Sauerstoffgas, als in einem Wasserstoffgase, das so unrein ist, daß der Phosphor darinn leuchtet. Mit den Pflanzen, deren Blätter und Stengel in die atmosphärische Luft sich erheben, ist es derselbe Fall, indeß ihre Wurzeln von einer salpeterstoffhaltigen Luft umgeben sind. Die Landleute haben schon längst bemerkt, daß für die Pflanzen nichts nachtheiliger ist, als die Wurzeln von Erde entblößt der freien Luft auszusetzen. Diese Gefahr rührt nicht von der Trockenheit der Luft her; denn das Wasser, womit man die Wurzeln befeuchtet, schützt sie nicht vor der Gefahr, die ihnen droht. Sollte man nicht vielmehr diese der Wirkung des Sauerstoffs auf die Theile, die seit ihrer ersten Entwickelung an einen so starken Reitz nicht gewöhnt, und mit Salpeterstoff umgeben sind, zuschreiben? Es ist eine wahre Verbrennung, die von den Lichtstrahlen begünstigt wird. Dieselben Betrachtungen verbreiten auch Licht über einige Erscheinungen, welche die Erden und die Beete darbieten. Je niedriger und enger sie sind, je mehr wird die Luft durch Berührung der Erde mit Salpeterstoff geschwängert. Ich habe den Sauerstoffgehalt der Luft bis 0,21 in Gewächshäusern von 3 Metern hoch gefunden, in welchen die Musaarten, die Hatrionias und die Gewürzarten (Scitamineae) häufig viel Sauerstoffgas entwickelten. Hingegen in den Gewächshäusern zu Schönbrunn bei Wien, welches die größten und schönsten in Europa sind, war die Luft so rein, als auf freyem Felde! Die Luftmasse ist in denselben zu beträchtlich, als daß die Pflanzenerde sie zersetzen könnte. Man darf sich nicht wundern, wenn die Pflanzen darinn das schönste Grün zeigen, indeß in der mit Salpeterstoff geschwängerten Luft der kleinen Gewächshäuser alles ein verkümmertes und kränkliches Ansehn hat. Die Beete hingegen sind jungen Pflanzen sehr günstig, die, wie Ingenhouß und Sennebier scharfsinnig bewiesen haben, zu ihrer Entwickelung einer nicht so reinen Luft, als erwachsene Pflanzen, bedürsen; indessen ersticken sie in bloßen Salpeterstoffgas, wenn man ihnen nicht von Zeit zu Zeit atmosphärische Luft giebt und die Fenster öffnet, welche die Beete bedecken. Im nördlichen Europa hat man bemerkt, daß die Lungensüchtigen Erleichterung fühlen, wenn sie sich über ein offnes Beet beugen, oder wenn sie große Haufen Pflanzenerde an ihre Betten bringen. Alle leicht oxydirbaren oder eudiometrischen Substanzen, wie das Schwefelkali, die Mischung von Eisen und Schwefel, und das Salpeterhalbsauregas, haben die Eigenschaft, das Wasser zu zersetzen; die Gewächserde und die Erden gehören zu derselben Classe. Man kann an ihrer Wirkung auf das Regenwasser und den Thau, wovon sie beständig angefeuchtet wird, nicht zweifeln. Ich schließe aus mehrern Gründen, daß in der Gewächserde mehr zersetztes Wasser sey, als in den Pflanzenorganen selbst. Die große Masse von Wasserstoffgas, die in der Gewächserde enthalten ist, muß dieser Zersetzung zugeschrieben werden, und der Wärmestoff, der sich zu gleicher Zeit entbindet, erhöht die Temperatur des Bodens und begünstigt das Spiel der Verwandschaften, wodurch die Ernährung der Gewächse bewirkt wird. Der Bürger Chaptal hat dargethan, daß der Kohlenstoff, der im gesammten Gewächsreiche circulirt, in dem öhligen extractiven oder harzigen Prinzip aufgelöst wird, und daß alles, was diese Auflösung vorbereitet, die Entwickelung der Gewächse beschleunigt. Wenn wir die Zersetzung des Wassers durch die Erde erwägen, so sehen wir ein, daß dies öhligte oder harzige Prinzip schon außer den Pflanzenorganen sich zu bilden anfängt. Während der chemischen Wirkung, welche die Elemente der Erde beständig gegen einander äußern, verbindet sich der Wasserstoff, der nur mit einer kleinen Quantität Sauerstoff vereinigt bleibt, mit dem Kohlenstoffe, und dieser oxydirte Kohlenwasserstoff scheint den absorbirenden Wurzeln der Gewächse die reichlichste Nahrung zu gewähren. Vielleicht beruht die ganze Theorie des Düngers auf diesem Princip, und vielleicht wirken die Düngerarten hauptsächlich durch die Natur ihrer oxydirbaren Basen, d. h. durch ihre Eigenschaft, das Wasser und die atmosphärische Luft zu zersetzen. Obgleich die oben angeführten Versuche über die Absorbtion des Sauerstoffs durch die Erde keinen Zweifel übrig lassen, so wäre es doch wünschenswerth, diese Absorbtion durch eine genaue Zerlegung des Sauerstoffgases vermittelst der Erde, welche demselben lange exponirt würde, darzuthun. Es wäre zu erwarten, daß dieselbe Erde, die vor der Berührung mit dem Sauerstoffe nur 20 Cubik-Meter Kohlensäure geben würde , nach der Oxydation der oxydirbaren Basen 30 bis 40 geben müßte. Allein wenn man über die Natur dieses Problems reiflich nachdenkt, so sieht man, daß es durchaus unmöglich ist, es durch Versuche aufzulösen; denn 1) die Gewächserde ist so ungleich gemischt, daß drei Zerlegungen von drei Hectogrammen, von einer und derselben Stelle genommen, ganz verschiedene Resultate geben würden. Nun ist es aber physisch unmöglich, dieselbe Portion Erde vor und nach der Absorbtion des Sauerstoffs zweimal zu untersuchen. Die Vergleichung kann demnach nur zwischen zwei Quantitäten Erde von gleichem Gewichte angestellt werden. Man würde nie wissen, ob die Kohlensäure, welche die oxydirte Erde entbindet, dieser Oxydation, oder einer Verschiedenheit der Bestandtheile zuzuschreiben sey. 2) Da es nicht darauf ankömmt, die in der Erde enthaltene Quantität Kohlenstoff, sondern den Grad seiner Oxydation kennen zu lernen, so müßte der Versuch so angestellt werden, daß die Gewächserde mit dem Sauerstoff der Atmosphäre nicht in Berührung käme. Allein, gesetzt auch diese Schwierigkeit wäre gehoben, so würde ein Minimum von mehr oder weniger Feuchtigkeit die Resultate doch verändern. Das Wasser zersetzt sich in Berührung mit den oxydirbaren Grundstoffen, und das, was man den Kohlenstoffoxyden zuschriebe, würde von dem Sauerstoff des zersetzten Wassers herzuleiten seyn. 3) Die Gewächserde enthält keine Kohlenstoffoxyde, wohl aber Wasserstoff-, Salpeterstoff-, Phosphor-, Eisenoxyde, Oxyde mit zwei- und dreifachen Basen. Man würde daher sehr fehlen, wenn man den Absorbtionsgrad des Sauerstoffes durch die Erde bloß nach der Quantität Kohlensäure messen wollte. In einer hohen Temperatur werden die Oxyde mit doppelten Basen, von Kohlenstoff und Wasserstoff, oder Salpeterstoff und Phosphor, durch ein äußerst zusammengesetztes Spiel der Verwandschaften sehr verändert. Es bildet sich Wasser, Salpetersäure, Ammonium und Oehl; es wird aber eben so unmöglich seyn, die durch die Erde hierbei absorbirte Quantität Sauerstoff zu bestimmen, als es unmöglich ist, aus den Venenblute den Sauerstoff zu entbinden, den es während der Einwirkung des gasartigen Sauerstoffs aufgenommen hatte. Die Chemie zeigt uns mehrere Fälle, wo die Zerlegung das nicht finden kann, was auf dem synthetischen Wege zusammengesetzt wurde. Der grüne färbende Stoff der Pflanzen in Alcohol aufgelöst, wird durch Absorbtion des Sauerstoffs gelb. Ich sah die grüne Farbe wieder zum Vorschein kommen, wenn ich dieser Auflösung Ammonium zusetzte. Wahrscheinlich wird diese Veränderung durch eine Zersetzung des Ammoniums bewirkt, welches während es Wasser bildet, dem färbenden Stoffe den Sauerstoff entzieht, und Salpeterstoffgas entbindet. Der Theorie nach müßten wir in diesem Wasser den absorbirten Sauerstoff wiederfinden; aber welcher Chemiker wird einer solchen schwierigen Untersuchung sich gewachsen dünken? Die große Menge der in der Erde enthaltenen oxydirbaren Substanzen, ergiebt sich aus der Quantität atmosphärischer Luft, die sie zu zersetzen fähig ist. Ich habe versucht dieselbe Menge zu verschiedenmalen mit der Luft in Berührung zu bringen; ihre Wirkung wurde oft erst nach dem vierten und fünftenmale geschwächt. Ein Hectogramm zersetzte nach und nach 17 Cubik-Centimeter atmosphärischer Luft. Nur das letztemal schien die Verwandschaft zum Sauerstoffe vermindert zu seyn, denn der Rückstand vom Salpeterstoffgas enthielt noch 0,12 desselben. Wahrscheinlich oxydiren sich die Atome des Kohlenstoffs nur auf der Oberfläche, und eine mechanische Trennung, oder eine Erhöhung der Temperatur giebt der Erde die Eigenschaft wieder Sauerstoff zu absorbiren. Das Ackern, und hauptsächlich die Sonnenstrahlen, müssen diese heilsame Wirkung in der Natur hervorbringen; das erstere, indem es neue Oberflächen darbietet, letztere, indem sie den Boden erwärmen, und die Kohlenstoffoxyde aus dem festen Zustande in den gasartigen übergehen lassen. Schlüßlich kann ich nicht umhin, auch einen Blick auf die Bildung eines Salzes zu werfen, welches die Natur gleichsam vor unsern Augen hervorbringt, und worüber die neuere Chemie bereits viele Aufklärung gegeben hat . Da wir nemlich die Bestandtheile der Salpetersäure, so wie ihre Identität mit den Grundstoffen unserer Atmosphäre kennen gelernt haben, so wundern wir uns nicht mehr über die Bildung dieser Säure in den untern Schichten der Luft; wir halten es für möglich, daß sich unter dem Einflusse der Elektricität ein Theil der Atmosphäre in Salpetersäure verwandle; allein erklären uns wohl diese Ideen, warum der Salpeter häufiger auf den thon- und kalkartigen als auf den kieseligen Erden hervorgebracht wird? Warum bloß die untern Schichten der Luft, die in unmittelbarer Berührung mit der Erde sind, Salpetersäure abzusetzen vermögen? Meines Wissens hat noch kein Naturforscher diese interessanten Erscheinungen zu erklären versucht. Die Länder, welche den meisten Salpeter liefern, die Ebenen von Thibet, von Ungarn, Teutschland, und Pohlen, haben alle einerlei Boden, entweder fette Thonarten, oder eine schwarze aus Pflanzen- oder Thierstoffen bestehende Erde. In Teutschland errichtet man auf dem Felde Mauern von Thon in paralleler Richtung, auf welchen der Salpeter sich von Zeit zu Zeit sammelt. Es muß ein genaues Verhältniß zwischen der Bildung des Salpeters und der Natur der Substanzen statt finden, auf welchen er sich absetzt. Die Thonerden absorbiren sehr begierig den Sauerstoff der Atmosphäre. Selbst die, welche ihrer weißen Farbe nach die reinsten zu seyn scheinen, zersetzten die atmosphärische Luft sehr schnell. Ich stellte in Gegenwart des Bürgers Vauquelin folgenden Versuch an: atmosphärische Luft, welche 0,274 Sauerstoffgas enthielt, wurde in einer Röhre mit Phosphor in Berührung gebracht, und in einer zweiten, mit weißem Thone von Montmartre, dessen wir uns in den Laboratorien zum Lutiren der Retorten bedienten. Nach zehn Tagen wurden die Rückstände der Luft analysirt. Der Phosphor hatte nur 0,07, und der Thon 0,10 Sauerstoff absorbirt. Andre thonigte Erden, die von einem fruchtbaren Weitzenacker genommen wurden, entzogen in 13 Tagen der atmosphärischen Luft bis 0,06 Sauerstoff. Diese Wirkung der Thonarten auf die Luft, war in erhöhter Temperatur noch auffallender. Eben dieser Wirkung ist auch der Ursprung des Salpeterstoffgases zuzuschreiben, welches man in den schlechten Versuchen sammelt, die in thönernen Röhren angestellt werden, durch welche man indeß die Unrichtigkeit unserer Theorie über die Zersetzung des Wassers darzuthun sich bemüht hat. Sie verursacht die ungesunde Luft in den Wohnungen der armen Landleute im Norden, welche durch thönerne Oefen geheitzt werden. In der atmosphärischen Luft müssen zwei Veränderungen vorgehen, um sie in Salpetersäure zu verwandeln. Die eine bezieht sich auf den Verwandschaftsgrad, welcher die beiden Grundstoffe, des Sauerstoff- und das Salpeterstoffgases vereinigt; und die andere auf das Verhältniß, nach welchem sie sich vereinigen müssen, um eine neue Verbindung zu bewirken. Es ist in der Chemie ein allgemeines Gesetz, daß, wenn eine zusammengesetzte Substanz A eine Veränderung der Grundmischung leiden soll, diese Veränderung um desto leichter von Statten geht, wenn eine zweite Substanz B die Kraft der Verwandschaften, wodurch die Bestandtheile von A vereinigt werden, vermindern hilft. Die Schichten der atmosphärischen Luft, in Berührung mit der Oberfläche der Erde, sind um so geneigter, den Zustand ihrer Aggregation zu verlassen, je stärker diese Erde auf eine Basis dieser gasartigen Mischung wirkt. Die Nähe des Thons modificirt die Anziehung, wodurch der atmosphärische Sauerstoff mit dem Salpeterstoffe vereinigt wird. In den nächsten Lagen existirt freier Salpeterstoff, der andern Verwandschaften folgt, als die ist, wodurch dem Salpeterstoffe in der atmosphärischen Mischung das Gleichgewicht gehalten wird. Dieser tritt mit einer großen Masse Sauerstoff zusammen, und wird durch die oxydirbaren Basen des Thons, der Kalkerde, unter der Gewächserde angezogen. Jedes Erdtheilchen wird von einer besondern Atmosphäre umgeben, die mehr Sauerstoffgas enthält, als die Luftschichten, worin wir leben. Indeß die letztern nur 0,28 Sauerstoffgas enthalten, befindet sich in der Atmosphäre des Thons 0,50 bis 0,60, und die Erdtheilchen zunächst an der Erde müssen reines Sauerstoffgas entwickeln. Das Sauerstoffgas sinkt herab, um sich mit den erdigen Basen zu verbinden; in diesem Uebergange geht wenig freier Salpeterstoff, der mit vielem freien Sauerstoff zusammentrifft, in den Zustand der Salpetersäure über. Die atmosphärische Elektricität scheint diese Vereinigung zu bewirken; Gewitter sind zur Erzeugung des Salpeters am günstigsten, besonders die, wo die positive Elektricität 8 bis 10mal des Tags in den negativen Zustand übergeht, welcher oft durch Windstöße, Hagel und Regen angekündigt wird. Ich könnte noch hinzusetzen, daß das Kali, welches die Basis des Salpeters bildet, sich nicht dem 8ten Theile nach in dem Thone oder der Gewächserde befindet, worauf das Salz sich präcipitirt; daß vielmehr das Wasser, welches sich auf der Oberfläche der Erde zersetzt, dies Kali durch die Berührung des Wasserstoffs mit dem atmosphärischen Salpeterstoffe erzeugen könne; daß endlich in den großen Ebenen Cujaviens der Salpeter beständig mit Kochsalz gemischt ist, und daß ich die Bildung der Salzsäure in der Atmosphäre beobachtet habe. -- Allein diese Betrachtungen würden uns in eine Sphäre führen, wo Muthmaßungen die Stelle der Thatsachen vertreten. Es sollte bloß bewiesen werden, wie die Nähe der Erde die Bildung des Salpeters begünstigen könne. Wenn wir auch die großen Naturoperationen nicht zu erklären vermögen, so ist doch die Kenntniß der vornehmsten Agentien, die ihre anziehenden Kräfte in dem unermeßlichen Laboratorium der Natur äußern, immer ein Gewinn. Ich schmeichle mir, daß obige Versuche über diese Agentien einige Aufklärung gewähren, und daß sie vielleicht interessante Entdeckungen in Ansehung des Ackerbaues zu veranlassen vermögend seyn möchten.